So langsam ist sie wieder da, meine Stimme. Es kratzt noch beim Sprechen, aber ich finde, ich habe alles richtig gemacht, schließlich spielen wir am Mittwoch im Halbfinale!!! Ich hatte mich mit Paul zum Fußballgucken verabredet. Und ich war froh, dass er überhaupt noch mit mir geredet hat, denn obwohl Paul in Südafrika aufgewachsen ist, ist er Engländer... autsch! Aber was kann ich denn dafür, dass die Engländer anstelle von Wayne Rooney einen toten Fisch mitgenommen haben! Am Ende musste auch Paul einsehen, dass das deutsche Team einfach besser war und er ist bereitwillig zum deutschen Fanlager übergewechselt.
Unser ursprünglicher Plan war es, das Deutschland-Argentinien Spiel in der Deutschen Schule in Johannesburg zu sehen. Man kann die Rudelgucken-Situation hier in Südafrika überhaupt nicht mit Deutschland vergleichen. Vielleicht liegt es daran, dass hier gerade Winter ist, und sich freiwillig niemand in die Kälte zum Fußballschauen stellt, vielleicht ist es aber auch einfach ein Kulturding. So wundervolle Fußballfeste wie vor vier Jahren mit hunderten Menschen, viel Bier, Mädels in engen Fußball-Trikots und schwarz-rot-goldenen Hawaii-Ketten um den Hals, gibt es hier nicht. Man kann natürlich in verschiedenen Bars schauen, aber das ist einfach nicht das Gleiche. Von daher wäre die Deutsche Schule die beste Alternative gewesen. Ja, gewesen! Schon als wir uns der Schule genähert haben, war klar, dass wir nicht die einzigen mit der Idee waren. Auf den Parkplätzen, am Straßenrand, auf den Seitenstreifen überall standen Autos mit deutschen Fahnen, Schals und Aufklebern. Aber zu dem Zeitpunkt hab ich mich noch auf ein deutsches Fußball-Fest mit Fahnen, Bier und Fangesängen gefreut. Der Hausmeister der Schule hat diesen Traum dann aber platzen lassen: "Keine Chance, alles voll, hier kommt keiner mehr rein!" Verdammt! Und da waren es keine 15 Minuten mehr bis zum Anpfiff.
Also sind Paul und ich zurück zum Auto gesprintet und ab in die nächste Bar. Zum Glück ist Paul eben nur laut Paß Engländer, ansonsten aber Südafrikaner und kennt sich perfekt in Johannesburg aus. Pünktlich zur argentinischen Nationalhymne saßen wir auf zwei Stühlen in einer Bar. Außer uns waren vielleicht noch 20 andere Fußballfans da. Naja, immerhin. Beim ersten Tor für Deutschland sind Paul und ich uns in die Arme gefallen. Von da an war mir klar, Paul meint es ernst mit dem Deutschland-Fan-sein. Und noch etwas ist mir aufgefallen: Ich war zwar der einzige Deutsche in der Bar zwischen lauter Südafrikanern, aber alle waren sie für Deutschland. Was für ein tolles Gefühl. Bekanntermaßen hatten Paul und ich noch mehrfach Grund uns in die Arme zu fallen, uns anzuspringen und heiserzuschreien. Was wir auch alles ausgiebig und sehr leidenschaftlich gemacht haben. Ich bin mir nicht sicher, ob die anderen Zuschauer tatsächlich für Deutschland gejubelt haben oder ob sie es nur so unterhaltsam fanden, uns jubeln zu sehen. Jedenfalls war es am Ende eine einzige Jubelfeier in der Bar. Und da ist dann auch erstmal meine Stimme geblieben. Wichtig ist aber auch nur, dass sie Mittwoch wieder da ist. Aus gegebenem Anlass möchte ich heute alle Deutschland-Fans in Südafrika grüßen. Wir sehen, ähm hören uns Mittwoch. Viva Deutschland Viva!
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