Es gibt doch kaum etwas Schöneres als Post zu bekommen. Nein, keine Telefonrechnungen oder Schreiben vom Finanzamt. So richtige Post. Von Freunden oder der Familie. Post auf der die Anschrift und der Absender noch mit der Hand geschrieben worden sind. Leider sind diese Briefe selten geworden in Zeiten von Mails und Chats. Noch schöner ist es natürlich, wenn man ein privates Paket geschickt bekommt und nicht weiß, was drin steckt. Ich kann mich ehrlich gesagt nicht mehr daran erinnern, wann in Deutschland das bei mir das letzte Mal der Fall war.
In Südafrika ist alles anders. Natürlich. Gestern kam bei meinen Freunden Paul und Simone, bei denen ich gerade wohne, ein Paket für mich an. Die Freude meinerseits war natürlich groß. Was würde wohl drin sein, wer hat da an mich gedacht und mir Schokolade und warme Socken für den südafrikanischen Winter geschickt, schoss es mir freudig erregt durch den Kopf. Allein die Freude und Überraschung währte nicht sehr lang. Die Handschrift auf dem Paket kam mir nämlich merkwürdig bekannt vor. Leicht krakelig. Leicht schräg. Es war meine eigene Handschrift! Und dann kam auch die Erinnerung zurück. Vor meiner Abreise Mitte Dezember vergangenen Jahres hatte ich ein Paket für mich gepackt und meine Eltern gebeten, es mir nach Südafrika zu schicken. Allerlei Nützliches und warme Sachen hatte ich damals hineingetan, das wusste ich noch. Mehr aber auch nicht. Aufgrund meiner Reise quer durch Afrika habe ich schlicht vergessen, was genau ich mir noch vor wenigen Monaten selber in mein Paket gepackt habe. Vielleicht werde ich doch langsam alt.
Beim Auspacken fühlte ich mich deshalb fast ein wenig weihnachtlich. Ein von mir gepacktes und an mich geschicktes Paket voller Überraschungen. Hosen, Pullover, T-Shirts... eigentlich kein großes Ding. Eigentlich. Nach fünf Monaten Leben aus dem Rucksack und mit immer der gleichen kargen Auswahl an Klamotten habe ich die Neuzugänge aus meinem Kleiderschrank in Deutschland mit Applaus begrüßt. Es wurde auch Zeit, denn mit den kurzen Hosen und T-Shirts der vergangenen Monate kann ich hier in Südafrika herzlich wenig anfangen. Ende Mai ist in Südafrika Herbst, beginnender Winter. Kapstadt hat mich bei meiner Ankunft beispielsweise mit 16 Grad und drei Tagen Dauerregen begrüßt. Und in Johannesburg, wo ich jetzt bin, scheint zwar tagsüber die Sonne. dafür sind die Nächte richtig kalt. Ich will nicht muttimäßig überkommen, aber ich kann nur Jedem, der zur WM nach Südafrika kommt, empfehlen, Winterklamotten einzupacken.
Eine richtige Überraschung in meinem "Winterpaket" war dann aber doch noch drin. Offenbar war ich Ende Dezember auch so schlau und habe meinen Fanschal, mein Deutschland-Basecap und eine Fahne fürs Auto zwischen all die Socken und Pullover gelegt. "Schlaaaaaand"! Jetzt kann nichts mehr schief gehen. Mit meinem Fanglücksschal schaffen wir es auch ohne Michael Ballack ins Finale.
Und es wird auch Zeit, dass ich den Südafrikanern optisch was entgegensetzen kann. Die WM-Euphorie hier ist nämlich unglaublich. Es sind noch mehr als drei Wochen bis zum Anpfiff des Eröffnungsspiels und schon jetzt fahren beflaggte Autos durchs Land und Menschen gehen in südafrikanischen Trikots ins Büro zur Arbeit. Es ist unglaublich. Das Land befindet sich in einem Zustand, den Fussball-Deutschland 2006 erst beim letzten Vorgruppenspiel erreicht hatte.
Die Johannesburger werden sich ab Heute an eine neue Farbkombination im Straßenverkehr gewöhnen müssen. Schwarz, Rot Gold. Bislang fahre ich offenbar das einzige Auto mit deutscher Flagge in Johannesburg. Hoffentlich bleibt das nicht lange so!
Trackback-URL zu diesem Eintrag:
http://www.wdrblog.de/cgi-bin/mt-tb.cgi/2591
Zum SeitenanfangPermanente URL dieser Seite: http://wdrblog.de/suedafrika/archives/2010/05/18/
Der WDR ist nicht für Inhalte fremder Seiten verantwortlich, die über einen Link erreicht werden.