Seit einer Woche wohne ich in einem Käfig. Es ist zwar ein schöner Käfig, aber trotzdem. Meine Freunde, deren Gästezimmer ich bezogen habe, leben in einem Haus in Johannesburg. Und was fast alle Einfamilienhäuser hier gemeinsam haben, sind doppelte und dreifache Gittertüren und elektrische Zäune drum herum. Südafrikaner sind immer so bemüht, der Welt zu beweisen, dass ihr Land doch gar nicht so gefährlich ist, wenn man aber mal durch eine Wohngegend fährt, ist es schwer, das nicht zu denken. Zu den Gittertüren und Elektrozäunen kommen noch die Warnschilder an jeder Hauswand, die besagen, welche Security-Firma hier für die Sicherheit zuständig ist.
Weiter geht's im Haus drinnen. In jedem Zimmer gibt es so genannte Panic-Buttons. Knöpfe, die man einfach nur zu drücken muss, und 2 Minuten später steht der bewaffnete Sicherheitsdienst vor der Tür. Blöd nur, wenn man neu im Land ist, und diese Knöpfe mit Lichtschaltern verwechselt. Zum Glück sind meine Freunde sehr entspannt! Und nicht selten gibt es auch noch eine Gittertür, mit der man das Schlafzimmer extra verriegeln kann.
Und dann kommen die Südafrikaner und wollen einem weißmachen, dass es hier doch gar nicht so gefährlich ist! Wozu dann der ganze Aufwand? Mir ist es jetzt schon mehrfach passiert, dass, wenn ich Leuten hier von meiner Reise quer durch Afrika erzählt habe, dass sie mit großen Augen gefragt haben: war das nicht total gefährlich? Jedesmal musste ich schmunzeln. Johannesburg hat übrigens das Autokennzeichen GP, was südafrikanische Nicht-Johannesburger als Abkürzung für Gangsters Paradies deuten.
Vor zwei Tagen bin ich im Supermarkt an einem Stapel CDs vorbeigegangen. Darauf sind das Video und der Song zur "Shout For A Safer South Africa"-Kampagne. Einige der bekanntesten Musiker Südafrikas haben sich dafür zusammengetan und einen gemeinsamen Song aufgenommen. Freshlyground sind dabei, The Parlotones, Hugh Masekela, Danny K, Prime Circle, Watershed und der Soweto Gospel Choir - um mal ein paar zu nennen. Auslöser für die Kampagne war der Mord am südafrikanischen Reggae-Star Lucky Dube. In dem Song rufen Musiker alle Südafrikaner dazu auf, für ein sicheres Land zu kämpfen. Musikalisches Ziel ist es, mit dem Lied sämtliche Verkaufsrekorde in Südafrika zu brechen und zumindest das scheint die Kampagne zu schaffen. Überall im Land ist der Song auf Platz 1 in den Charts.
Während ich mit dem Auto zum Zeitungkaufen fahre, läuft der Song im Radio, eine Coverversion des 80er Jahre Hits von Tears for Fears "Shout". Nur der Text wurde verändert. Ja, ich fahre mit dem Auto zum Zeitungholen. Nicht, weil der Laden so weit weg ist, oder weil ich so faul geworden bin, in Johannesburg fährt man jeden Meter mit dem Auto. Wer läuft wird komisch angeschaut. Und dazu habe ich eine ganze Latte von Regeln und Hinweisen von meinen Freunden bekommen:
1. Halte nachts nur an roten Ampeln an, wenn wirklich ein Auto kommt!
2. Verriegel immer die Autotüren von innen!
3. Nur weil einer wie ein Polizist aussieht, muss es noch lange keiner sein!
Und dann wiederum ist Johannesburg eine der grünsten, wenn nicht die grünste Hauptstadt der Welt. Alles voller Bäume und Parks. Ich hab mich noch nie unsicher gefühlt in Johannesburg. Und ich find es schade, wenn Freunde in Deutschland sagen: "Ich wär ja auch gern zur WM gefahren, aber da ist es mir zu gefährlich." Ich jedenfalls bin begeistert von Südafrika, von der Unkompliziertheit und Freundlichkeit der Menschen, vom Wetter, von der Landschaft, vom Essen und vom Wein. Und an den Käfig werd ich mich auch irgendwann gewöhnen.
PS: Gerade hab ich eine Mail von einem Freund bekommen: "Na, schon ausgeraubt worden von fiesen Gangstern?" Ja! Aber das war noch in Deutschland!
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