Montag, 04.02.2013

Round-up Review: Last Night of WDR 3 Jazzfest

Höhepunkt am letzten Abend des WDR 3 Jazzfests war der Auftritt der NDR Big Band, die Stücke des 40-jährigen italienischen Pianisten Stefano Bollani gespielt hat. Der Norweger Geir Lysne hat Bollanis Kompositionen für die Big Band arrangiert, Bollani spielte selbst als Solist am Klavier. Lysne hat schon oft mit der NDR Big Band zusammengearbeitet, zum Beispiel hat er mit ihr das Bobby-McFerrin-Projekt initiiert. Der internationale Charakter des Ensembles setzte sich in der Rhythmussektion fort: An den Drums der kreative Kopf Jeff Ballard aus Kalifornien. Hinter ihm der argentinische Perkussionist Marcio Doctor.

Vielleicht täusche ich mich - die Tonmeister werden es wissen -, aber ich bin mir sicher, dass der Sound der NDR Big Band druckvoller und definierter war, als bei den anderen Ensembles dieses Festivals. In voller Fahrt schafft es die Band trotzdem, ein Gleichgewicht zwischen aggressivem und kontrolliertem Spiel zu finden, was für meine Begriffe einmalig ist.

Gegen diese enorme Big Band kommt man selbst einem großen Steinway und einer noch größeren Persönlichkeit nicht an. Bollani antwortete auf das fortissimo der Band mit einem pianissimo und einem wissenden Lächeln und setzte seine Soloausflüge geschickt an die passenden, ruhigeren Stellen. Sein Spiel folgte dem Prinzip "weniger ist mehr" und das funktionierte prächtig.

Bollani spielte fünf Arrangements seiner Kompositionen mit der Band. Die Wahl des Trompeters Ingolf Burkhard als Solist im ersten Stück, Storta Va, war ein Volltreffer. Bei dem ausgiebigen perkussiven Teil von Il Barbone di Bamako lieferten sich Ballard und Doctor einen sogenannten Battle, wobei wir aber weniger Zeuge eines Kampfes als eines akustischen Feuerwerks wurden.

Bevor es aber zu dem Auftritt der Big Band kam, begann die weitaus individualistischere erste Hälfte des Abends mit dem von Pianist Florian Weber geleiteten Ensemble. Mit der Unterstützung des WDR konnte Weber zwei wichtige Akteure der gegenwärtigen Jazzszene einladen: den aus Benin stammende Gitarristen Lionel Loueke und den französischen Klarinettisten und Bandleader Louis Sclavis.

Weber eröffnete das Set im Trio mit zwei Topmusikern aus den USA, Bassist Thomas Morgan und Drummer Dan Weiss, die eine Coverversion des Songs Clocks von Coldplay in trügerischer Einfachheit darboten. Es war weniger ein Zeichen dafür, was noch kommen sollte, als vielmehr die Ruhe vor dem Sturm.

Die schnelleren und komplexen Kompositionen Webers spielte die Band mit Energie; ein kurzweiliges Vergnügen. Das Zusammenspiel von Thomas Morgan am Bass und Dan Weiss am Schlagzeug war voll von gegenseitigen Provokationen. Ein wahrlich internationales Quintett als ideales Projekt eines Festivals, mit Musik, die beim ersten Hören nicht vollständig begreifbar ist. Ja, es waren kostbare Momente und bei dem Tempo, mit dem alle fünf Bandmitglieder aufeinander reagierten und dem Glanz, mit dem neue Ideen umgesetzt wurden, war es kaum noch möglich, ruhig sitzen zu bleiben. Wie gerne würde ich eine Platte dieser Fünf hören!

Ein Festival ist auch dafür da, jungen Künstlern aus der regionalen Szene eine Bühne zu bieten. Die Erfahrung im Radio gehört zu werden, gibt ihnen auch die Chance, sich weiterzuentwickeln. Ich ärgere mich immer noch sehr, das Konzert von Sebastian Sternal verpasst zu haben, von dem in der Pause alle so begeistert geredet haben. Zehn Leute haben mir schon gesagt, wie gut sein Auftritt war und ich muss zugeben: Es war ein Fehler ihn nicht gehört zu haben. Ich werde den Namen Sebastian Sternal in Zukunft auf meiner Liste haben.

Der letzte Abend des Festivals wurde von ehemaligen Studenten der Musikhochschule Köln eröffnet, dem Offshore Quintett. Der Saxofonist Christoph Möckel hat seinen wunderbaren Sound unüblicherweise ruhigeren Saxofonspielern entlehnt - womöglich Mark Turner. Ich denke, es könnte richtig interessant werden, wenn er Mut für längere Phrasen und Melodien aufbrächte. Der hochgewachsene Vibraphonist Dierk Peters und der rektionsschnelle Pianist Constantin Krahmer haben die schwierige Aufgabe bewältigt, sich musikalisch nicht in die Quere zu kommen.

Am Ende habe ich mir noch kurz den Beginn vom letzten Konzert des Festivals angesehen, ein Solo-Auftritt von Schlagzeuger-Legende Günter "Baby" Sommer. Er feiert dieses Jahr seinen 70. Geburtstag, weshalb man ihn mittlerweile als Meilenstein des Jazz vermarktet: Eine große fünfteilige Kollektion "Günter 'Baby' Sommer XXL" ist bereits in der Mache. Er ist nicht nur einer der Großen der europäischen Avantgarde, sondern er ist durch seine Arbeiten mit Günter Grass und Christa Wolf zu einer kulturellen Ikone geworden. Doch er blieb bescheiden, wie es im Jazz so üblich ist, und widmete das Konzert seinen Idolen. Seine Präsenz auf der Bühne ist wirklich beeindruckend; und auch mit welchem erstaunlichen Sinn für Dramaturgie er seine Geschichte singt und erzählt.

Die letzte Nacht des WDR 3 Jazzfests war ein Erlebnis voller Gegensätze. Ich werde mich noch lange daran erinnern, wie die Sterne des Jazzhimmels aus Frankreich, Italien, Benin und Kalifornien auf Köln herab fielen, und ein einzigartiges Festival zum Leuchten brachten. Zwar gibt es andere Gigs und andere Zeiten, doch es blieb einem nicht verborgen, wie glücklich und erfüllt die Künstler nach ihrem Auftritt wirkten. Immer wieder haben sie den Veranstaltern gedankt.

Keith Jarrett hat einmal gesagt: "Jazz ist da und schon wieder weg. Er passiert einfach und dann musst du da sein. So einfach ist das."

Ich empfinde es als Glück, da gewesen zu sein. Und da bin ich sicher nicht der Einzige.

Um das Ganze hier abzurunden, werde ich noch einen letzten Beitrag über das Jazzfest für die LondonJazz-Website schreiben: WWW: londonjazz.blogspot.de.

Ich erinnere mich: In einem Blog: früheren Blog-Eintrag habe ich den ersten Satz des Festival-Programms zitiert. Weil es gleichermaßen faszinierend war, die Events live und im Radio zu verfolgen, blättere ich schnell zur letzten Seite im Festivalmagazin, zum letzten Satz, Seite 61:

„Rundfunk und Jazz sind immer noch wie füreinander geschaffen."

„Radio and jazz are, still, as if they were made for one another."

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Stefano-Bollani.jpg Stefano Bollani


Florian-Weber.jpg Florian Weber
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The main event of the closing night of the WDR 3 Jazzfest was the visit of Hamburg's NDR Big Band, playing the music of the 40-year old, Milan-born master-pianist Stefano Bollani, arranged by by the Norwegian Geir Lysne, with Bollani himself as featured soloist. Lysne has worked extensively with the band, for example he was the anchor of their Bobby McFerrin project. To add to the international mix in this ensemble, the endlessly creative Californian-born drummer Jeff Ballard was at the drum-kit. Behind him and above him sat the fiercely interactive Argentinian percussionist Marcio Doctor.

I could be wrong - WDR 3's technical people will know - but I thought that the NDR band played louder, blazed brighter than any of the other ensembles in the festival. This band in full cry has an ability to balance power and aggression with complete control which, to my ears, is unique.

No one man, therefore, not even one with a huge Steinway and an equally huge personality at his disposal, is going to out-blast this big band. So Bollani was, sensibly, seeking out the quieter spots, allowing his solo excursions to find points of repose, responding to the band's fortissimo with a pianissimo -and a knowing smile. He was following the less is more principle. It worked.


Bollani and the band played five substantial arrangements of his tunes. The pick of the band soloists tonight for me was trumpeter Ingolf Burkhard in the first number, 'Storta Va'. 'Il Barbone di Bamako' was memorable for its extended drum-and-percussion feature for with Ballard and Doctor having what is sometimes called a drum battle or duel, but was more like a sonic fireworks display.

Earlier in the evening there had been some other highly individual voices in the ensemble led by pianist Florian Weber which performed the first half of the concert. At the instigation of WDR, the pianist had been given carte blanche to invite two of the essential figures in the jazz of our time, the Benin-born guitarist Lionel Loueke, and the French bass clarinettist and bandleader Louis Sclavis.

Coldplay's 'Clocks', a gentle opener, for the trio of Weber and two top American musicians bassist Thomas Morgan and drummer Dan Weiss proved deceptive in its simplicity. It was not so much a sign of what was to come, as the calm before the storm.

Weber's compositions thereafter were seeking out complexity and speed, requiring the others in the band to bring their huge energy and verve. This was life lived fast. The bass and drums combination of Thomas Morgan and Dan Weiss was full of constant provocation.This was a truly an international quintet, an ideal festival project, playing music which cannot be fully appreciated on one hearing. Yes, there were moments to treasure, but the speed of reaction among all five members of this band, the coruscating brilliance with which new ideas kept coming forwards keeps the listener on the edge of the seat. I'd love to hear a recording.

One of the functions of the festival is to give a platform for younger artists fom the local scene. Giving these musicians the opportunity to perform for radio is the kind of experience which can allow them to develop. I am still kicking myself that I somehow missed the concert by Sebastian Sternal on the first night. There has been a real buzz in the Funkhaus about this gig. Ten people so far have told me how good it was, and I just have to admit I made a mistake, and will make a note of the name.

Tonight's early set featured featured Offshore Quintet formed of ex-students from the Cologne Hochschule. Saxofonist Christoph Möckel is unusual in that he has taken the blue-print for his beautiful sound from the quieter saxophone players - Mark Turner perhaps. I thought that as he takes the courage to explore longer lines and phrases, this will be a voice to listen to with real interest. Tall vibraphonist Dierk Peters and responsive pianist Constantin Krahmer handled the diffcult task of keeping out of each others' way very effectively.

I called in briefly to catch the beginning of the final concert of the festival, a solo recital by drummer Günter Baby Sommer . He will celebrate his 70th birthday later this year, and an industry seems to surround him as he passes this milestone. The massive five-volume survey Günter Baby Sommer XXL is in production. He is a man who has lived his life not just surrounded by the greats of the European avant-garde, his collaborations with Günter Grass and Christa Wolf make him a cultural icon. But he has jazz modesty, a devotion to the greats who have preceded him, and to whom he devoted this concert. On-stage he is a completely engaging figure, and tells and sings his story with a strong sense of dramaturgy.

The last night of the WDR3 Jazzfest brought unique juxtapositions and experiences. I shall remember that this was the night when the stars of jazz from France, Italy, Benin, California descended on Cologne, to bring a fascinating festival to a satisfying climax. There may be other gigs, other times, but I took note of how happy and fulfilled these artists appeared as they finished their performances. The production team was thanked again and again.
Keith Jarrett once said "Jazz is there and gone. It happens. You have to be present for it. That simple."

I was lucky to be present, and I'm sure I'm not alone in thinking that.

I will be writing a final WDR3 Jazzfest round-up piece - in English - in the next few days for the LondonJazz website: WWW: londonjazz.blogspot.de.

In an Blog: earlier piece I took the vey first sentence of the Festival programme. Since it has been so fascinating to watch the interaction of the live and the broadcast events at such close quarters, I shall be fast -forwarding to the very last sentence in the programme, on page 61.

"Rundfunk und Jazz sind immer noch wie füreinander geschaffen."

"Radio and jazz are, still, as if they were made for one another."

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Über das Blog

Das WDR 3 Jazzfest macht sich auf den Weg durch das Sendegebiet: Vom 30. Januar bis zum 2. Februar 2014 präsentiert es internationale Jazzgrößen ebenso wie regionale Musikerinnen und Musiker im Theater in Gütersloh.

Mittendrin: der Londoner Musikjournalist Sebastian Scotney, der schon von der Premiere des WDR 3 Jazzfests in Köln 2013 berichtete. In diesem Blog wird er erneut über seine Konzert-Erlebnisse schreiben.

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