In den letzten Tagen habe ich mir stets den aktuellen Medaillenspiegel ausgedruckt und an den eigenen Spiegel geklemmt. Das geschah wohl in der vagen Hoffnung, mein Gesicht könnte beim Rasieren eine gewisse Ähnlichkeit mit dem von amerikanischen Schwimmern oder jamaikanischen Läufern annehmen. Bei denen scheint ja manche Zauberei möglich. Tatsächlich aber lächelte mir eines Morgens das verschmitzte Gesicht von
Benjamin Boukpeti entgegen. Einbildung? Vielleicht. Oder es lag am plätschernden Geräusch, wenn ich die Rasierklinge abspülte, dass ich diesen Athleten vor mir sah, der in seinem Kajak Bronze holte - die einzige Medaille für sein Land Togo bei Olympia in Peking, ja die erste olympische Medaille für Togo überhaupt. Darüber geriet Boukpeti so aus dem Häuschen, dass er noch im Kajak sitzend sein Paddel zertrümmerte.
Boukpeti hatte schon bei der Eröffnungsfeier die Fahne von Togo getragen. Eine weise Entscheidung, denn seine beiden Mannschaftskameraden, Sacha Dananyoh (Judo) und Komlavi Loglo (Tennis) schieden in ihren Wettbewerben in der ersten Runde aus. So zum nationalen Helden geworden, will Benjamin Boukpeti demnächst Togo zum zweiten Mal besuchen. Einmal war er schon im Land, dessen Fahne er trug. Boukpeti ist in Frankreich geboren, hat einen französischen Pass, studiert und trainiert dort. Aber in einem französischen Kanu zur Olympiade zu reisen, ist nicht leicht. Bekanntlich paddeln fast alle jungen Franzosen irgendwann einmal auf der Ardeche herum. Die können das also ein bisschen. Benjamins Bruder Olivier musste das leidvoll erfahren - ihm gelang die Qualifikation nicht. Da erinnerte sich Benjamin an das Heimatland seines Vaters, besorgte sich einen zweiten Pass und machte sich und Togo glücklich.
Ich erzähle diese Geschichte nicht etwa, um die Nase zu rümpfen. Schließlich sammelt die deutsche Mannschaft sogar Gold-Medaillen durch Eingebürgerte aus
Usbekistan oder
Österreich. Aber Boukpetis Geschichte erinnert mich irgendwie an einen anderen berühmten Olympioniken, an den Athener Kimon. Dieser Pferdesportler holte gleich drei Mal in Olympia den Sieg im Viergespann - und zwar stets mit den selben Stuten. Aber seine zwei ersten Siege gewann er nicht für seine Heimat Athen. Denn von dort war er, nach einem Streit mit dem Machthaber Peisistratos, verbannt worden. Ausgerechnet ihm widmete er seinen zweiten Olympiasieg - und erhielt prompt die Erlaubnis zur Rückkehr nach Athen. Kimons Sohn Miltiades übrigens war später der entscheidende Feldherr im griechischen Sieg von Marathon (also der Schlacht, nicht dem Lauf).
Zugegeben, das ist eine Weile her. Aber was uns
Herodot berichtet, zeigt doch, dass es bei Olympia immer schon so zuging wie heute. Sport, Politik und geschicktes Management gehören zusammen. Vielleicht widmet Benjamin ja seine Medaille jetzt dem zu Hause gebliebenen Bruder. Oder sein Sohn wird einmal ein wichtiger Mann in der Regierung Togos. Ich ziehe die Rasierklinge durch den Schaum, zwinkere dem Gesicht von Benjamin im Spiegel zu und überlege, welchem sportlich unterentwickelten Kleinstaat ich meine Dienste anbieten könnte. Hatten meine Tiroler Vorfahren nicht Verwandte in Liechtenstein? Fehlt nur noch die Sportart. Was in Peking vertreten war, kann ich alles nicht. Aber vielleicht wird Kochen ja bald olympisch (wenn sich Kerner dafür einsetzt). Oder "Bier erkennen" (wenn sich Waldi dafür einsetzt).
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Zum SeitenanfangDie Grillen zirpten, die Kühe glockten. Über den Himmel zogen leichte Schäfchenwolken, zwischen denen einige wagemutige Paraglider als bunte Tupfer ihre Kreise zogen. Der Weg hinauf war schweißtreibend gewesen, lange steile Serpentinen durch den Wald. Aber jetzt belohnte die Alm mit sanftem Wind. Wunschlos glücklich lag ich auf dem Rücken im kurzen trockenen Gras und träumte vor mich hin, weit entfernt von allem ...
Ich schrecke auf. Dösen am Schreibtisch ist nicht erlaubt. Schließlich muss ich eine Glosse schreiben. Viele andere erwartet jetzt wieder die Schule. Einige zum ersten Mal, mit
Schultüte und Feier. Die haben es gut, denn sie können noch nicht schreiben und werden deshalb ihre Urlaubserlebnisse unzensiert bewahren. Den Größeren droht möglicherweise das berüchtigtste Aufsatzthema der Welt: "Mein schönstes Ferienerlebnis."
Vielleicht ist das aber längst aus der Mode gekommen. Es gibt allerdings noch andere erprobte Möglichkeiten,
die schönsten Tage des Jahres nachhaltig platt zu machen. Die ungeschlagene Nr. 1 praktiziert man schon während der Reise: die Urlaubskarte. Die Liste aller, die sonst beleidigt sein könnten, lastet bleischwer im Gepäck, bis ich mich endlich aufraffe und den lieben Verwandten und Bekannten schriftlich versichere, wie schön das Wetter ist, wie bekömmlich das Essen und wie gut gelaunt die Kinder. Verschwiegen wird, wie genervt ich vor diesen Karten sitze und die kostbare Zeit mit ihnen vertue. Mein schönstes Ferienerlebnis kommt auf ihnen niemals vor. Das ist schließlich nicht für die Öffentlichkeit bestimmt.
Da war mein Vater früher allerdings anderer Ansicht und stellte alle unsere Erlebnisse breit und farbig beim häuslichen Diaabend dar. "Hier, diese Kapelle, die stand am Eingang des kleinen Hochtals, wo wir zu dem Heimatmuseum gefahren sind." Aber die mitgereiste Tante war anderer Ansicht: "Nein, das ist doch dieses barocke Kleinod, gleich neben dem Biergarten, wo du ..." Das Publikum konnte den Konflikt nicht lösen, weil es nicht dabei war. Dafür rächte es sich beim nächsten Bild: "Was hattet ihr denn da für komische Hüte auf!"
Diese abendfüllende Veranstaltung wird heutzutage gern in einer Büro-Kurzform aufgeführt. Im Zeitalter der Digitalfotografie nimmt man sich das schönste Ferienerlebnis mit zur Arbeit und richtet es als Bildschirmhintergrund ein. Da können die Kollegen dann neidisch staunen, an was für einem exotischen Strand man gelegen hat. Die Kommentare reichen von "Darum kannst du dir kein ordentliches Auto leisten!" bis zu: "Schon für
Atmosfair gespendet?"
Wer prominent ist und ausreichend begabt, kann seine schönsten Ferienerlebnisse auch einer breiten Öffentlichkeit zugänglich machen. Er schreibt dann die "Italienische Reise" oder ein "Irisches Tagebuch". Ich dagegen kann leider nicht in den schönen Erinnerungen an die ach so schnell vergangenen Tage schwelgen. Schließlich ruft, kaum dass der Koffer geleert wurde, schon wieder die Pflicht. Ich muss eine Glosse schreiben. Also: Die Grillen zirpten ...
Audio: Urlaub für die Anderen
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Neulich war die Jahrgangsstufe meines Sohnes bei einem Bewerbungstraining. Von da brachte er den Spruch mit: "Man muss sich auch verkaufen können." Wie sich doch die Zeiten geändert haben, dachte ich wieder einmal. Unsre Großeltern hätten von so einem Termin noch die Weisheit mitgebracht: "Bescheidenheit ist eine Zier." Heute dagegen muss man dick auftragen. Wer etwas werden will, darf nicht zaudern. "Yes we can" lautet Barack Obamas Bewerbungsspruch. Zu deutsch: Klar kann ich die größte Weltmacht regieren. Als Politiker kann man ja sowieso alles: Heute Innen-, morgen Außenpolitik, damals
Staubsaugervertreter ...
Da wirkt die
Äußerung von Christian Wulff geradezu irritierend. Der ist schon niedersächsischer Regierungschef, aber Kanzler - das traut er sich nicht zu. Solche Bescheidenheit ist das Publikum so wenig gewohnt, dass es schon wieder eine Finte wittert: Will sich da doch wieder einer nur gut verkaufen, Sympathiepunkte sammeln - und dann darauf warten, dass man ihn zu dem drängt, wozu er sich nie gedrängt hat?
Die Bewerbungstrainer meines Sohnes würden solche Bescheidenheit sicher rundweg ablehnen. Denn sie ist gefährlich, bedroht sie doch die moderne arbeitsteilige Gesellschaft. Wo kämen wir denn hin, wenn sich jeder prüfen würde, ob er oder sie sich einen Job auch zutrauen kann? Wäre dann etwa Annekathrin Grehling Stadtkämmerin in Aachen geworden? Grehling war das zuvor auch in
Hagen. Dort hat sie die Stadt durch Spekulationen an der Kredit-Börse wahrscheinlich um 50 Millionen Euro gebracht. Die Stadt verklagte später die Bank: Man habe nicht gewusst, dass "swappen" so brandgefährlich ist. Aber Annekathrin Grehling ist von solchen Selbstzweifeln nicht angekränkelt. Sie würde wieder so handeln, ließ sie von Aachen aus wissen. Ob unsere verschuldeten Städte bei lauter Wulffs überhaupt noch Kämmerer fänden? Würde unser Land bei verbreiteter wulffscher Zauderei noch wagemutige Unternehmensgründer finden wie Franjo Pooth? Und erst in der Kultur: Wie viele singende Schauspieler würden uns fehlen, wie viele schauspielernde Tänzerinnen? Und wie viele Bücher schreibende Sportler?
"Schuster, bleib bei deinem Leisten", ist auch so ein Spruch der Großelternzeit. Bei den Bewerbungstrainern meines Sohnes heißt es wohl eher: Wer bei seinem Leisten bleibt, leistet nie was und kann sich auch nichts leisten. Ich werde meinem Sohn raten, schleunigst in die Hauptstadt zu reisen und schon mal vorsorglich an ein paar wichtigen Zäunen zu rütteln. Auch aus Hannover kamen schon ganz andere Vorbilder als der Wulff.
Audio: Bescheidenheit ist keine Zier
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Ich frage mich eigentlich was dieser Artikel bezwcken soll? Ich finde es durchweg richtig, dass jemand auch mal zugibt, für einen bestimmten Posten nicht geeignet zu sein oder ihn nicht haben zu wollen. Wo liegt da bitte das Problem? Es ist doch nur ehrlich. Ist jedenfalls besser als so mancher in der Politik, der seinen/ihren Beruf verfehlt hat.
Im Grunde kennen wir ja auch nicht die wahren Beweggründe und sollten die Entscheidung auch akzeptieren.
Es macht übrigens einen gewAltigen Unterschied ob jemand bei seinem Leisten bleibt oder eine Aufgabe ablehnt. Es wird hier eine Kausalität hergestellt, die durchaus auch eine Fehlinterpretation sein kann. Und im Übrigen schadet auch unseren Kindern eine gesunde Selbsteinschätzung nicht. Nicht selten wird ihnen von Haus aus eine Selbstüberschätzung anerzogen, die den Kindern das Leben nicht zwingend leichter machen wird.
Anne am 20.07.08 13:51
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Zum SeitenanfangMüde und ausgedörrt stapften wir durch den heißen Sand. Kein Luftzug kam vom Meer her. Kein Schatten war in Sicht. Die Stadt war noch weit und ich fragte mich, warum mein Vater unbedingt zu Fuß vom Hotel zu dieser sehenswerten Moschee gehen wollte. Dann standen sie plötzlich vor uns: Ein alter Mann mit sonnenverbranntem, zerfurchtem Gesicht und ein Esel, beladen mit Netzen voller köstlicher Orangen. "Apfelsina", sagte der Mann. "Gute Apfelsina. Billig Apfelsina."
Aber mein Vater wollte keine Apfelsina. Der Mann machte aus "Billig Apfelsina" "Billig billig Apfelsina". Aber am Preis lag es nicht. Mein Vater wollte kein Netz Apfelsinen mit sich herumschleppen. Der Weg war mühselig genug und in der Stadt konnten wir uns schließlich alles kaufen, was wir wollten. "Hier Apfelsina billig, billig", sagte der Mann: "In City teuer." "Aber wir wollen nicht tragen", beharrte mein Vater. Da schaute er uns mit einem langen, abschätzigen Blick an, drehte sich weg und sagte laut: "Du Kapitalist!"
Das Kindheitserlebnis aus Tunesien hat sich mir tief in die Erinnerung gebrannt. Seither weiß ich, dass bei Fernreisen aus bescheidenen Lehrern schnell Kapitalisten und aus Händlern Bettler werden. Manchmal sind die Einheimischen auch gerissene Gauner, die uns übers Ohr hauen, oder exotische Zootiere, die wir gern fotografieren. Die Begegnung mit den Fremden in der Fremde ist nicht leicht. Selbst wenn man sie erwünscht, sind die Fremden oft anders als erhofft. So las ich vor einem Jahr im Gästebuch eines All-Inclusive-Hotels in der Türkei folgenden Eintrag: "Man kommt doch hier her, um die Einheimischen kennen zu lernen - und dann sind lauter Russen da!"
Ob der Eintrag auch so wütend ausgefallen wäre, wenn es - wie gewohnt - lauter Deutsche gewesen wären? Dass der Auslandsurlaub wirklich zum Abbau von Vorurteilen und zur Völkerverständigung beiträgt, mag jedenfalls bezweifelt werden. Wer also 1. kein Kapitalist ist und 2. wirklich fremde Einheimische kennen lernen möchte, dem empfehle ich als Reiseziel Balkonien. Dorthin kann man sich dann einige Nachbarn einladen, die in diesem Jahr auch nicht verreisen können, weil sie für den
Einbürgerungstest büffeln müssen. Häufig stammen diese Mitbürger, die echte Gastfreundschaft zu schätzen wissen, aus beliebten Urlaubsregionen. So kann man sich wunderbar ergänzen: Die Gäste erzählen vom Bosporus, von Dalmatien oder dem Zweistromland und bringen vielleicht auch etwas Leckeres von dort mit. Wir als Gastgeber stellen das Bier kalt und bringen ihnen bei, was man als geborener Deutscher quasi mit der Muttermilch aufsaugt: Was die Opposition im Bundestag eigentlich macht oder was Willy Brandt mit seinem Kniefall 1970 bezweckte.
Bei den 310 Auswahlfragen des Tests geht der Stoff für gemeinsame gemütliche Abende der Völkerverständigung so schnell nicht aus. Und wenn alle Deutschländer-Kandidaten später bestehen, gibt es gewiss noch eine rauschende Party. Statt Diaabend nach dem Urlaub. Der ist ja eh schon überholt. Apropos überholt: Unsere rheinische Lokalzeitung erklärte Brandts Kniefall damals damit, der Kanzler wolle dem Ostblock in den A... kriechen. Das ist laut Einbürgerungstest falsch. Aber ich hoffe, der sicher schon pensionierte Redakteur wird nicht noch nachträglich ausgebürgert.
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Zum SeitenanfangAls ich fünf Jahre alt war, durfte ich zuschauen, wie mein Vater beim Lehrerfußball mitwirkte. Nach dem Spiel um einen Kommentar gebeten, sagte ich: "Der Papa hat den Ball nie. Und wenn er ihn hat, dann schießt er nicht." Meine Mutter hielt den Spruch sogleich im Sprösslings-Tagebuch fest. Ich bin dennoch kein Sportreporter geworden. Vielleicht, weil ich in Sachen Sportlichkeit stark auf meinen Vater komme. Vielleicht aber auch, weil ich solche öffentliche Bloßstellungen nicht zum Beruf machen wollte.
Vor Kurzem belehrte mich eine Kollegin, dass "Public Viewing" wieder mal so ein typisches Schein-Englisch ist. Der Ausdruck, hierzulande für öffentliches Sport-Übertragungs-Gucken gebraucht, meint im Original nämlich eine öffentliche Zurschaustellung und wird insbesondere bei der Aufbahrung von Toten benutzt. Wenn man so etwas am lebenden Subjekt praktiziert, heißt es Fußballübertragung. Da werden dann (meist) Männer vorgeführt, wie sie mit großen Gesten lügen (was die Zeitlupe nachweist), sich anscheinend vor Schmerzen winden, wie sie falsche und richtige Tränen vergießen, wie sie auf den Rasen rotzen und wie ihnen das Blut aus dem Kopf läuft. Oder wie sie einfach nur ganz schlecht schießen. Wir stehen davor und regen uns auf, beschimpfen sie, lachen sie aus. So was muss es schon in der Steinzeit gegeben haben, als Reinigungsritual.
Aber Reinigung ist heute nicht mehr möglich, denn vom live gesendeten Schmutz bleibt immer etwas hängen, für ewig. Nehmen wir zum Beispiel Zinédine Zidane: Wenn der mal 80 wird und im Kreis seiner Lieben feiert, präsentieren die bestimmt so einen Video-Rückblick, in dem dann alle sehen können, wie ihm die Sicherung durchbrennt und er den Materazzi umstößt. Die erwachsenen Enkel schlagen sich auf die Schenkel. Wer sich public-viewen lässt, muss wissen, was er tut: Er lässt sich vorführen.
Fußball ist wie das Leben, sagt man, und deshalb so reizvoll. Vielleicht bin ich also kein Sportreporter geworden, weil ich immer noch damit hadere, dass es so geht im Leben: Die Fouler kommen durch, die Helden jubeln auf Kosten der Geschlagenen. Die Häme zerreißt jeden, der mal einen schlechten Tag hat, und der Fußballgott tut, was Einstein ihm eigentlich untersagt hat: Er würfelt.
Immerhin gehe ich mit meinem Jüngsten zum Fußball: Väter-Kinder-Kicken im Park. Neulich fragte mich mein Sohn: "Die Kinder gewinnen immer. Wie machen wir das eigentlich?" Mir kamen fast die Tränen. Im Kindergarten weiß man weder, wie Fußball wirklich geht, noch, wie das Leben spielt. Und damit das noch eine Weile so bleibt, werden die Kleinen fürsorglich betrogen. Aber irgendwann kommt dann das Public Viewing und reißt den Schleier kindlicher Illusionen vom Gesicht der Wirklichkeit. Das nennt man Erwachsen-Werden. Public Viewing ist also ein Initiationsritus. Wer ihn aushält, ist groß. Deshalb betrinkt man sich auch dabei. Danach hat man die Reife, Vater zu werden, also einer von denen, die ihre Kinder dabei zuschauen lassen, wie sie den Ball nie haben. Und wenn sie ihn haben, dann schießen sie nicht.
Audio: Fußball ist unser Leben
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Um die Hektik des modernen Lebens zu ertragen, ist wenig so hilfreich wie Meditation. Der Zen-
Buddhismus benutzt dazu gern ein Koan: einen Sinn-Spruch, der jedoch keinen Sinn ergibt, weil er inhaltsleer oder paradox wirkt. Das soll den Übenden über die rationale Logik hinaus tragen, denn die Erleuchtung winkt erst, wo wir mit dem normalen Denken nicht weiter kommen. Leider sind viele Koans für den heutigen westlichen Gebrauch entweder zu altertümlich ("Ich laufe zu Fuß, aber auf dem Rücken des Ochsen reite ich.") oder zu sehr vom fernöstlichen Kontext geprägt ("Was ist der Buddha? Drei Pfund Flachs!").
Glücklicherweise spült uns das moderne Leben jedoch massenhaft Botschaften zu, deren einzige Daseinsberechtigung darin besteht, dass man sie als neue Koans nutzen kann. So erhalte ich schon seit Wochen immer wieder Mails mit der Betreffzeile: "Man lebt nur einmal - probier's aus!" Dieses Koan ist geradezu klassisch zu nennen: Unter der Oberfläche der Sinnlosigkeit verbirgt sich eine Weisheit, die das Denken transzendiert. Natürlich arbeitet auch dieses Koan mit einem Paradox: Denn eine Probe ist laut Definition etwas Wiederholbares. Was man probieren kann, macht man mehrmals. Wie also probieren, dass wir nur einmal leben? Wer sich ernsthaft darauf einlässt, gerät schnell in einen Strudel schwindelerregender Gedanken, die keine Vernunft mehr fassen kann - das ist der erste Schritt zur Erleuchtung.
Allerdings ist Meditation nie ungefährlich. So rate ich Menschen, die in Lebenskrisen stecken oder zu Depressionen neigen, von diesem Koan ab. Sie könnten ihn leicht als Aufforderung zum Selbstmord missverstehen. Das wiederum erinnert mich an ein Erlebnis meiner Kindheit, das zeigt, wie sehr gerade Kinder unbewusst, aber geschickt die paradoxe Struktur des Koans begreifen und umsetzen. Wir waren damals im ersten Schuljahr, meine Cousine und ich, und die Sinnsprüche begannen auf uns niederzuprasseln, insbesondere von unserem Pfarrer und Religionslehrer. Das brachte uns auf die Idee, einmal experimentell nachzuprüfen, was es mit dem Himmel und dem Leben nach dem Tod auf sich habe. Man lebt nicht nur einmal? Wir wollten es probieren.
Aber wie? Wir suchten eine möglichst einfache Methode zu sterben und fanden sie auf dem Wiesengrundstück hinter dem Haus. Dort hatte mein Vater Gartenabfälle verbrannt. Das war zwar damals auch schon verboten, aber mein Vater, obwohl ebenfalls Religionslehrer, tat es trotzdem. Das Leben steckt eben voller Paradoxe. Uns kam die alte Feuerstelle wie gerufen, denn wir dachten, der Verzehr der kalten Asche würde uns sicher ins Jenseits befördern. Also aßen wir ein Stück. Allerdings nur ein sehr kleines Stück und sehr vorsichtig. Wir hatten nämlich doch Sorge, es könne uns davon schlecht werden. Das Ergebnis fiel entsprechend aus: Uns wurde zwar nicht schlecht, wir starben aber auch nicht. Wir hatten uns an das Koan gehalten: besser nur probieren!
Doch nun genug mit Kindergeschichten. Zur weiteren Übung meditieren Sie bitte ein Koan, das ebenfalls elektronisch im Umlauf ist. Es reflektiert die Hektik des modernen Lebens mit feiner Ironie. Während wir stets in Sorge sind, zu spät zu kommen (was bekanntlich das Leben bestraft), rät es uns: "Nie mehr zu früh kommen!"
Audio: Meditationshilfe per Mail
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Wie Stephan Josef die
weinenden Männer vorführt, hat mich sehr gerührt - nicht gerade zu Tränen, aber ich musste darüber nachdenken, wann ich eigentlich weine. Ich würde es ja gern im Kino tun, das ist so befreiend, tut einfach gut. Aber ich finde keinen geeigneten Film dafür. Gerade die Liebesfilme, wenn sie auf Tränen angelegt sind, wirken schnell kitschig und realitätsfern. Einen Liebesfilm, der zugleich sozial und politisch nah an der Wirklichkeit ist, findet man kaum. Dabei drängen sich die Geschichten doch geradezu auf. Ich jedenfalls habe da schon ein Drehbuch im Kopf:
Sie und er begegnen einander in der Selbsthilfegruppe "Anonyme Bespitzelte". Sie war Verkäuferin bei Lidl, hat dem Druck aber nicht Stand gehalten. Sie kündigte, blieb arbeitslos, bekam ein Alkoholproblem, ihr Mann verließ sie. Sie lebt jetzt von Hartz IV. Damit ist auch die Besetzung klar: Ex-Verkäuferin Gisela wird von
Gabriela Maria Schmeide gespielt. Niemand kann Loserinnen so wie sie. Ich weine schon bei der Vorstellung.
Er war einmal Personalchef bei der Telekom, Mitglied des Vorstandes. Ein deutscher Top-Manager. Aber seit er erkannt hat,
wie der Konzern seine eigene Führungsriege ausspionierte, kann er nicht mehr durchschlafen. Auch die Arbeit fällt ihm schwer, denn er kann nicht mehr telefonieren. Ständig meint er ein Knacken in der Leitung zu hören. Nachts grübelt er nach, ob sie auch ihn damals ausgespäht haben. Schließlich galt er als Außenseiter im Vorstand, zu nah bei der Gewerkschaft. Heinz Klinkhammer spielt in dem Film sich selbst. Sogar seine Familie hat ihn bestärkt, die Rolle zu übernehmen, damit er dem Ricke noch mal eins auswischen kann.
Nachher sitzen die beiden in einer muffigen Imbissbude beim Bier. Stoßen mit den Flaschen an. Er sagt "Gisela", sie "Heinz". Sie erzählt, dass sie nicht mehr ohne Angst auf die Toilette gehen kann. Ständig dieses Gefühl, beobachtet zu werden. "Bei mir ist das Büro das Klo", sagt er. Noch später bei ihr in der Etagenwohnung. Sie sitzen nebeneinander auf der Bettkante. Berühren sich unsicher. "Ich dachte nie, dass mir so einer mal nah sein könnte", sagt sie. "So ein großes Tier." "Wenn man Opfer geworden ist, zählt keine Steuerklasse mehr", sagt er. Spätestens bei dieser Szene werden im Kino die Taschentücher herausgeholt. "Ich habe das Gefühl, durch dich lerne ich das Leben erst kennen", sagt Heinz dann noch. "Ich wollte schon immer spüren, wie das wirkliche Leben ist. Also das Leben der Anderen."
Unsicher bin ich mir noch beim Schluss. Ich meine, er sollte ein wenig komisch sein, um die Schwere zu brechen. Vielleicht kehren die beiden noch einmal in die Selbsthilfegruppe zurück, die sie schon lange nicht mehr besucht haben. Sie waren eine Selbsthilfegruppe zu zweit. Aber jetzt wollen sie die anderen noch einmal treffen. Und dann sitzen da plötzlich
Wolfgang Schäuble und
Gregor Gysi einträchtig nebeneinander in der Runde. "Was machen die denn hier?", fragen die beiden entrüstet. "Wir haben den gleichen Therapeuten gehabt, schon lange, ohne es zu wissen", sagt Gregor. "Und der hat uns hier hin geschickt", ergänzt Wolfgang. "Wir sollten mal sehen, wie es den Opfern geht."

Audio: Die Liebe der Bespitzelten
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Zum SeitenanfangKaum rollt die erste Hitzewelle über das Land, gehen die Menschen ganz anders aus sich heraus. Das habe ich in der vergangenen sonnigen Woche am Kölner Hauptbahnhof festgestellt. Mein Zug hatte Verspätung, so konnte ich mich in Ruhe auf das konzentrieren, was wildfremde Leute einander am Gleis zu sagen haben.
Die Botschaft des jungen blonden Mannes war so kurz wie eindeutig: "Sex". Aber die gleichaltrige Frau reagierte eher abweisend, als sie an ihm vorüber ging: "Boys come, boys go", war ihre ernüchternde Antwort. Etwas abseits standen zwei andere Herren, die es verklausulierter versuchten. "I would like to be your friend", meinte der eine. (Es überwog an diesem Tag auf dem Bahnhof eindeutig das Englische. Wir sind eben eine internationale Stadt.) Der andere versuchte es mit einem geradezu raffinierten Argument: "Trust me, I'm a doctor". Aber auch das verfing nicht. Die attraktive Rothaarige, der er sich genähert hatte, konterte eindeutig - und auf Deutsch: "Heute ist nicht mein Tag." Das musste auch der sportliche Enddreißiger auf sich wirken lassen, der den Spruch mit dem Doktor griffig auf ein Wort verkürzt hatte: "Sanitäter". Vielleicht hätte er mehr Chancen bei der vollbusigen Dame im engen T-Shirt gehabt, die ihre auffällige Erscheinung öffentlich mit den Worten kommentierte: "No Silicon needed". Aber an ihr ging er in weiter Entfernung vorbei.
Später, als ich dann endlich in den Zug steigen konnte, wurde ich noch Zeuge eines Wortwechsels, der weniger erotisch aufgeladen war, aber doch geheimnisvoll blieb. Im engen Gang drängten zwei Jugendliche aneinander vorbei. Der eine: "Ich will Rente!" Der andere: "And one".
So haben Sie die Leute am Bahnhof noch nie reden gehört? Auch ich habe sie nicht gehört, sondern gelesen. Es war eine stumme Unterhaltung, geführt nicht mit dem Mund, sondern mit den T-Shirts. Seit die nicht mehr nur mit Markennamen und Comics bedruckt sind, füllt sich die Welt, sobald es warm wird, mit Parolen und Bekenntnissen. Wir ziehen nicht nur die Jacken aus, wie kehren gleich unser Innerstes nach außen, unsere heimlichen Wünsche vom Sex bis zur Rente. Die Menschen hasten stumm aneinander vorbei, aber sie haben doch etwas zu sagen. Manchmal sogar Dinge, die sie nie sagen würden.
Friedrich Schiller erhoffte einst vom Götterfunken Freude, dass er zusammenführe, "was die Mode streng geteilt". Im modernen Leben ist es gerade die Mode, durch die wir im freudlosen Alltag Kontakt suchen. Früher trug man das Herz auf der Zunge, heute - anatomisch viel näher liegend - auf der Brust. Allerdings sind die meisten Hemdensprüche nicht individuell, sondern von der Stange. Konfektionsware - ganz so wie die meisten Lippenbekenntnisse auch.
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Zum SeitenanfangDieser Tage kramte ich mal wieder in meiner alten Plattensammlung. Zugegeben: zum Aussortieren. Denn obwohl ich noch einen Plattenspieler besitze, nutze ich die nostalgische Technik doch immer weniger. Da fiel mir auch die Erfolgs-LP von Herbert Grönemeyer in die Hände: "4630 Bochum". Ich erinnere mich noch, dass ich den Refrain des Titelsongs damals nie richtig verstanden habe. Ich dachte immer, Grönemeyer sänge dort "Afrikaaa - Bochum." Der Text auf der Plattenhülle lautet aber: "Glück auf - Bochum." Dieses "Afrikaaa" kommt zu stande, weil Grönemeyer (bis heute) stets so einen gurgelnden, knödelnden A-Laut aus der Kehle würgt, sobald er sich beim Singen dem Refrain nähert.
Für mich hatte dieser Verhörer damals aber irgendwie Sinn. Ich bin im Rheinland aufgewachsen, und Bochum lag ganz weit weg. Der Ruhrpott war eine andere Welt, arm, hart, dunkel - ein schwarzer Kontinent sozusagen. Während meiner Schulzeit haben wir einmal einen Klassenausflug dahin gemacht, um diese fremde Welt kennen zu lernen. Der Höhepunkt war - neben einer Currywurstbude - das Opelwerk. Gigantisch und laut. Unser Chemielehrer raunte uns in einer Fließbandhalle zu, wir sollten uns anstrengen und das Abi schaffen, damit wir nicht mal so eine Arbeit machen müssten. Seit diesem pädagogischen Motivationsversuch war Bochum für mich das, wo man hinkommt, wenn man auf der Schule versagt.
Was ich später von Bochum in den Nachrichten hörte, war nicht gerade dazu angetan, diese Vorurteile abzubauen. Stets ging es um Arbeitslosigkeit, Zechenschließungen, abwandernde Firmen. Auch für das Opelwerk, das einst der Förderung meines schulischen Fleißes diente, schien vor einiger Zeit schon Schicht zu sein. Aber nun, in den letzten Wochen, lauten die Schlagzeilen plötzlich ganz anders: General Motors will in sein Bochumer Opelwerk
650 Millionen Euro investieren. Angeblich zeigt auch Nokia Reue und steuert demnächst 30 Millionen für eine Stiftung
"Growth for Bochum" bei. Das klingt nach blühender Landschaft. Und dann zieht auch noch
Blackberry in die Grönemeyer-Stadt, eine Firma, die ein herausragendes Symbol des modernen Lebens produziert, ein Spielzeug für Erfolgsmenschen. Also tatsächlich nur noch "Glück auf" und nichts mehr mit "Afrikaaa"?
Wie immer, wenn der Turbokapitalismus Dampf ablässt, sollte man vorsichtig sein. Schließlich ist auch Nokia einst begeistert begrüßt worden als Speerspitze des Strukturwandels. Aber dann waren die Subventionen verschwunden wie die Entwicklungshilfe in Afrika und Nokia gleich mit. Es gibt in Bochum, in der Innenstadt, ein Viertel, das man uns damals auf dem Klassenausflug vorenthalten hat. Das nennt sich
"Bermuda-Dreieck", angeblich deshalb, weil dort schon mancher abends abgetaucht ist, ohne jemals wieder aufzutauchen.
Audio: Afrikaaa - Glück auf!
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Zum SeitenanfangIch bin mit Tieren groß geworden. Wir hatten Katzen zu Hause, Vögel und weiße Mäuse. Das hört sich idyllisch an. In Wahrheit weiß ich aber gerade deshalb um das prekäre Verhältnis von Mensch und Tier in der modernen Zivilisation. Nehmen wir zum Beispiel Koko, den Wellensittich: Der war so zahm, dass er hin und wieder einige Runden im Wohnzimmer drehen durfte. Der Käfig blieb dann offen, und wenn er müde wurde, flog Koko wieder heim. Eines Tages stand ich am geöffneten Küchenfenster und schlug eine Tischdecke aus. Plötzlich sah ich ein grünes Etwas über meinem Kopf, das schnell in der verschneiten Winterlandschaft verschwand. Das war ein berückend schöner Anblick, aber es war wohl auch Kokos Ende. Ich hatte nicht darauf geachtet, dass der Käfig noch offen war.
Auch für die weißen Mäuse bedeutete Freiheit den Tod. Wir Kinder ließen sie immer wieder versehentlich aus dem Käfig. Und wir hatten ja Katzen. Aber auch die waren ihres Lebens nicht sicher. Es gab in unserer Straße nämlich einen Nachbarn, der im Garten Gift auslegte. Er war ein Singvogelfreund, der glaubte, unsere Katzen würden einen Vernichtungsfeldzug gegen Amsel, Drossel, Fink und Star führen. Deshalb führte er einen gegen unsere Katzen. Weil sich Katzen schlecht erziehen lassen, kam manche von ihren Ausflügen nicht zurück.
Wenn man das Fernsehprogramm und die Gehsteige zum Maßstab nimmt, so lieben wir Tiere: Das eine ist voller Zoosendungen, der andere voller Hundescheiße. Aber unter der Oberfläche von Knut- und Flocke-Begeisterung wabert Unheimliches:
Im Kreis Düren sterben Greifvögel an Giftködern. Die Polizei vermutet Jäger als Täter, welche lästige Konkurrenten aus dem Weg räumen möchten.
Im Ruhrgebiet köpft ein Unbekannter Kaninchen und Hühner, stiehlt die Köpfe und das Blut. Satanistische Rituale? Das fragt sich auch die Polizei.
Durch das Münsterland zog sich jetzt ebenfalls eine Blutspur. Allerdings nur, weil ein Lkw 1.000 Liter Tierblut verloren hatte. Da hätte sich der Satanist leichter bedienen können.
Der Mensch kam als Jäger zur Welt, und dieses Erbe scheint insbesondere der Mann nur schwer los zu werden. Jäger sind Heger, sagen die modernen Jäger. Aber damit ist auch klar, dass Heger Jäger sind. Weil sich jedoch nur wenige ein Jagdrevier leisten können und kaum einer im Schlachthof arbeiten möchte, wissen wir oft nicht, wohin mit unseren dunklen Trieben. Dabei gibt es einen Ausweg: den wirtschaftlichen Erfolg. Nachdem die Männer Mammut und Säbelzahntiger ausgerottet hatten, erfanden sie den Raubtierkapitalismus. Seither ist das Symbol der Männlichkeit nicht mehr die Keule, sondern die Krawatte. Den engen Zusammenhang hat kürzlich wieder
eine Studie der altehrwürdigen Universität zu Cambridge nachgewiesen. Danach sind Männer mit einem hohen männlichen Hormonspiegel an der Börse erfolgreicher. Testosteron stärkt offensichtlich den Killerinstinkt im Kursdschungel. Daraus ergibt sich, dass die tierischen Probleme zwischen Dortmund und Düren durch eine Bildungsoffensive zu lösen sind: Katzen-, Kaninchen- und Habichtmörder sollten ebenso wie Kampfhundfans und Luftgewehrfreaks gezielt auf BWL und VWL umgeschult werden. Ich schlage eine Kampagne vor: "Ganze Kerle jagen den Dax". Damit wäre der Konjunktur und dem Tierschutz geholfen.
Dieser Artikel hat alte Erinnerungen in mir wach gerufen, an die ich schon lange nicht mehr gedacht habe: Wir hatten auch einen Wellensittich namens Koko - gleich drei hintereinander: Der eine ist auch weggeflogen - auf nimmer Wiedersehen - der zweite ist im Putzeimer gelandet, konnte aber noch gerettet werden, der dritte ist fast verhungert, weil meine Mutter beim Saubermachen des Futternapfes die dafür bestimmte Abdeckung falschrum draufgesetzt hat, was zur Folge hatte, dass die für Koko Nr. 2 bestimmten Körner für ihn unerreichbar blieben. Aber irgendwann - ich weiß nicht mehr wie - hat eines der fünf Familienmitglieder gemerkt, was los war, und so konnte Koko doch noch das Leben gerettet werden. Koko Nr. 3 war sehr depressiv - er hat sich ständig die Federn ausgezupft, das war nachher so schlimm, dass es für ihn das beste war, ihn mittels Schuss aus einem Luftgewehr einzuschläfern.
Danach gab es keinen Koko mehr - dafür aber zwei Ziegen namens Astor und Pollux. Die Ausführngen über diese zwei Geschöpfe würden aber hier alles sprengen....
Brigitte am 22.04.08 11:19
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"Ja, ja, auch der reichste Krösus kann schnell alles verlieren. Das kann man schon
bei Herodot lesen", murmelte ich vor mich hin - denn ich dachte gerade über die Bankenkrise nach. Meine Kinder lachten mich aus. "Erstens wird das Hiro ausgesprochen, zweitens sagt man dotcom und drittens ist hero.com ein Portal für Musik-Downloads."
Für meine Blagen ist das Abendland des Herodot schon lange untergegangen und sie vermissen es nicht. Statt dessen wollen sie sich jetzt bei Aka-Aki registrieren. "Was ist denn das schon wieder für ein Quatsch?", fragte ich. "Gar kein Quatsch!", entgegneten sie: "Das wird sogar bei euch bei WDR.de besprochen." Was für ein raffinierter Schachzug, um den Vater matt zu setzen. Tatsächlich
erklärt mein Computer-Blog-Kollege Jörg Schieb die Sache mit Aka-Aki: Da kann man sich auf einer Homepage registrieren lassen und dann per Handy ständig checken, wo die Freunde gerade sind oder Fremde auf der Straße orten, die auch dort registriert sind. Weil sie ein persönliches Profil hinterlassen, lässt sich auch gleich prüfen, ob man sie kennen lernen möchte. Jörg Schieb bemängelt daran nur, dass die Sache mangels Teilnehmer noch nicht so recht funktioniert. Vielleicht haben ja manche Bedenken vor so viel Vorratsdatenspeicherung. Wolfgang Schäuble jedenfalls müsste hoch erfreut sein, dass es Bürger gibt, die freiwillig eine Blankovollmacht zur Handyüberwachung ins Netz stellen!
Die neuerdings so bezeichnete
"Generation Doof" läuft also demnächst mit aktiviertem Handy als sozialem Geigerzähler durch die Fußgängerzonen. Wenn's piepst, heißt das: "Freunde in der Nähe" oder "Achtung, Kontakt anbahnen!" Um Freunde zu treffen oder kennen zu lernen, gingen wir früher in die Kneipe, in die Disko oder ins Freibad. Das funktioniert heute nicht mehr, weil die Leute dort entweder ihren MP3-Player im Ohr haben oder telefonieren. Und woher soll ich wissen, ob die Schöne an der Theke nicht nur schön, sondern auch nett ist? Also erst mal online prüfen und dann mobil anfunken. Wirklich sexy!
Herodot-Leser und Daten-Striptease-Muffel werden den Zug der Zeit nicht aufhalten. Mit unserem Unverständnis beweisen wir nur, dass wir alt werden. Das müssen mir meine Kinder nach der Diskussion über Aka-Aki gar nicht erst aufs Brot schmieren. Kulturkritiker wehren sich gegen dieses Gefühl des Alterns mit bösen Diagnosen über die Gesellschaft. Die Jugend reize das Spiel mit der Identität, werden sie sagen, weil sie ihre Identität eben noch nicht gefunden habe. Aber wer will denn heute noch eine Identität finden? Und wenn schon, dann geht das ganz einfach mit Microsoft. Das habe ich kürzlich im Hilfe-Menü von "Outlook Express" gelesen. Dort heißt es, wörtlich: "Um zu einer anderen Identität zu wechseln, klicken Sie im Menü Datei auf Identität wechseln."
Audio: Nie mehr allein dank Aka-Aki
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Sehr gelacht! Danke.
am 17.04.08 17:27
Big Brother is watching you.
Leider! Man wird diese Entwicklung nicht aufhalten können. Die virtuelle (online) und reale Welt werden immer mehr verschmelzen.
Marco am 12.05.08 20:23
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Zum Seitenanfang"Das Ei ist ein Symbol des Lebens", dozierte ich vor meinen Kindern, sobald ich wieder Luft bekam. Ich war nämlich etwas außer Atem, vom Eier-Ausblasen. Aber die Osterbastelaktion sollte doch nicht ohne ein wenig Belehrung ungenutzt verstreichen. Also: "Erstens schlüpfen ja die Küken aus den Eiern. Und zweitens ist das Ei rund, ein Zeichen für Vollkommenheit und Ewigkeit." "Und was ist mit dem Hasen?", fragte meine Tochter.
Ach ja, der
Hase. Keiner glaubt mehr an ihn. Schon im Kindergarten rufen sie den beliebten Spottvers: "Angsthase, Pfeffernase, morgen kommt der Osterhase." Damit wird zugleich der Kinderglaube verulkt und der schlechte Ruf des Hasen als Feigling gefestigt. Ganz abgesehen von dem Zynismus des Ausdrucks "Pfeffernase" - spielt er doch auf den erlegten und schon zubereiteten Hasen an. Denn der liegt bekanntlich im Pfeffer.
Dabei meine ich, es sei höchste Zeit für eine Ehrenrettung des Hasen. Während
George W. Bush den Irakkrieg zu dessen fünftem Jahrestag "gerecht und edel" nennt und die Bundeswehr erstmals seit 1945 wieder einen Tapferkeitsorden einführen möchte, sollte sich das Häuflein der letzten aufrechten
Ostermaschierer den Hasen ins Wappen malen. Schließlich dokumentiert das Häschen die pazifistische Seite der Evolution: Wenn es nicht in der Grube sitzt und schläft, dann stellt es seine großen Ohren auf, damit ihm keine Gefahr entgeht. Und wenn eine naht, setzt es seine einzige Waffe ein: die sprichwörtlichen Hasenfüße. Damit kein Jäger merkt, wohin der Hase läuft, schlägt er gekonnte Haken. Und sollte er doch einmal erwischt werden, dann stellt er sich dumm. Er weiß von nichts. Sein Name ist Hase.
Der griechische Dichter Aischylos, der erste Dramatiker der Welt, lässt einen Krieger zu Wort kommen, der beim Angriff des Feindes lieber seine Waffen wegwirft als zu kämpfen und - wie eine altertümliche Redensart sagt - das Hasenpanier ergreift. Der Soldat wusste, was ihn erwartete. Er war ein alter Hase. Die abendländische Kultur beginnt mit einem Lob des Angsthasen. Leider haben die meisten das vergessen.
Ich war schon wieder außer Atem. Jetzt nicht mehr vom Eierausblasen, sondern von der langen Rede, in die ich mich hineingesteigert hatte. Leider waren meine Kinder nur mäßig beeindruckt. "Hase und Ei gehören wohl zusammen, weil der Hase ein Weichei ist", meinte mein Sohn. Und meine Tochter fand mich ein wenig weltfern. "Weltfern ist gut", entgegnete ich trotzig. "Wahrscheinlich liegt das Paradies genau dort, wo sich Fuchs und Hase gute Nacht sagen. Oder auch Hase und Tiger, wie es mal in einem Zoo gelungen ist." "Und was ist mit dem Igel?", fragte meine Tochter. "Welcher Igel?" "Na, der hat doch den Hasen besiegt." "Ach so", sagte ich entrüstet. "Das ist erstens ein Märchen. Und zweitens war der Igel zu zweit, also unfair. Und drittens war das bestimmt kein echter Hase. So wie diese Schokohasen bei genauerem Hinsehen eigentlich Schokokaninchen sind." "Also falscher Hase", sagte mein Sohn.
Audio: Angsthase, Pfeffernase
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Zum SeitenanfangEigentlich wird es allmählich wärmer. Eigentlich verkünden die Vögel morgens früh schon den Frühling. Eigentlich. Aber die Mienen der Menschen in diesem Land wirken wie eingefroren. Gefroren das Lächeln auf den Lippen der sonst so fröhlichen Frau Ypsilanti in Hessen oder bei Hamburgs fidelem Spitzenliberalen Hinnerk Fock - vom Lächeln der Kanzlerin ganz zu schweigen. Warum nur alle diese eisigen Gesichter?
Ich schalte lieber den Fernseher aus und gehe ein bisschen hinaus, spazieren. Die ersten Blumen blühen im Vorgarten, an den Zweigen knospet es, die Sonne wärmt und blendet. Das geht schon wieder so schnell in diesem Jahr, denke ich. Vielleicht gibt es wieder Hochsommer im April. Und mit einem Mal begreife ich, was die Gesichter im Fernsehen so einfrieren lässt: Es sind Veränderungen, die einfach zu schnell kommen. Die Wähler wählen, wie sie wollen, wankelmütig wie das Wetter. Das Parteiensystem "erodiert", wie die Politologen sagen. Das klingt nach Klimakatastrophe: Ein Starkregen und schwups ist der Ackerboden weggewaschen. Eine Abstimmung und schwups können die Politiker mit ihren Aussagen von vor der Wahl nichts mehr anfangen.
Im modernen Leben scheint nicht mehr der Herbst das Symbol der Vergänglichkeit zu sein, sondern der Frühling: Diese Wärme, die viel zu früh kommt und vor der die Bauern Angst haben, weil sie all das Ungeziefer weckt, bevor noch die Saat ausgebracht ist. Uns fehlt der Frost, der einmal alles erstarren lässt, den rasenden Strom der Zeit, all das hektische, überhitzte Getue ...
Das hat jetzt auch die norwegische Regierung begriffen und im ewigen Gletschereis ihrer nördlichsten Provinz, auf
Spitzbergen, einen Bunker errichtet, "das wichtigste Geschenk, das wir der Menschheit machen können", wie Landwirtschaftsminister Terje Riis-Johansen sagt. In einer Lagerhalle unter dem Eis sollen alle Pflanzensamen eingefroren werden, die der Menschheit wichtig sind. 175 Länder haben schon ihre Tütchen gepackt, darin allein 10.000 Reissorten. Das Projekt lässt das Herz jedes Apokalyptikers und Katastrophenfilmers höher schlagen: Wenn der Tanz der Menschheit auf dem Vulkan einst in einer Katastrophe beendet sein wird, werden sich die Überlebenden in waghalsigen Expeditionen zum Polarkreis aufmachen, um dort in den Regalen nach ihren liebsten Reissorten zu suchen.
Dass die Tiefkühlarche funktioniert, hat Spitzbergen dieser Tage schon bewiesen. Dort fanden Forscher einen 150 Millionen Jahre alten Pilosaurier, 15 Meter lang, gut erhalten. Sie nannten das Tier liebevoll "Monster". Das sollte uns ermutigen, nicht nur Samen auf Eis zu legen, sondern alles, was wir unseren Nachkommen vererben wollen, ihre größten Errungenschaften, in Kopie und digitalisiert. Sicher wird das hierzulande eine schwierige Diskussion auslösen. Aber man könnte zunächst ja einfach alles nehmen, was es beim ZDF unter "unsere Besten" schafft. Zusätzlich natürlich das, was vom Verschwinden bedroht ist, von dem man nie weiß, ob man es nicht doch noch einmal braucht. Zum Beispiel die FDP. Und natürlich das Lächeln, ohne das es sich nicht zu leben lohnt. Das ist ja oft schon eingefroren.
Audio: Eingefroren
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Zum SeitenanfangKaum ein Problem bedrückt heranwachsende Jungen so sehr wie mangelndes Heranwachsen. Ich weiß, wovon ich spreche: Mein Sohn gehört nicht zu diesen Hünen, die ihren Eltern und Lehrern auf den Kopf spucken können. Er bekam leuchtende Augen, als er endlich die Größe seines Opas erreicht hatte - mit 16. Leider bestärken viele Erwachsene die Jungen noch in ihrem Wachstumsfetischismus. Wer kennt nicht das Gerede von kleinen Männern als ehrgeizigen Giftzwergen und komplex-getriebenen Wadenbeißern?
Dabei wusste es schon die Bibel besser. Sie erzählt vom Hirtenjungen David, der allein mit der Steinschleuder den hoch gerüsteten Riesen Goliath besiegt. Große, lehrt uns das, sind mitunter tumbe Toren. Kleine dagegen sind wendig, flexibel, gewitzt. Wer es nicht so mit der Bibel hat, der mag in den Wirtschaftsteil der Zeitung schauen: Ständig kaufen sich die großen Konzerne gegenseitig auf, fusionieren und expandieren, weil angeblich nur Größe unschlagbar macht. Was dabei herauskommt, heißt dann Daimler-Chrysler oder Karstadt-Quelle.
In der Politik ist es nicht anders: Da kloppen sich die G's um die Sitze im Weltsicherheitsrat, die EU erweitert und erweitert sich, um mit Amerika und Asien mithalten zu können. Deutschland ist wieder wer und muss deshalb am Hindukusch verteidigt werden. Während die Goliaths viel Getöse machen, verstecken sich die Davids zwischen ihren Beinen und lassen es sich gut gehen. Die sozialen Krisen des Kontinents konzentrieren sich jedenfalls nicht in der Schweiz, Andorra, Monaco oder - Liechtenstein. In der Schweiz hat die David-Goliath-Geschichte sogar eine landestypische Neufassung erhalten: David heißt hier Tell und die Steinschleuder ist eine Armbrust.
Allerdings ist die allgemeine Überschätzung der Größe so dominant, dass auch die Kleinen nicht ganz ohne psychische Kompensation auskommen. Dann importieren sie Hollywoodstars als Fürstinnen oder tragen Namen, die länger sind als die Landesgrenzen im Atlas.
Prinz Alois von und zu Liechtenstein hat dieser Tage auch das Vorurteil von der leicht hysterischen Neigung der Kleinwüchsigen bestärkt. Von Deutschland aus sei ein "vollkommen überrissener Angriff auf Liechtenstein" gestartet worden, sein Land werde von einem "Großstaat angeschossen". Und das nur, weil deutsche Agenten sich einmal einer typischen David-Strategie bedient haben: mit ein paar Millionen die Gesetze der Nachbarn unterlaufen. Die Aufregung in Vaduz wirkt da schon ein wenig überrissen.
David hat ein labiles Selbstbewusstsein. Deshalb ist "Klein, aber oho!" das wirklich letzte Kompliment, dass Männer hören wollen. Ich glaube, das mangelnde Selbstbewusstsein der Kleinen liegt an der Propaganda der Großen, und die entspringt purer Angst. Denn die Kleinen sind einfach erfolgreicher - und Erfolg macht bekanntlich sexy. Wenn sich das erstmal herum spricht, hat Goliath seinen letzten Vorteil verspielt: den bei den Frauen. Das sage ich meinem Sohn.
Audio: Die David-Strategie
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Als ich dieser Tage mal wieder meine Freundin Elke im Biosupermarkt traf, lagen in ihrem Einkaufskorb lauter kleine Tütchen für Suppen und Tees und sonst nichts. "
Heilfasten", sagte sie in meinen fragenden Blick hinein. "Wieso das?" fragte ich: "Hat Dich etwa
Stephan Josefs Nörgelei über die dicken Deutschen so gepackt? Das hast Du doch gar nicht nötig!" Irgendwie kam mein Kompliment bei ihr nicht an, und sie sagte reichlich genervt: "Heilfasten hat doch nichts mit Abnehmen zu tun. Das ist was Ganzheitliches."
Offensichtlich hatte sie schlechte Laune. Vielleicht fastete sie ja schon ein paar Tage, und der leere Magen begann seine ganzheitliche Wirkung zu entfalten. Eigentlich hätte ich also das Thema wechseln sollen, aber dieses "ganzheitlich" wirkt bei mir wie ein Schlüsselreiz für ironische Bemerkungen. So rutschte mir gleich der Satz heraus: "Du glaubst doch nicht etwa an dieses
Märchen vom Entschlacken?" "Aber du glaubst immer noch an die Schulmedizin wie an das Evangelium!", konterte sie. Und beim Stichwort Evangelium fiel ihr ein, dass das Kölner Domradio jetzt einen SMS-Service für Fastende anbiete: Jeden Tag ein Bibelspruch als Hilfe zum Durchhalten. "Das müsste Dir als Theologe doch gefallen!"
Ich als Theologe meinte im Gegenteil, das könne leicht daneben gehen. "Stell Dir vor, die schicken Dir: 'Besser etwas vor Augen zu haben als einen hungrigen Rachen' - vom Prediger Salomo, oder gar vom Propheten Jesaja: 'Der Herr wird für alle Völker ein Festmahl geben mit den feinsten Speisen, ein Gelage mit erlesenen Weinen'. Dann ist es aber vorbei mit dem Spaß an Gemüsebrühe." Elke schüttelte traurig den Kopf. Sie hielt mich nun endgültig für einen Ignoranten in Sachen ganzheitlicher spiritueller Erfahrung. "Dir entgeht einfach was, wenn du das nie erlebst, wie leicht man sich fühlt nach einiger Zeit Fasten. Ein wenig leer und zerbrechlich, aber auch völlig leicht und klar, es ist ein bisschen wie schweben."
Jetzt war es an mir, besorgt zu gucken. "Du warst nicht etwa in letzter Zeit in Vlodrop?" fragte ich. "Vlodrop? Was ist das?" "Das ist ein kleiner Ort, direkt hinter der deutsch-niederländischen Grenze." "Und was sollte ich da?" "Na, ich hatte so einen Verdacht, als du vom Schweben redetest. Denn in Vlodrop lebte bis vergangene Woche der
Maharishi Mahesh Yogi." "Ach, der von den Beatles. Der ist doch gestorben." "Genau. Und der hat seinen Leuten das Fliegen beigebracht. Oder zumindest das Schweben." "Und da siehst du mal, wie effektiv das Heilfasten ist", sagte Elke und strahlte mich endlich fröhlich an. "Für das Yogi-Schweben musste man nämlich Kurse in Transzendentaler Meditation belegen für ein paar tausend Euro. Beim Heilfasten dagegen hebst du ab und sparst noch dabei." Nachdenklich sah ich in meinen vollen Einkaufswagen.
Audio: Zeit für Leichtes
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Mit einem Mal ist mir klar geworden, warum ich dem neuen Jahr
so skeptisch gegenüber stand: Es ist das
"Jahr der Mathematik". Am 27. Januar wurde es in Berlin offiziell eröffnet. Ich habe keine Ahnung, warum das mathematische Neujahr auf den 27. fällt, wahrscheinlich haben sie irgendwie die Zahl der Tage eines Jahres durch die Stunden eines Tages geteilt und mit der nächst höheren Primzahl nach dem Geburtsdatum von Gauß multipliziert... Wie auch immer: Mir könnte man es nicht erklären, denn
so gut ich in Bio war, so ein Versager blieb ich stets in Mathe.
Nie vergessen werde ich die ironische Bemerkung meines Mathelehrers irgendwann kurz vor dem Abitur: Mathematik brauche man praktisch überall. Nur als Jurist vielleicht nicht - und als Theologe. Dabei blieb sein wandernder Blick an mir hängen. Dieser Blick drang mir durch Mark und Bein, und so beschloss ich, Theologe zu werden. Heute bin ich meinem Lehrer dankbar, denn ich glaube, durch ihn ist der Menschheit manches erspart geblieben. Leider fehlte jedoch anderen Oberschülern, die so wenig rechnen konnten wie ich, ein solch beherzter Lehrerspruch im richtigen Moment. Deshalb zog es viele Mathe-Versager nach dem Abitur nicht in die brotlose Geisteswissenschaft - deren Jahr wir 2007 begingen. Vielmehr machten sie dreist Karriere als Banker, Manager und Börsianer - oder gar als Finanzpolitiker.
Woher ich das weiß? Aus einem einfachen Umkehrschluss: Wie könnte es sonst passieren, dass öffentliche Haushalte beschlossen werden, von denen jeder weiß, dass sie nicht aufgehen können? Oder wie kommt es, dass manchen Banken erst jetzt allmählich auffällt, wie groß ihre Verluste am amerikanischen Immobilienmarkt sind - Monate, nachdem der in die Krise geriet? Offensichtlich sitzen da in den Chefetagen Leute, die beim Kopfrechnen immer noch heimlich ihre Finger zählen. Das dauert dann. Aber selbst das mit den zehn Fingern klappt nicht richtig. Denn die Herren von der
WestLB steckten ihre Millionen in ein Fernsehunternehmen, dessen Misserfolg man sich schon an den Fingern einer Hand hätte ausrechnen können. Aber
ich wiederhole mich.
Oder nehmen wir Herrn Olli-Pekka Kallasvuo. Der
Nokia-Chef will sein Werk in Bochum schließen, obwohl es Gewinne macht. Er muss einen Unterschied nie begriffen haben, an den ich mich sogar aus dem ungeliebten Unterricht erinnern kann: den zwischen positiven und negativen Zahlen. Und das passiert im Land der Pisa-Gewinner! Auch den
Börsen-Crash der vergangenen Woche kann ich mir nur dadurch erklären, dass es an Pädagogen wie meinem Mathe-Pauker leider sehr mangelt. Wie könnte es sonst sein, dass all diese Börsen-Gurus im Nachhinein stets genau erklären können, was geschah, es aber einen Tag vorher nicht erkannten.
Damit bin ich wieder bei der Theologie. Dort habe ich nämlich gelernt, dass es sich mit manchen Prophetensprüchen in der Bibel ganz ähnlich verhält: Sie wurden in Wirklichkeit erst nach dem Ereignis geschrieben, das sie beschreiben. Sie sind gar keine exakte Vorhersage, sondern eine poetische Deutung des Geschehens. Ich glaube, an manchem Analysten ist ein solcher Poet verloren gegangen. Und vielleicht würden auch Ex-Banker Jürgen Sengera und Olli-Pekka Kallasvuo ganz leidliche Prediger abgeben, die ihre Gläubigen erfreuen. Hätten sie denn den richtigen Lehrer gehabt. Aber jetzt ist es zu spät - da nützt auch das Jahr der Mathematik nichts mehr.
Audio: Der Nokia-Chef und die Theologie
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Diese Erklärung gefällt mir. In der Firma, in der ich vor ca. einem Jahr noch gearbeitet habe, hatten wir auch solche Strategen im Management. Trotz positiver Zahlen wurde der Laden dicht gemacht, um dann hinterher unsere Tätigkeiten durch die Firma der weltgrößten Schwarzgeldspezialisten erledigen zu lassen.
Addi am 27.01.08 20:36
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Zum SeitenanfangManchmal fühle ich mich so unwohl in meiner Haut, dass ich gern jemand anders wäre. Ich stehe an einem kalten Regentag in der überfüllten Straßenbahn, alles rempelt, schneuzt sich und dünstet, und ich frage mich unwillkürlich: Warum bin ich eigentlich nicht George Clooney? Warum lümmle ich eigentlich nicht den ganzen Tag in coolen Hotellobbys herum und treffe wundervolle Frauen am Kaffeeautomaten?
An solchen düsteren Tagen hilft eigentlich nur ein Gegenmittel: Ich suche mir Menschen, in deren Haut ich ganz sicher nicht stecken möchte. Da ist zum Beispiel der Obdachlose, der in der Bahn seine Zeitung feil bietet, oder die Mutter, nach der sich alle umdrehen, weil es aus ihrem Kinderwagen ununterbrochen brüllt. Wenn das auch nicht hilft, hilft immer noch eins: Ich stelle mir vor, ich müsste Brigitte Koppenhöfer sein.
Wenn ich Brigitte Koppenhöfer wäre, lägen schon neben meinem Frühstücksteller zwei Aktenordner, die schnell noch durchgeschaut werden müssten. Es wären zwei Ordner von den 50 Metern Aktenregal, die zu meinem neuen Prozess gehören. Denn Brigitte Koppenhöfer ist Richterin in Düsseldorf. In den vergangenen Jahren hat sie den Herren Ackermann und Esser gegenüber gesessen im
Mannesmann-Prozess. Wenn sie den stundenlangen Ausführungen der Staranwälte nicht mehr folgen konnte, hat sie sich vielleicht ausgerechnet, wie viele Jahre sie noch ihr Gehalt beziehen muss, um auf Essers Abfindung zu kommen. Nachts, wenn sie über der letzten Akte eingenickt war, rief schon mal ein aufgeregter Bürger an und drohte ihr mit Mord, falls sie die Manager nicht ordentlich verknacke. Am Ende musste sie das Verfahren einstellen, denn im Wirtschaftsrecht liegen zwischen schlichtem Rechtsempfinden und geschriebenem Recht eben viele, viele Meter Akten.
Jetzt befasst sich Brigitte Koppenhöfer mit
Jürgen Sengera. Der hat als Chef der Westdeutschen Landesbank einen Kredit an die britische Pleite-Firma Boxclever zu verantworten. Gerade mal 1,25 Milliarden Euro wurden da verliehen und gut 400 Millionen davon sind futsch für immer. Frau Koppenhöfer muss jetzt beurteilen, wo Leichtsinn aufhört und Untreue anfängt, und dabei helfen ihr wieder einige Staranwälte und jede Menge Aktenmeter. Und wenn Frau Koppenhöfer damit fertig ist, wartet wahrscheinlich schon ein neues unterhaltsames Verfahren auf sie: der Prozess um die Pleite des Babcock-Borsig-Konzerns.
Es geht mir gut, weil ich nicht mit Frau Koppenhöfer tauschen muss. Allerdings: Dafür wäre ich gern mal bei dieser Firma Boxclever Berater gewesen. Ich bilde mir nämlich ein, ich hätte die Pleite verhindert. Die waren ja so clever und wollten Fernseher verleihen, in ganz großem Stil. Mal ehrlich: Wer hat eigentlich kein Geld für einen Fernseher? Und wenn er keins hat, leiht er dann einen für Geld? Ich hätte denen eine Geschichte erzählt, die ich vor Jahren in Sizilien erlebte, zu Gast bei einer sozial schwachen Familie in Palermo. Da lief andauernd der Fernseher. Der gehörte den Leuten allerdings nicht. Sie hatten ihn im Laden mitgenommen und Ratenzahlung beantragt. Sie zahlten aber nicht, und wenn die Mahnung kam, brachten sie das Gerät einfach zurück. Und holten ein anderes bei einem anderen Händler. Es gibt viele Fernsehhändler in Palermo. Die Leute sind eben clever. Das hätte ich denen von Boxclever gesagt, bevor es zu spät war.
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Ich fürchte, 2008 wird für mich völlig langweilig. Nichts ändert sich. Ich bin kein
Raucher, also muss ich nicht raus auf die Straße. Ich beteilige mich nicht an
Sportwetten, brauche also den neuen Berechtigungsschein nicht. Auch die drei neu eingeführten obligatorischen Sport-Stunden pro Woche gelten nur für jugendliche Straftäter in einem NRW-Knast. Zu allem Überfluss bin ich über 40 und falle damit statistisch aus der Gruppe der Feuerwerks-Fans heraus. Ich gehöre zu jener grauen Masse, die von den Medien zum Jahreswechsel schmählich verschwiegen wird. Für mich ist Silvester Montag und Neujahr Dienstag. Ich werde unausgeschlafen aufwachen, das Wetter wird sich nicht geändert haben und Mehdorn verhandelt weiter mit Schell. Sonst noch was?
Meine
Freundin Elke, die ich beim Einkaufen im Biomarkt treffe, findet meine Lethargie ganz fürchterlich. "Neues Jahr, neues Glück", ruft sie so euphorisch aus, dass sich die Leute an der Fleischtheke verstohlen umschauen. Elke will im neuen Jahr endlich den Stromanbieter wechseln und wirklich zwei Mal pro Woche joggen und ihre Schokoladensucht effektiv bekämpfen und netter zu ihren Kindern sein. "Weil der
Meisner das in seiner Weihnachtspredigt gefordert hat?" frage ich. "Unsinn, das kommt von mir selbst. Man muss doch Vorsätze haben!"
"Wer mit Vorsatz handelt, wird härter bestraft", sage ich. Und dann erzähle ich ihr, wie ich mir als 15-Jähriger an Silvester vornahm, endlich meine Schüchternheit gegenüber den Mädchen zu überwinden. "Ich habe das eisern durchgezogen - und bin gleich vierteljährlich mit einem neuen Korb durch die Gegend gelaufen. Das Trauma wirkt bis heute nach." Ich schaue sie ernst an und sie schaut sehr skeptisch zurück. Ich glaube, sie glaubt mir nicht. Ich spüre, wie ihre von zahlreichen Kursen geschulte Menschenkenntnis mich durchdringt. Schon will ich mich schnell verabschieden, aber es ist zu spät.
"Du willst mir doch nicht weismachen, dass dich deine unglücklichen Jugendlieben heute daran hindern, positiv in ein neues Jahr zu blicken?" sagt Elke mit einem etwas höhnischen Unterton. "In Wirklichkeit ist das Problem viel gegenwärtiger. Du weißt nämlich: Das neue Jahr bringt entweder nichts neues, weil der FC nicht aufsteigt. Oder es bringt etwas Neues, weil er aufsteigt. Aber dann steigt er im Jahr drauf wieder ab. Das kann einen schon zermürben, versteh' ich ja." Und dann will sie wohl noch etwas Versöhnliches hinzufügen. "Ich habe mir sowieso vorgenommen, mit dir mal wieder ins Stadion zu gehen. Vielleicht wenn der FC gegen Mönchengladbach spielt, und dann nehmen wir noch
Stephan Josef mit." "Ich nehme mir nie was vor", sage ich, schon im Weggehen. "Nie!"
Audio: Neues Jahr - Neues Glück?
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Zum Seitenanfang"Wo man singt, da lass' dich ruhig nieder. Böse Menschen haben keine Lieder". Der Spruch war in meiner Kindheit geläufig. Er diente in unserer Familie der Förderung häuslichen Singens, das sich durchaus hören lassen konnte - da meine Tante Musiklehrerin war. Gerade in der Advents- und Weihnachtszeit pflegten wir traditionelles Liedgut, dessen Melodien ich liebte, obwohl ich lange nicht verstand, was es mit dem irgendwo entsprungenen Ross oder mit diesem überladenen Schiff eigentlich auf sich hatte.
Wahrscheilich ist es meine musikalische Kinderstube, die mir inzwischen gerade in der Weihnachtszeit tiefe Zweifel an dem alten Spruch einflößt. Denn wenn böse Menschen gar keine Lieder haben, warum haben dann ausgerechnet die Guten so schlechte? In diesem Jahr war die erste Kerze noch nicht angezündet, da rief
Carmen Nebel im ZDF schon zur Hilfe für "Misereor" und "Brot für die Welt" auf. Gute Organisationen, finde ich. Aber womit haben sie die musikalische Untermalung durch André Rieu und Andrea Berg verdient? In dieser Woche dann brachte uns José Carreras in der ARD wieder einmal das Schicksal von Leukämie-Kranken näher. Aber warum in aller Welt serviert ein großartiger Tenor als Soundtrack zu Berichten über Blutkrebs Hansi Hinterseer? Und das ist noch das öffentlich-rechtliche Niveau! Bei
Pro Sieben setzen sich ähnliche musikalische Schwergewichte, wenn es moralisch werden soll, rote Plastikbälle auf die Nase. Ich weiß nicht, ob das an das rotnasige Rentier des Weihnachtsmanns erinnern oder den Advent endgültig zum Karneval machen soll.
Nein, es ist in diesen Wochen wahrlich nicht leicht, gleichzeitig ein gutes Herz und einen guten Geschmack zu haben. Ob die Redakteure der Charity-Sendungen vielleicht glauben, hilfsbereite Menschen müssten hoffnungslos dem Kitsch verfallen sein, weil die Kultur längst von den Zynikern gepachtet wurde? Das könnte leicht eine selbsterfüllende Prophezeiung werden, denn wie soll man diese ganze Charity-Konfitüre ohne Zynismus verdauen? Oder man müsste eisern trainieren, um bei der medialen Weihnachtsstimmung ohne Übelkeit mithalten zu können. Zur Desensibilisierung empfehle ich lange Spaziergänge über die
Weihnachtsmärkte (aber nicht mit Oropax schummeln!), ausgiebige Aufenthalte in großen Kaufhäusern (in Lautsprechernähe) und, wenn alles nichts hilft, einfach ganz viel Glühwein. Zur Trainingskontrolle werden uns dann im Fernsehen regelrechte Testsendungen geboten: Wem die Tränen kommen, wenn Kati Witt bei Kerner über ihr Karriereende weint, der hat es geschafft. Der wird sich jede Gala reinziehen, alle Lieder mitsingen und immer noch ein guter Mensch bleiben können.
Audio: Gutmenschenliedgut
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"Größter Hanstopf aller Zeiten", sagt mein Vater, der unnötige Anglizismen meidet, und schüttelt den Kopf. Er kann die
Hysterie nicht verstehen, denn neben der deutschen Sprache liebt er auch die Wahrscheinlichkeitsrechnung. Ich lächele, weil ich mich freue, den alten Lehrer bei einem Fehler ertappt zu haben. Denn "Jack" in "Jackpot" heißt nicht "Hans", sondern "Bube" - gemeint ist die Figur aus dem Kartenspiel. "Jackpot" ist ein Ausdruck aus der Pokersprache: Hast Du zwei Buben, gehört dir der Topf, der ganze Einsatz. Während ich meinen Vater belehre, muss ich zudem nicht seine lästige Frage beantworten: Warum ich mich anstecken ließ und einen Schein ausfüllte?
Ja, warum eigentlich? Alle scheinen Lotto zu spielen, um endlich kündigen zu können. Sogar die stets so anstrengend gut gelaunten Moderatoren bei Eins Live grüßen ihre jungen Hörer nach der Ziehung der Lottozahlen mit einem fröhlichen: "Wir sind immer noch hier." Warum wollen sie eigentlich weg, wenn sie im Studio doch stets so gut drauf sind? Und wenn ich gewonnen hätte, wollte ich dann wirklich den ganzen Glossenkram Stephan Josef vor die Füße werfen und mich aus dem Staub machen - wohin, ja wohin eigentlich?
"Dort, wo du nicht bist, dort ist das Glück!", trällerte Schubert. Ob sich das mit 30 Millionen auf dem Konto ändern würde? Ich kann mir Multimillionäre nicht als glückliche Menschen vorstellen - dafür habe ich schon in meiner Kindheit zu viele Derrick-Folgen gesehen. Und doch hätte ich das große Geld gern, um in der Welt herumreisen zu können, so lang und viel ich will. Wenn ich das Glück dabei auch nicht fände, könnte ich ihm doch auf den Fersen bleiben, es zu einem hektischen Zickzackkurs zwingen: Heute muss es Hals über Kopf Paris verlassen, morgen schon hat es keine Ruhe mehr auf den Malediven, übermorgen räumt es Kalifornien. Vielleicht würde es irgendwann doch ermüden und ganz außer Atem Schubert Lügen strafen ...
"Wenn Du den Bubentopf knacken willst, musst Du nach Nevada", schreckt mich mein Vater aus den Gedanken. Er hat erst ein Wörterbuch und dann den Atlas zu Rate gezogen - gewiss, um meine Besserwisserei zu toppen (oder zu "übertreffen", wie er sich ausdrücken würde). Er zeigt es mir mit dem Finger auf der Karte: "Jackpot" liegt in Nevada, direkt an der Grenze zu Idaho, 1.589 Meter über dem Meer, etwa ebensoviele Einwohner. Ich fühle mich bei meinen Gedanken ertappt. Sollte sich dort, in den kargen Weiten des Mittleren Westens, das Glück finden lassen? In der Wildnis, ein wenig abseits des Highway 93? Besteht nicht die Möglichkeit, dass dort noch niemand das Glück gesucht und vertrieben hat - zumal der Ort im Gegensatz zu
Woodward County (Oklahoma) noch niemals für eine Welt-Mülldeponie vorgeschlagen wurde? Doch bei näherer Recherche werde ich enttäuscht: Jackpot wurde vor etwas mehr als 40 Jahren von Unternehmern aus Idaho gegründet, als dort das Glücksspiel verboten wurde. Jackpot besteht aus lauter Casinos, ein Westentaschen-Las-Vegas. Ihr Glück macht dort nur die Spielbank - jedenfalls nach der Wahrscheinlichkeitsrechnung.
Audio: Jackpot, Nevada
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Zum SeitenanfangEines Tages wollte der liebe Gott auch mal Urlaub machen. Also schickte er drei Engel auf Kundschaft, um für ihn das schönste Fleckchen der Erde zu finden. Die Himmelsboten sahen sich Hongkong ebenso an wie Ibiza, die USA, Kanada und die Karibik. Aber nur ein Ort gefiel ihnen so gut, dass ein Engel gleich dort bleiben wollte: Köln.
So etwa lässt sich die Story eines bekannten rheinischen Karnevalsschlagers zusammenfassen, dem ich kürzlich, am 11.11., nicht ausweichen konnte, weshalb mir sein Refrain bis heute im Hirn herumspukt:
"Das Hätz vun der Welt jo dat is Kölle
Dat Hätz vun der Welt dat schlät am Rhing."
(Für Nicht-Kölner: Mit "Rhing" ist hier nicht das Autobahnsystem gemeint, welches dem "Hätz" der Welt regelmäßig den Verkehrsinfarkt beschert, sondern der Rhein.) Bescheidenheit ist eine Zier, die den Menschen in Domnähe seit jeher fremd ist. Aber nun will sich auch das Land drum herum nicht länger unter Wert verkaufen. Eine unbekannte Werbeagentur hat offensichtlich bei dem Lied der "Höhner" abgekupfert und will Nordrhein-Westfalen einen internationalen Image-Leitspruch verpassen, der samt dazugehöriger
Kampagne zehn Millionen Euro kosten soll: "Europe's creative heartbeat".
Ganz so global wie Köln will sich NRW also nicht profilieren, dafür wird nun die "Hätz"- oder "heart"-Funktion näher spezifiziert: Sie besteht in der Kreativität. Auch das kann Köln mühelos für sich in Anspruch nehmen. Oder gibt es sonst noch eine Weltmetropole, die so kreativ die Nachteile von Straße und Schiene miteinander kombiniert, dass sogar die U-Bahnen im Stau stehen? Füllt sonst irgendwo ein mittelmäßiger Zweitliga-Club Heimspiel für Heimspiel ein WM-Stadion? Hat man irgendwo phantasiereicher die Parteienfinanzierung durch eine Müllverbrennungsanlage organisiert? Oder die Korruption unter der Bezeichnung "Klüngel" kurzerhand zum schützenswerten lokalen Brauchtum erklärt? Das ist kreativ und herzallerliebst.
Die Sorge, die Provinz des Landes könne bei diesem Kreativitätsniveau der Karnevalshochburg nicht mithalten, ist aber unbegründet. Das beweist jetzt die im Namen des Bindestrich-Landes schmählich verschwiegene Region, die einst die Rose ins NRW-Wappen einbrachte: das Lipperland. Dort sehen sich vier Orte - Extertal und Kalletal, Barntrup und Dörentrup - vom allmählichen Aussterben bedroht. Sie wollen äußerst kreativ auf die Gefahr reagieren: durch
Fusion. Die so entstehende Gemeinde Nord-Lippe wäre mit einem Schlag die zweitgrößte Kommune des Landes, nach Köln. Wenn auch nur in der Fläche. Aber so könnten die Lipper schon mal eine dickere Lippe riskieren, in der Imagewerbung etwa. Die Leute von Extertal und Kalletal, Barntrup und Dörentrup haben das mit dem "heartbeat" jedenfalls verstanden und umgesetzt: kreativ und herzallerliebst.
Ausgerechnet die Landesregierung, die doch die "heartbeat"-Kampagne angestoßen hat, behindert jedoch die lippische Kreativität. Gemeinde-Fusionen könne es nur per Gesetz geben. Warum eigentlich? Etwa weil die Gebietsreformen von oben stets den Widerstand der Basis hervorrufen und dadurch die Kreativität fördern? Ich als Kölner vermute eher, dass sich hier eine altbekannte Wahrheit bestätigt: NRWs "creative heartbeat" schlägt überall - nur nicht in Düsseldorf.
Audio: Herzallerliebst
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Zum SeitenanfangManchmal fühle ich mich am Morgen wie ein kleiner Schuljunge: Während ich den Tee koche, werde ich aus dem Radio mit Tipps zum CO2-Sparen unterhalten. (Energiesparlampen gut, aber nicht im Keller.) Aus dem Briefkasten fällt mir die Zeitschrift meiner Krankenkasse entgegen. Der Aufmacher: Die Ernährungspyramide (Achtung, Fett ist nicht gleich Fett!). Das Frühstücksfernsehen lasse ich zum Frühstück aus, denn dort behelligt mich Hademar Bankhofer wahrscheinlich mit Fruchtsäften gegen Herbstdepressionen oder sie wiederholen die schönsten Spots aus "Der siebte Sinn" ("Argumente gegen Gurtmuffel").
Als Gotthold Ephraim Lessing 1780 seine Schrift "Die Erziehung des Menschengeschlechts" veröffentlichte, konnte er nicht ahnen, wie weit es mit der Pädagogisierung des Alltags einmal kommen würde. Wir sind von Aufklärungskampagnen umstellt wie Troja von den Griechen. Ständig stürmen gute Ratschläge und eindringliche Verhaltensregeln auf uns ein, dass man sich fast wundert, wie wir noch atmen können, ohne uns das vorher wahlweise in der "Brigitte" oder in "Men's Health" erklären zu lassen. Das Problem ist nur: Bei einer Überdosis Erziehung macht das Menschengeschlecht irgendwann dicht. Das ist wie mit der siebten Stunde in der Schule: Da werden selbst die Streber zu renitenten Nichtsnutzen. Wenn ein Schulleiter einen Kollegen so richtig fertig machen will, schickt er ihn zur siebten Stunde in die neunte Klasse. Da erlebt der Pädagoge dann das Armageddon der Pädagogik: ein brutales Gemetzel ohne Sinn und Sieger.
Die siebte Stunde in der Erziehung des Menschengeschlechts haben derzeit die Flughäfen erwischt. Genauer gesagt: die Sicherheitsleute. Können Sie sich 16 Tonnen Zahnpasta, Haargel und Parfums auf einem Haufen vorstellen? Das sammeln die
Handgepäckkontrolleure in Düsseldorf in einem Monat ein. Und zwar seit einem Jahr (macht 192 Tonnen). Anfang November 2006 trat die neue EU-Sicherheitsvorschrift in Kraft, die Flüssigkeiten und Pasten im Handgepäck untersagt, aber das Jubiläum ist kein Grund zur Freude. "Die Passagiere verstehen die Regelung einfach nicht", sagt ein Flughafensprecher. Immer wenn die Sache mit den 100 Millilitern erklärt wurde - in Radio und Fernsehen, im Reisebüro, auf Plakaten am Airport - war gerade siebte Stunde. Die Leute hörten nicht zu, schwätzten mit dem Nachbarn und stopften sich literweise Chanel No.5 in die Handtasche. Das treibt manchen Bundesgrenzschützer in die Sonderpädagogik.
Es gibt allerdings auch Gewinner dieses GAUs in der Erziehung des Menschengeschlechts. Da ist zum Beispiel die Jugendberufshilfe Düsseldorf. Ihr spendet der Flughafen all die Tonnen wertvoller konfiszierter Drogerie-Artikel. Damit üben sich dann Jugendliche als Kaufleute und Logistiker. Die gemeinnützige Organisation kümmert sich nämlich um junge Leute ohne Schulabschluss und Ausbildungsplatz - also um ehemalige Schuljungen, für die irgendwie immer siebte Stunde war und die jetzt in der Gefahr sind, aus der Erziehung des Menschengeschlechts einfach herauszufallen. Diese Schulversager werden jetzt ungewollt unterstützt durch die Lernversager am Flughafen. Da kann ich nur sagen: wie lehrreich!
Audio: Siebte Stunde am Airport
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Genug vom Schikanenfetischismus an der Sicherheitskontrolle? Einmal zuviel die Schuhe ausgezogen wegen einer kritischen Frage? Bummelstreik!
Genervt von der Sicherheitskontrolle am Flughafen? Frustriert von der Tatsache, daß ein paar schnell umgeschulte Langzeitarbeitslose am Fraport uns das Weltterroristentum vom Hals halten sollen? Immer noch keine befriedigende Antwort von den Herren am Metalldetektor bekommen, warum noch kein ICE von der Lahntalbrücke gesegelt oder ein LKW voller Sprengstoff eine Ostseefähre versenkt hat - wo die doch gar keine Sicherheitskontrollen machen?
Und warum in Hahn den Gürtel ausziehen (diese Messerfotos kennen wir ja) und in Frankfurt die Schuhe? Was wenn der Schuhbomber nun Ryanair fliegt?
Was ist mit den vielen Milliarden Euro, die uns EU-Bürgern in Kosmetik & Softdrinks weggenommen und vernichtet werden? Das ist ein realer Wohlstandsverlust - und alles nur, weil die Flughäfen gerne Geld für bessere Röntgengeräte sparen möchten?
Es wird Zeit für den mündigen und freiheitsliebenden Bürger, zurück zu schlagen. Der mündige Bürger reist ab sofort immer mit einer Wasserflasche im Gepäck. Der Laptop wird erst nach Aufforderung ausgepackt. Bei Fragen vom Security-Personal tut man erst mal schwerhörig.
Jacke - in die erste Plastikschale. Den Laptop in die 2. - nach Aufforderung. Dann die Laptoptasche. Oh, Geldbeutel und Schlüssel vergessen - piep - die kommen in die 3. Plastikschale. Da kommt ja auch schon die Laptoptasche wieder, wegen der Wasserflasche. Piep. Oh, der Gürtel. Na klar (mecker, mecker beim Personal). Der Gürtel landet in der 4. Plastikschale. Weil der hoch gebildete und stets freundliche Security-Mann des Bürgers Gegenrede gar nicht leiden kann, sind nun auch die Schuhe noch dran. OK, aber grundsätzlich landen die in der 5. Plastikschale. Piept noch immer? Ach je, die Armbanduhr. Oder die Brille? Fazit: 6 Schalen & eine Laptoptasche. Das Ausgangsband hinter der Maschine ist voll. Der mündige Bürger zieht am Band in aller Ruhe minutenlang seine Sachen wieder an, prüft den Laptop, packt ihn ein und vergisst nicht, den Security-Hilfsarbeiter artig zum Abschied zu grüßen, während dieser von ca. 200 Leuten vor dem Metalldetektor ob der Verzögerung mit Blicken getötet wird.
Wie viele solcher mündiger Bürger braucht es eigentlich, um einen Flieger verspätet abheben zu lassen? Um die Security-Performance von Terminal A zu ruinieren? Würde der Security-Wahn weiterhin auf der Tagesordnung stehen, wenn Flugzeuge ständig Gebühren für Verspätungen zahlen müssten?
Ach so, wir brauchen doch Sicherheit. Ja, wohl wahr. Der Bundesgrenzschutz hat mir noch keine befriedigende Antwort darauf gegeben, wie die aktuelle Sicherheitskontrolle verhindern würde, daß ein Terrorist mit mindestens 12 Stunden McGypher-Fernsehkonsum nicht doch einen kapitalen Flammenwerfer oder Schneidbrenner aus Duty-Free-Rum, Silikonschlauch, Stahl-Kugelschreiber, einem Platinschmuckstück als Zünder und der medizinischen Sauerstoff-Gasflasche an Bord des Flugzeugs basteln würde. Oder der klassische 80er-Jahre-Drogenschmuggler-Film. Plastiksprengstoff in Kondomen verschluckt. Abführmittel als Aspirin gefälscht. Kommt doch dauernd vor, das mit den Kondomen und dem Kokain.
Aber der Profiterrorist lacht sich vermutlich ins Fäustchen über die vergeudete Lebenszeit und verlorenen Wohlstand und vergeudete Lebensfreude des Westens... und kauft schon mal Dünger für die Ostseefähre seiner Wahl.
Guten Flug in die Ferien! Und denken Sie dran: Immer nur einen Gegenstand pro Plastikschale - und nur nach Aufforderung, so lange bis der Schichtleiter der Sicherheitskontrolle weint. Und dann sagen Sie ihm: "Sie müssen doch nicht in der Flugbranche arbeiten. Sie könnten doch auch die Bahn wählen."
Hein Heinsen am 26.06.08 16:41
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Zum SeitenanfangManchmal schenkt einem das Fernsehen wahre Offenbarungen. Vor ein paar Tagen musste ich schon früh morgens zum Arzt. Ich fühlte mich müde, ausgebrannt, schlapp. Bestimmt war eine Krankheit im Anzug, brauchte ich mal ein paar Tage Auszeit. Mein Hausarzt klopfte hier, fühlte dort, maß dies und jenes und erklärte mich schließlich für "völlig gesund". Vielleicht sei es der Herbst oder ich triebe zu wenig Sport. Auf dem Rückweg war mir elend zumute. Nichts ist schlimmer, als sich krank zu fühlen und gesund zu sein. Zu Hause warf ich mich aufs Sofa und schaltete das Frühstücksfernsehen an. Und da sagte dann Rainer Wend von der SPD jenen Satz, der mir ein inneres Licht ansteckte. "Die Menschen haben jenseits der Fakten Empfindungen."
Ich muss gestehen: Ich kannte Rainer Wend bisher gar nicht. Welch ein Fehler! Denn Philosophen wie er sind rar in der Politik. Wend ist eine Art sozialdemokratischer Anti-Wittgenstein.
Ludwig Wittgenstein schrieb den berühmten Satz: "Die Welt ist die Gesamtheit der Tatsachen." Genau deshalb ist die Welt auch so kalt und ungemütlich: "Fakten, Fakten, Fakten." Aber wir haben Empfindungen jenseits der Fakten, und mit denen fühlen wir uns oft ganz furchtbar allein. Wir fühlen uns krank, aber unser Hausarzt schüttelt den Kopf. Wir leiden unter dem miesen Sommer, aber am 1. September erklärt uns Jörg Kachelmann, er sei insgesamt recht warm gewesen. Wir spüren, dass wir eigentlich mehr verdienen müssten, aber der Chef mauert.
Rainer Wend wollte mit seinem genialen Aphorismus den aktuellen
Konflikt in seiner Partei erklären: Den Fakten nach habe Müntefering Recht, die Arbeitsmarktreform sei sehr erfolgreich. Aber - und jetzt folgt der Satz in seiner ganzen Länge: "Die Menschen haben jenseits der Fakten Empfindungen und denen gibt Kurt Beck Ausdruck." Mir hat dieser Satz die moderne Welt ein Stück durchschaubarer gemacht. Diese Welt steckt nämlich voller sauerländischer Fakten-Sherriffs: Mein Hausarzt ist eine Art Münte der Gesundheit, Kachelmann ein Münte des Wetters. Aber wir sehnen uns zwischen all diesen westfälischen Erbsenzählern nach einem gefühligen, rheinisch-pfälzischen Gegengewicht, nach jener Empfindsamkeit, die eben eher auf einem Weinfest bei Mainz als auf dem Kahlen Asten zu finden ist. Deshalb findet Kurt Beck jetzt so viel Zuspruch: Er ist der Robin Hood unserer unterdrückten Empfindungen.
Sigmund Freud sah uns zerrissen zwischen Realitätsprinzip und Lustprinzip. Aber es gibt eine Versöhnung zwischen beiden: das Beckprinzip. Das liegt irgendwo zwischen Kopf und Bauch, etwa da, wo das Herz am rechten Fleck sitzt, wie man so sagt. Allerdings hat das Beckprinzip eine Schwäche: Es lässt sich meist nur vor und auf Parteitagen durchsetzen. An den wirklich entscheidenden Stellen sitzen dagegen die Fakten-Müntes und haben gegen unsere Empfindungen stets nur ein Totschlagargument: Sie seien zu teuer. Was also tun? Ich habe, da mein Arzt mich nicht krank schrieb, noch ein paar Notizen für diese Glosse verfasst. Dann habe ich eine Flasche
Wein aus dem Siebengebirge geöffnet und mich ihr und all meinen Empfindungen jenseits der Fakten hingegeben. Ich habe auf das Wohl von Rainer Wend getrunken und später die Decke über den Kopf gezogen. Am Morgen war der Kopf dick und ich blieb im Bett. Ich habe gestreikt wie ein Lokführer. Soll mir keiner vorrechnen, welchen wirtschaftlichen Schaden solches Verhalten anrichtet. Ich kann sie nicht mehr hören, diese dauernde Beckmesserei.
Audio: Jenseits der Fakten
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Zum SeitenanfangDie Tage werden kürzer, da gibt es wieder mehr Gelegenheit, den Blick nachdenklich zu den Sternen zu heben. Das gilt ja seit alters her als tiefsinnige Beschäftigung. Schon den Philosophen Immanuel Kant konnte nichts so sehr erstaunen wie "der gestirnte Himmel über mir und das moralische Gesetz in mir."
Im modernen Leben ist allerdings viel weniger Platz zum Staunen. Vom "moralischen Gesetz in mir" ist ungefähr das übrig geblieben, was Sportler mit dem Satz umschreiben: "Ich fühl' mich mental total gut drauf." Und wenn meine Kinder den Himmel beobachten, reden sie stets davon, dass manche Sterne, die man da sieht, gar nicht mehr existieren. Einstein als Schulstoff. Immerhin wollen sie sich noch etwas wünschen, wenn sie eine Sternschnuppe entdecken. Nur kann man sich nie sicher sein, ob man wirklich eine Sternschnuppe gesehen hat oder irgend einen Satelliten, der gerade durch einen kontrollierten Absturz verschrottet wird.
Vor jetzt genau 50 Jahren hat das moderne Leben sich des Himmels bemächtigt: Da hörte
Heinz Kaminski von der Sternwarte Bochum so ein hohes Piepen aus dem All. Das waren nicht die Aliens, die endlich mal anriefen, sondern die Russen, die sputnikten. Inzwischen hängt der Himmel voller Geigen - und Drums und E-Gitarren. Die Sphärenklänge, welche die alten Griechen dort oben vermuteten, machen wir selber. Radio und Fernsehen kommen aus dem Orbit, mitunter telefonieren und mailen wir auch via Satellit, was für die Geheimdienste recht praktisch ist, weil es ihnen das Mithören erleichtert. Unterwegs wissen wir nur noch per Satellit, wo wir uns befinden - wenn das Pentagon gerade mal die GPS-Sender stört, finden wir nicht mehr nach Hause.
Auch wer verliebt auf einer Parkbank sitzt und in die Sterne schaut, kann sich nicht mehr auf romantische Gefühle verlassen. Denn während er schaut, blicken die künstlichen Sterne zurück. "Vielleicht werden wir ja gerade fotografiert", sagt sie. "Und dann findet uns dein Mann bei Google Earth", sagt er. Schließlich hat er dort erst vor kurzem den großen Swimmingpool der Nachbarn entdeckt, den die hinter einem hohen Gartenzaun verborgen hielten.
Wenn die Aliens nun einmal wirklich funken würden - ob ein Kaminski in Bochum sie bei all dem Lärm und Weltraumschrott in der Umlaufbahn wohl noch entdecken könnte? Vielleicht würden sie uns auch gar nicht finden. Der Kolumbus unseres Sonnensystems stieße zuerst auf das ganze Glitzerzeug, das die Erde umkreist. Warum sollte er nicht annehmen, dass wir in diesen Dingern leben? Schließlich gelänge es ihm, unsere Sender anzuzapfen, und schon hätte er zum Beispiel eine brasilianische Telenovela auf seinem Schirm. Er würde staunen über die moralischen Gesetze in uns. Zurückgelehnt in seinem Commander-Sessel käme er womöglich nie mehr von der Glotze los. Und wir Erdlinge blieben von der Invasion verschont.
Audio: Der Himmel voller Geigen
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Es wird wird wieder Zeit, den alten
Rilke zu zitieren: "Der Sommer war sehr groß" empfinde ich in diesem Jahr zwar als reinen Hohn. Aber es stimmt wohl doch. Sonst könnten die Winzer im Siebengebirge nicht den Beginn der
Weinlese melden, zwei Wochen früher als üblich. Noch wächst bei ihnen der nördlichste Wein Deutschlands und lockt zu einem Spätsommerspaziergang. Bei fortschreitendem Klimawandel wird der nördlichste Wein des Landes wahrscheinlich bald irgendwo am Niederrhein reifen. Dann mag Kollege Stephan Josef dort in seiner Heimat herumspazieren und herumglossieren. In diesem Jahr fahre ich aber noch zum Drachenfels.
Hier gleich mein Insider-Tipp: Missachten Sie das Karnevalslied und beginnen Sie Ihre Tour nicht in Königswinter, sondern davor oder dahinter. Denn in dem Städtchen tobt der sogenannte Rhein-Romantik-Tourismus: Lauter Kegelclubs besuchen das Weinfest, trinken aber Bier und Wodka-Feige. Am Ende lassen sich die Esel noch per Esel auf den Drachenfels schleifen, wo leider kein Untier mehr haust, das die Landschaft gegen grölende Schnapsnasen verteidigen könnte. Schauderhaft. Ich kehre lieber bei einem abgelegenen Winzer ein und genehmige mir vor dem Start einen heimischen Schoppen. Mit einem leichten Kabinett im Magen wandert es sich gleich beschwingter.
Zweiter Insider-Tipp: Nehmen Sie sich etwas zu lesen mit! Denn es heißt ja nicht umsonst "Weinlese". In Vino Veritas, sagten die alten Römer: Im Wein ist die Wahrheit. Der Wein ist ein literarisches Getränk. So finde ich am Hang zwischen den Reben bald eine Bank, wo ich zur Zeitung greife. Die Sonne lugt zwischen den Wolken her und hört hoffentlich Rilkes Bitte: "und schick die letzte Süße in den schweren Wein." Ich habe mir vom Winzer etwas in meine Feldflasche füllen lassen, weder süß noch schwer natürlich. Das trinke ich zur Zeitungslektüre, wo ich im Wirtschaftsteil erfahre, dass die Ruhr-Kohle AG jetzt
"Evonik" heißt. So ein Quatsch. Wissen Sie, was "Arcandor" ist? Der neue Name von Karstadt-Quelle. Kennt kein Mensch. Diese Marketing-Gurus missachten eine Wein-Weisheit, die schon in der Bibel steht: In neue Schläuche gehört neuer Wein. Neue Schläuche allein reichen nicht.
Mein Schlauch ist alle, so wandere ich jetzt in den Wald hinein und lasse die Verrücktheit der modernen Welt hinter mir. Das
I-Phone zum Beispiel. Kostet 300 Euro, mit Zubehör und Handyvertrag 1.000 im Jahr. Ist aber hip, weil man damit Musik hören und surfen kann. Mir reicht dafür das kleine Wanderlokal hinter dem Ölberg. Zwei, drei Gläser einer süffigen Spätlese für wenige Euro, schon höre ich eine innere Musik, die mir kein Kopfhörer bieten kann, und die weitere Wanderung kommt mir vor wie das reine Surfen.
Die Bäume schwanken, ich schwanke, die Fantasie ist angeregt. Kein Wunder, dass hier so viele Legenden und Sagen entstanden. Man kommt hier leicht in einen Zustand, in dem einem
Kardinal Meisners Reden gegen moderne Kirchenfenster und "entartete Kultur" irgendwie logisch vorkommen. Vielleicht findet er seine Wahrheit auch im Wein, im Messwein natürlich.
Am Ende lande ich auf dem Drachenfels. Die Aussicht ist herrlich, aber irgendwie verschwommen. Für den Abstieg sind mir Kopf und Beine zu schwer geworden. Also lasse ich mich von einem Esel hinabtragen und lande genau in Königswinter, nicht davor und nicht dahinter.
Audio: In Vino Veritas
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So ist das mit der Veritas: seit 17 Jahren liegen unsere nördlichsten Weinanbaugebiete an Unstrut/Saale und Elbe - übrigens ganz ohne Klimawandel. Ein Wandel war aber schon dafür erforderlich. Und der Wandel, der da hinter steckt, macht uns auch ganz kräftig zu schaffen.
E. Lebück am 23.09.07 22:21
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Es ist ein
alter Traum von mir: Einmal durch Glossenschreiben und Apokalyptik-Forschung reich und unabhängig geworden, werde ich mich in den hohen Norden zurückziehen, in ein Blockhaus an einem Fjord. Allerdings beschleicht mich inzwischen die Ahnung, dass ich mich beeilen muss. Seit Michael Ballack einst erklärte, er stamme aus dem ehemaligen Osten, wissen wir ja, dass auch Himmelsrichtungen nicht vor dem Verschwinden geschützt sind. Durch den Klimawandel könnte auch der Norden dieses Schicksal erleiden.
Deshalb bin ich froh, dass die Große Koalition das Problem jetzt in die Zange nimmt. In der vergangenen Woche reiste die
Kanzlerin (CDU) in den fernen Osten, während ihr
Außenminister (SPD) sich des hohen Nordens annahm. Angela Merkel, die heilige Johanna von Heiligendamm, schwor Chinesen und Japaner auf den Klimaschutz ein, während Walter Steinmeier, Liebhaber von Strickpullovern, sich auf Spitzbergen das Schmelzen des Eises vorführen ließ. Früher hätte man witzeln können: Die Koalitionspartner verstehen sich so gut, dass sie ihre Außenpolitik an den entgegengesetzten Enden der Welt machen. Aber, wie gesagt, auf die Himmelsrichtungen ist kein Verlass mehr: Einst verschlang die Pol-Passage ganze Expeditionen. Inzwischen ist sie im Sommer so eisarm, dass Steinmeier mit dem Forschungsschiff "Lance", auf dem er zu Mittag aß, nur einen Katzensprung weiter nach Norden hätte dampfen müssen, um gegenüber bei seiner Chefin aufzutauchen.
Eigenartige Zeiten: Kürzlich war auch die Kanzlerin in Grönland, der Norden hat Konjunktur. Im Kalten Krieg hofften alle im Westen auf Tauwetter-Perioden. Jetzt setzen darauf ausgerechnet die
Russen und pflanzen vorsorglich schon mal ihre Flagge auf dem polaren Meeresgrund auf. Vielleicht wird George W. Bush noch zum Klimaschützer, nur damit Putin nicht den Pol bekommt.
"Was hast du eigentlich mit deinem Norwegen", fragt meine Lebensgefährtin. "Wahrscheinlich noch mal die Jahreszeiten erleben", antworte ich. Hier erkennt man den Sommer ja nur noch daran, dass der Bauernverband die Ernte beklagt, und den Winter an der Weihnachtsdeko, die über den gut besetzten Straßencafés baumelt. "Na, und dort erkennst du den Sommer an der Mückenplage und den Winter daran, dass es nicht hell wird", sagt sie. Denn sie möchte später lieber in den Süden. "Der ist doch abgebrannt", versuche ich es mit Zynismus. Aber das beeindruckt sie nicht. Ich werde wohl die UNO anrufen müssen. Die will doch den Nord-Süd-Konflikt überwinden.
Audio: Kompass-Verwirrung
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Wenn ich in den letzten Wochen mal spätabends nach Hause kam, den Regenschirm zum Trocknen im Badezimmer aufstellte und die nassen Klamotten auszog, dann schaute ich gern noch ein wenig bei Arte herein. Denn dort war wenigstens Sommer: Wochenlang widmete der Sender sein Spätprogramm dem
"Sommer of Love" 1967: Nostalgie pur mit Monterey und Woodstock, Hippies und Freaks. Da wurde mir so warm uns Herz, dass ich ganz vergaß, die Heizung hoch zu drehen.
Dabei war die Flowerpowerzeit näher betrachtet so lustig nicht. Warum tanzen da auf dem Bildschirm lauter Tote herum, die noch leben könnten? Janis Joplin, Jimi Hendrix ... Bewusstseinserweiterung bis zur Bewusstlosigkeit ist auf Dauer sehr ungesund. Deshalb war ich kürzlich auch ein wenig beunruhigt, als meine Tochter samt pubertärem Bruder auf das Kölner Summer Jam-Festival fuhren. Vor ihrer Abreise habe ich ihnen eine präventive Gardinenpredigt gehalten, für die ich eigentlich ein Honorar der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung verdient hätte. In dieser Rede fiel auch ein Name, der meinen Sprösslingen bisher völlig unbekannt war:
Roswitha Müller-Piepenkötter. Die NRW-Justizministerin lässt nämlich auch den kleinen Joint zwischendurch wieder strafverfolgen: Null Toleranz bei weichen Drogen. "Wer schon so bekifft heißt", kommentierte mein Sohn.
Meine alte Freundin Elke findet Frau Piepenkötter auch ziemlich uncool.
Elke lebt öko, lebt gesund, aber hin und wieder gönnt sie sich auch eine Tüte Nostalgie. Ihr in meinen Augen reichlich wackeliges Argument lautet: Cannabis gebe es schließlich sogar in der Apotheke! Das sei jetzt behördlich erlaubt, wenn auch nur als Ausnahme. Elke zeigt mir einen Artikel und mein Auge bleibt begeistert an dem Namen der Behörde hängen, die diese Genehmigung erteilte: die
Bundesopiumstelle in Bonn.
Wenn das mal kein bekiffter Name ist! Und ein nostalgischer dazu. Ich denke an Opiumkarawanen im alten China und an "Opiumhöhlen", wie die Coffeeshops vor hundert Jahren hießen. Was mag das für eine Behörde sein? Wahrscheinlich wurde sie beim Berlin-Umzug vergessen. Dort schleichen Männer mit langen Bärten in weißen Kitteln zwischen Labortischen herum, auf denen in gläsernen Phiolen süßlich duftende Flüssigkeiten vor sich hin köcheln. Andere Referenten ruhen in großen Liegestühlen und nehmen ausführliche Selbstversuche vor. Ja, in Bonn haben sich die letzten Überlebenden des Summer of Love verkrochen. Sie haben ihren Marsch durch die Institutionen gewonnen. Einige schreiben an einer großen Studie über Karl Marx' Theorie zum "Opium des Volkes". Andere geben hin und wieder eine kleine subversive Sondergenehmigung heraus. Ihre einzige Furcht: dass Roswitha Müller-Piepenkötter sie entdecken könnte. Ihr großer Traum: die Jamaika-Koalition.
Audio: Opium des Bundes
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Es wird Zeit, dass ich es mal so ganz nebenbei bemerke: Ich hatte Bio Leistungskurs. Sonst traut man ja Glossenschreibern im Allgemeinen und
Apokalyptikern im Besonderen naturwissenschaftlich eher wenig zu. In Bio waren solche Sprüche Mode, wie sie Heranwachsende eben witzig finden. "Ist alles ein Kommen und ein Gen" zum Beispiel. Damals war das ja auch noch witzig: Die Gene hingen friedlich und ruhig in ihrer Doppelhelix herum und kamen eigentlich nur bei Sex in Bewegung. Gene weckten also durchaus angenehme Assoziationen.
Aber während einige von uns später Theologie studierten und Glossenschreiber wurden, erkannten andere die Zeichen der Zeit und ließen sich zu Gentechnikern ausbilden. Sie brachten den Genen das Hüpfen bei, bis sie die reinsten Springteufel wurden, die auf Befehl "Bäumchen wechsel Dich" spielen: vom Bakterium ins Getreide oder von der Ratte ins Schwein. Und jetzt haben wir den Salat - oder die
Kartoffeln oder den Mais.
Sensible Menschen kann das ganz schön durcheinander bringen. Zum Beispiel meine Freundin Elke: Die hat nämlich nicht nur eine
Verpackungsallergie, sondern auch einen sehr empfindlichen Magen. Als sie jetzt diese Bilder aus England sah, wo die gekeulten Kühe per Baggerschaufel in Lastwagen gekippt wurden, drehte sich ihr Magen gleich um und sie beschloss, Vegetarierin zu werden. "Maul- und Klauenseuche bedroht zwar nicht den Menschen, aber damit will ich nichts mehr zu tun haben", sagte sie. Kaum hatte sie sich jedoch mit genügend Joghurt eingedeckt, kam das Guarkernmehl aus Indien, das uns
Dioxin in die
Milchprodukte schmuggelte. "Erst trinken die Asiaten uns die Milch weg, bis hier die Preise steigen, und dann mischen sie uns auch noch Gift rein", sagte Elke. "Willst du jetzt Rassistin werden?" reagierte ich empört. "Nein, Veganerin".
Aber da kam ich ihr mit den Genen. Genveränderte Gewächse dürfen nach dem Willen der Bundesregierung demnächst vermehrt auch bei uns im Freiland angebaut werden. Pflanzen haben also auch ihre Unschuld verloren. (Ein Argument, dass ich natürlich nur gebrauchte, um von meiner bleibenden Schwäche für Fleisch abzulenken.) "Ich kaufe ja nur Bio", sagte Elke: "Da sind keine Gene drin." Mich ritt wohl der Teufel, denn ich erzählte ihr davon, wie gut die Gene hüpfen können. "Aber es gibt doch diese Feldabstände", meinte Elke gequält. Das wischte ich auch vom Tisch: "150 Meter Sicherheitsabstand zu einem normalen Feld, 300 Meter zu einem Biofeld, das ist doch lächerlich. In England kommen diese kleinen
MKS-Tierchen ja sogar aus streng geschützten Labors hinaus und spazieren schnurstracks in den nächsten Stall. Und da soll die Gene ein etwas breiterer Feldweg aufhalten?"
Elke wirkte verzweifelt. "Was soll man da noch essen?", fragte sie und blickte ratlos an sich herunter. "Du hast tatsächlich schon ziemlich abgenommen", sagte ich - einfach, um auch mal was Nettes zu sagen. Aber ein Rat fiel mir auch nicht ein. Als Theologe dachte ich gleich an
Anna Katharina Emmerick, diese Heilige aus dem Münsterland, die Jahre lang nur von Hostien lebte. Aber als Bio-Leistungskursler muss ich sagen: ein allzu apokalyptisches Konzept.
Audio: Hüpfende Gene
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Versonnen sitze ich im Kinderzimmer und schaue meinem Jüngsten zu, wie er einen Güterzug über die Holzschienen schiebt, in den Tunnel hinein, die Brücke hinauf und ab zum Containerbahnhof. Ob ich ihm doch eine sündhaft teure Elektroeisenbahn besorgen werde, wenn er älter ist? Schließlich besaß ich als Kind auch eine. In jedem kleinen Jungen steckt ein Lokomotivführer. Ich glaube, das war auch schon so, bevor die
Eisenbahn erfunden wurde. Nur dass die kleinen Jungen damals ihre Träume noch nicht recht deuten konnten. Die Lok ist ein männlicher Archetyp: Dampfend vor Kraft, eisenhart, unverwüstlich und im Führerstand steht ein
echter Kerl, rußverschmiert, der die Zügel des Schienenrosses in seiner geübten Hand hält.
Jetzt drohen ausgerechnet die Lokführer, die Bahn lahm zu legen - welch ein innerer Widerspruch. Manfred Schell und Hartmut Mehdorn benehmen sich seit Wochen wie zwei Dampfschlachtrösser, die auf eingleisiger Strecke aufeinander zu rasen. Allmählich dämmert das auch den Beteiligten: Sie rufen jetzt nach einem Mediator, wie man es von zerrütteten Ehen oder verfeindeten Nachbarn kennt. Aber wer könnte diese Aufgabe übernehmen? Von Herta Däubler-Gmelin ist die Rede. Aber die würde nach einigen Stunden vor lauter Frust beide Streithähne mit Hitler vergleichen und aus wär's. Gerhard Schröder wurde genannt. Da käme am Ende die Fusion der Deutschen Bahn mit der Transsibirischen Eisenbahn.
Außerdem sind Politiker auf all diese vordergründigen Themen fixiert, auf Gehaltsforderungen, Spartentarifverträge, Arbeitsplatzgarantien. Das sind doch Scheingefechte an der Oberfläche. Ich würde Mehdorn und Schell auf zwei Couchen legen, solche altertümlichen mit einem runden Wulst als Kopfstütze. Solche eben, wie sie Sigmund Freud verwendete. Dann würde ich beide nur noch Hartmut und Manfred nennen, wie es auch ihr Papa getan hat, und würde sie auf eine Phantasiereise schicken, zurück in ihre Kinderzimmer. Denn dass der
Bahnkonflikt in beider frühen Kindheit wurzelt, liegt auf der Hand.
Ich will kein Ergebnis vorwegnehmen. Aber ich vermute, Hartmut hat nie wirklich verarbeitet, dass er kein Lokführer geworden ist. Nur Bahnchef. Das erfüllt ihn bis heute mit Komplexen und Missgunst. Manfred dagegen hat sich den Jungentraum erfüllt, ist aber tief enttäuscht worden. In seiner Kindheit fuhren noch echte Dampfloks. Heute gibt es nur noch Dieselstinker und Elektrotriebwagen. Welcher Junge möchte denn "Triebwagenfahrer" werden? Manfred fiel in ein tiefes Loch, floh in die Gewerkschaftsarbeit, wo er jetzt die Muskeln spielen lässt - eine traurige Ersatzhandlung.
Beide würden erzählen, erzählen, erzählen ... und dann irgendwann einschlafen. Dann würde ich im Nebenraum eine große Elektroeisenbahnlandschaft aufbauen. Gerade, wenn beide tief in einer Traumphase steckten, würde ich sie wecken und zu der Eisenbahn führen. Dort würden sie dann spielen, leidenschaftlich, verzückt, selbstvergessen. Danach wäre der Tarifstreit vorbei.
Audio: Dampf ablassen
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Hab' ich es nicht letztens erst gesagt:
Echte Kerle sind nicht mehr gefragt! Denn was macht einen echten Kerl? Testosteron natürlich, der Stoff, aus dem Männer sind. Aber wer zuviel davon hat, der darf nicht mehr mitmachen in Frankreich. Die sommerliche
Radtour dort gleicht in ihrer letzten Phase dem alten Kinderlied von den "zehn kleinen Afrikanerlein". Und am Ende gibt es kaum Jubel in Paris, weil die Zuschauer die Fahrer gar nicht kennen, die auf der Champs Elysée einfahren. Ich vermute, beim Fahrradsport wird sich so eine Art Anti-Darwinismus durchsetzen: Die Starken sind verdächtig. Also immer schön hinten bleiben und am Berg auffällig keuchen. Vielleicht bleibt man ja als letzter übrig. Oder bekommt wenigstens das einzige Trikot, das noch zählt: die saubere Weste.
Aber wir sollten nicht spotten. Denn das zweirädrige Treiben ist längst ein Gleichnis für unsere Gesellschaft: Nach oben kommt man nur mit Betrug. Deshalb dient der Skandal als Mittel, um die Führungskräfte auszutauschen, bei
Banken ebenso wie bei
Konzernen und in der
Politik. Aus Darwins "survival of the fittest" ist längst das Überleben der Nicht-Entdeckten geworden oder das der grauen Mäuse mit den weißen Westen.
Als Jugendlicher habe ich gern diese Schockerfilme gesehen, in denen irgendwelches Kleinzeug plötzlich die Menschheit bedroht: Killerbienen oder Termiten oder die Vögel. Wenn die Tierchen dazu erst groß werden mussten, Riesenspinnen zum Beispiel, fand ich den Regisseur einfallslos. Vielleicht hatte das damit zu tun, dass ich selbst kein Testosteron-Typ war, im Gegenteil: ziemlich unsportlich. Schwimmen und Fahrradfahren habe ich erst ganz spät gelernt und beim Hochsprung bin ich am liebsten unter der Latte her gesprungen, weil es sonst so weh tat. Da hat mich der Aufstand des Unscheinbaren irgendwie gereizt, auch eine darwinsche Umkehrung.
Inzwischen allerdings fürchte ich, dass auch in dieser Hinsicht die Hollywood-Phantasien von der Realität eingeholt werden könnten. Während uns Menschen Dekadenz und Umweltverschmutzung zu Grunde richten, machen sich andere schon bereit, uns an der Spitze abzulösen. Zum Beispiel die
Eichenprozessionsspinner: Zu zigtausenden sind sie in den vergangenen Wochen geschlüpft und nun können sogar ihre zurückgelassenen Nester uns Allergiekranken zum Verhängnis werden. Oder die
Liktormaskentyrannen. Nicht nur, dass die so heißen wie in einem Spielberg-Film. Wir züchten sie auch noch in unsren Zoos heran, diese geflügelten, amselgroßen Testosteronpakete, die stets bereit sind, Tiere anzugreifen, die viel größer sind als sie. Irgendwann werden sie unsere Jurassic Parks verlassen und sich zusammen tun und wir - zermürbt und verweichlicht von lauter Anti-Korruptions- und Anti-Doping-Agenturen - haben ihnen nichts entgegen zu setzen. Wir wollten ja nicht auf Alfred Hitchcock hören.
Audio: Die Liktormaskentyrannen kommen
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Zum SeitenanfangJetzt haben wir es
amtlich-statistisch: Jungen brauchen in der Schule mehr Förderung als Mädchen. Dass die Jungen im Bildungssystem tendenziell die Loser sind, beschäftigt die
Jugendforscher schon seit längerem. Mich auch, als Vater. Aber das gehört zur Privatsphäre. Nur soviel: Bei einem Brainstorming zur Ursachenforschung gab meine Tochter die Antwort: "Die Jungen sind halt faul." Mein Sohn formulierte etwas anders: "Weil wir keine Lust haben."
Weil ich keine Lust habe, meine Antwort auf dieses Statement öffentlich zu machen - sie fiel kurz, aber etwas laut aus -, denke ich lieber an Gottlieb L. Der war der Jüngste in der Bauernfamilie im Salzburgischen, zu der wir in meiner Jugend Jahr für Jahr in die Sommerfrische fuhren. Gottlieb hatte zwei ältere Schwestern. Sie gingen der Mutter in der Pension zur Hand und kümmerten sich um die Gäste. Gottlieb zerschoss derweil mit seinem Luftgewehr Kräuterbitterflaschen oder schleuderte Frösche mittels einer selbst konstruierten Wippe an die Stallwand. Eine seiner Schwestern studierte später BWL, die andere machte Karriere im Hotelfach. Gottlieb hatte keine Lust. Das machte nichts, denn es gab ja den Hof.
An Gottlieb habe ich begriffen, dass es der gesellschaftliche Fortschritt ist, der den Jungen die Lust nimmt. Es fehlt an Vorbildern und Aufgaben. Die Schule erzieht zu sozialer Kompetenz, Teamfähigkeit und Flexibilität. So etwas nennt man nicht zufällig "soft skills" - Weiberkram also. Dieses Anforderungsprofil ist inzwischen ganz oben angekommen: Uns regiert eine Kanzlerin und das Zukunftsmodell in ihrem Kabinett heißt Ursula von der Leyen, Supermutti und Karrierefrau. Einem wirklich männlichen Typen wie Peter Struck blieb schon in der Vorgängerregierung nur, Deutschland am Hindukusch zu verteidigen. Dort gibt es noch wahre Männer, weil es noch Aufgaben gibt, die ihnen auf den Leib geschrieben sind.
Feministinnen führen den Abstieg des Mannes auf die Emanzipation zurück. Motto: Wo Gleichberechtigung herrscht, sind wir gleich die besseren. In Wahrheit aber ist der Mann das Opfer seines Erfolgs. Ihm ist gelungen, wovon sonst meist nur scheinheilig geredet wird: "sich selbst überflüssig zu machen." Der Mann hat gejagt und gekämpft. Er hat die wilden Tiere ausgerottet und die wilden Völker zivilisiert. Dann hat er die Tiefkühltruhe und die Mikrowelle erfunden. Nach zwei Millionen Jahren Patriarchat hat er eine Welt hinterlassen, in der Frauen fast überall allein zurecht kommen (außer am Hindukusch vielleicht). Sollte man ihm missgönnen, dass er nach getaner Arbeit faul wird und keine Lust mehr hat? Gut, das schafft ein paar Probleme. Die Schule muss sich nun laut erwähnter Statistik besonders um die "emotionale und soziale Entwicklung" der Jungen kümmern. Ich meine, da können jetzt mal die Frauen ran. Die haben schließlich die Sozialberufe erfunden.
Audio: Kein Bedarf an echten Kerlen
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Zum SeitenanfangVor vielen Jahren durfte ich einmal mit einem echten Theaterregisseur zusammen arbeiten. Ich erinnere mich noch genau an die erste Besprechung mit ihm. Allerdings nicht daran, was besprochen wurde, sondern nur an diesen schwarzen rechteckigen Kasten, den er bei sich hatte und gleich verkabelt auf die Fensterbank legte. "Meine Mailbox", sagte er kurz angebunden zur Erklärung. Ich verstand nicht, aber er wirkte sehr bedeutend dadurch.
Das war 1993 und heute weiß ich, dass es sich um ein Motorola der ersten Generation handelte, ein digitales Mobiltelefon. Ich hatte diese Neuheit also genau ein Dreivierteljahr verschlafen, denn seit dem 30. Juni 1992 war der digitale
Äther offen und wartete nur noch darauf, vollgequasselt zu werden.
Im Nachhinein wundere ich mich, dass ausgerechnet ein Theaterregisseur sich als Trendsetter in Sachen Mobiltelefonie betätigte, ist das
Handy doch der natürliche Feind der Kultur. Ich meine damit nicht diese penetranten Klingeltöne und das anschließende hektische Rausgerenne von Menschen mit hochrotem Kopf aus Theater, Oper oder Philharmonie. Ich meine auch nicht das Zurechtstutzen von Liebesbotschaften auf SMS-Format. Vielmehr meine ich die Allgegenwart von
Telefongesprächsfetzen in öffentlichen Verkehrsmitteln. Sie hindern jeden daran, sich auf ein gutes Buch zu konzentrieren. Denn wo hat man sonst noch die Muße zu lesen außer in verspäteten Bussen, Bahnen und Zügen? Vollständige Gespräche im Abteil kann man leicht überhören, aber halbierte nie. Ständig versuche ich, die andere Seite zu erraten, die ganze Geschichte zu erfahren.
Einmal in der Straßenbahn redete sich eine junge Frau völlig in Rage. "Nein, das kann ich dir nicht sagen, nicht jetzt. Ich sitze doch in der Bahn. Alle können mithören. Und den kennen doch viele. ... Ja, es war ganz heiß. ... Ach komm, ich steige einfach aus, ich muss das doch loswerden." Die Bahn hielt, die Frau stieg tatsächlich aus. Die Anstrengung, die es den Zurückgebliebenen bereitete, ihr nicht nachzueilen, war körperlich zu spüren.
Der Regisseur wusste es wohl schon: Das Handy macht die Welt zur Bühne. Endlich ist das Private wirklich politisch, öffentlich. Wir haben das Ding am Ohr und halten unsere Monologe vor großem Publikum. Der Regisseur muss eigentlich nur noch rechtzeitig aussteigen und mitschreiben. - Übrigens gibt es dessen
altes Motorola hin und wieder immer noch. Mein Vater zum Beispiel hat so eins. Wir lachen ihn alle aus wegen des riesigen Knochens. Aber letztens sagte er: "Diese neuen Handys haben so kleine Tasten, die kann ich ja kaum mehr sehen und auch nicht richtig drücken." Da ist mir mit einem Mal Angst und Bange vor dem Alter geworden. Denn dann werden wir alle diese winzigen hypermodernen UMTS-Dinger in der einen Hand halten und die Lupe in der anderen und nicht wissen, mit welcher wir simsen sollen. Sind so kleine Tasten, kann man nichts drauf sehen. Das wird uns einsam machen. Zwischen all dem Gequassel der Jugend werden wir still da sitzen und ein gutes Buch lesen. Weil wir hoffentlich auch schwerhörig geworden sind.
Audio: Sind so kleine Tasten
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Stephan Josefs Oma geht mir nicht mehr aus dem Sinn: Wie die gute Frau ihre Enkel die Augen schließen lässt, damit sie das Kölner Rotlichtmilieu nicht verunsichert, rührt mich einfach. Man kann sie ja verstehen: Sie kommt, wie
mein Kollege auch, vom Niederrhein. Ländlich geht es da zu, tief katholisch und entschieden konservativ. Da muss einem das Treiben in der City vorkommen wie der Untergang des Abendlandes. Vor dem will man seine lieben Kleinen natürlich bewahren.
Stephan Josefs Oma erinnert mich an Leyla aus meiner Nachbarschaft. Sie kam vor 30 Jahren aus einem Dorf östlich von Ankara hier her. Ländlich ging es da zu, tief islamisch und entschieden konservativ. Bauchfreie Mädchen mit Bierflaschen auf der Straße, Zeitungskioske voller Nackter und Pornobildertausch auf Schülerhandys kommen ihr vor wie der Untergang des Morgenlandes. Weil sie ihren Enkelinnen nicht ständig die Augen zuhalten kann, möchte sie, dass sie ein Kopftuch tragen und nicht in die Disko gehen. Aber Leyla ist traurig: Sie lebt in der Fremde und steht auf verlorenem Posten.
Darin erinnert sie mich an einige meiner
alten Lehrer von der Ordensschule, die ich besuchte. Streng katholisch und konservativ hatten sie so manchen Kulturkampf verloren: den gegen das Scheidungsrecht ohne Schuldfeststellung, den gegen die konfessionslose Grundschule, den gegen das neue Abtreibungsrecht und schließlich noch den gegen die Schwulenehe. Aber aus all den Niederlagen haben sie neuerdings eine überraschende Konsequenz gezogen. Sie kämpfen jetzt dafür, dass die Türken unser modernes Leben gut finden müssen: unsere Scheidungsrate, unsere sexuelle Revolution und unsere Schwulenkneipen. Vorher können die keine guten Demokraten sein. Liberalismus sei eben unsere westliche Leitkultur. Vor dreißig Jahren war unsere Leitkultur noch ganz anders. Aber jetzt verteidigen die alten Herren mannhaft die Moderne und schlagen sich auf die Schenkel, wenn
Ralph Giordano verschleierte Frauen "menschliche Pinguine" nennt. (Auch wenn sie in ihren alten kölschen Witzen mit Pinguinen stets katholische Nonnen meinten und sie einem Juden sonst nicht so gerne Beifall klatschen.)
"Du musst das verstehen", sage ich zu Leyla, die nichts versteht: "Ihr seid von euren Männern unterdrückt. Das muss sich ändern." Aber Nachbar Becker habe doch auch erst neulich seine Frau ins Frauenhaus geprügelt und sich anschließend eine Braut aus der Ukraine besorgt, aus dem Katalog, sagt Leyla. "Ja", sage ich, "aber das ist ein Männerproblem, keins der Kultur oder Politik oder Religion."
Dabei geht mir all das auch nahe. Vor allem, seit meine älteste Tochter mit dem Gedanken an ein Bauchnabel-Piercing spielt. "Jetzt kommt doch wieder die bauchfreie Zeit", argumentiert sie. Ich würde auch mal gern autoritär sein und es schlicht verbieten. Aber das geht leider nicht. Man kann doch mit den Islamisten keine gemeinsame Sache machen.
Audio: Piercing für die Demokratie
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Stellen Sie sich vor, ich würde meinen Blogeintrag so beginnen: "Köln, am Tag der Heiligen Clothilde. Heute das Klo geputzt." In alten Tagebüchern oder Briefen findet man so etwas tatsächlich. Die Menschen haben mit den Gedenktagen gelebt. Sie wussten stets, wo sie gerade standen: drei Tage nach Ostern, zwei vor Himmelfahrt oder mitten in den grimmigen
Eisheiligen. Das gab Orientierung, setzte Wegmarken im Einerlei der Zeit. "30. Mai. Ich schreibe Dir heute am Tag des Seligen Otto Neururer. (War der nicht zuletzt Trainer bei Hannover 96?)"
Das moderne Leben hat solche Traditionen weggewischt. Heute ziehen unsere Tage andere gleichförmig dahin: Do. 31.05. Fr. 01.06. Sa. 02.06. So. Dabei gibt es eine neue, nicht mehr religiös gebundene Möglichkeit, den nackten Daten wieder einen Sinn zu geben. Das fiel mir letztens ein, als unser Oberbürgermeister Schramma zwei
Schnullerbäume im Rheinpark pflanzte, wunderschöne Papier-Maulbeerbäume, weil doch der Internationale Tag der Familie war. Solche Anlässe gibt es mittlerweile fast so viele wie Selige und Heilige. Der 30. September zum Beispiel ist der
Tag des Butterbrotes. Da kann man mal abends in trauter Runde Schnittchen essen. Und das Klo putze ich auch nicht heute - Clothilde hin oder her - sondern erst am 19. November, dem Welt-Toilettentag.
Zugegeben, man sollte den Lokus etwas häufiger reinigen. Aber ich habe das ja schon am 22. Mai getan (Prostata-Tag) und am 7. April (Weltgesundheitstag), und es gibt noch manche weitere Gelegenheit bis zum 3. November (Europäischer Magen-Darm-Tag). Aber heute putze ich nicht. Heute machen wir einen Ausflug mit dem Rad. Warum? Am besten erkläre ich es einfach mit einem Ausschnitt aus meinem Tagebuch, von der vorerst letzten Seite:
"31. Mai.
Welt-Nichtrauchertag. Der Mai geht zu Ende. Habe heute nicht geraucht. (Ehrlich gesagt: Ich bin sowieso Nichtraucher. Aber heute mal ganz besonders.) - 1. Juni.
Internationaler Tag der Milch. Der Sommer beginnt, meteorologisch. Ich verbiete meinen Kindern, heute zuckerhaltige Produkte eines US-amerikanischen multinationalen Getränkekonzerns zu konsumieren. Wir haben doch noch Milch im Kühlschrank. - 2. Juni. Tag der Organspende. Ich will aber heute kein holländisches Fernsehen gucken. Deshalb halte ich mich diesmal lieber an die traditionelle Variante und gedenke der Heiligen Blandina. Das klingt hübsch, wie Blondine. Aber Blandina ist die Patronin der Jungfrauen. - 3. Juni. Europäischer Tag des Fahrrads. Ich frage mich, warum der Tag der Milch international ist und der des Fahrrads nur europäisch. Dabei fahren doch gerade die Asiaten massenweise Fahrrad, trinken aber gar keine Milch. Nur Reiswein. Und neuerdings auch die zuckerhaltigen Produkte eines US-amerikanischen multinationalen Getränkekonzerns. Wir packen Kakao in die Kühltasche - ein Kompromiss, für eine Spritztour mit dem Rad. "Spritztour!", schreien meine Kinder: "Was willst du denn spritzen? Etwa Epo?"
Audio: Chlothilde und das europäische Fahrrad
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Nachdenklich tauche ich mein Croissant in den Milchkaffee, es tropft ein wenig auf die Tischdecke, ich schaue hinaus in den trüben Himmel. Eigentlich trinke ich morgens lieber Tee und esse Schwarzbrot. Aber das geht jetzt nicht. Ich stehe noch ganz unter dem Eindruck dieses 16. Mai: Da eilt
Nicolas Sarkozy, kaum vereidigt, nach Berlin und herzt unsere Kanzlerin, als wäre er Alain Delon und sie Romy Schneider. Und würde Romy Schneider noch leben, hätte sie gewiss die Filmfestspiele in Cannes eröffnet. Das tat nun
Diane Krüger. Als Romy zu Alain reiste, galt das hier zulande noch als Vaterlandsverrat. Aber Frau Krüger durfte ausgerechnet die 60. Festspiele anmoderieren, wo doch Deutsche zu 60jährigen Jubiläen bei den Nachbarn bisher nur erlaubt waren, wenn sie starren Blicks in einer kalten
Normandiebrise herumstanden!
Während sich Sarkozy an der Spree den roten Teppich von Cannes entgehen ließ, lieferte er auch gleich die Begründung für die erstaunliche Arbeitsteilung: Die deutsch-französische Freundschaft sei heilig, sagte er. O la la! Bislang hätte ich allenfalls "lieb und teuer" gedacht, Letzteres mit Blick auf die Bauern. Aber jetzt liegt so etwas wie "heilige Allianz" in der Luft. Wahrscheinlich will Sarkozy den Schulterschluss des "alten Europa" gegen diese Koalition der Willigen, die sich den Grand Prix unter den Nagel gerissen hat, obwohl doch die Franzosen den Chanson und die Deutschen den Schlager erfunden haben.
Schwarzbrot und Baguette sind einander eben viel näher als man denkt. Gewiss, der Politikstil ist noch unterschiedlich: In Paris läuft alles zentral über den Präsidenten; deshalb sorgt die Präsidenten-Patchworkfamilie auch selbst für Kinder (Jean, Pierre, Louis, Judith, Jeanne-Marie). In Berlin wird eher delegiert, etwa von der Kanzlerin an die zuständige Gedöns-Ministerin (David, Sophie, Donata, Victoria, Johanna, Egmont, Gracia). Aber durch echten Austausch lassen sich solche Unterschiede überwinden. Warum nicht wirklich mal etwas austauschen, zum Beispiel das Elsass gegen das Saarland? "Edelzwicker" kann doch kein Franzose aussprechen - und seit wann heißt ein deutscher Kommissar "Palu"? Oder warum nicht in einem Merkel-Sarkozy-Vertrag die steuerschädliche Kleinstaaterei in Europa beenden: Luxembourg für Frankreich, Liechtenstein nach Deutschland? Gemeinsam wäre vieles möglich.
Während mir die aufgeweichten Croissant-Brocken allmählich den Kaffee in einen Sumpf verwandeln, beschleicht mich Melancholie, weil schon wieder ein historischer Trend ohne mich laufen wird. Ich kann nämlich kein Französisch. Erstmals bitter bewusst geworden ist mir das während einer Alpenwanderung mit einem Freund, damals, in der Jugend. Da kam eines Nachmittags eine Wandergruppe über den Hang auf unseren Rastplatz zugeschritten, alle mit einem kleinen Rucksack, aus dem ein Baguette hervorlugte, ungelogen! Es waren lauter Töchter von Peugeot-Angestellten, und sie sahen alle irgendwie aus wie Brigitte Bardot, bevor sie entdeckt wurde. Mein Freund fing gleich munter an zu plappern, als wäre er vom deutsch-französischen Jugendwerk. Ich hätte mir in den Hintern beißen können, dass ich Latein gewählt hatte.
Audio: Schwarzbrot und Baguette
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Die Deutschen sterben aus, das weiß jedes Kind. Aber während
Stephan Josef am Muttertag über die Widersprüche von Krippen- und Kindergeldpolitik nachsinnt, raffen sich andere auf zu handeln. Fritz Schramma zum Beispiel. Dem Kölner Oberbürgermeister ist nicht entgangen, dass genau zwischen Mutter- und Vatertag der etwas weniger bekannte, aber um so wichtigere "Internationale Tag der Familie" liegt. Und weil zum Mann das Bäumepflanzen gehört so wie zur Mutter die Blumen, hat er sich gesagt: "Und wenn Deutschland morgen ausstirbt, werde ich heute noch ein Papier-Maulbeerbäumchen pflanzen."
Er pflanzt sogar zwei in den Rheinpark, ein Pärchen nämlich, weil es den
Papier-Maulbeerbaum weiblich und männlich gibt. Frau und Herr Papier-Maulbeerbaum im Rheinpark sind so, wie das Presseamt der Stadt uns mitteilt, "ein dauerhaftes Zeichen für ein familien- und kinderfreundliches Köln." Nicht etwa, dass sich nun Papier-Maulbeerbäumin und Papier-Maulbeerbaum paaren und vermehren sollen, bis sie den Rheinpark zuwuchern. Vielmehr sollen die beiden Bäume - deren wunderschönen Namen ich mir ab jetzt verkneifen will - als sogenannte
Schnullerbäume dienen. Kleine Kölnerinnen und Kölner, die sich im Zuge ihrer kindlichen Reifung vom Nuckel trennen, können den an einen Ast der entsprechenden Bäume hängen. So werden diese Bäume allmählich immer bunter, treiben zu jeder Jahreszeit neue Blüten aus Kunststoff und gaumenfreundlichem Naturlatex und schieben, weil sie ja wachsen, diese ungewöhnliche Pracht immer höher in den rheinischen Himmel. Irgendwann, wenn Baby einmal groß ist und zum ersten Mal verliebt, kann er seine Eroberung an einem lauen romantischen Abend in den Rheinpark führen. Sie legen sich unter einen dieser Bäume, er deutet nach oben ins Geäst und zeigt ihr den immer noch knallroten Nuckel, da gleich neben den beiden gelben: "Das war mal meiner". Und dann nimmt er sie in den Arm und vielleicht ... So hat sich Schramma das wohl gedacht.
Ich fürchte nur, es wird so nicht laufen. Als mein Sohn sich von seinem Schnuller verabschieden sollte, hat er ihn an Heiligabend dem Christkind geschenkt. Aber am ersten Weihnachtstag wollte er ihn wieder zurück. Erst im Frühjahr war er reif für die Oster-Aktion "Schnuller gegen Schoko-Eier". Wahrscheinlich werden sich also künftig im Rheinpark herzzerreißende Szenen abspielen: Brüllende Blagen, endloses Gezeter, weil der Nachwuchs aus dem Kinderwagen nach den bunten Früchten greift. Mancher Nuckelsüchtige wird hier nämlich lieber ernten als reifen wollen. Und selbst nach einer gelungenen heroischen Tat ihres Sprösslings wird manche Mutter wochenlang den Park meiden müssen, um keinen Rückfall zu riskieren. "Toll", wird sie denken: "Schramma setzt ein Zeichen für Kinderfreundlichkeit, und ich kann nicht mehr in den Park!"
Audio: Schnullerbäume, die in den Himmel wachsen
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Wahrscheinlich waren sie unterwegs, um der Brandgefahr vorzubeugen. Aber die Polizisten aus Bad Honnef fanden auf einsamer Lichtung keine zündenden Pyromanen, sondern
98 Gartenzwerge. In ihrer Mitte stand eine zierliche Frauenfigur, umgeben von sieben Zwergen. Darum herum gruppierte sich das übrige niedliche Volk. Die Beamten "stellten die Figuren sicher", wie es in ihrem Bericht heißt. Außerdem bezeichnen sie den Fall darin als "mysteriös". Das entfachte sogleich meinen Wunsch, den hilflosen Ermittlern zu helfen. Aber welche Spuren führen ins Herz des Mysteriums?
Spur 1 deckte meine literarisch bewanderte Kollegin Sabine Zelta auf. "Kein Wunder, dass die Deutschen so unter den mancherorts lodernden
Waldbränden leiden", sagte sie beiläufig: "'Das Symbol der Deutschen ist der Wald', schrieb Elias Canetti in 'Masse und Macht'". Ich dachte an die Masse der Zwerge und wurde hellhörig. Tatsächlich ist der Wald so urdeutsch, dass sein Deutschtum sogar in fremden Zungen immer wieder durchschlägt. Nehmen wir etwa
Spur 2: Vor über 150 Jahren veröffentlichte der amerikanische Früh-Öko Hanry David Thoreau sein Buch über das alternative Leben in der Natur: "Walden. Or Life in the Woods". Thoreau war wohl kaum bewusst, dass sein Buchtitel im Deutschen geradezu tautologisch wirkt: Walden oder das Leben in den Wäldern. Zwar heißt Walden der See, an dem Thoreau eine Blockhütte bewohnte. Aber im Land der deutschen Eichen wird aus dem Namen ein Verb: der Wald als Tätigkeit, Walden als Lebensform. Und wie hieß übrigens der Freund, welcher Thoreau seine Hütte überließ? Es war der Philosoph Emerson. Vorname: Ralph Waldo!
Spur 3: Das eine Symbol der Deutschen ist der Wald, das andere jedoch der Zwerg - bevorzugt mit Zipfelmütze und "Michel" gerufen. Beide Symbole bringt der Fund von Bad Honnef zusammen. Zu allem Überfluss liegt der rheinische Ort jenseits des Siebengebirges. Hinter den sieben Bergen bei den sieben Zwergen lebte bekanntlich Schneewittchen. Das ist offensichtlich die Frau inmitten der Zwerge, die Schönste im Land, viel schöner als die böse Herrscherin. Im Wald also, bei den Hinterwäldlern, findet sich der schönste Schatz, Symbol der Liebe und des bedrohten Lebens. So erzählen es die Gebrüder Grimm, Zeitgenossen von Henry Thoreau. Außerdem liefert die Lage von Bad Honnef auch noch
Spur 4: Der Fundort liegt nämlich am Fuße des Drachenfelses, Wohnstätte jenes Untiers, das in einer urdeutschen Sage der junge Held Siegfried erlegte, um Unbesiegbarkeit zu erlangen und den Schatz der Nibelungen. Die Nibelungen aber waren was? Richtig: Zwerge!
Damit ist der Kreis geschlossen und der Fall gelöst. Ich nehme an, dass Sie, liebe Leserin, lieber Leser, die Symbolik längst entziffert haben. Aber für das Protokoll der Polizei von Bad Honnef sei sie hier noch einmal im Klartext erläutert: Das Stillleben auf der Lichtung ist ein Appell, ein stummer Schrei. Es ruft uns zu: Deutscher Michel, Dein Wald ist bedroht! Pack dich bei deiner Zipfelmütze und sei ein Held wie Jung-Siegfried. Besiege den Drachen des sauren Regens und der Klimakatastrophe. Schneewittchen darf nicht sterben!
Audio: Der Schneewittchen-Appell
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Zum SeitenanfangTrends kommen stets aus den USA. Denn was die Amerikaner haben, wollen wir auch haben. Ob Kaugummi oder Mittelstreckenraketen, ob Rockmusik oder Amokläufe: Wir importieren und imitieren, meist ein bisschen später und ein bisschen kleiner, aber um so leidenschaftlicher. So hält der große Teich auch den sogenannten Kreationismus nicht von uns ab. Das ist die Theorie, nach der Gott den Menschen gemacht hat, direkt und im Schnellverfahren - und nicht die Natur in Jahrmillionen. Zugegeben, eine abenteuerliche Alternative, die hierzulande selbst die Bischöfe hinter sich gelassen haben. Aber im weiten Westen kämpfen smarte Bibeltreue mit teuren Kampagnen und zahlreichen Prozessen gegen die moderne Biologie.
Charles Darwin hat einen Bart. Hatte er immer schon. Aber irgendwie sieht er für junge Leute wohl so affig aus, dass sich viele von ihnen die Reaktion seiner Zeitgenossen vor 150 Jahren zu eigen machen: "Der Mensch stammt vom Affen ab? Sie vielleicht - ich nicht!" Jedenfalls machte der Biologieprofessor Dittmar Graf in Dortmund jetzt die
Entdeckung, dass jeder zehnte seiner Studenten meint, der Mensch sei gleich von Anfang an so schön und haararm auf der Erde erschienen, wie er heute auf ihr sein Unwesen treibt. Unter allen Studienanfängern in Dortmund glauben das sogar 18 Prozent. Der Biologe ist geschockt, muss er doch jetzt in wenigen Semestern zwei Jahrhunderte Wissenschaftsgeschichte nachholen. Graf glaubt, viele Menschen fänden die Verwandtschaft mit den Schimpansen kränkend. Deshalb will er jetzt darüber nachdenken, wie man die Evolutionstheorie schon an der Schule besser verkaufen kann.
Ich wollte Graf helfen und habe gleich bei meinen Kindern nachgefragt, von welchem Tier sie gern abstammen würden. Ohne beleidigt zu sein. Meine Älteste wünscht sich einen Delfin zum Urahn. "Delfine sind megacool." Mein Jüngster ist dagegen für den Eisbär.
"Dann bin ich Knut." Eine schnell organisierte Blitzumfrage auf dem Spielplatz gesellte noch das Pferd, das Meerschweinchen und den Löwen (ein Junge!) dazu. Außerdem natürlich den Elefanten. Wer wäre nicht gern
"Ming Jung"? Der Affe hat also tatsächlich eine schlechte Presse. Ob das nur an den grottigen neuen Folgen von "Unser Charlie" liegt? "Daktari" mit Judy war da um Klassen besser, und deshalb fühlte ich mich im Bio-Unterricht nie beleidigt.
Aber das ist wohl nur die halbe Wahrheit. Genauer analysiert ist die Sache mit dem Affen so unbeliebt, weil sie so realitätsnah ist. Sagen Sie mal zu Ihrem Kollegen: "Du Delfin" - er wird nicht verstehen. Oder: "Du Löwe!" Er ist geschmeichelt. Dabei wäre nur: "Du Affe" treffend - und träfe. Die große Koalition ist ja auch kein Delfinarium, sondern das reinste Affentheater. Erich Kästner hat einmal die Menschheitsgeschichte in wenigen Zeilen zusammen gefasst:
"So haben sie mit dem Kopf und dem Mund
den Fortschritt der Menschheit geschaffen.
Doch davon mal abgesehen und
bei Lichte betrachtet
sind sie im Grund
noch immer die alten Affen."
Da hat man das Abi geschafft und will Lehrer werden - und dann muss man sich so was sagen lassen. Nicht mit uns in Dortmund!
Sehr lustig. Ich glaube auch nicht, daß Gott alles auf einmal geschafft hat, aber auch die Evolutionstheorie scheint nicht ganz nachvollziehbar. Z.B. : Wieso hätten die Affen das Fell verloren, wenn sie Richtung nord (mehr Kälte) gewandert sind? Bis jetzt habe ich nur dumme Antworten bekommen. Mal sehen.
Gelato Limon am 07.05.07 15:17
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Zum SeitenanfangVor einiger Zeit starb ein alter Herr aus dem Bekanntenkreis der Familie und mir fiel es mit einigen Freunden zu, seinen Speicher auszuräumen. Das war eine melancholische Arbeit. Der Verstorbene war ein Wissenschaftler, ein Mann der Feder und ein Vertreter einer schon versunkenen Zeit: Er schrieb lange Briefe mit Durchschlag und bewahrte die Post anderer auf, er führte Tagebücher, dicke Kladden, die schließlich in Kartons landeten und auf den Speicher wanderten. Wäre er prominenter gewesen, ich hätte Lust bekommen, seine Biografie zu schreiben. Das Material lag ja vor mir im Staub. Der Großneffe unseres Bekannten schien Ähnliches zu denken, denn er sagte plötzlich: "Wenn wir mal sterben, passt alles auf eine DVD."
Tatsächlich: Wir Postmodernen leben ohne Post, unsere Notizen machen wir im Palm, unsere Erinnerungen verdampfen irgendwo in der Blogosphäre. Wir leben, ohne Spuren zu hinterlassen. Und wenn einmal ein Biograf uns posthum entdeckt und unsere Geschichte erzählen will - wie soll er sie rekonstruieren? Woraus soll er zitieren, woher sich ein Bild von unserem Alltag machen?
Das grausige Gefühl völliger Vergessenheit schlich mir am Nacken hoch. Doch bevor es mich packen und würgen konnte, fiel mir
Wolfgang Schäuble ein. Der wird ja gerade als Verfassungsfeind und Hysteriker beschimpft. Dabei glaube ich, die Terroristen dienen ihm nur als Vorwand. Eigentlich ist Schäuble auch so ein Herr alter Schule, der sich gegen die Vergänglichkeit des modernen Lebens stemmt. Und weil unsere Speicher leer sind oder längst zur Maisonette ausgebaut, muss sie eben der virtuelle Speicher ersetzen. Ob wir telefonieren, faxen, mailen, surfen oder simsen -
alles wird gespeichert, gesetzlich. Zwar ist bisher nur ein bescheidener Anfang gemacht, denn die Daten sollen nach einem halben Jahr wieder gelöscht werden. Aber wahrscheinlich wird auch das laufen wie früher mit den Speichern der alten Herren: Sie nahmen sich vor, mal gründlich auszumisten, aber kamen nie dazu. Zur Freude der Biografen und Historiker. Die werden also künftig endlose Listen auswerten: Verbindungsdaten, Internetadressen, Ortungen unserer Handygespräche. Eine Archäologie des Virtuellen wird entstehen, die in mühsamer Kleinarbeit aus den Speichern des Verfassungsschutzes das Schicksal der Verblichenen rekonstruiert.
Erinnern Sie sich noch, wie nach der Wende in der Ex-DDR an den runden Tischen geredet wurde: "Die DDR-Biografien dürfen nicht verdrängt werden. Wir müssen uns gegenseitig unsere Biografien erzählen." Die hatten ja auch leicht reden: Bei der Gauck-Behörde lagert fein sortiert das Leben der anderen - und das eigene meist auch. Ganze Aktenkilometer bilden eine Mauer gegen die Vergänglichkeit. Aber wenn man keine Stasi hat, dann muss man sie eben erfinden.
Audio: Das Leben im Speicher
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"Sauerland - saures Land", sagte der Gärtner im
Kloster, das ich ein paar Jahre bewohnte. Er kam aus Bayern, und das raue Wetter im westfälischen Bergland missfiel ihm ebenso wie der steinige Boden. Während in seiner Heimat an der Donau schon die Obstbäume blühten, schoben die Räumfahrzeuge im Sauerland noch den Schnee beiseite. Da sehnte man den Frühling wirklich herbei. "Es kommt der Tag, der Tag bricht an, da alles neu in Blüte steht", sangen die Mönche in der Fastenzeit. Ostern sollte es so weit sein. Aber weil es Ostern oft noch kalt war, halfen die Bauern nach: Überall auf den Hängen entzündeten sie große lodernde Osterfeuer, als sollte der Winter niedergebrannt werden. Das war ein ergreifend schönes Schauspiel.
"Das ist Umweltfrevel!", sagt dagegen ganz unsentimental der
BUND, also der für Umwelt und Naturschutz. Er will das wilde Osterfeuern unter Kontrolle bringen, hat sogar ein Oberverwaltungsgericht bemüht. Die Feuer seien nämlich wahre Feinstaubschleudern und dienten häufig der illegalen Beseitigung von Gartenabfall. Da sieht man einmal wieder, wie gründlich die Deutschen sind, auch in Sachen Ökologie, denke ich beeindruckt. Während der Osterverkehr die
A4 Richtung Olpe verstopft und die Billigflieger en masse zum Ballermann abheben, um der westfälischen Kälte zu entkommen, während wir also munter das Klima killen und mit Rußpartikeln herumwirbeln, vergessen die Naturschützer auch die sauerländischen Bauern nicht. Einmal im Jahr die Biotonne entlasten und die heimische Müllverbrennungsanlage auch noch als religiöses Brauchtum tarnen - das geht jetzt nicht mehr durch. Schließlich haben kleine Ursachen oft große Folgen. Lese ich doch gerade jetzt, im Hochsauerlandkreis seien rekordverdächtig 1.300 von 2.700 Vierjährigen beim ersten
Sprachtest im Kindergarten durchgefallen. Vielleicht hat denen ja die österliche Qualmerei schon das Hirn vernebelt und die Stimmbänder verstaubt. Kein Wunder, dass der Westfale insgesamt so maulfaul ist.
Wenn ich allerdings an meine Jahre im Sauerland zurück denke, bezweifle ich, dass man dort die Botschaft verstehen wird. Der Sauerländer denkt nämlich klar, direkt und kurz. Nicht zufällig stammt der Erfinder einer Steuererklärung auf dem Bierdeckel von dort. Vor Weihnachten schlägt der Sauerländer seine Nadelholzschonungen zusammen, dass Kyrill ein Waisenknabe dagegen ist. Wenn es nicht schneit, wirft er die Schneekanonen an. Ostern gibt's Feuer, und im Sommer Schützenfest. Das wird kein Pazifist abschaffen, so wenig wie ein Veganer das Eierfärben. Ich möchte deshalb Aktivisten des BUND davon abraten, sich heimlich unter das Osterfeuerpublikum zu mischen, um gegebenenfalls die "Geldbußen von bis zu 50.000 Euro" durchzusetzen, von denen die Rede ist. Sie sollten sich auch hüten, Männer, die bei kräftigem Korn die Auferstehung Christi feiern, über ökologische Zusammenhänge zu belehren - etwa derart, die wilde Brennerei sei doch eine direkte Ursache für die milden Winter, die dem Tourismus um den Kahlen Asten den Garaus machen.
Denn dort, wo die Dörfer so kernige Namen tragen wie "Leckmart", "Schwartmecke" oder gar "Faule Butter", weiß man die eigene Identität noch zu verteidigen. Besserwisserische Öko-Sprüche könnten also eine überhastete Flucht vor einer hochgehaltenen Mistgabel nach sich ziehen. "Sauerland - saures Land", sagte der alte Gärtner. Und er wusste, dass die Bezeichnung nicht vom sauren Regen stammt.
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Zum SeitenanfangNeulich hat meine Freundin Elke meine Wohnung ausgependelt. Sie ist nämlich nicht nur
Verpackungsvermeiderin, sondern auch "Geomantikerin". Natürlich schlug ihre Wünschelrute prompt in meinem Arbeitszimmer aus. Sie hat mir ja schon früher erklärt, mein Schreibtisch stände Feng-Shui-mäßig völlig verkehrt. Genau zwischen Fenster und Tür - kein Wunder, dass mir so oft nichts einfalle, wenn wieder das Glossenblog droht. Aber nun kam es noch dicker: Quer unter dem Schreibtisch her verläuft eine Wasserader. Die Kräfte aus der Tiefe bestimmen uns mehr als wir ahnen, sagte Elke. Wie das Unbewusste das Bewusstsein.
Als sie wieder fort war, habe ich die Sache bald vergessen. Schließlich bin ich stur und lasse mir nicht gern in den Alltag hineinreden. Aber dann las ich von diesem Fund im alten Bonner Regierungsviertel: Gleich neben dem "Langen Eugen" stießen Bagger bei Bauarbeiten auf ein
römisches Bad. Mit viel Mühe haben Spezialisten es jetzt ausgegraben und an eine andere Stelle versetzt. Da musste ich wieder an Elkes Weisheit denken. All die Jahre wurde die Bonner Republik also über einer antiken Therme regiert. Oben Adenauer, Kiesinger, Kohl - unten Caldarium, Tepidarium, Frigidarium. Vielleicht erklärt das die Gemütlichkeit, diese leicht dekadente Ruhe der alten Bundesrepublik: Lauter Männer unter sich, die palavern, Geschäfte machen, sich streiten, aber möglichst nicht zu sehr. Eine Politik aus dem Thermalbad. Und auf den berühmten Ausspruch Herbert Wehners über Willy Brandt fällt ein ganz neues Licht: "Der Herr badet gerne lau."
Weil uns wahrscheinlich gar nicht die Sterne bestimmen, sondern die verborgene Vergangenheit im Boden unter uns, wäre es vielleicht eine lohnende neue archäologische Methode, von der Gegenwart auf das zu schließen, was in der Tiefe liegt. Nehmen wir zum Beispiel die VW-Zentrale in Wolfsburg: Es kann doch sein, dass sie auf einem alten germanischen Bordell errichtet wurde. Da vergnügten sich die sächsischen Häuptlinge, bevor Karl der Große sie massakrierte und die Überlebenden taufen ließ. Also konnte Peter Hartz gar nicht anders, archäo-psychologisch gesehen. Und Siemens in München: Unter deren Verwaltung würde man auf ein unterirdisches Versteck einer frühbajuwarischen Räuberbande stoßen. Da wurde gekungelt und Beute ausgetauscht, was das Zeug hielt. Das strahlt bis heute aus wie eine Sondermülldeponie.
Ich finde die Idee großartig. Vielleicht mache ich eine archäo-psychologische Praxis auf und berate beide Seiten: Den Archäologen gebe ich Tipps, wo es sich zu graben lohnen könnte. Und psychisch auffällige Prominente berate ich über ihre mögliche unter-gründige Vergangenheit. Außerdem habe ich beschlossen, meinen Schreibtisch genau da stehen zu lassen, wo er steht. Schließlich ist mir hier dieser geniale Einfall gekommen. Wahrscheinlich steht mein Arbeitszimmer auf einer antiken Orakelstätte. Da kommt das bisschen Wasserader überhaupt nicht gegen an.
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Zum SeitenanfangVielleicht habe ich es schon mal geschrieben: Das Moderne Leben ist schnell, allzu schnell, und ständig ändert sich alles. Da ist man froh, wenn es kleine Inseln gibt im Meer andauernder Modernisierung, die Stand halten, auf denen es zugeht wie eh und je, behäbig und vertraut. Menschen jenseits der Lebensmitte wie ich wissen das zu schätzen.
Auf die Schulpolitik in unserem Ländchen ist in dieser Hinsicht Verlass. So forderte die SPD-Vorsitzende
Hannelore Kraft vor ein paar Tagen die Abschaffung des dreigliedrigen Schulsystems. Das sei unsozial, ungerecht und überholt. Die SPD komme nicht von ihren ideologischen Fesseln los, konterte die CDU. Und ich fühlte mich wieder richtig jung. Damals, 1978, ging ich auf ein ländliches konservatives kirchliches Gymnasium. In der Lehrerschaft kam die Gesamtschule, was Ängste und Alpträume angeht, gleich hinter "
dem Russen". Dann wollte die SPD-Regierung die "kooperative Schule" einführen, eine Gemeinschaftsschule mindestens bis Klasse 6. Die Verteidiger des dreigliedrigen Schulsystems riefen "Stop Koop" und bauten Barrikaden. "Ideologen", brüllten sie. "Unsoziale, überholt!", brüllten die Linken zurück. Aber die Verteidiger des Gymnasiums gewannen ein Volksbegehren und alles blieb, wie es war.
Ja, so war das damals vor fast 30 Jahren. Heute erzähle ich meinen Kindern gern von den stürmischen Zeiten. Die können dank meiner Jugendgeschichten die aktuelle Debatte mühelos verfolgen. Meine Lehrer stöhnten über aufsässige Kinder, zu wenig Kollegen, zu viele ausfallende Stunden, ein sinkendes Leistungsniveau. Nur Pisa galt ihnen damals noch als eine norditalienische Stadt. Meine Kinder dagegen wissen, dass sie in Finnland liegt. Und sie haben eine pragmatische Erklärung für den Horror der Gymnasiallehrer vor der Einheitsschule: Es könnte da ja passieren, dass sie so hart arbeiten müssten wie ihre Hauptschulkollegen und dann auch noch so bezahlt würden wie die.
Was ich meinen Kindern verschweige: Natürlich ist die Geschichte eigentlich noch viel älter. Da gibt es zum Beispiel dieses schöne kölsche Karnevalslied über den
Lehrer Welsch. Bei dem lernten die Kinder bekanntlich, "drei mol null is null bliev null." Inzwischen ist mir klar geworden, dass der Schlager natürlich eine versteckte Kritik am dreigliedrigen Schulsystem enthält. Das war vielen Reformpädagogen damals ein Dorn im Auge. Drei mal Null ist auch nicht mehr als ein mal Null, sangen sie also. Das Lied stammt aus den 30er Jahren. Lehrer Welsch unterrichtete übrigens zur Kaiserzeit. Er litt unter den aufsässigen Kinder, den fehlenden Kollegen, dem allseits sinkenden Leistungsniveau …
Eigentlich hat dieser Beitrag nicht so viel mit dem obrigen Artikel zu tun, aber weil ich gerade mit meiner 8. Klasse einer Mittelschule aus Triest vom hip-hop Konzert der Gruppe "Microphone Mafia" komme,wo meine Schüler lauthals "heiß wie die Hölle direkt für euch aus Kölle" mitgehip-hopt haben, wollte ich diese musikalische Verbrüderung zwischen Nord-West und Süd-Ost nicht ganz unbeachtet vorübergehen lassen. Vielleicht sind solche Initiativen ja sogar lehrreicher, als zwei-dreigliedrige- oder tausendfüßlerische Schulsysteme. Hier in Italien gehen übrigens alle Schüler nach fünf Jahren Grundschule für drei Jahre auf die Mittelschule und wählen erst mit 13/14 entweder ein Gymnasium oder eine Berufsschule. Daran sieht man natürlich wie weit voraus doch Deutschland in allem ist, wo die Kinder bereits mit 9/10 Jahren genau wissen, ob sie Altphilologe oder Koch werden wollen!!! Liebe Grüße aus Triest
Isabella am 13.03.07 13:49
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Nachdem ich meine
Müllglosse geschrieben hatte, ist mir letztens noch was eingefallen: Müll entsteht ja durch Wegwerfen und beim Wegwerfen sind die Charaktere erstaunlich unterschiedlich. Meine Oma zum Beispiel warf nichts fort, sondern sammelte alles im Keller: alte Kleider, Tüten, Zeitschriften, aber auch Gummis, Metall- und Holzstücke von irgendwelchen kaputten Gegenständen. "Das kann man noch mal gebrauchen." Heute würde man ihr wahrscheinlich ein Messie-Syndrom bescheinigen.
Ich bin unter diesem Einfluss eher ein Wegwerfer geworden. Allzu volle Schränke machen mich nervös. Deshalb mag ich auch die Fastenzeit. Da soll man ja nicht nur weniger essen, sondern auch sein Leben überdenken: Was ist mir wesentlich, was soll bleiben, wovon kann ich mich trennen? So wie zum Heilfasten die Abführmittel gehören, so bedarf die innere Einkehr eines Mülleimers.
Das ist genau wie bei meinem letzten Umzug: Da kamen die alten Mappen aus dem Studium, der ständig hakende Kassettenrekorder aus der Jugendzeit und die Jahrzehnte alten Karnevalsverkleidungen (die mir sowieso nicht mehr passen) erst gar nicht mehr in die Kartons. So müssen es auch die Geheimagenten unseres Nachrichtendienstes gemacht haben, als sie vom beschaulichen Pullach bei München nach Berlin umzogen. Irgendeinem von ihnen, nennen wir ihn 007, fielen die alten Vernehmungsprotokolle von Murat Kurnaz aus Guantanamo in die Hände. "Die brauchen wir ja nie mehr", sagte sich 007. Schließlich ist dieser Typ mit dem Rübezahlbart ja inzwischen frei. Also ab in den Reißwolf mit dem amerikanischen Zeugs.
So ähnlich hat es Kollege 008
jetzt vor dem Untersuchungsausschuss erzählt. Der hätte die Akten inzwischen doch gern wieder. "Da seht ihr's", würde meine Oma sagen. Und noch andere Nachrichten lassen mich an meiner Wegwerferei zweifeln. Da hatte das Düsseldorfer Amtsgericht zu entscheiden, ob ein im Internet verkaufter Fußballschlumpf und eine Biene Maja echte Überraschungseierfiguren waren oder nicht. Die
Entscheidung fiel nicht leicht, denn irgendein Aufräumer bei der Staatsanwaltschaft hatte die Figuren schon in die Tonne geworfen. Wahrscheinlich hat er Kinder zu Hause, die ständig alle Fensterbänke und Regale mit solchen kleinen Figürchen vollstellen. Das kenne ich. Nur wundert es mich, dass solche Wegwerfer bei der Staatsanwaltschaft und beim Geheimdienst sitzen. Bislang dachte ich immer, gerade da würde man im Archiv Wollmäuse züchten und nur entsorgen, wovon man fünf Kopien hat.
Wahrscheinlich sitzen einfach die falschen Leute an den falschen Stellen. Das Messie-Syndrom sollte bei Juristen und Agenten zur Qualifikation gehören. Bei der Stasi hat das doch gut geklappt. Wegwerfer dagegen sollte man im Fernseharchiv beschäftigen, da wo all die Rollen mit den alten Karnevals-Sitzungen liegen, mit denen man uns kürzlich wieder vollgemüllt hat. Oder als Redenschreiber in Ministerien, damit man dort nicht den immer gleichen Wortmüll recycelt. Aber wahrscheinlich wird dann mancher Minister hin und wieder seinen Wegwerfer zu den Geheimdienstlern schicken, damit er sich dort mit den Messies herumschlägt - vor Untersuchungsausschüssen zum Beispiel.
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Zum SeitenanfangAls meine Kinder noch in die Windeln machten, waren wir mehrfach auf der Nordseeinsel Juist in Urlaub. Dort gibt es keine Autos, und auch sonst geht es ökologisch sehr vorbildlich zu. In der Ferienwohnung hing ein Plakat mit einer Anleitung zur Mülltrennung, gleich über den fünf verschiedenfarbigen Eimern. Was mir damals viel zu denken gab, war die Anweisung, die vollen Windeln in den Biomüll zu werfen. Oft habe ich am Strand liegend darüber nachgedacht, wer da wohl wie die Plastikhüllen von der Kacke trennt.
Beim Bergurlaub in Tirol geht es ähnlich streng zu: Dort muss man nicht nur das Papier stapeln und bündeln, sondern auch von der Pappe trennen. Für mich als Nichtfachmann ist die Unterscheidung zwischen dickem Papier und dünner Pappe oft schwer. Die Übergänge sind fließend, und es gibt Grenzfälle, über die man auf einer Almwiese liegend lange nachdenken kann. In der goldenen Mitte zwischen Waterkant und Alpen, in Köln also, nimmt man es nicht ganz so genau. Es gibt Papier, Glas, den grünen Punkt und den Rest. Der grüne Punkt ist etwas sehr Ökologisches, deshalb ist er ja grün. Allerdings habe ich gelesen, dass der Grüne Punkt gar nicht alle Abfälle recyclen muss, nur eine bestimmte Quote. Außerdem führt er viele Wertstoffe der "energetischen Verwertung" zu, sprich: Verbrennungsanlage. Lohnt es sich dafür, das Klarsichtfolienguckfenster aus der Pappschachtel der Marzipanpralinen säuberlich herauszulösen?
Der Müll ist ein typisches Beispiel dafür, wie das moderne Leben immer undurchschaubarer wird. Als wir noch nicht wussten, dass uns das Wetter umbringen wird, dachten wir, der Müll werde uns umbringen. Deshalb gab es diese Plakate mit dem Erdball drauf und dem Spruch: "Wer bringt mal eben den Müll runter?" Das hat meine Generation geprägt. Dann hat der dänische Statistiker
Björn Lomborg, der gar nicht glaubt, dass uns irgend etwas umbringt, ausgerechnet, man könne den gesamten Müll der USA, der in diesem Jahrhundert anfällt, in einer 29 Kilometer langen Deponie in Woodward County/Oklahoma unterbringen. Würde Woodward County noch ein bisschen mehr Prärie rausrücken, könnte Europa seinen Mist bequem dazu legen. Ich glaube nicht, dass sich Lomborg in Woodward County besonders beliebt gemacht hat, aber ich muss jetzt oft an Oklahoma denken, wenn ich einen Joghurtbecher ausspüle.
Manchmal denke ich dabei auch an Hellmut Trienekens und Norbert Rüther. Jahrelang gab es ja in Köln außer der FC-Misere kein anderes Gesprächsthema als den Müllskandal. Millionen an Schmiergeldern hatte die Entsorgungsindustrie locker gemacht, um eine Müllverbrennungsanlage bauen zu dürfen, für die wahrscheinlich gar nicht genug Müll da ist. In Nordrhein-Westfalen kloppen sich die Verbrennungsanlagen geradezu um den raren Müll, damit ihnen das Feuer nicht ausgeht. Sogar
Müll aus Neapel haben sie importiert. Wir könnten hier also spielend das Woodward County mediterraner Urlaubsländer werden, wo Papierbündeln und Windeltrennung nicht so angesagt sind. Jetzt lese ich sogar, dass der
Kölner Skandalofen noch ausgebaut werden soll. Die Müllverbrenner wollen eine Kapazitätserweiterung beantragen, obwohl inzwischen landgerichtlich feststeht, dass die Anlage jetzt schon überdimensioniert ist. Irgendwie scheint man mit dem Müll machen zu können, was man will - am Ende kommt immer Geld raus. Deshalb hatte sich seinerzeit in Neapel die Mafia das Müllgeschäft unter den Nagel gerissen. Davon sind wir hier im beschaulichen Woodward County glücklicherweise noch weit entfernt.
Ein Freund von mir durfte vor einier Zeit die Müllverbrennungsanlage in Hamburg besichtigen. Ein Arbeiter, der gerade Gelbe Säcke in den Ofen schippte, sagte ihm, dass ihm der Grüne-Punkt-Müll aus Baden-Württemberg am liebsten sei, weil der nicht so stinkt. Es ist ein gutes Gefühl, dass ich jetzt weiß wozu ich meine Joghurtbecher spüle.
Gruß aus Stuttgart
Claudius am 12.02.07 15:46
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Zum Seitenanfang"Hier kommt der Kenterhaken", ruft mein Jüngster, und schon fliegt mir ein Seil um die Ohren. Weil mein Sohn sich unter einem "Enterhaken" nichts vorstellen kann, hat er kurzerhand ein "K" davor gehängt. Tatsächlich kentere ich sofort, kapituliere vor dem Piratensäbel, der drohend vor meinem Gesicht herumfuchtelt. Wenig später liege ich, mit dem Seil gefesselt, auf dem Sofa. Zu allem Überfluss steigt der Pirat auch noch auf mich drauf und verkündet triumphierend: "Gekentert!"
Nun ist es gar nicht so schlecht, vom Segeln auf den stürmischen Wellen des Alltags hin und wieder eine Auszeit auf dem Sofa zu nehmen. Schlimm dagegen ist die echte Piraterie, die von ernsthaften Bösen draußen im wirklichen Leben - im Internet also. So haben kürzlich unbekannte Seeräuber des Webs die viel genutzte Suchmaschine
Google gekapert. Wer sie von Deutschland aus ansteuerte, fand nur noch einen leeren Hafen. Manch einer wird sich aus diesem Hafen vor lauter Angst, selbst entführt zu werden, nicht mehr hinaus getraut haben. Denn die Suchmaschinen sind ja so etwas wie Reiseunternehmen. Sie verheißen den Landratten, die eigentlich nur "surfen" können - also stets in Ufernähe bleiben - eine gefahrlose Tour quer über den großen Teich. Man gibt einfach ein Ziel an und sie bringen einen hin, in einem lustigen Insel-Hopping. Wer so komfortabel reist, weiß natürlich nichts von den Gefahren des offenen Meeres.
Denn das WorldWideWater ist kein Wunschkonzert, wie
Stephan Josefs Oma sagen würde. In den allermeisten Häfen lauern windige Geschäftsleute, die es nur auf die Kreditkarten der Reisenden abgesehen haben. In den Buden am Kai will man Ihnen für teures Geld billigen Tand andrehen,
gefälschte Schlümpfe oder Privatvideos von Paris Hilton, oder man
klaut Ihnen die Urlaubsfotos. Wenn Sie endlich den bekannten Anleger ihrer Sparkasse zu erkennen meinen, entpuppt der sich beim Festmachen als gemeine Täuschung und schon springen bärtige Kerle herbei, reißen Ihnen die Geheimnummern aus der Tasche und räumen Ihr Konto ab. Die
Polizei hilft auch nicht, sondern stellt im Zweifelsfall das Leben der Anderen ins Netz.
Auf den großen Inseln leben meist Wilde, die natürlich völlig nackt und ständig auf Sex mit Schiffbrüchigen scharf sind. Dazwischen gibt es die Blogosphäre, ein unüberschaubares Archipel, in dem Sie leicht auf kleinen Sandbänken stranden können, auf denen nur eine Palme wächst und ein Robinson sitzt. Der labert Sie, weil er sich nach Jahren der Einsamkeit für ein verkanntes Genie hält, mit seinen selbst geschriebenen Gedichten und seinen verdammt langen Kurzgeschichten voll. Entnervt rudern sie davon, manövrieren durch den Nebel tausender kleiner Reklamefenster, nur um in die Untiefen der Forensee zu geraten. Dort gibt es weite Gebiete, wo Sie aussteigen und das Boot am Tau hinter sich herziehen müssen und bis zum Hals in modriger Brühe waten. Zu allem Überfluss haben sie ständig irre Stimmen im Ohr, die über Brustvergrößerungen, Verschwörungstheorien und Tierschutz debattieren.
Am meisten aber fürchte ich mich davor, einmal ins Bermuda-Dreieck zu geraten. Angeblich wird man da regelrecht eingesogen. Erst ist der Seemann umgeben von wundervollen Drei-D-Animationen. Sphärenklänge säuseln aus den PC-Lautsprechern und überall kann er sich die exotischsten Früchte herunterladen. Aber wehe, der Reisende manövriert zu tief hinein in diese Fata Morgana. Er kann dann so wild klicken, wie er will: Er kehrt nie mehr zurück. Ich sehe es vor mir, wie mein Sohn mich von hinten mit dem Kenterseil überraschen will. Aber der Stuhl vor dem Schreibtisch ist leer. Auf dem Bildschirm sieht er nur den Bildschirmschoner, aus den Boxen schallt noch ein sanftes Gurgeln und Plätschern. Ich bin dort irgendwo drin, gekentert für immer.
Audio: Gekentert im Netz
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Früher war die Wahl zwischen Bahn und Flugzeug einfach: Wo immer es möglich war, nahm ich den Zug. Man sitzt nicht festgeschnallt auf einem Platz, man sieht nicht nur Wolken, und vor allem: Es gibt den Speisewagen. Der galt mir schon als Kind neben dem Schlafwagen als die Krönung eines Reisevergnügens, und ich wünschte mir nichts sehnlicher als einen Urlaub, der aus einer nicht endenden An- und Abreise bestünde. Aber die Träume der Kindheit zerstörten jäh zwei Männer, auf die mit Humor zu reagieren mir nach wie vor schwer fällt: Der eine heißt Mehdorn,
Hartmut Mehdorn. Er verwandelte die meisten Speisewagen in Fresscontainer, in denen es aufgewärmte Tütenkost an Stehtischen gibt und eine gerade mal wieder kaputte Kaffeemaschine.
Der andere heißt Wichtig, Willi Wichtig. Er ist noch schlimmer, denn es gibt ihn unzählige Male geklont. In allen verbliebenen Speisewagen wartet er schon auf mich. Er ist wahlweise Controller, Coach oder einfach Chef. Er hat sein Jackett über die Stuhllehne gehängt, das Bier erst halb ausgetrunken, lehnt sich genüsslich zurück - und telefoniert. Denn Willi Wichtig will, dass alle im Wagen Bescheid wissen: "Die Sendung nach Hamburg muss heute noch raus, Frau Senger, und bitte faxen Sie mir die Kongressunterlagen gleich ins Hotel, und der Paffke aus der Disposition soll zurückrufen, die Nummer hat er ja." Dann gibt es zwei Minuten Ruhe, in denen ich mich auf mein Buch zu konzentrieren suche. Danach Tina Turner als Klingelton. Paffke ist dran.
Ich lasse mir meine nostalgischen Erinnerungen ungern zerstören. Deshalb nehme ich seither den Flieger, wo immer es geht. Zwar sind Flugzeuge ebenfalls zur Hälfte mit Willi Wichtigs besetzt, die sich im Zuge der angespannten Wirtschaftslage leider häufig die Business-Class nicht mehr leisten können. Aber was macht das schon? Ich nehme neben Willi Platz und warte gelassen auf die bekannte Durchsage: "Wir bitten Sie, jetzt Ihre Mobiltelefone abzustellen und sie aus Sicherheitsgründen auf dem gesamten Flug abgestellt zu lassen." Willi zieht sein Handy immer erst nach dieser Durchsage aus dem Jackett, obwohl er es doch schon vorher weiß. Aber dann schaue ich demonstrativ von der Seite zu, wie Willi widerwillig den Aus-Knopf gedrückt hält, und dabei lächele ich ihn so genüsslich und gehässig an, wie es mir möglich ist. Die warme Gefühlsmischung aus Ruhe und Rache trägt mich sogar über meine leichte Flugangst hinweg.
Aber nun soll es auch damit bald vorbei sein, lese ich. Mehrere Flugesellschaften errichten schon Mobilfunkantennen auf ihren Maschinen. Willi Wichtig hat keine Ruhe gegeben: In Beschwerdebriefen, bei Fluggastbefragungen hat er stets nur drei Worte zu Protokoll gegeben: Handy Handy Handy. Und so wird er demnächst Paffke aus zehn Kilometern Höhe seine Anweisungen geben, ein erhebendes Gefühl, wahrscheinlich. Er wird sein Telefon aus dem Jackett ziehen und mich dabei so genüsslich und gehässig von der Seite angucken, wie er kann. Und er kann! Ich werde verzweifelt neben seinem Redeschwall hocken, Frau Senger bedauern und den Fraß aus der Aluschale löffeln. Ich werde nicht wissen, ob ich mich mehr vor einem möglichen Absturz fürchten soll oder vor dem Hörsturz, den mir dieser akustische Terror gewiss bald einbringen wird. Nach so einem Hörsturz kann es immerhin passieren, dass man den Tina-Turner-Klingelton Tag und Nacht in seinem Inneren hört. Bei einem Absturz würde ich nur noch Willis letzte Anweisung hören: "Faxen Sie meine Todesnachricht bitte gleich an die Zentrale." Und dann wäre Ruhe, endlich.
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Äußerlich bekennen wir alle gern, dass wir auf die inneren Werte achten. Aber innerlich wissen wir sehr gut, dass es vor allem ums Äußere geht. Das lehrt die Erfahrung: Dumme schöne Menschen sind beliebter und erfolgreicher als kluge hässliche. Da könnte ich eine Menge Beispiele nennen, aber das lasse ich lieber. Es wäre doch ein hässlicher Zug. Aber es spricht Bände, dass es in der philosophischen Literatur den Klassiker
"Lob der Dummheit" gibt (meist vornehm mit "Torheit" übersetzt), während man ein "Lob der Hässlichkeit" vergeblich sucht.
Nehmen wir zum Beispiel die Designer, eine Berufsgruppe, die für Trend und Erfolg steht. Wie stellen Sie sich, lieber Leser, eine erfolgreiche Designerin vor? Und Sie, liebe Leserin, einen trendigen Designer? Eben. Und eine Designer-Party stelle ich mir ungefähr so vor, wie es Purple Schulz besungen hat: "Nur schöne Leute. Wir haben heute die hässlichen eingesperrt." Die würden ja auch irgendwie nicht auf die schicken Designerstühle passen. Das ist übrigens nicht einmal ein Vorurteil: Sie müssen zur Stichprobe nur einmal auf die
Homepage der Designer von der Hochschule Niederrhein klicken: lauter gut aussehende Dozentinnen und Dozenten! Und das wird wohl kaum – der
Niederrheiner Stephan Josef möge es mir verzeihen - eine regionale Besonderheit sein.
Ausgerechnet die Designer vom Niederrhein wollen aber jetzt einen neuen Trend setzen. Hässlichkeit, meint nämlich Professor Erik Schmid aus Krefeld, sei "eine vergessene und verkannte ästhetische Kategorie." Wow, so habe ich das noch nie gesehen! Deshalb befasst sich die schon
"8. Designerdiskussion" am 18. Januar in Krefeld damit, "was Hässlichkeit ist, will und wozu sie gut ist." Man sieht einmal wieder, dass Wissenschaftler Fragen beantworten können, die unsereins nicht mal zu stellen wagt. Mir war bisher völlig unbekannt, dass Hässlicheit etwas wollen kann. Aber die Diskussion wird gewiss, wie Intellektuelle gern sagen, wenn es mit dem Verstehen schwierig wird, "irgendwie total spannend".
Trotzdem beunruhigt mich, dass die überfällige Rehabilitierung des Hässlichen - und damit hoffentlich auch der Hässlichen - ausgerechnet von Designern kommt. Worauf müssen wir uns einstellen? Auf demnächst potthässliche Gläser, Kannen, Sofas und Couchtischchen, die uns als der letzte Schrei der Hässlichkeit angepriesen und für teuer Geld angedreht werden? Aber was heißt hier demnächst ...
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Zum Seitenanfang"Zwischen den Jahren" nennen die Leute diese Tage. Aber das gibt es ja gar nicht. Zwischen den Kalendern ist keine Lücke. Die
Atomuhr tickt, die Datumsanzeige springt um bei 00:00. Es gibt kein zwischen, nur entweder oder. Oder?
Ich lungere am Fenster herum und schaue zu, wie die Nachbarn zwei Tannenbäume über den Bürgersteig zur Sammelecke schleifen, struppige, abgeweidete
Nordmänner, in denen noch ein paar traurige Reste Lametta glitzern. Die Nachbarn scheinen es eilig zu haben. Das Lametta muss raus, die Luftschlangen müssen rein. Der Glühwein ist ausgetrunken, der Sekt schon kalt gestellt. Weihnachten beginnt irgendwann im späten September und endet am 26. Dezember. Dann ist Kehraus für die Rührseligkeit. Man kann es verstehen: Weihnachten feiert man das Ende des Weihnachtsstresses, den Schluss der unerträglichen Werbung, das Nachlassen des Gedränges in der Innenstadt. Und damit ist gut.
Jetzt liegen schon vier Bäume halb übereinander geschichtet an der Straßenecke. Das erinnert mich an Amsterdam, wo ich einmal erlebte, wie Jugendliche lauter alte Weihnachtsbäume in einen Innenhof der Altstadt zogen und dort anzündeten. Es gab ein riesiges Feuer, als sei noch mal Sankt Martin oder schon Ostern, aber es war ihr anarchisches Nach-Weihnachts-Fest und vielleicht auch ein Scheiterhaufen für das vergehende, wieder mal miese, wieder mal enttäuschende Jahr.
Hier dagegen lassen die Jugendlichen schon verfrüht ihre Knaller los. Sie dürfen es ja auch nur
so kurz, und diese leeren Tage reizen dazu, Lärm zu machen und sich die Zeit zu vertreiben bis zum großen Knall in der Nacht. Am Morgen darauf wird die Straße dann wieder so still da liegen wie jetzt, als sei mit dem neuen Jahr der Autoverkehr verboten worden. DieTannen werden noch da liegen und um sie herum Sektkorken und die kleinen Holzstangen abgebrannter Raketen.
Die Zeit vertreiben? Mir kommt es hier am Fenster vor, als hielte die Zeit selbst die Luft an, als brauche sie mal eine Pause. Ob Albert Einstein wohl berechnen könnte, um wieviel langsamer sie vorangeht zwischen den Jahren? Sie hält die Luft an, aber ich sehe, wie schwer ihr das fällt. Sie wird schon ganz rot im Gesicht und sicher muss sie gleich wieder loskeuchen, schneller als zuvor. Ich dagegen habe hier am Fenster diese Glosse verschenkt für ein paar krause Gedanken. Nichts ist passiert. Aber das ist nicht schlimm, denn morgen wird schon wieder viel passieren, ohne dass wir's wollen.
Audio: Halt mal still
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Zum Seitenanfang"Waaas, ihr verpackt die Geschenke noch?" Meine Freundin Elke ist entsetzt, als ich sie im Bioladen treffe. Auch die Recycling-Papier-Rollen mit den grünen und silbernen Sternen drauf, die ich gerade in meinen Korb lege, finden keine Gnade bei ihr. Denn sie hat diese ganze Verpackungsorgie abgeschafft. "Schon zehn Minuten nach Bescherungsbeginn sieht es aus, als stände der Weihnachtsbaum in einer Müllhalde. Da erzieht man die Kinder ja geradezu gezielt für die Wegwerfgesellschaft."
Ich verweise ein wenig kleinlaut auf unseren Jüngsten, der doch noch an das Christkind glaubt, und ein Christkind, das die Geschenke quasi nackt unter den Baum legt, wie sie aus dem Regal kommen, das ist doch ein wenig unromantisch. Aber Elke findet, dass wir diese ganze falsche Romantik doch nur in die Kinder hineinprojizieren, und ich sehe meinen Vierjährigen vor mir, wie er in diesen Tagen aus diversen Prospekten alles ausschneidet, was er sich in seinem Kinderzimmer so vorstellen kann. Ganze Stapel von Werbematerial hat er schon zusammen und nennt das seine Wunschzettel. Noch nicht in der Schule und schon dem Konsumterror erlegen, da sind die Enttäuschungen ja programmiert.
Draußen vor dem Laden stehen schon die
Weihnachtsbäume: Fichten sind mittlerweile etwas für das
Prekariat. In der Mittelschicht kann man sich ja kaum mehr mit einer Blautanne sehen lassen, da muss schon eine Nordmann her. Aber heute will ich mich damit noch nicht befassen. Meine Lektüre über den jüngsten
Waldschadensbericht ist noch zu frisch. Die Nadelholz-Monokulturen machen unsere Wälder kaputt. Nur Laub- und Mischwald hat eine Chance gegen Schadstoffeintrag und den Klimakatastrophengewinnler namens Borkenkäfer. Aber soll ich mir eine Birke hinter die Krippe stellen, quasi einen Maibaum im Dezember?
Auf dem Weg nach Hause durch den warmen Regen fällt mir auf, dass ich wirklich älter werde. Denn ich denke, dass früher alles einfacher war. Gewiss, es gab schon den Streit zwischen Kerzen- und Lichterketten-Befürwortern. Bei meinem Vater kamen sogar nur echte Bienenwachskerzen an den Baum. Aber dabei ging es um den Duft, nicht um die Unterstützung der
heimischen Imker, die mangels Wildblütenvielfalt und wegen der EU-Billighonig-Konkurrenz vom Aussterben bedroht sind. Ich weiß zwar nicht genau, ob das stimmt, aber irgendwie stirbt ja alles aus, egal, wo man hin- oder meistens wegguckt.
Wenigstens beim Essen sind wir auf der sicheren Seite. Denn der Biobauer, bei dem wir das Gemüse kaufen, liefert in diesem Jahr erstmals auch Biofleisch frei Haus. Zurück in der Wohnung rufe ich dort gleich an. Denn ich bin unsicher, wie schwer die Putenkeule sein muss. Man weiß ja nie, wie viel das Fleisch wiegt und wie viel der Knochen. "Da sind sie bei mir aber ganz falsch", sagt die freundliche junge Frau am Telefon: "Ich bin nämlich Vegetarierin. Ich frag mal einen Kollegen hier." Ich sehe es vor mir, wie sie zwischen all den Vegetarier- und Veganer-Kollegen, die sauer auf die neue Geschäftsidee des Chefs sind, nach einem Fleischfresser sucht. Mit dem stillen Hörer in der Hand überlege ich schon eine Entschuldigung. Wir essen ja sonst kaum noch Fleisch. Aber zum Fest, und wenn die Verwandten kommen … Dann ist sie wieder am Apparat und sagt fröhlich: "Eine Kilo-Keule müsste reichen." Doch ich bin inzwischen nicht mehr sicher, ob ich sie will. Keule ist irgendwie ein schreckliches Wort, blutig und brutal, mir wird ganz schlecht davon.
Audio: Nachhaltige Weihnacht
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Zum SeitenanfangEin Kollege mit schweizerischem Migrationshintergrund erzählte mir kürzlich, dass seine Landsleute so ihre Probleme mit den denglischen Modewörtern haben. Das neudeutsche Loser zum Beispiel klingt genau so wie das schweizerdeutsche Luuser, nur ist einmal ein Versager und Verlierer gemeint, und das andere Mal ein Lausbub, Lausebengel oder auch Schlitzohr.
Josef Ackermann, der die gleichen regionalen Wurzeln hat wie mein Kollege, dürfte das Wortspiel nicht unbekannt sein. Vielleicht hat er sogar daran gedacht, als er damals im Gerichtssaal seine Finger zum Victory-Zeichen hob. Ein Schwur war das: Ich Luuser werde niemals ein Loser sein! Jetzt hat er es
geschafft: Er wird nicht verurteilt. Freigesprochen allerdings auch nicht. Außerdem muss er 3,2 Millionen Euro zahlen, aber das dürften bei einem von ihm selbst auf 20 Millionen geschätzten Jahreseinkommen Peanuts sein, wie ein Vorgänger sagen würde.
Wahrscheinlich gilt für Ackermann, was der Staatsanwalt in einem anderen Überraschungs-Prozess dieser Tage gesagt hat: "Das ist eine Gaunerei, aber strafrechtlich kommt man da nicht dran." Deshalb soll
Robert Hoyzer demnächst wohl freigesprochen werden. Zum Vergleich: Bei Ackermann ging es um ein 57-Millionen-Geschenk an verdiente Mannesmänner, bei Hoyzer um ein paar tausend Euro, einen geschenkten Plasmafernseher und einige verpfiffene Fußballspiele. Bei Ackermann sah das Düsseldorfer Landgericht Verstöße gegen das Aktienrecht und der Bundesgerichtshof sogar Untreue als gegeben an, bei Hoyzer geht es jetzt offenbar um einen Schwindel, der nicht strafbar ist. Juristisch gesehen kommt die Pfeife von Berlin wahrscheinlich besser weg als der Frankfurter Oberbanker. Aber Hoyzer hat nichts davon: Als Schiedsrichter ist er erledigt, seine Bosse beim Fußballbund wollen ihn nie mehr sehen, weil sie
moralisch so entrüstet sind. Die Deutsche Bank dagegen hat ihren nicht mal freigesprochenen Chef immer unterstützt. Keine Frage: Hoyzer ist der kleinere Luuser, aber der größere Loser.
Was den Unterschied ausmacht, zeigt eine dritte Geschichte der vergangenen Woche: Da ließ sich
Axel Schulz öffentlich verprügeln, schlich wie ein getretener Hund aus dem Ring, gedemütigt, zerknirscht, ausgepfiffen. Seine Karriere ist endgültig vorbei. Aber er soll mit den Schlägen auch etwa drei Millionen Euro eingesteckt haben. Er könnte den Ackermann also so gerade eben vor Gericht raushauen, finanziell gesehen. Die Bild-Zeitung hat gleich ausgerechnet, dass die Gage 18.500 Euro pro erlittenem Treffer ausmacht. Ein Schmerzensgeld also, eher Erdnusskrümel als Peanuts. Trotzdem erinnert auch dieser Loser ein wenig an die Streiche kleiner Luuser untereinander: "Wenn ich dir eine runter hauen darf, kriegste zwei Groschen. Kannste dir 'n Eis für kaufen." Darin steckt schon beides: Die Kampfkraft des Boxers und der ökonomische Sinn des Bankers. Um einen kleinen Luuser, der beides perfekt ausbildet, muss man sich keine Sorgen machen. So einer wird mal ein großer Luuser, aber nie ein Loser.
Audio: Loser und Luuser
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Vor vielen Jahren hatte ich einen Freund, der sagte stets, wenn ihn ältere Leute nach seinem Studium fragten: "Sexualwissenschaften und Afrikanistik in Nairobi." Wir fanden das damals lustig. Die Leute waren ein wenig geschockt und fragten nicht weiter, denn Afrikanistik hörte sich irgendwie genauso schlüpfrig an wie Sexualwissenschaft und so exotisch und verrückt wie Nairobi. Den frechen Freund habe ich später aus den Augen verloren und mit ihm den Klang von Nairobi aus den Ohren. Nur einmal hörte ich ihn wieder, als Klaus Töpfer vor der Peinlichkeit seines berühmten
Rhein-Sprungs nach Afrika floh.
Jetzt war Nairobi wieder in allen Nachrichten, weil da der
Weltklimagipfel tagte. Eigentlich ist Nairobi ein guter Ort dafür, denn es ist heiß dort und man kann sich in Kenia sicher gut vorstellen, was auf uns zukommt im Treibhaus Erde. Trotzdem haben die versammelten vereinten Nationen wieder nur heiße Luft produziert – also genau das, was wir am wenigsten brauchen.
Hierzulande ist die Luft eher lau. Und die Erderwärmung wird immer noch weniger gefürchtet als die Mehrwertsteuererhöhung oder die Talfahrt der Telekom. Klimakatastrophe? Wir haben doch Klimaanlagen! Und so ein milder Herbst ist einfach schön. Da müsste man, um die Spaziergänger im Park aufzuscheuchen wie die Tauben um sie herum, schon alles Gequassel und alles fröhliche Glossieren sein lassen und einfach nur schreien, schreien, schreien – bis die Menschheit gerettet ist. Aber das ist auch wieder uncool und völlig out. Schließlich sind die Grünen ihre Fundis bereits 1991 los geworden und
Jutta Ditfurth schreibt inzwischen wahrscheinlich an ihren Memoiren, die 2030 erscheinen sollen, unter dem Titel "Ich hab's ja kommen sehen."
Das hat allerdings meine Oma noch eher, denn die ängstigte uns Kinder schon in den frühen 70er Jahren mit dem Spruch: "Die Polkappen schmelzen ab." Glücklicherweise muss Oma nicht mehr erleben, dass ihr Spruch 30 Jahre später eine gewisse Bekanntheit erlangt hat, weil sich an der Sache selbst eben gar nichts geändert hat. Sie muss auch nicht mehr erleben, dass ihr Enkel ihre Tipps zur gesunden Ernährung so selten befolgt. Oma hat es hinter sich. Wir haben es vor uns. Aber wir werden schon klar kommen: ich mit ein bisschen Abspecken zwischendurch und
das Land mit ein paar Schneekanonen mehr im Sauerland und ein wenig Deichbau an der Waterkant. Die anderen, die es wirklich erwischt, die entweder absaufen oder verdursten, sind kaum zu hören und weit weg – wie Nairobi.
Ja, es ist alles nur ein Witz. Die Kirchen, die Grünen, Mercedes, Porsche, Wintereifen, Sommerreifen, 24 Stunden Ladenöffnungszeiten. Mögen wir hier dafür auch eine tödliche Quittung bekommen, weil alle so weiterleben, als sei nichts geschehen. Die Billigflieger düsen vollgestopft durch die Gegend und die Autos fahren immer noch mit 200km/h über die Bahn. Mir fehlen die Worte! Dummheit muss bestraft werden!!
Thorsten, 40 am 19.11.06 12:48
Ja, da muss sich die schon an anderer Stelle erwähnte nostalgische Schwester aus Triest melden, denn wenn es um unsere verblichene Oma geht, die gebrauchte Teebeutelfäden zum Knöpfeannähen benutzte und damit die modernsten recycling - Strategien in den Schatten stellte, kommt mir automatisch ein von ihr immer wieder zitierter Buchtitel in den Sinn, den wir Kinder damals zusammen mit den Polkappen und salzloser Melde serviert bekamen: Die Erde rächt sich!Das war der Titel des hellseherischen Buches, von dem sie immer sprach. Nie habe ich den Autor erfahren, niemals das Buch gesehen und ich möchte bei dieser Gelegenheit einen verzweifelten Aufruf an alle Leser richten: Wer dieses Buch, oder den Autor kennt, teile es doch bitte dem Glossen-Blog mit. Als Belohnung schenke ich dem Finder ein autentisches Foto unserer berühmten Oma!!!
Isabella am 21.11.06 10:56
Liebe glossenblogmäßig schon ausgebeutete Schwester (siehe Eintrag "Laterne"): "Die Erde rächt sich" ist mir auch immer noch ein Begriff, klar. Und tatsächlich ist dieses Buch von dem Amerikaner William Vogt schon 1951 auf deutsch erschienen (in der Büchergilde Gutenberg). Kann also keiner sagen, die Apokalypse hätte sich nicht rechtzeitig angemeldet! Und weil ich mich jetzt rechtzeitig gemeldet habe, kannst Du Omas Bild für Dich behalten. Gruß nach Triest!
Doktor Gregor am 21.11.06 11:42
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Jetzt singen sie wieder. Jetzt ziehen sie wieder mit leuchtenden Laternen und leuchtenden Augen durch die Straßen, dass Eltern und Großeltern nur so die Herzen aufgehen. Sogar eingefleischte kinderlose Singles (wie
Stephan Josef etwa) können sich der Rührung nicht erwehren, wenn sie gerade noch auf den letzten Drücker nach Feierabend an einer Ladentheke stehen und plötzlich drängt sich eine Schar zuckersüßer Kleinkinder vor und schmettert "Laterne Laterne", um anschließend das Ziel aller Träume in die mitgebrachten Plastiktüten zu stopfen: was Süßes.
In Köln beglückt mich zudem noch, dass Sankt Martin die vielleicht letzte Gelegenheit ist, bei der unsere Mundart öffentlich aus Mündern ohne Alhoholfahne zu hören ist. Ansonsten glaubt die Welt ja, Kölsch sei eine reine Karnevalssprache. Oder sie verwechselt es mit der Kunstsprache von Büttenrednern, Bap oder Beikircher. Aber neulich, im Agnesviertel, sah ich eine Gruppe entzückender Grundschulkinder mit ihren selbstgebastelten Laternen durch die Straße ziehen, und sie sangen: "Der hillige Sinte Mätes, dat wor ne jode Mann, he jov de Kinder Käzche end stoch se selver an.". (Hochdeutsch: "Der Heilige Sankt Martin, das war ein guter Mann. Er gab den Kindern Kerzen und zündete sie selber an.") Irgendwie fand ich es doch sehr beruhigend, ja anheimelnd, dass es noch Pänz gibt, die unverfälschtes Kölsch singen. In den Sangespausen sprachen sie allerdings miteinander - türkisch. Wie verfälscht oder unverfälscht, kann ich nicht beurteilen. Jedenfalls setzte es meiner Rührung noch eins drauf, denn ich dachte an die handelsüblichen Diskussionen um Islamismus, Ghettoisierung und Integrationsverweigerung. Und ich fragte mich, wie viele Auslandsdeutsche in Istanbul ihre Kinder wohl abends vor dem Zuckerfest "Yağ satarım, bal satarım … Yarın sabah bayram" singen lassen. (Zu Deutsch: "Ich verkauf' Butter, ich verkauf' Honig … Und morgen früh ist Festtag...")
Das wiederum ließ mich an meine Schwester denken, die in Triest lebt. Vor einigen Jahren hat sie in einem Stadtpark einen kleinen Martinszug organisiert, weil sie das so vermisste. Damals kamen nur einige andere vom Heimweh zerfressene deutsche Eltern hinzu. Im Jahr darauf war es schon ein ansehnlicher Laternenzug, der sich hören lassen konnte. Und noch ein Jahr später kam die Presse dazu. Es stand aber anschließend nichts von deutschem Kulturimperialismus in der Zeitung. Die Journalisten waren einfach nur gerührt von den Bambini. Und außerdem sei so ein katholisches Brauchtum doch viel schöner als das gerade überstandene Halloween, dieses amerikanische Zeugs. Wobei mir einfällt, dass
Halloween ursprünglich irisch ist und also auch katholisch, aber wahrscheinlich mit älteren Wurzeln, also heidnisch-keltisch, und die Kelten wiederum …
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Zum SeitenanfangDieser Sonntag hat eine Stunde mehr, aber trotzdem bin ich völlig atemlos: Kaum wach, muss ich alle Uhren in der Wohnung finden und umstellen, auf den Stuhl steigen für die Küchenuhr, hundert Mal das Menü drücken für Fax und Telefon. Am Ende habe ich die kleine Uhr am Herd vergessen und bin beim Teewasseraufsetzen total verwirrt.
Welch ein Segen, wären es alles Funkuhren - also jene Wunderwerke der Technik, die vom Sender
DCF77 bei Frankfurt regelmäßig ihr Zeitsignal beziehen, der wiederum durch die
Atomuhr in Braunschweig gesteuert wird. Diese Atomuhr geht in einer Million Jahren um weniger als eine Sekunde falsch, eine ungemein beruhigende Vorstellung. Da mag kommen was will - Inflation, Klimakatastrophe, FC-Abstieg: Braunschweig geht richtig. Braunschweig lässt sich nicht aus dem Konzept bringen. Das Atom zieht seine Kreise, und meine Funkuhr mit ihm.
Ich besitze nämlich so eine Funkuhr in Form eines kleinen Weckers. Allerdings kann ich das Gerät zur Zeit nicht nutzen. Es hat die eigenartige Angewohnheit, aus dem Takt zu kommen, sobald seine Batterie leer ist. Wahrscheinlich liegt es an mir, weil ich den ganzen Tag über nicht bemerke, dass dem Wecker der Saft ausgeht. Es muss furchtbar für ihn sein: Ständig kommt das Signal aus Frankfurt, peitscht ihn voran, aber er hat keine Kraft mehr zu folgen. Er muss hilflos erleben, wie er Stunde für Stunde weiter zurückhängt. Welch bedrückendes Symbol des
Modernen Lebens: Stets ist die Zeit schneller als er; er rennt und bleibt doch immer weiter zurück. Schließlich bleibt er stehen, als sei das Ende der Zeit gekommen.
Wenn ich ihm dann eine neue Batterie einlege, geschieht etwas Seltsames: Der Wecker dreht seine Zeiger wie wild, er absolviert einen halben Tag in wenigen Minuten - aber er findet die richtige Zeit nicht mehr. Auf seiner Suche nach der verlorenen Zeit dreht er völlig durch. Manchmal bleibt er vorher hängen, manchmal überholt er die Zeit, und am Ende tickt er brav weiter, als sei alles wieder in Ordnung. Ist es aber nicht. Ich werde mir wohl einen neuen kaufen müssen. Denn mit der Hand stellen kann man diesen Wecker nicht.
Das erinnert mich an Herrn Michels auf der Studienfahrt in der Ägäis. Dessen Funkwecker ließ sich nämlich per Hand einstellen. Wir waren auf dem kleinen Eiland Patmos, wo der Seher Johannes seine geheime Offenbarung über das Ende der Zeiten schrieb. Das Ende der Zeit für Herrn Michels kam aus Frankfurt. Herr Michels hatte seinen Funkwecker abends auf die griechische Zeit eingestellt und den Alarm auf fünf Uhr, denn unsere Reisegruppe musste sehr früh die Fähre nach Rhodos nehmen. Aber kaum war Herr Michels eingeschlafen, nahm sein Wecker heimlich Kontakt mit Frankfurt auf. Erstaunlich, wie weit das Funksignal reicht! Frankfurt stellte ihn auf MEZ, eine Stunde zurück. Morgens am Bus fehlte nur Herr Michels.
Lieber Doktor Gregor, ich habe keine Probleme mehr mit Batterien, Sommer-Winterzeit und Funksignalen, seit meine Uhr stehengeblieben ist. So geht sie garantiert zweimal am Tag richtig. Ich muss nur abwarten, bis die Zeit gekommen ist, die sie anzeigt, und ZACK! habe ich die präziseste Uhr nördlich von Rhodos.
frau bratbecker am 30.10.06 16:25
Mein Gott, ich habe zwar nicht den Bus verpasst, aber diesen schönen Beitrag. Wegen der frühen Dunkelheit hänge ich immer noch in der Sommerzeit, obwohl mein Vater sagt: jetzt ist die richtige Zeit! Er läßt auch eine Uhr im Haus immer in der Grundzeit. Es heißt bei uns den ganzen Sommer lang: nach der Sonne ist es aber erst....
Der Sonntag an dem die Uhren zurückgedreht werden ist fast ein Feiertag - jetzt sind wir wieder im Lot.
Tante Monika am 06.11.06 12:48
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Zum SeitenanfangDer Tabubruch gehört zum modernen Leben wie die Hundekacke zum Gehsteig. Schließlich ist die Moderne geradezu aus Tabubrüchen entstanden: Die bürgerlichen Aufklärer brachen die Regeln von Adel und Kirchen. Als dann alle gut bürgerlich waren, mussten wieder neue Tabubrüche her, lange Haare und freie Liebe. Auf Dauer frisst das moderne Leben so allerdings seine Tabus auf, und es wird immer schwieriger mit den Tabubrüchen. Nackte Schauspieler, die sich ausschließlich in sexuellen Kraftausdrücken unterhalten, retten heute kein schlecht subventioniertes Theater mehr.
Wie schwer die Suche nach echten Tabus mittlerweile ist, dokumentiert derzeit eine Zeitungswerbung, die angeblich harte Wahrheiten plakatiert. Darunter fällt dann etwa, dass die Mutter schlecht kocht oder der Sohn schwul ist. Peinlich langweilig, wo doch jeder weiß, dass nicht Mutter, sondern der Bofrostmann kocht und dass schwule Bürgermeister es mit "Und das ist gut so"-Sprüchen in die O-Ton-Charts von WDR 2 bringen.
Wer wirklich Ärger provozieren will, dem hilft manchmal nur noch die Rolle rückwärts: sozusagen der Nostalgie-Tabubruch. In Zeiten, in denen man für eine Kneipe mit "gut bürgerlicher" Küche in die Eifel reisen muss, kann man zum Beispiel den Gästen Bratenschnitten mit Leipziger Allerlei statt Avokadoherzen und Sushi servieren - und fällt garantiert als "verdammt schräg" auf. Oder man sagt konsequent "Nietenhosen" zu "Jeans" oder "WDR 1" statt "Eins Live", denn das "geht gar nicht", wie meine 16-jährige Tochter sagen würde. Diese Taktik der Revival-Provokation ist jetzt sogar schon beim SPD-Vorsitzenden angekommen. Um mal so richtig auf die Kacke zu hauen, hat er gleich bis ins 19. Jahrhundert zurückgegriffen und von einem "
Unterschicht-Problem" in Deutschland gesprochen. Und siehe da: Es funktioniert! Wie Kurt Beck auf diesen grandiosen Schachzug gekommen ist, weiß niemand so recht. Angeblich hat er das böse Wort aus einer Studie seiner Friedrich-Ebert-Stiftung, in der dieser Ausdruck gar nicht vorkommt. Die Wege, auf denen der Groschen fällt, wenn er sehr langsam fällt, sind eben unergründlich.
Da zerrt einer mitten in der Postmoderne Großvaters Soziologielehrbuch aus dem Antiquariat und hält es den Neoliberalen als Spiegel vor. Und alle halten das für die ultimative Ungeheuerlichkeit. Wer hätte das gedacht? Nun: die, welche es angeht! "Unterschicht sagt man nicht", das weiß man in der Unterschicht sehr gut. Dort verwendet man ausweichend gegenseitige Selbstbezeichnungen wie "Proll" oder "Asi" oder besonders liebevoll: "Vollasi". Die SPD, selbst erschrocken über das böse Wort "Unterschicht", möchte es lieber durch "Prekariat" ersetzen. Darin steckt nun allerdings gleich ein doppeltes Problem: Erstens verstehen die Gemeinten das nicht, denn sie haben ja bekanntlich ein "Bildungsproblem". Und zweitens meint der Begriff eigentlich ganz andere, nämlich Überqualifizierte ohne Chancen auf feste Jobs. Aber so genau will man es in der Tabubruchzone gar nicht wissen. Hauptsache schnell einen Stein ins Wasser werfen und noch schneller aus dem Wellenbereich zurückrudern.
Die CDU in Gestalt von Herrn Kauder weiß dagegen ganz genau, warum man das böse Wort nicht sagen soll: Es stigmatisiere die Betroffenen. Das ist wohl noch raffinierter als eine Art Anti-Revival-Tabubruch zu deuten, hat doch die CDU früher mit solchen Stigmatisierungen derer "ganz unten" gern Wahlkampf gemacht, indem sie dort Arbeitsunwillige oder Scheinasylanten oder Schläfer in sozialen Hängematten entdeckte. In Wahrheit stigmatisiert das böse Wort natürlich nicht die Betroffenen, sondern diejenigen, für die
soziale Verhältnisse im Land tatsächlich ein Tabu sind. Schon vor vielen Jahren behauptete Wolfgang Schäuble in bestechender Logik, es gebe in Deutschland keine Armut, weil wir ja die Sozialhilfe haben. Seit Helmut Schelsky 1953 die "nivellierte Mittelstandsgesellschaft" ausrief, sind Schichten ungefähr so verpönt wie Leipziger Allerlei mit Braten. Oder wie Schichtkäse. Haben Sie schon mal bemerkt, dass man den nirgends mehr kriegen kann? Schichtkäse ist Quark, der nicht glattgerührt wird. Da liegen dann Magerquark und Doppelrahmstufe in einer Packung direkt übereinander. Aber das will wohl keiner mehr haben, sondern nur noch den nivellierten Mittelstandskäse. Da fällt mir ein Spruch von Goethe ein: "Getretener Quark wird breit, nicht stark." Das war bestimmt ein Tabubruch - damals.
Audio: Schichtkäse
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Zum SeitenanfangDie Tage werden kürzer, kühler, feuchter. Auch wenn wir die Wetterpropheten täglich händeringend fragen, ob denn noch etwas Nachsommer oder goldener Oktober drin sei, wissen wir doch, dass diese Entwicklung unweigerlich auf den Winter zuläuft. Das ist in unseren Breiten noch - solange wir mit dem Klimawandel nur quälend langsam vorankommen – ein Naturgesetz. Dagegen hilft kein Jammern und kein Klammern. Dagegen hilft nur das Kino. Denn dort gibt es Wunder und Märchen.
Für beide, an die wir angeblich seit der Aufklärung nicht mehr glauben, ist hier zu Lande
Sönke Wortmann zuständig. Nach dem Heldenepos zum Wirtschaftswunderbegleitwunder von 1954 liefert er uns nun den Mega-Videoclip zum schwarzrotgeilen Public-Viewing-Märchen 2006. Die akustische Zusammenfassung kam ja schon von Xavier Naidoo, diesem Barden aus Mannheim, dem sogar eine gesungene Gebrauchsanweisung für Klopapier zur bitterernsten Hymne geraten würde. Leider steht hinter diesem Troubadix kein Automatix mit dem großen Schmiedehammer. So konnte er ungestört eine Sieben-Minuten-neuzehn-Ode in sämtlichen Radiostationen absetzen, in der er wirklich jedes der 27 Fußballnationalmannschaftskadermitglieder samt Leitungsteamern mit einigen Zeilen bedachte, von denen sich nichts anderes sagen lässt, als dass sie sich fast reimen (Ballack - geballert, Frings - bringts). Und dass sie Menschen mit katholischer Kinderstube an jene endlosen Heiligenlitaneien erinnern, die in der Kirche schon aus der Mode gekommen sind. Heiliger Kahn, der du für uns gelitten hast -
Jetzt also großes Kino mit Poldi, Schweini und Klinsi. Aber eigentlich geht es gar nicht um die, sondern um uns. "Der Film lässt wieder die Erinnerung an die gute Stimmung hochkommen", hauchen entrückte
Zuschauer im Fußballtrikot nach der Vorpremiere. Was für ein tolles Gefühl das sein muss: Erinnerung an gute Stimmung! (Wahrscheinlich so ähnlich wie früher die Diaabende nach dem Urlaub.) Die gute Stimmung bestand bekanntlich darin, dass "wir" den dritten Platz geschafft haben, nachdem "wir" uns vorher schon auf die Häme nach dem Vorrundenaus eingerichtet hatten. Und darin, dass wir – nun wirklich wir, nämlich wir Deutschen – endlich wieder normal sind. Normal sein heißt, Wimpel an Autos und Fahnen an Fenster hängen und "Deutschlaaand, Deutschlaaand" grölen können, öffentliche Plätze, Straßen und Parks erst mit uns und dann mit unseren geleerten Bierflaschen füllen und je nach Sachlage Berlin oder Stuttgart hochleben lassen. Wir sind so wahnsinnig stolz, dass wir so normal sind, so locker, so gut drauf. Nach 60 Jahren nehmen uns sogar die Engländer ab, dass wir unseren speziellen Wahnsinn abgelegt haben und beim ganz normalen Wahnsinn angekommen sind. Weltjugendtagsfeeling, Waaahnsinn, WM-Feeling, Waaahnsinn!
"So hat Gott sich die Welt vorgestellt", sprach am Ende der WM Kaiser Franz. Das Paradies wird also ein riesiges, nie endendes Oktoberfest sein mit riesigen Videoleinwänden. Das mag für einen Bayernmünchner ja eine verlockende Vorstellung sein. Aber Leute: Das Oktoberfest ist vorbei. Es ist Oktober. Und dem folgt der November. Buß- und Bettag, Volkstrauertag, Totensonntag. Endlich Zeit für harte Wahrheiten. Und Zeit, die Heizung anzudrehen, sich aufs Sofa zu setzen und Heinrich Heine zu lesen. Deutschland, ein Wintermärchen (Kapitel IX): "Jedwedem fühlenden Herzen bleibt das Vaterland ewig teuer - Ich liebe auch recht braun geschmort die Bücklinge und Eier. Der Himmel erhalte dich, wackres Volk, er segne deine Saaten, bewahre dich vor Krieg und Ruhm, vor Helden und Heldentaten."
Audio: Ich will Winterwahrheit
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Nun aber hoppla, hoppla. Noch ist die Zeit des "goldenen" Oktobers. Jeder Tag an dem noch Sonne scheint, verkürzt diesen Regen-Schneematsch-Regen-neverending-Intermezzo in dieser Gegend. Ich bin hier an einem 5. Oktober zugewandert, da hat es am 6. Oktober angefangen zu regnen und durchgeregnet bis 22. April des nächsten Jahres. Heute ist nun schon der 13. Oktober und ich bin glücklich, dass wir acht Tage Trockenzeit hinzugewonnen haben. Jeder Tag, der ohne Heizung auskommt bedeutet auch Sparen - nicht nur kleinbürgerlich im Privaten, sondern auch volkswirtschafltich im Großen. Die Wintervorräte können auch entsprechend reduziert werden. Kartoffeln, Sauerkraut, Möhren, rote Rüben, Apfel und Birnen können noch gut draußen im Schuppen gelagert werden. Das verbessert ihre Lagerfähigkeit und den Geschmack. Jetzt genießen wir noch die Abende draußen am Feuer und erfreuen uns an den letzten Rosen. Habe den Duft noch in der Nase ...
Tante Monika am 13.10.06 14:10
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Zum SeitenanfangDie Kulturkritiker und Bischöfe nennen es in ihren Predigten Werteverfall, die Soziologen und Werbefuzzis sagen in ihren Analysen lieber Wertewandel. Aber alle meinen damit nicht ihre Aktiendepots, sondern die ideellen, die inneren Werte. Tatsächlich kann man den wahren Wert selbst materieller Dinge nicht mit dem Geldwert erfassen.
Nehmen wir zum Beispiel Teddybären: Sie sind teuer, wenn sie neu sind, groß und einen Knopf im Ohr haben. Die wertvollsten Teddys jedoch sind alt, abgeschabt und brauchen keine Marken. Längst ist das "Böh" in ihrem Bauch verstummt. Sie liegen bei Mitvierzigern im Bett und werden immer noch angefasst, wenn die Albträume kommen - egal, ob sonst noch jemand im Bett liegt. Die schlimmsten Albträume beziehen sich dabei auch auf den Bären, nämlich auf seine offenen Stellen, aus denen diese feinen beigen Fasern austreten, seine Eingeweide. Da kann niemand helfen, auch die Puppenklinik nicht, denn die würde den Bären generalüberholen und dann sähe er aus wie ein Neuer, steril und wertlos.
Aber zurück zum Werteverfall. Der zeigt sich bekanntlich besonders krass in der Kriminalität. Denn die ist überhaupt nicht mehr, was sie einmal war. Diamantendiebe tüfteln nicht mehr wochenlang an der Umgehung der Alarmanlagen wie früher in diesen französischen Filmen, sondern fahren schnell mal ihren Wagen in ein Schaufenster. Oder die Pferdediebe: Sie reiten nicht mehr stolz davon in die Prärie wie früher in diesen amerikanischen Filmen, sondern sie lassen einfach mal Pferdesperma im Wert von 10.000 Euro verderben, weil sie nichts davon verstehen - wie neulich bei
Paderborn geschehen.
Wenn nun dieser Verfall der Moral auf die Bären trifft, geschehen Katastrophen, wie wir sie jetzt aus Bochum lesen mussten. Da hat eine Frau seit ihrer Kindheit Stofftiere gesammelt, gehütet, geliebt. Mittlerweile hat sie selbst eine kleine Tochter. Die soll einmal die Teddys erben, wenn sie behutsam genug mit ihnen umzugehen versteht. Dafür tut die Mutter, was ihr sicher das Herz schwer werden lässt: Sie packt die mehr als 70 Lieblinge in einen Papplederkoffer und deponiert ihn im Keller. Die Bären sollen eben vor unnötigem Verschleiß bewahrt werden. Und nun schleicht sich ein
Einbrecher in diesen Keller und lässt den Koffer mitgehen. Die Polizei befürchtet gar, er könne den Inhalt später in den Müll geworfen haben - denn die Tiere besäßen ja keinen großen Wert. Also, wenn ich so was lese, halte ich es eher mit den Bischöfen als mit den Werbefuzzis.
Audio: Werte- und Bärenverfall
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Zu diesem Thema fällt mir der Urlaubär ein. Es gibt ihn wirklich. Der hat nicht nur ein Knopf im Ohr, er hat auch ein Halskettchen mit Panzerketten-gliedern. Werteverfall? Ja, aber hier sind es mehr die Hirnzellenwerte, die verfallen - oder zerfallen? Hat er dann Späne im Kopf, so wie der Teddybär? Die Späne, die aus dem Teddybär herausgucken können die Liebe, die in ihm steckt, nicht schmälern. Wie ist das beim Urlaubär? Kann man einen Urlaubär in seinem Koffer auf der Müllkippe abladen? Von wo kommt der Spruch: ein Mann wie ein Bär? Kann diese Fragen ein Bischof oder ein Werbefuzzi beantworten?
Tante Monika am 19.09.06 17:10
Ach, so viele Fragen. Die kann ich leider nicht beantworten, da ich ja weder Bischof noch Werbefachmann bin (um die abwertende Vokabel nicht weiter zu perpetuieren). Auch den Urlaubär sollten wir nicht diskriminieren, wird er doch sogar schon in seinem angestammten Paradies Mallorca unter Druck gesetzt. Die Regierung will dort bekanntlich um des Inselimages willen die Sangriaströme am Ballermann austrocknen. Da wird man bald Artenschutz für den Urlaubär beantragen müssen - für den Bär im Mann ist der ja längst fällig, - meint Doktor Gregor.
Doktor Gregor am 19.09.06 17:40
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Zum SeitenanfangIst das gerecht? Kollege Stephan Josef befindet sich wohl - nämlich in der Toscana, während ich mich hier in Köln durch den undefinierbaren Immernochsommerundschonherbst wühle. Er betreibt vergleichende Rebsortenanalysen und lenkt in seinen nüchternen Stunden das Cabrio durch die Pinienalleen. Und ich muss das Blog befüllen. Von wegen "gemeinsanes Projekt"! Dabei könnte er doch auch in Montepulciano arbeiten (von mir aus auch mit Montepulciano). Aber nein: Stephan Josef ist wochenlang offline.
Nicht-Online-Sein ist eine der Hauptsünden des
ML. Wer im Beichtstuhl preisgibt:"Ich bin manchmal wochenlang offline", sollte bei modernen Priestern nicht unter fünf Rosenkränze Buße davonkommen. Um mich für evangelische Leser (und noch Ungläubigere) verständlich zu machen: Nur Online-Sein heißt Sein. Einst prägte der Philosoph
Descartes den genialen Satz: Cogito, ergo sum. Ich denke, also bin ich. Aber das ist - PISA hat auch dies gezeigt - objektiv nur schwer nachzuprüfen. Man kann auch mit relativ wenig cogito ordentlich summen. Heute müsste Descartes sagen: Ich bin online, also gibts mich. Zugegeben: Das ist eine passive Formulierung. Im Aktiv muss es heißen: Solange ich blogge, ist noch Leben in den Fingern.
Womit wir bei der
IFA in Berlin wären. Da ist ja auch alles Intenet und das Internet ist alles. Telefonieren kann ich VoIP, ich habe ein WLAN-Radio, das Fernsehen als IPTV. Selbst den
Subwoofer für die fetten Bässe gibt es mit Satellitenanschluss. Also ist online eigentlich auch schon veraltet, denn für das on brauche ich längst keine line mehr. Da hat die IFA mit ihrem rührend altmodischen Namen wieder Recht: Alles funkt.
Zu ihrer Gründungszeit nannte man die Sphäre, aus der es funkt, den Äther. Ich denke nicht, ich bin einfach on im Äther. Ich liege unter der milden Septembersonne im trockenen Gras, über mir der wolkenlose Toscanahimmel. Gegenüber bedecken die Weinreben den Hügel wie grünlicher Algenschaum die sanfte Dünung des Mittelmeers. Die Flasche Montepulciano steht geöffnet in Griffweite und zieht schon die Wespen an. In Griffweite liegt auch das UMTS-Handy. Ich bin on.
Und wer hat das schon geahnt, damals, 1797? Natürlich Friedrich Hölderlin:
"Aber des Aethers Lieblinge, sie, die glücklichen Vögel,
Wohnen und spielen vergnügt in der ewigen Halle des Vaters!
Raums genug ist für alle. Der Pfad ist keinem bezeichnet,
Und es regen sich frei im Hause die Großen und Kleinen."
Nur Stephan Josef regt sich nicht.
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Zum SeitenanfangAus meinen ersten Zeitungslektüren als Jugendlicher haben sich so malerische Worte wie "Milchsee" und "Butterberg" eingeprägt. Das war wenigstens mal etwas im Politikteil, das man sich vorstellen konnte - ein wenig erinnerte es ans Schlaraffenland. Inzwischen sind die Worte aus den Medien weitgehend verschwunden. Ist die Milch endlich aufgetrunken, die Butter auf millionen Stullen verschmiert? Ich vermute eher, dass die Verantwortlichen keine Begehrlichkeiten wecken möchten. In Wahrheit liegen See und Berg gut versteckt in den undurchdringlichen Wäldern hinter Brüssel. Kurz vor dem Wochenende (also Freitagmittag) fahren die eingeweihten EU-Bürokraten mit ihren Landrovern dort hin und packen sich die Kühltaschen in den Kofferräumen voll. Für ihre Familien.
Sie tun gut daran, denn die Preise für Pommes Frites, ein in und um Brüssel besonders beliebtes Lebensmittel, steigen. Der Grund: Die Bauern ernten
zu wenig große Kartoffeln. Angeblich liegt das am trockenen Juli. Ich vermute aber eher, dass der Volksmund Recht hat: Die dümmsten Bauern ernten die dicksten Kartoffeln. Es gibt aber nur noch schlaue Bauern, bauernschlaue eben. Die mit den dicken Kartoffeln mussten alle ihre Höfe aufgeben, weil sie zu dumm waren, um einen 13-seitigen EU-Subventionsantrag auszufüllen.
Wenn ich Nachrichten aus der bäuerlichen Welt lese, bemerke ich immer schmerzhaft, dass ich ein der Natur entfremdeter Städter bin. Ich begreife die Zusammenhänge nicht. So schlägt jetzt die Landwirtschaftskammer Rheinland
Alarm: Der verrückte Sommer 2006 habe die Getreideernte geschädigt. Mit vier Prozent geringeren Erträgen sei zu rechnen. Der Juli war zu heiß und trocken, der August zu nass und kalt. Ich frage mich, ob die Missernte bei umgekehrter Reihenfolge ausgeblieben wäre.
Oder ob die Landwirte eigentlich einen Sommer brauchen, wie ihn
Rudi Carrell selig besang, "so wie er früher immer war" - aber das war 1975, und da war er also auch schon nicht mehr so wie früher. Muss ich mir jetzt Sorgen machen? Plötzlich haben wir vier Prozent weniger Getreide - 96 Körner, wo vorher hundert waren. Dabei zahlte die EU bisher Flächenstilllegungsprämien und vor Kurzem kam sogar der Slogan "
Heizen mit Weizen" auf. Aber mit dem Wetter hat eben keiner gerechnet. Wenn das in Zukunft noch verrückter wird (und in Zukunft wird prinzipiell alles immer noch verrückter!), werden wir ganz kleine Kartoffeln backen müssen, am besten mit viel guter Milch und Butter.
Juhu - kaum ist Erntedank vorbei, da habe ich den Beweis: Es gibt ihn tatsächlich noch, den Milchsee. Die EU-Jahresstatistik verrät sogar, wie groß er ist: Er enthält derzeit 1,2 Milliarden Liter! So viel Milch haben die EU Kühe nämlich im letzten abgerechneten Jahr mehr hergegeben, als erlaubt. Die Kühe geben mehr Milch, als Brüssel erlaubt - und die Bauern,natürlich, müssen dafür zahlen: 63 Millionen Euro Strafgelder fließen in die EU-Kasse. Der Milch-See ist also eigentlich ein Geldsee! Übrigens geben die deutschen, italienischen und polnischen Kühe am meisten verbotene Milch: Sie produzieren 90 Prozent des Überschusses. So müssen die deutschen Bauern erst Strafe zahlen und dann noch vor den Discountmärkten gegen zu niedrige Milchpreise protestieren. Wer begreift diesen Irrsinn? Es ist an der Zeit, dass sich die Kühe gewerkschaftlich organisieren - und streiken, findet Euer Doktor Gregor.
Doktor Gregor am 09.10.06 09:10
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Ich bin Kölner, was laut Fußball-Vereinshymne die Bereitschaft voraussetzt, "wenn et sin muss durch et Füer" zu gehen. Um dafür gewappnet zu sein, studierte ich Theologie. Der Plan, die Massen mit entsprechender Literatur zu versorgen und davon zurückgezogen an einem norwegischen Fjord leben zu können, scheiterte bislang an zahlungsunwilligen Verlagsleitern.
Auf die rasante Beschleunigung der Alltagswelt reagierte ich mit dem Training der Fußgängerkompetenz. Auch damit kann man durchaus auf der Höhe sein: Hochkönig, Piz Boe, Rosskopf. Mein Tiroler Urgroßvater wäre stolz auf mich, täte mir nicht inzwischen das rechte Knie so schnell weh. Aber nur bergab.
Weitere Angaben zu Karriere: Umfangreiche vergleichende Sprach und ÖPNV-Studien, bedingt durch Wohnungswechsel nach Neunkirchen-Seelscheid, Meschede, Würzburg, Bonn, Tübingen und tatsächlich Düsseldorf. Danach wieder Zwischenhalt in der Geburtsstadt, weil Norwegen noch zu kalt ist, solange sich die Klimakatastrophe nicht merklicher durchgesetzt hat.
Ja, ja, das Verhältnis von Kartoffelgröße und Bauernschläue ist ein leidiges Problem. Aber es ist schon richtig: Brüssel hat verstanden, das Problem auf administrative Weise zu lösen ...
Johannes Soika am 05.09.06 21:10
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