Wenn unsere Reise durch NRW eins nicht sein wollte und sollte, so war das, Wahlwerbung für Personen oder Parteien zu machen. Aber klar: Ideen sind mit Namen verbunden und die - zumindest im Lokalen - meist auch mit Parteien, obwohl die nicht in meinen Reportagen erwähnt wurden. Wie schon beschrieben: Sie interessierten mich nicht. Punkt.
Umso spannender ist es natürlich, mal zu schauen, ob die kreativen Volksvertreter denn auch für ihre Ideen an der Wahlurne belohnt wurden. Klar, unsere Geschichten waren ein winziges Detail einer meist fünfjährigen Amtszeit mit ungezählten Tops und Flops. Und dann: Einige Bürgermeister und Landräte hörten auf - Aachen, Höxter - andere waren bereits gewählt - Herzogenrath -, in anderen Städten spielten die Verwaltungschefs gar nicht die entscheidende Rolle: in Duisburg etwa, Nordwalde, Remscheid oder auch Krefeld.
Also hingeguckt.
Hiddenhausen - sie wissen schon: Junge Leute kaufen alte Häuser. Bürgermeister Ulrich Rolfsmeyer bekam mit 64,7 Prozent aller Stimmen noch mal mehr als 2004, wo er schon weit über 50 Prozent lag. Mehr als seine Partei. Er scheint nicht alles falsch gemacht zu haben.
Oder Dörentrup, die "Laternen mit Telefonnummer". Bürgermeister Ehlert ließ eine Weltneuheit installieren. Lohn: 61,8 Prozent, plus 5,8. Seine Partei? Längst nicht so gut.
Nottuln-Appelhülsen. Der Photovoltaik-König (Immerhin betreibt er das größte Sonnenkraftwerk NRWs) heimste am Sonntag 71,1 Prozent der Stimmen ein - als Kandidat von Grünen, SPD und einer Wählergruppe. 2004 hatte er "nur" 57,6 Prozent erzielt. Dabei ist die CDU dort mit Abstand die größte Fraktion im Rat.
Ein bisschen anders in Salzkotten. Der dortige Bürgermeister zeigte den Großmärkten auf der grünen Wiese die Rote Karte. Alle Parteien zogen mit - bis auf die FDP. Zwar siegte Bürgermeister Michael Dreier mit geradezu "sozialistischen" 74,9 Prozent, viel, viel mehr als seine Partei, die CDU, bekam. Aber die FDP als einzige Opposition gegen die Innenstadtinitiative holte einen Achtungserfolg mit fast 12 Prozent - das 2004er Ergebnis praktisch verdoppelt.
Für mich ist die Sache klar. Die Bürgermeister als Personen haben gesiegt, ihre Ideen, ihr Charisma, ihr Denken, wie die Engländer sagen "out of the box".
Bei insgesamt katastrophaler Wahlbeteiligung ist dies ein ermutigendes Zeichen. Engagement und Kreativität werden wohl doch belohnt.
Ein bisschen stolz bin ich denn auch, dass wir ganz offenbar nicht auf die schlechtesten Beispiele im Lande gekommen sind.
Bis demnächst!
Bis demnächst! Ja, hoffentlich, denn Sie, lieber Horst Kläuser, haben mit Ihrer Reportage-Reise wieder einige Sternstunden im "Radio für Nordrhein-Westfalen" geboten. Und... Fossilien sind mir ganz lieb, sprechen Sie/sie doch eine Sprache, der ich (Baujahr 1965!) noch zu folgen vermag. Vielleicht genießen Sie ja auch ein Wenig von diesem Status. Denn heutzutage mehr als "einsdreißig" und das teilweise mehrmals am Tag, ist schon ein Privileg, oder? So, das reicht der Lobhudelei, schließlich fehlen mir noch zwei drei Reportagen zum Nachhören. Bis demnächst! Dienstags kurz nach sieben...?
MarcusNRW am 1.09.09 0:54
Sehr geehrter Herr Kläuser,
ihr Fazit bestärkt mich einmal mehr in meiner Meinung, dass wir nicht mehr Parteien sondern Köpfe wählen sollten. Das Parteiensystem ist in seiner derzeitigen Form vollkommen antiqiuert. Fraktionszwänge, Ochsentouren etc. sind überholt. Frische Ideen, demokratisch installierte Neuerungen, auch überparteilich eventuell in Zusammenarbeit mit privaten oder wirtschaftlichen Institutionen. Das ist der neue Weg in Richtung zufriedener Bürger. Was die Wahlbeteiligung angeht habe unsere Mitmenschen nicht verstanden was die Werte der Demokratie sind. Gerade doret wo es einen direkt betrifft, in der Kommune, sollte jeder für sich das "Recht" auf Wahl zur Pflicht machen.
Alles Gute Ihr
Adelbert Tessun am 1.09.09 8:41
@ MarcusNRW
Man kann sogar auf Entfernung (in diesem Fall Kanada) erröten. Ihr Lob beschämt mich, aber tut durchaus gut. Danke.
Es hat in der Tat Spaß gemacht, nach langer Zeit im Ausland, mein Heimatland (speziell NRW) noch mal intensiv zu bereisen und zu erleben. Es gibt viele, viele Dinge zu entdecken und darüber zu berichten. Meine Kolleginnen und Kollegen in den WDR-Landesstudios machen da übrigens einen tollen Job.
Und eine wunderbare Vision wäre über die Kenntnis und den (sagen wir's ruhig) Stolz auf unser Land mehr junge Menschen dazu zu bewegen, sich für die Gemeinschaft zu engagieren. Das kann, muss aber nicht politisch sein: auch und gerade die tausende Vereine im Lande machen eine bemerkenswerte, meist ehrenamtliche Arbeit auf allen möglichen Ebenen und Gebieten.
Wenn meine Reportagen nur ein bisschen dazu beigetragen haben sollten, Spannendes und Motivierendes zu fördern und andere zur Nachahmung herauszufordern - wäre doch toll, oder?
@ Adelbert Tessun
Auch Ihnen, herzlichen Dank. Eine spannende Frage werfen Sie auf. In der Tat erscheint auch mir eine Diskussion überfällig, ob unsere alles in allem stabile und bewährte Demokratie (sicher die beste Regierungsform, die es je auf dem deutschem Boden gab) nicht mal eine "Frischzellenkur" brauchen könnte. Ob das in eine Personenwahl ("NRW wählt den Superstar"?) münden sollte - ich weiß nicht.
Aber der Fraktionszwang ist lähmend, auch die Parteiräson von Berlin bis Remscheid (ich nehme mal meine Stadt, beispielhaft für alle anderen). Warum sollten die Parteien im Lokalen genau entlang derselben Parteilinien abstimmen wie im Bundestag zu Fragen wie Afghanistan, EU-Beitritt der Türkei oder Steuerstrafrecht abgestimmt wird? In den Kommunen wären doch "Koalitionen", die Stadtteile und die Interessen und Sorgen der Gemeinden widerspiegelten, sehr viel ehrlicher und konstruktiver als ein Eins-zu-eins-Abbild der Verhältnisse im Bundestag, das nichts mit einer Umgehungsstraße im Ort oder einem neuem Industriegebiet zu tun hat. Stadtteile und Bürgerinteressen sind viel eigenständiger, als SPD, CDU, Linke, Grüne und andere je darstellen könnten.
Eine spannende Diskussion, die wir hier oder sonstwo fortsetzen sollten. Ich glaube, wenn dieser Schritt gemacht würde, wozu auch wieder mehr Rechte der Kommune zählten, die heute nur noch Erfüllungsgehilfen der Beschlüsse aus Berlin oder Düsseldorf sind, stiege auch wieder das Interesse an Lokalpolitik und Engagement und damit die Wahlbeteiligung. Die Bürger = Menschen müssen schon spüren können, dass ihre Stimme auch etwas bewirkt, sonst ist Demokratie blöd und obsolet.
Alles Gute,
Horst Kläuser
Horst Kläuser am 4.09.09 15:32
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