WDR.de
Computer
Jörg Schieb
6.11.07
Schon mal von Geotagging gehört? So nennt man die Möglichkeit, ein Ereignis oder Nachricht auf einer Onlinekarte zu verorten. Sie kennen das: Da erscheint in der per Mauscursor verschiebbaren Onlinekarte eine virtuelle Stecknadel. Und die signalisiert: Hier war's. Hier habe ich das Foto aufgenommen. Hier habe ich im Restaurant gegessen. Hier wohne ich. Oder: Auf diesen Ort bezieht sich die Nachricht. Auch in der neuen, wunderbaren
WDR-Mediathek wird angezeigt, wo die jeweiligen Fernseh- oder Radio-Beiträge spielen.
Yahoo plant eine Erweiterung dieses Gedankens. Unter dem Codenamen
Fire Eagle entwickelt das Unternehmen derzeit einen neuen Geodienst, der schon sehr bald an den Start gehen soll. Hier kann man dann eintragen, wo man sich gerade befindet - entweder in Form einer Adresse oder als Geokoordinaten. Freunde, Verwandte und Kollegen können dann sehen, wo man gerade ist (oder: wo man behaupet zu sein).
Ich sehe es schon kommen: Nicht mehr lange, und wir haben alle kleine Geräte um den Hals hängen, die per GPS die aktuelle Position errechnen und dann per Funk an den Yahoo-Dienst schicken, damit jeder sehen kann, wo wir sind. Oder das wird die neue Must-have-Funktion im Handy. So manchen Minister könnte es freuen. Denn das spart eine Menge Geld für lästige Observationen. ;-)
Ich glaube, auch Geographen freuen sich über solche Dienste. Unser Dasein im Raum wird ständig erfasst und lässt sich mit Hilfe von Geographischen Informationssystemen super auswerten.
Auf der Dokumenta in Kassel (falls da jemand außer mir war) gab es ein Kunstwerk, bei dem alle Bewegungen der Spieler des WM-Endspieles nachgezeichnet wurden. Ein nettes Spiel mit Zeit und Raum.
Trotzdem: Gruselige Vorstellung, denn die Computerprogramme um solche Daten kommerziell (es muss ja nicht immer der Überwachungsstaat sein, obwohl wir den nicht außer Acht lassen sollten) gibt es. Und Rechnerkapazitäten, die der Datenmengen Herr werden auch. Also, ich werde mich weiter anonym im Raum bewegen, so lange das noch erlaubt ist.
geografiker am 6.11.07 12:59
Ich komme gerade von der Demonstration vom Berliner Reichstag gegen die "Vorratsdatenspeicherung" welche unsere groß(artig)e Koalition, trotz arger Verfassungsbedenken und Bedenken an der Rechtmäßigkeit der EU-Richtlinie (Ermächtigungsgrundlage, Grundrechtseinschnitte), durch das Parlament winken will.
Ich bin mir ziemlich sicher dass unsere letzten Innenminister (Schily sowie auch Schäuble) schon insgeheim von solch einer Totalerfassung der Bevölkerung geträumt haben.
Ich finde es schade dass die Bevölkerung beim Verkünden solcher (wirklich teilweise ja sehr nützlichen Dienste) nie auf die damit verbundenen Gefahren hingewiesen wird. Die meisten halten Datenschutz für antiquiert und scheinen nicht den Hauch einer Ahnung zu haben wie gefährlich die unbedarfte Preisgabe von, teilweise intimsten, Daten eigentlich sein kann. Das beste Beispiel ist der ausufernde Einsatz von Payback (o.ä.) Kartensystemen wo die Industrie für fast keine Gegenleistung an imens intime Daten zu Hauf herangelassen wird. Ich denke die Medien sollten auf diese Problematik deutlicher hinweisen. Als es um die Volkszählung ging sind hundertausende auf die Straße gegangen, heute verteilen die Menschen blind jegliche noch so privaten Informationen freiwillig oder unbewusst in diversen Netzwerken oder im Internet. Die Bevölkerung scheint für das digitale Zeitalter nicht gerüstet und diese Wissenslücke/Bildungslücke wird von Industrie wie Staat derzeit massiv ausgenutzt.
Sorry wurd' nen bissl länger, das Thema passte nur gerade zu dem Demo-Thema ;)
Liebe Grüße,
Torben R.
Torben R. am 6.11.07 20:34
Geotagging, wie z.Bsp. auch „CommunityWalk“, ist eine nette Sache. Es lässt sich aber nicht nur umfangreich darstellen wo man gewesen ist, sondern auch darstellen, was man vielleicht vorhat. Und dies weltweit zu Ansicht derer, welche die fortlaufende Nummerierung der Karte kennen.
Ich will hier keine Gebrauchsanweisung liefern, aber so könnte z.Bsp. ein „Wedding Place“ in CommunityWalk eine ganz andere Bedeutung haben und jede andere dieser Karten auch. Dies alles, ohne einen Link verschicken zu müssen; die Kenntnis der Kartennummer reicht. Selbst Kommunikation ist darüber möglich, für die, die Nickname und Kennwort kennen.
Eine ständige Analyse dieser Seiten von Geotagging-Diensten ist durchaus sicherheitsrelevant. All diese netten Dinge vergrößern die Probleme unserer Sicherheit ständig.
Die Regierungsinstitutionen stehen dieser Entwicklung doch hilflos gegenüber und wollen die Kontrolle behalten, auch wer solche Seiten vielleicht aufruft. Dass der totale Überwachungsstaat die Folge ist, scheint mir nur logisch; auch wenn sich mir der Magen dabei umdreht.
Rentner am 7.11.07 12:50
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