WDR.de
Computer
Jörg Schieb
21.02.08
Microsoft hat heute Abend in einer telefonischen Pressekonferenz nicht weniger als eine kleine Sensation bekanntgegeben: Der Softwareriese ändert seine Firmenstrategie, und zwar komplett. Microsoft öffnet seine Software überraschend für alle. Die von Bill Gates gegründete und mittlerweile von Steve Ballmer geführte Company dokumentiert nun Standards, die bisher streng gehütetes Firmengeheimnis waren, erläutert akribisch Schnittstellen zu Betriebssystem und Anwendungsprogrammen.
Also das muss man Steve Ballmer und seinen Managementkollegen wirklich lassen: Die Überraschung ist ordentlich gelungen. Damit hat kaum jemand gerechnet.
Nun wird schon orakelt: Ist das alles ernst gemeint? Wird wirklich alles offengelegt? Und: Warum machen die das? Zumindest die letzte Frage ist durchaus berechtigt. Denn es ist wohl nicht zu bestreiten, dass die hohen Bußgelder, die Microsoft in den USA und zuletzt auch in Europa wegen Abschottung und Wettbewerbsverstößen zahlen musste, zu einem Umdenken geführt haben.
Aber auch der Softwaremarkt an sich hat sich radikal geändert. Früher hat jeder sein eigenes Süppchen gekocht. Heute ist OpenSource Trumpf: Am besten alles offen legen, damit andere die eigenen Ideen aufgreifen und weiter entwickeln, oder damit man gemeinsam etwas Größeres auf die Beine stellt. Das funktioniert nicht immer, aber erstaunlich oft. Ein Unternehmen, das da nicht mitspielt, könnte ganz schnell in der Kreisliga landen.
Das hat man nun offensichtlich auch bei Microsoft verstanden.
"Offene Standards" bedeutet: Künftig kann jeder ganz offiziell Programme schreiben, die mit Microsoft-Software kooperieren. Oder legal und ohne Lizenzgebühren die Fähigkeiten von Microsoft-Programmen erweitern. Davon kann und wird Microsoft profitieren - und die Kunden sowieso. Microsoft selbst wird verstärkt Aspekte wie Zuverlässigkeit und Support in den Vordergrund stellen, vor allem bei Unternehmenskunden. Man muss sich also keine Sorgen machen, dass Microsoft kein Geld mehr verdient.
Ich denke: Die Entscheidung ist die einzig Richtige gewesen. Nun darf man gespannt sein, was tatsächlich alles offengelegt wird - und was die Entwicklergemeinde und der Wettbewerb mit den neuen Möglichkeiten anstellt. Der heutige Tag ist nicht weniger als ein Meilenstein in der Geschichte der Software. Denn der weltgrößte Software-Konzern ist ins längst angebrochene Zeitalter umschwenkt. Endlich. Recht so.
Nunja, was will Microsoft auch anderes machen?
In Zeiten des Internets wird das Betriebssystem immer unwichtiger. Die Menschen nutzen einen Browser, ob der jetzt unter Windows, Linux, MAC OS oder sonst was läuft, ist völlig egal.
OpenOffice bietet eine hervorragende kostenfreie Alternative zu Microsofts Office-Paket.
Windows VISTA will eigentlich niemand so richtig haben.
Und in der .NET-Strategie ist es Microsoft nicht gelungen, die C++ Entwicklergemeinde nennenswert für .NET zu begeistern, wie die Ankündigungen zeigen, Visual C++ zukünftig wieder mit Schwerpunkt "native Code" weiter zu entwickeln. Es existiert einfach zu viel C++ Code auf der Welt.
Nokia hat sich Qt vereinnahmt, was dazu passt, dass auf vielen Handy (oder besser: Telefoncomputern) mittlerweile Linux als Betriebssystem läuft. Aber genau dies war ein Markt, den Microsoft mit .NET adressieren wollte.
Langer Rede kurzer Sinn, die Welt kümmert sich immer weniger um die "Vorgaben" von Microsoft. Mittlerweile gibt es Alternativen. Und wenn Microsoft überleben will, muss es ein noch stärkeres Abdriften zu den Alternativen unterbinden. In so fern mach Steve Ballmer alles richtig!
Stefan am 22.02.08 11:54
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