Mein erster Schultag war ein zwiespältiges Erlebnis. Zwar fand ich Unterricht, Lehrer und Mitschüler ganz spannend. Doch bei der Erinnerung daran, wie bisher meine Vormittage aussahen, wurde ich melancholisch. Mit den Freunden Cowboy und Indianer spielen, Murmelwettbewerbe austragen, durch den Wald streifen - das war doch eindeutig interessanter, als stundenlang im Klassenzimmer zu hocken. Ein besonders bitterer Moment kam, als ich am Ende des ersten Schultages realisierte, dass der Premiere noch unzählige Wiederholungen folgen würden. Besonders ätzend waren dann später die Chemiestunden mit einen langweiligen und trockenen Lehrer, der nur Frontalunterricht und Formeln konnte.
Das ist lange her, inzwischen habe ich die Schule und so manches Ehemaligentreffen überstanden. Nicht so die Kinder, die Anfang der Woche in NRW eingeschult wurden. Vor ihnen liegt der Ernst des Lebens, und der scheint immer ernster zu werden. Stresssymptome plagen schon viele Grundschulkinder, hat eine Studie herausgefunden. Und ihre Eltern machen sich bereits vor dem ersten Schultag Gedanken, auf welche weiterführende Schule ihr I-Dötzchen denn gehen könnte und was es dafür leisten müsste. Um dem Sprössling Höchstleistungen zu ermöglichen, tun manche Eltern eine Menge: Sie kaufen Stifte, Lineale und Hefte der besten Qualität, engagieren eine Ernährungsberaterin, die ihnen die Schultüten packt, und trainieren in zahllosen Memory-Runden die Merkfähigkeit ihres Kindes.
Sie tun auch alles, damit ihre Kinder sicher zur Schule kommen. "Schule hat begonnen", signalisieren große Plakate am Straßenrand all jenen, die Auto fahren und lesen können, aber sonst nicht viel mitbekommen. Denn aus Fernsehen und Radio ist lange bekannt, wann der Lernbetrieb wieder losgeht. Außerdem konnte man dort erfahren, wie schwer Tornister sein dürfen, wie bindend die Empfehlung der Grundschule für die weiterführende Schule ist oder wie das Konzept des
"Walking Bus" selbst in Südwestfalen Schule macht.
Ist der Schulweg schon gefährlich, ist es die Schule erst recht. Das haben Generationen von Schülern erlebt, und daran hat sich nichts geändert. Strafarbeiten und Nachsitzen, überraschend angesetzte Tests und unangekündigte Hausaufgabenkontrollen - das Arsenal der schulischen Grausamkeiten ist groß. Nervige Streber und tumbe Hausmeister verschönern auch nicht gerade den Schulalltag, ebenso wenig die Politik, die mit vollgestopften Lehrplänen, Lernstandserhebungen und
Turbo-Abi das Schülerdasein erschwert. Kein Wunder, dass mancher Schüler davon träumt, seine Penne einfach in die Luft zu jagen.
Wie aus einem Traum Wirklichkeit werden kann, sollte er seinen Chemielehrer fragen. In zahlreichen Chemieschränken an NRW-Schulen hat das Landeskriminalamt nun
Pikrinsäure sichergestellt. Die Chemikalien hatten enorme Sprengkraft, weil die Lehrer sie hatten eintrocknen lassen. Schlamperei? Oder sind vielleicht doch nicht die Kinder die wahren Anarchisten, wie Herbert Grönemeyer sang? Meinen blassen und trockenen Chemielehrer von damals sehe ich nun mit anderen Augen.
"Besonders ätzend waren dann später die Chemiestunden mit einen langweiligen und trockenen Lehrer..."
Wo sind Sie denn Deutsch gelernt?
Ihre Schule muss ja wirklich schlecht gewesen sein. Oder waren Sie es?
Keim am 17.08.08 10:10
Lieber Keim, wer im Glashaus sitzt, sollte nicht mit Steinen werfen. Aber Kopf hoch, die deutsche Sprache ist nicht so kompliziert, dass man sie bei ein wenig Mühe nicht doch noch lernen könnte. Also weiterhin viel Erfolg!!
Retlaw am 17.08.08 10:42
Lieber Retlaw,
ich glaube, der Eintrag von Keim war leicht ironisch gemeint und die Grammatikfehler beabsichtigt.
Aber auch einen Sinn für Ironie kann jeder erlernen. Also weiterhin viel Erfolg!
Morrissey am 18.08.08 11:45
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Zum Seitenanfang"Wie wird man eigentlich Experte für das moderne Leben?", fragte mich vor kurzem meine 25-jährige Nichte, die Journalistin werden möchte. Die Frage rührte mich. Zeigte sie doch, dass meine Nichte zumindest einmal die Kolumne gelesen hatte und etwas für die Verjüngung der Userschaft tat. Dann aber meldeten sich Zweifel: War die Frage vielleicht spöttisch gemeint? Hält meine Nichte mich insgeheim für einen hoffnungslos altmodischen Kerl, weil ich nicht mal ihren MP3-Player auf Anhieb bedienen kann? Oder weil ich ständig von früher erzähle? Oder weil ich nicht weiß, was ICQ bedeutet?
Schließlich erklärte ich meiner Nichte weitschweifig meine
Grundqualifikationen. Besonders wichtig sei ein kritisches Bewusstsein, dozierte ich, der Wille und die Fähigkeit zu hinterfragen, den Dingen auf den Grund zu gehen, Schein und Sein auseinanderzuhalten. Das habe ich wirklich schon als Kind trainiert, in der "Hörzu". "Original und Fälschung" war in der Programmzeitschrift meine Lieblingsrubrik. Dort galt es, die feinen Unterschiede zwischen zwei auf den ersten Blick identischen Bildern herauszufinden.
Meine Nichte guckte interessiert, also redete ich weiter und erläuterte ihr die schrittweise Ausbildung meiner Unterscheidungsfähigkeit. Etwa durch die Lektüre jeder Menge Krimis. Dabei lernte ich nämlich, unwichtige von bedeutenden Spuren zu unterscheiden, und, noch wichtiger, gefälschte von echten Hinweisen. Hilfreich war auch die intensive Beziehung zu einer Kunsthistorikerin, die mich lehrte, echte Kunst und bloß Nachgemachtes auseinanderzuhalten. Und in verschiedenen Wohngemeinschaften wurde mir eingebläut, den lieben Mitbewohnern nichts vorzumachen, sondern bitteschön bloß authentisch zu bleiben, zumindest ein Stück weit.
An dieser Stelle konnte meine Nichte ein Gähnen nicht unterdrücken. Ich versuchte einen eleganten Abgang und sagte ihr, dass ich ihr das Geheimnis meines Expertentums ein anderes Mal zu Ende erklären würde. Denn nun müsste ich schleunigst eine neue Glosse produzieren. Thema: der
Rauswurf Clements aus der SPD und der
Streit um ein Immendorff-Gemälde. "Echt?", fragte meine Nichte. "Tja, darum geht es ja gerade", sagte ich. "Ist ein Immendorff-Gemälde wirklich ein echter Immendorff? Auch wenn er selbst keinen Pinselstrich gemacht hat? Und ist der Clement wirklich ein Genosse? Auch wenn er davon abrät, Parteifreundin Ypsilanti zu wählen? Oder sind die SPDler, die Clement ausschließen wollen, keine echten Genossen?"
Meine Fragen blieben unbeantwortet. Die Augenlider meiner Nichte waren zugeklappt, sie war wohl echt müde. Leise stand ich auf und ging. Vorher legte ich ihr noch zwei Bonbons auf den Tisch. Ich glaube, es waren "Werthers Echte".
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Zum SeitenanfangAmerika, das war für mich als Kind das Land, wo der Fortschritt zuhause ist. Die Nachbarn redeten voller Bewunderung von einem amerikanischen Traktor, den sich ein Bauer gekauft hatte. Ohne ihn gesehen oder gar irgendwelche Testberichte gelesen zu haben, war mir klar: Das musste einfach ein toller Traktor sein, der da aus dem fernen Land übers Meer transportiert worden war und nun die niederrheinische Scholle pflügte. Erst später habe ich erfahren, dass das Gerät öfter mal eine Zwangspause einlegen musste, weil sich dringend benötigte Ersatzteile noch auf hoher See befanden.
Freude kam auf, als mein Vater den Dienst-Käfer durch einen Ford Taunus ersetzte. Schließlich war Ford ja ein amerikanisches Produkt, auch wenn es in Deutschland produziert wurde. Schlecht wurde mir leider aber weiterhin beim Autofahren. Daran war aber wahrscheinlich die unvergessene Duftmischung aus dem Rasierwasser meines Vaters, dem Haarspray meiner Mutter und dem Kölnisch Wasser meiner Oma schuld, nicht die rasante "Badewanne", wie wir den Taunus liebevoll nannten.
Mein Amerika-Bild trübte sich allerdings zu Studienzeiten etwas ein. Das lag weniger an den Inhalten meines Politikstudiums als an einem Semesterferien-Job. Ich war jung und brauchte das Geld, und deshalb arbeitete ich bei der Straßenreinigung. Dort hatte ich als Aushilfe unter anderem die spannende Aufgabe, festgetretene Kaugummis vom edlen Belag unserer neuen Fußgängerzone zu kratzen. Seitdem habe ich zu der uramerikanischen Erfindung des Chewinggum ein gespaltenes Verhältnis, genauso wie zur heimischen Stadtverwaltung, die für das sündhaft teure, aber total unpraktische Pflaster verantwortlich war.
Amerika bleibt aber das Land der unbegrenzten Möglichkeiten für mich, trotz Rüstungswahnsinn, Staatsverschuldung und Irakkrieg. Schließlich hat dieses Land uns auch Doris Day, Lassie und das Flower-Power-Lebensgefühl geschenkt. "Sex and Drugs and Rock'n Roll", auch das ist Amerika. Ob
Ex-Schauspieler,
Sex-Maniac oder
Ex-Alkoholiker - in den USA kann jeder zum Präsidenten aufsteigen. Vielleicht erleben wir demnächst einen Rock'n-Roller an der Spitze unseres wichtigsten Verbündeten. Barack Obama, Hoffnungsträger der Demokraten, sprach
in seiner Rede vor der Goldenen Else in Berlin von einer atomwaffenfreien Welt, mehr Klimaschutz und einem besseren Zusammenhalt zwischen Europa und den USA. "Yes we can", ist seine Losung. Hoffentlich heißt das nach der Wahl nicht: "Wir können auch anders."
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"Da möchte ich mal Mäuschen spielen", sagte meine Oma oft, wenn sie neugierig war, wie etwas wirklich abläuft. Als Mäuschen, als unbeobachtete Beobachterin wollte sie etwa dabei sein, wenn die Queen zusammen mit der königlichen Familie ihren nachmittäglichen Tee einnimmt. Vielleicht, so ihre Vorstellung, schlürft die Monarchin ihren Tee, oder die royale Tischdecke hat Flecken. Sie wollte die Geschichte hinter der Geschichte erfahren, lange bevor
Guido Knopp diesen Slogan für seine Sendungen im ZDF erfand.
Mein Vater hegte ebenfalls einen Mäuschenwunsch. Als politisch interessierter Mensch wollte er dabei sein, wenn Egon Bahr oder Willy Brandt mit den Ostblock-Größen verhandelten. Mich interessierte dagegen mehr, was er und meine Mutter so beredeten und taten, wenn wir Kinder nicht anwesend waren. Ich hatte so eine Ahnung, dass es da eine Realität gab, die mir noch verschlossen war.
Die Wirklichkeit ist längst nicht immer so, wie sie zunächst scheint - diese zentrale Erkenntnis beförderte später auch der Philosophieunterricht, als Platons
Höhlengleichnis auf dem Lehrplan stand. Der alte Grieche schien mir allerdings zu pessimistisch, was die wahre Erkenntnis anging, aber klar, er kannte ja auch Omas Mäuschen-Konzept noch nicht.
Manchmal werden verborgene Wirklichkeiten sogar sichtbar, ohne dass Mäuse im Spiel sind. So geschehen kürzlich beim G-8-Gipfel in Toyako. Da lagen in den dicken Pressemappen der amerikanischen Delegation nicht nur viele Papiere mit schönen Worten über die Rettung unseres Planeten vor Armut, Hunger und Klimakatastrophe. Sondern auch
Informationen über Italien. Das sei ein korruptes Land, in dem ein ehemaliger Staubsaugervertreter mit Hang zum großen Geld herrsche, wurde behauptet.
"Endlich einmal Klartext", mag sich mancher gesagt haben, der die übliche heiße Luft der Diplomaten längst als die wirkliche Klimakatastrophe empfindet. Schon kursieren Gerüchte über Dossiers der Amerikaner, die in letzter Sekunde aus den Pressemappen entfernt wurden. Darin soll angeblich von einem verzagten Land die Rede sein, das von einer hölzernen Physikerin regiert werde, die ihre Staatsgäste mit gegrilltem Wildschwein traktiere. Und von einem anderen Regierungschef, der sehr klein sei, dafür aber hyperaktiv und das auch bei Frauen.
Interessant ist, wie der diplomatische Fauxpas der Amerikaner zustande kam. Die Italien-Schelte sei einfach von einer Internet-Seite kopiert worden, hat eine italienische Zeitung herausgefunden. Wir müssen also unser Bild von sorgfältig arbeitenden Spitzenbeamten korrigieren, die tage- und nächtelang vor einem Gipfeltreffen ein Dossier nach dem anderen zusammenstellen. Nein, es geht auch einfacher: copy and paste. Was ein Glück, dass noch niemand rausbekommen hat, wie eigentlich die Glossen zum modernen Leben gefertigt werden.
Audio: Einmal Mäuschen sein!
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Europa ist sexy, zumindest wenn es Fußball spielt. Das dürfen wir in diesen Wochen wieder erleben, wenn die Besten des Kontinents in putzigen österreichischen und Schweizer Stadien
dem Ball nachlaufen. Die kontinentale Fußballbegeisterung entfachen vor allem die Niederländer, und das hat nichts mit dem holländischen Rollrasen in den Stadien zu tun.
"Oranje" spielt schön, und das auch noch erfolgreich. Auch Portugiesen, Spanier, Russen und sogar Deutsche zeigen ansehnlichen Fußball.
Dazu kommen fröhliche Fans aus allen Ecken Europas, die selbst biedere Alpen-Städtchen in riesige Partyzonen verwandeln. Riesige Stimmung auch in Deutschland. In Köln etwa vergeht kaum ein Abend ohne Autocorso, ohne motorisierte Polonaise: Wagen mit meist jungen, bemalten und kostümierten Menschen, die aus Seitenfenstern und Schiebedächern quellen. Oft flattern an ein- und demselben Auto türkische und deutsche Fähnchen. Das ist ein Zeichen, wie gut die Integration von Mitbürgern mit Migrationshintergrund inzwischen gelungen ist. Wenn alle gemeinsam mit ihren Autos in der Innenstadt rumkurven, hat das noch was Gutes: Endlich finde ich spätabends problemlos einen Parkplatz.
Tolle Stimmung herrscht bei der Euro, zappenduster dagegen sieht es aus im politischen Europa. Erst
lehnen die Iren eine dringend notwendige Reform der EU ab, dann will die Europäische Kommission die
Glühbirnen abschaffen. Höchste Zeit, dass sich was dreht und die Politik vom Fußball lernt. Europäische Integration gelingt am überzeugendsten auf dem Rasen, wie der Schwede Zlatan Ibrahimovic und der Schweizer Hakan Yaki beweisen. Deshalb wird uns
der geplante Einbürgerungstest, der bloß Wissen abfragt, nicht weiter bringen.
Die EU braucht außerdem eine gemeinsame Fußballmannschaft. Eine offizielle
EU-Hymne gibt es ja schon, aus Beethovens neunter Sinfonie. Der Text, Schillers "Ode an die Freude", gehört nicht dazu, weil man sich nicht auf eine Sprache einigen konnte. Eine Hymne ohne Text ist aber nichts für Fußballer. Die singen ja gerne die Hymne mit, wenn sie gerade keinen Kaugummi zur Hand haben. Mein Vorschlag: Schillers Text ins Englische übersetzen. Dann haben alle Spieler der EU-Mannschaft die Chance mitzusingen - auch wenn der EU-Trainer wohlweislich keine Iren oder Engländer aufstellen wird.
Audio: Euro top, Europa Flop?
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Als Kind fand ich die CDU prima. Die hatte schöne Plakate, bekannte Politiker und gewann jede Wahl. Als mein Vater mir eröffnete, sein Herz schlage für die SPD, brach für mich eine Welt zusammen: Wie konnte man nur freiwillig mit den Sozialdemokraten, diesen ewigen Verlierern, paktieren? Seit damals ist viel Wasser den Rhein und die Spree runtergeflossen. Meine parteipolitische Orientierung hat sich in dieser Zeit mehrmals geändert, auch die meines Vaters übrigens. Und die SPD hat das ein oder andere Mal bewiesen, dass sie Wahlen auch gewinnen kann. Wer erinnert sich nicht an den Triumphator Gerhard Schröder in der
"Berliner Runde" 2005 oder die
überglückliche Andrea Ypsilanti nach der diesjährigen Landtagswahl in Hessen?
Doch mit jeder neuen Meinungsumfrage werden die schönen Erinnerungen blasser und die Probleme für die SPD größer. Auf ganze 24 Prozent der Wählerstimmen käme die Partei, wenn jetzt gewählt würde. Das hat
der jüngste Deutschlandtrend herausgefunden. Nun müssen die Sozialdemokraten herausfinden, wie sie aus diesem Loch wieder herauskommen. Das ist nicht leicht. Denn das Loch ist so tief und dunkel, dass die ersten Sozis vor Furcht zu pfeifen beginnen. Ihr Pfeifen interpretieren einige Genossen als Aufbruchs-, andere als Rückzugssignal, was wiederum zu einigem Durcheinander führt und alle noch ein wenig tiefer ins Loch rutschen lässt.
Keine Rettung in Sicht? Doch! Der Sport könnte der SPD wieder auf die Beine helfen, genauer: der Fußball. Nicht nur das Spitzenpersonal von Beck über Heil bis Gabriel, die von den vielen Arbeitsessen gezeichnet sind, könnte davon profitieren. Die SPD als Ganzes sollte ihr Herz für den Fußball entdecken, weil der immer noch ein wenig proletarisch ist und weil er an die Wurzeln der Partei erinnert. Also, Genossen, höret die Signale: Rauf auf die EM-Tribünen und rein in die Kabine der deutschen Nationalmannschaft. Ihr dürft den Jogi nicht der Kanzlerin überlassen! Doch Vorsicht: Wenn die deutsche Elf bei der Euro 2008 scheitert, solltet ihr euch nicht mit den Versagern ablichten lassen!
Ein anderes Rettungs-Rezept für die SPD wird derzeit in Berlin ausgebrütet. In der dortigen SPD-Zentrale kursieren geheime Boykottpläne. Sie sollen vom kampferprobten Bahngewerkschafter Manfred Schell stammen, der bereits die Milchbauern beraten hat und nun der SPD das Motto verordnet hat: "Von den Bauern lernen heißt siegen lernen." Das Kalkül: Wie die Milchviehhalter sollen die SPD-Politiker ihre Ware einfach nicht mehr "verkaufen". Also keine Interviews mehr, keine Konzeptpapiere, Anträge, Gesetzesnovellen, Anfragen, Statements. Eine riskante Strategie, wie ich finde. Vielleicht bekommt niemand das große sozialdemokratische Schweigen mit. Oder die landesweit bekannten Lautsprecher von Guido Westerwelle bis Oskar Lafontaine nutzen es für sich. Oder noch schlimmer, liebe Sozialdemokraten: Ihr haltet das Schweigen keine zwei Tage durch. Dann hält man euch künftig nicht nur Wortbruch vor, sondern beschimpft euch auch noch als Schweigebrecher.
Audio: Das große Schweigen der SPD
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Taja, siehe das Interview mit Prof. Korte zum Umfrageteif der SPD. Nix ist mit Neuanfang und mehr Demokratie wagen. Nix ist mit weitergehenden Ideen im Bereich der Bildungspolitik. Angst herrscht vorm Lafontaine Syndrom und der Liebe zur ewig gestrigen Konzepten und den Denken in den Normen der Industriegesellschaft. Wir leben in der Post Industiepoche. Wer dem abgehängten Menschen eine Chance geben will muß begreifen das diese kein Objekt sind, sondern das Subjekt des Handels. Nur das Probelm ist ab 45 fällt es schwer sich umzustellen und die böse Umwelt ist schuld am Niedergang. Nein wer nicht das neue wagt mit der Tradition der Sozialen Gerechtigt im Hirn, der wird vergehen wie einst die SED im November 89.
SenecaOWL am 09.06.08 13:11
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Zum SeitenanfangDie wichtigste Phase meiner Erziehung fand vor dem legendären Jahr 1968 statt. Als Kind trug ich den Sommer über eine kurze Lederhose, und wenn ich hinfiel und mir ein Knie aufschlug, mahnte meine Oma: "Jungen weinen nicht." Also schluckte ich die Tränen runter, auch als das Pflaster erst aufs Knie kam und Tage danach von meinem Vater mit einem kräftigen Ruck wieder entfernt wurde.
"Weinen ist wichtig und wertvoll", war etliche Jahre später die neue Losung. "Du musst Deine weiblichen Anteile besser integrieren", verlangte meine Freundin Claudia und meldete uns beide in einer Selbsterfahrungsgruppe an. Da blieb auch bei mir kein Auge trocken, und ich war wieder auf der Höhe der Zeit. In meinem Bekanntenkreis sind ebenfalls deutliche Fortschritte sichtbar. Mein Freund Wolfgang erzählte mir kürzlich, dass er bei einem Film über "unmenschliche Tierhaltung" in Tränen ausgebrochen sei. Seinen emotionalen Ausnahmezustand habe er erst im Steakhaus wieder in den Griff bekommen.
Inzwischen schaffen es selbst echte Kerle wie
Ottmar Hitzfeld oder Uli Hoeneß, ihren Tränen freien Lauf zu lassen. Flennen beim Fußball: eine gute Übung für den Alltag. Mein Freund Karl hat es geschafft, seine Geliebte mit einer gefühligen SMS zu überraschen: "Mit Tränen in den Augen denke ich gerade an Dich. Der FC ist aufgestiegen." Ganz anders mein Kumpel Heiner: Er hat seine Frau verlassen, ohne eine Träne zu vergießen. In Windeseile hat er seine Siebensachen gepackt und ist aus der gemeinsamen Wohnung ausgezogen, und mit ihm der prächtige Gummibaum. Monate später überrascht er seine Ex mit dem Bekenntnis: "Als ich gesehen habe, dass der Gummibaum braune Blätter bekommt, sind mir die Tränen gekommen."
Doch es ist zum Heulen: All das reicht vielen Frauen nicht. Sie reden von Krokodilstränen, machen sich über weinende Fußballer lustig und schütteln mit dem Kopf, wenn wir mit Tränen in den Augen vom Lackschaden am neuen Wagen erzählen. Die Frauen selbst, so scheint es, nehmen sich wieder meine Oma zum Vorbild, die höchst selten ein Tränchen verdrückte. Oder hat jemand Angela Merkel einmal weinen gesehen? Ihr
Amtsvorgänger dagegen hatte öfters feuchte Augen, vor allem auf SPD-Parteitagen. Die Treffen der Sozis werden regelmäßig zu Feuchtgebieten, wenn die Bergmannskapelle "Glück auf, der Steiger kommt" intoniert.
Damit Frauen das Weinen wieder lernen, müssen Sie aber nicht in die SPD eintreten. Es helfen auch traditionelle Rezepte wie Kino, Kinder und Küche. Ein Liebesfilm wirkt wahre Wunder, auch ein Besuch auf der Säuglingsstation im Krankenhaus. Wirklich garantiert sind weibliche Tränen aber nur in der Küche - beim Zwiebelschneiden.
Männer sollen weinen. Was ist daran schlimm. Sind doch auch nur Menschen.
Ich, als Frau kann nicht mehr weinen. Schön wär´s, wenn ich´s wieder könnte.
Denn Weinen und auch Lachen befreit die Seele!! Mein Mann lernt es gerade, zwar schwer - aber immerhin.
Liebe Grüsse -Chrissy-
Christiane Westhoff am 27.05.08 12:49
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"Was willst Du mal werden?" Die Frage wurde mir im zarten Alter von fünf Jahren das erste Mal gestellt, und ich antwortete ohne langes Nachdenken: "Zoodirektor". Das hatte damit zu tun, dass ich keine Sendung von
Bernard Grzimek verpasste. Ich war fasziniert von seinen Geschichten über wilde Tiere in Afrika und von den "possierlichen Gesellen", die er sich mit ins Fernsehstudio brachte. Meine Eltern hielten die Stunden des Frankfurter Zoodirektors wohl für pädagogisch wertvoll, so dass ich an diesen Abenden ausnahmsweise länger fernsehen durfte.
Mit der Zeit änderte sich die Betonung in der Fragestellung. Als ich mein Studium der Germanistik und Politikwissenschaft aufnahm, schmuggelte sich ein scharf intoniertes "denn" in die Frage: "Was willst Du denn mal werden?", hakte mein Patenonkel nach, wenn wir uns auf Familienfesten trafen. "Lehrer werden kannst Du ja mit einem Magisterabschluss nicht." Ich nuschelte "Lektor" oder "Irgendwas mit Medien", worauf mein Onkel stets den Kopf schüttelte und sein Hast-Du-Dir-das-auch-gut-überlegt-Gesicht aufsetzte.
Nun gehört die Berufswahl bekanntermaßen zu den schwierigen Entscheidungen im Leben, erst recht heute. Das Fernsehen bietet kaum noch Orientierung, seit das
"heitere Beruferaten" eingestellt wurde. Derzeit konzentrieren sich die Berufswünsche der Jugendlichen auf Grafik-Design, Event-Management oder Börsenhandel. Auch die Berufe des Automechanikers oder der Friseuse sind gefragt, falls es zum Superstar nicht reichen sollte.
Metzger will dagegen kaum einer werden, wie die zuständige Innung beklagt - obwohl der Beruf doch sehr kreativ sei und man als Metzger auch nicht mehr selber schlachten müsse. Vielleicht würde es schon helfen, das miefige Image des Lehrlings in der Wurstküche durch seine Aufwertung zum Food-Designer zu vertreiben.
Noch unbeliebter sind wohl die Knöllchen-Verteiler. Politessen haben es meist mit miesepetrigen Menschen zu tun, die empört den Strafzettel von der Windschutzscheibe klauben. Hier könnte eine Änderung der Straßenverkehrsordnung helfen, die sich das pädagogische Prinzip der positiven Verstärkung zunutze macht. Warum sollten sie nicht Bonuspunkte an die vergeben, die einen gültigen Parkschein haben? Und wenn man mit diesen Bonuspunkten Minuspunkte in Flensburg ausgleichen könnte, würde die Beliebtheit der Politessen sprunghaft ansteigen.
Ein wirklich schwieriger Fall ist der Berufspolitiker. Seine Beliebtheit rangiert bei Umfragen regelmäßig und deutlich im Minus. Abschaffen lässt er sich aber ebenso wenig wie der Metzger oder die Politesse. Alle Versuche, den Politikerberuf attraktiver zu machen, scheitern bislang: Weder ein klares Bekenntnis zur Männlichkeit wie der
Bart bei Beck noch die Betonung der Weiblichkeit wie das
Dekolleté bei Merkel bringen das Berufsbild nach vorn. Vielleicht schafft es ja die
Diätenerhöhung, die jetzt beschlossen wurde.
Audio: Schlechte Zeiten für Metzger
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Mobil und flexibel, so sollen wir alle sein. Das predigen uns täglich die Politiker und Wirtschaftsbosse. Sie machen uns auch vor, wie das geht: Wer gestern noch
Vorstandschef war, lässt sich morgen in den Aufsichtsrat wählen. Wer eben noch die Energiekonzerne kontrollierte, wird plötzlich Chef eines Kohle-Konzerns. Oder
wer jahrelang nur dem Wohl des deutschen Volkes verpflichtet war, entdeckt nach seiner Amtszeit die Einträglichkeit russischer Rohstoffe.
Job-Hopping gehört, wie häufiger Beziehungs- und Wohnungswechsel, zum modernen Leben. Die altmodische Sehnsucht nach einer stabilen Beziehung und beständiger Gemeinschaft lässt sich dennoch nicht ausrotten. Deshalb begeistert Marianne Rosenberg viele Menschen immer noch und immer wieder mit ihrem Song "Er gehört zu mir wie mein Name an der Tür". Und deshalb verbringen viele Deutsche einen Großteil ihrer Freizeit in einem Verein, dem sie lebenslang verbunden bleiben: Kaninchen züchten, Sport treiben, Briefmarken sammeln - das ist im Verein am schönsten.
Auch wenn das moderne Leben uns alle zu Einzelkämpfern macht, brauchen wir doch das Wir-Gefühl. So wird es auch bei
Wolfgang Clement sein. Der ist seit 1970 Mitglied der SPD, und das will er auch bleiben. Damit beweist er eine rührende Treue gegenüber seinem Verein, der an galoppierendem Mitgliederschwund leidet. Doch anstatt sich zu freuen, wollten einige Genossen dem ehemaligen NRW-Ministerpräsidenten und Superminister den Stuhl vor die Tür setzen, weil er seine Parteifreundin Andrea Ypsilanti schofelig behandelt habe. Doch nun, so das Urteil des Schiedsgerichts, bleibt es bei einer Rüge für Clement.
Diese Rüge ist so etwas wie eine Kopfnote in Clements Parteizeugnis: "Solidarität ungenügend". Dabei haben sich die
Sozialdemokraten bislang vehement gegen die Vergabe von Kopfnoten gewehrt. Und wehren will sich auch Clement - gegen die Rüge, in der nächsten Instanz. Dabei könnte er es sich und den Genossen doch einfacher machen, einfach ein bisschen flexibler und mobiler sein und - "den Oswald machen".
Oswald Metzger hat es nämlich vorgemacht, wie man über die Jahre gleitend von der SPD zu den Grünen und schließlich zur CDU wechseln kann.
Wolfgang Clement wird das nicht tun, denn er gehört zur alten Garde der NRW-Sozis, die vom politischen Gegner als Beton-Fraktion verspottet wurde. Clement wird weiter für sich und seine Position in der SPD kämpfen, abends zur Entspannung ein wenig Marianne Rosenberg hören - aber vielleicht auch in der Biographie von
Eugen Drewermann blättern. Der Theologe, der sich fast sein ganzes Berufsleben lang an der katholischen Kirche abarbeitete, machte sich zum 65. Geburtstag ein ganz besonderes Geschenk: Er trat aus der Kirche aus.
Audio: Im Verein ist es am schönsten
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Zu Wolfgang Clement:
Ohne seine Bemerkungen zu Andrea Ypsilanti hätte die SPD die Wahlen gewonnen!
Leider fehlt ihm selbst der Anstand, die Konsequenz aus seiner Haltung zu ziehen und die SPD zu verlassen
Oliver Ecker am 27.04.08 18:30
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Wahre Abenteuer sind rar geworden im modernen Leben. Schließlich kann nicht jeder Finanzjongleur oder Geheimdienstagent sein. Deshalb sucht der einfache Bürger das Abenteuer bevorzugt im Ausland, während des Urlaubs: beim Trekking im Himalaya, Motorradfahren im Jemen oder River-Rafting in Kanada. Seit alters her beliebt ist auch die Wüste, um mal was ganz anderes zu erleben: Stille. Endlose Weite. Leere. Einsamkeit. Und eben Abenteuer. Wer erinnert sich nicht an
Kara Ben Nemsi? Das Alter Ego Karl Mays bereiste unter anderem den Norden Afrikas und machte bei den Wüstensöhnen mächtig Eindruck.
Eindruck gemacht hat die jugendliche Karl-May-Lektüre bei einigen deutschen Sicherheitsbeamten, die
in Urlaub nach Libyen fuhren. Raus aus der Monotonie des Streifen- und Bereitschaftsdienstes, rein ins Wüstenabenteuer - wer wollte es ihnen verdenken? Im Urlaub haben sie noch ein bisschen Geld damit verdient, den Wüstensöhnen beizubringen, wie man richtig observiert und taktisch klug agiert im Anti-Terror-Kampf. Kara Ben Nemsi konnte mit überlegener Technik - seinem
"Henrystutzen" - punkten, seine Nachfahren mit überlegenen Konzepten und schicken Powerpoint-Präsentationen.
"Was für Kamele", stöhnen nun die Miesmacher hierzulande. Bibelkundige Kritiker des umstrittenen Beamten-Urlaubs sind davon überzeugt, dass in der Wüste Versuchung und Teufel lauern. Dabei gehört Libyen seit Jahren nicht mehr zur Achse des Bösen, und Staatschef Gaddafi hat sein diabolisches Image abgestreift. Inzwischen soll er bei der abendlichen Lektüre im Beduinenzelt nicht mehr zum
Grünen Buch, sondern zu Karl May greifen.
Es gibt also keinen Grund, auf die deutschen Hobbylehrer in Uniform einzudreschen. Das
deutsche Bildungssystem genießt, spätestens seit Pisa, nicht den besten Ruf. Da ist es doch umso erfreulicher, dass wenigstens die Ausbildung deutscher Polizisten ein Exportschlager ist. Deutsche Polizisten schulen in Afghanistan, auf dem Balkan - und taten es auch in Libyen. Den Polizisten in einem Polizeistaat noch etwas beizubringen, das schafft auch nicht jeder.
Eine Sorge aber bleibt. Welches Einsatzgebiet fällt unseren abenteuerlustigen, Karl May lesenden Polizisten und Soldaten als nächstes ein? Da droht Brisantes. Im ersten Buch reist Kara Ben Nemsi durch die Wüste. Im zweiten Buch verschlägt es ihn ins wilde Kurdistan. Das liegt heute in der Osttürkei und im Nordirak.
Der erste lesenswerte Kommentar zu der ganze Angelegenheit.
Hummer5 am 13.04.08 21:30
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Zum SeitenanfangDas Frühjahr war früher die Zeit der bunten Urlaubskataloge. Im trauten Familienkreis saßen wir zusammen und blätterten in den Prospekten, um uns Anregungen für die schönste Zeit des Jahres zu holen. Mich faszinierten besonders die Bilder von den Sandstränden der Nordsee und die idyllischen Fotos von den rot-weiß gestreiften Leuchttürmen, die stolz die flache Küstenlandschaft beherrschten.
Ihre frühe Faszination haben die standhaften Bauwerke, die Wind und Wasser trotzen, für mich behalten. Das mag auch daran liegen, dass meine Eltern - mit der Zustimmung meiner Oma - sich in unschöner Regelmäßigkeit für
Ferien im Mittelgebirge entschieden, weitab von jedem Leuchtturm. Meine Liebe zum Leuchtturm hat auch die Erklärungsversuche meines älteren Bruders überlebt. Der ist Psychologe, und deshalb hat für ihn der Leuchtturm ebenfalls eine große Bedeutung, nur eben anders: als Symbol für das männliche Geschlecht, für Potenz, für Macht.
Das macht verständlich, warum in Politik und Wirtschaft, die ja immer noch zum größeren Teil von Männern bestimmt werden, Leuchtturmprojekte so beliebt sind. Wer sich und sein Wirken hervorheben möchte, kann das mit einem solchen Projekt am besten. Über das Flachland des alltäglichen Klein-Kleins ragen sie empor und künden von der Kraft und dem Weitblick ihrer Macher, auch wenn die längst abgewählt, verrentet oder tot sind. Im Idealfall verbinden sich diese Projekte mit dem Namen ihres Schöpfers, wie etwa beim Eiffelturm oder der Riester-Rente.
Vielleicht wäre das auch beim Transrapid so geworden,
der zwischen dem Münchener Hauptbahnhof und Flughafen verkehren sollte. Technisch ausgeklügelt, umweltfreundlich, dazu pfeilschnell - das Leuchtturmprojekt von Edmund Stoiber hätte es verdient, den Namen des ehemaligen CSU-Chefs zu tragen. Doch sang- und klanglos wurde es
zu Grabe getragen, angeblich wegen der stark gestiegenen Kosten. "Leider nicht realisierbar" sei der Transrapid, erklärte Günther Beckstein, nachdem Stoiber ein halbes Jahr zuvor das Projekt für "unumkehrbar" erklärt hatte.
An der Küste werden immer mehr Leuchttürme abgeschaltet, überflüssig geworden durch moderne Navigationssysteme. In Bau befindliche Leuchtturmprojekte - Agenda 2010, Bahnreform - sind bedroht, neue nicht in Sicht. Es kommen schwere Zeiten auf uns zu. Besonders auf die Männer, hat mein Psychologen-Bruder analysiert. Vielleicht hat er ja recht und der wachsende Erfolg der Frauen in der Gesellschaft und von
"Viagra" auf dem Medikamentenmarkt hängen irgendwie zusammen. So ist es auch bestimmt kein Zufall, dass jetzt das Ende des Männermagazins "Matador" verkündet wurde. Die Fahrgäste des Transrapid fallen als künftige Leser ja weg.
Audio: Die Liebe zum Leuchtturm
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Zum Seitenanfang"Non scholae, sed vitae discimus" - dieser Spruch prangte über dem Eingang des Gymnasiums, das ich besuchte. Es war eine Schule mit altsprachlichem Schwerpunkt, und deshalb sparte man sich die Übersetzung: "Nicht für die Schule lernen wir, sondern fürs Leben." Angesichts dessen, was täglich in der Schule unterrichtet wurde, war der Spruch in meinen Schüler-Augen der reinste Hohn. Denn was hatten binomische Formeln, jambische Versfüße und die Kontinentaldrift mit meinem Leben zu tun? Sie waren bestimmt bloß erfunden, um mir das Dasein zu versauern.
Gelernt habe ich trotzdem, nicht für mein Leben, aber für die Versetzung in die nächste Klasse und den ruhigen Schlaf meiner Eltern. Ich paukte Vokabeln, Formeln, Fakten. Und war neidisch auf die, die es nicht nötig hatten. Einem meiner Kumpel war seine Schulkarriere herzlich egal, weil er sowieso die Firma des Vaters übernehmen würde. Auch Lisa hatte die Lernerei nicht nötig. Sie war das attraktivste Mädchen der Klasse und nagte stets dekorativ an Äpfeln herum, die geradewegs vom Baum der Erkenntnis zu stammen schienen. Lisa war stets Klassenbeste, ohne viel Zeit für die Schule zu verplempern. Die investierte sie lieber, um mit dem potenziellen Unternehmens-Erben anzubandeln. Für die beiden konnte, genau wie für mich, jeder einzelne Schultag und natürlich die gesamte Schulzeit nicht schnell genug vorbei sein.
Mit der üblichen Verzögerung hat die Politik endlich ein Einsehen gezeigt und die Schulzeit verkürzt. Wer das Abi machen will, kann das nun fast überall in Deutschland nach 12 Schuljahren tun. Doch statt Jubelrufen wehen Klagelaute übers Land, von Schülern, Lehrern und Eltern gleichermaßen. Das
Turbo-Abi hat ein ebenso mieses Image wie der Turbo-Kapitalismus. Und auch das Kürzel
"G 8" für die verkürzte Gymnasialzeit klingt vorbelastet. Pferdefuß an der Schulzeit-Verkürzung ist für viele, dass nicht ein einziger Versfuß aus dem Lehrplan gestrichen wurde.
Während die Politiker am liebsten in der Schule nur noch Äpfel vom Baum der Erkenntnis verteilen möchten, interessieren sich die meisten Lehrer für Birnen. Erfinder des Lehrens und Lernens mit Birnen ist ein gewisser
Herr von Ribbeck zu Ribbeck im Havelland. Er wies nach, dass eine Birne auch noch nach vielen Jahre eine segensreiche Wirkung entfaltet. Wer dagegen Äpfel vom Baum der Erkenntnis nasche, so die bibelkundigen Pädagogen, dem drohten katastrophale Nebenwirkungen.
Schule,
Wissen,
Erkenntnis - das ist ein weites Feld, das in unserer kleinen Kolumne kaum durchpflügt werden kann. Nur eine Anregung noch: Auch nach dem Abitur lässt sich Zeit sparen. Langwierige Promotionen kann man etwa durch Geldzahlungen verkürzen. Das mutmaßt zumindest die Polizei, die
gegen ein Institut in Bergisch Gladbach ermittelt. In Bergisch Gladbach habe ich übrigens meinen Mitkolumnisten kennen gelernt -
Doktor Gregor.
Audio: Fürs Leben lernen
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Oh, oh, Stephan Josef, welch perfide Unterstellung im letzten Satz ... Und selbst wenn Doktor Gregor seinen Doktortitel an einem anderen als einem theologischen Institut erworben haben sollte, so wäre dies doch in katholischen Dimensionen eher ein "Titelfringsen", denn ein Titelklau. Oder verwechsel ich da Äpfel mit Birnen?
Sabine am 26.03.08 13:59
Liebe Sabine, "Titelfringsen" setzt voraus, dass eine allgemeine Notlage herrscht, ein Titel quasi überlebenswichtig ist. Da jedoch viele Menschen - ja, ich auch! - ohne einen solchen auskommen, müsste man weiterhin von Titelklau sprechen. Wobei Doktor Gregor natürlich über jeden Zweifel erhaben ist - wer außer ein promovierter Theologe würde sich schon seit Jahren in seiner Freizeit freiwillig mit allen möglichen Weltende-Visionen beschäftigen?
Stephan Josef am 26.03.08 15:38
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Zum SeitenanfangViele Erlebnisse verblassen mit der Zeit, eins ist mir noch in farbiger Erinnerung: Als für mein Jugendzimmer neue Möbel gekauft werden sollten, begeisterte ich mich für ein Tisch-, Bett- und Schrank-Ensemble ganz in blau. Meinen Eltern reagierten geschockt, und es entspann sich, zum Leidwesen des Verkäufers, eine lange und erbitterte Diskussion. An deren Ende orderten wir Möbel im Birken-Look, mit einigen wenigen farbigen Akzenten - roten Griffen und Abschlussleisten. Etliche Jahre später holte ich dann meine blaue Phase nach. Meine Studentenbude schmückte eine Tapete in einem kräftigen Azurblau, durchsetzt von schmalen weißen Streifen. Todschick, wie ich fand. Gewöhnungsbedürftig, wie etliche Besucher meinten.
Farben sind halt Geschmackssache, und vor allem Männern wird nachgesagt, häufig mal daneben zu liegen. Aber wer gönnt sich schon eine Farbberatung? Ich habe es getan, bei einem Cluburlaub. Eine nette Frau drapierte farbige Tücher um meinen Hals, dozierte über Frühlings- und Herbsttypen und riet mir, knallige Töne zu meiden. Ihre weiteren Ratschläge blieben aber vage. Eigentlich hatte ich mir handfeste Wahrheiten von ihr versprochen, wie ich sie aus der Schulzeit kannte, etwa: "Braun und blau, schmückt die Sau."
Glücklicherweise war meine Freundin Dagmar stets mit großem Eifer um mein Äußeres bemüht. Als Frau und als Kunsthistorikerin war sie dazu doppelt geeignet. Sie versuchte mir beizubringen, welche Farbtöne zueinander passen und welche "sich beißen". Wenn sie richtig in Fahrt war, redete sie begeistert von Komplementärfarben, die gegenseitig ihre Leuchtkraft hervorheben. Rot und Grün etwa sei eine solche Kombination.
Die ist uns aus der Politik allzu vertraut. Doch ihre Leuchtkraft hat deutlich nachgelassen, und so versuchen sich die Politiker an neuen Farbenspielen. Schwarz und grün, rot und rot, rot-gelb-grün, schwarz-grün-gelb: Nichts scheint unmöglich.
Die neue bunte Welt provoziert
heftigen Streit. Das musste schon Gerhard Richter erfahren, dessen
neues Fenster im Dom an ein riesiges farbiges Mosaik erinnert. Der
Kölner Kardinal war "not amused" und sähe das Kunstwerk lieber in einer Moschee. In der Politik wird vor allem über eine rot-rote Kombination debattiert, wie sie SPD-Chef Beck ins Gespräch gebracht hat. Der bevorzugte bis vor kurzem in seinem Bundesland noch die rot-gelbe Variante. Jetzt also rot-rot. Riskant, wie ich von meiner Freundin weiß. Bei der Kombination von Farbtönen - taubenblau und marineblau zum Beispiel - kann man mehr Fehler machen als bei der Zusammenstellung eigenständiger Farben.
Wahrscheinlich ist das Kurt Beck inzwischen auch klar. Von der Grippe geschwächt, kuriert er sich zuhause aus, mit viel Schlaf und wenig Lektüre. Zeitungen würden nur seinen Blutdruck erhöhen, meint ein Insider. Ein SPD-Chef mit hochrotem Kopf - das würde in der gespannten Lage garantiert missverstanden. Auf Becks Nachttisch liege deshalb nur ein einziges Buch, Goethes
"Farbenlehre". Dichterfürst und Landesfürst, Hesse und Pfälzer, Schreibgenie und Politiktalent - was für eine Wahlverwandtschaft! Hoffentlich ist Beck aber auch so schlau wie Goethes Zeitgenosse Isaac Newton. Der wusste: Die Farbenlehre des Klassikers ist schön formuliert - aber falsch.
Audio: Mut zur Farbe
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Zum Seitenanfang"Mama, mir ist schlecht!" Der Spruch gehörte früher zum Sonntag wie Kirchgang und Rinderbraten. Mit beidem hatte er aber nichts zu tun. Schlecht wurde mir als Kind regelmäßig beim Autofahren. Am Sonntagnachmittag, Kirchgang und Braten waren bereits einigermaßen verdaut, quetschte sich die ganze Familie inklusive Oma in den Ford Taunus, um ins Grüne zu fahren. Vielleicht war es die Geschwindigkeit, die meine Magennerven reizte, vielleicht war es die unverwechselbare Duft-Mischung aus Tabac original, Kölnisch Wasser und Gard (dem Rasierwasser meines Vaters, dem Parfüm meiner Oma und dem Haarspray meiner Mutter). Oder lag es an den diversen Zigaretten der Marke "Güldenring", die mein Vater während der Fahrt rauchte?
Mein Unwohlsein verkürzte den Sonntagsausflug, sehr zum Ärger meiner robusteren Geschwister. Die wären lieber in den weiter entfernten Wildpark gefahren, um Wisente zu bestaunen, als im nahe gelegenen Stadtpark Enten zu füttern. Doch mein Vater wollte wohl nicht riskieren, dass ich der Duftmischung im Taunus eine säuerliche Note hinzufüge.
Ähnliche Befürchtungen müssen kürzlich auch die Astronauten in der Weltraumstation ISS gehabt haben. Ihr deutscher Kollege
Hans Schlegel hatte gesundheitliche Probleme, die von den amerikanischen und europäischen Weltraumorganisationen taktvollerweise nicht näher erläutert wurden. Doch nicht nur WDR-Wissenschaftsguru
Ranga Yogeshwar mutmaßt, dass Schlegel einfach kotzeschlecht war, oder eleganter formuliert, an der Weltraumkrankheit litt. Deren Symptome sind dieselben, wie ich sie früher am Sonntagnachmittag im Ford Taunus entwickelte. Was natürlich einige Fragen aufwirft: Wird in der ISS heimlich geraucht? Benutzt dort jemand "Tabac Original"? Legt die Kommandeurin etwa Kölnisch Wasser auf oder sprayt sie ihr Haar? Oder war es doch der eigentümliche Kontrast von Geschwindigkeit und Schwerelosigkeit, der Hans Schlegel kurzfristig ausknockte? Wie ist einem zumute, dem schlecht ist, der aber sein Gefährt nicht anhalten kann und nicht aussteigen darf? Und was tut er im Ernstfall - gibt es Kotztüten für die Schwerelosigkeit?
Die Fragen werden, wie ich NASA und ESA kenne, unbeantwortet bleiben. Und so werden die Spekulationen ins Kraut schießen. Hatte Astronaut Schlegel einfach keinen Bock auf den anstrengenden Aufenthalt außerhalb der Kapsel, wollte er lieber gemütlich drinnen sitzen bleiben und den Blick aus dem Fenster genießen? War er vielleicht aufgeregt, weil ein
öffentliches Telefonat mit der promovierten Physikerin Angela Merkel anstand? Oder waren es die
Kindergeldpläne der Koalition, die den siebenfachen Vater aufwühlten? Oder schlicht ein pürierter, zu Astronautenkost verarbeiteter Rinderbraten? Egal, was der Auslöser war - meine Oma hätte auf jeden Fall zwei Tipps für den Astronauten gehabt: Ein paar Mal gut durchatmen - und drei Spritzer Kölnisch Wasser, einen auf die Stirn und je einen hinter beide Ohren.
Audio: Völlig losgelöst
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Zum SeitenanfangSamstags kam in meiner Familie Eintopf auf den Tisch - zum Unglück von uns Kindern. Weder meine Geschwister noch ich entwickelten einen sonderlichen Appetit auf Bohnen-, Linsen-, Kartoffel- oder Erbsensuppe. Regelmäßig ermahnte uns Oma deshalb mit dem Satz: "Es wird gegessen, was auf den Tisch kommt." Meine Großmutter hatte zwei Weltkriege miterlebt, die große Inflation in den 1920er Jahren und die Währungsreform. Das hat ihre Sicht auf den samstäglichen Eintopf sicherlich geprägt. Ernährungspädagogisch war die Ermahnung, die damals zum Einmaleins der Erziehung gehörte, jedoch verheerend. Die Spätfolgen zeigten sich jüngst im Dschungelcamp. Dort kamen Rattenschwänze, Fischaugen, Würmer, Grashüpfer und sogar ein Krokodilpenis auf den Tisch - und wurden brav verzehrt.
Was gegessen werden sollte und was nicht, darüber gibt jetzt die
"Nationale Verzehrsstudie II" Aufschluss. Die Erfahrungen aus dem Dschungelcamp sind noch nicht eingeflossen, aber dennoch ist klar: Die Deutschen sind zu dick, und sie essen zu süß, zu fettig, zu salzig und zu viel. Ein weiteres Ergebnis der Studie: Dick ist doof, und das in doppeltem Sinne. Weil sie sich zu dick finden, diäten ständig fünf Prozent der Deutschen. Und je höher der Bildungsstand, desto seltener das Übergewicht. Bildung tut also Not, nicht nur wegen Pisa, sondern auch wegen der Volksgesundheit. Verbraucherminister Seehofer ging schon mal mit gutem Beispiel voran und verzehrte bei der Vorstellung der Verzehrstudie eine Möhre.
Doch bei dem symbolischen Biss in die Möhre, so ist zu befürchten, wird es die Politik nicht belassen. Schon die Präsentation der Studie kurz vor Karneval lässt Schlimmes ahnen. Ein bisschen Freude noch, so die Botschaft, dann ist wieder Fastenzeit. Konjunkturell läuft es auch nicht mehr so rund. Bald wird schon wieder die Rede davon sein, dass wir alle den Gürtel enger schnallen müssen. Beim Thema Diät, das ist klar, sind alle Politiker Experten. In der globalisierten Wirtschaft stören runde Bäuche, wird man erklären und unseren Blick auf die erfolgreichen Chinesen und Inder lenken, die ja in der Regel besonders schlank sind. Die haben allerdings auch den Vorteil, dass sie im Schnitt jünger sind. Mit dem Alter kommt der Bauch, das hat die Verzehrstudie ebenfalls herausgefunden. Wahrscheinlich bastelt die CDU schon an einem Plan für Diät-Camps, in dem übergewichtige Jugendliche mit Migrationshintergrund gemeinsam mit verfetteten deutschen Rentnern auf Vordermann gebracht werden. Das schafft nebenbei ganz neue Integrationserfahrungen, wenn sich beide Gruppen heimlich in der Dönerbude wieder treffen.
Die Kochshows im Fernsehen, da braucht man kein Prophet sein, werden bald nur noch leichte Kost servieren. Und das Ehegattensplitting, so ist zu hören, soll eine ganz neue Bedeutung bekommen. Da Verheiratete im Schnitt dicker sind als Singles, - auch ein Ergebnis der Studie - könnte die steuerliche Erleichterung von Scheidungen einen Weg aus der Fettfalle weisen. Den armen Hartz-IV-Empfängern, auch sie überdurchschnittlich mollig, könnten Lebensmittelkarten helfen, für die sie nur Obst und Gemüse kaufen können.
Weil wir fast alle zu dick sind, wird es demnächst ganz dicke kommen, keine Frage. Ich versuche deshalb mein Gewicht schon jetzt zu regulieren - mit Hilfe von Bohnen-, Linsen-, Kartoffel- und Erbsensuppe. Meiner Oma haben die Eintöpfe nicht geschadet. Sie wurde 85 Jahre alt - und war bis zuletzt gertenschlank.
Audio: Dickes Deutschland
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Zum Seitenanfang"Immer mit der Ruhe." Das sagte meine Oma gerne, wenn wir Enkelkinder sie mit unseren Klagen oder Wünschen überhäuften. Ihre Stimme hatte dabei genau die richtige Mischung aus großmütterlicher Autorität und Liebe. Aus aufgeregten Rackern wurden so im Nu pflegeleichte, nette Kinder.
Klagen und Wünsche häuften sich zuletzt auch in der Berliner Koalition. Der hessische Ministerpräsident kochte ein Wahlkampfgericht, dass für viele Sozialdemokraten unverdaulich war. SPD-Fraktionschef Struck trat daraufhin dem Koch vors Bein, worauf sich wiederum CDU-General Pofalla empörte und noch nasaler klang als sonst. Die SPD forderte Merkel auf, dem Koch in die Suppe zu spucken, und die CDU verlangte von Kurt Beck, die SPD zur Ordnung zu rufen. Stattdessen legte Struck nach und sagte, auf die CDU gemünzt: "Die kann mich mal."
Aufregung und Hektik also bei den Koalitionsparteien, doch nicht bei der Kanzlerin. Sie scheint die Ruhe selbst und erinnert mich deshalb an meine Oma. Als in der Koalition die Fetzen flogen, setzte sie sich - also Merkel, nicht meine Oma - vor die
Bundespressekonferenz und sagte den tiefgründigen Satz: "Jeder pflegt da so seinen Stil und ich gucke mir das so an" - Pause, Gelächter bei den Journalisten - "manchmal entspannter und manchmal gespannter." Dabei schaute sie lächelnd in die Runde.
Nicht nur das Lächeln der Regierungschefin erinnerte mich an den Dalai Lama. Schauen statt tun, losgelöst sein statt verstrickt - ist Angela Merkel nicht längst auf dem buddhistischen Pfad der Erleuchtung? Der
Buddhismus empfiehlt, das allgegenwärtige Leiden auf dem Weg der "vernünftigen Mitte" zu überwinden. Hat Angela Merkel nicht auf dem Parteitag der CDU immer wieder propagiert: "Wir sind die Mitte"? Vor diesem Hintergrund erscheint der Empfang des Dalai Lama im Bundeskanzleramt in ganz neuem Licht. Ging es Angela Merkel dabei gar nicht um eine politische Demonstration, sondern um persönliche Tipps für den rechten Pfad zum Nirwana? Und ist, allen zwischenzeitlichen Unstimmigkeiten zum Trotz, nicht der Buddha-ähnliche Helmut Kohl immer noch das politische Vorbild der Kanzlerin?
Einige Parteifreunde, so ist in Berlin zu hören, machen sich schon mächtig Sorgen um die Kanzlerin und CDU-Vorsitzende. Ihnen bedeutet das Nirwana nichts, sie glauben, dass Frau Merkel nicht auf dem Pfad der Erleuchtung wandelt - sondern auf dem Holzweg. Oder in einem Zug nach nirgendwo sitzt, als einziger Passagier. Das kann die CDU-Vorsitzende jedoch nicht beunruhigen. Denn der Dalai Lama hat ihr erklärt, was ignoranten Menschen blüht: die Wiedergeburt. Der hessische Ministerpräsident Koch in seinem nächsten Leben ein Migrant? Günther Beckstein Vorsitzender der Linkspartei? Peter Struck ein Protokollchef oder Benimm-Experte? Der
Nokia-Chef als Sachbearbeiter in der Bochumer Agentur für Arbeit? Angela Merkel kann sich vieles vorstellen. Und lächelt. Irgendwie leer, finden die einen. Die Einsicht in die Leere spiegelnd, finden die anderen. Wie meine Oma, finde ich.
Audio: Meditieren mit Merkel
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Zum SeitenanfangAuch wenn sich im modernen Leben vieles rasend schnell ändert - manches bleibt. Leider nicht nur Schönes. So gehören nervige Jugendliche anscheinend schon seit Jahrtausenden zur Grundausstattung jeder Gesellschaft. Erste Klagen sind in Keilschrift verfasst, Platon hat das Thema aufgegriffen, auch Wilhelm Busch: "Also lautet ein Beschluss, dass der Mensch was lernen muss", schreibt er Max und Moritz ins Stammbuch, vergeblich, wie wir wissen. Meine Oma verzweifelte in regelmäßigen Abständen an ihren heranwachsenden Enkeln. "Ich glaube, Euch geht es zu gut", sagte sie, wenn mein Bruder und ich den Friseurbesuch verweigerten oder den Dreck vom Fußballplatz in die frisch geputzte Wohnung trugen.
Irgendwo auf dem Weg zwischen süßem Kind und bravem Bürger lauert für jeden der Abgrund der Jugendzeit. Ohne ordentliche Brücke über diesen Abgrund wird manch hormongeplagter Heranwachsender kriminell. Wie Max und Moritz. Nur Unsinn im Kopf hatten diese beiden, und bezahlen mussten sie es mit dem Leben. So weit wollen jene Politiker nicht gehen, die jetzt die kriminelle Jugend ins Visier genommen haben. Wahlkämpfer Roland Koch (CDU) etwa empfiehlt härtere Strafen und einen "Warnschussarrest" für Ersttäter. Er findet, dass wir vor allem zu viele kriminelle ausländische Jugendliche haben. Seine Konkurrentin Andrea Ypsilanti findet das Thema doof und sammelt stattdessen Unterschriften für einen Mindestlohn.
Wenn schon die Jugend nichts lernen will, haben wenigstens die Politiker was gelernt: Roland Koch hat sich an sein Erfolgsrezept von 1999 erinnert, als er Unterschriften gegen die doppelte Staatsbürgerschaft sammelte. Aus Stimmung gegen Ausländer können Stimmen für die CDU werden, hat er gelernt. Seine Konkurrentin Ypsilanti (SPD) hat von ihm abgeguckt, dass man auch mit Unterschriftenaktionen Politik machen kann. Und beide haben verinnerlicht, dass erst bundespolitische Themen einem flauen Landtagswahlkampf die richtige Würze geben.
Volker Kauder hat die Debatte noch um die Idee eines Erziehungscamps bereichert. Die wird, da braucht man kein Prophet zu sein, den hessischen Wahlkampf überleben. Sie ist ja auch zu charmant. "Erziehung kann nie schaden", meinte schon meine Oma, "vor allem bei den Halbstarken". Und Camp, nun ja, das klingt doch auch gar nicht übel, so nach Natur, frischer Luft, viel Sport und Jungs-Kameradschaft. In diesem Falle ist ausnahmsweise der denglische Begriff auch gut gewählt: Wer könnte schon offensiv für die Einrichtung von Erziehungslagern eintreten?
Audio: Böse Jugend
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"Markt und Straßen stehn verlassen, still erleuchtet jedes Haus, Sinnend' geh ich durch die Gassen, alles sieht so festlich aus." So beginnt ein
Weihnachtsgedicht des alten Romantikers Joseph von Eichendorff, und so begann meine kurze Karriere als Gedichtaufsager. Es war auf der Weihnachtsfeier in der Quinta, wie damals das zweite Schuljahr im Gymnasium hieß. Ich stand vor der Klasse, hatte bewusst auf den hilfreichen Textzettel verzichtet und hangelte mich wacker durch die Verse und Reime. In der letzten Strophe kam dann der Blackout. "Sterne hoch die Kreise schlingen, Aus des Schnees Einsamkeit", diese Zeilen wollten mir einfach nicht einfallen. Der Lehrer musste mir soufflieren, ich stotterte hinterher und eilte danach mit rotem Kopf von der Bühne.
Vielleicht war es so, dass ich in meiner kindlichen Vorstellungswelt Schnee und Weihnachten nicht so recht zusammen bringen konnte. Aufgewachsen bin ich am
Niederrhein, wo laut Statistik nur etwa jede zehnte Weihnacht weiß ist. Weiße Weihnachten kannte ich nur aus den Erzählungen meiner Oma. Die wurde ganz poetisch, wenn sie sich an das Weihnachtswetter anno dazumal erinnerte: "Der Atem hat ganz weiß geweht in der klaren Luft - auch wenn man nicht rauchte. Unter den Schuhen hat der Schnee geknirscht. Das winterliche Weiß hat alles zugedeckt, was sonst alltäglich das Auge beleidigt. Und alles ist so gedämpft, so still gewesen."
Mit der Stille haben wir im modernen Leben so unsere Probleme, gerade auch zur Weihnachtszeit. Von der künden nur die alten Lieder, die in den Kaufhäusern und über die Weihnachtsmärkte plärren. Und Schnee gibt es, wenn überhaupt, eher zum Straßenkarneval. Stattdessen wärmen wir unsere Herzen vor und an Weihnachten mit der Sehnsucht nach Schnee. Schon Wochen vor dem Heiligen Abend spekulieren die Kachelmänner über die Chancen auf eine weiße Weihnacht. Meist wird es dann nichts, und wir trösten uns mit Bing Crosby - "I'm Dreaming of a White Christmas" -, der Geschichte von Rudolf Rotnase oder dem Gedicht von Eichendorff.
Doch einen schneeweißen Hoffnungsstreif am Horizont schenken uns die modernen Zeiten. Im vorweihnachtlichen Bochum herrschte dieser Tage dichter Nebel. Dann rieselten plötzlich Schneeflocken vom Himmel, leise und unaufhörlich. Es war
Industrieschnee. Ein hässliches Wort für eine schöne Sache. Warme Luft oben, kalte Luft unten, dazu viele Fabriken und Kraftwerke, die unter anderem Wasserdampf ausstoßen - das waren die Zutaten für das überraschende vorweihnachtliche Weiß. Es widerlegt all die unromantischen Zeitgenossen, die uns weismachen wollten, nur ein nuklearer Winter - ausgelöst durch einen Atomkrieg - könnte uns weiße Weihnachten bescheren.
Audio: Weiße Weihnacht
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Am Niederrhein, genauer gesagt im Städtchen
Grevenbroich bin ich geboren worden. Dabei hatte man aber vergessen, mir eine ordentliche Portion Heimatliebe in die Wiege zu legen. "Zuhause ist es doch am schönsten", sagte mein Vater regelmäßig, wenn wir aus dem Urlaub zurückkamen. Ich fragte mich dagegen, was um alles in der Welt, er so toll fand an Grevenbroich. Die schwarzen, regensatten Wolken, die ständig über dem Städtchen hängen? Das platte Land ringsum, fast ohne jede Erhebung? Die qualmenden Kohlekraftwerke, die riesigen Tagebaulöcher, die endlosen Rübenfelder? Oder das Tschingdarassabumm, wenn der Schützenzug durch die Straßen marschierte?
Vielleicht war mein Vater ja nur froh, wieder in seinen Alltag zurückzukehren. Etwas weniger froh war meine Oma. Ihr Alltag bestand unter anderem darin, täglich die Terrasse zu schrubben. Schuld war nicht krankhafte Putzwut, sondern allgegenwärtiger Staub. "Wo Braunkohle gefördert und verfeuert wird, fällt halt auch viel Dreck vom Himmel", erklärte mir meine Oma. "Dafür bekommen wir als Gegenleistung schmutzige Arbeitsplätze und Kraftwerke, die uns zusätzliche Regenwolken schenken", entgegnete ich sarkastisch. Doch auch Oma ließ sich in ihrer Heimatliebe nicht beirren. Gerne sang sie mit, wenn zu vorgerückter Stunde auf Familienfesten oder dem Schützenfest die heimatliche Hymne angestimmt wurde: "Grevenbroich lebe hoch!" - eine Begeisterung, die mir auch nach etlichen Bierchen nicht möglich war.
Heute ist das anders, auch wenn ich längst nicht mehr in Grevenbroich wohne. Denn seit einigen Jahren erlebt die Kommune ein richtiges Hoch. Zwar zieht nach wie vor ein Tief nach dem anderen über das Städtchen. Dafür ist der Staub verschwunden, oder zumindest ist er feiner geworden. Dank des regen Bergbaus sind verschiedene Hügel entstanden, schön begrünt. Von ihnen hat man einen erhebenden Blick auf die umliegenden
Kraftwerke. Die werden mehr, dafür aber auch moderner und sauberer, verspricht das RWE. Auch die weiteren Aussichten sind prima: Mancher Tagebau wird, wenn die Kohle weggebaggert ist, mit Wasser volllaufen und Seen in die einst reizlose Landschaft zaubern.
Schon sollen in der Grevenbroicher Stadtverwaltung Überlegungen kursieren, sich am Wettbewerb "Unser Dorf soll schöner werden" zu beteiligen. Noch sei man allerdings auf der Suche nach einem geeigneten Stadtteil. Jemand soll "Elfgen" vorgeschlagen haben, wird hinter vorgehaltener Hand erzählt. Vor Jahren wäre das eine gute Idee gewesen. Denn Elfgen ist längst von der Landkarte verschwunden, der Kohle wegen. Neu und frisch ist dagegen meine Liebe zur alten Heimat. Am Wochenende werde ich mal hinfahren und mir eine Ausstellung dort anschauen - unter dem viel versprechenden Titel
"Lebende Leere".
Audio: Heimatliebe
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Zum Seitenanfang"Bis zum Alter von 40 gibt uns die Natur Kredit. Spätestens dann müssen wir aktiv werden." Die Trainerin im Fitnessstudio, geschätzte 25 Jahre alt, schaute mich aufmunternd an. Ich hatte gerade die magische Altersgrenze überschritten und das dumpfe Gefühl, dass sie der Meinung war, ich hätte den Kredit bereits maßlos überzogen. Also hörte ich aufmerksam zu, als sie mir meine Muskeln erklärte. Dann ging es an die Geräte, und recht schnell wurde mir klar, dass die Rückzahlung des naturgegebenen Kredits eine schweißtreibende und langwierige Geschichte würde. Meine Trainerin hatte bereits die Maxime vom "fördern und fordern" verinnerlicht und legte mir regelmäßig höhere Gewichte auf.
Mit Geduld und Zähigkeit kam ich voran und vermerkte die Erfolge meines Trainings gewissenhaft auf einer Karte. Tapfer ertrug ich die schweißgesättigte Luft im Studio, das Ächzen und Keuchen meiner Trainingspartner und ihre schrillen Outfits; das war eben der Preis für jahrelange Arbeit am Schreibtisch. Als Ausgleich zur Kraftarbeit im Studio begann ich außerdem zu joggen. Schließlich wollte ich nicht als unförmiger Muskelkoloss enden, und Mannschaftssport schied wegen unregelmäßiger Arbeitszeit leider aus.
Schichtarbeit im Büro prägt auch immer mehr die Arbeit unserer Polizisten. Fiese Verbrechen finden ja zunehmend im Computer statt, besser gesagt im Internet,
wie uns Innenminister Schäuble immer wieder einbläut. Und die wackeren Strafverfolger setzen bei ihrer sitzenden Tätigkeit das ein oder andere Kilo an. NRW-Innenminister Ingo Wolf hat das erkannt und will deshalb einen
Fitnessnachweis für Ordnungshüter einführen. Wer den nicht vorlegen kann, muss bei einem Förderprogramm mitmachen. Das wird dann wohl eher den Charakter eines Forderprogramms haben.
Die Ankündigung kommt einer Bankrotterklärung der Politik gleich. Jahrzehntelange hat sie sich gemüht, die Fitness der Polizisten zu steigern. Kiloschwere Funkgeräte, mechanische Schreibmaschinen, rationiertes Benzin, ausgedehnte Streifengänge, regelmäßige Einsätze mit Schlagstöcken an frischer Luft - anscheinend hat alles nichts genutzt. Selbst die Wiedereinführung der Reiterstaffeln blieb ohne nachhaltigen Erfolg.
Wer Fitness fordert, muss auch Fitness demonstrieren. Deshalb sollen dem Vernehmen nach alle Polizeidienststellen demnächst Videos erhalten. Sie zeigen Jürgen Rüttgers auf seiner sommerlichen Fahrradtour, Schwarz-Weiß-Aufnahmen von Ingo Wolf beim Feldhockey und Roswitha Müller-Piepenkötter beim Nordic-Walking. Eine Entspannungskassette soll auch in Vorbereitung sein, mit Landtagsreden von Innovationsminister Andreas Pinkwart. Die Polizeigewerkschaft, so ahnen Insider, wird den Fitness-Erlass allerdings leicht aushebeln - durch den Hinweis auf fehlende Videorekorder in den Dienststellen.
Audio: Fit for work
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Zum SeitenanfangSport gehörte zu meinen Lieblingsfächern in der Schule. Es sei denn, Schwimmen oder Geräteturnen waren angesagt: dann wurde ich schon mal zum Turnbeutelvergesser. Wenn dagegen Fußball auf dem Stundenplan stand, packte ich morgens gewissenhaft meine Sporttasche und steckte die Fußballschuhe mit den Stollen rein, falls draußen auf dem Aschenplatz gespielt wurde, oder die Turnschuhe mit heller Sohle, falls Fußball in der Halle angesagt war.
Die Wahl des richtigen Schuhwerks wurde jedoch zunehmend komplizierter. Das lag daran, dass es chic wurde, Turnschuhe auch außerhalb von Sportstätten zu tragen, als Ersatz für die normalen "Straßenschuhe", wie die in unserer Familie hießen. Mit den zu Straßenschuhen mutierten Turnschuhen durfte ich natürlich nicht in die Halle, dazu waren sie nicht sauber genug. Wenn ich nicht aufpasste, entging mir so meine Lieblingsstunde, nur weil ich morgens im Halbschlaf die falschen Schuhe eingepackt hatte.
Die Sportschuhhersteller profitieren bis zum heutigen Tag davon, dass ihre Produkte inzwischen überall getragen werden - sogar in der Oper, wie meine Oma einmal konsterniert feststellen musste. Inzwischen gehören alle Varianten der Sportkleidung zum Straßenbild, inklusive ballonseidener Trainingsanzüge. Dass ihre dickbäuchigen Träger mit Sport rein gar nichts im Sinn haben, gehört zu den allgegenwärtigen Widersprüchen des modernen Lebens.
So beglückt uns die Glotze mit ständig neuen Kochsendungen. Während wir gebannt schauen, wie Lafer, Lichter & Co. braten, brutzeln und blanchieren, wird in der heimischen Mikrowelle das Fertiggericht gewärmt. Während der Benzinpreis ständig neue Rekorde bricht, setzen wir uns in spritschluckende Off-Road-Fahrzeuge und stellen uns mit ihnen in den nächsten Stau. Abends sehen wir uns dann im TV eine Talkshow an, in der über Tempo 130 debattiert wird. Darin wird umso mehr geredet, je weniger die Beteiligten zu sagen haben. Dass ein Diskutant fehlt, weil er im Stau steckengeblieben ist, wird schamhaft verschwiegen.
In den scheinbaren Widersprüchen, so darf vermutet werden, spiegelt sich die romantische Sehnsucht nach Verlorenem. Wie sonst wäre es zu erklären, dass wir in Trecking-Jacken durch wohltemperierte Shopping-Malls flanieren? Oder Uhren tragen, die auch eine Wassertiefe von 200 Metern unbeschadet überstehen? Trendforscher haben das längst erkannt und arbeiten schon fieberhaft an neuen Ideen. So dürfen wir uns auf eine Mode freuen, die sich Neandertaler und Yeti zum Vorbild nimmt, Leder und Fell rehabilitiert und notfalls das Leben in unwirtlichen Höhlen ermöglicht. Auch die Politiker werden garantiert in kommenden Wahlkämpfen unsere Sehnsüchte bedienen: mit Versprechen von sozialer Nestwärme, immerwährendem Aufschwung, einer pünktlichen und profitablen Bahn, freier Fahrt für freie Bürger, sicheren Renten, Steuersenkung und -vereinfachung. Wer das zum Davonlaufen findet, sollte nicht vergessen, sich Turnschuhe anzuziehen - die richtigen, versteht sich.
Audio: Flucht auf leisen Sohlen
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Zum SeitenanfangDem Bücherwurm und der Leseratte scheint es gar nicht gut zu gehen. Fernsehen, CD- und MP3-Player und vor allem das Internet bedrohen ihren natürlichen Lebensraum. Das moderne Leben ist halt digital. Nur manchmal wird deutlich, dass es trotzdem noch einige der possierlichen Tierchen gibt: Wenn die Verleger auf der Frankfurter Buchmesse klagen, wie viele Bücher ihnen gestohlen wurden, oder wenn die Buchhändler jubeln, wie viele Vorbestellungen sie für den neuen Harry-Potter-Roman haben. Eine weitere ökologische Nische haben Bücherwurm und Leseratte im Knast gefunden.
Deshalb wurde die Bücherei der Justizvollzugsanstalt in Münster nun
mit dem deutschen Bibliothekspreis ausgezeichnet. Die JVA verfügt über eine beachtliche Bibliothek und eine noch beachtlichere Leserschaft - rund 80 Prozent der Einsitzenden. Als Freizeitbeschäftigung rangiert Lesen bei ihnen noch vor Fernsehen - obwohl in Münster nicht nur Buchdiebe inhaftiert sind.
Am Anfang war das Wort, dann kam das Buch, dann die katholische Bücherei. So verlief meine Entwicklung zum Bücherwurm. In der Pfarrbücherei arbeitete ich als ehrenamtlicher Helfer. So kam ich problemlos und ohne Rücksicht auf Öffnungszeiten an interessanten Lesestoff. Außerdem gab es nette Mit-Helferinnen, und so ging die monotone Arbeit - Bücher auspacken, registrieren, einbinden, sortieren, eintragen, austragen, einordnen, anmahnen - flink von der Hand.
"Wer liest, sündigt nicht", war meine Oma überzeugt. Bei der katholischen Bücherei war sie - berechtigter Weise - sicher, dass dort nur Literatur verliehen wurde, die nicht gegen Moral und guten Geschmack verstößt. "Wer liest, macht keinen Unsinn", wird sich die Anstaltsleitung in Münster denken und froh darüber sein, dass die Häftlinge im Literaturkurs nur an Texten feilen. Dabei könnten die Gefängnisdirektoren in Deutschland ruhig noch ein bisschen stolzer sein auf ihre Klientel. In der JVA Aachen
kochen Häftlinge Gourmet-Menüs für einen guten Zweck, andere Haftanstalten produzieren bereits seit Jahren
Designer-Klamotten. In Moers haben Knackis ein
Brettspiel ausgetüftelt: "Ohne Bewährung". Dabei müssen sich die Spieler mit Glück und Geschick den Weg in die Freiheit bahnen, ohne bei einer Alkoholkontrolle des fiesen Vollzugsbeamten Siggi aufzufallen.
Einige kreative Gefängnisleiter, so wird gemunkelt, planen deshalb, Kreativurlaub im Knast anzubieten: Sieben Tage Übernachtungen in einfachen, zweckmäßig eingerichteten Zellen, tagsüber Kurse mit unterschiedlichen Schwerpunkten, dazu Vollpension; die Kleidung wird gestellt. Bei einem Pauschalpreis von rund 1.000 Euro dürfte die Nachfrage kein Problem sein. Dem Vernehmen hat sich schon der gesamte
SPD-Vorstand für das Angebot interessiert, Schwerpunkt des gewünschten Kursprogramms: "Aufbruch".
Audio: Kreativ im Knast
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Als Kind war ich eher wasserscheu. Für Fische konnte ich mich allerdings begeistern - altersgemäß in Form von Fischstäbchen, aber auch in der Gestalt von bunten Guppys, Skalaren, Neon- und Zebrafischen, die ihre Heimat im großen Warmwasser-Aquarium unseres Wohnzimmers gefunden hatten. Diese Exoten machten eindeutig mehr her als der einsame
Goldfisch meines Freundes, der in einem kleinen Glas seine monotonen Runden durchs kalte Wasser zog. Meinen Freund zog ich auf, indem ich meine Oma zitierte: "Es ist nicht alles Gold, was glänzt."
Im modernen Leben ist der Fisch vor allem in den angesagten Sushi-Bars beheimatet. Wer heute noch ein Aquarium besitzt, wirkt antiquiert. Etliche Aquarienbesitzer haben deshalb ihre vormals verhätschelten Lieblinge ausgesetzt - mit fatalen Konsequenzen: So drohen die kinderreichen Goldfische die einheimische Tier- und Pflanzenwelt des Wolfgangsees zu vernichten.
Wolfgangsee - das weckt Erinnerungen an
Helmut Kohl in der Sommerfrische oder eine
Bade-Aktion von Kunstprovokateur Christoph Schlingensief. Beide hat das Gewässer überstanden, ohne umzukippen. Doch der Wolfgangsee mit dem Goldfisch-Problem liegt nicht in Österreich, sondern im Rhein-Sieg-Kreis. Hier haben jetzt
beherzte Umweltschützer den Fremdlingen den Kampf angesagt und hunderte Goldfische erst mit Strom betäubt und dann aus dem Wasser bzw. Verkehr gezogen - Futter für den Überfremdungsdiskurs.
Die "Das Boot ist voll"-Diskussion wandelt sich zunehmend in eine "Der See ist voll"-Debatte. Auch tierische Einwanderer auf dem Land und in den Lüften geraten ins Visier der Heimatschützer. In Köln häufen sich die Klagen über die freilebenden Papageien, im Sauerland machen Waschbären die Einheimischen sauer, weil sie in Abfalleimern nach Fressbarem suchen. Ausgebüxte Kängurus, Krokodile oder Kaimane heizen - gerne im Sommer - die Stimmung zusätzlich auf. Vor allem dann, wenn es andererseits einem ursprünglich einheimischen Wildtier wie Braunbär Bruno bei seiner Wiedereinwanderung an den Pelz geht.
Bis zu 50 Euro Bußgeld muss zahlen, wer Zierfische in heimischen Gewässern aussetzt und sich dabei erwischen lässt. Das scheint jedoch nur wenige abzuschrecken. Dem Vernehmen nach wird deshalb in Berlin über eine drastische Anhebung des Bußgelds nachgedacht. Innenminister Wolfgang Schäuble will Insidern zufolge außerdem alle verbliebenen Zierfischbesitzer in einer zentralen Datei erfassen und den Verkauf von Fischen und Fischfutter überwachen. Der vermeintlich harmlose Goldfisch sei so etwas wie ein "Schläfer" mit Kiemen: Scheinbar integriert, entfalte er in Freiheit sein tödliches Potenzial und verwandle deutsche Seen und Trinkwasserreservoirs in stinkende Kloaken. Erschwerend komme die Herkunft des Goldfischs hinzu, erfährt man hinter vorgehaltener Hand: Er stamme schließlich aus China,
dem Land, das uns bereits das Öl wegkauft und die Milch wegtrinkt.
Gemäßigte Stimmen halten dagegen und mahnen nun eine tierische Integrationsdebatte an. Eine gute Idee, am besten realisierbar in der beschaulichen Atmosphäre eines Gartens, in Sichtweite eines Teichs mit ruhig dahingleitenden Kois. Der Goldfisch macht derweil das, was er am besten kann. Er schweigt. Er scheint zu wissen: Reden ist Silber, Schweigen ist Gold.
Audio: Von Goldfisch und Problembär
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Zum SeitenanfangIch war jung, und ich brauchte das Geld. In den Semesterferien habe ich deshalb öfters auf der Müllkippe gearbeitet. Geld stinkt nicht, so hatte ich im Lateinunterricht gelernt. Was der Spruch verschweigt: Auf dem Weg zum sauberen, geruchsneutralen Geld muss man manch üble Ausdünstung in Kauf nehmen. Besonders die Hausmüll-Deponien, auf denen ich tätig war, stanken erbärmlich. Fast wohltuend waren dagegen die Sondermüllkippen. Irritiert war ich allerdings, als mein Freund, Kommilitone und Kollege Hubert mal auf einer umkippte. Den Schwächeanfall habe ich damals allerdings auf Huberts Vorliebe für Alkoholika jeglicher Art zurückgeführt.
Die Ferienausflüge auf die Mülldeponien meiner niederrheinischen Heimat beflügelten jedes Mal meine Lust auf die Uni und mein Politik-Studium. Das Studentenleben konfrontierte mich mit viel Papier und - dank Hubert - mit jeder Menge Flaschen. Das Papier landete irgendwann im Papiercontainer. Die Bier-, Wein- und Schnapsflaschen sortierte und entsorgte ich getrennt nach Farben. Nachhaltige Zweifel am Sinn des Sortierens kamen mir allerdings, als ich einen Müllwagen beim Leeren der Recycling-Container beobachtete. Auf seiner Ladefläche fiel klirrend zusammen, was nicht zusammen gehörte.
Vielleicht sind es ähnliche Erfahrungen, die immer mehr Zeitgenossen veranlassen, ihren Müll, natürlich unsortiert, einfach irgendwo abzuladen - im Park, auf dem Grünstreifen, an der nächsten Straßenecke. In Köln patrouillieren deshalb
Mülldetektive, um mit Bußgeldbescheiden den Müllmachern ihr schmutziges Tun auszutreiben. Und tatsächlich sind die Detektive mit ihrer Wühlarbeit oft erfolgreich, weil sorglose Entsorger Briefe, Kontoauszüge, sogar Kündigungen in ihrem Abfall hinterlassen.
Zumindest in diesem Augenblick müssen wir uns die Mülldetektive als glückliche Menschen vorstellen. Wahrscheinlich sind sie es auch am Abend, wenn sie nach der aufwühlenden Arbeit des Tages davon träumen, es den großen Archäologen nachzutun. Die finden im Jahrhunderte, ja sogar Jahrtausende alten Müll Dinge, mit denen sie uns die alte Welt erklären. Die moderne Welt - die werden uns vielleicht einmal Mülldetektive erklären, mit Aufsehen erregenden Funden: dem
Original-Apfelkuchen-Rezept von Eva Herman, dem Giftschrank von Wolfgang Schäuble, einem ausrangierten Sektglas von Edmund Stoiber oder dem SPD-Parteibuch von Oskar Lafontaine. Mit etwas Glück stoßen sie ja auch auf das Tagebuch von
Hellmut Trienekens. Spätestens dann werden wir genau wissen, wie ergiebig die Kombination von Müll und Politik ist.
Audio: Verräterischer Abfall
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Irgendwie lässt der Sommer in diesem Jahr schwer zu wünschen übrig. Auch wenn die Kachelmänner und -frauen noch so inbrünstig behaupten, er sei normal - "gefühlt" ist er einfach zu kühl und nass. Das Fernsehen bietet auch keinen Trost. Dort ist schon seit Monaten ständig vom Herbst die Rede, vom deutschen Herbst. Es flimmern aber keine Wandertipps oder Weinempfehlungen über den Bildschirm, sondern Bilder vom
RAF-Terror im Jahr 1977. Und die lassen einen noch mehr frösteln.
Außer gruseligen Bildern von Opfern und Tätern ist auch immer mal wieder der junge Otto Schily im Bild, damals Rechtsanwalt von Gudrun Ensslin. Natürlich noch schlanker und irgendwie anders drauf als heute. Inzwischen ist ja auch viel passiert, besonders bei ihm. Der ehemalige RAF-Verteidiger gründete die Grünen (mit), wurde Bundestagsabgeordneter, wechselte zu den Sozis, wurde Bundesinnenminister und schnürte ein Anti-Terrorpaket nach dem anderen. Nebenbei freundete er sich mit Günther Beckstein an, seinem rechts schaffenden Kollegen aus Bayern, was ihn für einige alte Freunde endgültig zum Konvertiten machte.
Konvertiten sind immer leicht verdächtig. Neulich war ich zum
Brombeerenpflücken am Bahndamm, zusammen mit meinem Freund J. Plötzlich tauchte die Polizei auf und nahm uns mit aufs Revier. Wir mussten uns lange Belehrungen über die Gefährdung des Bahnverkehrs anhören. Einer der Beamten schaute uns dabei so an, als ob wir verhinderte Kofferbomber seien. Wahrscheinlich deshalb, weil mein Freund J. Muslim ist, aber mal katholisch war, ein Konvertit also. Der Konvertit ist, so lehrt uns die Politik, gleichsam der Trojaner in der deutschen Gesellschaft, außen harmlos, innen gefährlich. Von Schily mal abgesehen.
Elektronische Trojaner wollen Schäuble, Beckstein und Co. einsetzen, um die echten Trojaner - also die aus Fleisch und Blut - mit Hilfe deren eigener Computer zu entlarven. Eine prima Idee, die von Kriminellen
schon mal ausprobiert wurde. Sie fingierten Behörden-E-Mails und hingen Trojaner dran. Mit denen wollten sie keine menschlichen Trojaner entlarven, sondern schlicht Kontodaten ausspähen, um dann die Konten zu plündern. Wer weiß - vielleicht ist der
Bundes-Trojaner tückischer als gedacht und gleich doppelt trojanisch: Die vermeintlich harmlose Behördenmail könnte ja bloß vortäuschen, sich um terroristische Computerinhalte zu kümmern, in Wirklichkeit es aber auf das Eine abgesehen haben: unser Geld.
Audio: Schily, Bosbach, Beckstein - jeder muss versteckt sein
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Zum SeitenanfangDen Urlaub verbrachte ich als Kind regelmäßig im Mittelgebirge. Nach den großen Ferien schwärmten meine Mitschüler von ihren Erlebnissen an der See oder in den Alpen. Ich verbesserte ihre heimatkundlichen Kenntnisse und erklärte ihnen, wo Eifel, Hunsrück und Westerwald liegen. Der Exotik-Faktor von Rheinland-Pfalz war deutlich geringer als der von Frankreich, Italien oder Spanien, und so musste ich mir beim üblichen Aufsatz über die Ferien immer besondere Mühe geben. Ich schilderte dann etwa, wie meine Eltern die Kinder, Oma, sich und das gesamte Gepäck in den kleinen Wagen verstauten und wir alle heil das gottlob nahe gelegene Urlaubsziel erreichten. Die Menschen am Ferienort waren bodenständig, ordentlich frisiert und rasiert und gaben für einen Aufsatz wenig her. Deshalb griff ich gerne auf Tiergeschichten zurück nach dem Muster "Mein Erlebnis mit der ausgebüxten Kuh".
Dass ausgerechnet Rheinland-Pfalz ein fruchtbarer Boden für potenzielle SPD-Vorsitzende ist, konnte ich damals noch nicht ahnen. Willy Brandt führte zu dieser Zeit die Sozialdemokraten, der Visionär der Ostpolitik. Die Führungsqualität der bodenständigen Menschen aus Rheinland-Pfalz entdeckten die Sozis erst später und wählten in das - nach dem Papst - schönste Amt der Welt
Rudolf Scharping und zuletzt Kurt Beck.
Scharping hielt sich bekanntermaßen nicht lange. Ihn servierte Oskar Lafontaine ab, und den Abschied vom Ministeramt verdankte Scharping einem Ausflug nach Mallorca, wo er sich mit seiner Partnerin beim Planschen in einem Pool ablichten ließ. Ein Urlaub in einer netten kleinen Pension in der Pfalz hätte ihn davor bewahrt, die dortigen Feriendomizile haben nämlich keine Swimming-Pools.
Und nun müssen wir auch um Kurt Beck bangen. Der einstige Knuddel-Kurt hat ähnlich rasch an Niedlichkeit verloren wie Eisbär Knut. CDU-Generalsekretär Ronald Pofalla titulierte ihn als "Mecker-Beck", und nun nölen auch zunehmend Parteigenossen am SPD-Parteivorsitzenden herum. "Es gibt einige Leute in der dritten und vierten Reihe, die hinter Büschen sitzen und mehr oder weniger Intelligentes erzählen", erklärte
Beck in den "Tagesthemen" den Zuschauern. Die mussten sich nicht angesprochen fühlen, weil sie ja immer in der ersten Reihe sitzen. Gemeint hat Beck seine Kritiker aus dem Berliner Politikbetrieb. Berlin - das hätte Beck wissen können - ist gefährlich. Schon für den ersten Kanzler, Konrad Adenauer, gehörte die Stadt zur sibirischen Steppe. Dünnhäutigkeit hilft Beck nun nicht weiter. Er sollte nur vorerst das Wasser meiden, Pools und auch Badewannen. Sonst kommen die Genossen noch auf die Idee zu behaupten, er
bade gerne lau.
Audio: Überleben in Berlin
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Zum SeitenanfangDas Wort Emanzipation gehörte zu den prägenden Begriffen meiner Jugend. Oft führten es Frauen im Munde, die nicht mehr Mädchen genannt werden wollten, lila Latzhosen trugen und auf den BH verzichteten. Sie waren locker, fortschrittlich, einfach modern - und vermittelten mir Knirps aus der niederrheinischen Provinz eine Ahnung davon, dass das Leben mehr zu bieten hatte als Fußball und Sonntags-Ausflüge in die Eifel.
Emanzipatorisch ganz vorne war meine ältere Schwester. Sie lebte in einer Kommune mit anderen Studierenden, hatte einige blaue Bände der Marx/Engels-Gesamtausgabe in ihrem selbst gebastelten Regal und forschte zum (natürlich antiquierten) Frauenbild des Dichters
Adalbert Stifter. Nebenbei hielt sie die Küche der Kommune in Ordnung. Nach dem Studium engagierte sie sich im Betriebsrat der Privatschule, an der sie unterrichtete.
Als Frau nur daheim zu bleiben und Kinder zu hüten, war für sie und alle emanzipierten Kreise damals unvorstellbar. Emanzipation war Fortschritt, Fortschritt war links und links war modern. Gut zwei Jahrzehnte später ist die Sache mit der Emanzipation richtig kompliziert geworden.
Eva Herman findet es wahrhaft emanzipiert, wenn die Frau zu ihrer Bestimmung als Nestbauerin und Apfelkuchen-Bäckerin zurückfindet. Meine Schwester hat drei Kinder zur Welt gebracht und eine längere Familienphase eingelegt. Familienministerin
von der Leyen - eine CDU-Politikerin! - will mehr Kindertagesstätten durchsetzen, um den Frauen eine Berufstätigkeit zu ermöglichen.
Christa Müller, familienpolitische Sprecherin der Linken im Saarland, meint dagegen, kleine Kinder seien zu Hause am besten aufgehoben.
Dahinter stehe ein "antiquiertes Frauenbild", schäumen viele Frauen in der Linkspartei. Sie ärgert, dass die CDU-Frau von der Leyen jetzt irgendwie fortschrittlicher rüberkommt als die Linke Christa Müller. Das bisschen Haushalt und Kindererziehung kann doch nicht Fraus Erfüllung sein, finden die Genossinnen. Sie argwöhnen, dass Christa Müllers Hohelied auf die Hausfrau und Mutter nur die Weiterentwicklung eines Gedankens ist, den Frau Müller in den 80er Jahren als Juso-Politikerin entwickelt hat. Damals forderte sie ein "Recht auf Faulheit".
Wahrscheinlich sind die Genossinnen auch sauer, dass die alte Gleichung "emanzipiert gleich fortschrittlich gleich links" nicht mehr aufgeht. Deshalb wollen sie jetzt mal Tacheles reden, mit Müllers Mann. Das ist Oskar Lafontaine. Der könnte, so das Kalkül, dann ja mal mit seiner Frau Klartext reden. Ein gutes altes Rezept. Aber auch ein antiquiertes.
Audio: Vom Weibe verwirrt
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Zum SeitenanfangMilch gehört von Anfang an zum Leben. Muttermilch ist unser erstes Nahrungsmittel, gefolgt von jeder Menge handwarmer Fläschchen. Als ich zur Grundschule ging, gab es sogar täglich eine Ration Schulmilch. "Du musst viel Milch trinken, damit Du groß und stark wirst", ermahnte mich meine Oma. So wurde ich zu einem echten Milchbubi, konsumierte brav Tag für Tag nicht nur in der Schule, sondern auch zuhause eine Extraportion Milch.
Die Marketingstrategen der deutschen Landwirtschaft unterstützten die Argumentation meiner Großmutter nach Kräften. "Milch hilft gegen Maroditis", versprachen sie, auch müde Männer sollten angeblich munter werden durch den Kuhsaft. Eine Milchmädchenrechnung, dachte ich manchmal, wenn ich mit schweren Lidern im Lateinunterricht saß und so gar nicht das Gefühl hatte, dass die Milch weckt, was in mir steckt.
Inzwischen ist die Milch zum Energy-Drink avanciert, und Ikonen der Moderne wie Madonna, Naomi Campbell und David Beckham werben für das Grundnahrungsmittel. "Milch ist meine Stärke", behauptet gar Milch-Botschafterin Yvonne Catterfeld. "Milch ist echte Energie aus unserer Landwirtschaft", erklären uns die Werbefuzzis. Und weil die Energiepreise ständig steigen, ist auch die Milch
teurer geworden. Schuld ist, wieder mal, die Globalisierung. Genauer: Es sind die Chinesen, wie uns die Ökonomen erklären. Erst machen die Chinesen uns das Leben schwer, indem sie
Öl ohne Ende kaufen, dann entwickeln sie einen solchen Milchdurst, dass unsere jahrzehntelang gepflegten
EU-Milchseen austrocknen. Kein Wunder, dass manche schon wieder vor der "gelben Gefahr" warnen.
Deutschland ist nicht mehr das Land, wo Milch und Honig fließen. Zu wenig Milch, zu wenig Bienen. Doch China, das uns den Titel des Exportweltmeisters wegschnappen will, sollte sich nicht zu früh freuen. Die meisten Asiaten vertragen Milch bzw. den Milchzucker überhaupt nicht, für sie kann schon eine kleine Milch-Mahlzeit fatale Folgen haben. Vielleicht erlebt die chinesische Volkswirtschaft schon bald einen Wachstums-Knick. Denn wer arbeitet schon gut, wenn ihn Blähungen, Bauchschmerzen und Völlegefühl quälen?
Früher wurden die Fremden mit Feuerwasser außer Gefecht gesetzt, heute mit Milch. Dem Vernehmen nach haben die Chinesen aber bereits große Mengen Medikamente gegen die Laktoseintoleranz gekauft - in Deutschland. Damit ist zumindest der Aufschwung unserer Pharmaindustrie gesichert. Und auch ein zunächst rätselhafter Ausspruch von Bundeskanzlerin Merkel, den politische Beobachter in Berlin gehört haben wollen, wird auf einmal verständlich. Auf die Frage nach ihrem Erfolgsrezept soll Merkel gemurmelt habe: "Die Milch macht's."
Audio: Mobilmachung mit Milch
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"früher wurden die fremden mit feuerwasser ausser betrieb gesetzt" ... was heisst da früher? das ist doch immer noch so. zumindest in berlin mit den komasauf-pub-cars. da werden doch die briten ausser gefecht gesetzt. allerdings auch berliner pub-besucher verärgert.
Lupe am 08.08.07 00:14
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Zum Seitenanfang"Morgen geht es ab in die Beeren!" Dieser Ausspruch meiner Oma versprach früher stets einen perfekten Sommer- und Ferientag. Bei strahlendem Wetter zogen sie, meine Geschwister und ich, mit allerlei Körben ausgerüstet, zum nahen Waldrand, um Brom- und Himbeeren zu pflücken. Dabei achtete meine Großmutter penibel darauf, dass wir Kinder nur die hoch hängenden Früchte ernteten, an denen garantiert kein Hund sein Bein hatte heben können. Aus den Beeren machte meine Großmutter dann Marmelade.
Das moderne Leben beschert uns längst zu allen Jahreszeiten so viel Früchte wie wir wollen, im Supermarkt. Doch tief im Innern sind wir auch noch immer Jäger und Sammler. Wir können heute zwar keine Bären mehr jagen, aber zumindest Beeren sammeln. Deshalb verschmähen in diesen Sommertagen viele Menschen die Sonderangebote an den Obstständen und ziehen aus, um mit eigenen Händen wild wachsende Beeren zu ernten. Zum Entsetzen der Deutschen Bahn AG tun sie das auch an Bahndämmen und
behindern so den Zugverkehr. Um die Pflücker nicht zu gefährden, müsse man die Züge langsamer fahren lassen oder gar umleiten, klagt die Bahn. Für verkehrsgefährdend geerntete Beeren werden mindestens 80 Euro Bußgeld fällig, droht zudem die Polizei.
Doch gerade verbotene Früchte haben seit den Zeiten von Adam und Eva nicht an Reiz verloren. Und ist es nicht ein zutiefst demokratischer Impuls, dass man die süßesten Früchte nicht nur den großen Tieren überlassen will, wie der singende Sozialkritiker
Peter Alexander einst beklagte?
Die Nörgelei über die wagemutigen Beerensammler könnten sich noch als Bärendienst für die Bahn erweisen. Kreative Köpfe in der Konzernzentrale haben nämlich längst erkannt, dass man den Kunden einen weiteren Bären aufbinden und die Pflücker als perfekte Entschuldigung für die vielen Verspätungen im Sommerfahrplan nutzen kann. Ist die Erntezeit vorbei und wird das Wetter schlechter, ist halt wieder das matschige Laub auf den Schienen für die Unpünktlichkeit verantwortlich.
Die Lokführer könnten die Herausforderung durch die Beerensammler wiederum dazu nutzen, in den laufenden
Tarifverhandlungen satte Gefahrenzuschläge zu fordern. Und auch für
Wolfgang Schäuble hat die Situation ihr Gutes. Sind die Beerensammler nicht eigentlich verkappte Terroristen, die unsere moderne Gesellschaft im Kern, in ihrer Mobilität bedrohen? Also, nichts wie ran und ein Gesetzespaket geschnürt: Erfassung aller körbchentragenden Beerensammler in einer Zentraldatei, Selbstschussanlagen an Bahndämmen, Verpflichtung aller Haushalte zum wöchentlichen Einkauf von Beerenfrüchten aus holländischen Gewächshäusern.
Ein Platz im Fernsehen wäre den Beerensammlern auch zu gönnen - in einer neuen Folge von
"Bitte nicht nachmachen!"
Audio: Beerendienst für die Bahn
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Zum SeitenanfangZu den ersten tiefen Enttäuschungen meines Lebens gehörte die Erkenntnis, dass es nicht das Christkind oder der Weihnachtsmann war, der mir die Geschenke unter den Tannenbaum legte. Hinzu kam später noch die Einsicht, dass der Tannenbaum genau genommen eine Fichte war. Als sich dann auch noch der Osterhase als fromme Lüge entpuppte, reagierte ich schon um einiges gelassener. Immerhin durfte ich von nun an beim lustigen Ostereierfärben mitmachen.
Den Aufschwung hielt ich in dieser Zeit für eine Art Weihnachtsmann für Erwachsene. Er schien unheimlich wichtig, alle redeten über ihn. Er sollte dafür sorgen, dass es ihnen gut geht, uns Kindern sogar noch besser. Der Spruch "Ihr sollt es mal besser haben als wir" begleitete viele meiner Generation durch Kindheit und Jugend. Meinen Eltern diente er dazu, mir das Lernen der Latein-Vokabeln, der Versmaße oder der binomischen Formeln schmackhaft zu machen. Mit wechselndem Erfolg.
Viele Politiker versprachen, der Aufschwung werde kommen, wenn man sie wählen würde. Das erinnerte mich an das Versprechen meiner Eltern, das Christkind würde brave Kinder reich beschenken. Ich bekam aber eine Modelleisenbahn, obwohl ich mir doch so sehnlich eine Autorennbahn gewünscht hatte. War ich nicht brav genug gewesen? Und wie würde sich der Aufschwung verhalten, wenn meine Eltern und meine Oma die falschen Politiker wählten?
Einige Zeit danach lernte ich, dass der Aufschwung eher mit dem Weihnachtsgeschäft als mit dem Weihnachtsmann zusammenhängt. Und natürlich mit der Staatsverschuldung. Die wächst ja nun weniger schnell, wie uns
Finanzminister Steinbrück erklärt. Bis zum Jahr 2011 will er die Neuverschuldung sogar auf null bringen. Dazu hat er eine Schuldenwaage verwendet. Steinbrück gäbe bestimmt auch einen prima Weihnachtsmann ab, mit entsprechendem Mantel und Zipfelmütze. Seine Schuldenwaage erinnerte mich an die Spieluhr, die ich einmal zu Weihnachten geschenkt bekam. Mit ihrer Hilfe lernte ich schnell die Uhr zu lesen. Erst später wurde mir bewusst, dass sich die Zeit weder aufhalten noch zurückdrehen lässt wie auf meiner schönen Spieluhr.
Die Uhr tickt, die Zeit rinnt, da müssen wir natürlich froh sein, dass wenigstens der Finanzminister die Schuldenwaage zurückdrehen kann und so den Aufschwung beflügelt. Könnte er auch die Zeit um einige Jahre zurückdrehen, würde er vielleicht seinen Amtsvorgänger Hans Eichel vor sich sehen, wie er uns inbrünstig einen schuldenfreien Haushalt verspricht - für das Jahr 2006.
Audio: Aufschwung für alle
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Zum SeitenanfangKöln ist katholisch, das war schon immer so. Deshalb war es naheliegend, dass meine fromme Großmutter die rheinische Metropole gerne als Ausflugsziel wählte. Mit dem Zug ging es von unserem Heimatstädtchen in einer halbstündigen Fahrt direkt in das lebendige Herz Kölns. Kurz vor der Ankunft mussten mein kleiner Bruder und ich auf Omas Geheiß die Augen schließen. Wie ich später herausfand, diente diese Aktion nicht der inneren Sammlung, sondern sollte uns Kinder vor dem Anblick der Rotlicht-Etablissements an der Bahnstrecke bewahren. Große Augen machten wir dann, als der riesige Dom vor uns aufragte, kaum dass wir den Bahnhof verlassen hatten. Auch die mächtigen romanischen Gotteshäuser verfehlten nicht ihre Wirkung auf unsere zarten Seelen.
Ausgerechnet das erzkatholische "hillije Köln" haben sich die Protestanten für ihren diesjährigen
Kirchentag ausgesucht. "Sie sind hier nicht in der Diaspora, sie sind hier Hause", machte Ministerpräsident Jürgen Rüttgers den evangelischen Christen zur Begrüßung kräftig Mut. Auch Oberbürgermeister Fritz Schramma und sogar Joachim Kardinal Meisner hießen die Protestanten willkommen. Ein echter Fortschritt in Toleranz und Aufgeschlossenheit, wenn man wie die (katholische) Kirche in Jahrhunderten denkt. Noch vor knapp 500 Jahren taten Stadt und Kirche fast alles, um die Reformierten aus der Stadt rauszuekeln. Erst 1805 durften die Protestanten in Köln eine Kirche bauen - und das hatte Napoleon durchgesetzt. Heute tadelt Erzbischof Meisner nur sanft das Kirchentagsprogramm als "Leipziger Allerlei".
Die katholisch-kölsche Strategie ist inzwischen freundlicher, aber auch lebendiger, kräftiger und schärfer. Sie hat aus dem Kirchentag flugs eine echt kölsche Party gemacht. Das hat schon bei der WM geklappt, als die Zuschauer im Stadion "Viva Colonia" sangen, egal wer gerade auf dem Rasen herumlief. Ins Kirchentagsprogramm hat die Stadt ihr musikalisches Basispaket für gute Laune reingeschmuggelt: Die Bläck Fööss und die Höhner, die Wise Guys und die Schäl Sick Brass Band. Nach dem vielen Beten, Diskutieren, Musizieren entspannten sich die Kirchentagsbesucher abends in den kölschen Kneipen. Hier trafen dann etwa die "Seniorentänzer" auf die diskussionsfreudigen Frauen von der "
Feministisch-Theologischen Basisfakultät" - und natürlich auf die kölschen Ureinwohner. Mit dem traditionellen "Drink doch ene mit" starteten diese die Konversation mit den ermatteten Kirchentagsbesuchern. Ein idealer Einstieg in ein Gespräch, wie auch die katholische Kirche seit langem weiß. Gerüchteweise soll sie unter dem Codenamen "Überzeugungstrinker" eine Missionierungsaktion während des Kirchentages gestartet haben. Meiner Oma hätte das sicher gefallen.
Audio: Protestantische Party
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Zum Seitenanfang"Alles hat seine Zeit", zitierte meine Großmutter gerne die Bibel. Damit pflegte sie mich früher zu ermahnen, nach dem Mittagessen zuerst die Hausaufgaben zu erledigen. Das fiel mir naturgemäß besonders schwer, wenn draußen die Natur mit Sonne und wolkenlosen Himmel und meine Freunde mit einem Lederball lockten. Zumindest eine Zeit lang gab es für mich nichts Schöneres, als in durchsonnter, frühlingsmilder und duftgeschwängerter Luft eine Runde zu kicken. Später lernte ich dann die leichten Düfte zu schätzen, die von den Mädchen zur Feier des Frühlings aufgelegt wurden.
Nun haben auch unsere Sicherheitsbehörden das Thema Duft entdeckt. Mit
Geruchsproben von potenziellen Störenfrieden wollen sie denselben auf die Schliche kommen, wenn sie wirklich stören. Helfen sollen ihnen dabei
echte Spürnasen, die von Hunden nämlich. Die Reaktion der Tierschützer wird nicht lange auf sich warten lassen, zu Recht. Denn kann man es den sensiblen Vierbeinern zumuten, tagein tagaus mit dem Geruch notorisch ungewaschener Demonstranten traktiert zu werden?
Dabei hat der Gedanke eines Gerucharchivs durchaus was Bestechendes, wenn er konsequent umgesetzt wird. Warum nur den Geruch von Störenfrieden konservieren? Warum sollte nicht auch den Geruch des Frühlings oder unserer beliebtesten Urlaubsländer festgehalten werden, als Stimmungsaufheller in dunklen Herbsttagen? Auch der Geruch von Angela Merkel, Franz Müntefering oder Guido Westerwelle sollte zu Parfüms verarbeitet werden - natürlich schonender, als es der Fim
"Das Parfum" beschreibt. Macht macht attraktiv, und der Duft der Macht könnte der Anziehungskraft von uns Normalbürgern auf die Sprünge helfen. Dann würden auch endlich die Kritiker verstummen, die meinen, dass der Staat seine Nase in Dinge steckt, die ihn nichts angehen.
Denn eigentlich beweist die Staatsmacht nur ein feines Näschen für den Ostalgie-Trend. Deshalb reaktiviert sie für den G-8-Gipfel einen ehemaligen Grenz-Wachtturm aus DDR-Zeiten, errichtet einen Zaun um den Tagungsort und greift auf die schon von der Stasi erprobten Geruchsproben zurück. Mit einem "Eau de Merkel" oder einem "Münte pour Homme" könnte der Staat außerdem noch Kasse machen. Denn Geld stinkt nicht. Sicherheit manchmal schon.
Audio: Zeit der Gerüche
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Das moderne Leben hält manche Prüfung bereit - auch und gerade für die Kleinsten. Im Kindergarten müssen sie neuerdings ihre
Sprachkenntnisse unter Beweis stellen. Schon viel länger gibt es allerdings den wahren Härtetest, den Muttertag. "Stephan Josef, hast Du das Gedicht auswendig gelernt?", nervte mich mein Vater schon Tage vorher; der Ehrentag seiner Frau und meiner Mutter sollte schließlich reibungslos über die Bühne gehen. Das tat er dann allerdings in den seltensten Fällen. Mal hatte ich einen Texthänger beim Gedichtvortrag, mal war das Frühstücksei zu hart, mal war der selbstgestrickte Schal meiner Schwester noch nicht fertig. Beim rituellen Abwasch nach dem Frühstück, am Muttertag in der Regie von uns Kindern, ging häufig wertvolles Porzellan zu Bruch, und spätestens dann flossen die ersten Tränen, mal bei unsrer Mutter, mal bei uns Kindern. In dieser Situation konnte weder Heintje mit seinem schluchzend gesungenen "Mama" noch der halb verkohlte Rinderbraten - auch das Mittagessen wurde von uns Kindern zubereitet - Trost spenden.
Zum Glück gab es meine Oma, die beruhigend auf alle Beteiligten einwirkte und zum mutternachmittäglichen Kaffeetrinken einen leckeren Kuchen auf den Tisch zauberte, was prompt den Familienfrieden wieder herstellte. Das könnte der Bundesregierung als Modell dienen. Kuchen statt Krippen - das wäre nicht nur eine höchst effektive Maßnahme, sondern auch noch äußerst preiswert und dem Koalitionsfrieden dienlich. Die
Krippenbaupläne funktionieren ja nur, so habe ich es verstanden, wenn der Staat gleichzeitig beim Kindergeld spart. Er setzt also darauf, dass weniger Kinder geboren werden. Der Ausbau der Kleinkindbetreuung soll aber dafür sorgen, dass Frauen wieder mehr Kinder bekommen. Irgendwie gibt es da ein logisches Problem.
Staatliche Kuchengutscheine für Mütter würden den Widerspruch auflösen. Damit könnte Vater Staat auch noch gleich das heimische Bäckerhandwerk stärken, indem er ausländische Backwaren wie Donuts ausschließt. Die Männer dürften natürlich nicht leer ausgehen, das gebietet die Geschlechtergerechtigkeit. Für die zünftige Feier des Vatertags könnten Trinkgutscheine eingeführt werden, die nur am Ehrentag der Väter gültig sind und mit dem Maigehalt oder dem Arbeitslosengeld im Wonnemonat ausgegeben werden. "Essen und trinken hält Leib und Seele zusammen", sagte meine Großmutter oft und gerne. Was sie nicht ahnte: Kuchen- und Trinkgutscheine können auch die Familie und die Staatsfinanzen zusammenhalten. Allerdings ist darauf zu achten, dass die Kuchen nicht zu kalorienreich sind. Denn
dicke Kinder haben wir schon genug, da reicht ein Blick in die Krippen, von denen es viel zu wenige gibt.
Audio: Friede, Freude, Kuchen
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Die Weltuntergangspropheten - zu denen zweifellos auch Doktor Gregor gehört, der an einem gewichtigen
Werk über die Apokalypse arbeitet - könnten schon bald in eine ernsthafte Sinnkrise geraten. Unsere Erde wird zwar wegen
Klimawandel, Koalitionsgezänk und Knut-Hysterie zunehmend ungemütlicher, aber einem möglichen Weltende haben jetzt Wissenschaftler eine verheißungsvolle Aussicht entgegengesetzt. Sie entdeckten
einen erdähnlichen Planet, der gerade mal 20 Lichtjahre von uns entfernt um eine kleine Sonne namens Gliese 581 kreist.
"Es gibt mehr zwischen Himmel und Erde, als wir ahnen", wusste schon meine Oma. Erst recht gilt das natürlich für die Weiten des Alls. Der jetzt entdeckte oder genauer gesagt berechnete Planet bietet einen echten Mehrwert, angenehme Temperaturen (zwischen 0 und 40 Grad) und ein erfreulich kurzes Jahr von 13 Tagen. Abends, wenn dort Gliese 581 romantisch hinter einer eindrucksvollen Felsgebirgen versinkt, werden wir dereinst, die Liebste im Arm, unser neues Leben genießen.
Zuvor sind zwar noch kleinere technische Probleme zu lösen, etwa die Reisedauer von rund 200 Erdenjahren (à 365 Tage). Doch solche Probleme sind bestimmt bald gelöst und die Aussichten dann atemberaubend. Wenn das Jahr auf dem neuen Planeten nur 13 Tage hat und wir den besten Teil unserer jetzigen kulturellen Errungenschaften dorthin mitnehmen - etwa Feier- und Brückentage, Jahresgratifikationen und Anti-Aging-Creme - dann erwarten uns paradiesische Zustände. So ein echter Neuanfang wäre um einiges attraktiver als hierzuerde, wo wir uns mit der Aussicht auf Karneval, die Auswanderung nach Neuseeland oder einen schicken Avataren im
Second Life bei Laune halten.
Damit alles besser wird, müssten wir natürlich auch vieles anders machen auf dem Planet, der noch keinen Namen hat. Um die politischen, ökologischen und ökonomischen Fehler der alten Erde zu vermeiden, muss die Besiedlung des neuen Sterns gut geplant werden. Für eine erste Besiedlungswelle kämen also Friedensnobelpreisträger, Uno-Beamte und Greenpeace-Aktivisten in Betracht, später könnten Verdi-Funktionäre und Redakteure des öffentlich-rechtlichen Rundfunks folgen. Für die Herstellung einer funktionierenden Infrastruktur ist unbedingt darauf zu achten, dass sich keine Vertreter der Telekom und der Deutschen Bahn AG in das Raumschiff schmuggeln.
Als "Super-Erde" haben die Wissenschaftler ihre Entdeckung gepriesen. Es ist hoffentlich kein Omen. Denn spätestens, wenn auf dem Superstern der erste Superstar ermittelt wird, bekommt unser Traum die hässliche Vorsilbe Alp.
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Gelungene PR kann man lernen. Aber das wollen leider nur wenige. Wie sonst ist es zu erklären, dass im neuen Studiengang Public Relations an der FH Gelsenkirchen gerade mal
eine Studentin eingeschrieben ist? In eigener Sache hat die Öffentlichkeitsarbeit der FH anscheinend noch nicht funktioniert. Es besteht also noch Optimierungspotenzial, wie es die Fachleute nennen würden. "Das ist wohl in die Hose gegangen", hätte meine Oma dazu gesagt, die PR sowieso für Betrug am gesunden Menschenverstand hielt.
In die Hose gegangen ist auch manche PR-Aktion der jüngsten Vergangenheit. Potenzielle Studenten für den Hörsaal in Gelsenkirchen gibt es also genug:
die englischen Marinesoldaten, die ihre Erlebnisse während ihrer Irak-Geiselhaft meistbietend an die Presse verhökert haben;
Günther Oettinger, der Hans Filbinger zum Nazi-Gegner verklärt hat;
die Presseabteilung des Berliner Zoos, die den Journalisten eine positive Berichterstattung vorschreiben will;
Oliver Kahn, der mit einer Urinprobe um sich warf.
Öffentliche Aufmerksamkeit gewinnt man mit Prominenten, also sollte die FH Gelsenkirchen diese Kandidaten schleunigst für den Studiengang gewinnen, zusätzlich den SPD-Vorsitzenden Kurt Beck. Die 20.000 Euro Studiengebühr könnten ihm ja erlassen werden, gegen Ausstellung einer entsprechenden Spendenquittung. Oder die
WestLB übernimmt den Peanuts-Betrag, legt noch etwas drauf und setzt ihre Manager gleich mit in den Hörsaal.
Neben dem Studienstoff hätten die Promi-Studenten auch die Chance, voneinander zu lernen – Stichwort Synergieeffekte. So mögen zwar alle Knut. Aber längst nicht jeder mag Kurt.
Kurt Beck ist jetzt ein Jahr SPD-Vorsitzender, aber das weiß nur gut ein Drittel der Deutschen. Wesentlich mehr dürften das süße Eisbär-Junge im Berliner Zoo kennen. Über hunderttausend Menschen wollten es allein am Osterwochenende mit eigenen Augen sehen. Bei Veranstaltungen des SPD-Chefs blieb ein derartiger Andrang bislang aus. Dabei bringt Kurt Beck die besten Voraussetzungen mit. Er kommt bereits recht knuddelig daher. Wer weiß, was passieren würde, wenn Beck Haar und Bart farblich Knuts Fell anpassen würde? Als Farbe der Unschuld hätte der neue Look auch unzweifelhafte Vorteile in künftigen Wahlkämpfen.
Die englischen Marinesoldaten könnten mit Günther Oettinger über den Marinerichter Filbinger diskutieren und die WestLB-Manager Oliver Kahn in Anlagefragen beraten. Am meisten würde die FH selbst profitieren: Mit den Promi-Studenten könnte sie vergessen machen, dass einige ihrer Professoren verhaftet und eine Tochterfirma geschlossen wurden – wegen
Betrugsverdachts.
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Als wir noch nicht wussten, dass uns das Wetter umbringen wird,
dachten wir, der Müll werde uns umbringen. Manche unserer Ahnen dagegen glaubten, dass es die Unordnung ist, die den Untergang der Welt oder zumindest des Abendlandes besiegelt.
„Ordnung ist das halbe Leben“, pflegte meine Oma häufig zu sagen, als ich noch Teenager war. Was sie damals in meinem Zimmer zu sehen bekam, entsprach offensichtlich nicht ihren Vorstellungen eines geordneten Daseins. Mit ihrem kritischen, aber zugleich auch gütigen Großmutter-Blick motivierte sie mich, den Fußboden von Klamotten freizuräumen, saubere von schmutziger Wäsche zu trennen, die Papierstapel auf dem Schreibtisch zu ordnen und mal richtig durchzulüften.
Später verlagerte sich die Herausforderung, Ordnung zu halten, von der Hard- auf die Software. Termine waren zu koordinieren und die unterschiedlichsten Aufgaben zum richtigen Zeitpunkt anzupacken. Wertvolle Hilfe leisteten verschiedene Kladden (erst mit liniertem, danach mit kariertem Papier) nebst einem voluminösen Kalender, außerdem selbstklebende Haftnotizen.
Mein Vater hoffte, der Militärdienst werde mir die Ordnung beibringen. Er schwärmte von exakt auf A4-Format gefalteten Hemden und einem rundherum ordentlichen Leben in Uniform. Ich zog den Zivildienst vor und das Leben in studentischen Wohngemeinschaften. Eine richtige Entscheidung, wie sich nun herausstellte. In den Wohngemeinschaften mangelte es zwar manchmal ein wenig an der Sauberkeit, aber ich konnte gefahrlos aufs Klo gehen, ohne mir vorher Gummistiefel anzuziehen. Und
anders als bei der Bundeswehr gab es auch keinen Schimmel an den Wänden, sondern höchstens mal auf dem alten O-Saft im Kühlschrank, statt Entführungs- lediglich Verführungsübungen.
Das moderne Berufsleben bescherte mir schließlich Handy und Handheld. Die Herausforderung besteht seither im Abgleich der unterschiedlichen Adressverzeichnisse, Kalender und Aufgabenlisten und der Ordnung des Kabelwirrwarrs unter meinen Schreibtischen auf der Arbeit und zuhause. Doch die nächste Stufe des Fortschritts ist bereits in Sichtweite und war jetzt auf der Cebit zu bewundern: Eine
Lederhose mit eingebautem MP3-Player und Handy, die sich mittels Bluetooth verständigen.
Die digitale Revolution unserer Klamotten ist jedoch noch nicht zu Ende. Ein in die Hose eingebautes GPS könnte die dringend notwendige Orientierung geben in der Unübersichtlichkeit des modernen Lebens – hilfreich für den Träger, möglicherweise aber auch für die eifersüchtige Partnerin. Und vielleicht hilft uns das GPS bald auch schon, ein letztes Rätsel der Menschheit zu lösen: das der verschwundenen zweiten Socke.
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Der vergangene Winter hat seinen Namen nicht verdient. Das einzige Eis, das ich in dieser Zeit gesehen habe, war das beim Lieblings-Italiener um die Ecke. Der geschäftstüchtige Franco hat bereits auf den
Klimawandel reagiert und verkauft außer Pizza und Pasta auch ganzjährig bestes Gelato.
Einen Riesenandrang gab es bei Franco, als der Frühling jetzt sein temperamentvolles Debüt gab, mit Sonnenschein von morgens bis abends, einem wolkenlosen Himmel und Temperaturen bis zu 18 Grad. Alle schienen gleichzeitig auf die Idee gekommen zu sein, ihren Milchkaffee ausgerechnet bei meinem Italiener im Freien zu schlürfen. Also reihte ich mich in die imposante Schlange ein, wartete geduldig auf ein freies Plätzchen und sinnierte, warum so viele so oft so vieles zur selben Zeit wollen. Die Sitzplatzbesitzer schwärmten derweil lautstark übers Wetter, tauschten schwärmerische Blicke aus oder ließen sie über den wolkenlosen Himmel gleiten, auf der Suche nach Schwärmen rückkehrender Zugvögel.
Wahrscheinlich ist der Mensch auch bloß ein Schwarmtier, sozusagen ein Hering (in manchen Fällen auch eine Heuschrecke) auf zwei Beinen.
Dieser Frage ging Quarks und Co. jetzt experimentell nach. So viel ist schon klar: Die Klugheit und Intelligenz eines Schwarmes darf nicht unterschätzt werden. Allerdings scheint sie auch regelmäßig auszusetzen: Zu Ferienbeginn, wenn wir uns in die kilometerlangen Staus stellen, an manchen Börsentagen, wenn wir alle versuchen, unsere
Telekom-Aktien loszuwerden, oder zu Frühlingsbeginn, wenn wir alle draußen Milchkaffee trinken wollen. Der Charme des Schwarms lässt auch dann zu wünschen übrig, wenn ich, eingequetscht wie ein Hering in der Tonne, morgens mit der Straßenbahn zur Arbeit fahre.
Auch wer gegen den Strom schwimmen will – und wer behauptet das nicht von sich? – bleibt Teil eines Schwarms. Davon können alle ein Lied singen, die schon mal verzweifelt die Einsamkeit gesucht haben – an Rosenmontag in der Sauna, Heiligabend im Fitnessstudio oder wochentags trotz Warnung der Forstbehörden in den
Kyrill-geschädigten Wäldern. Aus unerfindlichen Gründen sind garantiert ein paar hundert Zeitgenossen auf den gleichen Einfall gekommen: „You’ll never walk alone.“
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Private Altersvorsorge ist wichtig, so sagt es uns ein Mantra des modernen Lebens. Es hat den Spruch
"Die Rente ist sicher" abgelöst. Norbert Blüm schreibt inzwischen Märchenbücher, und wir Bürger kümmern uns selbst um die Rente. Die Cleveren nutzen zur privaten Vorsorge natürlich nicht das Sparbuch mit seinen mickrigen Zinsen oder die gute alte Lebensversicherung, sondern Anlageformen, die Rendite versprechen, vor allem Aktien und Fonds. Also habe auch ich vor Jahren meine ersten Wertpapiere gekauft, es war an einem trüben, regnerischen Tag. Ein Impuls ließ mich zu so genannten Volksaktien greifen, das klang irgendwie vertrauenswürdig.
Was folgte, waren einige Hochs und ganz viele Tiefs. Doch in letzter Zeit kam Schwung in die Börsenkurse, und mein Depot näherte sich langsam der Gewinnzone. Soweit kam es aber nicht, wegen eines
Crashs in China rauschten die Kurse wieder nach unten. Hätte ich bloß auf meine Oma gehört, die hatte schon vor Jahrzehnten vor der gelben Gefahr gewarnt. Allerdings hatte sie eher Mao im Blick und nicht die überhitzte Börse in Schanghai.
Die größte Gefahr in meinem Depot ist aber nicht gelb, sondern rosa oder, ganz korrekt, magenta. Die T-Aktie hat in den vergangenen Jahren eine Talfahrt ohnegleichen hingelegt. An mir hat es nicht gelegen. Ich bin der Telekom treu geblieben, als Aktionär und als Kunde. Habe auf günstige Flatrates, Kombi-Angebote und Preisoptimierungen der Telekom-Konkurrenz verzichtet. Auch Auslandstelefonate habe ich ohne Billig-Vorwahlen geführt, genützt hat es aber anscheinend wenig.
Dem rosa Riesen geht es schlecht. Deshalb sollen jetzt viele Beschäftigte der Telekom länger arbeiten und weniger verdienen, so funktionieren Kapitalmärkte eben. Als Aktionär bin ich also mitschuldig an der Verschlechterung der Arbeitsbedingungen. Nur gut, dass trotz der
Sanierungspläne die Aktie weiter abgerutscht ist. Den Beschäftigten geht's schlecht, mir als Aktionär auch, das nennt man wahre Solidarität – ein Wert, der im modernen Wirtschaftsleben allzu oft vernachlässigt wird.
Mein Vorsorgeproblem ist damit zwar noch nicht gelöst. Wo aber die gelbe und rosafarbene Gefahr ist, wächst das Rettende auch. Schon bald soll ja die
Bahn an die Börse...
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Zum SeitenanfangIndianer oder Cowboy, diese Frage bestimmte in meiner Kindheit die Vor-Karnevalszeit. Vom Kostüm her hatte der Indianer eindeutig mehr zu bieten, zumindest in seiner Edel-Variante als Häuptling – mit riesigem Feder-Kopfschmuck, Pfeil und Bogen, Tomahawk und Friedenspfeife. Außerdem wurde ich schön rot-braun geschminkt und war zumindest für ein paar Tage meine natürliche Bleichgesichtigkeit los. Im Ernstfall – also beim Spielen – erwies sich das Indianerkostüm aber als Flop. Meine cowboykostümierten Freunde hatten eindeutig die besseren Waffen, Revolver oder imponierend lange Gewehre, und erledigten mich Rothaut, bevor ich "uff" sagen konnte.
Mit der Zeit wuchs die Zahl in Frage kommender Kostüme, der Zeitgeist verbannte allerdings Rothaut und Kuhhirte aus dem Repertoire. Das Indianer-Kostüm war als Karl-May-Fantasie geächtet. Die traurige soziale Realität der unterdrückten amerikanischen Ureinwohner werde darin nur unzureichend reflektiert, so der Vorwurf. Und der Cowboy war aufgrund seines machohaften Gangs sowie seiner Liebe zu Waffen völlig out.
Beliebt waren stattdessen Kostüme, die eine tiefe Liebe zum Frieden, zur Natur und zum Nächsten ausdrückten. Auf den Karnevalspartys flirteten nun Yogi und Gärtnerin, Sonnenblume und Windrad, Clown und Bischöfin. Männer entdeckten ihre weiblichen Anteile und verkleideten sich als Frau. Das war auch für mich eine interessante und wertvolle Erfahrung. In überfüllten und schlecht beleuchteten Kneipen durfte ich mir übergewichtige und schlecht riechende Kerle vom Leib halten und in der Schlange vor der Herrentoilette derbe Sprüche anhören. Alles ist möglich, nichts ist unmöglich, so verspricht es uns das moderne Leben – und der Karneval. Allerdings birgt das auch die Gefahr, sich unmöglich zu machen.
"Du musst immer an das Ende denken", mahnte mich meine Oma stets. Damit meinte sie, eine tiefgläubige Katholikin, im weitesten Sinne das Jüngste Gericht, meist aber einfach die praktischen Konsequenzen meines täglichen Tuns. Die großmütterliche Maxime der Handlungsfolgenabschätzung erwies sich nirgends als so notwendig wie im Karneval. Ein robustes Neandertaler-Kostüm hat im Straßenkarneval durchaus seine Vorzüge, erweist sich im Kneipengetümmel aber als unangenehm schweißtreibend und zwingt auf der Toilette zu allerlei Verrenkungen. Zwei Kostüme und Identitäten können deshalb nicht schaden, für draußen und für drinnen. Außerdem lässt sich damit schnell auf aktuelle Entwicklungen reagieren. So beeilte ich mich, schnell mein Bärenkostüm los zu werden, als mir Narren beiderlei Geschlechts dauernd am Brustfell zogen. Grund war wohl
Bernd Stelters Sessionshit "Ich hab drei Haare auf der Brust ich bin ein Bär". Die Erleichterung währte allerdings nur kurz. Das Alternativkostüm – Hausmeister bzw. Facility Manager – war zwar, wie mir meine Freunde versicherten, äußerst realistisch, mit dem grauen, fleckigen Kittel, dem verschmierten Schraubenschlüssel, dem riesigen Schlüsselbund und den fettig-strähnigen Haaren. Meist stand ich aber recht einsam im Karnevalsgetümmel. Nur dann und wann ließ sich eine Frau herab, mir aus der Ferne zuzuprosten. Sie war als graue Maus verkleidet.
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Zum SeitenanfangDer Sturm der Freiheit hieß Kyrill, er fällte eine Eiche und gab dem Luchs Paco so die Gelegenheit, sein kleines Revier gegen die große Freiheit einzutauschen. Rund zwei Wochen lang streifte er durch den Dortmunder Süden und nährte sich redlich, wobei die Kaninchen im Stadtwald eine große Rolle gespielt haben sollen. Doch schließlich ging Paco den Häschern ins Netz bzw. in die Falle. Ausgerechnet ein totes Kaninchen diente als Köder.
Der wilde Zuchtkater – in seiner Karpaten-Heimat vom Aussterben bedroht – ist nun wieder im Gehege, und die Dortmunder Bürger haben wieder ihre Ruhe. Nur nachts, so wird erzählt, schlafen manche Männer unruhiger als sonst, wälzen sich in schweren Träumen. Darin unternehmen sie abenteuerliche Reisen in die Karpaten und durchstreifen dichte Wälder mit faszinierenden Gerüchen und Geräuschen. Mit Kruzifix und Knoblauch kämpfen sie gegen die heimischen Vampire und erretten schöne Roma-Frauen aus deren Gewalt...
Für Paco dagegen haben sich die Tore des Geheges wieder fest verschlossen. Er ist zurück bei seiner Familie und dabei "topfit und gut drauf", wie der Zoo meldet. Nur zwischen ihm und seiner Partnerin Levoca scheint der Ausflug in die Freiheit etwas zerbrochen zu haben. Sie kam zuerst mit, kehrte dann aber zurück. Schließlich hat das Paar zwei Junge. Dass er sie im Stich ließ, verübelt sie ihm nun und zeigt ihm die kalte Katzenschulter. Vielleicht hat sie auch die Meldung irritiert, nach der Paco sich auf seinem Trip durch die Wohnviertel eine Rauferei mit einer Katze geleistet hat. Vermutet Levoca, Paco wollte seine Bestimmung als "Zuchtkater" hemmungslos ausleben?
Wenn der Dortmunder Mann aus seinem unruhigen Traum erwacht, ist er froh, im heimischen Bett zu liegen. Beim gemütlichen Frühstück in der Küche sind die Radionachrichten von Kohlekrach, Killerviren und Koalitionsquerelen auf einmal besser zu ertragen – und auch seine Frau, die gerade den Eierkocher betätigt, sieht er irgendwie mit anderen Augen. Das wichtigste ist Beständigkeit, pflegte meine Oma zu sagen. Regelmäßige Mahlzeiten gehören dazu. Für Paco und andere Paschas allemal.
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Zum SeitenanfangDas wahre Leben, da muss ich mal wieder meine Oma zitieren, ist kein Wunschkonzert. Oder, wie meine Nichte zeitgemäßer formuliert: kein Ponyhof. Das musste jetzt auch Edmund Stoiber erfahren. Eben noch obenauf, ist er jetzt unten durch. Erst bei der Basis der "erfolgreichsten Partei Europas", dann bei ihren Spitzenfunktionären. Tagelang wurde er von ihren Solidaritätsbekundungen eingedeckt, dann haben sie die Decke weggezogen, und der Ministerpräsident des "erfolgreichsten Bundeslandes" stand allein und frierend in der schönen bayerischen Landschaft bzw. in dem, was von ihr noch übrig ist. Denn Bayern ist auch nicht mehr das, was es mal war. Früher verzauberte uns der dicke Schnee im malerischen Wildbad Kreuth, heuer sah bei der Klausursitzung der CSU-Landtagsfraktion alles eher nach Schneematsch aus.
Schnell schmelzen könnte auch die Erinnerung an die sagenhaften Erfolge Stoibers in unsrer schnelllebigen Zeit. Zur Erinnerung: 1993 übernimmt er "das schönste Amt der Welt", den Posten des bayerischen Ministerpräsidenten, 1999 auch den Parteivorsitz der CSU. Ein Wahlerfolg reiht sich an den anderen, mit Laptop und Lederhose regiert Stoiber sein geliebtes Bayernland, seit 2004 mit einer satten Zweidrittelmehrheit. Gleichsam nebenbei lässt er noch einen Problembären erledigen, frühstückt freiwillig mit Angela Merkel und hält viel beachtete Reden. Den Sirenenrufen nachzugeben und der schnöden Karriere wegen nach Berlin oder Brüssel zu gehen, kommt für ihn nicht in Frage.
Nun also Kreuth und der langsame Abschied von der Macht, verkündet am 18. Januar. Verschönert hat Stoiber diesen Tag wahrscheinlich nur das
Treffen mit der feschen Landrätin Gabriele Pauli. "Jetzt machen wir erst einmal ein Glas Sekt auf", mit diesen Worten soll er sie empfangen haben. Und dann haben sie eineinhalb Stunden beieinander gehockt...
Aber was kommt für einen Vollblutstoiber nach Stoiber? Wie mag er sich selbst überleben? Ich empfehle ihm, die Lederhose auszuziehen und in seinem Laptop zu verschwinden: im Second Life. Mit einem selbst gestalteten Alter Ego kann er dort die bayerischen Werte weiter verbreiten. Die anderen Avatare freuen sich bestimmt schon auf ein gestandenes Mannsbild mit bayerischem Akzent. Wappnen sollte sich Stoibers Doppelgänger dennoch: Denn wer weiß, vielleicht treibt schon bald ein Problembär sein gefährliches Unwesen in der virtuellen Welt. Oder, noch gefährlicher, der ein oder andere Parteifreund.
Audio: Schwerer Abschied
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Zum Seitenanfang"Das Böse ist immer und überall." Das wussten schon die Jungs von der "Ersten Allgemeinen Verunsicherung", und, schon weit früher, meine Oma. Sie wollte mich mit diesem Spruch vor Gutgläubigkeit und Leichtsinn warnen und hat dazu beigetragen, dass ich als Kind beim Milchmann immer schön das Wechselgeld nachgezählt habe und vor dem Schlafengehen nachschaute, ob sich das Böse nicht unter meinem Bett versteckt hielt. Später habe ich begriffen, dass das Böse auch dort lauert, wo man angeblich nur mein Bestes wollte. Etwa hinter dem Lächeln der Mathelehrerin, wenn sie die Klassenarbeiten austeilte, oder beim Sportlehrer, wenn er schneidig bekannt gab: "Heute kein Fußball – dafür Geräteturnen."
Fernsehen und Kino klärten mich darüber auf, dass vermeintlich harmlose Vögel zu kreischenden Bestien werden können, in Vollmondnächten besonders auf Werwölfe zu achten ist und Kreuz und Knoblauch dabei helfen können, lästige Blutsauger auf Abstand zu halten. In den massenhaft konsumierten Krimis erfuhr ich, dass außer Killer-Krähen, Werwölfen und Vampiren auch Serienmörder, entlaufene Sträflinge und durchgeknallte Normalbürger eine nicht zu unterschätzende Gefahr für Leib und Leben darstellen. Die Liste des Bösen wurde im Verlauf meines Lebens weiter angereichert, dank der täglichen Nachrichten – durch Amokläufer, irre Diktatoren, sinistre Geheimdienstler, Atomschmuggler, Fundamentalisten und Fanatiker jeder Couleur.
Dreiste Diebe sind da noch das geringste Übel.
Nun hat auch noch das World Wide Web seine Unschuld verloren. In Nordrhein-Westfalen hat Innenminister Ingo Wolf jetzt eine
Internet-Wache eingerichtet, der wir Tag und Nacht verdächtige Umtriebe im Netz melden können. Der 24-Stunden-Service ist eine kluge Einrichtung, denn das Böse ist ja immer und überall, also auch im Netz. Und dass der Spitzbube gerade in den dunklen Stunden sein Unwesen treibt, weiß ja jeder Streifenpolizist. Außerdem sind die Computerfreaks – bestimmt auch die bösen unter ihnen - sowieso gerne in den virtuellen Welten unterwegs, wenn anständige Menschen schon schlafen.
Jetzt können wir also per Mail die Hüter unserer Ordnung informieren, wenn uns was spanisch vorkommt im Internet. Das erschließt ganz neue Möglichkeiten, dem Bösen ein Schnippchen zu schlagen. Den Chef im Schmuddel-Chat erwischt? Rassistische Sprüche auf der Homepage des ungeliebten Kollegen entdeckt? Einfach den Link an die Internetwache schicken, und die Staatsmacht kümmert sich drum. Wenn der eigene Computer dabei zicken sollte, kann es allerdings daran liegen,
dass die Staatsmacht gerade selber darin rumforscht. Das darf sie nämlich neuerdings auch, Ingo Wolf sei Dank. Apropos Wolf – hat den eigentlich schon mal jemand in einer Vollmondnacht gesehen?
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Zum SeitenanfangWeil es nicht mehr alle so genau wissen, hier noch mal zur Erinnerung: Weihnachten ist eigentlich ein Geburtstagsfest. Aber schon das berühmteste Geburtstagskind der Weihnachtszeit musste sich von Anfang an mit Problemen herumschlagen. Von Klinik war natürlich vor über 2000 Jahren noch keine Rede, zudem gab es für die werdende Familie in der Fremde kein freies Zimmer mehr, wahrscheinlich waren zu viele Frühbucher unterwegs gewesen. Jesus wurde deshalb in einem Stall geboren, die genaueren hygienischen Bedingungen wie auch die Wetterverhältnisse sind nicht überliefert, waren aber vermutlich eher suboptimal. Dazu drohte den Eltern noch eine Steuerschätzung – seit alters her die Umschreibung für gnadenlose Abzocke.
Aus dem Kleinen ist dennoch was geworden, das ist ja in der Bibel ausführlich beschrieben. Und ein Blick in die Geschichte lehrt, dass auch andere weihnachtliche Geburtstagskinder beachtliche Lebensläufe vorzuweisen haben. Friedrich II. etwa schaffte es mit etwas Glück auf den deutschen Kaiserthron, die unvergessene Sisi immerhin auf den österreichischen. Dass
Joseph Höffner (24.12.) und
Joachim Meisner (25.12.) ihr Geburtsdatum bei der Karriere geholfen hat, ist nicht unwahrscheinlich. Schließlich schafften es beide gleich nacheinander auf den Kölner Erzbischofsstuhl, und zur Kardinalswürde reichte es auch. Annie Lennox (25.12.) dagegen flüchtete in melancholischen Gesang, Uli Stein (26.12.) in manisches Malen merkwürdiger Mäuse.
Mein Patenkind Christa wird nicht müde, auf die Nachteile ihres Geburtstages am 25. Dezember hinzuweisen. Mit Recht: Wenn sich ihre Familie unter dem Weihnachtsbaum sammelt, kommt weder rechte Geburtstags- noch Weihnachtsstimmung auf. Ein schnell heruntergehaspeltes "Happy Birthday", schon folgen "O Tannenbaum" und "Stille Nacht, heilige Nacht". Christa bekommt auch, wie sie mir penibel vorrechnet, an ihrem Ehrentag weniger als doppelt so viele Geschenke wie ihr Bruder, der im Sommer Geburtstag hat. Inzwischen hat sie allerdings durchgesetzt, dass ihre Geburtstags- und Weihnachtsgeschenke durch unterschiedliche Verpackungen deutlich voneinander unterschieden werden können. An eine Party mit Freundinnen und Freunden ist allerdings nicht zu denken, Weihnachten ist ja schließlich ein Familienfest.
Noch dicker kommt es in diesem Jahr. Denn Christas Mutter ist hochschwanger, vielleicht kommt Christas Brüderchen gar am 25. Dezember zur Welt. Dann wäre nicht nur die Festtagsruhe perdu, sondern auch ein weiterer Geschenk- und Aufmerksamkeitsverlust für die kommenden Jahre unausweichlich. Den Namen "Christian" für das erwartete Brüderchen konnte mein Patenkind seinen Eltern ausreden. Die sehen der Niederkunft ebenfalls mit gemischten Gefühlen entgegen. Schließlich gibt es 
Elterngeld nur, wenn das Kind im neuen Jahr geboren wird. Ob es noch so lange still hält? Was dagegen auf jeden Fall feststeht, ist die Steuererhöhung ab 1. Januar.
Audio: Ein Herz für Weihnachtskinder
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Die Deutschen lieben die Adventszeit, doch nicht nur sie. Schon zum Auftakt meiner Weihnachtsmarkt-Tournee im heimischen Köln gerate ich in einen Pulk belgischer, britischer und bayerischer Touristen, deren Augen erwartungsfroh glänzen. Wie es überhaupt immer die Augen der Erwachsenen zu sein scheinen, die auf dem Weihnachtsmarkt glänzen, und nicht die der Kinder. Das könnte mit dem
Glühwein zusammenhängen, der an jeder dritten Bude ausgeschenkt wird. Als Starter – auf dem Märchen-Markt – gönne auch ich mir einen traditionellen Glühwein auf Rotweinbasis. Der schmeckt ungeheuer lecker, erzeugt aber eine Wärme, die für deutlich andere Außentemperaturen gedacht ist und meine gefütterte Jacke lästig werden lässt.
Meine vage Hoffnung, auf dem Märchen-Markt ein nettes Rotkäppchen oder ein flottes Dornröschen zu treffen, wird leider enttäuscht. Irgendwie scheinen heute nur Hexen und böse Stiefmütter unterwegs zu sein, und die sprechen auch noch holländisch. Zum Trost genehmige ich mir einen weißen Glühwein, eine Innovation in diesem traditionellen Umfeld, die mir als Weißweinliebhaber entgegen kommt, aber die Körpertemperatur weiter anheizt. Das Kölsch kühlt auch nicht wirklich, es wird Zeit für einen raschen Spaziergang durch den Nieselregen zum mittelalterlichen Weihnachtsmarkt.
Eine "Räuberfackel" - ein Spieß mit gewürztem Schweinefleisch – stärkt mich für den obligatorischen Rundgang. Merkwürdig sprechende "Handwerksleut" präsentieren hier ihre Waren. Mit einem Liebestrunk, der verdächtig nach Glühwein schmeckt, versuche ich meine angespannten Magennerven zu beruhigen. Doch die Gaukler, Possenreißer und Musikanten lassen mich nicht zur Ruhe kommen, und ich wandere weiter zum Alter Markt.
Hier riecht es, wie in der Werbung versprochen, nach Zuckerwerk und Tannengrün, nach Zimt und Bienenwachs, nach Bratäpfeln und Reibekuchen. Aber eben auch nach Backfisch, Pizza und Pommes. Ob französische Champignons oder chinesische Frühlingsrollen – die kulinarische Bandbreite der Weihnachtsmärkte ist längst auf der Höhe der Zeit, und zum globalisierten Angebot gehören natürlich auch in China gefertigte Weihnachtsbaumkugeln oder Kerzen aus Korea. Schnell noch einen Punsch mit Eierlikör, dann geht es – ich habe jetzt wirklich das Gefühl, es geht, nicht ich gehe – weiter zum Weihnachtsmarkt am Dom, überragt von einer 26 Meter hohen Tanne, dem "größten gewachsenen Weihnachtsbaum im Rheinland", wie die Veranstalter stolz behaupten.
Während ich noch über "nicht gewachsene Bäume" sinniere, sehe ich die Belgier, Briten und Bayern wieder, die sich inzwischen mit roten Zipfelmützen, flauschigen Elchgeweihen und/oder blinkenden Herzen ausstaffiert haben. Bei zünftigen Kölsch schwärmen sie von der Romantik der Weihnachtsmärkte, und ich trinke und schwärme mit. Die Geräuschkulisse des fröhlichen Treibens höre ich inzwischen wie durch Watte – bis sich ein Portal zum Dom öffnet und schrille Töne herüberwehen. Wahrscheinlich predigt gerade unser Erzbischof,
Kardinal Meisner.
Audio: Selig im Advent
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Das moderne Leben und der ständige Fortschritt machen es möglich, dass wir uns immer mehr paradiesischen Zuständen nähern. Zum Paradies gehört ohne Zweifel die Möglichkeit, auch tief in der Nacht einzukaufen. Denn sollte uns - sagen wir so gegen drei Uhr - die Lust auf
Grünkohl mit Mettwurst übermannen, wäre es doch fatal für uns und für die heimische Lebensmittelindustrie, wir könnten die schmackhaften Zutaten nicht sofort erwerben. Am nächsten Morgen hätten wir es uns ja vielleicht anders überlegt und auf die Mettwurst (zu fett!) verzichtet, auf den vorgekochten Grünkohl (geschmacklos!) oder sogar beides (zu viele Kalorien!).
Also beschloss die Politik, den urliberalen Traum von den stets geöffneten Geschäften in die Wirklichkeit umzusetzen. Wir in Nordrhein-Westfalen sind natürlich wieder ganz vorne mit dabei,
wir haben die paradiesische Neuregelung als zweiter eingeführt, nur Berlin war uns eine winzige Nasenlänge voraus. Nun ziehen zwar immer noch
Stürme über das Land, auch der Regen peitscht noch an die (Schau-)Fenster – doch der dunkle November ist auf einmal wunderbar erhellt: Viele Lichter vertreiben die Dunkelheit in den nächtlichen Einkaufsstraßen und gut gelaunte Flaneure lassen sich durch die ehemals verödeten Innenstädte treiben. Neues Leben durchpulst die Stadt, die Bürgersteige werden nicht mehr hochgeklappt. So habe ich mir das ausgemalt.
Gestern hatte ich dann einen Traum. Ich musste dringend noch etwas einkaufen, ich weiß leider nicht mehr genau was. Vielleicht waren es sogar Grünkohl und Mettwurst. Es war kurz vor 24 Uhr, als ich das größte Kaufhaus der Stadt erreichte. Ein hohlwangiger Sicherheitsmann am Eingang warf mir einen kritischen Blick zu (ich glaube, ich hatte nur einen Schlafanzug an), ließ mich aber eintreten. Drinnen herrschte ziemlicher Betrieb. Schon von weitem erkannte ich Guido Westerwelle, der bei den Krawatten stand und lautstark erklärte, dass nun endlich auch vielbeschäftigte Menschen die Gelegenheit zum Einkauf hätten.
Ich hastete weiter, an der Bettenabteilung vorbei. Dort machten es sich gerade ein paar Obdachlose bequem, um, wie sie der Verkäuferin mit einem Augenzwinkern sagten, die Matratzen zu testen. In der kleinen Snackbar kamen mir drei schwankende Gestalten entgegen, die ich von der heimischen Tankstelle kenne. Dort laben sie sich nächstens an Dosenbier, hier schienen es hochprozentigere Getränke gewesen zu sein. Die drei von der Tankstelle winkten mir fröhlich zu, ich winkte verhalten zurück und erreichte endlich – von fern schlug es Mitternacht - die Fleischtheke. Dort konnte ich beobachten, wie gewissenhafte Fleischfachverkäufer pünktlich zum gerade anbrechenden Tag das Frischfleisch mit neuen Etiketten versahen. Genau zu diesem Zeitpunkt wurde ich wach. Ich lag auf dem Sofa, war wohl vor dem Fernseher eingeschlafen und hatte Hunger.
Also raffte ich mich noch mal auf und ging zum Supermarkt um die Ecke. Es war kurz vor 22 Uhr. Der Geschäftsführer, ein Mann mit wenigen Haaren, aber einem auffälligem Muttermal auf der hohen Stirn, verschloss gerade die Eingangstür. "Wer zu spät kommt...", murmelte er mitleidlos. Dabei wollte ich doch nur noch etwas Essbares kaufen. Etwas Vegetarisches, vielleicht Grünkohl.
Audio: Nächtlicher Grünkohl
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Prima getroffen, es ist nichts hinzuzufügen.
So ist der Deutsche, einfach dumm!!
Wolfgang Viehweger am 26.11.06 23:05
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In diesem ungemütlichen Herbsttagen denke ich gerne an den
tollen Sommer zurück. An T-Shirt-Wetter, lange Sonnentage und die kurzweilige Fußball-Weltmeisterschaft. An Klinsi, Schweini, Poldi und Co. Die sorgten für gute Laune, wurden Weltmeister der Herzen und brachten es dank einer geschlossenen Mannschaftsleistung immerhin zu einem respektablen dritten Platz. Schlechte Laune dagegen vermittelt - passend zum Wetter - unsere Regierungsmannschaft: Sie schenkt uns eine fette Steuererhöhung, eine undurchschaubare Gesundheitsreform und eine längere Lebensarbeitszeit . Manchem von uns schwant, dass er bei der letzten Wahl ein Eigentor geschossen hat. Nach dem jüngsten Deutschlandtrend sind
51 Prozent der Deutschen sogar mit der Demokratie insgesamt unzufrieden. Laut einer Studie der Ebertstiftung wünscht sich ein Viertel der Bevölkerung sogar eine
Einheitspartei, „die die Volksgemeinschaft insgesamt verkörpert“.
Klar - "Einigkeit" lobt ja schon unsere Nationalhymne, die wir und unsere Jungs im Sommer rauf und runter gesungen haben. Einigkeit und Einheit, das wissen wir Deutschen nur zu genau, haben auch ihre Tücken. Wenn es von allem nur eins gibt, wird es schnell langweilig. Mit nur einer Mannschaft lässt sich schlecht Fußball spielen. Ein Gegner gehört schon dazu, um sich selbst in Szene setzen zu können. Die Versuche, mit nur einem Team groß rauszukommen, sind historisch allesamt gescheitert - zum Glück. Denn wer wünscht sich ernsthaft einen näselnden Saarländer oder gar einen gescheiterten Kunstmaler aus Braunau als Spielführer zurück?
Allerdings ist das wählen aus der Vielfalt auch nicht so einfach. In keinem Land gibt es so viele Brotsorten wie in Deutschland. Und der Entscheidungsstress beim Bäcker ist nur einer von vielen, die das moderne Leben für uns bereit hält: Ist "bio-bio" wirklich doppelt so gut wie einfach "bio", "two in one" effektiver als Shampoo und Spülung? Sollte man mehr Fisch essen, weil es gesund ist, oder weniger, weil es die Ressourcen schont? Diese Fragen kann einem leider auch „die Volksgemeinschaft insgesamt“ nicht beantworten. Denn in der gibt es Fleischfans und Fischfreaks, Mattenträger und offensichtlich eine ganze Menge Glatzen. Und die brauchen ja gar kein Shampoo, aber öfter mal eine gehörige Kopfwäsche.
Audio: Vom Fußball lernen?
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Stürme ziehen über das Land, Regen peitscht ans Fenster, der dunkle Monat November ist da. Seine Feiertage - Allerheiligen, Allerseelen, Totensonntag - konfrontieren uns mit Tod und Vergänglichkeit, Niedergang und Zerfall. Vom Zerfall sind inzwischen sogar einige Euro-Geldscheine befallen –
sie zerbröseln, kaum nimmt man sie in die Hand. Und dann liegt das Geld nicht mehr nur sprichwörtlich, sondern tatsächlich auf der Straße. Schuld sein soll eine Chemikalie, die im Kontakt mit Handschweiß zu Schwefelsäure wird, was für einen Theologen wie
Doktor Gregor bestimmt das sichere Indiz ist, dass der Teufel seine Hand im Spiel hat. Denn der (der Teufel, nicht Doktor Gregor), das weiß ich noch aus Erzählungen meiner Oma, ist nicht nur an seinem Pferdefuß, sondern auch an seinem Schwefelgeruch zu erkennen.
Diese Theorie hat jedoch auch einen Pferdefuß. Denn welcher moderne Mensch glaubt noch an den Teufel? Aufgeklärtere Geister (als Dr. Gregor, nicht als der Teufel) vermuten, dass die Mafia hinter dem Schein-Zerfall steckt. Die zersetzende Substanz auf den Geldnoten könnte schließlich auch von einem Reinigungsmittel stammen. Und bei der ständigen Geldwäsche kann halt mal was schief gehen... Nach dieser Argumentation kämen allerdings auch die
CDU, die
Entsorgungsbranche oder notorische Schwarzarbeiter als Drahtzieher in Frage. An eine konzertierte Aktion der Kreditkartenfirmen glauben allerdings nur Verschwörungstheoretiker, ebenso an einen Sabotageakt von Kapitalismus- und Globalisierungskritikern.
Denn im modernen Leben spielt das Bargeld längst eine untergeordnete Rolle. EC-, Kredit- und Kundenkarten haben es längst abgelöst, und bald werden nur noch hoffnungslose Romantiker und natürlich meine Oma ihre Brötchen bar bezahlen anstatt die Geldkarte oder das Handy zu zücken. "Nur Bares ist Wahres" ist ein Spruch von gestern, "mir zerrinnt das Geld in den Fingern" dagegen höchst aktuell. Das ist auch ein kleiner Trost für die Finanzminister. Die können seelenruhig erklären, dass dem
vielen Steuergeld, was jetzt zusätzlich in die Kassen fließen soll, nicht zu trauen ist.
Geld hat ein Verfallsdatum, das führen uns die bröselnden Euro-Scheine vor Augen. Meine Oma weiß das seit langem. "Es ist leichter, Geld zu verdienen als zu behalten", predigte sie mir, als ich noch jung war. Was Oma bislang nicht wusste: Um seine Schäfchen ins Trockene zu bringen, braucht es nicht unbedingt saubere, aber auf jeden Fall trockene Hände.
Audio: Gegen den Zerfall
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Zum SeitenanfangJetzt naht sie wieder, die lauschig-schöne Weihnachtszeit. Zumindest im Supermarkt. Auf der Suche nach Federweißem musste ich mich in meinem Supermarkt bereits an einer Palette mit Lebkuchen, Adventskalendern und Zimtsternen vorbeidrücken. Von der Gemüseabteilung bis zu den Wurstwaren begleitete mich George Michaels schmeichelnde Stimme, er sang von "Last Christmas". In dem Song geht es um das letztjährige Weihnachtsfest, er klingt ein wenig melancholisch.
Nach den Abendnachrichten wusste ich auch, warum. Mit gewohnt teilnahmsloser Kühle erklärte der Sprecher, dass
der häufige Verzehr von Zimt die Gesundheit ruiniere. Der Grund: Die Wissenschaft hat festgestellt, dass unser geliebter Zimt(stern) Cumarin enthält. Und das kann die Leber schädigen, natürlich besonders, wenn sie durch Federweißen sowieso schon etwas angeschlagen ist.
Last Christmas – da durften wir noch unbesorgt Zimtsterne essen. Damit ist jetzt Schluss. Noch nicht Schluss ist es aber mit den Einschränkungen, die gerade unsere Festtage bedrohen. Wer kann denn sicher sein, dass seine polnische Martinsgans ohne
diplomatische Verwicklungen im heimischen Backofen landet? Die Kirche wird, wenn an Weihnachten das Weihrauchfass tüchtig geschwenkt wird, zur
Feinstaubhölle. Und kurz vor Ostern gibt es garantiert wieder einen fiesen Eier-Skandal – es muss doch außer Nitrofen und Nikotin noch was Neues zu finden sein…
Der Untergang des christlichen Abendlandes kommt also, anders als etwa Oswald Spengler vermutete, im Gewand eines Lebensmittelkontrolleurs oder Umweltaktivisten daher. Denn was bleibt von Sankt Martin ohne Gans, von Weihnachten ohne Zimtsterne und Weihrauch oder von Ostern ohne Eier? Eben. Und auch das romantische Liedgut muss umgedichtet werden. "Weißt du, wie viel Sternlein stehen an dem blauen Himmelszelt ?" - das interessiert nun wirklich keinen mehr. Dafür umso mehr, wie viel Sternlein wir überhaupt noch gefahrlos essen können. Es sei denn, die eigene Leber ist uns schnuppe.
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Mein Onkel Bert hatte früher ein Lieblingsthema: "Der Russe". Den hatte er im Krieg kennen und fürchten gelernt, und deshalb nutzte er jedes Familienfest, um zu vorgerückter Stunde vom "Iwan" zu erzählen und vor einer bevorstehenden Invasion der Roten Armee zu warnen.
Als Mannesmann in den 70er Jahren Röhren in die Sowjetunion lieferte und wir dafür Gas bekamen, war für Onkel Bert der Untergang des Abendlandes besiegelt. Kurz darauf starb Onkel Bert, und als die Familie nach seiner Beerdigung bei Kaffee und Streuselkuchen beisammen saß, wurde mir schmerzlich bewusst: Keiner wird mehr schaurig-schöne Geschichten vom bösen Russen erzählen.
Doch zum Glück hatte ich später an der Universität einen Dozenten, der wie Onkel Bert dachte, sich aber eleganter ausdrücken konnte. Er sprach von der Notwendigkeit der Abschreckungspolitik und den Gefahren des "Fulda Gap". Durch dieses landschaftliche Einfallstor, so seine Überzeugung, würden bald die Panzer der Sowjetunion auf bundesdeutsches Gebiet rollen. Inzwischen gibt es die Sowjetunion nicht mehr, aber Probleme gibt es nach wie vor genug: Mein ehemaliger Uni-Lehrer leitet nun ein "Institut zur Erforschung interkultureller Konfliktlagen".
Als der Kalte Krieg besonders eisig war, besang der Liedermacher Stephan Sulke einen Russen, der sich deutlich von Onkel Berts Iwan und dem Politfunktionär, den mein Dozent skizzierte, unterschied: "Und der Mann aus Russland konnte lachen/Fröhlich sein und Witze machen/Hob dieweil sein Glas und trank mir zu/Der Mann aus Russland konnte lachen/Fröhlich sein und Witze machen/War ein Mensch genau wie ich und Du." Außerdem, behauptete zumindest Sulke, konnte der Russe auch noch "einsam sein und glücklich scheinen" und sogar "weinen".
Was Sulke dem "Mann aus Russland" zuschreibt, gilt sicher auch für den Schalke-Fan: Der hat Humor, sonst könnte er die Eskapaden von Mannschaft und Management nicht ertragen. Trinkfestigkeit und Trauerarbeit gehören, keine Frage, ebenfalls zu seinen Grundtugenden. Und seine Fröhlichkeit beweist der Fußballverrückte im blau-weißen Trikot regelmäßig, wenn er Witze über die Fußballverrückten in schwarz-gelben Trikots erzählt.
Sulke hat in seinem Song also schon – vor mehr als 20 Jahren! - die Seelenverwandtschaft von Russen und Schalke-Fans erkannt. Im
Gazprom-Schalke-Deal wird sie nun vertraglich besiegelt. Das Lied lässt, wenn man es in diesen Tagen hört, Bilder entstehen, die zu schön sind um wahr zu sein, und doch bald vielleicht schon Wirklichkeit: Einen Gazprom-Chef, der sich ein deutsches Pils nach dem anderen genehmigt… Einen weinenden Wladimir Putin auf der Ehrentribüne von Schalke, nachdem der Verein am Saisonende auf dem undankbaren 7. Platz landet… Sein Pipeline-Aufsichtsrat Gerhard Schröder im BVB-Trikot, der Putin zärtlich in den Arm nimmt und tröstet… Was Stephan Sulke zu beschreiben vergessen hat: Onkel Bert, wie er sich im Grabe umdreht.
Audio: Weinende Russen
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Hallo Herr Stephan,
tolles Bild von Schröder und Putin, die offenbar über die Installation des ewigen Bösen im Weltgefüge verhandeln! Auch wenne es sich ganz offensichtlich um eine Fotomontage handelt (Schröder hat ein Schumi-Kinn): Weiter so!
Frank Scholz am 16.10.06 15:02
Hallo Herr Scholz,
das Foto ist keine Montage... Es zeigt den damaligen Kanzler Gerhard Schröder im Gespräch mit Wladimir Putin am 9. Mai 2005 in Moskau. Anlass des Treffens waren die Gedenkfeierlichkeiten zum Sieg über Hitler-Deutschland vor 60 Jahren.
Stephan Josef am 17.10.06 09:56
Lieber Stephan-Josef, zu diesem brisanten Thema fällt mir das außergewöhnliche Gedicht von Jewgeni Jewtuschenko "Meinst du, die Russen wollen Krieg?" ein. "...Der Kampf hat uns nicht schwach gesehn, doch nie mehr möge es geschehn, dass Menschenblut, so rot und heiß, der bitt´ren Erde werd zum Preis. Frag Mütter, die seit damals grau, befrag doch bitte meine Frau. Die Antwort in der Frage liegt; Meinst du, die Russen woll´n, meinst Du die Russen woll´n, meinst Du die Russen woll´n Krieg?"
Dieses Gedicht haben wir (4 Strophen lang) auswendig rezitiert und im Kopf die Witze von Oma gehabt, die erzählt hatte, dass die Russen den Regulator von der Wand genommen haben und freudestrahlend verkündet hatten, dass sie sich jetzt 20 kleine Armbanduhren davon machen. Das sollte man als Kind begreifen und sich ein Urteil bilden? !
Tante Monika am 17.10.06 14:13
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Manchmal hat man ja auch Glück. Kaum bin ich
auf der Suche nach einem neuen Handy, gibt es frei Haus einen Top-Tipp: Ein BenQ-Siemens soll es sein, legt Erwin Huber nahe. Der gute Huber Erwin arbeitet zwar nicht in einem Elektrofachmarkt, hat als Wirtschaftsminister des Lederhosen-und-Laptop-Landes Bayern aber bestimmt den Überblick über den aktuellen Mobiltelefon-Markt.
Okay, BenQ hat zwar momentan einige Probleme und nicht die beste Presse, dafür aber einen wunderschönen Namen. Denn BenQ steht für "(we) bring enjoyment and quality (to life)". "Wir bringen Genuss und Qualität ins Leben" – damit ist offenbar nicht der Mitarbeiter gemeint, sondern der Kunde. Und was will der mehr? Allenfalls noch "prima leben und sparen", oder, in der schlichten Edel-Version, einfach nur leben. Um die Details können sich ja andere kümmern. In denen steckt allerdings auch in diesem Fall der Teufel. Wie soll ich an ein BenQ-Handy kommen, wenn meine Mobilfunkgesellschaft die Dinger aus dem Angebot nimmt? Können sich die Herren Ricke und Huber in dieser Sache vielleicht mal kurzschließen? Am besten per Handy – es soll ja schnell gehen...
"Enjoyment and quality" – das klingt eindeutig besser als etwa, sagen wir mal, "Kraft durch Freude". Trotzdem will mein Landesvater Jürgen Rüttgers das Englische ächten. Für ihn steckt der Teufel im deutsch-englischen Sprachmix, der das moderne Leben prägt. Rüttgers hat seine Verwaltung ermahnt, sich fürderhin vor allem des Deutschen zu befleißigen. Das dürfte die gestandenen Bürokraten jedoch kaum ängstigen. Wenn sie sich konzeptionell mit Synergien beschäftigen, diverse Szenarien von entscheidenden Projektphasen skizzieren oder heterogen zusammengesetzte Kollegien auf ihre Qualifikation prüfen, dann rekurrieren sie in ihrem Sprachgestus und -duktus primär auf ältere Sprachen. Selbst, wenn sie schnurlos miteinander telefonieren.
Audio: Handy mit Genussfaktor
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Zum Seitenanfang„Ist Dein Handy aus einem technischen Museum?“ Diesen Spruch muss ich mir neuerdings öfter anhören. Mein Handy ist vier Jahre alt, ich musste es wieder in Betrieb nehmen, weil mir
ein neueres Modell gestohlen wurde. Aber ist es deshalb schon museumsreif? "Klar", würde mein Freund Heiner sagen. Denn er hält fast alles, was ich besitze, für veraltet: das Auto, die Fotokamera, die Musikanlage, selbst das Fahrrad. Auch meine Wohnungseinrichtung gehört nach seinem Empfinden eher ins Museum, allerdings nicht in eines für zeitgenössisches Design.
Wer sich aber dem Diktat des ständigen Updates widersetzt, kann eine Menge Geld sparen. Deshalb ist die Musealisierung auch bei Politikern sehr beliebt. Warum ständig Hunderte von Millionen Euro in die
Kohlesubventionierung stecken, wenn man für 2,5 Millionen Euro Subvention die
"Route der Industriekultur" unterhalten kann? Der Museumsweg zwischen stillgelegten Zechen und Stahlwerken ist auch viel schöner als es die rauchenden Schlote waren. So wird das Ruhrgebiet, dessen vergebliches Update unter dem Begriff "Strukturwandel" schon seit Jahrzehnten Unsummen verschlingt, zum kostengünstigen Freilichtmuseum. Genial! Schade nur, dass die ewigen Nörgler vom Bund der Steuerzahler
den Trend verpennt haben und zahlreiche neuen Museen für Geldverschwendung halten.
Dabei sind die Möglichkeiten der Musealisierung längst noch nicht ausgeschöpft. Problemstadtteile wie Köln-Chorweiler oder Duisburg-Marxloh ließen sich ohne großen Aufwand durch "Routen der Integration" aufwerten. Die ärgerlichen EU-Subventionen für die Landwirtschaft sorgten nicht mehr für
Butterberge, sondern für idyllische Freilichtmuseen. Und die Landespolitik, für die sich kaum jemand wirklich interessiert, könnte sogar komplett abgeschafft und ins Museum verfrachtet werden. Die wichtigsten Landespolitiker wären dann dort als Wachsfiguren zu sehen, ergänzt um einige Videoinstallationen mit Endlosschleifen aller "Westpol"-Sendungen. Die wahre Zukunft, das wird immer klarer, liegt im Museum. Oder im Freizeitpark. Zeigt das
Kernwasserwunderland in Kalkar nicht auf bestechende Weise, wie eine echte Zukunftstechnologie wie die Brütertechnik gefahrlos und ohne große Subventionen etwas Spaß ins moderne Leben bringt?
Audio: Leben im Museum
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Zum SeitenanfangManchmal braucht auch der moderne Mensch eine Auszeit. Eine Entschleunigung des hektischen Lebens, einen Urlaub vom Alltag, ein Atemholen in schöner Umgebung. Mich hat es dazu in die Toskana verschlagen, eine erstklassige Wahl, wie sich herausgestellt hat. Nicht nur die Vielfalt der zu kostenden Rebsorten überzeugt in diesem Flecken Italiens, auch das schöne Wetter, die schmackhaften Gerichte, die pittoresken Orte...
Zur wahren Erholung gehört es auch, da kann
Doktor Gregor noch so viel lamentieren, offline zu sein. Deshalb haben mir verständnisvolle Menschen auf die Sprünge geholfen und mich vom Teufelszeug der Moderne befreit, indem sie Handy, Fotokamera und Scheckkarten aus der Ferienwohnung mitgehen ließen. Verlust als Gewinn – das ist eine Erfahrung, die ich nicht missen möchte. Ebenso geht es bestimmt Friedbert Pflüger und Harald Ringstorff.
Bereits im Stau auf der Hinfahrt stellte sich das typische Urlaubsgefühl ein – die Zeit spielt nur noch eine untergeordnete Rolle, in den Blechkarossen ringsum verwandelten sich die Touristen in entspannte Buddhisten, für die nur noch der Weg das Ziel zu sein schien. Einen vergleichbaren Entspannungseffekt bieten inzwischen selbst Flugreisen: Weil beim Fliegen die Seele Mühe hat, den schnellen Ortswechsel zu bewältigen, hilft der
Sky Train am Düsseldorfer Flughafen mit Zwangspausen. Buchstäblich zwischen Himmel und Erde bekommt der Passagier Gelegenheit, sich in Ruhe auf die Reise oder die Rückkehr einzustellen. Wer von den betroffenen Sky Train-Passagieren trotzdem in die Luft geht, hat den tieferen Sinn der Pause nicht verstanden.
Inzwischen blättert meine Urlaubsbräune bereits wieder ab, die neuen Scheckkarten sind bestellt, ebenso Pass und Führerschein. Ein uraltes Handy, was zuhause noch rumlag, leistet dank neuer Simcard bereits seine vermeintlich wichtigen Dienste. Die himmlische Auszeit in Bella Italia ist Geschichte, und nun gilt es wieder, sich den alltäglichen, irdischen Herausforderungen zu stellen. Darüber sinne ich bei gut kölscher Kost nach -
"Himmel un Äd".
Audio: Der Himmel auf Erden
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Apropos "Himmel auf Erden", "Modernes Leben" und "web. 2.0": Zeigt sich die Moderne nicht in viel banaleren Dingen, also nicht nur im männlich dominierten Bereich "Technik"? Wie steht es mit Frauen und ihrem stetig wachsenden Anspruch, am Wirtschaftsleben in Form von Arbeit statt Shopping teilhaben zu wollen? Ist das nicht ähnlich gefährlich wie Kreditkarten-Zweckentfremder? Also: Kinderaustragungs-Zweckentfremderinnnen (man beachte die eindeutig feminine grammatikalische Form!)? Mal ehrlich: Frau Eva Herman sollte doch den ersten "frauen-2.0-Landespreis" erhalten. "Ahhhhhhhh", denkt sich da Frau-2.0, "Auszeit vom "Moderne Frau"-Sein, ... Kinder, ... Brigitte ... einfach schön." Modernes Leben halt! Warum schwer, wenn es soooo einfach sein kann. Und vor allem: Von Männern gemacht! Und in der Folge können die immer noch in der Mehrzahl führungspositioneninnehabenden Männlichkeiten wieder sein, was sie eigentlich sind: 2.0.
P.S. Wie schön, dass frau inzwischen den offline-Button kennt! In jeglicher Hinsicht!
eva2.0 am 27.09.06 21:30
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Geboren wurde ich am Niederrhein, aufgewachsen bin ich in einer Sackgasse, genauer: an deren Wendehammer. Die Asphaltierung dieser Sackgasse gehörte zu den eindrucksvollsten Erlebnissen meiner Kindheit - riesige Lastwagen, die Sand abkippten, eine kettenklirrende Planierraupe, der dampfende Teer. Es war die erste durchgreifende Modernisierung in meinem Leben.
Weitere folgten. Von der katholischen Grundschule ging es in die Gemeinschaftsgrundschule, von dort ins Gymnasium der Kreisstadt. Dort erhielt ich das Rüstzeug fürs moderne Leben: das große Latinum und das Graecum. Zwischenzeitlich wurde aus der Kreisstadt eine kreisangehörige Stadt, dank der kommunalen Neugliederung. Vielleicht der unscheinbare Beginn von dem, was später Globalisierung genannt wurde.
Nach der Schulzeit umfangreiche Studien des modernen Lebens durch teilnehmende Beobachtung, unter anderem in Wohngemeinschaften, Fitnessclubs, Kurzurlauben, Zweierbeziehungen, Ferienjobs, Uni-Seminaren, Selbsterfahrungsgruppen, Bonn, Witzenhausen, Bensberg und Köln.
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