Sonntag, 03.02.2013

Review: Orchestre National de Jazz/ Adam Baldych and the Baltic Gang

Der Samstagabend beim WDR 3 Jazzfest bestach durch ein kontrastreiches Doppelkonzert.

In der ersten Hälfte spielte das Orchestre National de Jazz eines seiner seltenen Auftritte außerhalb Frankreichs und sorgte für helle Begeisterung sowohl bei Kennern als auch bei Musikern, wie ich in den Gesprächen in der Pause mitbekam. In der zweiten Hälfte bekam der Geiger Adam Baldych mit seiner Baltic Gang vom gesamten Publikum eine einstimmige und ansteckende Standing Ovation.

Die Begeisterung für das Orchestre National de Jazz ist verständlich, vor allem weil es sich grundlegend von den vier anderen großen Ensembles unterscheidet, die auf diesem Festival präsentiert wurden. Sie folgen dem Bauplan einer klassischen Big Band; das Orchestre National hingegen sieht, fühlt und vor allem klingt anders. Unter der musikalischen Leitung von Daniel Yvinec funktioniert das Orchester auf eine andere und innovative Weise. Wollte man sich darüber lustig machen, könnte man behaupten, dass man viel Fantasie dafür benötige, die Wörter "Französisch" und "Team" in einem sinnvollen Satz unterzubringen.

Doch genau das gelingt der Band. Die Kompositionen auf Shut Up and Dance von John Hollenbeck, die das Orchester mit nach Köln brachte, wurden 2010 eigens von Yvinec für das ONJ beauftragt und den Musikern quasi auf den Leib geschrieben um jeden einzelnen zur Geltung zu bringen. Sie bestehen aus einer Reihe Mini-Concertos; jedes Stück folgt seiner strengen eigenen Logik. Die Klangstruktur baut sich organisch auf, während man deutlich das Erbe der amerikanischen Minimalisten hört.

Eve Risser Eve Risser

Ein spezielles Highlight war Shaking Piece, dass die Pianistin Eve Risser als kraftvoll führende Pianistin offenbarte, und deren Solo an Ravels Klavierkonzert für die linke Hand erinnerte, das gegen die spektralen Stimmen im Hintergrund gespielt wurde. Das Geheimnis dieser Musik offenbart sich nicht gleich beim ersten Eindruck; eher verlangt sie danach, ein weiteres Mal gehört zu werden. Die Anwesenheit des Komponisten John Hollenbeck im Publikum verlieh dem Abend eine besondere Note, wie auch Götz Bühler in einer meisterhaft improvisierten Moderation, die der Live-Übertragung geschuldet war, betonte.

Mein erster Eindruck vom Set von Adam Baldych & The Baltic Gang war die beeindruckende Präsenz des Bassisten Lars Danielsson. Sein solides und beständiges Spiel gab den anderen Musikern den doppelten Boden, um ihr Spiel vollkommen frei zu entwickeln. In Baldychs Spiel schienen immer wieder Volksmelodien auf. Seine atemberaubende Performance, während seine Band geradezu einen Sturm heraufbeschwört, hat das Publikum dann endgültig aus den Sitzen gerissen.

Ein Großteil des Programms bestand aus vier Hommages an den späten Esbjörn Svensson. Die letzte von ihnen, Dodge The Dodo, arrangiert von Klarinettist, Saxophonist und Flötist Magnus Lindgren war der gewaltige Höhepunkt eines Konzertes, das mit jubelnden Applaus quittiert wurde.

Es war insgesamt ein rundum gelungenes Doppelkonzert mit wohl definierten Kontrasten, die die unterschiedlichsten Aspekte des europäischen Jazz offenbarte.

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Adam Baldych.jpg Adam Baldych
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A nicely contrasted Saturday night WDR 3 Jazzfest double bill in the Klaus-von-Bismarck Saal had something to make absolutely everyone in the hall happy.

The first half, a rare appearance outside France by the Orchestre National de Jazz, sparked complete enthusiasm among the many experts and musicians in the foyer during the interval. The second half, by Adam Baldych and his Baltic Gang brought the entire audience to its feet for a unanimous and rousing standing ovation.

Such enthusiasm for the Orchestre National de Jazz is understandable, mainly because this group is so intrinsically different from the four other large ensembles present at the Festival, which all follow the blueprint of the standard Big Band. The Orchestre National looks, feels - and most importantly sounds - very different. Under the direction of non-playing artistic director Daniel Yvinec it has found innovative ways for a large ensemble to function successfully. If one wanted to make a joke of it, one might suggest that it takes an extraordinary leap of the imagination to combine the two distinct words "French" and "Team" into a phrase with any meaning at all.

But, there again, this ensemble has taken exactly such a leap. The work which they brought to Cologne, "Shut Up and Dance" by John Hollenbeck, was originally commissioned for the ONJ by Yvinec in 2010, and written specifically to bring each of the orchestra's members to the fore. It consists of a series of mini-concertos. Each piece has a stong internal logic. Textures build organically, there is more than an echo of the American contemporary classical minimalists.

A particular highlight was Shaking Piece, a feature for Eve Risser, showing her to be a pianist of power and authority, with sonorous echoes of the Ravel Concerto for the left hand in the solo part, played against a subtly shifting background of other spectral voices. This is not music which reveals its secrets straight away, but asks, even demands to be heard more than once. John Hollenbeck's presence in the audience added to the sense of a special occasion, which Götz Bühler's deft and witty moderation for live radio had established so well at the start.

The first thing which caught my attention in the set from Adam Baldych and his Baltic Gang was the sheer dominance of master bassist Lars Danielsson. The solidity and the consistency of his bass-playing gave permission to the other players to roam completely free. Baldych digs into folk melodies. He is a mesmerizing perfomer, the band cooks up a storm, and this entire audience was spellbound by the show.

The main bulk of the programme consisted of four tributes to the late Esbjörn Svensson written by different band members. The last of these, Dodge The Dodo, in an arrangement by clarinettist/saxophonist/flautist Magnus Lindgren, built to a powerful climax which was applauded to the echo.

This was a completely satisfying concert providing well-defined contrasts, and revealed two very different aspects of European jazz.

Kommentare

Für mich als Moderator der WDR 3-Ö1 Jazznacht gab es mehrere Höhepunkte, aber zwei absolute Glanzpunkte: sie sind stilistisch extrem, ja Jahrzehnte voneinander entfernt. Es eint sie, dass Europäer Konzepte von Amerikanern realisieren.
Das Cologne Contemporary Orchestra mit Arrangements von Gil Evans, restauriert mit Hilfe von Ryan Truesdell. Es war die das Betrachten Bilder alter Meister; wir kennen sie, wir lieben sie, hier wurden uns verwandte Werke aus dem Fundus präsentiert, die uns bislang vorenthalten waren.
Dann das Orchestre National de Jazz aus Frankreich, das Kompostionen des Europa-affinen New Yorker Schlagzeugers John Hollenbeck umsetzt.
Hier wurden uns völlig neue Bilder präsentiert, für die Vorläufer/Vorbilder schwer zu finden sind. Eine solche Integration von minimal patterns z.B. habe ich im Jazz selten erlebt. ALLE europäischen Ensembles mittlerer Grösse müssen sich warm anziehen, wenn sie gegen diese interpretatorische und konzeptionelle Extraklasse bestehen wollen.

Michael Rüsenberg am 3.02.13 22:08

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Das WDR 3 Jazzfest macht sich auf den Weg durch das Sendegebiet: Vom 30. Januar bis zum 2. Februar 2014 präsentiert es internationale Jazzgrößen ebenso wie regionale Musikerinnen und Musiker im Theater in Gütersloh.

Mittendrin: der Londoner Musikjournalist Sebastian Scotney, der schon von der Premiere des WDR 3 Jazzfests in Köln 2013 berichtete. In diesem Blog wird er erneut über seine Konzert-Erlebnisse schreiben.

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