"Jörg, wie lange dauert eigentlich ein Fussballspiel?", fragt mich mein Freund Nick, als wir uns auf den Weg zu seinem Auto machen. Unser Ziel ist das Soccer City Stadion in Soweto, das größte Stadion Afrikas, mehr als 90.000 Fans passen da rein. Ich grinse ihn an und sage: "Vier mal zehn Minuten". Es vergehen einige Sekunden bis mir klar wird, dass Nick keinen Spaß gemacht hat. Seine Frage war ernst gemeint! Ich bin geschockt. Zunächst. Für jemanden der in Deutschland, im Sektor, mit so vielen Fussballvereinen um die Ecke groß geworden ist, ist es schwer nachzuvollziehen, dass in anderen Ländern, die schönste Nebensache der Welt nicht Fussball ist, sondern wie im Fall von Nick Rugby und Cricket. Das wiederum sind Sportarten, die mich zum verzweifeln bringen. Rugby wirkt auf mich wie Schlammcatchen ohne Schlamm und Cricket ist in meinen Augen das gesündeste und gleichzeitig effektivste Schlafmittel ever.
Während ich es mir auf dem Beifahrersitz gemütlich gemacht habe, und wir durch den Süden Johannesburgs fahren, trommelt Nick mit den Fingern nervös auf dem Lenkrad. Er ist aufgeregt. Auf seinem Kopf hat er einen gelben Bauarbeiterhelm (ein Fanartikel in Südafrika!), er trägt Fanschal und Fanjacke in den gelb-grünen Farben Südafrikas und sieht damit aus, wie ein erfahrener Fussballfan. Allein es ist das erste Mal, dass er zu einem Fussballspiel fährt. Dazu muss man wissen, dass die Begeisterung für bestimmte Sportarten in Südafrika lange auch eine Frage der Hautfarbe war. Während die weißen Südafrikaner, (rund neun Prozent) sich für Rugby und Cricket begeistern, und das auch die Sportarten waren, die in der Schule gelehrt wurden, sah es bei den schwarzen Südafrikanern anders aus. Ihr Herz schlägt mehrheitlich für Fussball. Mit dem Ende der Apartheid, der Rassentrennung, hat sich das geändert bzw. es ist dabei sich zu ändern. Die einst so klaren sportlichen Grenzen werden aufgeweicht. Gott sei Dank.
1995 hat Südafrika schon einmal eine Weltmeisterschaft ausgerichtet. Die Rugbyweltmeisterschaft. Egal mit wem ich bislang darüber gesprochen habe, alle haben von diesem Ereignis geschwärmt. Südafrika hat die Weltmeisterschaft damals gewonnen. Viel wichtiger aber, schwarze und weiße Südafrikaner haben den Pokal gemeinsam gefeiert. Die Weltmeisterschaft hat die Menschen einander näher gebracht. Nicht ganz unschuldig daran war Nelson Mandela, damals südafrikanischer Präsident. Vor dem Finale gegen Neuseeland soll Mandela die Spieler in der Kabine besucht und ihnen ins Gewissen geredet haben. Wenn er fast 80 Jahre seinem Land gewidmet hat, dann könnten sie doch mal eben 80 Minuten für ihr Land Vollgas geben. (Wer mehr darüber wissen möchte, dem kann ich den Clint Eastwood-Film "
Invictus" empfehlen mit Morgan Freeman als Nelson Mandela.) Das scheint die Spieler überzeugt zu haben. Sie haben die Neuseeländer bezwungen und damit im Land damals einen Freudenrausch ausgelöst.
Die Fussballweltmeisterschaft hat hoffentlich ähnlich therapeutische Wirkung für das Land. Ich kann zumindest erste Anzeichen erkennen. Nick ist das beste Beispiel. Statt sich zurückzulehnen und zu sagen "interessiert mich nicht", hat er sich ein Bafana-Bafana-Shirt und eine Vuvuzela (das sind diese unglaublich lauten Plastiktröten) gekauft und sich vorgenommen, die Kicker seines Landes zu unterstützen. Die haben es ihm übrigens nicht einfach gemacht. Zwar hat Südafrika das Testspiel gegen Kolumbien mit 2:1 gewonnen. Allerdings fielen alle Tore durch Elfmeter, was viel über die Qualität des Spiels aussagt. Ich habe versucht, Nick davon zu überzeugen, dass ein Fussballspiel durchaus auch spannend sein kann, auch über volle 90 Minuten. Ich glaube, ich war erfolgreich. Seit gestern versucht er noch Tickets für das Eröffnungsspiel der Fussball-WM zu bekommen.
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