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<title>Glossenblog</title>
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<lastBuildDate>Sun, 07 Mar 2010 07:00:45 +0100</lastBuildDate>
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<title>Generation Wolf</title>
<description><![CDATA[<p><img caption="Elefant im Kinderzimmer" alt="Benjamin Blümchen mit Freunden; Rechte: dpa" src="http://wdrblog.de/glossenblog/images/bluemchen.jpg" width="160" height="120" align="right"  />Als ich ganz jung war, trötete <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Benjamin_Bl%C3%BCmchen">Benjamin Blümchen</a> noch nicht durchs Kinderzimmer. Auch die <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Teletubbies">Teletubbies</a> bevölkerten nicht Fernsehschirm und frühkindliches Bewusstsein. Stattdessen bekam ich, um besser einzuschlafen, Märchen zu hören. Fasziniert war ich besonders von Rotkäppchen, allerdings weniger von dem naiven jungen Ding, das dem Märchen den Namen gibt. Interessanter fand ich in der Geschichte den Wolf und sein Schicksal. Das endet bekanntermaßen im Brunnen. Beschwert von Wackersteinen, die ihm ein herzloser Jäger in den Bauch genäht hat, muss der Isegrimm jämmerlich ersaufen. </p>

<p><img caption="Wolf im Kinderzimmer" alt="Rotkäppchen und der Wolf (Zeichnung); Rechte: mauritius" src="http://wdrblog.de/glossenblog/images/rotkaeppchen.jpg" width="160" height="120" align="left"  />Die Geschichte lässt viele Fragen offen. Warum hat der Wolf Rotkäppchen nicht bereits bei der ersten Begegnung gefressen? Warum die aufwändige Maskerade als Großmutter? Wie konnte Rotkäppchen im Bauch des Tieres überleben, und das gänzlich unzerkaut und unverdaut? Und warum erschießt der Jäger nicht einfach den Wolf, nachdem er das Rotkäppchen in einer Operation aus seinem Bauch befreit hat? Über solche Fragen sinnierend, glitt ich in unruhigen Schlaf, oft von Träumen begleitet, in denen der wilde Vierbeiner eine zentrale Rolle spielte.</p>

<p><img caption="Wölfin im Unterricht" alt="Romulus und Remus (Zeichnung); Rechte: dpa" src="http://wdrblog.de/glossenblog/images/romulus_remus.jpg" width="160" height="120" align="right"  />Meine Kindheit verging, die Faszination durch den Wolf blieb. Im Lateinunterricht erfuhr ich, dass am Anfang des mächtigen römischen Reiches ein Wolf stand, genauer eine Wölfin. Hier lernte ich auch den Spruch "homo homini lupus", also dass der Mensch dem Menschen ein Wolf sei. Das ließ mich wieder neu über das Rotkäppchen-Märchen rätseln. Welche Beziehung hatte der Jäger zur Großmutter? Und wie war eigentlich das Verhältnis von Rotkäppchen zu seiner Mutter? Als ich einmal zu sehr ins Grübeln geriet, holte mich der Lateinlehrer mit der Aufforderung, den nächsten Abschnitt zu übersetzen, in die Wirklichkeit zurück. Ich schwöre, dass er dabei wölfisch gelächelt hat.</p>

<p><img caption="Wolf in der Politik" alt="Ingo Wolf; Rechte: dpa" src="http://wdrblog.de/glossenblog/images/ingo_wolf1.jpg" width="120" height="160" align="left"  />Verleidet wurde mir der Wolf dadurch nicht. Zahllose Dokumentarfilme mit dem hochbeinigen Raubtier habe ich mir angeschaut, dazu natürlich jede Menge fiktiver Stoffe, von <a href="http://www.imdb.de/title/tt0310253/">"Wolfsziegel"</a> bis zum <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Der_Werwolf_von_Washington">"Werwolf von Washington"</a>, der eine hübsche Pointe hat. Als der amerikanische Präsident die Erklärung abgibt, dass man die Werwölfe endgültig besiegt habe, verwandelt er sich selbst in einen. Aber was sind schon Film und Fernsehen gegen der Wirklichkeit? Eine Haarprobe hat ans Licht gebracht, dass ein freilebender <a href="http://www.wdr.de/themen/panorama/27/wolf/index.jhtml?rubrikenstyle=panorama">Wolf in NRW</a> unterwegs war oder sogar noch ist. Das hat - wirklich! - Frau Wolff vom Regionalforstamt Hochstift bekannt gegeben. Diese Nachricht verspricht ein neues Prickeln beim Waldspaziergang. Nun hoffe ich inständig, dass der flugs ernannte Wolfsbeauftragte des Landes ganze Arbeit leistet und sich gegen die Landwirte durchsetzt. Vor allem muss er dafür sorgen, dass sich Ingo Wolf nicht für den Wolf zuständig erklärt. Denn dem NRW-Sicherheitsminister werden starke Sympathien für die Jäger nachgesagt.</p>

<p><a href="http://medien.wdr.de/radio/glossenblog/wdr_glosse_das_moderne_leben_100307.mp3"><strong>Audio: Generation Wolf</strong></a><p></strong></a><p>
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<category>Stephan Josef</category>
<pubDate>Sun, 07 Mar 2010 07:00:45 +0100</pubDate>

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<title>Vorwärts in die Antike</title>
<description><![CDATA[<p><img caption="Trocken, aber wichtig" alt="Griechisch-Unterricht; Rechte: dpa" src="http://wdrblog.de/glossenblog/images/griechisch_unterricht.jpg" width="160" height="120" align="right"  />Auf das moderne Leben hat mich die Schule unter anderem mit Latein- und Griechisch-Unterricht vorbereitet. Das haben meine Freunde, die lieber Französisch oder Italienisch lernten, oft belächelt. Das Lächeln dürfte ihnen allerdings in diesen Tagen vergehen. Denn nun zahlt es sich aus, dass ich mich jahrelang mit staubigen Texten und längst vergangenen Epochen beschäftigen musste. Wie schon ein weiser Mann wusste: Es gibt nichts Neues unter der Sonne. Mit den alten Griechen und Römern lässt sich manches erklären, was Jahrtausende später hierzulande geschieht.</p>

<p>Außenminister Westerwelle hat das erkannt und vor <a href="http://www.tagesschau.de/inland/westerwellehartziv100.html">spätrömischen Zuständen im deutschen Sozialstaat</a> gewarnt. Besser hätte er aber einige Jahrhunderte weiter zurückgeblickt und sich mit einer antiken Dreierkoalition beschäftigt: Das Bündnis von Crassus, Pompeius und Cäsar ist als <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Triumvirat">Triumvirat</a> in die Geschichte eingegangen und wollte sich das römische Reich untertan machen. Crassus hatte das Geld, Pompeius die Soldaten und Cäsar den politischen Instinkt. Die Voraussetzungen dieser Koalition waren somit noch deutlich besser als die von Westerwelle, Seehofer und Merkel – und sie scheiterte trotzdem, am Eigensinn der Akteure.</p>

<p><img caption="Triumvirat, aber nur kurz" alt="SPD-Wahlplakat mit Schröder, Scharping, Lafontaine; Rechte: dpa" src="http://wdrblog.de/glossenblog/images/wahlplakat.jpg" width="120" height="160" align="left"  />Das Beispiel lehrt, sich seine Partner sehr genau anzuschauen, bevor man mit ihnen ein Bündnis eingeht. Diese simple Erkenntnis wird aber immer wieder vergessen. Die erste deutsche Neuauflage des Triumvirats mit Scharping, Lafontaine und Schröder, als <a href="http://www.60xdeutschland.de/die-spd-troika-verliert-die-wahl/">Troika</a> in die Geschichte der Sozialdemokratie eingegangen, war zu Ende, kaum dass die entsprechenden Werbeplakate abgehängt waren. Und das aktuelle Berliner Bündnis wird dem staunenden Publikum als Liebeshochzeit verkauft, wo doch allzu offensichtlich ist, dass im Vergleich selbst die vorherige Zweckehe zwischen Union und SPD wie der reinste Honeymoon erscheint. Zwischen Angela, Guido und Horst dagegen <a href="http://www.tagesschau.de/kommentar/kommentar428.html">fliegen die Fetzen</a>.</p>

<p>Vielleicht hilft in dieser Situation die Feindesliebe, zu der uns das Christentum auffordert. Vorbildlich praktiziert diese der Arbeitskreis Kölner Archivarinnen und Archivare (AKA). Er feiert diese Woche den Tag der Archive, und er tut das gemeinsam mit den Kölner Verkehrsbetrieben. Vorgestellt wird unter anderem eine neu gestaltete <a href="http://www.kvb-koeln.de/german/news/press.html?NID=1178">"Archiv-Bahn"</a>, die "auch über den Tag der Archive hinaus auf die Vielfalt und den Wert der Kölner Archive in der Öffentlichkeit hinweisen wird". Dass im vergangenen Jahr das wichtigste Kölner Archiv in eine U-Bahn-Baugrube der KVB stürzte, wird in der Mitteilung nicht erwähnt. Hier wird eben nicht kleinlich nachgehakt und aufgerechnet wie in der Politik. Vielleicht liegt das ja daran, dass Menschen, die mit alten staubigen Texten umgehen, gelassener auf die Zeitläufte blicken. Es gibt eben nichts Neues unter der Sonne, und die Zerstörung von heute ist das Kulturgut von morgen. </p>

<p><a href="http://medien.wdr.de/radio/glossenblog/wdr_glosse_das_moderne_leben_100228.mp3"><strong>Audio: Vorwärts in die Antike</strong></a><p></strong></a><p>
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<category>Stephan Josef</category>
<pubDate>Sun, 28 Feb 2010 07:00:38 +0100</pubDate>

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<title>Neue Männer müssen sein</title>
<description><![CDATA[<p><img caption="Wollte neue Männer" alt="Ina Deter; Rechte: dpa" src="http://wdrblog.de/glossenblog/ina_deter.jpg" width="120" height="160" align="right"  />Nein, ich bin nicht zum <a href="http://www.wdr.de/Fotostrecken/wdrde/Panorama/2010/02/maennerkongress.jsp">Männer-Kongress</a> nach Düsseldorf gefahren. Obwohl mich das Thema sehr gereizt hat: "Neue Männer – muss das sein?" Einst sang Ina Deters: "Neue Männer braucht das Land." Sind die jetzt schon wieder out? "Muss das sein?" ist jedenfalls meine Standardformulierung, wenn meine Kinder irgend etwas vorhaben, das ich sehr sehr abwegig finde.</p>

<p>Ich bin nicht gefahren, weil ich keine Lust auf Depressionen habe. Und die hätte ich mir bei den angekündigten Vorträgen gewiss geholt: "Der kranke Mann", "Der verlassene Mann", "Der entwertete Mann", "Der vaterlose Mann" – alles im 45-Minuten-Takt. Muss das sein? </p>

<p><img caption="Verordnete Selbstgenügsamkeit" alt="Aristoteles; Rechte: akg" src="http://wdrblog.de/glossenblog/aristoteles.jpg" width="120" height="160" align="left"  />Trotzdem sind mir diese Formulierungen nicht mehr aus dem Kopf gegangen. Denn zu jedem Titel fielen mir gleich passende Beispiele ein, ob ich wollte oder nicht. "Der kranke Mann" wurde früher einmal die Türkei genannt: "Der kranke Mann am Bosporus." Inzwischen ist diese Infektion wohl westwärts gewandert und die EU schlägt sich mit dem <a href="http://www.tagesschau.de/wirtschaft/athen334.html">kranken Mann an der Ägäis</a> herum. Die Erfinder von Demokratie und Philosophie haben die Ökonomie offensichtlich sträflich vernachlässigt. Jetzt müssen sie sich wohl oder übel auf ihren großen Aristoteles besinnen. Nicht den Onassis. Sondern den, der in seiner "Nikomachische Ethik" schrieb: "Glück ist Selbstgenügsamkeit".</p>

<p><img caption="Das waren noch gute Zeiten im Norden ..." alt="Sigmar Gabriel; Rechte: dpa" src="http://wdrblog.de/glossenblog/sigmar_gabriel.jpg" width="160" height="120" align="right"  />Wenn ich dagegen vom "verlassenen Mann" höre, sehe ich sofort <a href="http://www.tagesschau.de/inland/interviewspd102.html">Sigmar Gabriel</a> vor mir. Ein raumgreifendes Mannsbild – aber der Raum um ihn herum ist viel zu groß und leer: die Ruine der Volkspartei SPD. Die Wähler haben ihn verlassen. Jetzt tut er, was verlassene Männer gern tun: betrachtet wehleidig die eigenen Wunden und beschäftigt sich nur mit sich selbst und seinen besten Freunden. </p>

<p><img caption="... und im Süden!" alt="Horst Seehofer; Rechte: dpa" src="http://wdrblog.de/glossenblog/horst_seehofer.jpg" width="160" height="120" align="left"  />Da geht es dem Gegner allerdings auch nicht besser. <a href="http://www.br-online.de/aktuell/politischer-aschermittwoch-2010-DID1266224162706/index.xml">Horst Seehofer</a> stellt geradezu idealtypisch den "entwerteten Mann" dar. Die Krise der Partei hat ihn an deren Spitze und die Bayerns gebracht. Aber die Krise ist geblieben. Jetzt geht es Seehofer so wie einem Mann in einer Dreiecksbeziehung: Er muss ein irgendwie geregeltes Verhältnis zum Nebenbuhler finden. Der heißt <a href="http://www.tagesschau.de/inland/westerwelle392.html">Westerwelle</a>.</p>

<p><img caption="Undiplomatischer Chefdiplomat" alt="Guido Westerwelle; Rechte: dpa" src="http://wdrblog.de/glossenblog/guido_westerwelle.jpg" width="160" height="120" align="right"  />Womit wir beim "vaterlosen Mann" wären. Ich weiß zwar nichts von Guido Westerwelles Kindheit. Aber ein Erziehungsproblem ist mit Händen zu greifen: Der Mann hat schlechte Manieren. Er wurde zum Chefdiplomaten der Republik berufen, aber er profiliert sich, indem er kleine Leute beschimpft. Tragisch, wenn in einer solchen Situation eine Frau die Chefin ist. Da fehlt die starke Hand, die einmal deutlich die Grenzen aufzeigt. Und die kann auch der <a href="http://www.wdr.de/themen/politik/landtagswahl_2010/fdp/100217_analyse.jhtml">kleine Bruder Pinkwart</a> nicht ersetzen, der sich hilflos um Schadensbegrenzung bemüht.</p>

<p>Es wäre gut, wenn die Parteiführer als Männergruppe auf den politischen Aschermittwoch einen psychotherapeutischen Fastensonntag in Düsseldorf hätten folgen lassen. Aber sie sind, so wie ich, nicht zum Männerkongress gefahren. Dessen Titel war einfach zu soft. Neue Männer braucht das Land. Bestimmt. Dringend.</p>

<p><a href="http://medien.wdr.de/radio/glossenblog/wdr_glosse_das_moderne_leben_100221.mp3"><strong>Audio: Neue Männer müssen sein</strong></a><p></strong></a><p>]]></description>
<link>http://wdrblog.de/glossenblog/archives/2010/02/neue_manner_mussen_sein.html</link>
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<category>Doktor Gregor</category>
<pubDate>Sun, 21 Feb 2010 07:00:00 +0100</pubDate>

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<title>Jan, Valentin und der treue Husar</title>
<description><![CDATA[<p><img caption="Küsschen oder mehr?" alt="Küssende Jecke; Rechte: ddp" src="http://wdrblog.de/glossenblog/images/karnevalskuss.jpg" width="160" height="120" align="right"  />In diesen kalten Tagen wächst die Sehnsucht nach allem, was Herz und Glieder wärmt. Vor allem dem Rheinländer bietet der Kalender dazu gleich zwei Möglichkeiten: den Karneval und den Valentinstag. Im Karneval kann man und frau sich warm schunkeln, mit Hilfe von reichlich Alkohol für innere Wärme sorgen und durch zwanglose Annäherung ans andere oder - je nach Neigung - eigene Geschlecht für heiße Momente sorgen. Der Valentinstag dagegen ist sozusagen eine Aufwärmstube für Beziehungen, selbst erkaltete: Wichtige Zutaten sind hierfür Blumensträuße, liebevoll gedeckte Frühstückstafeln oder Überraschungsreisen, am besten in karnevalsfreie Regionen.</p>

<p><img caption="Aus Bauer wird General" alt="Szene aus dem Historienspiel Jan und Griet; Rechte: WDR" src="http://wdrblog.de/glossenblog/images/jan_und_griet.jpg" width="160" height="120" align="left"  />Denn das närrische Treiben ist von jeher eng mit dem hemmungslosen Flirt bis hin zum Fremdgehen verbunden, weshalb etwa Frank Plasberg das Thema Treue am Tag vor Weiberfastnacht <a href="http://www.wdr.de/themen/global/webmedia/webtv/getwebtv.phtml?ref=3251" target=_new>hart aber fair</a> diskutieren ließ. Dabei ist das karnevalistische Leben bei näherem Hinsehen durchaus vielschichtig: Während die einen den <a href="http://www.treuerhusar.de/inhalt.php?id=19">treuen Husaren</a> besingen, fühlen sich andere eher der Weisheit verpflichtet, dass am Aschermittwoch alles vorbei ist: "Die Schwüre von Treue, sie brechen entzwei." In Köln warnt das Historienspiel von <a href="http://www.koeln-suedstadt.de/cms/index.php?id=219">"Jan und Griet"</a> zum Karnevalsauftakt davor, sich berechnend der Liebe zu nähern. Das Spiel erinnert an den armen Bauernjungen "Jan von Werth". Jan verliebt sich in Griet und macht ihr einen Heiratsantrag, den sie ablehnt. Als Jan zum Reitergeneral aufsteigt und Jahre später Griet wiedertrifft, ist der Katzenjammer bei ihr natürlich groß.</p>

<p><img caption="Heiliger mit Neigung zu Blumen und Pazifismus" alt="Der nachträglich kolorierte Holzschnitt um 1825 stellt den Heiligen Valentin dar; Rechte: akg images" src="http://wdrblog.de/glossenblog/images/hl_valentin.jpg" width="120" height="160" align="right"  />Auf den ersten Blick netter ist die Legende vom <a href="http://kirchensite.de/index.php?myELEMENT=62485">heiligen Valentin</a>, angeblich Bischof im italienischen Terni, einem Städtchen nordöstlich von Rom, im dritten nachchristlichen Jahrhundert. Der fromme Mann soll Paare und Verliebte immer mal wieder mit Blumengeschenken aus seinem bischöflichen Garten überrascht haben, wofür ihm heute noch alle Floristen dankbar sind. Allerdings nahm Valentins Geschichte ein schlimme Ende: Weil er nicht nur Blumen verteilte, sondern auch zum Boykott des Kriegsdienstes aufgerufen haben soll, ließ ihn der römische Kaiser töten. Gottlob ist die Kriegsdienstverweigerung inzwischen ungefährlicher geworden, wie auch die Krieger, zumindest als Husaren im Karneval.</p>

<p><img caption="Schmusekatzen" alt="Schneeleoparden; Rechte: dpa" src="http://wdrblog.de/glossenblog/images/schneeleopard.jpg" width="160" height="120" align="left"  />Gefährlich bleibt aber der Karneval für Paare, weil eben nicht nur treue Husaren Zugweg und Kneipen bevölkern. Mein Freund Heinz hat das Problem pragmatisch gelöst. Vor einigen Jahren hat er im Karneval seine jetzige Freundin kennen gelernt und kurz darauf seine Frau verlassen. Seither feiert er nicht mehr Karneval. Mit seiner neuen Freundin fährt er vorsichtshalber weg. Nur in diesem Jahr bleiben die beiden zuhause und verbringen den Valentinstag im Krefelder Zoo, um bei einer romantischen Führung, wie der Tiergarten verspricht, "schmusende Schneeleoparden" und "kuschelnde Kängurus" zu beobachten. Doch auch Karneval feiernde Paare können hoffen, dass ihre Beziehung nicht in Scherben endet. Köln hat nämlich ein <a href="http://www.wdr.de/themen/freizeit/brauchtum/karneval_2010/geschichten/glasverbot/100210.jhtml?rubrikenstyle=karneval_2010">Glas- und Flaschenverbot</a> in den Frohsinns-Zentren erlassen.</p>

<p><a href="http://medien.wdr.de/radio/glossenblog/wdr_glosse_das_moderne_leben_100214.mp3"><strong>Audio: Jan, Valentin und der treue Husar</strong></a><p></strong></a><p>]]></description>
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<category>Stephan Josef</category>
<pubDate>Sun, 14 Feb 2010 07:00:21 +0100</pubDate>

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<title>Rudern oder treten?</title>
<description><![CDATA[<p>Durch diesen endlosen Winter kann man sich allmählich nur noch mit Tagträumen retten. Ich stelle mir zum Beispiel gern die ersten Frühlingsausflüge mit der Familie vor. Kaum wird es warm, fahren wir zu einem nahen See und diskutieren die beliebte Streitfrage: Ruder- oder Tretboot? Ich persönlich mag das altertümliche, hölzerne Ruderboot und seine Ausstrahlung von Ruhe und Romantik. Nicht so mein Jüngster, der findet: "Da fährt man immer rückwärts."</p>

<p><img caption="Auf der Stelle rudern" alt="Ruderer an Trainingsgerät; Rechte: WDR/Bröker" src="http://wdrblog.de/glossenblog/rudern.jpg" width="160" height="120" align="left"  />In Wahrheit sitzt man natürlich nur mit dem Rücken zur Fahrtrichtung. Aber auf das Kind wirkt das, als würde man zurückrudern. Das ist so ähnlich wie bei <a href="http://www.wdr.de/themen/politik/nrw05/koalitionspartner/100202.jhtml">Andreas Pinkwart</a>: Erst war er mit der gesamten FDP für Steuererleichterungen zugunsten der Hoteliers. Dann wollte er sie wieder zurücknehmen. Und jetzt hat er diese Rücknahmeforderung auch wieder zurückgenommen. Das ist viel Bewegung, ohne dass sich etwas bewegt. Aber vielleicht trainiert Pinkwart ja für die heiße Phase des NRW-Wahlkampfs. So wie die <a href="http://www.wdr.de/Fotostrecken/wdrde/Sport/2010/01/indoor_rudern.jsp">Ruderer</a>, die kürzlich in der Dortmunder Westfalenhalle auf dem Trockenen und auf der Stelle ruderten, um sich auf die neue Saison vorzubereiten. Da ist die Richtung dann auch völlig egal.</p>

<p><img caption="Familienidyll Tretboot" alt="Tretboot; Rechte: WDR/Euckenroth" src="http://wdrblog.de/glossenblog/tretboot.jpg" width="160" height="120" align="right"  />Aber eigentlich wollte ich ja von unserem Familienausflug träumen. Dass die Kinder meist das Tretboot vorziehen, ist verständlich: Denn das Lenkrad ist cooler als die Ruder. Außerdem können stets zwei gemeinsam für den Antrieb sorgen. Das wiederum sorgt aber oft für Streit: "Du trittst ja gar nicht mit!", schreit einer. Oder die Kinder werden sich über die Richtung nicht einig. Dann trampelt der Bruder das Boot vorwärts und die Schwester zurück. Im Ergebnis bewegen sich beide so wenig wie die erwähnten Trockenruderer. Also rufen sie nach einem Machtwort der Mama. Das Tretboot ist somit ein vollendetes Symbol für die regierende Koalition. Wenn meine Kinder dann auch noch im Streit beginnen, nicht mehr das Boot, sondern sich gegenseitig zu treten – und dabei ständig in Gefahr geraten, ins Wasser zu purzeln: Dann denke ich erst recht an <a href="http://www.tagesschau.de/schwarzgelb124.html">Berlin</a>.</p>

<p><img caption="Raus aus der Tretmühle" alt="Seeufer; Rechte: ddp/Koch" src="http://wdrblog.de/glossenblog/seeufer.jpg" width="160" height="120" align="left"  />Hundert Tage rudern und treten sie dort jetzt schon, ohne ein Ziel zu erreichen. Ich dagegen weiß, dass meine Tagträume vom See in hundert Tagen gewiss Wirklichkeit sind. Einen Ort liebe ich dort übrigens noch deutlich mehr als Tretboot und Ruderboot: einen der Liegestühle am Ufer. Dort kann ich gelassen das Treiben auf dem Wasser verfolgen, aus der Distanz, und mir mit weisem Lächeln auf den Lippen das Bier von der Strandgaststätte schmecken lassen. Es ist dies eine Perspektive, aus der alle Mühen, sich über Wasser zu halten oder in diesem fremden Element voranzukommen, nicht mehr ganz so ernst erscheinen. Um die Perspektive des Beobachters einnehmen zu können, muss man allerdings zuvor etwas tun, was Politiker am meisten fürchten: zurücktreten.</p>

<p><a href="http://medien.wdr.de/radio/glossenblog/wdr_glosse_das_moderne_leben_100207.mp3"><strong>Audio: 
Rudern oder treten? </strong></a><p>]]></description>
<link>http://wdrblog.de/glossenblog/archives/2010/02/rudern_oder_treten.html</link>
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<category>Doktor Gregor</category>
<pubDate>Sun, 07 Feb 2010 00:05:38 +0100</pubDate>

</item>

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<title>Wenn der Müllmann dreimal klingelt</title>
<description><![CDATA[<p><img caption="Herausforderung in grau und braun" alt="Mülltonnen; Rechte: mauritius" src="http://wdrblog.de/glossenblog/images/muell_tonnen.jpg" width="160" height="120" align="right"  />Nach einem Spätdienst in der Redaktion würde ich gerne am folgenden Tag etwas länger schlafen. Meistens bleibt mein Wunsch aber unerfüllt. Das liegt daran, dass oft in aller Frühe der Müllmann Sturm klingelt und mich unsanft aus dem Schlaf holt. Montags holt er die Papiertonne aus dem Hof, dienstags die gelbe Tonne mit dem Grüne-Punkt-Müll und mittwochs die grauen Behälter mit dem Restmüll. Vielleicht träume ich deshalb manchmal, dass ich in einem Gerichtssaal sitze und eine Klage gegen die Abfallwirtschaftsbetriebe der Stadt Köln vorbringe. In dem wiederkehrenden Traum sitzen mir gegenüber auf der Anklagebank feixende Ratspolitiker in den Overalls der Stadtreinigung. Kurz bevor das Gericht sein Urteil sprechen kann, ist der Traum jedes Mal zu Ende. Weil der Müllmann klingelt.</p>

<p><img caption="Engel in orange" alt="Müllmann; Rechte: dpa" src="http://wdrblog.de/glossenblog/images/muell_mann.jpg" width="160" height="120" align="left"  />Im Wachzustand bin ich natürlich dankbar dafür, dass der Müllmann zuverlässig die vollen Abfalltonnen des Mietshauses, in dem ich wohne, vom Hof auf die Straße bugsiert, sie dort in den Müllwagen entleert und sie wieder im Hof abstellt, aufnahmebereit für neuen Müll. Und natürlich bin ich auch ein glühender Verfechter der Mülltrennung, ein wenig hat die Ökologiebewegung schließlich auch mich bewegt. Gewissenhaft habe ich mich mit den Fragen beschäftigt, wohin der Grünschnitt unseres kümmerlichen Rasens gehört, wo Batterien zu entsorgen sind und in welche Tonne der Plastikmüll zu stopfen ist.</p>

<p><img caption="Desaster in braun" alt="Biotonne; Rechte: WDR" src="http://wdrblog.de/glossenblog/images/biotonne.jpg" width="160" height="120" align="right"  />In unserem Haus hat die Mülltrennung leider für eine Störung des ansonsten harmonischen Miteinanders gesorgt. Manfred aus dem Erdgeschoss isst gerne und oft Döner, was selbst im Hausflur gut zu riechen ist. Seit Jahresbeginn quält er sich mit einer Diät – nach der Methode "FdH": Manni isst seinen täglichen Döner also nur zur Hälfte auf, der Rest landet im Biomüll. Das sorgte bei Silke aus dem Dachgeschoss vor kurzem für einen Schock, als sie den Deckel der Biotonne öffnete. Erst umhüllte sie eine Knoblauchwolke, und dann entdeckte Silke Mannis Döner-Hinterlassenschaften, neu belebt von fetten weißen Maden. "Fleisch gehört nicht in die Biotonne", kreischte Silke, deutlich hörbar bis in meine Wohnung im dritten Obergeschoss.</p>

<p>Axel aus dem ersten Stock ist Finanzbeamter, ein ruhiger Typ und ein Mann mit Prinzipien. Vor zwei Wochen wurde ich Zeuge, wie er fast ausflippte. Axel wollte einen gelben Sack mit seinen Plastikabfällen in die Gelbe Tonne stopfen. Die war aber schon voll, offensichtlich mit Kunststoff-Abfällen von Silke. "Kann denn keiner hier ordentlich seinen Müll entsorgen", zeterte Axel über den Hof. Er hatte entdeckt, dass Silkes Plastikmüll der grüne Punkt fehlte und nach der ortsüblichen Müll-Logik in die Restmüll-Tonne gehörte. Seither ist Silke eingeschnappt und hat aus Trotz damit begonnen, auch die Windeln ihres Kindes in die Gelbe Tonne zu stopfen. </p>

<p>Die angespannte Atmosphäre im Haus, da bin ich mir sicher, wird sich aber schon bald wieder entspannen. Manni wird seine Diät nicht mehr lange durchhalten und seine Döner wieder vollständig vertilgen. Silkes Kleiner wird aus den Windeln rauswachsen. Die <a href="http://www.wdr.de/themen/wirtschaft/wirtschaftsbranche/entsorgung/duales_system/280110.jhtml">Abfallbranche plant</a>, die Entsorgung von Plastikmüll ohne Grünen Punkt in der Gelben Tonne zuzulassen. Und ich werde mir Ohrenstöpsel kaufen. Aber wo entsorge ich die später bloß?</p>

<p><a href="http://medien.wdr.de/radio/glossenblog/wdr_glosse_das_moderne_leben_100131.mp3"><strong>Audio: 
Wenn der Müllmann dreimal klingelt </strong></a><p>]]></description>
<link>http://wdrblog.de/glossenblog/archives/2010/01/wenn_der_mullmann_dreimal_klin.html</link>
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<category>Stephan Josef</category>
<pubDate>Sun, 31 Jan 2010 07:00:41 +0100</pubDate>

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<title>Mehr (Er-)Leben </title>
<description><![CDATA[<p><img caption="Keine Hilfe" alt="Philosophieunterricht/Rechte: WDR/Unkel" src="http://wdrblog.de/glossenblog/images/philosophieunterricht.jpg" width="160" height="120" align="right"  />In der elften Klasse stand das erste Mal Philosophie auf meinem Stundenplan. Das traf sich gut, weil ich mich, durch die Pubertät bedingt, sowieso fortwährend mit grundlegenden, mitunter philosophischen Fragen beschäftigte: Wer bin ich? Warum bin ich anders als die Anderen? Was hat Hermann, das ich nicht habe? Warum interessiert sich Claudia für Hermann und nicht für mich? Hat das Leben trotz allem einen Sinn, und wenn ja, welchen? </p>

<p>Befriedigende Antworten bekam ich allerdings kaum, weder von mir selbst, von meinen Freunden noch im Philosophieunterricht. Dort war das beherrschende Thema Anthropologie, also der Mensch im Allgemeinen und Grundsätzlichen. Der ist noch unfertig, wenn er auf die Welt kommt, und sowieso ein "Mängelwesen", lernte ich. Eine nicht gerade aufbauende Erkenntnis, wenn man sich mit Selbstzweifeln herumschlägt. Tröstlich war allerdings, dass dieses Etikett nicht nur auf mich zutraf, sondern in gleicher Weise auf Hermann. </p>

<p><img caption="Hilfe in allen Lebenslagen" alt="Smartphone beim Tanken; dpa" src="http://wdrblog.de/glossenblog/images/smartphone_tank.jpg" width="160" height="120" align="left"  />Zum Ausgleich seiner Mängel, so dozierte der Philosophielehrer, sei der Mensch auf andere Menschen angewiesen und habe zudem Werkzeuge und Maschinen erfunden. Der Keil war sozusagen die erste Applikation für unsere steinzeitlichen Vorfahren, die auf der Suche nach Beute durch den Wald streiften. Heutzutage laufen wir mit dem Smartphone durch die Gegend und lassen uns von ihm anzeigen, wo die nächste Dönerbude ist oder ob das Museum um die Ecke noch geöffnet hat. Mini-Programme, so genannte Apps, machen aus dem Mängel-Instrument Handy einen Tausendsassa. Mehr als 100.000 Apps wurden inzwischen allein für den Marktführer entwickelt.</p>

<p>Für Schüler gibt's eine Stundenplan-App, für Musikfreunde die "Pandora"-App, für Schützenbrüder die App <a href="http://www.wdr.de/themen/computer/telekommunikation/iphone/index.jhtml">"Bullet Flight"</a>, das beim Zielen hilft. Weitere Apps sind angeblich in der Entwicklung, wenn nicht schon auf dem (Schwarz-)Markt: "Exit" soll Knastinsassen einen Einblick in die Dienstpläne der JVAs ermöglichen und Ausbruchspläne optimieren. "Watch" soll Politikern signalisieren, wenn ihre Reden mitgeschnitten werden. Doch das Verrückte am modernen Leben ist, dass es gleichzeitig immer einfacher und immer komplizierter wird. Es gibt inzwischen so viele kleine hilfreiche Programme, dass ich schon wieder den Überblick verloren habe. Aber vielleicht gibt es ja bald eine Apps-Überblick-App, und mit ihrer Hilfe werde ich voller Hoffnung nach der ultimativen App für mich suchen – der Glossen-App.</p>

<p><a href="http://medien.wdr.de/radio/glossenblog/wdr_glosse_das_moderne_leben_100124.mp3"><strong>Audio: Mehr (er-)leben?</strong></a><p>
]]></description>
<link>http://wdrblog.de/glossenblog/archives/2010/01/mehr_er-leben.html</link>
<guid>http://wdrblog.de/glossenblog/archives/2010/01/mehr_er-leben.html</guid>
<category>Stephan Josef</category>
<pubDate>Sun, 24 Jan 2010 00:00:02 +0100</pubDate>

</item>

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<title>Flüchten oder standhalten?</title>
<description><![CDATA[<p><img caption="Er war drin" alt="Boris Becker in Werbespot; Rechte: dpa" src="http://wdrblog.de/glossenblog/aol.jpg" width="160" height="120" align="left"  />Damals, als ich meinen ersten DSL-Anschluss bestellte, war Boris Becker richtig in. Nicht nur das: Er war schon drin. Weil ich mit Boris weder Sportlichkeit noch Sexappeal gemeinsam habe, wollte ich wenigstens den Anschluss mit ihm teilen. So wurde ich Kunde bei AOL und durfte so täglich eine Frauenstimme hören, von der ich wusste, dass sie auch Boris stets nah war. Sie sagte nur einen Satz: "Sie haben Post."</p>

<p>Dann kam eine Zeit, in der Boris nur noch bei Kerner und Becker in war. Statt "drin sein" war jetzt "raus und rein" angesagt: Monatlich wechselte man den DSL-Anbieter, weil es immer noch günstigere Tarife gab. Ein paar Mal machte ich das mit und bin also längst nicht mehr bei AOL. Trotzdem hat mich die Meldung irgendwie berührt: <a href="http://wdrblog.de/joergschieb/archives/2010/01/aufstief_und_fa.html">Jetzt ist AOL raus</a>, verlässt Deutschland. Boris hat das schon vor Jahren getan, aus dem selben Grund: um Geld zu sparen. </p>

<p><img caption="Auch frisch drin: Im Bundestag" alt="Petra Kelly und Marieluise Beck; Rechte: dpa" src="http://wdrblog.de/glossenblog/02die_gruenen.jpg" width="160" height="120" align="right"  />Da frage ich mich unwillkürlich, wie ich es in diesem teuren Land noch aushalten kann. Wenn solche Größen, an die man sich gewöhnt hat, einfach verschwinden, macht einen das irgendwie betroffen. Die Formulierung, nach der einen irgendetwas irgendwie betroffen macht (und sei es auch nur "ein Stück weit"), stammt aus der Zeit, als ich erwachsen wurde. Damals wurden <a href="http://www.tagesschau.de/multimedia/bilder/geschichtegruene106.html">die Grünen gegründet</a>. Sie hatten schnell Erfolg, weil damals vieles die Menschen total betroffen machte: das Waldsterben, die Wiederaufbereitungsanlage, die Nachrüstung. Später machte der Tod von Petra Kelly, der ersten grünen Heiligen, echt betroffen. Aber so musste sie nicht mehr erleben, wie die Grünen deutsche Kriegseinsätze durchwinkten, mit der Atomlobby windelweiche Ausstiegsverträge aushandelten und mit Gerhard Schröder um den schickeren Anzug konkurrierten. Das wiederum hat meine Freundin Elke so betroffen gemacht, dass sie (ein Gründungsmitglied!) aus der Partei austrat.</p>

<p>Während Firmen und Reiche ihrer Heimat leichthin den Rücken kehren, kehrt politischen Idealisten gern mal die Heimat den Rücken zu. Die Mitglieder bleiben auf ihrem Standpunkt, aber die Partei zieht davon. Davon können die Urgrünen ebenso ein Lied singen wie die Altsozis, aber einem Strauß-Fan wird es in der CSU auch nicht anders gehen. Während die Firmen Lohnkosten und die Reichen Steuern einsparen, sparen Parteien, wenn es um die Macht geht, bevorzugt an den Überzeugungen.</p>

<p><img caption="Kulturlandchaft" alt="Ruhrgebietslandschaft; Rechte: dpa" src="http://wdrblog.de/glossenblog/02ruhr_region.jpg" width="160" height="120" align="left"  />"Keine Fundi hat es so lange ausgehalten wie Du", tröste ich Elke, die eine ähnlich quälende Beziehungskrise mit ihrer Partei durchgemacht hat wie Wolfgang Clement mit der SPD – nur sozusagen umgekehrt. Sie wollte sogar schon mal auswandern, nach Österreich, weil man dort konsequent keinen Atomstrom hat. Dafür hatte man Haider. Norwegen fand sie auch sehr öko. Aber die Norweger killen Wale. Also blieb sie – und machte sich damit die Losung zu eigen, die Bewohner der <a href="http://www.wdr.de/themen/homepages/kulturhauptstadt_2010.jhtml">Kulturhauptstadts-Region</a> gern für ihre Heimatverbundenheit angeben. Ich las sie kürzlich bei dem Revierliteraten Frank Goosen. Glaubt man ihm, dann kennt man im Pott den besten Grund dafür, warum wir unseren DSL-Anschluss, unsere Partei, den Hausarzt, die Hausbank und auch die Heimat eher ungern wechseln. Denn auch wenn er arbeitslos ist, die Zeche zu, die Kommune pleite, sagt der Ruhri: "Woanders is auch scheiße."</p>

<p><a href="http://medien.wdr.de/radio/glossenblog/wdr_glosse_das_moderne_leben_100117.mp3"><strong>Audio: Flüchten oder standhalten?</strong></a><p>]]></description>
<link>http://wdrblog.de/glossenblog/archives/2010/01/fluchten_oder_standhalten.html</link>
<guid>http://wdrblog.de/glossenblog/archives/2010/01/fluchten_oder_standhalten.html</guid>
<category>Doktor Gregor</category>
<pubDate>Sun, 17 Jan 2010 09:00:00 +0100</pubDate>

</item>

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<title>Fantastische Landespolitik</title>
<description><![CDATA[<p>Sehr geehrte Frau van Dinther, liebe Landtagspräsidentin,</p>

<p>klar, ich weiß, dass ich nicht mehr zwischen 12 und 22 bin. Ich kann aber trotzdem nicht an mich halten und möchte mich an Ihrem <a href="http://www.wdr.de/themen/kurzmeldungen/2010/01/05/schreibwettbewerb_zur_landtagswahl.jhtml">kreativen Schreibwettbewerb</a> beteiligen. Beim Lesen Ihrer Ausschreibung habe ich mich gleich wieder jung gefühlt, wie damals in der Schule, als spannende, ansprechende Themen unsere Begeisterung für den "Besinnungsaufsatz" weckten. So auch bei dem von Ihnen ausgelobten Thema: "Die Wahl haben". "Der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt", schreiben Sie, und das hat meine Fantasie sofort angeregt. "Lustig, ernst, dramatisch, ironisch, sachlich oder Science Fiction" dürfe es sein. Das allein kommt mir irgendwie schon wie eine Beschreibung der Landespolitik vor.</p>

<p><img caption="Ohne Furcht" alt="Jürgen Rüttgers; Rechte: dpa" src="http://wdrblog.de/glossenblog/images/ruettgers_ansprache.jpg" width="120" height="160" align="left"  /><strong>Lustig</strong>, ja launig hat Ministerpräsident Rüttgers dieses Wahljahr mit seiner <a href="http://www.wdr.de/themen/politik/nrw02/neujahrsansprache_2010.jhtml">Neujahrsansprache</a> eröffnet, in der er einen Satz sprach, von dem ich kaum loskomme: "Furcht verhindert Zukunft." Wie gern würde ich einen Lehrgang ähnlich dem im Märchen der Gebrüder Grimm absolvieren. Denn hätte ich das Fürchten gelernt, dann könnte ich die ganze unsichere, düstere Zukunft verhindern, vor der ich mich - nun ja: fürchte. Ich könnte die Zeit etwa Sonntag nachmittags um drei beim Tee anhalten, eine Stunde, zu der ich regelmäßig mit der Zukunft des Montagmorgens nichts zu tun haben möchte.</p>

<p><img caption="Weniger Soli!" alt="Hannelore Kraft; Rechte: ddp" src="http://wdrblog.de/glossenblog/images/kraft3.jpg" width="120" height="160" align="right"  />Aber im <strong>Ernst</strong>: Angesichts der Lage der kommunalen Finanzen kann man sich auch ohne Gebrüder Grimm gewaltig fürchten. Statt die Zukunft zu verhindern, möchte Rüttgers' Herausforderin <a href="http://www.wdr.de/themen/kurzmeldungen/2010/01/06/spd-vorsitzende_kraft_fordert_veraenderungen_am_solidarpakt_ii.jhtml">Hannelore Kraft</a> aber lieber bei den Ossis sparen und die Kürzungen beim Soli den klammen Städten unseres Landes zugute kommen lassen. Das ist endlich mal ein Wahlversprechen, das sich nicht vor der Frage drückt, woher man das Geld für Wohltaten nehmen möchte! </p>

<p><img caption="Der Westfale" alt="Werner Szybalski; Rechte: ddp" src="http://wdrblog.de/glossenblog/images/szybalski.jpg" width="160" height="120" align="left"  />Zu einem <strong>dramatisch</strong>en Kampf gegen solche Gelüste ruft jetzt die neu gegründete <a href="http://www.wdr.de/themen/politik/nrw04/westfalenpartei/index.jhtml">Westfalenpartei</a> auf. Ihr Widerstand geht allerdings nicht gegen die Ossis, sondern gegen die Rheinländer. Die sichern sich in den Augen des Spitzenkandidaten Werner Szybalski stets die Rosenmontage der Landespolitik und überlassen den Westfalen die Aschermittwoche. Gut zwanzig Westfalen haben in einer Dortmunder Kneipe "Die Westfalen" gegründet. Der Wahlkampf der Partei hat allerdings mit dem Problem zu kämpfen, dass sich Sauerländer eher als Sauerländer fühlen denn als Westfalen, Siegerländer als Siegerländer und die im Ruhrgebiet als Ruhrgebietler. </p>

<p>Und damit bin ich beim kurzen <strong>ironisch</strong>en Teil meines Besinnungsaufsatzes: Ich würde gern eine Partei "Die Hemden" gründen. Die könnte eine echte Sammlungsbewegung werden. Denn ob Ossis, Wessis, Rheinländer oder Westfalen - allen ist das Hemd stets näher als die Hose. Nur als jetzt das neue <a href="http://www.wdr.de/themen/politik/nrw04/landtag_2009/transparenzgesetz/index.jhtml">Transparenzgesetz</a> des Landes in Kraft trat, dass die Gehälter von Managern öffentlicher Institutionen einsehbar machen soll, erinnerten sich die betroffenen Sparkassen- und Stadtwerksvorstände plötzlich auch an ihre Hosen und wollten sie keinesfalls runter lassen. </p>

<p>Aber bleiben wir <strong>sachlich</strong>: "Wir sind Deutschlands größtes Exportland und wollen es bleiben", sagt der Ministerpräsident. Ich glaube, dass schaffen wir. Nichts deutet darauf hin, dass NRW kleiner werden könnte. Ein NRW so klein wie das Saarland, das ist doch reine Grusel-<strong>Science-Fiction</strong>! Und wenn die Westfalen sich abspalten sollten, annektieren die Rheinländer eben Rheinland-Pfalz - und gemeinsam mit denen schaffen sie den Aschermittwoch ganz ab.</p>

<p><a href="http://medien.wdr.de/radio/glossenblog/wdr_glosse_das_moderne_leben_100110.mp3"><strong>Audio: Fantastische Landespolitik</strong></a><p>]]></description>
<link>http://wdrblog.de/glossenblog/archives/2010/01/fantastische_landespolitik.html</link>
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<category>Doktor Gregor</category>
<pubDate>Sun, 10 Jan 2010 10:00:42 +0100</pubDate>

</item>

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<title>Das fängt ja gut an!</title>
<description><![CDATA[<p><img caption="Verhexter Anfang" alt="Hexe; Rechte: dpa" src="http://wdrblog.de/glossenblog/images/hexe.jpg" width="120" height="160" align="right"  />"Jedem Anfang wohnt ein Zauberer inne", behauptete einmal mein früherer Chef. Das hat bei meinen literarisch gebildeten Kollegen damals für Heiterkeit gesorgt. Denn offensichtlich wollte unser Chef den guten alten Hermann Hesse zitieren, hatte aber aus dem richtigen "Zauber" einen falschen "Zauberer" gemacht. Auch ich hatte damals meinen Spaß, denn was gibt es Amüsanteres als Fehler von Vorgesetzten? Inzwischen schwant mir jedoch, dass in dem verhunzten Zitat eine tiefere Wahrheit verborgen liegt. Denn mancher Anfang, den ich seither erlebt habe, war alles andere als zauberhaft, eher so, als hätte ein Zauberlehrling daran herumgestümpert - oder gar eine missgünstige Hexe, so eine mit behaarter Warze. </p>

<p><img caption="Ein Kann an Silvester" alt="Party; Rechte: dpa" src="http://wdrblog.de/glossenblog/images/party.jpg" width="160" height="120" align="left"  />Gerade zum Jahreswechsel versuchen wir uns gerne selbst als Zauberer, tüfteln bis zuletzt an einem gelungenen Rutsch in den neuen Zeitabschnitt. Deshalb gehört die Frage "Was machst Du denn so an Silvester?" zu den Klassikern im Dezember. Auf die Frage gibt es in der Regel nur ausweichende Antworten. Moni etwa konnte sich vorstellen, mit ihrer Freundin Britta tanzen zu gehen. Allerdings nur, wenn Paul nicht auf die Idee käme, sie zu einem trauten Silvester zu zweit einzuladen. "Ich kann Silvester aber auch gut alleine zuhause verbringen", erklärte sie mir selbstbewusst. Gerald wollte es diesmal ruhiger angehen lassen, entweder nur mit seiner Freundin oder im "allerengsten Kreis" den Jahreswechsel erleben. Es sei denn, irgendwo gebe es noch eine "Knallerparty". Ich selbst war ebenfalls lange unentschlossen. Nach einer großen Party war mir diesmal nicht zumute, nach einer besinnlichen Runde mit meinen ältesten Freunden auch nicht. Alleine wollte ich aber auf keinen Fall sein, wegfahren auch nicht. Eine gemeinsame Feier mit Doktor Gregor kam nicht in Frage, schließlich wollte ich mir den Zauber des neuen Jahres nicht von jemandem trüben lassen, der sich - in seiner Freizeit! - mit dem Weltende beschäftigt und auch noch angekündigt hatte, besonders eindrucksvolle Raketen zu zünden.</p>

<p><img caption="Ein Muss an Silvester" alt="Sektgläser; Rechte: dpa" src="http://wdrblog.de/glossenblog/images/sektparty_glaeser.jpg" width="160" height="120" align="right"  />Schließlich fand ich mich Silvester wieder in einer Runde mit meiner alten Freundin Regina, meiner älteren Schwester samt Mann und meiner noch älteren Großtante. Nach Mitternacht stieß Doktor Gregor dazu, zum Glück hatte er seine Raketen und sein Pulver schon unverletzt verschossen. Es war eine nette Feier, wir aßen Kartoffelsalat und Würstchen, gossen Blei – und tranken jede Menge Sekt. Wie ich nach Hause kam, weiß ich nicht mehr genau. Es war wohl ein Taxi im Spiel.</p>

<p><img caption="Oft ein Muss an Neujahr" alt="WC; Rechtge: dpa" src="http://wdrblog.de/glossenblog/images/wc_brille_blau.jpg" width="160" height="120" align="left"  />Am Neujahrsmittag wachte ich auf. Mein Kopf war schwer. Ich versuchte mich zu erinnern, welche guten Vorsätze ich für das Jahr 2010 gefasst hatte. Es fiel mir nicht mehr ein. Ich wusste nicht einmal mehr, ob ich mir etwas vorgenommen hatte. Vorsätze, so dachte ich, werden sowieso überschätzt. Ich stolperte ins Bad, durch meinen Kopf schwirrte das Zauber-Gedicht des guten alten Hermann Hesse. Über die Toilette gebeugt fiel mir wieder die letzte Zeile ein: "Wohlan denn, Magen, nimm Abschied und gesunde!" Und schon war auch mein vergessener Vorsatz für 2010 wieder da: Loslassen.</p>

<p><a href="http://medien.wdr.de/radio/glossenblog/wdr_glosse_das_moderne_leben_100103.mp3"><strong>Audio: Das fängt ja gut an!</strong></a><p>
]]></description>
<link>http://wdrblog.de/glossenblog/archives/2010/01/das_fangt_ja_gut_an.html</link>
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<category>Stephan Josef</category>
<pubDate>Sun, 03 Jan 2010 07:00:00 +0100</pubDate>

</item>

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<title>Angst vor dem Ziegenhimmel</title>
<description><![CDATA[<p><img align="right" caption="Öko für die Kinder" alt="Kinder mit Kälbchen auf Bauernhof; Rechte: dpa" src="http://wdrblog.de/glossenblog/ferienhof.jpg" width="160" height="120"  />Vor einigen Jahren haben wir Urlaub auf einem Öko-Bergbauernhof in Österreich gemacht. Meine Freundin Elke hatte uns den Ferienhof empfohlen. Es war wirklich erholsam dort, viel Ruhe und gesundes Essen und Tiere zum Anfassen für die Kinder. Für die Erwachsenen interessant waren vor allem die Miturlauber, echte Persönlichkeiten aus den unterschiedlichsten Richtungen ökologischer bis esoterischer Überzeugungen. Ich fühlte mich wie auf einer Party von Elke. Da gab es zum Beispiel ein älteres Ehepaar, das – der kleinen Pensionsszimmer wegen – stets im Aufenthaltsraum seine Matten ausbreitete und Yoga übte. Die beiden aßen streng vegan. Und als sie im Gespräch herausgefunden hatten, dass ich mich in der Theologie auskenne, bekam ich eines Tages die Frage gestellt: "Aber Jesus hat doch nicht wirklich das Osterlamm gegessen, oder??“</p>

<p><img align="left" caption="Kein vegetarisches Essen" alt="Letztes Abendmahl; Rechte: akg" src="http://wdrblog.de/glossenblog/abendmahl.jpg" width="160" height="120"  />Ich begriff erst nicht, worum es ging. Die beiden verbanden Buddhismus und Christentum auf kreative Weise und konnten sich nicht damit abfinden, dass der Sohn Gottes Fleisch gegessen haben könnte. Leider musste ich antworten, dass Jesus wohl wie ein Jude seiner Zeit eben Lamm zum Paschafest gegessen habe. Was Jesus zu Weihnachten gegessen hat, weiß ich auch als Theologe nicht. Es war ja sein Geburtstag, und was wir - mehr als 2000 Jahre später - daraus machen würden, ahnte er wohl nicht. Bei uns gab es diesmal zu Weihnachten Pute, und zwar Bio-Pute. Elke kennt da einen Bauern, bei dem man sie kaufen kann. Eine ehemals glückliche Pute lässt sich mit leichterem Gewissen essen als eine vielleicht schon <a href="http://www.wdr.de/themen/kurzmeldungen/2009/12/13/fleisch_gequaelter_gaense_in_nrw_serviert.jhtml">bei lebendigem Leib gerupfte Gans</a>. Und selbst eine Bio-Kuh ist zwar glücklich gewesen, hat aber Zeit ihres Lebens klimaschädlich gefurzt.</p>

<p><img align="right" caption="Schirmherrin theologischer Zoologie" alt="Jane Goodall mit Schimpansen; Rechte: dpa" src="http://wdrblog.de/glossenblog/janegoodall.jpg" width="160" height="120"  />Aber trotz ökologisch korrekter Pute fielen mir an den Festtagen wieder die veganen Joga-Senioren aus Österreich ein. Schuld daran war eine Meldung von dem kürzlich in Münster gegründeten <a href="http://www.wdr.de/themen/kultur/religion/theologische_zoologie/index.jhtm">Institut für Theologische Zoologie</a>. Unter der Schirmherrschaft der Schimpansenforscherin Jane Goodall soll dort den Tieren in der Theologie mehr Gerechtigkeit widerfahren als bisher. So erklärte der Gründer Rainer Hagencord, dass auch Tiere in den Himmel kommen würden. Das hat mich sehr beunruhigt.</p>

<p><img align="left" caption="Möchte man nicht zum Gegner haben" alt="Ziegen; Rechte: dpa" src="http://wdrblog.de/glossenblog/ziegen.jpg" width="160" height="120"  />Die Aussicht, wem man im Himmel alles wieder begegnen könnte, fand ich schon immer - sagen wir mal: zwiespältig. Die Aussicht, lauter auferweckten Wesen zu begegnen, die man im irdischen Leben einmal gegessen hat, ist allerdings neu. In der traditionellen Theologie mussten damit nur gläubige Kannibalen rechnen. Wenn Herr Hagencord jedoch Recht hat, bin ich nur froh, dass ich kein Niederländer bin. Denn dort, im <a href="http://wdrblog.de/glossenblog/archives/2009/11/dromedargouda_aus_shertogenbos.html">Land der Kamelmilch</a>, werden zur Zeit 36.000 Ziegen getötet, um die Ausbreitung der <a href="http://www.wdr.de/themen/gesundheit/krankheit/q_fieber/index_091221.jhtml">Ziegengrippe</a> zu verhindern. Ich möchte nicht irgendwann im Jüngsten Gericht 36.000 gehörnten Nebenklägern gegenüber sitzen. Da reichen mir schon die unseren Gehweg vollscheißenden Köter, die ich in Gedanken regelmäßig mit völlig ewigkeitsuntauglichen Flüchen belege. Vor ihren Haltern dagegen habe ich keine Angst. Die kommen bestimmt nicht in den Himmel.</p>

<p><a href="http://medien.wdr.de/radio/glossenblog/wdr_glosse_das_moderne_leben_091227.mp3"><strong>Angst vor dem Ziegenhimmel</strong></a><p>
]]></description>
<link>http://wdrblog.de/glossenblog/archives/2009/12/angst_vor_dem_ziegenhimmel.html</link>
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<category>Doktor Gregor</category>
<pubDate>Sun, 27 Dec 2009 09:00:11 +0100</pubDate>

</item>

<item>
<title>Rosa, Schäuble und der Schuldenberg</title>
<description><![CDATA[<p><img align="right" caption="Kleines Tier" alt="Sparschwein; Rechte: dpa" src="http://wdrblog.de/glossenblog/images/sparschwein.jpg" width="160" height="120"  />"Rosa" war rosafarben, wunderbar rund und hatte lustige Äuglein. Ich liebte Rosa und fütterte sie regelmäßig mit Groschen und 50-Pfennig-Stücken, die ich von Tanten und Onkeln zugesteckt bekam. Das Sparschwein wurde dadurch immer schwerer und verheißungsvoller. Würde das gesparte Geld reichen, um eine neue Lokomotive für meine Modelleisenbahn zu kaufen? Gespannt fieberte ich dem Tag entgegen, an dem das Schwein voll war und reif fürs Schlachten. Das geschah mit einem Hammer und war doppelt enttäuschend: Rosa war unwiederbringlich zerstört, und das Geld, das sie freigab, reichte nicht für die ersehnte Lok.</p>

<p><img caption="Großes Spielzeug" alt="Airbus A400M; Rechte dpa" src="http://wdrblog.de/glossenblog/images/airbus_a400m.jpg" width="160" height="120" align="left"  />Ähnliche Erfahrungen machen regelmäßig unsere Politiker. Bei jedem Regierungswechsel schaut der neue Finanzminister erwartungsvoll in die Staats-Kasse, reibt sich erst verwundert die Augen und bricht dann in Tränen aus. Denn immer ist in der Staatsschatulle weniger drin als benötigt. Lokomotiven könnte man von dem vorhandenen Geld zwar reichlich kaufen, sogar echte Große. Aber die Politiker wollen lieber anderes Spielzeug, einen <a href="http://www.tagesschau.de/wirtschaft/militaertransporter100.html">Riesen-Transporter</a> für die Bundeswehr etwa. Außerdem müssen ja auch die Geschenke, die man den Wählern versprochen hat, finanziert werden.</p>

<p><img caption="Hatte gut lachen" alt="Franz Josef Strauß; Rechte: dpa/Wieseler" src="http://wdrblog.de/glossenblog/images/fjstrauss.jpg" width="120" height="160" align="right"  />Als ich Rosa in Scherben schlug, saß die Bundesregierung noch in Bonn, der Finanzminister hieß <a href="http://www.fjs.de/politiker/finanzminister.html">Franz Josef Strauß</a> und der Bundeshaushalt wies einen Überschuss aus. Seitdem ist viel passiert: Die Bundesregierung sitzt inzwischen in Berlin und auf einem Berg von Schulden. Allein im kommenden Jahr sollen <a href="http://www.tagesschau.de/inland/haushalt156.html">rund 100 Milliarden</a> dazukommen. Denn die schwarz-gelbe Koalition will erst einmal kräftig Schulden machen, um dann kräftig auf die Schuldenbremse zu treten. Es muss also erst schlimmer werden, bevor es besser werden kann. Das erinnert mich ein wenig an Homöopathie, allerdings ist die Dosis der Neuverschuldung alles andere als homöopathisch.</p>

<p>Ich habe einen anderen finanzpolitischen Kurs eingeschlagen als Waigel, Eichel und Co. Mein erster Neuwagen beispielsweise war ein Lada Samara. Der war zwar nicht so schick wie die Golf-Modelle meiner Freunde, aber deutlich preiswerter. Außerdem ließ sich seine Anschaffung als Unterstützung von Gorbatschow, Glasnost und Perestroika verkaufen, schließlich wurde das Auto in Russland produziert. Mein nächster Wagen wird vielleicht ein Automatik-Modell. Dabei muss ich natürlich aufpassen. Denn wer von Selber-Schalten auf Automatik umsteigt, tritt gern schon mal gleichzeitig auf Gas und Bremse. Das scheint zwar politisch angesagt, produziert nach meiner Erfahrung jedoch vor allem eins - viel Qualm. </p>

<p><a href="http://medien.wdr.de/radio/glossenblog/wdr_glosse_das_moderne_leben_091220.mp3"><strong>Rosa, Schäuble und der Schuldenberg</strong></a><p>
]]></description>
<link>http://wdrblog.de/glossenblog/archives/2009/12/rosa_schauble_und_der_schulden.html</link>
<guid>http://wdrblog.de/glossenblog/archives/2009/12/rosa_schauble_und_der_schulden.html</guid>
<category>Stephan Josef</category>
<pubDate>Sun, 20 Dec 2009 07:00:45 +0100</pubDate>

</item>

<item>
<title>Die Allee der Verbannten</title>
<description><![CDATA[<p><img align="right" caption="Gestrenger Prophet: Johannes" alt="Johannes der Täufer; Rechte: akg" src="http://wdrblog.de/glossenblog/taeufer02.jpg" width="160" height="120"/><br />
Wer sich an den Adventssonntagen in eine Kirche verirrt, wird feststellen, dass dort weniger der Nikolaus eine Rolle spielt und schon gar nicht der Weihnachtsmann, wohl aber ein Mann namens Johannes der Täufer. Das ist dieser sittenstrenge Prophet, der einen Kamelhaarmantel trug und sich von Heuschrecken und wildem Honig ernährte, denn sein Arbeitsplatz lag in der judäischen Wüste. "Bereitet dem Herrn den Weg! Ebnet seine Straßen", rief er laut Bibel seinem Publikum zu. Und damit soll er Jesus, den kommenden Messias angekündigt haben.</p>

<p><img caption="Prophetischer Ort: Wüste Negev" alt="Wüste Negev; Rechte: dpa" src="http://wdrblog.de/glossenblog/negev.jpg" width="160" height="120" align="left" />Johannes blieb allerdings der sprichwörtliche Rufer in der Wüste. Weil seine Moralpredigten auch mit dem Herrscherhaus des Herodes ins Gericht gingen, landete sein Kopf auf einem königlichen Silbertablett. Spät, spät scheint seine Aufforderung, dem Herrn in der Wüste einen Weg zu bahnen, nun doch noch gehört worden zu sein. Und zwar im Düsseldorfer Umweltministerium. Und so begab es sich, dass <a href="http://www.wdr.de/themen/kurzmeldungen/2009/12/06/umhlenberg_reist_nach_israel.jhtml">Umweltminister Eckard Uhlenberg sich in den Tagen</a> des Advents 2009 nach Lehavim in der Wüste Negev begab. Dort weihte er feierlich die "Nordrhein-Westfalen-Allee" ein. Das ist eine einhundert Meter lange, von Bäumen gesäumte Straße. Sie soll "schattige Bereiche zur Erholung für die Anwohner und Besucher schaffen", sprach der Minister. Und er sah, dass es gut war - und reiste wieder ab.</p>

<p><img caption="War im Negev: Minister Uhlenberg" alt="Uhlenberg; Rechte: ddp" src="http://wdrblog.de/glossenblog/uhlenberg02.jpg" width="160" height="240" align="right"/>Eine schöne Geste - und doch bleiben Fragen zurück. Nicht nur die, wie Israelis wohl das Wort "Nordrhein-Westfalen-Allee" aussprechen. Sondern theologisch gewichtiger die, ob Herr Uhlenberg die Aufforderung des Propheten Johannes richtig ausgelegt hat. Hatte der wirklich an eine Baumreihe in der Wüste gedacht, die der Herr bequem durchschreiten kann, wenn er kommt? War das nicht eher moralisch gemeint? Der wörtliche Umgang mit der Bibel ist bekanntlich nicht immer richtig.</p>

<p><img caption="Bald im Negev? Hendrik Wüst" alt="Henrik Wuest; Rechte: ddp" src="http://wdrblog.de/glossenblog/wuest.jpg" width="160" height="120" align="left"/>Während der Minister die Wüste bepflanzte, ging es in Düsseldorf hoch her: <a href="http://www.wdr.de/themen/politik/personen/wuest_hendrik/091207.jhtml">Hendrik Wüst</a>, Generalsekretär von Uhlenbergs CDU, steht wegen doppelt kassierter Krankenkassenzuschüsse unter Druck. Uhlenbergs Kollegin Roswitha Müller-Piepenkötter <a href="http://www.wdr.de/themen/panorama/kriminalitaet11/aachen_haeftlinge/091208b.jhtml">wegen wüster Verhältnisse in den hiesigen Gefängnissen</a>. Und Kollegin Christa Thoben, weil sie ausgerechnet während der Weltklimakonferenz einen <a href="http://www.wdr.de/themen/wirtschaft/wirtschaftsordnung_und_politik/lep/index.jhtml">Klimaschutzparagraphen für NRW-Kohlekraftwerke streichen</a> will. Die Landesregierung holpert und stolpert. Und alle warten darauf, wer als erster in die Wüste geschickt wird. Vielleicht war das ja Uhlenbergs geheimer Auftrag: Nicht für den Herrn, aber für seinen Herrn Rüttgers eine Allee in der Wüste zu bauen, auf dass geschasste Landesgrößen auf angemessenem Wege ihren Bestimmungsort erreichen können. So dass es demnächst in der Staatskanzlei kein schlimmeres Gerücht geben wird als: "Der ist reif für Lehavim!"</p>

<p><a href="http://medien.wdr.de/radio/glossenblog/wdr_glosse_das_moderne_leben_091213.mp3"><strong>Die Allee der Verbannten</strong></a><p>
]]></description>
<link>http://wdrblog.de/glossenblog/archives/2009/12/die_allee_der_verbannten.html</link>
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<category>Doktor Gregor</category>
<pubDate>Sun, 13 Dec 2009 09:00:00 +0100</pubDate>

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<title>Advent, Advent</title>
<description><![CDATA[<p><img align="right" caption="Leuchtend und böse" alt="Haus mit Lichterschmuck; Rechte: dpa" src="http://wdrblog.de/glossenblog/images/schmuckhaus.jpg" width="160" height="120" />Trotz Lichterketten an meinem Nachbarhaus und Glühwein-Genuss auf dem Weihnachtsmarkt will bislang keine Adventsstimmung bei mir aufkommen. Vielleicht liegt es am Wetter. Denn die zehn Grad plus passen einfach nicht in mein romantisches Bild dieser Zeit. Vielleicht ist es aber auch die Aussicht auf den <a href="http://www.wdr.de/wissen/wdr_wissen/themen/natur_umwelt/dossier_klimawandel/aktuelles/index.php5">Klima-Gipfel</a> in Kopenhagen. Der scheint schon gescheitert, bevor er begonnen hat. Dabei wäre eine wirksame Einigung, den weltweiten Temperaturanstieg zu bremsen, enorm wichtig. Nicht nur für meine Adventsstimmung, sondern um den Weltuntergang abzuwenden.</p>

<p><img align="left" caption="Rhein, ganz klein" alt="Rhein bei Niedrigwasser; Rechte: dpa/Gerten" src="http://wdrblog.de/glossenblog/images/wenigrhein.jpg" width="160" height="120" />In Sachen Weltuntergang ist mein Blog-Kollege <a href="http://wdrblog.de/glossenblog/archives/2006/09/doktor_gregor.html">Doktor Gregor</a> ein Experte. Er schreibt ein wissenschaftliches Buch über die Apokalypse, das demnächst erscheint. Darin geht es vor allem um die Weltuntergangs-Vorstellungen in der Bibel. Außerdem hat er ein Buch über modernere Endzeit-Visionen in der Mache. Das wird sich dann auch mit den Phänomenen beschäftigen, die uns Tag für Tag beschäftigen und aktuell die Adventsstimmung verderben: Dürren und Starkregen, schmelzendes Eis und Versteppung, Wasser- und Hungersnöte, ergebnislose Konferenzen und vergebliche Verhandlungen.</p>

<p><img align="right" caption="Lecker und gut" alt="Champagnerglas und -flasche; Rechte: Mauritius" src="http://wdrblog.de/glossenblog/images/champagnerglas.jpg" width="160" height="120" />Mit Blick auf den Kopenhagener Gipfel versorgen uns die Medien mit vielen Ratschlägen, wie wir uns weniger klimaschädlich verhalten können. Heizung runterdrehen, weniger Auto fahren und weniger Fleisch essen, auf Fernreisen verzichten - das wäre mal ein Anfang. Ein Experte empfiehlt, statt <a href="http://www.zeit.de/wissen/umwelt/2009-09/braungart-architektur-stadtplanung?page=2">Treppen zu steigen den Aufzug zu nehmen</a>, weil das weniger CO2 freisetze. Das Argument werde ich mir merken und einsetzen, wenn meine Freundin Regina mal wieder rummosert, ich würde mich zu wenig bewegen. Leider wohne ich ohne Aufzug; werde mal ernsthaft mit meiner Vermieterin über ihre ökologische Verantwortung reden müssen - bei einem Gläschen <a href="http://www.welt.de/fernsehen/article5387122/Auch-Prinz-Albert-will-den-Klimawandel-stoppen.html">Champagner</a>. Der ist nämlich klimaverträglicher als Sprudel.</p>

<p><img align="left" caption="Alt und ausgestorben" alt="Besucherin am Skelettabguss eines Herrerasaurus Ischigualastensis im Bonner Museum König; Rechte: ddp/Lennart" src="http://wdrblog.de/glossenblog/images/dinobonn.jpg" width="160" height="120" />Auf die Klimakonferenz in Kopenhagen werde ich mich mit einem Besuch in Bonn einstimmen. Nicht, weil dort  schon seit langem ein <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Das_Treibhaus">Treibhaus</a>-Klima herrscht, sondern weil hier der weltweit größte Dino ausgestellt wird. Der ist natürlich lange tot und nur noch als Skelett zu sehen. Die Geschichte der Dinosaurier mahnt uns, die großen Kerle mit dem kleinen Hirn sind ja wahrscheinlich wegen eines Klimawandels von der Erde verschwunden. Allerdings waren sie an dem, im Gegensatz zu uns Menschen, nicht selbst schuld. Sogar der Klimawandel war früher, also zu Dinos Zeiten, irgendwie besser. Er kam so natürlich daher, mit Meteoriten oder Eruptionen auf der Sonne. </p>

<p>Wir sind dagegen schuldig geworden am Klima und müssen uns nun um <a href="http://www.wdr.de/tv/quarks/sendungsbeitraege/2007/1127/008_klima2.jsp">furzende Kühe</a>, Wasserspartasten und Wärmedämmung kümmern. Denn am Ende aller Tage wird abgerechnet - bestimmt auch ökologisch. Ich glaube, dass beim Jüngsten Gericht ein Vertreter des BUND oder von Greenpeace dabeisitzt, wie Gottvater mit einem langen Bart, nur weniger gepflegt. Und ich ahne schon, was er mich fragen wird: "Bist du auch immer Aufzug gefahren?"</p>

<p><br />
<p><a href="http://medien.wdr.de/radio/glossenblog/wdr_glosse_das_moderne_leben_091206.mp3"><strong>Audio: Advent, Advent</strong></a><p></p>]]></description>
<link>http://wdrblog.de/glossenblog/archives/2009/12/advent_advent.html</link>
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<category>Stephan Josef</category>
<pubDate>Sun, 06 Dec 2009 07:00:00 +0100</pubDate>

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<title>Der alte Mann und das Reh</title>
<description><![CDATA[<p><img align="right" caption="Schnell und schreckhaft" alt="Gazelle; Rechte: imago" src="http://wdrblog.de/glossenblog/images/gazelle01.jpg" width="120" height="160" />Fußball war mein Leben, zumindest ein Jahr lang. Während der fußballverrückten Zeit wurde die Schule zur Nebensache. Hastig schlang ich das Mittagessen hinunter, schlüpfte in die Sportklamotten und radelte zum Bolzplatz, den ich erst bei anbrechender Dunkelheit wieder verließ. Einer meiner Spitznamen damals war "Gazelle". Das gefiel mir, und ein bisschen fühlte ich mich auch wie dieses flinke Tier, wenn ich leichtfüßig mit dem Ball über den Platz rannte. Jahre später klärte ein Freund mich auf: Die Gazelle wäre für ihn und die anderen Kumpels vor allem ein besonders schreckhaftes Tier, ständig fluchtbereit, deshalb hätten sie mich so genannt. Ich war tief getroffen und schwor mir, Freunden, Tieren und dem Fußball gegenüber eine kritischere Haltung einzunehmen.</p>

<p><img align="left" caption="Asiatisch und bayrisch" alt="Asiatin mit Deutschlandfahne und Bayern-München-Tasche; Rechte: ddp" src="http://wdrblog.de/glossenblog/images/bayern_asienreise_01.jpg" width="120" height="160" />Heute beschäftige ich mich vor allem theoretisch, also vom Fernsehsessel aus mit dem Fußballsport, natürlich kritisch. Taktik, Trainer und Team nehme ich genau unter die Lupe, aber auch das ganze System. Zu dem gehören, das macht der jüngste <a href="http://www.sportschau.de/sp/fussball/allgemein/uebersicht_wettskandal2009.jsp">Wettskandal</a> deutlich, auch Schiebereien. So ärgerlich die auch sein mögen - sie belegen das gewachsene Interesse der Welt am deutschen Fußball. Vor Jahren noch mussten die Kicker des FC Bayern höchstpersönlich durch Asien reisen, um Fußball made in Germany bekannt zu machen. Heutzutage kennen sich die Asiaten besser aus mit dem deutschen Fußball als mancher Einheimischer. So wetten beispielsweise Fußballfans in der chinesischen Provinz bereits auf Spiele in unserer vierten Liga, etwa vom <a href="http://www.wdr.de/themen/sport/fussball/wettskandal/091124_b.jhtml">SC Verl</a> - wenn das kein Fortschritt ist. </p>

<p><img align="right" caption="Putzig und nachtaktiv" alt="Pandabär; Rechte: dpa" src="http://wdrblog.de/glossenblog/images/pandabaer.jpg" width="160" height="120" />Ich selbst, das muss ich zugeben, habe den SC Verl bislang kaum wahrgenommen. Es scheinen aber in diesem Club einige Gazellen mitzuspielen, die im geeigneten Moment vor dem Gegner Reißaus nehmen oder aber ihn leichtfüßig ausdribbeln - je nachdem, was der Provinzchinese für seinen Wettzettel gerade braucht. Vielleicht stellt sich aber auch heraus, dass die Verler Kicker eher den chinesischen <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Gro%C3%9Fer_Panda">Panda-Bären</a> gleichen. Die sind im Dunkeln besonders rege und bei Chinesen wie Deutschen gleichermaßen beliebt. Helmut Kohl hat sogar mal ein Panda-Weibchen geschenkt bekommen - vom chinesischen Ministerpräsidenten. Manche meinen, danach sei Kohls Beliebtheit sprunghaft gestiegen.</p>

<p><img align="left" caption="Süß und goldig" alt="Bambi; rechte: Funk und Bild" src="http://wdrblog.de/glossenblog/images/bambi.jpg" width="160" height="120" />Eine weitere Steigerung ist zu erwarten. Denn beliebter noch als der Panda ist hierzulande das Rehkitz, oft schlicht Bambi genannt. Dessen <a href="http://www.mdr.de/bambi">edelste Variante</a> - die im Gold-Dress - wird alljährlich an viele verdiente Medien-Menschen vergeben. Das "Millenium-Bambi" erhielt in diesem Jahr: Altkanzler Helmut Kohl. In der Pressemitteilung heißt es zur Begründung: "Helmut Kohl warf als Bundeskanzler 16 Jahre lang seine ganze Energie und sein strategisches Genie in die politische Waagschale." Kohl in der Waagschale, diese Metapher hätte man sich meiner Meinung nach verkneifen sollen. Zum Glück fielen wenigstens nicht die Begriffe "Spenden", "Bimbes" oder "Ehrenwort". Ich habe mich jedenfalls sehr gefreut für den Ex-Kanzler. Künftig wird mir stets das Rehkitz einfallen, wenn ich an ihn denke. Das ist ja quasi eine Art deutscher Gazelle. </p>

<p><a href="http://medien.wdr.de/radio/glossenblog/wdr_glosse_das_moderne_leben_091129.mp3"><strong>Audio: Der alte Mann und das Reh</strong></a><p>]]></description>
<link>http://wdrblog.de/glossenblog/archives/2009/11/der_alte_mann_und_das_reh.html</link>
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<category>Stephan Josef</category>
<pubDate>Sun, 29 Nov 2009 07:00:00 +0100</pubDate>

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<title>Dromedar-Gouda aus s´-Hertogenbosch</title>
<description><![CDATA[<p>Ich habe keine Vorurteile gegen Holländer. Schließlich ist eine Freundin von mir dort verheiratet, da lernt man die Leute aus der Nähe kennen. Mit ihrem Mann scherze ich über die wechselseitigen Klischees. In Wahrheit ist es doch so, dass Deutsche wie Holländer gern übereinander schimpfen, gleichzeitig aber sehr zu schätzen wissen, was es nur jenseits der Grenze gibt.<br />
<img align="left" caption="Was es nur beim Nachbarn gibt" alt="Coffeeshop in Amsterdam; Rechte: dpa" src="http://wdrblog.de/glossenblog/coffeeshop.jpg" width="120" height="160" /> "Was willst du denn damit sagen?", fragt mein Sohn, der in seiner Reggae-Begeisterung jetzt auch den alten Peter Tosh entdeckt hat und ständig "Legalize It!" hört. Dabei habe ich ganz harmlos an die bevorstehende Adventszeit gedacht. Denn die Holländer haben im Sommer das Meer, dafür haben wir im Winter die Glühwein-Romantik. Deshalb werden schon bald wieder Scharen unserer Nachbarn mit lustigen roten Mützen auf dem Kopf über unsere Weihnachtsmärkte flanieren. </p>

<p>Es sind wahrscheinlich gerade die Unterschiede zwischen verwandten Nachbarn, die reizen, zum Vorurteil ebenso wie zum Besuch. Wir glauben hier ja, die Niederländer seien so eine Art separatistischer Niederrheiner, die ihren Dialekt zur Staatssprache gemacht haben. Und dennoch merkt man gleich hinter der Grenze, dass man im Ausland ist: Sie bauen anders, essen anders, die Gesellschaft tickt anders. So viel Exotik so nah gibt es sonst nicht.<br />
<img align="right" caption="Nur der Deich schützt" alt="Schafe auf dem Deich; Rechte: dpa" src="http://wdrblog.de/glossenblog/deich.jpg" width="160" height="120" /> Deshalb schauen wir auch stets genau hin, was die Nachbarn so treiben: Ist es vorbildlich für uns, oder nur absonderlich? Demnächst etwa wollen die Niederländer <a href="http://www.tagesschau.de/ausland/klimakfz100.html">statt Kfz-Steuer eine Kilometergebühr</a> fürs Autofahren zahlen, sogar gestaffelt nach Autogröße, Fahrzeit und Strecken. Für diesen Beitrag zum Klimaschutz lassen sie sich auch die totale Überwachung per GPS gefallen. Ich glaube, bis auf deutschen Straßen so etwas eingeführt würde, müsste der ansteigende Meeresspiegel schon mit der Überschwemmung der gesamten norddeutschen Tiefebene drohen. Aber da ist eben schon wieder so ein Unterschied: Die Nachbarn können sich besser vorstellen, was es heißt, unter dem Meeresspiegel zu leben.<br />
<img align="left" caption="Milchvieh in s´-Hertogenbosch" alt="Dromedar im Stall; Rechte: WDR" src="http://wdrblog.de/glossenblog/neugierige_tiere.jpg" width="160" height="120" /> </p>

<p>Das Fremde, die Exotik gleich hinter der Grenze hat neuerdings noch eine weitere Facette bekommen: Ein holländischer Bauer hat in s´-Hertogenbosch Europas erste <a href="http://www.wdr.de/themen/panorama/27/kamelfarm_niederlande/index.jhtml">Kamelmilchfarm</a> eröffnet. Da stehen jetzt Dromedare im Stall statt Kühen und werden mit der Hand gemolken. Auch aus Deutschland reisen Diabetiker oder Menschen mit orientalischem Migrationshintergrund dorthin, weil sie die Milch zu schätzen wissen. Allerdings kann der Bauer von der Milch allein nicht leben, deshalb bietet er zusätzlich Hofführungen und Beduinenzeltfeste an.</p>

<p>Dabei wird es sicher nicht bleiben. Nein, ich wette darauf, dass bald in unseren Feinkostläden Dromedar-Gouda und Kamel-Edamer auftauchen werden. Die niederländische Landwirtschaft wäre ja dumm, wenn sie diese Gelegenheit zur Weiterentwicklung ihrer ureigensten Spezialitäten nicht nutzen würde. Und dass sie nicht dumm ist, hat die niederländische Landwirtschaft seit Jahren mit Turbotomaten und Wintersalat bewiesen. Ich hoffe nur im Interesse der nachbarschaftlichen Beziehungen, dass die Werbung für die neuen Produkte gut überlegt wird. Denn auf Leute, die weniger immun gegen Klischees sind als ich, wirkt die Zusammenstellung der Worte Holländer, Kamele und Käse wie eine Aufforderung, die Spitznamenliste der "Käsköppe" zu erweitern.</p>

<p><a href="http://medien.wdr.de/radio/glossenblog/wdr_glosse_das_moderne_leben_091122.mp3"><strong>Audio: Dromedar-Gouda aus s´-Hertogenbosch</strong></a><p>]]></description>
<link>http://wdrblog.de/glossenblog/archives/2009/11/dromedargouda_aus_shertogenbos.html</link>
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<category>Doktor Gregor</category>
<pubDate>Sun, 22 Nov 2009 09:00:00 +0100</pubDate>

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<title>Mehr Vertrauen, bitte!</title>
<description><![CDATA[<p>Der Vertrauenslehrer unserer Jahrgangs-Stufe war ein cooler Typ, mit langem Haar, ironischem Lächeln und guten Sprüchen. Er hieß Wenzel, unterrichtete Deutsch und Geschichte und war vor allem unser Ansprechpartner, wenn wir Probleme mit seinen Kolleginnen und Kollegen hatten. Im ewigen Kampf zwischen Schülern und Lehrern war er stets Vermittler, und manchmal sah man ihm an, wie anstrengend das war. Wenzels wertvollstes Kapital war das Vertrauen, das er bei Schülern wie Lehrern besaß. Verloren hat er es in einer einzigen Nacht - der Nacht, die er mit der hübschen Ulrike aus der 12 verbrachte.</p>

<p><img align="right" caption="Vertrauen verspielt" alt="Mannschaft des FC Bayern München; rechte: dpa" src="http://wdrblog.de/glossenblog/images/fcb.jpg" width="160" height="120" />Was Wenzel widerfuhr, wiederholt sich derzeit fast täglich. Wohin wir schauen - überall wird Vertrauen aufgebraucht, zerstört, enttäuscht. Der nette Herr König von der Bank hat sich längst als windiger Finanzjongleur erwiesen und der Opel-Mutterkonzern als ganz und gar unmütterlich. Der <a href="http://www.sportschau.de/sp/fussball/news200911/07/bayern_schalke.jsp">FC Bayern</a>, einst ein sportliches Juwel, wirkt derzeit wie billiger Modeschmuck. Manchmal ist der Vertrauensverlust das reinste Dominospiel, wie etwa bei der SPD: Erst werden die Wähler von den Genossen enttäuscht, die daraufhin das Vertrauen in ihr Führungspersonal verlieren, das wiederum den Glauben an das Wahlvolk verliert.</p>

<p><img align="left" caption="Vertrauen verloren" alt="Schild: Gläubigerausschuss; Rechte: dpa" src="http://wdrblog.de/glossenblog/images/arcandor02.jpg" width="160" height="120" />Wie eine Seuche hat der Vertrauensverlust unser Land erfasst. Wer heute den Versprechungen der Konzerne glaubt und Aktien erwirbt, ist morgen ein Gläubiger und muss übermorgen vielleicht schon dran glauben. Wer darauf vertraut hat, dass die neue Regierung gut mit unseren Steuergeldern umgehen kann, erlebt derzeit sein blaues Wunder. Und wer den Halbgöttern in Weiß vertraut, muss angesichts der Debatte über Sinn oder Unsinn einer Impfung gegen die <a href="http://www.wdr.de/themen/gesundheit/krankheit/schweinegrippe/uebersicht.jhtml">Schweinegrippe</a> schier verzweifeln. </p>

<p><img align="right" caption="Vertrauen gewinnen!" alt="Brüderle mit Weinkönigin; Rechte: dpa" src="http://wdrblog.de/glossenblog/images/bruederle02.jpg" width="120" height="160" />Neues Vertrauen aufbauen heißt deshalb das Gebot der Stunde. General Motors hat bereits damit angefangen und seinen Chef zu einer Goodwill-Tour in die Opel-Zentrale geschickt. In den "Tagesthemen" <a href="http://www.tagesschau.de/wirtschaft/opel1122.html">entschuldigte sich GM-Boss Fritz Henderson</a> für das Hin und Her seines Konzerns in der Opel-Frage. <a href="http://www.tagesschau.de/inland/spdparteitag128.html">Sigmar Gabriel und Andrea Nahles</a> sind durch die Provinz gereist und haben sich Fragen und Kritik der gebeutelten Genossen gestellt. Auch in der Regierung wird angeblich schon überlegt, wie zu verhindern ist, dass der Vertrauensvorschuss der Wähler weiter schmilzt. Die Union bastelt den Gerüchten zufolge an einem Konzept, in dem Thomas Gottschalk und Günther Jauch eine große Rolle spielen. Das sei zu teuer, moniert die FDP. Größere Chancen werden deshalb ihrem Plan gegeben, der aus Brüderles Wirtschaftsministerium durchgesickert ist: Er will die Vertrauenswerte der Koalition durch freiberufliche Sympathie-Botschafter steigern und so eine mittelständische Vertrauensberater-Wirtschaft fördern. Insidern zufolge denkt er dabei vor allem an ehemalige Weinköniginnen. Aber vielleicht ist ja auch noch ein Job für Wenzel drin, das mit den Weinköniginnen könnte ihn locken.</p>

<p><a href="http://medien.wdr.de/radio/glossenblog/wdr_glosse_das_moderne_leben_091115.mp3"><strong>Audio: Mehr Vertrauen, bitte! </strong></a><p>
]]></description>
<link>http://wdrblog.de/glossenblog/archives/2009/11/mehr_vertrauen_bitte.html</link>
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<category>Stephan Josef</category>
<pubDate>Sun, 15 Nov 2009 07:00:35 +0100</pubDate>

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<title>Runter mit der Mantel-Steuer!</title>
<description><![CDATA[<p><img align="left" caption="Alles leuchtet" alt="Kind mit Laterne; Rechte: dpa" src="http://wdrblog.de/glossenblog/laternen.jpg" width="120" height="160" />Wie schön, dass ich noch einen Sohn im Martinszugalter habe. Denn was wäre der dunkle November ohne die <a href="http://fotoalbum.wdr.de/categories.php?cat_id=111">leuchtenden Kindergesichter neben ihren ebenso leuchtenden Laternen</a> und den vom Glühwein erleuchteten Eltern? Allerdings macht das Brauchtum auch Arbeit. In diesem Jahr wünschte sich die Grundschule von den Eltern Vorschläge für eine "modernere Gestaltung des Martinsspiels", also dieser bekannten Szene mit Pferd, Schwert, Mantel und armem Mann. Ich habe mich reingekniet und ein kleines Stück geschrieben. Es wurde leider nicht angenommen, es sei nicht kindgerecht. Deshalb veröffentliche ich es jetzt hier.</p>

<p><img align="right" caption="Guidonis Unda Occidentalis" alt="Guido Westerwelle; Rechte: imago" src="http://wdrblog.de/glossenblog/westerwelle.jpg" width="160" height="120" />In meiner Geschichte ist Martin gerade mit halbem Mantel in die Kaserne von Amiens zurückgekehrt und hat für mächtig Aufregung gesorgt. In der Kommune wurde kürzlich neues Führungspersonal eingesetzt, und jetzt wollen sich alle profilieren. Truppenkommandant <a href="http://www.tagesschau.de/guttenbergportraet100.html">Theodosius Guttenbergis</a> stampft vor Wut schäumend im Prätorium auf und ab. "Das ist Veruntreuung von Truppeneigentum", schimpft er. "Ich werde diesen Martinus an den Hindukusch verlegen. Dann kann er seine Freigiebigkeit an den Taliban ausprobieren!" <a href="http://www.tagesschau.de/inland/niebel108.html">Dietrich Niebelius</a>, der neue Beauftragte für die armen Provinzen, schüttelt nachdenklich den Kopf. "Ich habe immer gesagt, Teilen ist nicht die Lösung. Eigentlich wollte ich diese ganze Teilerei eh abschaffen." "Was hat man von kaputten Mänteln?" ergänzt sein Freund <a href="http://www.tagesschau.de/westerwelleportraet100.html">Guidonis Unda Occidentalis</a> (deutsch: die "westliche Welle"). Man solle lieber die Mantel-Steuer senken. Dann könnten sich bald auch arme Leute eigene Mäntel leisten.</p>

<p><img align="left" caption="Soldat mit verdächtiger Person" alt="St. Martin teilt den Mantel; Rechte: akg" src="http://wdrblog.de/glossenblog/akg_st_martin.jpg" width="120" height="160" />"Dafür haben wir kein Geld in der Provinzkasse", fällt ihm <a href="http://www.tagesschau.de/schaeubleportraet100.html">der alte Scheublinius</a> ins Wort. Und dann fällt er gleich wieder in seine alte Rolle als Polizeipräfekt. Man müsse überhaupt mal diese ganzen Bettler vor den Stadttoren überprüfen. "Da verbergen sich gewiss gefährliche Gestalten drunter. Viele von denen kommen ja aus dem Ausland." "Taliban?", fragt Guttenbergis erschrocken. Aber nun möchte die <a href="http://www.tagesschau.de/portraetmerkel104.html">Oberpriesterin Angela</a> nachdrücklich wissen, wie man die ärmere Bevölkerung in der kalten Jahreszeit beschwichtigen könne. "Ihr wisst, dass die gefährlichen Aufwiegler der Roten, dieser stadtbekannten Sekte, schon seit längerem warme Mäntel für alle fordern, und zwar kostenlos. Da müssen wir etwas entgegen setzen."</p>

<p><img align="right" caption="Ursula und ihre Kinder" alt="Ursula von der Leyen mit Familie; Rechte: dpa" src="http://wdrblog.de/glossenblog/vonderleyen.jpg" width="160" height="120" />"Ich finde diese Mantelteilung von Martinus gar keine so schlechte Aktion", sagt <a href="http://www.tagesschau.de/portraetvonderleyen100.html">Ursula</a>, die Volkstribunin für die Familien, die Kinder, die Frauen und die Alten. Ach je, stöhnen die anderen, denn sie erwarten wieder eine ihrer vielen Geschichten über ihre vielen Kinder. Aber Ursula lässt sich nicht beirren. "Wir könnten doch öffentliche Tage des Mantelteilens einführen. Das dient der Wertevermittlung, fördert den sozialen Zusammenhalt und kostet die Stadtkasse kaum etwas." Scheublinius Gesicht hellt sich auf, wie immer, wenn er kein Geld rausrücken muss. Auch Angela ist angetan - weshalb die anderen gar nicht mehr zu widersprechen wagen. "Man könnte auch die Kinder einbeziehen", biegt Ursula die Sache zu ihrem Lieblingsthema um: "Wir machen einen Umzug mit Lichtern, so nach dem Motto: Wir bringen Licht in die Dunkelheit. Und alle, die mitmachen, erhalten ein wenig Weißbrot zum Dank." "Also doch wieder Kosten", murrt Scheublinius. Aber beschlossen wird die Sache dann doch. So entstand damals der erste Martinszug. Die Tradition gibt es bis heute - genauso wie frierende arme Menschen auf der Straße.</p>

<p><a href="http://medien.wdr.de/radio/glossenblog/wdr_glosse_das_moderne_leben_091108.mp3"><strong>Audio: Runter mit der Mantel-Steuer! </strong></a><p>
]]></description>
<link>http://wdrblog.de/glossenblog/archives/2009/11/runter_mit_der_mantelsteuer.html</link>
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<category>Doktor Gregor</category>
<pubDate>Sun, 08 Nov 2009 00:02:40 +0100</pubDate>

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<title>Ein Netz für die Ewigkeit</title>
<description><![CDATA[<p><img align="right" caption="Brauch' ich nicht im Urlaub" alt="Frau mit Laptop am Strand; Rechte: dpa" src="http://wdrblog.de/glossenblog/strandsurfen.jpg" width="160" height="120" />Kaum formiert sich die schwarz-gelbe Koalition, da tritt Stephan Josef eine Neiddebatte los - zwar nicht über Steuerentlastungen für Leistungsträger, wohl aber über <a href="http://wdrblog.de/glossenblog/archives/2009/10/im_keller.html">meinen Türkeiurlaub</a>. Nun, ich kann die Debatte gern anheizen: Schließlich hatten wir 28 Grad am Strand und 25 Grad im Meer. Von Koalitionsverhandlungen bekamen wir nichts mit, denn ich hatte zur Erholung eine Nachrichtensperre verhängt. Die einzige, die sie mit ihrem Netbook durchbrach, war meine 14-jährige Tochter. Und die schrie denn auch eines Tages erschrocken auf: "Die verkaufen unsere Daten!"</p>

<p><img align="left" caption="Jugend, streng öffentlich" alt="Jugendlicher schaut auf Computerbildschirm; Rechte: dpa" src="http://wdrblog.de/glossenblog/schueler_vz.jpg" width="160" height="120" />"Das tun die doch immer", wollte ich schon gelangweilt aus dem Liegestuhl heraus murmeln, ohne mich zu kümmern, wer diesmal "die" waren: <a href="http://www.wdr.de/themen/panorama/kriminalitaet10/datendiebstahl_cd/uebersicht.jhtml">Telekom oder AWD</a> oder <a href="http://www.wdr.de/themen/kurzmeldungen/2009/10/29/datenskandal_wird_debattiert.jhtml">Postbank</a>. Aber da erzählte meine Tochter schon, es seien persönliche Seiten bei <a href="http://wdrblog.de/joergschieb/archives/2009/10/datenleck_priva.html">Schüler VZ gehackt</a> worden und jetzt könnte sich da wer weiß wer bedienen. Ich setzte mich auf: "Ach, und vor welchem Geheimnisverrat hast du besonders Angst?", fragte ich - schließlich entgeht einem als Erzieher mitunter etwas</p>

<p>"Na, stell dir vor, die großen Firmen speichern das alles in ihren Datenbanken. Ich habe doch zum Boykott von Nestlé und Coca Cola aufgerufen." Tatsächlich hat meine Tochter seit einiger Zeit eine globalisierungskritische Seite ausgebildet. "Das ist ja nicht verboten", sage ich. "Aber wenn man sich dann später mal bei so einem Konzern bewirbt", sagt sie, "dann haben die einen gleich in der Datenbank."</p>

<p>Ich bin verwundert. "Warum willst Du dich denn bei so einem Konzern bewerben, wenn du die so schlimm findest, dass du nicht mal ihr Zeug kaufst?" Und dann folgt eine wirklich entwaffnende Antwort: "Das ist ja jetzt, wo ich Jugendliche bin. Aber später, wenn ich studiert habe und dann Karriere machen will, bin ich vielleicht so eine Erfolgs-Spießerin, und dann ist das blöd."</p>

<p><img align="right" caption="Wir alle ändern uns ..." alt="Geburtstagskarte für Joschka Fischer; Rechte: dpa" src="http://wdrblog.de/glossenblog/joschkafischer.jpg" width="160" height="120" />Da soll noch einer sagen, die Jugend von heute sei zu unreflektiert! Hat Joschka Fischer seinerzeit auf den Straßen von Frankfurt darüber nachgedacht, ob seine Aktionen ihm als <a href="http://www.tagesschau.de/wirtschaft/siemens246.html">Berater von RWE, BMW und Siemens</a> schaden könnten? Heute dagegen haben die jungen Attac-Mitglieder schon ihre Beitrittserklärungen zur FDP für den dreißigsten Geburtstag in der Schublade. Und noch später wird es die Senioren-Union. Bei dieser illusionslosen Biografieplanung wird nun ausgerechnet das Internet zum Problem. Denn das schnelle und flexible Medium hat eine Schattenseite: Es vergisst nichts. Hier bleiben nicht nur die Lebensabschnittsgefährten, sondern auch die Lebensabschnittsüberzeugungen dokumentiert. Wer sich intensiv in sozialen Netzwerken des Web2.0 tummelt, wird später private Erinnerungen auffrischen können, die er gar nicht mehr hat. Für die Demenztherapie tun sich ganz neue Chancen auf.</p>

<p><img align="left" caption="... und niemand bleibt jung" alt="Friedhof; Rechte: dpa" src="http://wdrblog.de/glossenblog/friedhof.jpg" width="160" height="120" />Jetzt ist der Türkei-Urlaub längst vorbei. Der Herbst wird nebelig. Meine Tochter hat Recht: Alles ist vergänglich, auch unsere Ideale, auch wir selbst. Daran erinnert jedes Jahr der November mit seinen Gedenktagen für die Verstorbenen. Nur das Internet hält auch hier dagegen. Denn bei Facebook und Co <a href="http://www.wdr.de/themen/2/socialnetworks/091101.jhtml">behalten auch Verstorbene</a> ihr schwarzes Brett. Man kann ihnen Freunde empfehlen und Mails schreiben. Bald wird man nicht mehr wissen, ob man im Chatroom mit einem Geist flirtet. Kein Wunder, dass meine Tochter nicht mehr Allerheiligen feiert, sondern Halloween.</p>

<p><a href="http://medien.wdr.de/radio/glossenblog/wdr_glosse_das_moderne_leben_091101.mp3"><strong>Audio: Ein Netz für die Ewigkeit</strong></a><p>]]></description>
<link>http://wdrblog.de/glossenblog/archives/2009/11/ein_netz_fur_die_ewigkeit.html</link>
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<category>Doktor Gregor</category>
<pubDate>Sun, 01 Nov 2009 09:00:00 +0100</pubDate>

</item>

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<title>Zeit für Spiele</title>
<description><![CDATA[<p><img align="right" caption="Fördert die Gier" alt="Monopoly; Rechte: dpa" src="http://wdrblog.de/glossenblog/images/monopoly.jpg" width="160" height="120" />"Der Mensch ist nur da ganz Mensch, wo er spielt", hat uns <a href="http://www.uni-jena.de/Sonderausgabe_Schiller_aesthetische_Erziehung.html">Schiller</a> versichert, und in diesem Sinne ist Essen in diesen Tagen ein Hort der wahrhaften Menschen. Denn <a href="http://www.wdr.de/themen/freizeit/freizeitgestaltung02/spielemesse09/index.jhtml">dort</a> treffen sich die Spielbegeisterten zu Tausenden, um die Neuigkeiten der Spiele-Verlage auszuprobieren. Angeblich sind dabei Spiele en vogue, die ein Miteinander der Spieler erfordern und kein schnödes Gegeneinander. "Mensch ärgere dich nicht", so scheint es, hat ausgedient, von "Risiko" oder "Monopoly" ganz zu schweigen.</p>

<p><a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Risiko_(Spiel)">"Risiko"</a> ist ein Brettspiel, bei dem es um die Eroberung von Ländern und kompletten Kontinenten geht. In späteren Ausgaben ist die Aufgabenstellung sprachlich angepasst worden, nun sollen die Spieler Länder und Kontinente befreien. Bei einer denkwürdigen Partie vor vielen Jahren wollte ich gemeinsam mit meinem Neffen Axel die Festung Siam schleifen, in der Axels Vater vierzig Armeen konzentriert hatte. Der Coup war gut geplant und mit Handschlag besiegelt. Doch als mein Neffe an der Reihe war, griff er mit seinen Truppen meine Länder an. Ich war außer mir, schrie etwas von "pacta sunt servanda" - Verträge seien einzuhalten - und titulierte den armen Axel tagelang "Verräter". Wo der Mensch spielt, wurde mir klar, kann er auch zum Tier werden.</p>

<p><img align="left" caption="Verhindert Kooperation" alt="Mensch ärgere dich nicht; Rechte: Mauritius" src="http://wdrblog.de/glossenblog/images/menschaergeredichnicht.jpg" width="160" height="120" />Wie gut, dass die Spiele-Industrie nun verstärkt das Miteinander fördern will. Lange genug haben wir uns bei "Mensch ärgere dich nicht" gegenseitig die Spielfiguren vom Brett gefegt oder beim "Risiko" die Armeen aufgerieben. Da ist es doch viel schöner, bei "Pandemie - auf Messers Schneide" gemeinsam zu knobeln, wie eine schlimme Seuche eingedämmt werden kann. Vielleicht bekommt man dabei auch Hinweise auf die Gretchenfrage, für wen die geplante Massenimpfung gegen die <a href="http://www.wdr.de/mediathek/html/regional/ergebnisse/schlagwort.xml?rankingtype=catchword&rankingvalue=Schweinegrippe">Schweinegrippe</a> sinnvoller ist - für uns oder die Pharmaindustrie. </p>

<p><img align="right" caption="Reden und spielen" alt="Angela Merkel und Guido Westerwelle; Rechte: dpa" src="http://wdrblog.de/glossenblog/images/merkel_westerwelle.jpg" width="160" height="120" />"Pandemie" zeigt, wie schnell die Spiele-Erfinder auf aktuelle Ereignisse reagieren. Ein wenig zu spät kommt meiner Meinung nach allerdings "Abwrackprämie - das Spiel". Wer gerade merkt, dass die Winterreifen seines abgewrackten Altautos nicht auf den neuen Kleinwagen passen, entsprechende <a href="http://www.wdr.de/radio/wdr4/wort/auf_ein_wort/2009/20091019_winterreifen_krise_.html">Reifen</a> aber nicht lieferbar sind, hat wahrscheinlich keine Lust auf dieses Spiel. Dem Vernehmen nach haben sich auch die Koalitions-Verhandler in Berlin mit einigen Spiele-Neuheiten eingedeckt. Die Umweltpolitiker spielen in den Verhandlungspausen wahrscheinlich "Klimapoker", bei FDP-Politikern soll "Wege zum Ruhm" sehr beliebt sein. Auch wenn die Parteichefs in kleiner Runde beisammen sitzen, geht es nicht nur um Haushaltslöcher und Steuersenkungen. Tief in der Nacht, so kolportieren es Hauptstadt-Journalisten, testen Angela, Guido und Horst die Neuerscheinung "Machtspiele". Gewonnen hat dabei bislang, so ist zu hören, immer Angela Merkel.</p>

<p><a href="http://medien.wdr.de/radio/glossenblog/wdr_glosse_das_moderne_leben_091025.mp3"><strong>Audio: Zeit für Spiele</strong></a><p>]]></description>
<link>http://wdrblog.de/glossenblog/archives/2009/10/zeit_fur_spiele.html</link>
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<category>Stephan Josef</category>
<pubDate>Sun, 25 Oct 2009 07:00:52 +0100</pubDate>

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<title>Im Keller</title>
<description><![CDATA[<p><img align="right" caption="So viel reden" alt="Koalitionsverhandlungen; Rechte: dpa" src="http://wdrblog.de/glossenblog/images/koalitionsverhandlungen.jpg" width="160" height="120" />Der Sommer war groß, ohne Zweifel, die Straßencafés meist gut besetzt, die Menschen gut gelaunt. Doch nun ist Herbst in Deutschland, und manchmal zeigt der Winter schon seine kalten Krallen. Während in Berlin die Politiker der künftigen Koalition noch <a href="http://www.tagesschau.de/inland/regierungsbildung100.html">über schwierigen Kompromissen schwitzen</a>, ziehen wir uns schon mal warm an. Mein Kollege Doktor Gregor dagegen hat den Sommer für sich einfach verlängert und genießt seinen Urlaub unter türkischer Sonne, all inclusive natürlich. </p>

<p>Während ich fröstelnd zur Arbeit radele, stelle ich mir vor, wie sich Doktor Gregor gerade die Sonnencreme aufträgt. Mir kriecht währenddessen die Kälte langsam in die Finger, und das Thermometer an der Apotheke zeigt ein Grad plus. Ich nehme mir vor, ab morgen zumindest beim Fahrradfahren Handschuhe anzuziehen. Und endlich zu akzeptieren, dass der Sommer vorbei ist. </p>

<p><img align="left" caption="So viele Briefe" alt="Briefe; Rechte: Deutsche Post" src="http://wdrblog.de/glossenblog/images/briefe.jpg" width="160" height="120" />Bei der Suche nach den Handschuhen wird mir bewusst, dass ich wirklich viel Zeit draußen verbracht habe in den letzten Monaten, vorzugsweise in Straßencafés. Dabei ist anscheinend drinnen viel liegen geblieben, Post beispielsweise, die sich auf dem Schreibtisch stapelt, oder alte Zeitungen, unter denen der Couchtisch verschwindet. Bei anderen Dingen weiß ich gar nicht mehr, wo sie überhaupt liegen. Wo zum Teufel sind meine Handschuhe geblieben? Habe ich sie vor einem halben Jahr etwa, vom Frühling beschwingt, in den Keller verbannt?</p>

<p><img align="right" caption="So viel schreiben" alt="Rilke; Rechte: AKG" src="http://wdrblog.de/glossenblog/images/rilke.jpg" width="160" height="120" />Der Herbst ist eine Zeit, um lange Briefe zu schreiben und viel zu lesen, hat <a href="http://rainer-maria-rilke.de/06b012herbsttag.html">Rilke</a> uns weismachen wollen. Was er verschwiegen hat: Die Briefe, die es nun zu schreiben gilt, sind selten romantischer Natur. Beim Finanzamt muss ich noch eine Fristverlängerung für die Steuererklärung beantragen, bei der Krankenversicherung die Zahnbehandlung absegnen lassen und bei der Autoversicherung die Vollkasko kündigen. Viel zu lesen habe ich zwar, aber leider sind es vor allem alte Zeitungen. Herbst, lieber Herr Rilke, ist also vor allem eine Zeit des Aufräumens und Entrümpelns, die Amerikaner haben im Oktober sogar eine "Aufräum-Woche". Daran will ich mir ein Beispiel nehmen und trage die alten Zeitungen runter. Doch leider ist  die Altpapier-Tonne schon voll. Also ab in den Keller mit dem Papierberg, vielleicht gibt es ja mal wieder einen Preissprung beim Altpapier und das Zeug wird wertvoll.</p>

<p>Die <a href="http://boerse.ard.de/content.jsp?key=dokument_385790">Telekom</a> will jetzt in ihren Kellern nachschauen, ob da noch alte Kupferkabel rumliegen, um das richtig teuer gewordene Material zu verhökern. Ein zukunftsweisendes Konzept, finde ich und beschließe, meinen Keller zur Wertstoffsammlung zu erklären und auf gute Preise für alte Ski, defekte Regale und Teppichreste zu warten. Entrümpeln und ordnen kann auch zum Wahn werden, sage ich mir, als ich die achtzig Stufen zu meiner Wohnung hinaufstapfe, und greife nach einem Gedichtband von Rilke. Dabei werde ich allerdings das Gefühl nicht los, irgendetwas im Keller vergessen zu haben. Aber bestimmt fällt es mir wieder ein, spätestens morgen früh.</p>

<p><a href="http://medien.wdr.de/radio/glossenblog/wdr_glosse_das_moderne_leben_091018.mp3"><strong>Audio: Im Keller</strong></a><p>]]></description>
<link>http://wdrblog.de/glossenblog/archives/2009/10/im_keller.html</link>
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<category>Stephan Josef</category>
<pubDate>Sun, 18 Oct 2009 00:00:01 +0100</pubDate>

</item>

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<title>Vertrauen ist gut</title>
<description><![CDATA[<p><img align="left" caption="Keine Sitzung ohne Schnittchen" alt="Norbert Blüm mit Schnittchenplatte; Rechte: dpa" src="http://wdrblog.de/glossenblog/bluem.jpg" width="120" height="160" /><a href="http://www.wdr.de/themen/politik/bundestagswahl_2009/nach_der_wahl/091006.jhtml">Norbert Blüm</a> ist vornehm zurückhaltend. Wenn er sich an seine vielen Koalitionsverhandlungen erinnert, sagt er, dass es um gemeinsame Ziele gehe, um Kompromisse, und ganz am Ende natürlich auch um Posten. Ich bin da ein bisschen skeptisch. Wenn man vier Jahre lang zusammen arbeiten will, stets unter dem Druck der Opposition und der Beobachtung der Medien: Geht es dann nicht vor allem um die so genannte Chemie? Oder altmodisch: um Vertrauen?</p>

<p>Angela Merkel, die in ihrer Schulzeit ausführlich in Marxismus-Leninismus unterrichtet wurde, kennt gewiss den Spruch von Wladimir Iljitsch Uljanow: Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser. Deshalb wird sie die Verhandlungsrunden nutzen, um die Vertrauenswürdigkeit ihrer neuen Mannschaft zu kontrollieren. Diese stundenlangen Sitzungen sind im Grunde nichts als Versuchsanordnungen. Deshalb stehen dort stets diese silbernen Thermoskannen mit Kaffee, Tabletts mit <a href="http://www.wdr.de/themen/panorama/26/dortmund_kuendigungsprozess/index.jhtml">Schnittchen</a> und Servierwagen mit Kaltgetränken. Denn die wahre Persönlichkeit eines künftigen Ministers zeigt sich nicht in einstudierten Reden.</p>

<p><img align="right" caption="Und weg ist die Frikadelle" alt="Horst Seehofer isst; Rechte: dpa" src="http://wdrblog.de/glossenblog/seehofer.jpg" width="120" height="160" />Horst Seehofer zum Beispiel stelle ich mir als einen <a href="http://www.wdr.de/themen/panorama/27/dortmund_broetchen_prozess/index.jhtml">Heimlich-das-erste-Brötchen-Typ</a> vor. Er lächelt beim Hereinkommen jeden an, schüttelt hier eine Hand, lässt sich dort in einen kurzen Small-Talk ziehen, steuert dabei aber gezielt auf die Tabletts zu und hat als erster Salami mit Gewürzgurke drauf im Mund und noch eine Frikadelle in der Hand. Er wirkt dabei so harmlos, dass keiner die Schnelligkeit der Ressourcensicherung bemerkt - außer der Regierungschefin, die ihm mit einem Blick aus den Augenwinkeln gefolgt ist. Und damit ist Seehofer abgehakt. Gesundheitsminister wird der bestimmt nicht noch mal, bei so einer Gier.</p>

<p>Und was macht sich da Sabine Leutheusser-Schnarrenberger an der Heizung zu schaffen? Nein, nicht an der Heizung, sondern an der Steckdose daneben. Da schließt sie doch tatsächlich ihr <a href="http://www.einslive.de/medien/html/1live/2009/07/30/aktuelle-stunde-kuendigung-handy-aufladen.xml">Handy samt Ladegerät</a> an und legt es auf die Fensterbank. Traurig schüttelt die Kanzlerin den Kopf. An sich mag sie die überzeugte Liberale. Aber das ist für das Justizressort denn doch zu liberal und offenbart ein seltsames Verständnis von der Deregulierung des Energie-Marktes.</p>

<p><img align="left" caption="Immer nah an der Kaffeekanne" alt="Guido Westerwelle; Rechte: dpa" src="http://wdrblog.de/glossenblog/westerwelle.jpg" width="120" height="160" />Guido Westerwelle scheint sich sicher zu fühlen, gilt er doch schon als Außenminister. Die Sache mit seinen Englischkenntnissen regt seine künftige Chefin nicht wirklich auf, zumal sie dem Vize sowieso nicht allzu viel internationalen Glanz überlassen will. Bedenklicher erscheint ihr, wie er sich während der Sitzung eine Tasse Kaffee nach der anderen einschenkt. Solche Unbeherrschtheit kann man sich in Moskau nicht leisten. Denn da gibt es bei den entscheidenden Kaminrunden am Abend keinen Kaffee.</p>

<p><img align="right" caption="Gönner schaut aufs Wasser" alt="Tanja Gönner; Rechte: dpa" src="http://wdrblog.de/glossenblog/goellner.jpg" width="160" height="120" />Die Katastrophe aber ereignet sich am Ende dieser Verhandlungsrunde: Da steckt sich doch Tanja Gönner, Baden-Württembergs Umweltministerin und CDU-Hoffnung für das Amt im Bund, gerade als sie sich einmal unbeobachtet glaubt, eine <a href="http://www.tagesschau.de/inland/kassiererin100.html">kleine Flasche Tafelwasser</a> in die Aktentasche. Gut, sie hat jetzt eine lange Fahrt nach Stuttgart vor sich. Aber dort kann sie dann auch bleiben. In Angela Merkel steigt leichte Verzweiflung auf, Zukunftsangst, Einsamkeit. Doch dann sieht sie Wolfgang Schäuble, der scheinbar gedankenverloren in seinem Rollstuhl sitzt. Hinter der Maske erkennt die Kanzlerin seinen Scanner-Blick. Als einziger im Raum hat er alles bemerkt, was sie bemerkte. Der kann Innenminister bleiben, denkt sie erleichtert.</p>

<p><a href="http://medien.wdr.de/radio/glossenblog/wdr_glosse_das_moderne_leben_091011.mp3"><strong>Audio: Vertrauen ist gut</strong></a><p>]]></description>
<link>http://wdrblog.de/glossenblog/archives/2009/10/vertrauen_ist_gut.html</link>
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<category>Doktor Gregor</category>
<pubDate>Sun, 11 Oct 2009 00:15:03 +0100</pubDate>

</item>

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<title>Alte Äpfel</title>
<description><![CDATA[<p><img align="right" caption="Herbstzeit, Erntezeit" alt="Äpfel an Zweig und in Erntekorb; Rechte: dpa" src="http://wdrblog.de/glossenblog/ernte.jpg" width="120" height="160" />Wenn das Wetter düsterer wird, schaue ich gern <a href="http://www.wdr.de/mediathek/html/regional/2009/09/29/lokalzeit-koeln-gartenzeit-alte-apfelsorten.xml">Gartensendungen</a> an. Ich habe zwar keinen Garten, aber man sieht ja auch Kochshows, während die Tiefkühlpizza im Ofen gart. So erfuhr ich dieser Tage, dass Freilichtmuseen alte Apfelsorten wie den rheinischen Krummstiel weiter züchten, die man im Supermarkt längst nicht mehr findet. Das brachte mich ins Grübeln über die vielen alten, ausrangierten Dinge, derer sich niemand annimmt, nicht einmal das Freilichtmuseum in Lindlar.</p>

<p><img align="left" caption="Der westfälische Krummstiel nimmt seinen Schal" alt="Franz Muentefering; Rechte: dpa" src="http://wdrblog.de/glossenblog/muentefering.jpg" width="160" height="120" /><a href="http://www.wdr.de/Fotostrecken/wdrde/Politik/2009/09/ruecktritt_muentefering.jsp?hi=Politik">Franz Müntefering</a> zum Beispiel zieht sich demnächst ins Sauerland zurück. Mit ihm geht ein knorriger, pflichtbewusster, herb-trockener Typ des Sozialdemokraten, den die Partei kaum mehr im Angebot hat - ein westfälischer Krummstiel sozusagen. Aber kein Heimatmuseum kann ihn nachzüchten. Natürlich bleibt seine Kurzprosa in ungezählten Fernseharchiven erhalten. Aber ein echter Ersatz ist das nicht.</p>

<p><img align="right" caption="Steinmeier wird eingekellert" alt="Plakatabbau; Rechte: dpa" src="http://wdrblog.de/glossenblog/plakatabbau.jpg" width="160" height="120" />Wie an der Spitze, so geht es nach dieser einschneidenden Wahl auch an der Basis der SPD. Mit einer Träne im linken Auge las ich den Bericht von den Genossen im <a href="http://www.wdr.de/themen/politik/bundestagswahl_2009/nach_der_wahl/090929.jhtml">Ortsverein Dortmund Nord-West</a>, die kaum ein Wort über ihre politische Katastrophe verlieren, sondern tatkräftig die Wintereinlagerung ihrer 45 Plakatständer planen. Das ist Volkspartei - und das ist ziemlich vorbei. In Westerwelles Erfolgsverein werden Plakatständer sicher nur geleast.</p>

<p><img align="left" caption="Ein frischer Boskop für die SPD?" alt="Sigmar Gabriel; Rechte: dpa" src="http://wdrblog.de/glossenblog/gabriel.jpg" width="120" height="160" />Nun mag einer fragen, was Äpfel, Münte und Plakatständer gemeinsam haben. Aber ich habe mich schon immer über den dummen Spruch geärgert, man könnte Äpfel nicht mit Birnen vergleichen. Natürlich kann man das. So gleicht zum Beispiel Sigmar Gabriel einem prallen Boskop, während Helmut Kohl bekanntlich einer Birne ähnlich sah. So gesehen steht die künftige SPD tatsächlich im Zeichen des Apfels. Aber auch harte Gabriel-Gegner treibt nach der Wahl das Problem allzu schnell verschwindender Altertümer um. So möchte <a href="http://www.tagesschau.de/wahl/aktuell/atomenergie112.html">RWE-Chef Großmann</a> gern seinen Museums-Reaktor Biblis länger behalten dürfen. Dessen Sorge verstehe ich allerdings nicht so recht - ist doch kaum etwas so wenig von der Gefahr des Vergessens bedroht wie die Atomkraft. Zwar nicht in Freiluftmuseen, aber tief unten im Keller wird sie unsere Nachkommen noch in einigen Millionen Jahren beschäftigen.</p>

<p><img align="right" caption="Mit einem Apfel fing alles an" alt="Paradiesdarstellung von Cranach; Rechte: akg" src="http://wdrblog.de/glossenblog/paradies.jpg" width="120" height="160" />Im Keller lagerte man früher auch die Apfelernte eines Herbstes - eine im modernen Leben in Vergessenheit geratene Vorratshaltung. In meiner Kindheit hatten wir einige Apfelbäume hinter dem Haus, und ich hasste die jährliche Einkellerung. Denn in den folgenden Monaten bekamen wir nie die frischen, rotwangigen Äpfel zu essen, sondern stets die schon leicht angefaulten. Die mussten ja zuerst weg. Waren sie weg, dann waren die frischen auch nicht mehr frisch. Vielleicht hat mich diese Erfahrung zur Theologie geführt. Denn ich erklärte mir diesen strukturellen Missstand mit der Austreibung aus dem Paradies, mit der Gott ja auf den unerlaubten Genuss eines frischen Apfels reagierte. Heute sehe ich, dass sich das Apfel-Einkellerungs-Motiv in der Politik wiederfindet: Da warten die frischen, jungen Wilden darauf, die alte Garde abzulösen. Aber wenn die, von einer Wahl gebeutelt, endlich abtritt, sind die jungen Wilden selbst schon nicht mehr frisch. Vielleicht liegt das aber auch daran, dass der Apfel nicht weit vom Stamm fällt.</p>

<p><a href="http://medien.wdr.de/radio/glossenblog/wdr_glosse_das_moderne_leben_091004.mp3"><strong>Audio: Alte Äpfel</strong></a><p>]]></description>
<link>http://wdrblog.de/glossenblog/archives/2009/10/alte_apfel.html</link>
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<category>Doktor Gregor</category>
<pubDate>Sun, 04 Oct 2009 03:57:26 +0100</pubDate>

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<title>Tag der Gefühle</title>
<description><![CDATA[<p><img align="right" caption="Lachen" alt="Gerhard Schröder in Siegerpose; Rechte: dpa/Gerten" src="http://wdrblog.de/glossenblog/images/schroeder08.jpg" width="160" height="120" />An dem Sonntagnachmittag im September <a href="http://www.wdr.de/radio/wdr2/sonntag/513745.phtml">1998</a> herrschte großes Gedränge in meiner kleinen Wohnung, ich hatte Freunde zum Geburtstag eingeladen. Um 18 Uhr schauten alle gebannt auf den laufenden Fernseher. Über die Mattscheibe flimmerten Balken, Diagramme und später dann Bilder von Gerhard Schröder und Joschka Fischer, breit lachend und sichtlich gelöst. Gelöst war auch die Stimmung in meiner Wohnung, verstärkt von Alkohol und Wahlergebnis. Enttäuscht schauten nur Ute, Tochter eines CDU-Kommunalpolitikers, und meine blaublütigen Freunde aus Meerbusch.</p>

<p><img align="left" caption="Loslassen" alt="Helmut Kohl; Rechte: dpa/Altwein" src="http://wdrblog.de/glossenblog/images/kohl05.jpg" width="120" height="160" />Am späten Abend, als die Gäste gegangen waren, wurde ich melancholisch. Wieder ein Jahr älter, und die Abstände zwischen den Geburtstagen schienen mir immer kürzer. Irgendwann in Zukunft würden mich die Leute ehrfurchtsvoll fragen, ob ich wirklich selbst erlebt hätte, wie der große dicke Mann aus Oggersheim die Bundesrepublik regierte - und ich müsste ja sagen. Derart trübe gestimmt tröstete mich damals der Gedanke an den Pfälzer, der das Ende seiner eigenen Ära miterleben musste. Gut gelaunt war der sicher auch nicht.</p>

<p><img align="right" caption="Schöntrinken" alt="Edmund Stoiber mit Sektglas; Rechte: dpa/Grubitzsch" src="http://wdrblog.de/glossenblog/images/stoiber05.jpg" width="120" height="160" />Wahlen setzen Gefühle frei, mindestens so sehr wie Geburtstage. Unvergessen der enthusiastische Edmund Stoiber, sonst eher Bild biederer Unterkühltheit, als er am Abend der Bundestagswahl 2002 schon mal ein Glas Sekt auf seinen Sieg öffnen wollte. Gewonnen hat er nach Auszählung sämtlicher Stimmen schließlich nicht, und wie man Stoiber kennt, wird er sich den Sekt verkniffen haben. Unvergessen auch der Wahlabend 2005, als Noch-Kanzler Gerhard Schröder den Macho raushängen ließ, während Angela Merkel mit ihrer Fassungslosigkeit rang - wobei manche Beobachter auch einen fassungslosen Schröder und eine stoische Merkel gesehen haben.</p>

<p><img align="left" caption="Gipfel stürmen" alt="Frank-Walter Steinmeier in den Südtiroler Bergen; Rechteg: dpa/Gabbert" src="http://wdrblog.de/glossenblog/images/steinmeier05.jpg" width="160" height="120" />Im Bundestagswahlkampf 2009 haben sich die Politikerinnen und Politiker alle Mühe gegeben, Sympathiepunkte zu sammeln und als Menschen wie du und ich zu erscheinen. Merkel hat verraten, dass sie gerne <a href="http://www.tagesspiegel.de/medien-news/Fernsehkritik-Angela-Merkel-RTL;art15532,2800756">Kartoffelsuppe</a> kocht, <a href="http://www.tagesspiegel.de/medien-news/Fernsehen-Wahlkampf-Frank-Walter-Steinmeier-Angela-Merkel;art15532,2863976">Steinmeier</a> hat uns in den Urlaub nach Südtirol mitgenommen und <a href="http://www.swr.de/abgeordnet/praxistest/renatekuenast/-/id=4979146/nid=4979146/did=5179074/236mbc/index.html">Renate Künast</a> hat bewiesen, dass sie auf einem Bauernhof mit anpacken kann. <a href="http://www.swr.de/abgeordnet/praxistest/-/id=4979146/nid=4979146/did=5183502/ko94no/index.html">Gregor Gysi</a> hat auf dem Bau malocht, und <a href="http://www.swr.de/abgeordnet/praxistest/wolfgangbosbach/-/id=4979146/nid=4979146/did=5185776/a25qd4/index.html">Wolfgang Bosbach</a> ist sogar in den Knast gegangen. Doch so richtig gepackt hat uns Wähler das alles nicht. </p>

<p>Zufall oder nicht - in diesem Jahr fallen mein Geburtstag und die Bundestagswahl wieder auf den selben Sonntag. Um die Laune meiner Gäste nicht zu gefährden, feiere ich diesmal bereits am Samstagabend, in Wahl- und Geburtstag hinein. Am Sonntagabend schaue ich mir dann in Ruhe die Wahlsendung an. Sollte mir melancholisch zumute sein, trösten mich vielleicht die entgleisten Gesichtszüge der Wahlverlierer. Oder das Gläschen Sekt, das ich mir auf jeden Fall öffnen werde. </p>]]></description>
<link>http://wdrblog.de/glossenblog/archives/2009/09/tag_der_gefuhle.html</link>
<guid>http://wdrblog.de/glossenblog/archives/2009/09/tag_der_gefuhle.html</guid>
<category>Stephan Josef</category>
<pubDate>Sun, 27 Sep 2009 07:00:51 +0100</pubDate>

</item>

<item>
<title>Ganz großes Parteienkino</title>
<description><![CDATA[<p><img align="left" caption="Prediger, stets überwacht" alt="Prediger in Kirche; Rechte: dpa" src="http://wdrblog.de/glossenblog/predigt.jpg" width="120" height="160" />In meiner Nachbarschaft gab es mal einen Pastor, zu dem gingen auch die Kirchgänger der Nachbargemeinden recht gern. Denn er predigte locker und manchmal mit kleinen kirchenkritischen Spitzen. Es gab in seiner Gemeinde aber auch eine ältere Dame, eine pensionierte Grundschullehrerin, der gerade diese Bemerkungen gar nicht gefielen. Im Kampf gegen Irrlehren schrieb sie Eigenverantwortung groß und die Bemerkungen des Pfarrers in einem Notizblock mit. Diese Aufzeichnungen schickte sie dann hin und wieder an den Bischof. Und der wiederum rief hin und wieder beim Pfarrer an. Der Pfarrer ließ sich davon jedoch wenig beeindrucken. Eines Sonntags flocht er in seine Predigt sogar die Bemerkung ein: "Soll ich das noch mal wiederholen, Frau N., oder haben sie es schon?"</p>

<p><img align="right" caption="Kinoreif" alt="Ruettgers hält Rede; Rechte: dpa" src="http://wdrblog.de/glossenblog/ruettgersrede.jpg" width="120" height="160" />In einer Institution, die Beichtstuhl und Inquisition erfunden hat, geht man mit Überwachung eben gelassen um. Ähnliche Fragen wird man demnächst aber auch öfter von Wahlkampfbühnen hören: "Haben Sie das im Kasten, oder soll ich noch mal wiederholen?" Denn die politischen Gegner <a href="http://www.wdr.de/themen/politik/parteien/cdu/videobeobachtung/index.jhtml">verfilmen sich neuerdings gegenseitig</a>. Jürgen Rüttgers' Sprüche über Rumänen und Chinesen wurden von der SPD mit der Handkamera eines eifrigen Jusos aufgenommen. Die CDU hat nun auf Hannelore Kraft gleich eine Filmproduktionsfirma angesetzt.</p>

<p><img align="left" caption="Das würde uns ins Kino treiben" alt="Kinokasse; Rechte: dpa" src="http://wdrblog.de/glossenblog/kinokasse.jpg" width="160" height="120" />Ich stelle mir das lustig vor, wenn wir demnächst die Parteien stets im filmischen Stil der Gegenseite kennen lernen werden, für Cineasten sicher ein ästhetisches Erlebnis. Der Arbeiterführer Rüttgers eingefangen in etwas wackeligen langen Einstellungen wie bei Dogma-Regisseuren. Die Sozialdemokraten dagegen präsentiert in Short-Cut-Manier, aus ständig wechselnder Perspektive gesehen, als sei's ein Streifen aus Hollywood. Wenn die Grünen auch endlich mitmachen, gibt es bald ein langes Westerwelle-Porträt im Stil einer Star-Doku von Martin Scorsese. (Bärbel Höhn wird manchmal eingeblendet und kommentiert Westerwelles Körpersprache.) Die Linke wiederum dreht einen Streifen über die Grünen, waschechter sozialistischer Realismus unter dem Titel: "Wahlkampfkreuzer Trittin". Unterlegt mit Musik von <a href="http://www.wdr.de/themen/kultur/stichtag/2008/07/06.jhtml">Hanns Eisler</a>. Schön fände ich, wenn zu Beginn einer neuen Legislaturperiode ein Zusammenschnitt der besten Überwachungsfilme in die Kinos käme. Da könnte man dann Kultpartys veranstalten, so wie bei der Rocky Horror Picture Show.</p>

<p>Ein Problem mit der neuen Kunstform wird allerdings die Piratenpartei haben. Sie ist bekanntlich gegen jede Videoüberwachung und erst recht gegen deren Veröffentlichung. Während die anderen über ihre Demonstrationen wundervolles Popcorn-Kino mit Anleihen am "Fluch der Karibik" produzieren, schreiben die Piraten beim Gegner nur mit. Die Notizen werden dann auf Lesungen präsentiert. Und da ist es dann mucksmäuschenstill, wie in der Kirche.</p>

<p><a href="http://medien.wdr.de/radio/glossenblog/wdr_glosse_das_moderne_leben_090920.mp3"><strong>Audio: Ganz großes Parteienkino</strong></a><p>]]></description>
<link>http://wdrblog.de/glossenblog/archives/2009/09/ganz_grosses_parteienkino.html</link>
<guid>http://wdrblog.de/glossenblog/archives/2009/09/ganz_grosses_parteienkino.html</guid>
<category>Doktor Gregor</category>
<pubDate>Sun, 20 Sep 2009 09:00:00 +0100</pubDate>

</item>

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<title>Bella Italia</title>
<description><![CDATA[<p><img align="right" caption="Capri ohne rote Sonne" alt="Capri; Rechte: dpa" src="http://wdrblog.de/glossenblog/images/capri.jpg" width="160" height="120" />Wie schön Italien ist, wusste schon Goethe. Spätestens, seit <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Capri-Fischer">Rudi Schuricke</a> bei Capri die rote Sonne im Meer versinken ließ, wissen es fast alle Deutschen. Die Toskana-Liebhaber bringen es sogar auf Fraktionsstärke bei den deutschen Sozis. Richtig tief in den Süden reisen dagegen nur wenige. Zu denen gehörten in diesem Jahr meine Bonner Freundin Kati und ich. Südlich von Neapel buchten wir uns eine Ferienwohnung, um es uns dort gut gehen zu lassen und einige Ausflüge ans Meer und zu den Sehenswürdigkeiten der näheren Umgebung zu machen. </p>

<p><img align="left" caption="Hilfe bei Hitze" alt="Zunge schleckt Eis; Rechte: dpa" src="http://wdrblog.de/glossenblog/images/eis_zunge.jpg" width="160" height="120" />Der Urlaub war sehr erholsam, auch wenn es in der ersten Woche extrem heiß war. Nun, mit kühlen Getränken und Gelato ließ es sich unter einem Sonnenschirm trotzdem gut aushalten. Für ein wohltuendes Frösteln sorgte zuweilen auch meine Urlaubslektüre: <a href="http://www.funkhauseuropa.de/sendungen/suepermercado/suepertipps/2009/sueper_dvd_gomorrha.phtml">"Gomorrha"</a> ist ein Buch über die Camorra, die neapolitanische Variante der Mafia. Es beschreibt nicht nur die wirtschaftskriminellen Umtriebe in dieser Region Italiens, sondern auch sehr detailliert manche Gewalttat der Camorristi.</p>

<p>Sorgen um unser Wohlergehen verdrängten wir aber erfolgreich mithilfe einer altersweisen Prominenten. Die 75-jährige Frau hatte erklärt, so lasen wir in der Tageszeitung, dass 90 Prozent aller Sorgen, die man und frau sich im Leben so machen, grundlos seien. Wenn Kati zu unken begann über drohende Gewitter, angriffslustige Mücken oder <a href="http://wdrblog.de/glossenblog/archives/2006/09/der_himmel_auf_erden.html">Einbrecher</a>, die sich auf Ferienwohnungen spezialisiert haben, sagte ich bloß: "90 Prozent". Und schon lösten sich die dunklen Gespräche und Gedanken auf, und wir konnten uns fröhlich dem dolce far niente widmen.</p>

<p><img align="right" caption="Kaum Platz für Autos" alt="Amalfi-Küste; Rechte: dpa" src="http://wdrblog.de/glossenblog/images/amalfi_kueste.jpg" width="160" height="120" />"Unser Wagen ist abgeschleppt worden", sagte Kati, nachdem wir durch Amalfi gebummelt waren. Mit "90 Prozent" war die Situation diesmal nicht zu entschärfen, denn wir standen genau an der Stelle, wo wir den Leihwagen abgestellt hatten, jetzt aber weit und breit kein Auto zu sehen war. 90 Prozent, so dachte ich mir, sind halt nicht 100 Prozent. Manchmal geht wohl wirklich was schief. Also machten wir uns auf den Weg zur Polizeiwache. Dort erklärte uns ein schnauzbärtiger Italiener mit verspiegelter Brille, dass die Wache erst um vier Uhr wieder geöffnet habe. </p>

<p>Pünktlich um vier betraten wir wieder die Wache. Der Schnauzbart hatte noch immer seine Sonnenbrille auf und hackte auf der Tastatur seines Computers herum. Barsch erklärte er uns in Broken English, wir sollten zum Busbahnhof gehen. Dort war aber keine Spur von unserem Wagen. Allerdings wusste ein Busfahrer, der gerade Pause machte, dass falsch geparkte Wagen ins Bergdörfchen Ravello geschleppt würden. Er verkaufte uns zwei Bus-Tickets, und eine Stunde später lösten wir mit 80 Euro unseren Wagen bei einem Abschleppunternehmer in Ravello aus, der ebenfalls Schnauzbart und Sonnenbrille trug. Neben seinem Parkplatz gab es eine Waschanlage, in der gerade Polizeiautos auf Hochglanz gewienert wurde. Ich nahm mir vor, am Abend das Camorra-Buch weiter zu lesen. Vielleicht gab es dort ja auch ein Kapitel über die Verfilzung von Polizei und Abschleppern.</p>

<p><img align="left" caption="Fluch der Medienstadt" alt="Parkverbot-Schild; Rechte: dpa/WDR[m]um" src="http://wdrblog.de/glossenblog/images/koeln_parkverbot.jpg" width="160" height="120" />Die Urlaubsfreude habe ich mir nicht vermiesen lassen, auch nicht, als ich am letzten Abend beim Nüsse-Naschen ein Stück von einem Backenzahn einbüßte. Doch ein wenig freute ich mich doch auf Zuhause, die kühlen Nächte in Deutschland und den Zahnarzt meines Vertrauens. In Köln angekommen, stellte ich als erstes fest, das mein ordnungsgemäß geparktes Auto nicht mehr an seinem Platz stand. Es sei "sichergestellt und im Wege der Ersatzvornahme abgeschleppt und in Verwahrung genommen", erklärte mir ein Schreiben der Stadt, das ich in meinem überquellenden Briefkasten fand. Ich knirschte mit den Zähnen, was keine gute Idee, sondern äußerst schmerzhaft war. Kurzfristig hatte die Stadt mal wieder ein Parkverbot eingerichtet - wegen Dreharbeiten. Zu einem Film über Mafia-Aktivitäten in Köln.</p>

<p><a href="http://medien.wdr.de/radio/glossenblog/wdr_glosse_das_moderne_leben_090913.mp3"><strong>Audio: Bella Italia</strong></a><p>]]></description>
<link>http://wdrblog.de/glossenblog/archives/2009/09/bella_italia.html</link>
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<category>Stephan Josef</category>
<pubDate>Sun, 13 Sep 2009 07:00:33 +0100</pubDate>

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<title>Ahnungslos im Arpad-Netz</title>
<description><![CDATA[<p><img align="right" caption="Woodstockromantik" alt="Teilnehmer des Woodstockfestivals; Rechte: akg" src="http://wdrblog.de/glossenblog/woodstockregen.jpg" width="160" height="120" />Gerade war der Sommer der Liebe mit seinen nassen <a href="http://www.wdr.de/wissen/wdr_wissen/programmtipps/schwerpunkte/40_Jahre_Woodstock.php5">Bethel-Nächten</a> vorbei, da folgte auf ihn der Herbst der Krieger. In jenem denkwürdigen Jahr 1969, während die Hippies noch ihre bematschten Klamotten wuschen, sann das US-Militär über ein "unzerstörbares Netzwerk" nach und ließ es von einigen Universitäten in Kalifornien und Utah aufbauen. Die beauftragende Militärbehörde hieß Arpa und heraus kam das Arpanet - die <a href="http://wdrblog.de/joergschieb/archives/2009/09/40_jahre_intern.html">Keimzelle des Internets</a>.</p>

<p><img align="left" caption="Internetromantik" alt="Grosseltern mit Enkel vor Computer; Rechte: dpa" src="http://wdrblog.de/glossenblog/grosselterncomputer.jpg" width="160" height="120" />Arpa, Arpanet? Plötzlich kommt es mir vor, als könne ich mich an diesen Begriff noch aus meiner Kindheit erinnern. Aber das ist unmöglich, schließlich ahnte damals kaum einer, was das Pentagon heimlich tat und dass dort unser künftiges Leben mit Mails, Spamfilter und Onlinebanking vorbereitet wurde. Außerdem war ich damals noch ein Kind, das sich beim Fernsehen weder für Jimi Hendrix noch für den Kalten Krieg interessierte, sondern für Schweinchen Dick. Aber Fernsehen ist das richtige Stichwort, und jetzt weiß ich es wieder: Ich erinnere mich nicht an Arpa, sondern an Arpad. <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Arpad,_der_Zigeuner">"Arpad der Zigeuner"</a> ritt wenige Jahre später - während Arpa unter Ausschluss der Öffentlichkeit allmählich immer mehr Rechner einbezog - durch die deutschen Fernseher. Ich liebte diesen Puszta-Helden des Vorabendprogramms. Er entkam Folge für Folge den Fängen feindlicher Österreicher, Ungarn und Stammesbrüder, schoss und ritt dabei vorzüglich, zeigte viel Brust und liebte Rilana (was ich bald mit ihm gemeinsam hatte).</p>

<p>Meinen Kindern sind Arpad und Rilana böhmische (bzw. ungarische) Dörfer. Ich weiß auch nicht, warum die Serie nie wiederholt wird. Vielleicht, weil sie heute "Arpad der Sinti" heißen müsste und die politisch korrekte Nachsynchronisation zu viel Arbeit machen würde. Dass Arpad immer noch sehr viele Fans hat, beweist ein Klick im heutigen Arpanet: Bei Google findet er sich über 5.000 Mal.</p>

<p><img align="right" caption="Pusztaromantik" alt="Reiter an Pusztabrunnen; Rechte: akg" src="http://wdrblog.de/glossenblog/puszta.jpg" width="160" height="120" />Mich macht diese Erinnerung unruhig. "Kümmert euch eigentlich eure Zukunft?" will ich meinen Kindern zurufen. Aber die schauen gerade die neue Folge von Doctor's Diary. Ob sich die in einigen Jahrzehnten wohl auch noch 5.000-fach finden lässt? Ob es dann überhaupt noch ein Internet geben wird, oder ob es die EU wegen seiner nachgewiesenen Klimaschädlichkeit längst verboten hat, wie die <a href="http://www.wdr.de/themen/wirtschaft/wirtschaftsbranche/gluehbirne/gluehbirne/090828.jhtml">Glühbirne</a>? Oder ob es dann die EU schon nicht mehr gibt, weil sie in der Eurasischen Union unter der Führung Chinas aufgegangen ist? Müssten wir nicht eigentlich wissen, was irgendwelche Militärs in Peking gerade heimlich ausprobieren lassen? Während wir das meiste, was wir heute erfahren, getrost vergessen können? Mich verwirren diese Fragen so sehr, dass ich dringend Entspannung brauche. Doctor's Diary langweilt mich. Also gehe ich in mein Arbeitszimmer und lege gute Musik auf. Robert Schumann, Zigeunerleben.</p>

<p><a href="http://medien.wdr.de/radio/glossenblog/wdr_glosse_das_moderne_leben_090906.mp3"><strong>Audio: Ahnungslos im Arpad-Netz</strong></a><p>]]></description>
<link>http://wdrblog.de/glossenblog/archives/2009/09/ahnungslos_im_arpadnetz.html</link>
<guid>http://wdrblog.de/glossenblog/archives/2009/09/ahnungslos_im_arpadnetz.html</guid>
<category>Doktor Gregor</category>
<pubDate>Sun, 06 Sep 2009 01:00:00 +0100</pubDate>

</item>

<item>
<title>Von Innovationen überrollt</title>
<description><![CDATA[<p>Meine Oma konnte kein Englisch. "Made in Germany" sprach sie immer so aus, dass man an eklige kleine Würmer denken musste. Als Kinder machten wir einen Witz daraus und sagten: "Es steckt eine Made in Germany". Das war fast prophetisch, denn damals war man noch richtig stolz auf das, was ganz unenglisch "deutsche Wertarbeit" hieß. Die war für das kollektive Selbstbewusstsein fast so wichtig wie die D-Mark.</p>

<p><img align="left" caption="Kind mit Hörereignis" alt="Kind mit Walkman; Rechte: dpa" src="http://wdrblog.de/glossenblog/walkmankind.jpg" width="160" height="120" />Heute ist nicht nur die D-Mark weg. Die Made hat ziemlich viel angefressen in Germany. Ich sage nur: Grundig, Schießer, Märklin. Irgendwann kam das Land in den Ruf, nur Altbackenes hervorzubringen, Altbier, Asbach Uralt, Altpapier. Und wenn ein Deutscher mal eine "körpergebundene Kleinanlage für die hochwertige Wiedergabe von Hörereignissen" patentieren ließ, brachten doch die Japaner den <a href="http://www.br-online.de/kultur/walkman-30-jahre-cassette-ID1246283823826.xml">Walkman</a> heraus. Erst spät wachte die Politik auf und erfand als Gegenmaßnahme neue Berufe: etwa den Zukunftsminister. Als ein solcher die Regierung von NRW übernahm, erfand er in seinem Kabinett gleich noch so einen Beruf: den Innovationsminister.</p>

<p>Seither sind Zukunft und Innovation so richtig angesagt zwischen Rhein und Weser. In der Schützenfeststadt Neuss gibt es den Slogan "Öfter mal was Neuss" und während die Kultur noch auf die Ruhr2010 blickt, teilt die Wirtschaft schon den Ruhr2030Award aus. Der ging in diesem Jahr nach Marl. In der Stadt werden nämlich nicht nur begehrte Fernseh- und Online-Preise hergestellt, sondern auch die <a href="http://www.wdr.de/themen/kurzmeldungen/2009/08/25/ruhr2030award_fuer_rollfliese_aus_marl.jhtml?ofs=20">Rollfliese</a>. Die ist laut Laudatio eine "Produktinnovation, die ein hohes Marktpotenzial mit sich bringt".</p>

<p><img align="right" caption="Ich mach mal Licht an" alt="Straßenlaterne am Meer; Rechte: dpa" src="http://wdrblog.de/glossenblog/laterne.jpg" width="160" height="120" />Als ich hörte, dass man Fliesen jetzt so kaufen und verlegen kann wie Tapeten, war ich erst mal ganz von der Rolle. Dabei ist die Rollfliese beileibe nicht die einzige brandneue Innovation im Land. Wie der Kollege <a href="http://wdrblog.de/klaeuser/archives/2009/08/26/">Horst Kläuser berichtet</a>, gibt es in Dörentrup-Schwelentrup patentierte Straßenlaternen, die man per Handy anknipsen kann. Mehr davon, möchte man ausrufen! Dafür braucht es aber findige Forscher und geniale Erfinder - und die sind bekanntlich in großer Zahl ausgewandert und müssen nun von Innovationsministern handverlesen und <a href="http://www.wdr.de/themen/wissen/forschung/forscherland_nrw/leichert/index.jhtml">teuer zurückgekauft</a> werden. <a href="http://www.wdr.de/themen/wissen/forschung/patentscouts/index.jhtml">Patentscouts</a> suchen an den Unis nach ihnen wie nach Stecknadeln im Heuhaufen. </p>

<p><img align="left" caption="Teure Kopfbedeckung" alt="Doktorhut; Rechte: dpa" src="http://wdrblog.de/glossenblog/drhut.jpg" width="120" height="160" />Soll man es da nicht begrüßen, wenn eine Firma in <a href="http://www.wdr.de/themen/panorama/kriminalitaet10/betrug_doktortitel/index.jhtml">Bergisch Gladbach</a> seit Jahren erfolgreich neues Humankapital in Form von Doktoren produziert? Sollte man der Stadt, die mit Heidi Klum eines der erfolgreichsten deutschen Exportprodukte hervorbrachte, nicht dankbar sein? Aber statt des Bundesverdienstkreuzes erhält die Bergische Dr.-Schmiede Besuch von Staatsanwälten. Sollen jetzt Menschen bestraft werden, die sich Bildung etwas kosten lassen? Für erfahrene Akteure aus der globalisierten Wirtschaft - typische Kunden eines Promotions-Services - muss es eine irritierende Erfahrung sein, dass Schmiergelder illegal sind. Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Den Titel in meinem Bloggernamen erhielt ich für lau. Aber ich musste drei Jahre investieren, eine viel zu lange Zeit für Innovationen mit Marktpotential. So was konnte man sich in Zeiten der deutschen Wertarbeit leisten. Im modernen Leben dagegen braucht man den Doktor just in time. Schließlich will ich auch die Straßenbeleuchtung anknipsen, wenn ich sie brauche. Und morgen roll ich mir mein Bad neu.</p>

<p><a href="http://medien.wdr.de/radio/glossenblog/wdr_glosse_das_moderne_leben_090830.mp3"><strong>Audio: Von Innovation überrollt</strong></a><p>]]></description>
<link>http://wdrblog.de/glossenblog/archives/2009/08/von_innovationen_uberrollt.html</link>
<guid>http://wdrblog.de/glossenblog/archives/2009/08/von_innovationen_uberrollt.html</guid>
<category>Doktor Gregor</category>
<pubDate>Sun, 30 Aug 2009 06:00:54 +0100</pubDate>

</item>

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<title>Heiße Phase</title>
<description><![CDATA[<p><img align="left" caption="Hase und Igelin" alt="Frank-Walter Steinmeier und Angela Merkel; Rechte: dpa" src="http://wdrblog.de/glossenblog/steinmeier_merkel.jpg" width="120" height="160" />"Warum wird der Bundestag eigentlich immer Ende September/Anfang Oktober gewählt", fragt mich meine Tochter. Ich bin schon wieder mal mit meiner politischen Bildung am Ende, weiß nicht einmal, ob das schon immer so war. Also sage ich einfach: "Wahrscheinlich, damit vorher die 'heiße Phase des Wahlkampfs' stattfinden kann." Tatsächlich bemüht sich das <a href="http://www.wdr.de/Fotostrecken/wdrde/Panorama/2009/07/sommer090806.jsp?hi=Panorama">Wetter</a> redlich um so eine heiße Phase. Es wird dabei aber ziemlich allein gelassen. So wie Steinmeier. Ihm ergeht es wie Hannibal in Italien oder Napoleon in Russland: Er führt einen Feldzug, aber der Gegner stellt sich einfach nicht. So hat er keine Chance, zumal Steinmeier kein Hannibal und kein Napoleon ist, eher schon ein abgehetzter Hase zwischen der CDU-Igelfrau Merkel und dem CSU-Igel-Mann von Guttenberg. Die sind beide immer schon da, wo er hinrennt.</p>

<p>Nun sind die CDU/CSU-Igel allerdings nicht die einzigen, die nicht mitmachen. Die Bürger, wir also, halten es ähnlich. Wir lassen die Krise Krise sein und gehen lieber zur <a href="http://www.wdr.de/themen/computer/2/spiele/090820.jhtml">Gamescom</a>. Oder wir wünschen uns, dass man Horst Schlämmer wirklich wählen kann, damit es lustiger wird in der Politik. In Wirklichkeit aber wird <a href="http://www.tagesschau.de/wahl/portraetwesterwelle100.html">Guido Westerwelle</a> Außenminister werden. Das finde ich lustig genug.</p>

<p><img align="right" caption="RWE-Kommune?" alt="Ortsschild von Grevenbroich; Rechte: WDR" src="http://wdrblog.de/glossenblog/grevenbroich.jpg" width="120" height="160" />Ich frage mich ernsthaft, was die Deutschen eigentlich politisieren könnte, wenn es die größte Weltwirtschaftskrise der Nachkriegszeit und kläglich scheiternde Klimarettungsversuche nicht können. Kurz bevor ich an dieser Frage verzweifele, treffe ich meine Freundin Elke im Straßencafé. Kaum sitze ich ihr gegenüber, zieht sie über Horst Schlämmer her. Der sei doch eine Marionette von RWE, meint sie: "Die finanzieren das alles. Die machen Grevenbroich, diese selbsternannte <a href="http://www.wdr.de/Fotostrecken/wdrde/Politik/2009/08/schlaemmers_dienstsitz.jsp">Bundeshauptstadt der Energie</a>, zur beliebtesten Kommune Deutschlands, nur um von ihren Braunkohleseeplänen und Dreckschleuderkraftwerken abzulenken!"</p>

<p><img align="left" caption="Pentagon unterwegs?" alt="Flugzeug mit Kondenzstreifen; Rechte: dpa" src="http://wdrblog.de/glossenblog/kondenzstreifen.jpg" width="120" height="160" />Ich bin erstaunt, denn ich habe diese Theorie noch nie gehört. Aber meine Frage, woher sie das hat, beantwortet Elke erst gar nicht. Ob ich schon wüsste, fragt sie mich, dass die Kondensstreifen der Flugzeuge seit Jahren mit Chemikalien versetzt werden. "Mit denen will das Pentagon bald das Wetter beeinflussen können, weltweit." Nein, wusste ich nicht. "Du musst doch <a href="http://wissen.spiegel.de/wissen/dokument/dokument.html?titel=Metall am Himmel&id=38785499&top=SPIEGEL&suchbegriff=chemtrails&quellen=&qcrubrik=artikel">Chemtrails</a> kennen!" ruft Elke verwundert aus. "Kannst Du alles im Netz nachlesen."</p>

<p><img align="right" caption="Foto aus der Wüste?" alt="Astronaut auf dem Mond; Rechte: dpa" src="http://wdrblog.de/glossenblog/mondlandung.jpg" width="160" height="120" />Ich würde Elke jetzt gern fragen, was sie vom kürzlich über die Bühne gegangenen <a href="http://www.wdr.de/themen/wissen/astronomie/mondlandung/uebersicht_mondlandung.jhtml">Mondlandungsjubiläum</a> hält, sozusagen als Testfrage für alle Verschwörungstheoretiker. Aber stattdessen trinke ich schweigend meine Bio-Limonade. Denn mir dämmert allmählich, dass die Wahlkampfstrategen etwas falsch machen. Sie führen die immer gleichen öden Diskussionen über Wirtschaftsankurbelung und Steuersätze. Das ist reichlich phantasielos. Die Menschen haben aber Phantasie. Gerade will ich dann doch zum Mondlandungstest ansetzen, da sagt Elke: "Und der ganze Wahlkampf interessiert mich schon lange nicht mehr. Die nächste Regierung haben die Parteien doch längst miteinander abgesprochen." Darüber will ich nun doch diskutieren, aber es sind plötzlich dicke Wolken aufgezogen, ein Windstoß fegt über unseren Tisch und dann kracht es kräftig. "Die Gewitter kamen früher auch nie so plötzlich", sagt Elke. Ich hätte gern erfahren, woran das liegt. Aber sie will schnell vor dem Regen nach Hause. "Ja, ja, der Regen ist auch nicht mehr, was er mal war", rufe ich ihr nach. Und schon beginnt es zu schütten, doch so schnell wie er gekommen ist, hört der Regen wieder auf. Nun riecht die Luft wie frisch gereinigt. "Chemisch gereinigt", würde Elke sagen.</p>

<p><a href="http://medien.wdr.de/radio/glossenblog/wdr_glosse_das_moderne_leben_090823.mp3"><strong>Audio: Heiße Phase</strong></a><p>]]></description>
<link>http://wdrblog.de/glossenblog/archives/2009/08/heisse_phase.html</link>
<guid>http://wdrblog.de/glossenblog/archives/2009/08/heisse_phase.html</guid>
<category>Doktor Gregor</category>
<pubDate>Sun, 23 Aug 2009 08:00:00 +0100</pubDate>

</item>

<item>
<title>Mahlzeit!</title>
<description><![CDATA[<p><img align="right" caption="Prima Pasta" alt="Pasta; Rechte: dpa" src="http://wdrblog.de/glossenblog/images/pasta.jpg" width="160" height="120" />Die kulinarische Vorhölle erlebte ich im zarten Alter von 14 Jahren, während eines Sprachurlaubs auf der englischen Insel Wight. Gemeinsam mit meinem Freund Hans war ich in einer Familie untergebracht, die sich nach Kräften bemühte, unser Vorurteil gegen die britische Küche zu bestärken. So lernten wir, dass man Spaghetti aus der Dose auf Toast servieren kann und zum Mittagessen gerne knallgrüne Tiefkühlerbsen mit verkochten Kartoffeln und fettigem Fleisch reicht. Dass wir während der drei Wochen auf Wight keine Hungerödeme bekamen, verdankten wir nur der konsequenten Investition des Taschengeldes in die örtliche Schnellgastronomie.</p>

<p>Danach dauerte es einige Zeit, bis ich Lust auf weitere Erfahrungen mit internationaler Küche hatte. Die machte ich schließlich beim heimischen Italiener, der mich mit Pasta und Pizza bekannt machte. Gefallen fand ich auch an griechischer, chinesischer, französischer, thailändischer und argentinischer Küche, die kurz nacheinander den gutbürgerlichen Restaurants meiner kleinen rheinischen Heimatstadt Konkurrenz machten. Meine Liebe zu ausländischen Gerichten erhielt allerdings einen kleinen Dämpfer, als während eines Jugoslawien-Urlaubs aus Versehen - wer kann schon serbokroatisch? - ein gummiartiger Gulasch auf meinem Teller landete und sich im Nachhinein als Pansen herausstellte. Den Rindermagen kannte ich bis dahin nur im Rohzustand - als Futter für unseren Schäferhund.</p>

<p><img align="left" caption="Fremde Früchte" alt="Früchte; Rechte: WDR" src="http://wdrblog.de/glossenblog/images/fruechte.jpg" width="160" height="120" />Nach diesem Erlebnis wuchs meine Lust auf Salat und Gemüse. War meine Kindheit in dieser Hinsicht noch von Kohlrabi, Sauerkraut, Rotkohl, Erbsen, Bohnen, grünem und Endivien-Salat geprägt, kamen nun schmackhafte Alternativen hinzu: Auberginen und Avocado, Paprika und Palmherzen, Radicchio und Rucola. Ich war begeistert von der zunehmenden Vielfalt auf dem Wochenmarkt und im Supermarkt, auch bei den Früchten. Dabei musste ich - wie andere auch - zunächst lernen, wie man Guave, Papaya, Litchi und Co. erstens korrekt ausspricht und zweitens unfallfrei isst. </p>

<p>Inzwischen kann ich die paradiesische Vielfalt an Obst und Gemüse nicht mehr sorgenfrei genießen. Schuld ist Elke, eine gute Freundin von Doktor Gregor. Kürzlich waren die beiden bei mir zu Gast, ich hatte Getreideplätzchen vorbereitet und einen Rucola-Salat mit Walnüssen angerichtet. "Ach so, es gibt Modesalat", kommentierte Elke bissig, ließ es sich aber augenscheinlich schmecken. Als ich zum Nachtisch eine Schale mit Obst auf den Tisch stellte, war ihre Toleranz erschöpft. "Weißt du eigentlich, welch miese Öko-Bilanz so eine Litchi hat, die aus Asien herangekarrt wird?", fragte sie mich streng und rhetorisch. "Die Meckenheimer Äpfel sind okay, obwohl sie mir nicht aus Bioanbau zu stammen scheinen, aber die Litchis - die gehen gar nicht." Und dann schimpfte sie noch ein wenig über Modegemüse und schwärmte von Fenchel, Stielmus und Pastinake.</p>

<p><img align="right" caption="Rohkost Rauke" alt="Rauke; Rechte: WDR" src="http://wdrblog.de/glossenblog/images/rucola.jpg" width="160" height="120" />Kurz nach dem denkwürdigen Abend las ich die <a href="http://www.wdr.de/radio/wdr2/westzeit/526881.phtml">Meldung</a>, dass ein Bonner Wissenschaftler vor Giftpflanzen im Rucola-Salat warnt. Einen kurzen Moment lang sah ich vor meinem geistigen Auge Elke, wie sie im Supermarkt das Gemeine Kreuzkraut unter den Rucola schmuggelt. Dann schämte ich mich meiner Fantasie und nahm mir vor, Elkes Kritik am Mode-Essen ernst zu nehmen. Demnächst kommt wieder Bodenständiges auf den Tisch, was zugleich gesund, lecker und ökologisch unbedenklich ist. Zum Beispiel <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Rucola">Rauke</a>. Die gab's schon bei den alten Germanen.</p>

<p><a href="http://medien.wdr.de/radio/glossenblog/wdr_glosse_das_moderne_leben_090816.mp3"><strong>Audio: Mahlzeit!</strong></a><p>]]></description>
<link>http://wdrblog.de/glossenblog/archives/2009/08/mahlzeit.html</link>
<guid>http://wdrblog.de/glossenblog/archives/2009/08/mahlzeit.html</guid>
<category>Stephan Josef</category>
<pubDate>Sun, 16 Aug 2009 07:00:13 +0100</pubDate>

</item>

<item>
<title>Das dicke Ende</title>
<description><![CDATA[<p><img align="right" caption="Großer Kopf, großes Gedächtnis?" alt="Elefant, Mann; Rechte: dpa/von Erichsen" src="http://wdrblog.de/glossenblog/images/elefant02.jpg" width="120" height="160" />Es war ein heißer Tag kurz vor den Sommerferien, alle Schüler dösten auf ihren Stühlen, nur unser fülliger, schnauzbärtiger Englischlehrer versuchte mit allen Mitteln, seinen Unterricht durchzuziehen. Mit grimmiger Miene forderte er meinen Freund Hans auf, den Inhalt der letzten Stunde zusammenzufassen. "Da gibt es nichts zusammenzufassen", behauptete Hans. Nun entspann sich ein erhitzter Dialog, dessen Schluss bei jedem Ehemaligen-Treffen in der Schule gerne erzählt wird. "Was mein Gedächtnis angeht, bin ich ein Elefant", drohte der Lehrkörper mit Schnauzbart, "I see" entgegnete Hans. Danach musste er zwar das Klassenzimmer verlassen, hatte sich aber unauslöschlich ins kollektive Gedächtnis der Schule eingeschrieben.</p>

<p><img align="left" caption="Schöner als Rohre" alt="Cheops-Pyramide; Rechte: dpa/Eisler" src="http://wdrblog.de/glossenblog/images/cheops.jpg" width="160" height="120" />Im kollektiven Gedächtnis seines Volkes will sich jeder ambitionierte Politiker verewigen. Auch deshalb ließ Cheops seine <a href="http://www.planet-wissen.de/politik_geschichte/das_alte_aegypten/pyramidenbau/cheops_pyramide.jsp">Pyramide</a> bauen, <a href="http://www.wdr.de/themen/kultur/stichtag/2008/09/05.jhtml?rubrikenstyle=stichtag">Ludwig XIV.</a> Versailles und <a href="http://www.wdr.de/themen/kultur/stichtag/2006/10/29.jhtml?rubrikenstyle=stichtag">Honecker</a> die Mauer. <a href="http://www1.ndr.de/wirtschaft/unternehmen/wi1898.html">Schröder</a> und <a href="http://www.tagesschau.de/wirtschaft/fischer112.html">Fischer</a> versuchen es mit Rohrleitungen. Doch wahrscheinlich bleibt den Menschen anderes im Gedächtnis von den beiden: Beim vorerst letzten Sozi-Kanzler etwa die <a href="http://www.wdr.de/themen/kultur/stichtag/2008/09/26.jhtml">Agenda 2010</a> und der suboptimale <a href="http://www.tagesschau.de/inland/meldung157338.html">Fernsehauftritt</a> nach der Bundestagswahl 2005, bei Joschka vielleicht der <a href="http://www05.wdr.de/radio/wdr2/moma/468627.phtml">Steinewerfer und Marathonläufer</a>. Das ist nicht gerecht, aber Erinnerungen sind halt selten gerecht.</p>

<p><img align="right" caption="Bild aus alter Zeit" alt="Guidomobil mit Guido Westerwelle und Walter Döring; Rechte: dpa/Melchert" src="http://wdrblog.de/glossenblog/images/guidomobil.jpg" width="160" height="120" />So sehr der Politiker sich ins Gedächtnis der Wahlbürger einschleichen will, so inständig hofft er natürlich, dass sich der Wähler nicht an alles erinnert, was ihm vor der Wahl versprochen wurde. Wie viel Wahlversprechen wert sind, weiß der Wähler dabei längst und traut kaum einem über den Weg, der <a href="http://www.tagesschau.de/inland/unionsteuern102.html">Steuersenkungen</a> verspricht oder <a href="http://www.tagesschau.de/inland/deutschlandplan102.html">vier Millionen neue Arbeitsplätze</a>, ein <a href="http://www.tagesschau.de/multimedia/sendung/bab/bab860.html">Grundeinkommen für jedermann</a> oder einen Aufschwung ohne Ende. Viele Wähler haben ein wahres Elefanten-Gedächtnis, erinnern sich noch an den Spaßpolitiker Westerwelle und sein <a href="http://www.wdr.de/themen/wahl2002/webparteien_fdp.jhtml">Guidomobil</a>, an den Agenda-Administrator und Schröder-Gehilfen Steinmeier, an den <a href="http://www.tagesschau.de/jahresrueckblick/meldung105332.html">Bonusmeilen-Sammler Cem Özdemir</a>, an die Flucht von <a href="http://www.tagesschau.de/inland/meldung179084.html">Oskar Lafontaine</a> aus dem Ministeramt oder an "Kohls Mädchen" <a href="http://www.tagesschau.de/redirectid.jsp?id=merkel632">Angela Merkel</a>.</p>

<p><img align="left" caption="Ein Mann mit Elefantengedächtnis?" alt="Karlheinz Schreiber; Rechte: dpa/Hildenbrand" src="http://wdrblog.de/glossenblog/images/schreiber.jpg" width="120" height="160" />Ein gutes Gedächtnis ist eine Waffe, wusste schon mein schnauzbärtiger Englischlehrer. Und wenn ihre Zeit gekommen ist, kann sie eine verheerende Wirkung entfalten. Das bekam vor vielen Jahren mein Freund Hans zu spüren, bei der inquisitorischen Befragung in der Englisch-Abiturprüfung. Und das bekam gerade Bill Clinton zu spüren. Hillary, seine Frau und amtierende US-Außenministerin, schickte ihn auf <a href="http://www.tagesschau.de/ausland/clintonnordkorea100.html">Straf-Expedition</a> ins ungemütliche Nordkorea, weit weg von jeder Praktikantin. Da musste sich der notorische Schürzenjäger auf peinlichen Bildern mit einem greisen Diktator ablichten lassen, was sonst kein guter westlicher Politiker tut. Welche Sprengkraft das Gedächtnis des Waffenlobbyisten <a href="http://www.tagesschau.de/inland/schreiber154.html">Karlheinz Schreiber</a> haben kann, darüber rätselt in diesen Tagen manch Christsozialer und Christdemokrat. Schreiber, eine Schlüsselfigur des CDU-Spendenskandals, sitzt in Untersuchungshaft, ihm soll bald der Prozess gemacht werden. Wird sein Elefantengedächtnis noch eine Bedrohung für die kollektive Erinnerung an einen der größten Elefanten der deutschen Politik, an Helmut Kohl? We will see.</p>

<p><a href="http://medien.wdr.de/radio/glossenblog/wdr_glosse_das_moderne_leben_090809.mp3"><strong>Audio: Das dicke Ende</strong></a><p>]]></description>
<link>http://wdrblog.de/glossenblog/archives/2009/08/das_dicke_ende.html</link>
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<category>Stephan Josef</category>
<pubDate>Sun, 09 Aug 2009 07:00:49 +0100</pubDate>

</item>

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<title>Sonne, Spanien, Sommerloch</title>
<description><![CDATA[<p><img align="right" caption="Überall Löcher" alt="Tagebruch in Kamen; Rechte: AP" src="http://wdrblog.de/glossenblog/images/kamen.jpg" width="160" height="120" />Wenn rein gar nichts passiert im Sommerloch, beschäftigen wir Journalisten uns gerne mit den <a href="http://www.tagesschau.de/schlusslicht/sommerloch100.html">Sommerlöchern vergangener Jahre</a>. Oder mit dem Phänomen des Sommerlochs an und für sich. In diesem Jahr jedoch bleibt uns das glücklicherweise erspart, denn erstens gibt es - nicht nur im Ruhrgebiet - genügend <a href="http://www.wdr.de/themen/panorama/bergschaeden/uebersicht.jhtml">Löcher</a>, die sich plötzlich auftun und über die man schreiben kann, zweitens sorgt die <a href="http://www.wdr.de/themen/gesundheit/krankheit/schweinegrippe/uebersicht.jhtml">Schweinegrippe</a> täglich für frische Infektionen und Meldungen, und drittens ist Gesundheitsministerin Ulla Schmidt in Spanien der <a href="http://www.tagesschau.de/inland/dienstwagen122.html">Dienstwagen gestohlen</a> worden. Der ist zwar inzwischen wieder da, ohne Kratzer. Dafür ist das Bild der Ministerin angekratzt.</p>

<p><img align="left" caption="Das ist Spanien!" alt="Strand in Spanien; Rechte: imago" src="http://wdrblog.de/glossenblog/images/urlaub02.jpg" width="160" height="120" />Mit Spanien verbinden wir Deutschen zumeist eins - Urlaub. Vielen fallen vielleicht noch Sangria und Paella ein, Stierkampf und der FC Barcelona. Kulturinteressierten mag Picasso in den Kopf kommen oder Don Quijote. An die möglichen Probleme bei der Gesundheitsversorgung deutscher Rentner, die in Spanien leben, denken die Wenigsten. Nur Ulla Schmidt tat das, sogar in ihrem Urlaub. Dass sie nicht nur darüber nachdachte, sondern darüber auch reden wollte, und das außerhalb ihres Feriendomizils, wurde ihr nun zum Verhängnis. Alle Welt empört sich nun über den Dienstwagen, den sie für den dienstlichen Trip in Spanien aus Berlin heranfahren ließ. </p>

<p>Ulla Schmidt kann man manches vorwerfen, Furchtsamkeit aber nicht. Ihre Unerschrockenheit beweist sie stets aufs Neue, wenn sie auf dem Ärztetag auftritt, bei Versammlungen von Krankenkassen-Funktionären oder vor der Pharma-Lobby. Furchtlosigkeit beweist sie mit ihrem Trip nach Spanien, ein Land, in dem die Schweinegrippe grassiert. Sie ist unbeirrt, und deshalb lässt sie sich auch vom Wirbel um ihren Dienstwagen nicht irre machen. Sie steht ihre Frau im Mediengewitter. Aufrecht, stolz wie eine Spanierin. Sie klingt ein bisschen nasal, ein wenig erkältet, als sie ihre Erklärung vor den Journalisten verliest. So klingt sie immer, das hat nichts mit Schweinegrippe zu tun.</p>

<p><img align="left" caption="Schützt, aber nicht vor schlechter Presse" alt="Frau mit Mundschutz; Rechte: dpa" src="http://wdrblog.de/glossenblog/images/mundschutz.jpg" width="160" height="120" />Vor der Schweinegrippe kann man sich schützen, wird uns täglich eingetrichtert: Hände waschen, Menschensammlungen meiden. Klar, dass Ulla Schmidt das weiß. Klar, dass sie sich in Spanien nicht in den Bus setzt und sich dem Risiko einer Infektion aussetzt, sondern lieber mit dem Dienstwagen unterwegs ist. Es wäre schließlich ein verheerendes Signal, wenn ausgerechnet die Gesundheitsministerin an Schweinegrippe erkrankte. Außerdem: Schmidts Kritiker würden sich bestimmt auch lieber in einem vollklimatisierten S-Klasse-Mercedes über staubige spanische Straßen chauffieren lassen als sich selbst hinter das Steuer eines Leih-Panda zu quetschen.</p>

<p><img align="right" caption="Jetzt noch ein gutes Buch" alt="Rotwein-Glas; Rechte: dpa" src="http://wdrblog.de/glossenblog/images/rotwein.jpg" width="160" height="120" />In der Diskussion um den Schmidtschen Dienstwagen kommt, wie immer, der kleine Mann zu kurz. Ich meine den Chauffeur. Für ihn war die Tour nach Spanien und zurück doch wie ein Sechser im Lotto, sieht man vom Einbruch in sein Zimmer und der vorübergehenden Entwendung seines Arbeitsgerätes ab. Gemütlich mit dem Benz in den Süden zockeln, ein wenig spanische Sonne genießen und gemächlich zurück nach Berlin, dazu noch jede Menge Überstunden ansammeln. Auf der Rückreise wird er bei einem Zwischenstopp in Frankreich, so stelle ich mir vor, abends auf der Terrasse eines Restaurants sitzen, lecker essen und mit einem guten Rotwein in Gedanken seiner Chefin zuprosten. Danach wird er sich vielleicht eine Zigarette gönnen - die Gesundheitsministerin ist ja weit weg, wieder in Berlin - und zu seinem Buch greifen: Don Quijote. Nachts träumt er dann bestimmt von einer furchtlosen Rittersfrau mit näselndem Aachener Akzent. </p>

<p><a href="http://www.wdr.de/realaudio/ir_flash/2009/kultur/glosse_090802.mp3 "><strong>Audio: Sonne, Spanien, Sommerloch</strong></a><p>]]></description>
<link>http://wdrblog.de/glossenblog/archives/2009/08/sonne_spanien_sommerloch.html</link>
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<category>Stephan Josef</category>
<pubDate>Sun, 02 Aug 2009 07:00:02 +0100</pubDate>

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<title>Kölle can</title>
<description><![CDATA[<p><img align="right" caption="Pfälzer Arbeitsmoral" alt="Rudolf Scharping 1994; Rechte: dpa" src="http://wdrblog.de/glossenblog/scharping.jpg" width="120" height="160" />Dieser Tage musste ich mal wieder an Rudolf Scharping denken. Nicht etwa, weil im Fernsehen verstärkt Fahrradfahrer auftauchen und manchmal auch böse stürzen. Auch nicht, weil die SPD-Führung zur Zeit ein ähnlich steifes Bild abgibt wie seinerzeit der Kanzlerkandidat aus der Pfalz. Es sind vielmehr die Kommunalwahlplakate in meiner Heimatstadt, die mich an 1994 erinnern.</p>

<p>Erinnern Sie sich noch? Damals war gerade Bill Clinton ins Weiße Haus eingezogen, hatte den konservativen George Bush abgelöst und den USA wieder ein sympathisches Gesicht gegeben. Clintons Wahlkampf galt als hypermodern, zukunftsweisend. Also wollte Rudolf Scharping ihn für die Sozialdemokraten kopieren. Schließlich hatte Clinton einen Slogan plakatieren lassen, der sehr gut zur SPD passte: "Jobs, Jobs, Jobs!" "Das können wir auch", sagten sich Scharpings Wahlkampfstrategen. Kurzerhand schlugen sie im Wörterbuch nach. So entstand der SPD-Slogan: "Arbeit, Arbeit, Arbeit!" Und Scharping verstand gar nicht, warum alle lachten.</p>

<p><img align="left" caption="Thema mit Variationen" alt="Montage: Kölner Wahlplakate; Rechte: WDR/taxacher" src="http://wdrblog.de/glossenblog/plakat.jpg" width="160" height="120" />Fünfzehn Jahre später hat wieder ein sympathischer junger Mann mit einem hypermodernen Wahlkampf einen Bush im Weißen Haus abgelöst. Und diesmal sind es die <a href="http://www.wdr.de/themen/politik/kommunalwahl_2009/wahlkampf/090724.jhtml">Kölner Wahlkämpfer</a>, die sich sagen, dass von Amerika lernen siegen lernen heißt. Deshalb plakatiert die CDU jetzt: "Köln kann's!" Da muss die SPD natürlich einen drauf setzen und kontert: "Köln kann's besser". Und die FDP ergänzt: "Köln kann mehr!" Diese Slogans sind eindeutig kreativer übersetzt als seinerzeit der von Scharping. Aus Obamas "can" wurde "kann", das ist Wörterbuch. Aber aus dem "we" wurde "Köln". Das ist raffiniert. Weiß doch der Kölner aus dem einschlägigen Liedgut: "Mir all sin Kölle". Also "we" = "mir" = "Köln".</p>

<p><img align="right" caption="Mir all im Park" alt="Picknick in Kölner Volksgarten; Rechte: dpa" src="http://wdrblog.de/glossenblog/mirall.jpg" width="160" height="120" />Interessanterweise haben die Kölner Frei- und Sozialdemokraten nicht nur diesen Übersetzungstrick gemeinsam. Beiden ist Obamas Selbstbewusstsein noch nicht genug. Beide fügen dem Obama-Slogan also noch einen Komparativ an: "mehr" bzw. "besser". Was soll man daraus schließen? Dass es in Köln nur eine Werbeagentur gibt? Oder dass der Kölner an sich nun mal größenwahnsinnig ist? Zugegeben: Manches kann man in Köln tatsächlich besser als in Washington. Dort werden bekanntlich politische Entscheidungen manchmal dadurch torpediert, dass man Kongress-Sitzungen durch Reden endlos in die Länge zieht. In Köln dagegen sorgen die Ratsmitglieder dafür, dass eine <a href="http://www.wdr.de/themen/politik/nrw04/pro_koeln/090722.jhtml">sinnlose Sitzung</a> zu einem längst abgehandelten Thema ganze zwölf Minuten und drei Sekunden dauert. Das ist der richtige Umgang mit den selbsternannten Heimatschützern von "Pro Köln", die einem das "Mir all" ganz schön verleiden.</p>

<p>Aber bevor ich zu politisch und ernst werde, will ich lieber noch etwas aus meiner Familie erzählen. Dort sind jetzt Schulferien, aber ein wenig Vorbereitung auf die nächste Runde verordne ich doch an Stellen, wo das Zeugnis deutlich zu wünschen übrig ließ. "Kannst Du denn überhaupt die Vokabeln dieser alten Lektionen", frage ich meinen Sohn. "Yes, I can", schmettert der. Ich frage ab. Und da zeigt sich dann, dass Scharping so Unrecht nicht hatte. Wer Obama im Munde führen will, auf den wartet: Arbeit, Arbeit, Arbeit.</p>

<p><br />
<p><a href="http://medien.wdr.de/radio/glossenblog/wdr_glosse_das_moderne_leben_090726.mp3"><strong>Audio: Kölle can</strong></a><p></p>

<p><a href="http://www.wdr.de/radio/home/podcasts/channelausspielung.phtml?channel=glossenblog"><strong>Das moderne Leben - als Podcast.</strong></a></p></p>]]></description>
<link>http://wdrblog.de/glossenblog/archives/2009/07/kolle_can.html</link>
<guid>http://wdrblog.de/glossenblog/archives/2009/07/kolle_can.html</guid>
<category>Doktor Gregor</category>
<pubDate>Sun, 26 Jul 2009 07:45:55 +0100</pubDate>

</item>

<item>
<title>Sommer, Sonne, Energie</title>
<description><![CDATA[<p><img align="right" caption="Die Hitze aussitzen" alt="Liegestühle; Rechte: dpa" src="http://wdrblog.de/glossenblog/images/liegestuehle.jpg" width="160" height="120" />"Das ist ein Wetter, um Helden zu zeugen", sagte meine Schwester früher, wenn sie ganz berauscht war von den sommerlichen Temperaturen. Den Spruch fand ich merkwürdig. Für das Zeugen, dachte ich, sind doch die Männer da. Schließlich hatte ich manche Diskussion mit meiner Schwester, in der sie genau das zum einzigen Daseinszweck der Männer erklärte. Außerdem hatte ich irgendwo gelesen, dass die Zeit der Helden sowieso vorbei sei, was wiederum an der bürgerlichen Gesellschaft, dem Spätkapitalismus oder schlicht "dem System" liege. Vor allem wollte mir aber nicht einleuchten, dass die sommerliche Hitze zu irgendwelchen Anstrengungen einladen sollte, die übers Dösen im Liegestuhl, Rumlungern im Freibad oder Hocken im Eiscafé hinausgehen.</p>

<p><img align="left" caption="Die Hitze wegblasen" alt="Ventilator, Frau im Büro; Rechte: dpa" src="http://wdrblog.de/glossenblog/images/buero.jpg" width="160" height="120" />Hitze macht müde, das ist meine Erfahrung. In diesen Sommertagen schleichen die Kolleginnen und Kollegen mit müden Schritten über die Büroflure. Dabei haben sie stets eine Literflasche Wasser dabei, weil sie fürchten, sonst auf dem Weg zum Kopierer oder in die Teeküche zu verdursten. Die Unterhaltungen sind so schleppend wie die Schritte, und bei den Konferenzen fällt es einigen sichtlich schwer, ihre Augen offen zu halten. Augenfällig ist es das Wetter, das ihnen die Energie raubt. Sonne, Hitze und Energie, das passt beim Menschen nicht zusammen, wohl aber bei der Energiewirtschaft.</p>

<p><img align="right" caption="Kraftwerk der Zukunft" alt="Sonnenkraftwerk; Rechte: dpa" src="http://wdrblog.de/glossenblog/images/sonnenkraftwerk.jpg" width="160" height="120" />Die will nämlich mit riesigen Sonnenkraftwerken <a href="http://www.wdr.de/themen/wissen/umwelt/klimawandel/090713.jhtml?rubrikenstyle=wissen">in der Sahara Strom für Europa produzieren</a>. Bis es soweit ist, schwören die meisten Politiker auf den "bewährten Energiemix": ein bisschen Wind, ein bisschen Wasser, ein bisschen Sonne und ganz viel Kohle, Gas und Atomstrom. Letzterer ist besonders heikel. Für die Lagerung seiner strahlenden Hinterlassenschaft fordert Umweltminister Gabriel nun von der Atomwirtschaft <a href="http://www.tagesschau.de/inland/endlager108.html">Sicherheit für eine Million Jahre</a>. Damit straft er all jene Lügen, die immer behaupten, Politiker dächten nicht über eine Legislaturperiode hinaus. </p>

<p><img align="left" caption="Natürliches Kraftwerk" alt="Sigmar Gabriel; Rechte: dpa" src="http://wdrblog.de/glossenblog/images/gabriel.jpg" width="160" height="120" />"Sigmar Gabriel hat noch viel vor, und Sigmar Gabriel hat noch viel vor sich", hat Gerhard Schröder einmal süffisant über den heutigen Umweltminister gesagt. Aber auch Schröder hatte damals bestimmt nicht an eine Million Jahre gedacht. Sigmar Gabriel, das politische Kraftwerk, hat hier vielleicht auch ein wenig übertrieben. Denn wer kann schon vorhersagen, ob die atomkritische SPD in einer Million Jahren noch an der Bundesregierung beteiligt ist? Oder wer mag garantieren, dass gegebene Garantien nicht im Laufe dieser verdammt langen Zeit in irgendeinem Ministeriums-Büro <a href="http://www.wdr.de/mediathek/html/regional/2009/07/15/lokalzeit-ruhr-rueckzahlung.xml">verschlampt</a> werden? Und wer legt seine Hand dafür ins (atomare) Feuer, dass die Verursacher haften, wenn etwas schief geht? </p>

<p><img align="right" caption="Fast so sympathisch wie Knut" alt="Wüstenfuchs; Rechte: dpa" src="http://wdrblog.de/glossenblog/images/wuestenfuchs.jpg" width="160" height="120" />Wir Menschen beherrschen, wenn überhaupt, nur überschaubare Zeiträume, produzieren aber leider unüberschaubare Risiken. Deshalb kann das Motto nur lauten: Raus aus der Atomenergie, rein in die Wüste, her mit der sauberen Sonnenenergie! Um das Projekt "Desertec" öffentlichkeitswirksam zu unterstützen, sollte Sigmar Gabriel in irgendeinem deutschen Zoo die Patenschaft über ein Wüstenfuchs-Baby übernehmen - sein bisheriges Patentier, der Eisbär Knut, ist nicht wüstentauglich und schon erwachsen. Von einer Promo-Tour in die Sahara würde ich Gabriel aber abraten. Da brennt die Sonne gnadenlos vom Himmel, was gut ist für eine effiziente Energieerzeugung, aber schlecht zum Arbeiten. Aber das können dann ja die Afrikaner übernehmen, wofür sie ein bisschen Strom bekämen. Von den Wüsten-Staaten, in denen unsere Kraftwerke gebaut werden, müsste Gabriel allerdings Sicherheiten verlangen. Wenn nicht für eine Million, dann doch für mindestens tausend Jahre. Oder zumindest, solange die SPD mitregiert.</p>

<p><a href="http://medien.wdr.de/radio/glossenblog/wdr_glosse_das_moderne_leben_090719.mp3"><strong>Audio: Sommer, Sonne, Energie</strong></a><p>

<p><a href="http://www.wdr.de/radio/home/podcasts/channelausspielung.phtml?channel=glossenblog"><strong>Das moderne Leben - als Podcast.</strong></a></p></p>]]></description>
<link>http://wdrblog.de/glossenblog/archives/2009/07/sommer_sonne_energie.html</link>
<guid>http://wdrblog.de/glossenblog/archives/2009/07/sommer_sonne_energie.html</guid>
<category>Stephan Josef</category>
<pubDate>Sun, 19 Jul 2009 07:00:30 +0100</pubDate>

</item>

<item>
<title>Dieser Tage in L&apos;Aquila</title>
<description><![CDATA[<p><img align="left" caption="Augenzeuge Tranquilli" alt="Ignazio Silonoe; Rechte: akg" src="http://wdrblog.de/glossenblog/silonoe.jpg" width="120" height="160" />"Die Hilfsmaßnahmen kamen nur langsam in Gang. Die verstörten Überlebenden hausten in provisorischen Unterkünften in der Nähe ihrer vernichteten Häuser." So schildert Secundo Tranquilli die Lage nach dem Erdbeben in der Abruzzen-Provinz Aquila. Mitten im Elend taucht plötzlich der Luxus auf: "In diesem Augenblick fuhren fünf oder sechs Autos vor. Der König besuchte mit seinem Gefolge die verwüsteten Gemeinden." Und Tranquilli wird Zeuge einer ungewöhnlichen Szene: Ein Priester taucht mit einer Gruppe von Kindern auf, die ihre Eltern beim Beben verloren haben. Er beschlagnahmt kurzerhand eines der königlichen Autos, um die Kinder nach Rom in eine Herberge bringen zu können. Die Carabinieri protestieren, aber der Priester setzt sich durch.</p>

<p><img align="right" caption="Mal wieder Silone lesen" alt="Mann liest Buch von Silone; Rechte: WDR/ak" src="http://wdrblog.de/glossenblog/gregor.jpg" width="160" height="120" />Die Szene, die Tranquilli schildert, ereignete sich 1915. Der Zeuge, der sich als Schriftsteller Ignazio Silone nannte, verlor in der Katastrophe fast seine gesamte Familie. Dieser Tage las ich erneut in seinen Erinnerungen - aus gegebenem Anlass. Die Szene wirkte überraschend aktuell: L'Aquila in Trümmern und <a href="http://www.tagesschau.de/multimedia/bilder/gacht126.html">die Regierenden zu Besuch</a>. Ich fragte mich, was in der vergangenen Woche wohl geschehen wäre, wenn einige aufgebrachte Bewohner gemeinsam mit Gipfel-Gegnern den Fuhrpark der G8-ler entführt hätten. </p>

<p><img align="left" caption="'Zu Fuß?'" alt="Gipfelteilnehmer in Onna; Rechte: dpa" src="http://wdrblog.de/glossenblog/onna.jpg" width="160" height="120" />Unwahrscheinlich, zugegeben. Aber reizvoll, sich die Reaktionen auszumalen. Nicolas Sarkozy hätte gewiss auf offener Straße einen Veitstanz aufgeführt, laut von "Gesindel" geredet und den Einsatz der Armee gefordert. Dimitri Medwedew hätte stolz darauf hingewiesen, dass so etwas bei ihm zu Hause nicht passieren könne. Barack Obama wäre natürlich völlig relaxed geblieben, hätte vorsichtiges Verständnis für die Aktion geäußert und vorschlagen, zu Fuß zu gehen. "Zu Fuß?", hätte Angela Merkel verwundert gefragt, sonst aber nichts gesagt, weil ihre Haltung in der großen Koalition noch nicht abgestimmt wäre. "Yes, we can", hätte Obama geantwortet. "Hier gibt es ja sowieso keine wirklichen Entfernungen", hätte der Kanadier Stephen Harper zugestimmt - eine Bemerkung, über die sich Silvio Berlusconi heimlich geärgert hätte. Dann hätte er die Aktion seinen Gästen wortreich als Inszenierung seiner Gipfel-Regie verkauft. Ohne so einen Vorfall würden sich die Medien doch gar nicht mehr für Treffen dieser Art interessieren. In Wahrheit vermutete Berlusconi jedoch eine infame Intrige der linken <a href="http://www.tagesschau.de/ausland/berlusconi166.html">Zeitung La Repubblica</a> hinter der Panne - und grübelte darüber nach, ob er das Blatt per Eilgesetz verbieten oder kaufen sollte. Einige der G20-Gäste aus den Schwellenländern hätten abseits miteinander getuschelt und dann gemeinsam gefragt, ob es sich vielleicht um einen Militärputsch handeln könne.</p>

<p><img align="right" caption="Asyl im Vatikan" alt="Blick auf den Petersdom; Rechte: dpa" src="http://wdrblog.de/glossenblog/vatikan.jpg" width="120" height="160" />Solche Szenen hätte Ignazio Silone in seiner humorvollen wie moralisierenden Weise sicher auch heutzutage gut schildern können. Bei ihm wäre einer der Limousinen-Entführer gewiss Priester gewesen oder ein als Priester verkleideter Attac-Aktivist. Und dann wäre die Geschichte etwa so zu Ende gegangen: Der Entführer fährt den Wagen wie seinerzeit 1915 nach Rom, diesmal aber, um vor dem Zugriff der Carabinieri in den Vatikan zu flüchten. Dort erklärt er vor der Presse, er wolle mit dieser Aktion auf die <a href="http://www.tagesschau.de/ausland/sozialenzyklika104.html">neue Sozialenzyklika</a> des Papstes aufmerksam machen, die eine gerechte Weltwirtschaftsordnung fordert. "Die Mächtigen dieser Welt tagen hier ganz in der Nähe, aber um das Wort aus Rom kümmern sie sich nicht." Das bringt natürlich Benedikt XVI. in eine Zwickmühle, die der Vatikan jedoch sehr diplomatisch löst. Der Aktivist wird nicht den italienischen Behörden ausgeliefert, sondern vor einem vatikanischen Gericht angeklagt: wegen missbräuchlicher Benutzung klerikaler Kleidung. Und am Ende des Romans hofft der Mann, das kirchliche Gericht werde genauso langsam arbeiten wie die <a href="http://www.wdr.de/themen/panorama/kriminalitaet11/moenchengladbach_haftentlassung/090709_b.jhtml">Justiz in Mönchengladbach</a>.</p>

<p><a href="http://medien.wdr.de/radio/glossenblog/wdr_glosse_das_moderne_leben_090712.mp3"><strong>Audio: Dieser Tage in L'Aquila</strong></a><p>

<p><a href="http://www.wdr.de/radio/home/podcasts/channelausspielung.phtml?channel=glossenblog"><strong>Das moderne Leben - als Podcast.</strong></a></p></p>]]></description>
<link>http://wdrblog.de/glossenblog/archives/2009/07/dieser_tage_in_laquila.html</link>
<guid>http://wdrblog.de/glossenblog/archives/2009/07/dieser_tage_in_laquila.html</guid>
<category>Doktor Gregor</category>
<pubDate>Sun, 12 Jul 2009 00:02:04 +0100</pubDate>

</item>

<item>
<title>Lausige Zeiten</title>
<description><![CDATA[<p><img align="left" caption="Entspannen in der Krise" alt="Biergarten; Rechte: WDR/Sachs" src="http://wdrblog.de/glossenblog/images/biergarten.jpg" width="160" height="120" />Das Wetter ist prima beim monatlichen Kollegen-Stammtisch im Biergarten. Ferienstimmung liegt in der Luft, Urlaubspläne machen die Runde. Katja fliegt nach Kanada, will mal den Bürostress so richtig vergessen und sich in der unberührten Natur erholen. Hans und Irmgard fliegen in die USA, mieten sich dort einen Wagen, schauen sich die Westküste an, Las Vegas und den Grand Canyon. Angelika zieht es - wie üblich - nach Italien, wo sie als Reiseleiterin das Angenehme mit dem Nützlichen verbindet. Zumindest in meinem Freundes- und Bekanntenkreis scheint die Reiselust ungebrochen, trotz Wirtschaftskrise. Ulrike und Uli waren vor kurzem sogar das erste Mal in Afrika. Sie beeindruckte vor allem die Gastfreundlichkeit der Einheimischen, noch mehr aber die Natur, vom Elefanten bis zur Mücke. Vor beiden Tieren hätten sie einen gehörigen Respekt gehabt, gesteht Ulrike. </p>

<p><img align="right" caption="Feind der Heuschrecke" alt="Müntefering; Rechte: dpa" src="http://wdrblog.de/glossenblog/images/muentefering_dpa.jpg" width="120" height="160" />Richtig unheimlich fanden sie die Heuschrecken. "Während eines Ausflugs wurde auf einmal der Himmel dunkel, und es war ein Sirren und Surren in der Luft, wie ich es noch nie zuvor gehört habe", erzählt Uli am Stammtisch. "Wir sind durch Landschaften gefahren, wo die Bäume komplett entblättert waren, kahl gefressen von abermillionen Heuschrecken." "Ja, Heuschrecken sind eine Plage, und dass schon seit biblischer Zeit", ergänzt Gregor. Von der altägyptischen Katastrophe, die sich mit den Heuschrecken verbindet, ist es nicht weit zur globalen Krise der Gegenwart. Diese Erkenntnis verdanken wir <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Heuschreckendebatte">Franz Müntefering</a>, der als erster die renditehungrigen Hedgefonds mit den gefräßigen Insekten verglich. Beide sind seither gleich unbeliebt, auch wenn sie im Alltag kaum jemand zu Gesicht bekommt.</p>

<p><img align="left" caption="Lästige Krabbler" alt="Läuse; Rechte: ddp.jpg" src="http://wdrblog.de/glossenblog/images/laeuse2_wdr.jpg" width="160" height="120" />Der Biergarten war, soweit wir sehen konnten, heuschreckenfrei, sowohl in der animalischen Form mit sechs Beinen als auch in der zweibeinigen Variante mit gescheiteltem Haar, Nadelstreifenanzug und Aktenkoffer. Es hätte ein entspannter Abend werden können. Was ab dem zweiten Bier aber zu stören begann, waren die winzig kleinen Tierchen, die sich in den Gläsern selbst ertränkten oder auf dem dünnen Schweißfilm unserer bloßen Arme festklebten. "Igitt, das sind ja <a href="http://www.wdr.de/themen/panorama/tiere/blattlaeuse/_mo/index.jhtml">Läuse</a>", rief meine Kollegin Lina. Mit Ekel in Stimme und Mimik schilderte sie anschließend ihre Erfahrungen mit den kleinen Krabbeltieren im Kindergarten, in der Schule, an der Uni und an ihren Rosen im heimischen Garten. Sie erzählte von <a href="http://www.wdr.de/radio/wdr2/westzeit/491182.phtml">Läusekämmen, Spezialshampoos</a> und <a href="http://www.wdr.de/tv/servicezeit/wohnen_garten/sendungsbeitraege/2008/0619/05_blattlaeuse.jsp">Brennnessel-Sud</a>. </p>

<p><img align="right" caption="Lernen von den Affen" alt="Lausende Affen; Rechte: Mauritius" src="http://wdrblog.de/glossenblog/images/lausende_affen_mauritius.jpg" width="160" height="120" />Gregor dagegen wusste der Läuseplage etwas Positives abzugewinnen. Man müsse sich nur die Affen anschauen, sagte er. Wenn die von Läusen geplagt würden, zupften sie sich gegenseitig liebevoll die Plagegeister aus dem Pelz. Gesellschaftlich gesehen, könnten die Läuse also Vorboten einer neuen Welle der Solidarität sein. Die neoliberalen Heuschrecken hätten ihre Schuldigkeit getan, nun breche die Phase eines neuen sozialen Bewusstseins an, behauptete er. Tierisch verwirrt, radelte ich schließlich vom Biergarten nach Hause. Dabei liefen mir beinahe eine komplette Rattenfamilie vors Fahrrad. Was das nun wieder zu bedeuten hat, werde ich Gregor noch fragen. Vielleicht müssen wir uns ja doch nicht so viel Sorgen machen um die demografische Entwicklung.</p>

<p><a href="http://medien.wdr.de/radio/glossenblog/wdr_glosse_das_moderne_leben_090705.mp3"><strong>Audio: Lausige Zeiten</strong></a><p>

<p><a href="http://www.wdr.de/radio/home/podcasts/channelausspielung.phtml?channel=glossenblog"><strong>Das moderne Leben - als Podcast.</strong></a></p></p>]]></description>
<link>http://wdrblog.de/glossenblog/archives/2009/07/lausige_zeiten.html</link>
<guid>http://wdrblog.de/glossenblog/archives/2009/07/lausige_zeiten.html</guid>
<category>Stephan Josef</category>
<pubDate>Sun, 05 Jul 2009 07:30:00 +0100</pubDate>

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<title>Niemands Land, niemands Zeit</title>
<description><![CDATA[<p>Kürzlich nahm ein Freund eine neue Stelle an. Der Freund ist Mitte vierzig, hat schon manche Zertifikate und Berufserfahrungen gesammelt. Das ersparte ihm nicht, sämtliche Zeugnisse seit der Grundschule vorzulegen. "Wir legen Wert auf einen lückenlosen Lebenslauf", sagte die Frau von der Personalabteilung. Eine einzige Lücke ließ sie gelten: "Gleich nach dem Abitur können die meisten ein paar Monate nicht belegen. Das ist normal."</p>

<p><img align="right" caption="Und immer gleich weiter" alt="Bewerbung neben Abizeugnis und Sanduhr; Rechte: dpa" src="http://wdrblog.de/glossenblog/bewerbung.jpg" width="160" height="120" />Meine älteste Tochter ist gerade in diese Lücke in ihrem Lebenslauf getappt. Und ich beobachte sie ein wenig nervös dabei, wie sie diese Lücke akribisch wieder zuplant, mit Feiern und Reisen und Vorbereitungen des weiteren Lebenslaufs. Vielleicht ist das ja die Reaktion darauf, dass sie zum ersten Mal seit dreizehn Jahren nicht mehr bekommt, worauf sich jetzt so viele freuen: Ferien. Vielleicht sitzt aber auch eine kleine virtuelle Personalmanagerin in ihrem Hirn, die ihr einflüstert, die Lücke nur ja nicht zu groß werden zu lassen.</p>

<p>Ich kenne diese Frau, in meinem Hirn sitzt sie auch. Und sie meldet sich mitunter in einer erschreckenden Geschwindigkeit. Zum Beispiel wenn ich mich beim Einkaufen einmal vom sonnigen Wetter dazu verleiten lasse, auf einer Bank in der Fußgängerzone herumzusitzen und die Leute zu beobachten. Oder wenn ich zu Hause das Fensterputzen unterbreche, weil die dazu aufgelegte Musik so schön ist, dass ich lieber nur auf dem Sofa liegen und zuhören möchte. Schon fängt die Personalmanagerin an zu flüstern. Sie muss es sein. Vor wem sonst meine ich mich rechtfertigen zu müssen für meine kleine Auszeit, wenn niemand zusieht?</p>

<p><img align="left" caption="Betoniertes Leben" alt="Menschen auf Fahrbahn; Rechte: dpa" src="http://wdrblog.de/glossenblog/strasse.jpg" width="120" height="160" />Auszeit ist ein komisches Wort. Eine Zeit außerhalb der Zeit - so wie die Lücke im Lebenslauf, die ja eigentlich eine Art Tod sein müsste. In Wirklichkeit ist sie aber meist das reine Leben. So ist das nach dem Abitur, so sind gute Ferien: ein Niemandsland in unserer zubetonierten Lebenslandschaft. Niemands Land, niemands Zeit und damit ein stiller Protest gegen die irrige Vorstellung, die Zeit könnte überhaupt jemandem gehören, denn das tut sie nicht und nur deshalb geht sie auch immer weiter.</p>

<p><img align="right" caption="Auszeit im Aus" alt="Lukas Podolski auf der Bank; Rechte: dpa" src="http://wdrblog.de/glossenblog/podolski.jpg" width="120" height="160" />Von unseren prominenten Zeitgenossen können wir auch zu diesem Thema einiges lernen. Da gibt es welche, denen selbst große Lücken im Lebenslauf keineswegs die Karriere verhageln: <a href="http://www.wdr.de/themen/sport/fussball/1fc_koeln/090625.jhtml">Poldi</a> zum Beispiel hat in seinen drei bayerischen Jahren riesige Lücken angehäuft, in denen er nichts tat als auf der Bank zu sitzen. Trotzdem wird er jetzt Führungsspieler des 1. FC Köln. Das sollte anderen Sportlern zu denken geben, die ihren <a href="http://sport.ard.de/sp/weitere/news200906/24/werthdoping.jsp">Pferden Mittel gegen Schizophrenie</a> geben. Pferde, die Psychopharmaka brauchen, benötigen sicherlich eine Auszeit. Und ihre Halter eine Lücke im sportlichen Lebenslauf. Und schließlich sind da unsere Politiker: Im <a href="http://www.wdr.de/themen/politik/nrw04/haushalt/090623.jhtml">Land</a> wie im <a href="http://www.tagesschau.de/inland/rekordverschuldung106.html">Bund</a> beschließen sie noch schnell an den letzten Sitzungstagen vor der Sommerpause eine atemberaubende Verschuldung. Dann gibt es Sommerpause. Sollten wir da noch zögern, einen Kredit aufzunehmen, um uns in den wohl verdienten, aber vom Verdienst nicht bezahlbaren Traumurlaub zu verabschieden? Aber wenn ich das versuche, meldet sich gleich wieder so eine störende Stimme im Hirn. Diesmal ist es ein virtueller Buchhalter. Ich sollte mal einen Politiker fragen, wie die den abschalten. Denn richtig mal abschalten tut Not.</p>

<p><a href="http://medien.wdr.de/radio/glossenblog/wdr_glosse_das_moderne_leben_090628.mp3"><strong>Audio: Niemands Land, niemands Zeit</strong></a><p>

<p><a href="http://www.wdr.de/radio/home/podcasts/channelausspielung.phtml?channel=glossenblog"><strong>Das moderne Leben - als Podcast.</strong></a></p></p>]]></description>
<link>http://wdrblog.de/glossenblog/archives/2009/06/niemands_land_niemands_zeit.html</link>
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<category>Doktor Gregor</category>
<pubDate>Sun, 28 Jun 2009 07:32:39 +0100</pubDate>

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<title>Bauer mit Moos</title>
<description><![CDATA[<p><img align="right" caption="Schön wie bei Schmitz" alt="Bauernhof; Rechte: WDR" src="http://wdrblog.de/glossenblog/images/bauernhof_wdr.jpg" width="160" height="120" />Zu den beeindruckenden Erlebnissen meiner Kindheit gehörte der Einkauf bei Bauer Schmitz. Schon als kleiner Knirps wurde ich regelmäßig dorthin geschickt, um Gemüse und Eier zu besorgen. Durch ein großes grünes Tor gelangte man auf den Hof, auf dem Gänse und Hühner herumliefen und einige Kunden. In einem kahlen Raum war eine große Theke aufgebaut, dahinter türmten sich auf provisorischen Regalen Kartoffeln und Kohlrabi, Bohnen und Blattspinat, Möhren und Mangold - alles, was die Schmitzschen Felder hergaben. Eine rosig-rundliche Frau wog die Ware mit Hilfe gusseiserner Gewichte und verpackte sie dann in Zeitungspapier. Es war die Zeit vor der großen Zeitungskrise, der kahle Verkaufsraum von Bauer Schmitz hieß noch nicht Hofladen und der Bauer selbst fuhr, wenn er nicht auf einem Traktor saß, einen alten Mercedes Diesel, dessen Abgase genauso rochen wie die des Traktors.</p>

<p>"Es geht doch nichts über Frisches direkt vom Bauern", sagte meine Oma, wenn ich schwer bepackt vom Einkaufen zurückkam. Außer der Frische waren es die günstigen Preise, die sie begeisterten. Ob die damals schon subventioniert waren, weiß ich nicht. Heute weiß ich, dass Bauer Schmitz im vergangenen Jahr genau 58.879 Euro und 12 Cent EU-Subventionen erhalten hat, unter anderem aus dem "Europäischen Landwirtschaftsfonds für die Entwicklung des ländlichen Raumes". Wahrscheinlich hat Bauer Schmitz das mit dem Raum wörtlich genommen, denn sein Verkaufsraum strahlt seit kurzem in Sonnengelb, die provisorischen Regale sind durch schicke Edelstahl-Modelle ersetzt und über dem grünen Eingangstor prangt ein neues Schild: "Erlebnis-Hof Schmitz".</p>

<p><img align="left" caption="Fröhlicher Haribo-Chef" alt="Hans Riegel, Haribo-Chef; Rechte: dpa" src="http://wdrblog.de/glossenblog/images/riegel_dpa.jpg" width="120" height="160" />Mit dem neuen Look ist leider das Gemüse bei Bauer Schmitz deutlich teurer geworden. Das ärgert viele seiner Kunden. Der Ärger wird bestimmt noch größer, wenn sich unter ihnen die Subvention von 58.879 Euro und 12 Cent herumspricht. Schon bald wird Bauer Schmitz abends erschöpft auf sein Sofa sinken, nicht von der Feldarbeit, sondern von nervigen Subventions-Diskussionen mit seinen Kunden. Er wird sich dann nach Bayern träumen, in ein Land, das den Datenschutz noch hoch- und die Subventionsempfänger geheim hält. Er lebt jedoch in NRW, und da wird jeder <a href="http://www.agrar-fischerei-zahlungen.de/agrar_empfaenger.html">EU-Subventionsempfänger</a> gnadenlos ans Licht gezerrt, ob Haribo oder Bayer, Westfleisch oder das Kloster Meschede - oder eben Bauer Schmitz. </p>

<p>Doch bei gründlichem Nachdenken wird Bauer Schmitz drauf kommen: In Nordrhein-Westfalen kann zwar <em>jeder</em> sehen, was er an Subventionen kassiert. Aber auch <em>jede</em>. Und wer fette Subventionen kassiert, hat bestimmt gute Chancen bei "Bauer sucht Frau".</p>

<p><a href="http://medien.wdr.de/radio/glossenblog/wdr_glosse_das_moderne_leben_090621.mp3"><strong>Audio: Bauer mit Moos</strong></a><p>

<p><a href="http://www.wdr.de/radio/home/podcasts/channelausspielung.phtml?channel=glossenblog"><strong>Das moderne Leben - als Podcast.</strong></a></p></p>]]></description>
<link>http://wdrblog.de/glossenblog/archives/2009/06/bauer_mit_moos.html</link>
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<category>Stephan Josef</category>
<pubDate>Sun, 21 Jun 2009 07:00:32 +0100</pubDate>

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<title>Runter von der Leiter</title>
<description><![CDATA[<p><img align="left" caption="Auf der Haushaltsleiter" alt="Mann wechselt Glühbirne aus; Rechte: dpa" src="http://wdrblog.de/glossenblog/gluehbirne.jpg" width="120" height="160" />Ich wohne in einem Altbau mit hohen Räumen. Deshalb muss ich hin und wieder auf eine recht hohe Leiter steigen, etwa um eine bald verbotene Glühbirne gegen eine Energiesparlampe auszutauschen. Jedesmal fällt mir dann diese Statistik ein, nach der die meisten schweren Unfälle im Haushalt passieren. Ich fühle mich einfach unwohl auf Leitern.</p>

<p>Dabei ist die Leiter eigentlich ein positiv besetzten Symbol. In alten Heimatfilmen ist sie häufig ein Liebesrequisit: Junge Männer in Lederhosen setzen auf ihr zum Fensterln an. Das ist romantisch, bietet aber auch Raum für rustikalen Humor, wenn oben der wütende Vater statt der Angebetenen wartet oder ein Konkurrent, der schneller war, die Leiter umwirft. Wobei wir wieder bei den Unfällen im oder am Haus wären ...</p>

<p><img align="right" caption="An der Himmelsleiter" alt="Himmelsleiter; Rechte: akg" src="http://wdrblog.de/glossenblog/himmelsleiter.jpg" width="120" height="160" />Moderner ist die Karriereleiter. Darauf kann man immer wieder eine Sprosse höher steigen. Dieses zeitgemäße Leitersymbol hat ein uraltes, nämlich ein biblisches Vorbild. Als Jakob, der Stammvater Israels, noch ein armer Nobody war, träumte er einmal von einer Leiter, die bis in den Himmel führte und auf der die Engel auf und nieder stiegen. Er nahm den Traum als Zeichen seiner Erwählung. Dadurch ist die Himmelsleiter ein Symbol für den Aufstieg zur Vollkommenheit geworden. Auf eine Leiter zu steigen, ist sozusagen ein mystischer Akt.</p>

<p><img align="left" caption="Auf der Arcandorleiter" alt="Eick auf der Leiter; Rechte: dpa" src="http://wdrblog.de/glossenblog/eickleiter.jpg" width="160" height="120" />Ob Karl-Gerhard Eick ans Fensterln gedacht hat oder an die Bibel, weiß ich nicht. Jedenfalls stieg der <a href="http://www.wdr.de/themen/wirtschaft/wirtschaftsbranche/karstadt/090608.jhtml">Chef von Arcandor vor einigen Tagen</a> vor der Konzernzentrale in Essen auf eine klapprige rote Leiter, um zu den Mitarbeitern zu sprechen. Warum dafür nur eine Leiter zur Verfügung stand, ist mir unklar. Schließlich war seit dem Vortag klar, dass es an diesem Tag um die Wurst gehen würde für die Firma. Da hätte man auch ein Podest aufbauen können oder wenigstens einen Anhänger auffahren. Aber vielleicht fanden die Arcandorer eine Leiter eben doch symbolträchtiger. Der Konzern wackelt und sein Chef stellt dies sinnfällig dar, indem er, mit einem Megafon in der Hand, auf einer Haushaltsleiter balanciert. </p>

<p><img align="right" caption="Karstadt-Gemütlichkeit" alt="In einer Karstadtfiliale; Rechte: dpa" src="http://wdrblog.de/glossenblog/karstadt2.jpg" width="160" height="120" />Eick konnte sich mit diesem Balanceakt wohl in die Herzen der Angestellten fensterln. Leider jedoch weder in die der Bundesregierung noch in das von Madeleine Schickedanz. Die warfen ihm bildlich gesprochen die Leiter um und irgend ein erboster Karstadt-Aktionär warf noch eine Anzeige wegen Insolvenz-Verschleppung hinterher. Ich finde das ungerecht. Eick wollte noch retten, was wohl nicht mehr zu retten war. Es waren andere, die aus Karstadt Karstadt-Quelle und dann Arcandor gemacht haben, die den Traum vom Großkonzern träumten, dabei aber das gute alte Warenhaus verstauben ließen. Leider scheinen viele, die ganz oben auf der Karriereleiter stehen, zu vergessen, dass die Engel auf der Himmelsleiter stets in zwei Richtungen unterwegs sind: hinauf und hinunter.</p>

<p>Und schließlich waren es Kunden wie du und ich, die keine Lust mehr hatten, bei Karstadt einzukaufen. Wir sind einfach woanders hingegangen, um unsere Hosen, Toaster oder auch Leitern zu kaufen. Auch ein Riese wie Karstadt geht nämlich aus keinen anderen Gründen pleite wie die kleine Boutique um die Ecke. Die größten Unfälle beginnen eben im Haushalt.</p>

<p><a href="http://medien.wdr.de/radio/glossenblog/wdr_glosse_das_moderne_leben_090614.mp3"><strong>Audio: Runter von der Leiter</strong></a><p>

<p><a href="http://www.wdr.de/radio/home/podcasts/channelausspielung.phtml?channel=glossenblog"><strong>Das moderne Leben - als Podcast.</strong></a></p></p>

<p> </p>]]></description>
<link>http://wdrblog.de/glossenblog/archives/2009/06/runter_von_der_leiter.html</link>
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<category>Doktor Gregor</category>
<pubDate>Sun, 14 Jun 2009 07:29:47 +0100</pubDate>

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<title>Achtung, neuer Trainer!</title>
<description><![CDATA[<p><img align="right" caption="Folterinstrument Medizinball" alt="Spieler mit Medizinball; Rechte: ddp" src="http://wdrblog.de/glossenblog/images/medizinball.jpg" width="120" height="160" />Mein erster Sportlehrer am Gymnasium war Herr Stahl, ein durchtrainierter Turner mit blondem Schopf, Schnauzbart und Reibeisenstimme. Recht bald stellte sich heraus, dass Herr Stahl seinem Namen alle Ehre machte. Nach der ersten Sportstunde hielt er eine kleine Rede, in der er unseren körperlichen Zustand als "verweichlicht" bezeichnete und ein konsequentes Fitness-Programm ankündigte. Das ganze Schuljahr über bekamen wir daraufhin keinen Ball zu sehen, mit Ausnahme des Medizinballs. Mit dem Befehl "Matten herausholen" begann jede Sportstunde, und mit Liegestützen, Klappmessern und Seilklettern mussten wir unsere Körper stählen. Stand ausnahmsweise kein Konditionstraining auf dem Programm, quälte Herr Stahl uns mit Geräteturnen.</p>

<p>Im nächsten Schuljahr hatte die Qual ein Ende. Wir bekamen einen neuen Sportlehrer, Herrn Stein. Der sah südländisch aus, ein bisschen so wie Luca Toni, er hatte keinen Schnäuzer wie Herr Stahl und war auch anders drauf. Herr Stein liebte die Ballspiele, und wir Schüler liebten Herrn Stein. Die verhassten Barren und Pferde blieben in ihrem Verschlag, stattdessen spielten wir Handball oder Basketball, meistens aber Fußball. Die Sportstunden wurden zu einer echten Erholung vom Schulstress, und in manchem von uns reifte der Traum, Profifußballer zu werden. Geschafft hat es keiner aus meiner Klasse, aber einer ist immerhin Fußball-Lehrer an der Kölner Sporthochschule geworden.</p>

<p><img align="left" caption="Bald mehr Medizinbälle für Kuranyi?" alt="Kuranyi im Kreis der Nationalmannschaft beim Wassertraining; Rechte: ddp" src="http://wdrblog.de/glossenblog/images/kuranyi_wasser.jpg" width="160" height="120" />Ein Leben als Profifußballer habe ich mir lange vorgestellt wie Schulunterricht mit nichts als Sportstunden bei Herrn Stein. Morgens und nachmittags Fußball spielen, vielleicht nach einem kurzem Aufwärmen. Dazu viel Freizeit und noch mehr Geld. Doch inzwischen weiß ich, dass diese Vorstellung naiv war. Denn das Training in so manchem Club sieht wahrscheinlich eher aus wie Sportunterricht bei Herrn Stahl. "Quälix" Magath etwa genießt unter Profis den gleichen Ruf wie Herr Stahl in meiner Klasse, auch Magaths liebster Ball ist der Medizinball. Ich kann mir die Reaktion der Schalker Profis vorstellen, als sie erfuhren, dass <a href="http://sport.ard.de/sp/fussball/news200905/06/magath.jsp">Herr Magath nach Gelsenkirchen kommt</a>. Obwohl, wenn ich es mir recht überlege: Fit war ich tatsächlich nach dem Schuljahr bei Herrn Stahl. Und ein bisschen mehr Fitness werden Kuranyi und Co. bestimmt nicht schaden.</p>

<p><img align="right" caption="Klinsis Methode" alt="Training mit Gummiband; Rechte: ddp" src="http://wdrblog.de/glossenblog/images/gummiband.jpg" width="160" height="120" />Viele Profis müssen in diesen Tagen hoffen und bangen, weil noch nicht klar ist, wer ihr neuer Trainer wird. Wer beerbt <a href="http://sport.ard.de/sp/fussball/news200906/02/daum_wechsel.jsp?ardCommentPage=8&showAllComments=1&empfehlen=1">Daum</a> in Köln, wer trainiert in der kommenden Saison die Zweitligisten von Fortuna Düsseldorf? Verkehrt ist es sicher nicht, schon mal niederländisch zu lernen, bei der Vorliebe der Bundesliga für Fußball-Lehrer aus Holland. Sollte wider Erwarten <a href="http://www.br-online.de/bayern2/radiowelt/ende-der-welt-klinsis-bauchlandung-anke-mai-ID1240838199843.xml">Jürgen Klinsmann</a> bei einem Bundesliga-Verein anheuern, können sich die Fußballer schon mal auf Mental- und Gummibandtraining, Sprachunterricht und Philosophie-Einheiten einstellen - und schwäbisch üben. Alles besser, als fränkisch lernen zu müssen. Falls <a href="http://www.wdr.de/themen/sport/fussball/bundesliga/_mo/fotostrecke_trainerwechsel.jhtml">Lothar Matthäus</a> kommt.</p>

<p><a href="http://medien.wdr.de/radio/glossenblog/wdr_glosse_das_moderne_leben_090607.mp3"><strong>Audio: Achtung, neuer Tainer</strong></a><p>

<p><a href="http://www.wdr.de/radio/home/podcasts/channelausspielung.phtml?channel=glossenblog"><strong>Das moderne Leben - als Podcast.</strong></a></p></p>]]></description>
<link>http://wdrblog.de/glossenblog/archives/2009/06/achtung_neuer_trainer.html</link>
<guid>http://wdrblog.de/glossenblog/archives/2009/06/achtung_neuer_trainer.html</guid>
<category>Stephan Josef</category>
<pubDate>Sun, 07 Jun 2009 07:00:28 +0100</pubDate>

</item>


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