Immer nur Johannesburg während der WM war mir zu langweilig, also bin ich nach Kapstadt gefahren. 20 Stunden mit dem Bus, fliegen ist gerade viel zu teuer. Ich hatte mir extra eine Zeit ausgesucht, in der auch ein Spiel in Kapstadt stattfindet, wenn dann richtig. Deutschland und Bafana Bafana spielen ja leider nicht in Kapstadt, aber England und Algerien. Ich hab zwar keine tiefergehende Beziehung zu der einen oder der anderen Mannschaft, aber die britischen Fans sind natürlich berühmt berüchtigt.
Schon in meinem Backpacker ist das bevorstehende Match zu spüren. Größtenteils Briten haben sich in den Dorms (Schlafsäale) ausgebreitet. Weiß-rote Fahnen und Schals hängen überall, und es riecht nach männlichen Turnschuhen. Es ist Freitag Vormittag, und die Stimmung ist super - noch!
Nachdem ich aus dem Geruchskoma erwacht bin, hab ich mich auf den Weg zur Waterfront gemacht, die perfekte Mischung aus Geschäften, Restaurants und Kinos. Nicht nur während der WM ist die Waterfront ein totaler Touri-Magnet. Momentan gibt es hier einige der größten Public-Viewing-Plätze und es ist nur 5 Minuten vom Stadion entfernt. Das heißt, auch wenn man keine Karte hatte (obwohl ich niemanden getroffen habe, der nicht noch ein Ticket auf dem Schwarzmarkt bekommen hat), kann man laut (sehr laut) und deutlich hören, was im Stadion passiert. Aber soweit ist es ja noch gar nicht. Noch ist es Mittag und ich bin gerade an der Waterfront angekommen. Das, was in meinem Backpacker angefangen hat, geht hier weiter. Also nicht der Gestank, aber die Weiß-roten Fahnen. Es sieht aus, als hätten die Briten die Waterfront erobert und jetzt ihren neuen Besitz markiert.
Neben den hunderten Fahnen gibt es auch noch riesige Spruchbänder. Die Stimmung ist fröhlich, ausgelassen, schon ganz schön feucht und siegessicher. Ganze Bars haben die Briten in Beschlag genommen, feiern, singen und machen den Barbesitzer zu einem sehr glücklichen und sehr reichen Mann. Und zum ersten Mal hören ich hier einen richtigen Vuvuzela-Fan-Hassgesang. Auf die Melodie von "Von den blauen Bergen kommen wir" singen sie zu Hunderten "Stick your Vuvuzelas up your arse". Am besten gefallen mir die Briten, die dazu den Rhythmus auf ihren Vuvuzelas blasen! Wann immer ein Algerien-Fan vorbeikommt wird er freundlich gröhlend begrüsst und mitleidig angelächelt. Ihre Blicke sagen so etwas wie: "Eigentlich biste mir ja ganz sympathisch, aber heute Abend wird Rooney euch fressen." Nur zu gerne posen die Goliath-Briten auf Fotos zusammen mit den David-Algeriern. Es ist Freitag Nachmittag, und die Stimmung ist super - noch!
Es ist ein tolles Gefühl, in Kapstadt zu sein. Man spürt, dass am Abend Großes passieren wird. In den Bars und Clubs der Stadt bekommt man kaum mehr einen Platz, überall sitzen die Briten. Es muss ganz schön einsam sein gerade in Großbritannien. 20:30 Uhr geht es endlich los. Da das Kapstädter Stadion mitten in der Stadt ist, kann man die Vuvuzelas deutlich hören, genauso dass Raunen, Stöhnen, Schreien der Fans. Nur Torjubel ist nie zu hören...
Zwei Stunden später bin ich in meinem Schlafsaal, als plötzlich und leise die Tür aufgeht, und Steven und Dave reinkommen, beide sichtlich geknickt. Wenigstens habt ihr nicht verloren, versuche ich sie aufzuheitern. Ihre Blicke sind vernichtend. Wie kleine, bockige Kinder setzen sie sich auf den Boden und spielen "Mensch ärger Dich nicht". Das Bild werd ich nie vergessen. Meine Stimmung ist super!
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