Samstag, 02.02.2013

The WDR Jazz Prize Concert at the WDR3 Jazzfest

Man könnte bei Preisverleihungen schnell zum Zyniker werden: Die Aneinanderreihung von Blumenstraußübergaben, Dankesreden und gestellten Fotos kann ziemlich nervtötend sein. Das ist nichts Neues, schon King Lear erinnerte sich im hohen Alter daran, wie sehr er derartige Zeremonien zeitlebens verschmähte:

"So wolln wir leben,
Beten und singen, Märchen uns erzählen
Und über goldne Schmetterlinge lachen.
Wir hören armes Volk vom Hof erzählen
Und schwatzen mit, wer da gewinnt, verliert,
Wer in, wer aus der Gunst."

Ich hingegen mag sie. Es gab gestern zwei Momente, die mir die Bedeutung von solchen Veranstaltungen noch mal vor Augen geführt haben. Der erste war die Verleihung des Nachwuchspreises an das JugendJazzOrchester Nordrhein-Westfalen (JJO NRW). Bei der Gründung im Jahre 1975 waren sie das erste regionale Jugend-Jazz-Orchester in Deutschland. Damals stand ihnen der ehemalige Ministerpräsident von NRW und spätere Bundespräsident Johannes Rau mit tatkräftiger Unterstützung zur Seite. Liest man heute seine Reden von damals, spürt man immer noch seinen leidenschaftlichen Einsatz für Musikerziehung.

Seit der Gründung des Orchesters haben rund 500 junge Musiker das Orchester durchlaufen. Das Orchester ist stolz darauf, dass rund ein Drittel dieser ehemaligen Mitglieder heute professionell musikalisch tätig ist. Zu den Alumnis gehört auch Star-Trompeter Till Brönner und der Pianist der WDR Big Band Frank Chastenier, der damals schon im Alter von 14 Jahren mit der Band auf Tour war. Der Geschäftsführer des Orchesters Thomas Haberkamp kommt ebenfalls aus den Reihen der Band.

Bei den bisherigen 33 Auslandsreisen arbeitet das JJO NRW eng mit den deutschen Botschaften und dem Goethe-Institut zusammen, um den kulturellen Anspruch des Bundeslandes auch im Ausland zu präsentieren. Eine Gruppe hatte im April 2007 sogar das große Glück WWW: auf Reise nach Indonesien, Malaysia, Kambodscha und Vietnam zu gehen.

Gestern Abend spielte das Orchester zunächst unter der Leitung von Stefan Pfeifer-Galilea ein romantisches und melodiöses Stück à la Kenny Wheeler namens Way Out. Dann übernahm Michael Villmow mit einem Stück, bei dem die Solisten, die Sängerin Sabeth Perez und der Flügelhornisten Christian Mehler, nicht nur durch ihre Bühnenpräsenz sondern auch durch ihr Zusammenspiel miteinander auffielen.

Sabeth_Perez_und_Christian_Mehler.jpg Sabeth Perez und Christian Mehler

Der zweite besondere Moment des Abends war die Dankesrede von Ansgar Striepens, Preisträger für Komposition. Er begann seine Rede etwas aufgeregt und gestand direkt, dass er die letzten Tage so mit den Proben der WDR Big Band beschäftigt war, dass er darüber vergessen hat, eine Rede vorzubereiten.

Anschließend fand er aber doch noch berührende Worte für zwei seiner, mittlerweile leider schon verstorbenen Lehrer, Bob Brookmeyer und den niederländischen Trompeter und Komponisten Jerry van Rooyen. (Die Liste der Danksagungen war noch viel länger und wurde wesentlich schneller vorgetragen).

Es war dann auch ein tolles Konzert der WDR Big Band, die unter der Leitung von Ansgar Striepens seine Kompositionen spielte. Vorher gab es noch ein Konzert vom Meister an der Mundharmonika: Matthias Bröde. Er bekam den WDR Jazzpreis in der Kategorie „Improvisation" und bedankte sich in seiner Dankesrede besonders bei seinen Bandmitgliedern. Erwähnenswert war auch die fast schon poetische Dankesrede des Moderators Karsten Mützelfeld für seinen WDR Ehrenpreis in der Kategorie „herausragende Radiobeiträge im Jazzbereich" und natürlich die Funken sprühenden Moderationen von Götz Alsmann, der durch den Abend führte. Für Sie gibt es heute Abend ab 20.05 Uhr die Gelegenheit, das alles auf WDR 3 in der WDR 3 Jazznacht nachzuhören.

Was ich von diesem Abend mitnehme: Einen Eindruck von Zusammenhalt aller Beteiligten, seien es Musiker, Moderatoren, Pädagogen, Politiker oder einfach Jazzfreaks, denen allesamt der Jazz lieb und teuer ist. Warum ich solche Zeremonien mag? Wenn sie gut gemacht sind, leisten sie einen enormen Beitrag zur Bekräftigung dieser Werte und ermutigt uns, diese Werte weiter hochzuhalten.

Der Moment gesunder Selbstreflexion ist vorbei. Der Fokus des Festivals geht jetzt wieder in die Welt des europäischen Jazz. Bring it on.

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Ansgar Striepens mit WDR Big Band Ansgar Striepens mit WDR Big Band
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It's easy to become cynical watching an awards ceremony. The succession of flower bouquets, acceptance speeches, photo-calls - it can all be totally mind-numbing. If you let it. It's not a new feeling: in old age King Lear remembered how he hated such ceremonies:

"So we'll live, / And pray, and sing, and tell old tales, and laugh / At gilded butterflies, and hear poor rogues / Talk of court news, and we'll talk with them too-- / Who loses and who wins, who's in, who's out--"

I actually quite like them. I thought the strengths of such an occasion really came through twice. First with the award of the Nachwuchspreis or younger generation prize to the JugendJazzOrchester NordRheinWestfalen (JJO NRW). When they were founded in 1975, they were the first ever regional youth jazz orchestra in Germany. In their early days they had a champion from politics, Johannes Rau, who was Minister President of NRW for a whole decade, and later president of the Federal Republic from 1999 to 2004. He was a passionate defender of music education. Reading through quotes from his speeches one senses from quite how deep his conviction came.

The JJO NRW has had around 500 young musicians passing through its ranks since inception. Its website proudly asserts that roughly a third of those have gone on to make a career in music. Alumni include star trumpeter Till Brönner, and the pianist of the WDR Big Band Frank Chastenier - who had a special dispensation to go touring with the band at the age of 14. The executive director of the orchestra Thomas Haberkamp himself also emerged from the ranks of the band.

The JJO NRW has had thirty-three foreign tours during its existence, collaborating closely with German Embassies and Goethe Institutes all over the world, and fulfilling the role of cultural ambassador. A group in April 2007 had the luck of a lifetime. They went on a quite amazing WWW: trip to Indonesia, Malaysia, Cambodia and Vietnam.

They were directed last night first by Stefan Pfeifer-Galilea, with an effective, highly melodic, romantic Kenny Wheeler-infused piece called Way Out, and by Michael Villmow, with a piece featuring two engaging and mutually supportive soloists, the singer Sabeth Perez and the flugelhornist Christian Mehler.

There was another moment to treasure in the acceptance speech of the composition prize winner Ansgar Striepens. He approached the microphone slightly flustered, to explain that amid the feverish activity of preparing his new compositions for performance, the need to make an acceptance speech had in fact slipped his mind.

His first remarks, then, were significant. He thanked two of the teachers from early on in his career, both of whom have passed away. First Bob Brookmeyer, then the Dutch trumpeter and composer Jerry van Rooyen. (The full list was actually longer than just these two, but delivered at speed...).

There were fine performances last night from the WDR Big Band conducted by Striepens. Harmonica-master Matthias Broede played with great fluency, and also made a point in his acceptance speech of giving pride of place to his fellow band members. There was a highly poetic acceptance speech from broadcaster Karsten Muetzelfeldt, and suitably energetic compere-ing from Götz Alsmann. All this will be broadcast in the night of jazz from 8.05 pm tonight 2nd February.

But what stays in the mind is the strength of the values which the members of a community united around jazz - musicians, broadcasters, educators, politicians, enthusiasts - holds dear. Why do I like such occasions? Because when they are done well, they help a community to re-affirm its values, allow it to hold a positive mirror up to itself, and publicly to put on show what it cares about.

That moment of healthy introspection is now done, and the focus of the festival will shift from this evening to the wider world of European jazz. Bring it on.

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Das WDR 3 Jazzfest macht sich auf den Weg durch das Sendegebiet: Vom 30. Januar bis zum 2. Februar 2014 präsentiert es internationale Jazzgrößen ebenso wie regionale Musikerinnen und Musiker im Theater in Gütersloh.

Mittendrin: der Londoner Musikjournalist Sebastian Scotney, der schon von der Premiere des WDR 3 Jazzfests in Köln 2013 berichtete. In diesem Blog wird er erneut über seine Konzert-Erlebnisse schreiben.

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