Freitag, 01.02.2013

Ryan Truesdell directs the music of Gil Evans

Es ist eine dieser wunderbaren Geschichten. Ryan Truesdell, Kompositionsstudent aus der verschlafenen Universitätsstadt Madison in Wisconsin mit einem gewissen Bücherwurm-Look, entwickelt eine Leidenschaft für die Musik von Gil Evans. Nachdem er mit Bob Brookmeyer am New England Conservatory in Boston studiert hat, transkribiert er für Maria Schneider, lernt schließlich die Erben von Gil Evans kennen und bekommt damit Zugang zum Allerheiligsten: dem Safe im Appartement der Familie in der West Side von New York, wo die handschriftlichen Partituren von Gil Evans aufbewahrt werden. Truesdell bekommt die Erlaubnis, die Partituren zu übertragen, mit dem klaren Ziel, "die authentischen, ursprünglichen Versionen" zu sichern, so Truesdell. Auf Grundlage der Manuskripte wird ein von Gil Evans Fans finanziertes Album aufgenommen, pünktlich zu Evans´ 100. Geburtstag. Nun ist das Album für drei Grammys nominiert.

Gestern Abend wurde die Geschichte im Klaus-von-Bismarck-Saal im WDR Funkhaus Köln weitergeschrieben. Der WDR hat veranlasst, dass Truesdell elf seiner neu arrangierten Partituren nach Europa bringt. Zur Aufführung kam ihm das Cologne Contemporary Jazz Orchestra zu Hilfe, eine Big Band bestehend aus Musikern aus dem Rheinland. Das Konzert war eine Offenbarung. Es waren Stücke dabei, nach denen sich jeder Bandleader die Finger lecken würde. Nur eines dieser Stücke findet sich auf dem Album Centennial, und zwar Dancing On A Great Big Rainbow, das während Evans Zeit als Arrangeur für die Claude Thornhill Band geschrieben wurde.

Jazz-Melodien warten darauf, von Musikern entdeckt zu werden, von ihnen bewohnt zu werden und ihnen damit neues Leben einzuhauchen. Evans erstaunlicher Sinn für die Dunkelheit von Round Midnight, das zuerst von Thelonius Monk im Jahre 1944 aufgenommen wurde, ist einzigartig: Es scheint, als habe das Stück geradezu darauf gewartet, von ihm arrangiert zu werden. Er hat es 1958 für das Album New Bottle Old Wine aufgenommen. Es bleibt unvergesslich.

Jürgen Friedrich skizziert die täuschend einfache Melodie auf dem Klavier. Marko Lackner, dessen starke Altsaxophon-Leadstimme an die mäandernden Soli von Phil Woods erinnern und der daher oftmals als Bandleader gesehen wird, spielt den Teil, der für Cannonball Adderley geschrieben wurde. Jan Schreiner spielt den agilen und anspruchsvollen Tubapart tadellos. Es ist der Höhepunkt, bis das schwerelose Klavier schließlich mit einem Dreiklang auf gedämpften Trompeten verklingt wie ein flüchtiges Licht, das nur noch auf der Netzhaut verweilt. Wow.

Die Tubastimme und die zwei Waldhörner sind ein wichtiger Teil in vielen der Arrangements. Beim Davenport Blues erzeugen ihre dunklen Klänge eine eindringliche Atmosphäre. Ursprünglich wurde es als Trompeten-Feature für Johnny Coles geschrieben und gestern Abend atemberaubend umgesetzt von Ralf Hesse. Jeder Trompeter mit einem gesunden Ego (gibt es irgendwelche ohne?) und dem Wunsch schmutzigen Blues zu spielen, wird sich um diesen Part reißen.Nach etwa einer Stunde neu arrangierter und authentischer Musik war es für mich eine schiere Freude, den Abend in Gesellschaft des großartigen Gil Evans zu verbringen. Truesdell schien glücklich darüber hier zu sein, und sprang gleich nach dem Konzert ins Studio zu Michael Rüsenberg, zu einem Live-Interview bei WDR 3.

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Ryan_Truesdell.jpg

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It's just a great story. Ryan Truesdell, a bookish-looking composition student (OK I did partly invent the bookish bit) from the quiet university town of Madison, Wisconsin, develops a passion for the music of Gil Evans. He studies with Bob Brookmeyer at New England Conservatory in Boston, then becomes Maria Schneider's copyist, and eventually gets to know the heirs of Gil Evans and finds his way to the holy of holies, the safe in their family apartment in the West Side of New York, where they keep all the original manuscript scores. Truesdell is granted their authority to copy them, with the goal, as he has explained, to get "the most authentic, original versions." He uses fan-funding to finance an album, released on the precise date of the Gil Evens 100th birthday - which gets nominated for three Grammys.

The story continued last night in the Klaus-von-Bismarck-Saal at the WDR Funkhaus Köln. At the instigation of WDR, he brought eleven of these newly-prepared scores to their first European performances, with the excellent Cologne Contemporary Jazz Orchestra, a slightly augmented big band made up of freelance professionals from the Rhineland area. This concert was a revelation. There are scores among them which any band director in the world will want to get his or her hands on. Only one of them is on the "Centennial" album, Dancing On A Great Big Rainbow, written during Evans' time as arranger for the Claude Thornhill Band.

Jazz tunes lie there waiting to be discovered by musicians who can inhabit them and breathe new life into them. With Evans' astonishing sense of how to portray darkness, Round Midnight, first recorded by Thelonious Monk in 1944, was perhaps one of the tunes which Evans was put on this earth to arrange. It was written for the 1958 album New Bottle Old Wine, and stays in the mind. Jürgen Friedrich sketched out the deceptively simple melody on piano, Marko Lackner, often seen in the role of band director as a strong lead alto saxophonist with a solistic fluency recalling Phil Woods - this part was written for Cannonball Adderley. Jan Schreiner handled the agile and superhumanly demanding tuba part faultlessly. This score builds to triumphant climax, and then leaves the listener a final shadow, like the memory of a bright light which stays in the retina, the weightless pianissimo sound of a close three-part chord on harmon-muted trumpets. Wow.

That tuba voice, and the pair of french horns are a key part of the texture of many of these arrangements. Another highlight, where their darker sonorities produced a haunting atmosphere was Davenport Blues, originally written as a trumpet feature for Johnny Coles, and stunningly played last night by Ralf Hesse. Every trumpeter with a healthy ego (are there any without?) and a desire to play dirty blues, will want to get their hands on that part.
The strongest sense after just over an hour of this freshly re-created, authentic music was that it had been complete pleasure to spend that time in the company of the sheer genius of Gil Evans. Truesdell just seemed genuinely pleased to be there, and was happy to head off to be interviewed for the radio show by Michael Rüsenberg.

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Das WDR 3 Jazzfest macht sich auf den Weg durch das Sendegebiet: Vom 30. Januar bis zum 2. Februar 2014 präsentiert es internationale Jazzgrößen ebenso wie regionale Musikerinnen und Musiker im Theater in Gütersloh.

Mittendrin: der Londoner Musikjournalist Sebastian Scotney, der schon von der Premiere des WDR 3 Jazzfests in Köln 2013 berichtete. In diesem Blog wird er erneut über seine Konzert-Erlebnisse schreiben.

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