Nach über einem halben Jahr in Afrika hatte ich das erste Mal so richtig Heimweh. Und zwar gestern beim Spiel Deutschland-England. Mir sind fast die Tränen gekommen als ich die überwältigenden Bilder der Public-Viewing-Plätze zu Hause gesehen habe. Tausende Menschen, die komplett in schwarz-rot-gold gefeiert haben. Warum war ich nicht unter ihnen? Und warum bin ich neidisch, obwohl ich doch im WM-Land bin? Ganz einfach: ich war zu doof, den richtigen Ort zum Fußballfeiern zu finden.
Es war kurz nach 15 Uhr, als ich mich auf den Weg zum Johannesburger Mandela Square machte. Im Grunde genommen ist das ein schickes und edles Einkaufszentrum mit Kinos und Restaurants. Jeden Tag strömen da tausende Touristen hin. Auch Spielerfrauen der verschiedenen Mannschaften sieht man da regelmäßig. Ich war mir so sicher, dass ich hier einen passenden Platz finden würde, um mit jeder Menge anderer Deutscher unseren Sieg gegen England zu schauen. Schon als ich angekommen bin, war alles gerammelt voll. Der Platz vor der Mall genauso wie innen drin. Allerdings wurde mir schnell klar, dass hier niemand schwarz-rot-gold trug. Der Mandela Square war eindeutig in argentinischer Hand. Nur ganz selten hat man ein paar mexikanisch-grüne Farbspritzer gesehen. Also Ortswechsel, schließlich wollte ich mit deutschen Fußballfans schauen, und die Zeit drängte.
Mittlerweile war es 15:45 Uhr. Also bin ich im Stechschritt zur nächsten Mall marschiert. Ja, das öffentliche Leben, und vor allem das der Touristen, spielt sich in Johannesburg hauptsächlich in Malls ab. Pünktlich zur Nationalhymne bin ich in der zweiten Bar angekommen. Wieder war der Laden gerammelt voll und wieder war alles komplett hellblau-weiß. Verdammt! Der einzige freie Platz war neben dem einzigen nicht-hellblau-weißen Typen. Als ich ihn gefragt habe, für wen er ist, meinte er, er komme aus Australien und sei für England. Na super, mehr die Arschkarte ziehen hätte ich wohl nicht können. Als ich ihm gestanden hab, dass ich Deutscher bin, hat er mich ziemlich böse angefunkelt.
Ein einziges Spiel hat sich Paul im Stadion angesehen: Australien-Deutschland. Und dafür ist er extra aus Australien hergeflogen. Autsch! Aber was kann ich denn dafür, dass wir Weltmeister werden. Die erste Halbzeit mit Paul war dann aber doch ganz entspannt. Wir waren in der gesamten Bar wohl die beiden Einzigen, die sich für das Spiel interessiert haben. Na wartet ihr Argentinier, dachte ich, und bin in der Halbzeitpause weiter in die nächste Bar gezogen. Und welch ein Anblick! Kein einziger Argentinier! Aber wie schon meine Omma immer sagt: irgendwas ist immer. So auch diesmal: keine Argentinier, aber auch keine deutsche Fans. Jedenfalls keine sichtbaren. Kurz nach Anpfiff der zweiten Halbzeit outete sich aber das südafrikanische Mädel neben mir als Deutschlandfan. Niemand war lauter als sie und ich habe gleichzeitig noch ein paar neue englische Anfeuerungsrufe gelernt: "Run like you don't have a mother!" zum Beispiel.
Was könnte sie damit gemeint haben? Wenn man in Südafrika ganz schnell rennt, bekommt man dann eine Mutter geschenkt? Oder ist man hier besonders schnell, wenn man mutterlos ist? Naja, auf jeden Fall war ich nicht mehr der Einzige, der sich bei den (gefühlt) 500 deutschen Toren gefreut hat und endlich hab ich mich auch getraut, die Arme hochzureißen und aufzuspringen. Ich habe mich gefreut, als hätte ich keine Mutter. Meine neue südafrikanische Freundin war begeistert. Von mir und natürlich vom Spiel.
Zum Abschluss noch mein Beitrag zur Vuvuzela-Diskussion:
Mein südafrikanisches Lieblingslied.
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