Die Sache mit dem öffentlichen Nahverkehr kriegen die Südafrikaner einfach nicht hin. Ich hatte naiver Weise ja tatsächlich gehofft, dass sie sich zur WM etwas überlegen würden, das funktioniert, aber ist nicht! Klar gibt es Park&Ride, aber wenn fast alle trotzdem mit dem Auto fahren, stehen die Busse auch nur im Stau. Um gestern zum Soccer City Stadion in Johannesburg zu kommen hab ich 2,5 Stunden gebraucht. Für eine Strecke, für die man sonst maximal 45 Minuten braucht.
Wenigstens wurde ich so schon mal auf das Spiel eingestimmt, denn überall fuhren (mehr oder weniger) Autos mit deutschen Fahnen und Fanschals. In wenigen Stunden würde Deutschland gegen Ghana spielen und es wird um alles gehen. Ich wurde merklich aufgeregter. Die Deutschlandfarben im Gesicht und das schwarz-rot-goldene Basecap auf dem Kopf bin ich zum Glück pünktlich am Stadion angekommen. Und mit mir tausende Fans. Ein offensichtlich deutscher Fan hatte neben seinem schwarz-weißen Trikot eine Weihnachtsmannmütze auf. Diese billigen Filzdinger, die man im Dezember für 50 Cent bekommt. Offensichtlich hat er auf ein Weihnachtsgeschenk gehofft und dann ja auch bekommen! Dann gab es einen Fan mit einem riesigen aufblasbaren Känguru. Der hat offensichtlich das falsche Spiel erwischt. Der für mich kreativste Fan war aber ein Typ aus Ghana. Der hatte seinen Oberkörper in den Landesfarben angemalt (Respekt, die Temperaturen waren einstellig) und auf dem Kopf trug er ein Tongefäß aus dem er die ganze Zeit hexentrunk-mäßig qualmte. Mehr zu dem Typen später.
Die Sicherheitsvorkehrungen an den Eingangstoren waren mal wieder erschreckend. Ich will mir gar nicht vorstellen, was passieren würde, wenn hier wirklich mal jemand ins Stadion marschiert, der nicht nur ein Fußballspiel sehen will... Mein Rucksack wurde noch nie kontrolliert! Pünktlich zum Einlauf der Spieler bin ich auf meinem Platz eingelaufen. Genau da, wo Schweini die ersten beiden Ecken geschossen hat, hab ich gesessen. Umzingelt von lauter Vuvuzelas mit Menschen dran. Größtenteils Ghana-Fans. Es war sehr deutlich zu spüren, dass die meisten Leute im Stadion nicht Deutschland angefeuert haben. Sobald die ghanaischen Spieler den Ball für ein paar Sekunden hatten, wurden sie gefeiert und bejubelt, als hätten sie schon ein Tor geschossen.
Naja, wie wir alle wissen, ist es zu so einem Tor nie gekommen. Neben mir saßen zwei Mädels aus Johannesburg. Optisch konnte man nicht sehen, welche Mannschaft sie unterstützen, aber wenn sie erstmal losgebrüllt haben, wußten es auch die Leute auf der anderen Stadionseite: Come on Deutschländ!!! Ihr Chef ist Deutscher, haben sie mir erzählt, und deshalb brüllen sie für Deutschland. Und plötzlich hab ich meinen Ghana-Freund mit dem qualmenden Tontopf wiedergesehen. Wie eines von Heidi Klums Möchtegernmodels ist er mit seinem Tontopf vor der ersten Reihe hin und her stolziert. Hat die Massen animiert und unterhalten. Die Fans waren begeistert, die Sicherheitsleute nicht. Erst haben sie minutenlang diskutiert, dann haben sie ihn aus dem Stadion gebracht - unter massiven Buhrufen und Pfiffen der Fans. Der Tontopf-Typ hat sich wie ein Held feiern lassen. Für ein paar Minuten hat sich in meinem Block niemand fürs Fußballspiel interessiert, alle haben das Schauspiel um den Ghana-Fan verfolgt. Aber wenn man ehrlich ist, wir haben auf dem Spielfeld nichts verpasst.
Das erste und einzige Tor für Deutschland war grandios. Also für mich und meine neuen südafrikanischen Freundinnen jedenfalls. Wir lagen uns in den Armen. Die meisten anderen Leute um uns herum blieben allerdings sitzen. Warum wohl??? Ich muß aber zugeben, dass es auch mir sehr leid getan hat um die Mannschaft aus Ghana. Nachdem ich so lange durch Afrika gereist bin und mich die Menschen hier so freundlich aufgenommen haben, hab natürlich auch ich mir gewünscht, dass wenigstens eine afrikanische Mannschaft die Gruppenphase übersteht. Von daher gab es den schönsten Moment des ganzen Spiels auch kurz nach dem Abpfiff, als auf der Leinwand das Spielergebnis Australien-Serbien eingeblendet wurde: 2:1 für Australien. Was für ein toller Moment, als das die Ghana-Fans realisieren, und plötzlich das gesamte Stadion feiert und tanzt. Schöner hätte der Tag nicht enden können. Glückwunsch Deutschland, Glückwunsch Ghana.
Und irgendwo zwischen den knapp 90.000 Zuschauern saß Musiker Dellé. Seine Mutter ist Deutsche, sein Vater kommt aus Ghana. Vorgestern hat er mir noch mit einem Grinsen gesagt: egal, wie das Spiel ausgeht, ich kann nur gewinnen. Da konnte er noch gar nicht wissen, wie recht er hatte!
Zum SeitenanfangPermanente URL dieser Seite: http://wdrblog.de/suedafrika/archives/2010/06/24/
Der WDR ist nicht für Inhalte fremder Seiten verantwortlich, die über einen Link erreicht werden.