Sonntag, 29.04.2012
(Un-)Ruhe auf dem Klo
+
Laut
Arbeiten im Großraumbüro ist anstrengend. Irgendjemand redet immer, und das meist zu laut. Telefone bimmeln, Tastaturen klackern, Handys piepsen, Drucker quietschen. Wenn ich mal einen Moment der Ruhe und Sammlung brauche, gehe ich aufs Klo. Zumindest die Herrentoilette hat die Bezeichnung "stilles Örtchen" verdient. Hier herrscht in der Regel konzentrierte Stille. Der Kollege am Urinal neben mir nickt mir stumm zu oder murmelt einen Gruß, schweigend verrichtet jeder sein Geschäft, schweigend stehen wir nachher im Waschraum nebeneinander und waschen unsere Hände. Erleichtert und gestärkt zugleich gehe ich zurück an die Arbeit.
Rückzugsort war das WC schon zu meiner Schulzeit. Während kniffliger Klausuren konnte ich hier eine Denkpause einlegen oder die binomischen Formeln nachlesen, die auf einem Zettel standen, den ich kunstvoll gefaltet und in meiner Unterhose versteckt hatte. Und ich konnte erste praktische Erfahrungen mit abstrakter Malerei sammeln. Im Museum hing der Zettel daneben: "Ohne Titel, Filzschreiber auf Resopal". Auf dem Klo konnte ich auch dem eigenen Erleben philosophische Tiefenschärfe verleihen und diese dann auf der Klowand gleich schriftlich festhalten. Oder schnell mal eine Zigarette rauchen.
+
Still
Diese Zeiten sind glücklicherweise vorbei. Ich rauche nicht mehr, und auf den Klos, die ich nutze, raucht auch kein anderer. Wandmalereien und Sprüche sind auf öffentlichen Toiletten seltener geworden, ebenso ein Urinstein, der die Nase penetranter attackiert als der Geruch, den er vertreiben sollte. Manches Schulklo ist inzwischen zwar kostenpflichtig, dafür aber adrett und sauber. Die Idee dazu ist den Schulleitern wahrscheinlich bei der Fahrt in den Urlaub gekommen, in der Autobahnraststätte. Dort gibt es inzwischen sogar Urinale, die kein Wasser zum Nachspülen benötigen. Das macht das stille Örtchen noch stiller, von der dezenten Hintergrundmusik abgesehen.
+
Provozierend
Bei uns vor der Kantine gibt es auf der Herren-Toilette noch Urinale mit Wasserspülung, und ab und zu auch mal eine gemurmelte Unterhaltung. Richtig laut allerdings wurde es kürzlich, als Doktor Gregor rechts neben mir stand und begeistert von der
Jahreshauptversammlung seines geliebten 1. FC Köln erzählte. "Mit der neuen Vereinsführung wird alles besser", behauptete er. "Und unser Trainer Schaefer - das ist ein echter Hoffnungsträger!" "Genau wie
Christian Lindner für die FDP", entgegnete ich mit ironischem Unterton. "Euer FC - das ist doch quasi die FDP der Bundesliga!" Nun schaltete sich der Unbekannte zu meiner Linken in die Diskussion ein. "Den FC Köln mit der FDP zu vergleichen - das verbitte ich mir als FC-Fan!", machte er seine Position deutlich. Schließlich ertönte noch eine Bass-Stimme aus einer der Toilettenkabinen: "Und ich verbitte mir, dass die FDP mit dem FC Köln verglichen wird!" Ich könnte schwören, dass es die Stimme meines gut verdienenden Chefs war.
Sonntag, 22.04.2012
Ziemlich wichtig: Freunde
+
Haben Spaß
Als wir aus dem Kino kamen, hatte Sabine glänzende Augen. "Ein wirklich schöner Film. Eine Hymne auf die Freundschaft und das Leben!", sprudelte es aus ihr heraus. Wir hatten gerade
"Ziemlich beste Freunde" gesehen. Der Film erzählt die Geschichte eines sehr reichen, weißen Mannes, der arm dran ist, weil er gelähmt im Rollstuhl sitzt. Und er erzählt die Geschichte eines sehr armen, farbigen Mannes, der reich ist an Spontanität und Lebenslust - trotz seiner Herkunft aus einer heruntergekommenen Vorstadt von Paris. Der Farbige wird Pfleger des Weißen, und die beiden werden Freunde, profitieren wechselseitig voneinander. "Die interessante Frage ist, welcher Art die Freundschaft der beiden ist", sagte ich zu Sabine. "Ist es, aristotelisch gedacht, eher eine Nutzen-, Lust- oder doch eine
Tugendfreundschaft?" Sabine guckte mich genervt an und ließ mich kurz darauf stehen. Ihre Begründung: Sie müsse sich noch um Hannah kümmern, eine gute Freundin, deren intellektueller Freund sie mit einer Frisöse betrogen habe.
+
Hilft beim Denken
"Was Sabine und Hannah verbindet, nennt man wohl Tugendfreundschaft", dachte ich, was mir aber aktuell nicht gefiel, weil ich nun allein auf der Straße stand. Kurz entschlossen ging ich noch auf einen Cappuccino zu meinem Lieblingsitaliener. Mario begrüßte mich wie immer überschwänglich. "Hallo, mein Freund, alles paletti?", fragte er. Mario ist der einzige Italiener, den ich kenne, der wirklich "paletti" sagt. Ich nickte bloß kurz, bestellte den Cappuccino und verschanzte mich hinter einer Zeitung. Bald darauf bringt Mario das Getränk, lächelnd. "Wahrscheinlich das reinste Nutzenfreundschafts-Getue", ging es mir durch den Kopf, während ich schmallippig zurücklächelte - noch immer Aristoteles im Kopf.
Versonnen erinnerte ich mich an Rainer. Mit Rainer teilte ich Schaufel und Schokolade, die Schaufel im Sandkasten, die Schokolade beim Fernsehgucken. Rainer war mein bester Freund, auf ihn konnte ich mich stets verlassen. Ein starker Typ, auch körperlich. Das bekam ich ein einziges Mal selbst zu spüren. Wir hatten Fußball gespielt, er hatte mich gefoult, ich war wutentbrannt auf ihn losgegangen. Er nahm mich in den Schwitzkasten, bis ich schwor, ihn nicht weiter zu attackieren. Er versprach mir im Gegenzug einen Freistoß. Den versenkte ich im Tor, mit einem strammen Schuss. Allerdings hat Rainer als Torwart auch nicht alles gegeben, den Ball abzuwehren. Wahrscheinlich aus Mitleid.
+
Wissen, wo es langgeht
Rainer habe ich längst aus den Augen verloren, in meinem Leben ersetzt durch mehrere ziemlich beste Freunde und ganz viele auf Facebook. Parteifreunde habe ich keine, weil ich keiner Partei angehöre.
Jagdfreunde auch nicht, weil ich kein Jäger bin. Darüber bin ich nicht traurig, denn beide können sich schnell als falsche Freunde herausstellen - wenn man ihnen vor die Flinte gerät. Gespannt bin ich, wie sich die neue Freundschaft zwischen
Christian Lindner und
Wolfgang Clement entwickelt. Lindner saß in Düsseldorf als Liberaler in der Opposition, als Clement noch Genosse und Ministerpräsident in NRW war. Inzwischen ist Lindner Spitzenkandidat der FDP für die kommende Landtagswahl und Clement kein Genosse mehr, dafür aber Aufsichtsratsmitglied bei RWE Power. Am 1. Mai wollen sie ein
gemeinsames Papier zur Energie- und Industriepolitik vorstellen. In der Essener RWE-Zentrale. Bei Freunden. Oder Amigos?
Ein guter Freund bezahlt die Kaution und holt dich aus dem Knast.
Dein bester Freund sitzt mit dir ein und sagt: "Scheisse! Aber Spass gemacht hat`s trotzdem!"
Hans Westmar am 23.04.12 0:32
ECHTE Freunde - extrem selten, extrem wertvoll.
Tom am 23.04.12 10:15
Kommentieren
Sonntag, 08.04.2012
Was mit Eiern
+
Süß und vormals ein Ei
"Wenigstens an
Ostern kannst Du doch mal ein Ei essen", ermahnte mich früher meine Oma. Schon als Kind war ich eher ein Ei-Verächter, was meine Eier liebenden Geschwister erfreute, meine Großmutter aber besorgte. "Essen hält Leib und Seele zusammen", davon war die fromme Frau zutiefst überzeugt. Und zum Essen gehörte für sie - zumindest sonntags, aber erst recht an Ostern - ein gekochtes Ei. Manchmal gab ich Omas Drängen nach. Mir war dabei unwohl. Der Geschmack überzeugte mich nicht, und beim Essen des Eigelbs musste ich immer an die kleinen süßen Küken in ihrem flauschigen gelben Federkleid denken, die beim Bauern nebenan herumliefen. Und wie wohl den Hennen zumute war, wenn man ihnen die Eier wegnahm?
+
Bloß kein Bioei
Was eher da war, die kindlichen Skrupel oder das fade Geschmackserlebnis, diese Frage scheint so schwierig zu beantworten wie die nach Henne und Ei. Mit den Jahren hat sich meine Ei-Aversion gemildert. Das hat vielleicht damit zu tun, dass ich schon lange in der Großstadt wohne, keinen direkten Kontakt zu lebendigen Küken mehr habe und mir die Gefühle von Hühnern nicht mehr so wichtig sind. Oder damit, dass die Eier schmackhafter geworden sind. Früher rochen Eier schon mal tranig, nach Fisch. Das tun sie nur noch ganz selten. Dafür sind heute schon mal
PCB oder Dioxin im Hühnerei, das so zum Überraschungsei wird. Aber diese schädlichen Stoffe schmeckt man ja nicht. "Das hat die Natur gut so eingerichtet", hätte meine Oma dazu gesagt, wenn sie noch lebte. Sie war nicht nur eine fromme, sondern auch pragmatische Frau.
+
Für (fast) jeden drei
Weil vom jüngsten Skandal vor allem Bioeier betroffen waren, gibt es zum diesjährigen Osterfest bei mir konventionell erzeugte Eier. Die ließen sich auch besser färben, so mein Eindruck. Für Ostermontag habe ich einige Freunde zum Frühstück eingeladen, unter dem Motto: Friede, Freunde, Eiersuchen. Auch Doktor Gregor wird kommen. Ich habe für jeden Gast drei Eier gefärbt, für Doktor Gregor allerdings fünf. Er wird bestimmt einen gehörigen Appetit mitbringen, schließlich hat er gerade sieben Wochen Fasten hinter sich. Außerdem muss er sich stärken, denn er will über die Feiertage sein großes Buch über die Apokalypse abschließen. Eier spielen darin keine Rolle. Wohl aber Hasen, Angsthasen.
Audio: Was mit Eiern
Sonntag, 25.03.2012
Gefangen von Verdi
+
Leere im U-Bahnhof
Mittwochmorgen: Die Sonne scheint durch mein Schlafzimmerfenster, und das Stück Himmel, das ich vom Bett aus sehe, präsentiert sich in zartem Blau. Das erste Glücksgefühl des Tages wird durch einen Blick auf den Wecker abrupt beendet: 7.50 Uhr - verschlafen. Nun muss alles schnell gehen: Katzenwäsche im Bad, Hemd bügeln, Tasche packen. Und ab zur Arbeit. Die Haustür fällt hinter mir ins Schloss, und mir fällt ein: Heute wird
gestreikt, mit der U-Bahn komme ich nicht zur Arbeit. Mit dem Fahrrad auch nicht, das steht seit zwei Wochen in der Werkstätte "Rad.Kollektiv". In dem selbstverwalteten Betrieb wird derzeit über eine neue, gerechtere Urlaubsregelung diskutiert, da bleibt wenig Zeit, an Rädern zu schrauben.
+
Stress am Stand
Also hetze ich zum Taxistand. Da stehen viele Menschen, aber keine Taxen. Deshalb entscheide ich, zu Fuß zur Arbeit zu gehen. Ich bin nicht der Einzige: Auf dem Weg in die Kölner Innenstadt sind die Bürgersteige dicht bevölkert, fast so wie vor Jahren beim Weltjugendtag. Damals waren vor allem singende, fröhliche und beschwingte junge Menschen unterwegs. Heute sind es in der Mehrzahl gestresst wirkende Männer mittleren Alters in Anzügen. Manche gucken zwischendurch auf einen Stadtplan. Sie entdecken ihre Heimat (wieder) - dank Verdi und Beamtenbund. Und sie bewegen sich mal wieder an der frischen Luft. Wobei die Luft, genau genommen, so frisch nicht ist, wegen der vielen Autos, die heute unterwegs sind.
+
Schlecht für die Ohren
Kurz bevor ich mein Ziel erreicht habe, muss ich noch an einer Kundgebung von Streikenden vorbei. Ein fülliger Funktionär schreit etwas in ein Megaphon, in regelmäßigen Abständen unterbrochen von Trillerpfeifen der Zuhörer. Das bedeutet hier - anders als bei Wahlkampfveranstaltungen - absolute Zustimmung. Wie der DFB-Pokal hat auch die Tarifauseinandersetzung ihre eigenen Gesetze. So sind die erste Lohn-Forderung und das erste Angebot für den "Tarifpartner" immer "unverschämt", "inakzeptabel" und "passen nicht in die Landschaft". Annäherungen sind grundsätzlich nur in kleinen Schritten möglich, Einigungen in Nachtsitzungen zu erzielen.
+
Schlecht für die Umwelt
Diese Rituale der Tarifauseinandersetzung wird so schnell keiner ändern. Doch an kleinen Neuerungen können Gewerkschaften und Arbeitgeber vielleicht arbeiten. Trillerpfeifen beispielsweise sind schlecht für die Ohren, der Plastiküberwurf als Streikkleidung schlecht für die Umwelt. Und warum müssen Tarifverhandlungen oft in Hotels stattfinden, in denen schon der beige Teppichboden die Verhandlungspartner statisch so stark auflädt, dass beim ersten Händeschütteln die Funken fliegen? Für ein besseres Verhandeln sollte künftig auch die beigen Kannen vom Tisch verschwinden. Die enthalten erfahrungsgemäß Kaffee, der lauwarm ist, dafür aber Magen zersetzend stark. Wichtig dagegen wäre ein Raum zum Entspannen, in dem sich die Verhandlungsführer in den Pausen zurückziehen können, mit Duftkerze und leiser Musik - beispielsweise dem
Gefangenenchor von Verdi.
Sonntag, 18.03.2012
Lob der Laumänner
Die Schreibtische waren von Papieren übersät, die Mienen sorgenvoll, die Stimmung bescheiden: In der Firma, in der ich früher gearbeitet habe, gab es wenig zu lachen. Deshalb spendierte der Chef meinen Kollegen und mir ein Trainingsseminar mit dem schönen Titel "Die Arbeit im Griff". Dabei lernten wir beispielsweise, Listen aller anfallenden Arbeiten anzulegen und bei größeren Projekten genau festzuhalten, wer was bis wann macht.
+
Wo ist das Brot?
Erste Erfahrungen bei der Verteilung von anstehenden Arbeiten machte ich bereits im Kindergarten-Alter. Damals war ich noch der jüngste in der Geschwisterriege, und deshalb fielen mir alle Aufgaben zu, die meine ältere Schwester oder mein älterer Bruder nicht machen wollten: Im Geschäft nebenan ein Brot kaufen, den Fußball aus Nachbars Garten holen, die Schuhe meines Vaters zum Schuster bringen. Das änderte sich erst, als wir noch einen Bruder bekamen. Sobald er das entsprechende Alter erreicht hatte, brachte ich ihm bei, dass in jeder Familie seit alters her immer der Jüngste ran muss, wenn es etwas zu erledigen gilt. Das war sehr mühevoll, aber die Mühe hat sich gelohnt.
+
Wer macht den Spül?
Später, in meiner Studenten-WG, war der Spüldienst besonders unbeliebt - denn wir hatten keine Spülmaschine. Außerdem das Putzen der Küche. Das wurde noch durch Gerd erschwert, der immerzu aß und dabei alles vollkrümelte, und durch den filzartigen Teppichboden in der Küche. Was unseren Vermieter bewogen hat, in der Küche einen Teppichboden zu verlegen, habe ich nie verstanden. Er selbst wahrscheinlich auch nicht mehr, nachdem wir ausgezogen waren.
+
Wer macht nachher sauber?
Als besonders heikel erweist sich oft die Aufgabenteilung zwischen Mann und Frau. Kinder, Küche, Kirche - das taugt längst nicht mehr als Aufgabenbeschreibung der Frau. Genauso wenig wie die des Mannes, der hinaus muss ins feindliche Leben, wie Schiller meinte. Ich kenne inzwischen viele Männer, die ihre Arbeit vom heimischen Computer aus erledigen. Und Frauen, die respektabel Autos, Sendeanstalten oder ganze Staaten lenken. Über die Aufgabenverteilung in der jeweiligen Beziehung sagt das nicht unbedingt etwas aus. Vielleicht muss die Senderchefin zuhause die ganze Wäsche machen und die Ministerpräsidentin daheim die Küche putzen.
+
Was ist zu tun??
Im Berufsleben ist die Aufgabenverteilung dagegen meist sehr einfach geregelt - durch den Chef. Der kann sich dadurch auf das große Ganze konzentrieren, die Strategie, die große Linie. Weil jede große Linie aus vielen kleinen Punkten besteht, haben die Angestellten viel damit zu tun, diese Punkte abzuarbeiten. In der Politik ist es ähnlich: In der NRW-CDU beispielsweise ist
Norbert Röttgen der Chef. Er kümmert sich um das große Ganze, und das kann er am besten, wenn er etwas Abstand hat, etwa von Berlin aus. Winkt ein Chefposten am Rhein, wird er bestimmt gerne nach Düsseldorf kommen. Sollte es nach der
Neuwahl nur zum Oppositionsführer in NRW reichen, bleibt er stattdessen sicherlich Minister in Berlin. Ganz vorne auf der harten Oppositionsbank im Düsseldorfer Landtag sitzt dann - jede Wette - wieder
Karl-Josef Laumann. Vor sich auf dem Pult lange Aufgabenlisten. Unter dem Pult den Ratgeber "Die Arbeit im Griff". Und im Kopf vielleicht die Erinnerung an lange zurückliegende Tage, an denen er den Fußball aus Nachbars Garten geholt und die Schuhe seines Vaters zum Schuster gebracht hatte.
Sonntag, 11.03.2012
Tränen lügen nicht
Ein Junge weint nicht, und ein Indianer kennt keinen Schmerz - und weint deshalb natürlich auch nicht. Diese Maximen habe ich als Kind gelernt, in einer Zeit, als viele Männer noch
hart wie Kruppstahl sein wollten. Und der Fußballer
Andi Möller wechselweise als Heulsuse oder Weichei verspottet wurde.
+
Tränenfördernd: Zapfenstreich
Vieles hat sich seither geändert. Inzwischen wissen wir, dass selbst Indianer fiese Rückenschmerzen haben können, die sie dann mit einer Salbe bekämpfen. Krupp heißt heute
ThyssenKrupp, und Männer dürfen weinen, zumindest zu bestimmten Gelegenheiten. Etwa, wenn sie ein wichtiges Fußballspiel verlieren. Oder ein wichtiges Amt. So waren bei Gerhard Schröder einige Tränen zu sehen, als er mit einem großen Zapfenstreich als Bundeskanzler verabschiedet wurde. Und Schröder ist ein wahrer Mann, das wird keiner bestreiten. Ein kerniger Kerl, wie sein Freund,
der lupenreine Demokrat Wladimir Wladimirowitsch Putin. Dem standen die Tränen in den Augen, als er wieder einmal zum russischen Präsidenten gewählt wurde.
+
Tränenfördernd: Zwiebeln
An das väterliche Tränenverbot halte auch ich mich längst nicht mehr. Dafür haben traurige, aber auch glückliche Momente in meinem Leben gesorgt, manchmal einfach auch ergreifende Bücher und Filme - vor allem aber Petra. Meine damalige Freundin hat mich sehr unterstützt auf meinem Weg aus einer gefühlten Wüste, dem tränenlosen Dasein. Erst, indem sie es als "so toll authentisch" lobte, wenn mir die Tränen kamen. Dann, als sie mich regelmäßig zum Zwiebelschneiden einsetzte. Und schließlich, als sie mich von einem auf den anderen Tag verließ.
+
Tränenfördernd: Musik
In der Öffentlichkeit fließen Tränen oft, wenn es feierlich wird. Wenn Prinzessinnen heiraten, Könige bestattet und Oscars verliehen werden oder Deutschland seinen Superstar gefunden hat. Tränenfördernd ist bei solchen Gelegenheiten stets die Musik. Glitzerten nicht auch die Augen von Christian Wulff, als die Bundeswehr-Kapelle "Over the Rainbow" intonierte? Das Lied von Judy Garland hat uns ein
übergewichtiger Hawaiianer wieder in Erinnerung gerufen. Es transportiert sehr viel Sehnsucht und die paradiesische Vorstellung, dass irgendwann jenseits des Regenbogens einmal alle Probleme wie Zitronenbonbons dahinschmelzen werden.
Ob es in dem besungenen Paradies noch weinende Männer gibt, verrät der Song nicht. Diesseits des Regenbogens scheint die Lage aber klar: Die meisten Bürger, ob Männer oder Frauen, werden dem Präsidenten a. D. keine Träne hinterher weinen.
Sonntag, 12.02.2012
Sündenregister
+
Für den Geschmack
Es war eine kindliche Mutprobe, und sie ging schief. Erst schlüpfte mein Freund Norbert durch das Loch in der Hecke, lief geduckt die paar Schritte bis zu dem Erdbeerbeet, knipste schnell ein paar der halbreifen Früchte ab und kam dann schnell zurück auf die sichere Seite der Hecke. Dann war ich an der Reihe. Ich schlüpfte durch das Loch in der Hecke, lief geduckt die paar Schritte bis zum Erdbeerbeet und knipste schnell ein paar der halbreifen Früchte ab. Beim Umdrehen spürte ich plötzlich einen brennenden Schmerz auf meiner rechten Wange und schaute genau in das hochrote Gesicht eines Mannes, dem offensichtlich der Garten samt Erdbeerbeet und Hecke gehörte und außerdem die Hand, die mich geschlagen hatte. Nach einer lautstarken Belehrung über die Niederträchtigkeit meines Tuns und die Unantastbarkeit des Eigentums stieß er mich fort, so dass ich endlich seinen Garten verlassen konnte, durch das Loch in der Hecke.
+
Für die Seele
Von dem schmerzhaften Erlebnis habe ich meinen Eltern nichts erzählt. Bei meinem nächsten Besuch im Beichtstuhl allerdings habe ich erstmals - und aufrichtig! - bereut, gegen das siebte Gebot verstoßen zu haben - "Du sollst nicht stehlen." Der Priester wollte Genaueres wissen, und ich habe ihm vom missglückten Erdbeerenklau erzählt. Zur Buße musste ich drei Vaterunser beten, genauso viele wie für das Naschen von Süßigkeiten in der Fastenzeit. Der Zusammenhang zwischen Sünde und Buße erschien mir damals etwas schleierhaft, und an diesem Eindruck hat sich bis heute nichts geändert.
+
Für die Reform
Zumindest in Verkehrsdingen soll das bald anders werden. Die berühmt-berüchtigte Verkehrssünderkartei, das Alleinstellungsmerkmal der Stadt Flensburg,
soll reformiert werden. Geht es nach Verkehrsminister Peter Ramsauer, wird alles einfacher und transparenter. Dann wird man zwar schon mit acht statt achtzehn Punkten den Führerschein los, aber bekommt für einzelne Verstöße weniger Strafpunkte, die zudem schneller verjähren. Wer weiß, vielleicht steht die Flensburger Kartei eines Tages auch für alle sichtbar im Netz. Als Vorbild könnte ausnahmsweise mal Griechenland dienen - das ja seine Steuersünder im Netz listet.
+
Für Treffen mit Freunden
Recht praktisch fände ich auch eine zentrale Kartei für die kleinen und großen Verfehlungen der Politiker. Wer sich seinen Urlaub von einem Unternehmerfreund spendieren lässt, sollte beispielsweise einen oder zwei Strafpunkte bekommen, je nachdem, wo die Ferien verbracht werden. Für einen supergünstigen Kredit vom Bankenfreund gäbe es drei Punkte, für das Belügen des Parlaments sechs Punkte. Bei acht Punkten wären dann Amt und Würde futsch. Für reuige Politiker müsste es natürlich auch eine Möglichkeit geben, ihr Punktekonto abzuschmelzen: Eine zerknirschte Rede im Fernsehen könnte zwei Punkte wettmachen, genauso ein selbstkritischer, launiger Auftritt im Karneval. Für eine großzügige Spende gäbe es drei Bonuspunkte. Wenn das alles nicht reicht, bliebe nur noch das Dschungelcamp.
Sonntag, 29.01.2012
Merkel und das Metamaterial
+
Macht fast alles sichtbar
Sie ist jung und in den Augen vieler sehr attraktiv. Sie stand häufig im Mittelpunkt ihrer Gruppe, doch sie hat auch einiges durchmachen müssen in letzter Zeit. Damit ist jetzt Schluss. Die Rede ist hier nicht von Micaela Schäfer aus dem
RTL-Dschungelcamp, sondern von
Marina Weisband. Die telegene Geschäftsführerin der Piratenpartei möchte sich auf ihr Psychologie-Studium konzentrieren und wird deshalb im Mai nicht wieder für den Job in der Führungsspitze der Partei kandidieren. "Sie wollten nur mich", klagte sie über zahlreiche Interview- und Talkshowanfragen der Medien an die Piratenpartei. Nun will sie nicht mehr.
Aufmerksamkeit ist halt nicht immer schön. Das habe ich schon zu Schulzeiten erfahren. Hatte ich mal die Hausaufgaben vergessen, gab ich meinem Gesicht einen möglichst neutralen Ausdruck, um vom Lehrer nicht drangenommen zu werden. Das war nicht immer erfolgreich. Deshalb träumte ich im Unterricht manchmal von einer Tarnkappe. Die hat nicht nur den Vorteil, dass man nicht gesehen wird. Sie ermöglicht auch, unerkannt dabei zu sein, wenn die Lehrer konferieren, wenn nervige Mitschüler über einen tuscheln oder wenn die Mädchen der Klasse kichernd beraten, wer wohl der netteste Junge ist. Dabei sein, ohne bemerkt zu werden - die Tarnkappe ist auch der Traum aller Schlapphüte. Doch bislang ist sie bloß ein Traum geblieben.
+
Aschermittwoch am liebsten unsichtbar
Eine
hoffnungsfrohe Nachricht kommt dieser Tage aus Texas. Dort ist es Physikern gelungen, erstmals einen dreidimensionalen Gegenstand unsichtbar zu machen. Geholfen hat ihnen dabei "plasmonisches Metamaterial", künstliche Stoffe, die das Licht so streuen, dass man den Gegenstand nicht mehr sieht. Das gelingt bislang nur mit winzig kleinen Objekten. Aber der Anfang ist gemacht. Macht die Wissenschaft hier Fortschritte, würden viele davon profitieren. Micaela Schäfer etwa - sie experimentiert ja angeblich gerne mit Kunststoffen - könnte in Erfahrung bringen, was die Macher des Dschungelcamps wirklich von ihr halten. Die Karnevalsjecken könnten am Aschermittwoch die Narren- gegen die Tarnkappe tauschen - so wären sie geschützt vor den Nachstellungen ihrer Karnevalflirts. Und Marina Weisband wäre dank Tarnkappe vor den Journalisten sicher.
+
Macht viele unsichtbar
Während in Texas noch fleißig geforscht wird, wie größere Objekte zum Verschwinden gebracht werden können, scheint die Physik in Berlin schon einen Schritt weiter zu sein. Oder genauer gesagt: die Physikerin im Kanzleramt. Zu Beginn der Eurokrise war sie selbst fast unsichtbar. Noch größeren Ehrgeiz verwendete sie darauf, andere unsichtbar zu machen: Friedrich Merz. Edmund Stoiber. Günther Oettinger. Derzeit sollten sich vor allem FDP-Politiker in Acht nehmen. Hat eigentlich jemand Herrn Rösler gesehen in letzter Zeit? Experimente mit Teflon waren gestern - Merkel arbeitet längst mit plasmonischem Metamaterial.
Sonntag, 22.01.2012
In der S-Bahn
+
Niederrheinische Melancholie
Bahnfahrten sollten in keinem Blog vorkommen. Das hat zumindest mal Sven Regener gefordert, der Sänger von Element of Crime und Schöpfer der "Lehmann"-Romane und "Logbücher". Regener hat sich an seine Forderung allerdings selbst nicht gehalten. Aus gutem Grund: In der Bahn lassen sich immer interessante Menschen kennen lernen. In der vergangenen Woche bin ich täglich S-Bahn gefahren, zwischen Köln und Düsseldorf. Ich liebe das leichte Ruckeln des Zuges, das raue, ursprüngliche Fahrgefühl. Nur auf das grelle Kreischen der Bremsen an jeder Haltestelle könnte ich verzichten. Die Strecke führt durch betonierte Vorstädte, kahle Gewerbegebiete und an Chemiefabriken vorbei. In der Ferne grüßen Dampfwolken von Braunkohle-Kraftwerken.
+
Digitale Boheme in der S-Bahn
Die meisten Pendler, die mit mir im Zug sitzen, haben keinen Blick übrig für die melancholische Schönheit der niederrheinischen Landschaft. Sie lesen, hören Musik oder beschäftigen sich mit ihrem Handy. Smartphone und MP3-Player sehe ich dabei öfter als Buch oder Zeitung. Die digitale Revolution ist anscheinend auch in der S-Bahn angekommen, zumindest bei den Fahrgästen. Ein Mann, der mit mir sowohl ein- als auch aussteigt, packt regelmäßig einen Tablet-PC aus. "Ich schaue mir morgens die Online-Seiten der wichtigsten deutschen Medien an, das bringt mehr als Zeitunglesen", erklärt er mir in einer kurzen Bildschirmpause, und dass er Frederick heißt. Während Frederick durch die deutsche Medienlandschaft surft, fahren wir an einer Großdruckerei vorbei - "ein Relikt der alten, analogen Welt", wie Frederick findet.
+
Schön ursprünglich
Frederick zählt sich zur digitalen Boheme, macht beruflich "was mit Medien". Wohnungen mit wandhohen Regalen voller Bücher sind für ihn gestrig, bei ihm zuhause gebe es dafür mehr Bildschirme, erzählt er. "Ich besitze kein einziges Buch aus Papier. Ich habe nur E-Books." Damit liegt er voll im Trend: Der Internethändler Amazon hat gerade gemeldet, erstmals mehr elektronische Bücher verkauft zu haben als Hardcover. Probleme bereitet diese Entwicklung romantischen Gemütern und natürlich Regalbauern und -verkäufern. Frederick gehört zu keiner der Gruppen, hat sich aber, wie er beteuert, den Sinn fürs Ursprüngliche, für das Einfache, für das Archaische bewahrt. Deshalb hat er erst kürzlich das
Neandertalmuseum besucht. Und deshalb gibt es Abend für Abend derzeit einen Pflichttermin für ihn - das "
Dschungelcamp".
Sehr nette und treffende Beschreibung :-) Bloß: Ich frage mich: Wieso S-Bahn nutzen zwischen Köln und Düsseldorf, wo dort mehrere RegionalExpress-Linien fahren :-)
Anonym am 22.01.12 14:09
Schöner Beitrag. Ich fahre als Berufspendler täglich mit der S11 von Köln nach Düsseldorf, habe auch mein Smartphone, um Nachrichen zu lesen, aber trotzdem einen Blick für die Rübenfelder. Und im Ohr nicht den Knopf vom MP3-Player, sondern vom mobilen DAB+-Empfänger, um u.a. WDR2 zu hören. Warum ich nicht mit dem Regionalexpress fahre? Ich müsste 3x umsteigen, die 11 fährt praktisch bis vor die Bürotüre.
Anonym am 22.01.12 17:53
Kommentieren
Sonntag, 01.01.2012
Neues Jahr, neues Glück?
+
Schnee ohne Spuren
Das neue Jahr hat für mich einen ganz eigenen Reiz. Auch wenn Kopf und Augenlider noch schwer sind von der Silvesterfeier. Ein neues Jahr, das ist wie unberührter Schnee. Gut, so ganz unberührt ist das neue Jahr schon nicht mehr: In den neuen Kalender habe ich schon die - genehmigten - Urlaubstage eingetragen, außerdem die wichtigsten Geburtstage. Zudem stehen dort schon einige Feier- und Gedenktage, wobei sich die Kalendermacher bestimmt etwas gedacht haben. Wahrscheinlich wollen sie mich animieren, am Tag der gesunden Ernährung, dem 7. März, mal den Kantinenbesuch ausfallen zu lassen. Dafür soll ich dann am 6. Mai, dem internationalen Anti-Diät-Tag, auf jeden Fall dorthin.
Mit gemischten Gefühlen sehe ich dem Weltlachtag entgegen, am ersten Sonntag im Mai. Ich ahne, welche Themenvorschlägen dazu auf meinem Schreibtisch landen werden: Eine Reportage aus einem Lachseminar. Ein Interview mit einem Comedian über Humor. Oder eine Straßenumfrage zum Thema "Was finden Sie eigentlich lustig?". Es sind Vorschläge, die ich mit spitzen und mit gründlich gewaschenen Fingern anfassen werde. Schließlich ist 24 Stunden vorher der Internationale Tag der Handhygiene.
+
Fast vergessen: Problembär Bruno
Die Erinnerungs- und Gedenktage sorgen für sinnvolle Impulse. Würden wir über Bären nachdenken und uns an Problembär Bruno erinnern, gäbe es keinen Bärengedenktag (26. Juni)? Oder würden wir über das Klo sinnieren, fehlte uns der Welttoilettentag (19. November)? Und wie zerrüttet wäre unser Verhältnis zu unseren Lebensgrundlagen, gäbe es nicht den Weltmilchtag (1. Juni)! Wobei die Milch ja leider von vielen Menschen nicht vertragen wird, wegen einer Laktoseunverträglichkeit. Diese können dann halt am gleichen Datum den Weltbauerntag feiern.
+
Einmal im Jahr wie ein Pirat sprechen
Ein bisschen schade finde ich, dass 2012 die UN-Literatur-Dekade "Bildung für alle" ausläuft. Dafür gibt es aber das ganze Jahr ein wenig Nachhilfe für die Manager von RWE, Eon, Vattenfall und EnBW: Die Vereinten Nationen haben 2012 zum "Internationalen Jahr der erneuerbaren Energie für alle" ausgerufen, außerdem zum "Internationalen Jahr der Genossenschaften". Wenn dahinter nicht die Grünen beziehungsweise die Sozialdemokraten stecken! Interessanterweise fehlt 2012 ein liberaler Gedenktag. Dafür gibt es am 19. September den "Sprich-wie-ein-Pirat-Tag". Bestimmt auch kein Zufall.
Ein neues Jahr ist wie unberührter Schnee? Das ist wahrscheinlich bloß eine romantische Wunschvorstellung von mir, wie mein eigener Kalender zeigt. In etwa so realistisch wie Schneefall an diesem frühlingshaften Neujahrstag. Realistischer ist da die EU. Sie hat 2012 zum Europäischen Jahr für aktives Altern ausgerufen. Da werde ich mitmachen - ob ich will oder nicht.
Sonntag, 18.12.2011
Oh Tannenbaum
+
Schön viele Geschenke
Früher glaubte ich ans Christkind. In der Nacht vor
Heiligabend gelangte es auf geheimnisvolle Weise in unser Wohnzimmer und legte dort Geschenke für meine Geschwister und mich unter dem Weihnachtsbaum ab. So erklärten es unsere Eltern. Gesehen habe ich das Christkind nie, nie gelang es mir, die ganze Nacht wach zu bleiben. Mein jüngerer Bruder behauptet, das Christkind einmal gesehen zu haben, als er in der fraglichen Nacht aufs Klo musste. Aber seiner Erzählung habe ich schon damals nicht geglaubt. Ohne seine Brille, die er nachts bestimmt nicht aufsetzte, konnte mein Bruder nämlich so gut wie nichts sehen.
Als ich nicht mehr ans Christkind glaubte, musste ich am Abend vor Heiligabend beim Baumschmücken helfen. Meine Schwester Hildegard, ein christkindhaftes Wesen mit langen blonden Haaren, sinnierte über das künstlerische Gesamtkonzept des Baumes, während ich die schon mal die Dekoration aus dem Keller ins Wohnzimmer schleppte, jedes Jahr wurden es mehr Kisten. Versonnen hängte Hildegard anschließend die von mir entstaubten Engel, Kugeln und Sterne in den Baum, korrigierte die Position des einen oder anderen, und stellte sich bald hierhin, bald dorthin, um den geschmückten Baum von allen Seiten zu begutachten. Manchmal entschied sie sich dann noch für eine andere Grundfarbe der Dekoration, und ich musste vorsichtig das silberne Lametta gegen rotes austauschen oder die gelben Kerzen durch weiße ersetzen. Es wurden stets lange Abende, und anstrengende dazu.
+
Schön billig
Seit einigen Jahren bin ich am 23. Dezember abends bei Heinz und Rieke. Heinz ist sparsam veranlagt, besonders beim Kauf des Weihnachtsbaums. Um einen zu erwerben, geht er erst kurz vor unserer Verabredung los. Dann sind die Händler durchgefroren und ihre unansehnlichen Restbäumchen runtergesetzt. "Außerdem kann ich noch prima mit den Jungs feilschen", erklärt Heinz. Einen Ständer für den Christbaum spart er sich komplett, dazu reicht ihm ein Putzeimer mit Sand. Den Sand organisiert er, im Schutz der Dunkelheit, auf einer nahe gelegenen Baustelle. Das hat noch nie zu Problemen geführt. Die fangen aber an, wenn seine Freundin Rieke den Baum erblickt. Klein, mickrig, verkrüppelt, altersschwach – hart und harsch geht Rieke mit dem Baum ins Gericht, und natürlich mit seinem Käufer. Aufgefordert, den Schiedsrichter zu spielen, verhaspele ich mich in diplomatischen Floskeln. Der Abend vor Heiligabend ist bislang einfach nicht mein Glücksabend.
+
Schön krumm
In diesem Jahr soll das anders werden. Am Tag vor Heiligabend bin ich,
ganz im Trend, zum Christbaum-Schlagen verabredet, mit einigen Freunden. Heinz ist nicht dabei, er will lieber nach Geschäftsschluss in die Schonung. Dafür geht Hildegard mit. Ihr habe ich versprochen, beim Schlagen und Sägen ihres Baumes behilflich zu sein. Sie möchte wahrscheinlich eine Nordmanntanne. Oder eine Blautanne. Allerdings will sie sich auch in Ruhe mal die einfachen Fichten und die Douglasien anschauen, hat sie angekündigt. Dabei wird sie sehr gewissenhaft sein, denn sie weiß: Weihnachten wird durch den Baum entschieden.
Sonntag, 11.12.2011
Regen und Schnee, Mord und Totschlag
+
Kind mit Langeweile
Angefixt wurde ich von meinem Vater, im zarten Alter von elf oder zwölf Jahren, während eines Urlaubs im
Sauerland. Tag für Tag regnete es, die meiste Zeit verbrachten meine Eltern, meine Geschwister und ich deshalb in der düsteren Ferienwohnung. Die Bücher, die ich mitgenommen hatte, waren längst gelesen, und zum Quartett-Spielen mit meinem kleinen Bruder hatte ich keine Lust mehr. "Mir ist langweilig", erklärte ich regelmäßig und wahrheitsgemäß – bis mein Vater mir zwei Taschenbücher in die Hand drückte. Es waren
Krimis, mit rotem Einband drumrum und Leichen drin, also keine blöden Kinder-Detektivgeschichten. Ich war begeistert von den beiden
Agatha Christie-Romanen.
+
Frau mit Köpfchen
Der Urlaub blieb nicht ohne Folgen: Im Sauerland habe ich meine Ferien seither nicht mehr verbracht. Den Kriminal- und Detektivgeschichten bin ich treu geblieben. Anfangs faszinierten mich besonders Geschichten aus England. Die spielten gerne auf eingeschneiten Landsitzen, auf einem Schiff oder in einem Zug, also überall dort, wo Menschen mehr oder weniger zwangsweise eine Zeitlang miteinander auskommen müssen. Das ging selten gut, meist nutzte ein harmlos anmutender Bösewicht die Situation, um alte Rechnungen zu begleichen und reihenweise Leute ins Jenseits zu befördern. Eigentlich ein Wunder, dachte ich manchmal, dass damals während des Sauerland-Urlaubs in unserer Ferienwohnung nichts Schlimmes passiert ist.
+
Mann mit Magenproblemen
Was Krimis angeht, habe ich jede Mode mitgemacht: habe mich durch den sozialkritisch ambitionierten neuen deutschen Kriminalroman gequält. Ich habe die desillusionierten Ermittler der amerikanischen Detektivgeschichten bewundert. Habe skurrile Aufklärer wie den Österreicher
Brenner kennengelernt und brave Kommissare aus Bonn, Köln, vom Niederrhein und aus der Eifel.
Skandinavische Kriminalromane waren natürlich auch dabei. Nach dem fünften Krimi von Henning Mankell musste ich allerdings eine Pause einlegen, weil ich die gleichen Magenprobleme bekam wie Mankells Kommissar Wallander. Vielleicht lag es an den fiesen Mordmethoden, mit denen wir beide konfrontiert wurden, vielleicht aber auch an unserer gemeinsamen Vorliebe für Schnellgerichte, Pizza und Kaffee.
Auf meinem Wunschzettel für
Weihnachten stehen in diesem Jahr wieder etliche Krimis. Ich freue mich auf unbeschwerte Lesetage nach dem Fest. Ein Büchlein für den Kurztrip zum Jahreswechsel habe ich mir schon selbst geschenkt. Es heißt "Tot überm Zaun" und spielt, unter anderem, im Sauerland. Da wo meine Freundin und ich den Jahreswechsel feiern wollen. Zuschneien werden wir ja hoffentlich nicht.
Sonntag, 27.11.2011
Rumpelstilzchen, Sparschwein und Dukatenesel
+
Nützliches Männlein
Als Kind hat mich Rumpelstilzchen sehr beeindruckt. Das Männchen hat – nicht ganz uneigennützig – einer Frau aus dem Volke geholfen, Königin zu werden, indem er Stroh zu Gold spann. Wahrscheinlich wollte Rumpelstilzchen einfach mal in den Königspalast eingeladen werden und das Gefühl auskosten, über schwere rote Teppiche zu schreiten. Gerne hätte ich den kleinen Kerl mit den goldenen Händchen zum Freund gehabt. "Rumpelstilzchen gibt es doch nur im Märchen", erklärte mir allerdings meine Oma, und fügte kritisch hinzu: "Du bekommst doch genügend Taschengeld – Du musst es Dir nur richtig einteilen!"
Was "genügend Taschengeld" heißt, darüber gingen die Meinungen in unserer Familie stark auseinander. Meine Eltern und meine Oma fanden bescheidene Auszahlungen sinnvoll, wir Kinder dagegen einfach ungerecht. Denn wir konnten alle aus dem Stehgreif Freunde benennen, die wesentlich mehr Geld von ihren Eltern bekamen als wir. Unsere Eltern und unsere Oma blieben von diesem Argument unbeeindruckt, sie verweigerten jede Taschengeld-Erhöhung. Verschwenderisch waren sie nur mit Spar-Appellen.
+
Nützliches Tier
In dieser Woche hat der Bundestag über den
Haushalt für das nächste Jahr debattiert. Da war auch viel vom Sparen die Rede, interessanterweise von Politikern der Koalition wie von denen der Opposition. Es war ein Streit darum, wer besser sparen kann, wer sozusagen das größere Sparschwein hat. Das Sparschwein ist derzeit bei Politikern in ganz Europa zur heiligen Kuh geworden. Es scheint, zumindest kurzfristig, den Dukatenesel verdrängt zu haben, das traditionelle Lieblingstier aller Wahlkämpfer.
Ein Ökonom hat vor kurzem im Fernsehen behauptet, in absehbarer Zeit würde das Geld abgeschafft. Das kann ich mir zwar nicht recht vorstellen, hat bei mir aber doch einige Fragen aufgeworfen: Lohnt sich vor dem Hintergrund das Sparen überhaupt noch? Sollte ich mein Geld nicht schleunigst ausgeben, bevor es von selbst verschwindet? Oder sollte ich mir vielleicht eine Parzelle Land kaufen? Oder meine kleinen Ersparnisse in Gold anlegen? Gold scheint ja immer goldrichtig, wie schon zu den Zeiten von Rumpelstilzchen.
+
Nützliche Helfer
Nach einigem Hin und Her habe ich mich doch fürs Sparen entschieden, Oma wäre stolz auf mich. Ursprünglich wollte ich in eine neue, größere Wohnung umziehen. Aus Spargründen begnüge ich mich nun mit der Renovierung der alten. Ein Maler hat die Wände bereits gestrichen, nun kommt noch ein neuer Bodenbelag rein: roter Teppichboden, der hat so was Königliches, Rumpelstilzchen würde er bestimmt gefallen. Wichtiger für mich: Rot motiviert dazu, so hat eine Studie ergeben, weniger zu heizen.
Sonntag, 13.11.2011
Zeit für Gefühle
Den ersten Glühwein des Jahres trinke ich traditionell im November, auf einem Schulhof in der Nachbarschaft. Zum Laternen-Umzug ihrer Grundschul-Kinder schenken dort, an einer improvisierten Trinkbude, Eltern das süße Heißgetränk aus. "Engagierte Eltern", wie die Rektorin der Grundschule in ihrer kleinen Begrüßungsansprache betont. Auch in diesem Jahr drängen sich nicht nur andere engagierte Eltern, sondern zusätzlich engagierte Onkel, Tanten und eben auch Nachbarn der lieben Kleinen um den Getränkestand. Der Glühwein ist gewohnt gut und wärmt mir den Bauch, der Anblick der Laternen tragenden Kinder das Herz.
+
Herzerwärmend
Als sich der Lichterzug der Kinder in Bewegung setzt, mit einem bärtigen Mann in tiefrotem Mantel auf einem Pferd vorneweg, schließen sich nur ein paar Männer an, "engagierte Begleit-Väter", so die Rektorin. Die übrigen Erwachsenen warten am Glühweinstand auf die Rückkehr des Umzugs. Die "engagierten Begleit-Väter" sollen dafür sorgen, dass keine Laterne in Brand gerät. Zwar leuchten die meisten Martinsfackeln heutzutage dank Batteriestrom, aber einige auch noch traditionsbewusst, mit Hilfe echter Kerzen. Die Kinder, die Blechbläser, der heilige Martin und sein Pferd erreichen dann auch heil wieder den Schulhof. Allerdings diskutieren einige Viertklässler inzwischen lautstark darüber, ob statt eines heiligen, gutherzigen Mannes auf dem Pferd nicht vielleicht der doofe Turnlehrer sitzt, der Herr Kurtz mit knarzigen Stimme. Zwei Kinder wollen außerdem beobachtet haben, dass der Mann auf dem Pferd seinen Mantel nicht wirklich mit dem Schwert geteilt hat. "Da war ein Reißverschluss drin", sind sich die beiden sicher.
+
Reißverschluss-Mantel
Bei der Klärung der Identität des Reiters wollen nun auch einige engagierte Glühwein-Trinker behilflich sein. "Ausziehen, ausziehen", skandieren sie. Hinter seinem langen weißen Bart färbt sich das Gesicht des Reiters dunkel und ähnelt nun seinem tiefroten Mantel. Um die Situation zu entschärfen, gibt die Rektorin den Blechbläsern das Signal zum Einsatz. Die plötzlich einsetzende Musik überfordert anscheinend das Pferd. Mit gewaltigen Sätzen prescht es davon, samt heiligem Martin beziehungsweise unheiligem Turnlehrer. "Sankt Martin ritt durch Schnee und Wind, sein Ross das trug ihn fort geschwind", spielt die Kapelle. Doch feierliche Stimmung will nicht mehr recht aufkommen, und rasch leert sich der Schulhof.
+
Rapper in Festkleidung
Feierlich ist mir doch noch zumute, später zuhause, bei der Bambi-Gala im Fernsehen. Zu sehen sind schöne Frauen in schönen Roben, gut angezogene Männer, Stars und Sternchen, alle irgendwie engagiert für eine gute Sache, die meist mit Kindern zu tun hat. Die
Bambi-Gala ist sozusagen die Martinsfeier für die Reichen und Schönen: ohne Mantel, Martin und Pferd, dafür mit Smoking, Altkanzler und Rehkitz. Und, das allerwichtigste: ohne Glühwein, aber mit Schampus. Es ist ein wahres Fest, nur der wegen mancher Liedtexte und Statements umstrittene Preisträger
Bushido sorgt für etwas Unruhe im Saal. Der erinnert mich ein wenig an den heiligen Martin – oder genauer gesagt an Herrn Kurtz.
Her Josef, wie treffend! Oder sollte ich sagen: Herr Pleitgen???
Monika am 13.11.11 23:12
Kommentieren
Sonntag, 23.10.2011
Frieda und die heiligen drei Könige
Manche Errungenschaften des modernen Lebens sind so selbstverständlich geworden, dass wir uns kaum noch vorstellen können, wie ein Leben ohne sie möglich war. Ich erinnere mich allerdings noch gut daran, wie mein Leben ohne Navigationsgerät aussah: Alleine unterwegs, versuchte ich in fremden Regionen vieles gleichzeitig im Blick zu behalten: die Schilder, den Verkehr, die Karte auf dem Beifahrerplatz und natürlich die Uhr, denn ich wollte ja pünktlich mein Ziel erreichen. Das war kein Spaß, besonders wenn es draußen schneite oder dunkel war oder beides zugleich. Ein Wunder eigentlich, dass ich es trotzdem immer geschafft habe.
+
Sorgt für Entspannung: Navi
Bei einem Urlaub mit meiner Freundin Mona habe ich dann die Vorzüge eines Navigationsgerätes kennengelernt. Gleichbleibend freundlich lotste uns die Frauenstimme aus Monis Navi über den Brenner bis in unserem Zielort in der Toskana. Misstrauisch verfolgte ich auch danach noch anhand von Straßenkarten, wie "Frieda" – so hatten wir die Navi-Frauenstimme getauft – uns bei Tagesausflügen durch die sanfte Hügellandschaft führte. Einmal habe ich Frieda dabei erwischt, wie sie eine Abkürzung übersehen hat. Nach einer kurzen Diskussion - Mona hielt, wahrscheinlich aus weiblicher Solidarität, zu Frieda – verabredeten wir, auf dem Hinweg dem Navi zu folgen, auf dem Rückweg der Karte und mir. Der Rückweg war eine Katastrophe. Die Straße war steil und schmal. Wir brauchten viel länger als auf dem Hinweg, und es wurde schon dunkel, als wir in unserem Urlaubsquartier ankamen. Monas Stirn zierte eine steile Falte, ihre Lippen blieben den ganzen Abend über schmal. Das Thema "Wo geht’s lang?" ist zwischen Frauen und Männern traditionell umstritten. Navis können bei fachgerechter Anwendung zu einer spürbaren Entspannung in diesem Streit führen, das wird jeder Paartherapeut bestätigen.
+
Frieda, Freude, Eierkuchen
Direkt nach dem Italien-Urlaub legte ich mir selbst ein Navi zu. Zunächst ließ ich mir den Weg auf kölsch ansagen. Das ständige "räätseröm" und "linkseröm" hat mich aber schnell genervt. Endgültig untendurch war die lokalpatriotische Ansage bei mir in einer lauen Maiennacht. Den Abend hatte ich mit Mona im Biergarten verbracht, es war ein sehr netter Abend. Dann brachte ich Mona nach Hause, das Navi wies kölsch und launig den Weg. Als ich sie vor ihrer Haustür zum Abschied in die Arme nahm und erstmals küsste, blökte das Navi aus dem Auto: "Do häs et geschaff!" Seither lass ich mich wieder von Frieda leiten.
Frieda nutzt übrigens, wie alle Navis, das GPS-Signal, das amerikanische Satelliten zur Erde funken. Letztlich sind wir also gar nicht so weit entfernt von der Methode der heiligen drei Könige, die sich nach den Signalen der Sterne richteten. Ihr direkter Blick in den Himmel lohnt sich auch heute – insbesondere wenn gerade einmal wieder ein
ausgedienter Satellit abstürzt.
Audio: Frieda und die heiligen drei Könige
Sonntag, 25.09.2011
Wandertage
Ich bin nicht zum Wanderer geboren. Allerdings haben meine Eltern versucht, mich zu einem zu machen. Im Urlaub bekamen meine Geschwister und ich Spazierstöcke als Motivationshilfen, mit zweifelhaftem Erfolg. Mit den Stöcken lieferten wir Kinder uns manch lustvolles Scharmützel, aber die Lust am Wandern blieb schwach. Daran änderte auch das Versprechen nichts, die Stöcke mit Abzeichen der erwanderten Ziele zu verschönern. Die elterlichen Hinweise auf die "kleinen Wunder der Natur" am Wegesrand konnten mein Interesse ebenfalls nicht wecken. Wandern, so meine kindliche Erkenntnis, ist total langweilig und bloß was für Erwachsene.
+
Wandertag statt Schulalltag
Als Jugendlicher bekam das Wort "Wandern" für mich einen besseren Klang. Das lag an den Wandertagen, diesen willkommenen Unterbrechungen des Schulalltags. Wenn deshalb der Mathe-Unterricht und der Latein-Test ausfielen, machte das Wandern Spaß. Richtig spannend waren die mehrtägigen Ausflüge. Das lag allerdings weniger an den Wander-Einheiten als vielmehr an den Nächten im Mehrbettzimmer. Die waren mindestens so lang wie die
Kreuzberger Nächte. Wir haben gequatscht und rumgealbert, Karten gespielt und heimlich Bier getrunken. Ab und zu stürmte der Lehrer ins Zimmer und versuchte Nachtruhe herzustellen. Dazu klopfte er mit einem Spazierstock auf unsere Betten. Doch mit fortschreitender Zeit wurden seine Besuche seltener, irgendwann war auch der zäheste Lehrer erschöpft im eigenen Bett weggenickt.
+
Deutscher Wandertag
Nach der Schulzeit verebbte mein Interesse am Wandern, es gab ja auch keine Wandertage mehr. Bis ich einmal als Reporter zum
Deutschen Wandertag geschickt wurde, ins Nordhessische. Auch Rita Süssmuth war dorthin gereist und begrüßte in wohlgesetzten und feierlichen Worten die "lieben Wanderfreundinnen und Wanderfreunde". Die sahen genauso aus, wie ich sie mir vorgestellt hatte – ältere Damen und Herren, meist mit Stepp-Westen gegen die herbstliche Kühle gewappnet. Ihre strapazierfähige Kleidung war größtenteils blassbeige oder förstergrün, bei der Haarfarbe dominierten Silbertöne. Weil das Nordic Walking noch nicht erfunden war, hatten die meisten einen Spazierstock in der Hand. Mit einem Lied auf den Lippen zogen sie los – ohne mich. Mir reichten ein Foto vom Start und ein Statement von Frau Süssmuth für den Artikel.
+
Wanderers Stolz
Kürzlich war ich noch mal im Nordhessischen, mit meinen Geschwistern. Seit einiger Zeit verabreden wir uns einmal jährlich zu einem Wander-Wochenende. In legerer Kleidung – mein älterer Bruder trug etwas Förstergrünes – sind wir durch die Wälder und Felder gelaufen. Das Wandern hat Spaß gemacht, doch nett war das Wochenende vor allem, weil wir Zeit hatten, mal richtig zu quatschen und rumzualbern, gemeinsam Bier zu trinken und Karten zu spielen. Und den Spazierstock meiner älteren Schwester zu bewundern – gespickt mit Abzeichen.
Sonntag, 18.09.2011
Abendland, Badeland
Als ich Kind war, hieß das Shampoo noch Haarwaschmittel. Es war eidottergelb oder apfelgrün und biss fies in den Augen. Samstag war Badetag, und den mochte ich – zumindest anfangs – überhaupt nicht. Das lag außer am Haarwaschmittel an meinem älteren Bruder. Er saß mit mir in der Badewanne und versuchte an mir zu erforschen, wie lang ein Mensch unter Wasser überlebt. Seine Versuchsreihe habe ich glücklicherweise ohne Schaden überstanden und sogar am Baden Gefallen gefunden – ohne Bruder, nur mit Quietsche-Ente.
+
Der Herr badet gerne lau
Später habe ich entdeckt, dass zu zweit baden auch reizvoll sein kann - es kommt halt darauf an, mit wem. Wenn ich alleine in der Wanne sitze, lese ich gerne oder träume vor mich hin. Bei der Entspannung helfen duftende Badezusätze und vor allem heißes Wasser. Herbert Wehner soll über Willy Brandt einmal verbreitet haben: "Der Herr badet gerne lau." Für mich ist es eine abschreckende Vorstellung, in lauwarmem Wasser zu liegen. Interessant finde ich die Frage, woher der damalige SPD-Fraktionsvorsitzende wusste – oder zu wissen vorgab –, welche Temperatur das Badewasser des damaligen Kanzlers hatte. Ob die beiden mal zusammen gebadet haben? Und sich gestritten haben wie Müller-Lüdenscheidt und Doktor Klöbner? Oder eher wie mein älterer Bruder und ich?
+
Warmduscher?
Die Liebe zum heißen Bad ist im modernen Leben etwas erkaltet. Duschen bietet viele Vorteile, wie mir kürzlich erst Doktor Gregors Freundin Elke klarmachte: "Wer braucht denn heute noch eine Badewanne?", fragte sie provozierend in die Runde. "Duschen ist doch tausendmal besser: Gesünder für die Haut ist es allemal. Außerdem geht es schneller, verbraucht weniger Wasser und weniger Energie. Baden ist doch was für Dinosaurier, ökologisch gesehen." Anscheinend gibt es inzwischen viele Elkes in Köln. Denn bei der Suche nach einer neuen Wohnung erhalte ich immer öfter Angebote, bei denen eine Wanne fehlt. Die sortiere ich gleich aus – genauso wie die ohne Balkon.
+
Abendland, Badeland
Dabei gehört Baden doch zu unserer Kultur, da genügt ein Blick auf die alten Griechen und Römer. Die haben Thermen erfunden, Badehäuser mit Fußbodenheizung, in denen man gemeinsam entspannen konnte. Manch öffentliches Bad von heute wirkt ärmlich dagegen. Kündigt sich so das Ende des Abendlandes an? Oder zumindest des Badelandes? Zum Glück gibt es noch überzeugte Verfechter des Vollbades. Wie einen verurteilten Betrüger aus dem offenen Vollzug in Bochum. Vor kurzem kehrte er nicht in seine Zelle zurück, sondern mietete sich unter falschem Namen in einem Krefelder Hotel ein. Dort überraschte ihn die Polizei – in der Badewanne, "als er gerade im Schaum planschte", wie es hieß. Eine abwertende Formulierung, die von Elke stammen könnte und den Dusch-Anhänger verrät. Wahrscheinlich den Warmduscher.
Es geht doch nichts über ein wunderschönes Entspannungsbad. Leider muss ich in meiner jetzigen Wohnung darauf verzichten.
Irmgard am 18.09.11 16:07
Kommentieren
Sonntag, 04.09.2011
Marius und Otto – find ich gut!
+
Besonders nervige Tätigkeit
Kaum geht der Sommer, wird es Zeit für die Steuererklärung. Die macht ein Steuerberater für mich, den Luxus leiste ich mir. Dieser Luxus ist allerdings überschaubar, denn für mich bleibt trotz Steuerberater genug zu tun: Rechnungen raussuchen, Belege sichten, Listen anlegen, Kontoauszüge durchforsten. Eine Arbeit, die wenig Spaß macht, aber sich auszahlt – meistens bekomme ich eine Steuer-Erstattung vom Finanzamt.
Diese Art von Glück gibt es einmal im Jahr, den Frust beim Blick auf die Gehaltsabrechnung dagegen jeden Monat. Die Kluft zwischen Brutto und Netto ist groß, so groß, dass es schmerzt. So empfinde ich nicht allein. Alle meine Freunde und Bekannten stöhnen über die Steuerlast. Georg etwa klagt in diesem Zusammenhang gerne über die "kalte Progression" und den "Mittelstandsbauch" – Wörter, bei denen es selbst Unkundigen kalt den Rücken runterläuft.
+
Besonders schnelle Uhr
In Umfragen gibt die Mehrheit der Deutschen regelmäßig zu Protokoll, dass sie keine Steuersenkungen will und auch keine erwartet. "Wurden meine Freunde nicht gefragt?", habe ich mich zunächst gefragt – bis Georg mir die Dialektik der Steuerfrage erklärte: "Natürlich sind die Steuern zu hoch. Aber die Schulden des Staates sind es auch. Wenn die weiter wachsen wegen möglicher Steuersenkungen, trifft es am Ende des Tages wieder uns – durch höhere Steuern. Die kleine Steuersenkung von heute ist also die große Steuererhöhung von morgen."
+
Besonders lieber Reicher
Georg klang dabei fast wie ein Ökonom, dabei hat er Philosophie studiert, achtzehn Semester lang. So wie er denken anscheinend viele Deutsche, sonst würde die erklärte Steuersenkungspartei
FDP nicht so schlecht dastehen, mit zitternden Beinen vor der Fünf-Prozent-Hürde. Vielleicht ist es aber gar nicht der raffinierte Eigennutz à la Georg, der die Lust auf Steuersenkungen dämpft – sondern einfach das Gute im Menschen. Auf die Idee kam ich, als ich von den Millionären hörte, die
höhere Steuern für sich ganz okay fänden. Zu ihnen zählen der Versandhaus-Milliardär Michael Otto und der Präsident von Hannover 96, Martin Kind. Auch Alt-Rocker Marius Müller-Westernhagen findet es gut, wenn die Reichen, zu denen er zweifelsohne zählt, ein paar Prozentpunkte Steuern mehr zahlen – "wenn die Einnahmen konsequent zur Schuldentilgung genutzt werden", erklärte er der Wochenzeitschrift "Die Zeit".
Die Reichen stopfen die Schuldenlöcher in den öffentlichen Haushalten, was für eine hübsche Vorstellung. Doch Wirklichkeit wird sie nicht – aus zwei Gründen: Erstens weil von den richtig Reichen, die die "Zeit" befragt hat, gerade mal rund vier Prozent für höhere Steuern plädierten – was keine Zuversicht vermittelt, da muss man nur die FDP fragen. Und zweitens, weil viele Gutverdiener einfach zu viel Spaß daran haben, Rechnungen rauszusuchen, Belege zu sichten, Listen anzulegen, Kontoauszüge zu durchforsten.
Audio: Marius und Otto – find ich gut!
Der Ottoversand soll mal eher die Pakethauslieferer (Hermes) richtig bezahlen, bevor er sich mit profilierenden Steuermehrbezahlaktionen in Szene setzt. Reine Verarsche ist das doch!
60jähriger am 4.09.11 11:21
Ich möchte mich auch öffentlich äußern, gerne freiwillig Reichensteuer zahlen zu wollen, denn was meinen Sie was die Nachbarn staunen wenn sie das erfahren! Und ich könnte 'herabblicken' und mokant sagen: "Wie, Sie zahlen keine Reichensteuer und ich dachte Sie wären so erfolgreich!"
Ruhri am 4.09.11 11:34
Wenn alle über die Steuerlast stöhnen, so frage ich mich, warum die Steuer seit 1958 eine solche Entwicklung genommen hat?
Scheint ja psychologisch egal zu sein, ob 25-56% bezahlt werden müssen, oder 14-45%.
Wenn ich der WDR wäre, würde ich einen Beitrag machen über die Einstellung von verschiedenen Europäern zum Thema Steuern. Erstaunlich könnte dabei sein, dass die Skandinavier da ein ganz anderes Selbstverständnis haben...
kölsche jung am 4.09.11 11:49
Endlich auskömmliche Löhne und Arbeitsplätze für alle, nur so haben auch ALLE KINDER eine Chance. Politik und Kapital können sich hier frei an Allem bedienen, sprich Alles und Alle ausbeuten.
Anonym am 4.09.11 14:17
Die Zahl der Kommentare bringt es ans Licht, kein Mensch interessiert sich für diese PR-Gags der "Reichen".
Anonym am 5.09.11 14:54
Kommentieren
Sonntag, 28.08.2011
Nachsommer
+
Sommerurlaub?
Meinen diesjährigen Sommerurlaub habe ich im Juli an der Ostsee verbracht. Wobei der Begriff "Sommerurlaub" nur eingeschränkt stimmt, wenn ich an die Tage mit Dauerregen und Temperaturen um die 15 Grad zurückdenke. Dennoch war es eine sehr erholsame Zeit. Ich konnte jeden Tag ausschlafen, mir die stets frische Meeresbrise um die Nase wehen lassen und die sanft hügelige, weite Landschaft sowie die Ruhe und Beschaulichkeit des Landlebens genießen.
Mit der Beschaulichkeit war dann im Büro sofort wieder Schluss, allein die Zahl der Mails, die ich abarbeiten musste, war rekordverdächtig. Trotzdem konnte ich noch wochenlang meine im Urlaub gewonnene innere Ruhe bewahren. Sollte sich der Volkshochschulkurs zur Work-Life-Balance endlich ausgezahlt haben? Oder lag es einfach daran, dass die nervigsten Kollegen noch in Urlaub waren? (Das kann ich hier so locker schreiben, weil ich weiß, dass diese Kollegen meine Glossen nicht lesen).
+
Köln füllt sich wieder
Die Zeit der Nach-Urlaubs-Entspanntheit geht nun allmählich zu Ende, die meisten Sommerfrischler scheinen wieder daheim. Das habe ich kürzlich bei der Parkplatzsuche gemerkt. Vorbei ist die schöne Zeit, in der ich mir einen Stellplatz in meiner Straße aussuchen konnte. Erst kurvte ich eine halbe Stunde durchs Viertel, schließlich fand ich eine Parkmöglichkeit eine Viertelstunde Fußweg von meiner Wohnung entfernt. Straßenbahn fahren ist auch nicht viel besser. Dort werden die Menschen wieder so gequetscht wie Sardinen in der Dose, und manche riechen auch so. Auch die Kantine hat ihre spätsommerliche Leichtigkeit eingebüßt, mit italienischen Wochen und locker besetzten Tischen. Vor der Essensausgabe stehen nun wieder lange Schlangen, und oft riecht es bereits schwer und herbstlich nach Sauerkraut. Die Tische sind vollbesetzt, und an manchem sitzt, urlaubsgebräunt, ein nerviger Kollege.
+
Jenseits der Atmosphäre
Selbst auf den Partys herrscht wieder drangvolle Enge, wie kürzlich bei
Reginas Geburtstagsfeier. Erst gab es Drängelei am Buffet, danach um die wenigen Sitzgelegenheiten. Entnervt ging ich vor die Tür. Der Himmel über dem Niederrhein war zwar nicht so beeindruckend wie der über der Ostsee, aber doch von beruhigender Weite. Ein leuchtender Punkt zog rasch über den Himmel. "Das ist die internationale Raumstation ISS", klärte mich ein Gast auf, der zum Rauchen hinausgekommen war. "Sie ist schneller als jeder Stern und hat keine Positionsleuchten wie ein Flugzeug, daran ist sie zu erkennen." Eine Weile standen wir schweigend beieinander. "Wenn über den Wolken die Freiheit grenzenlos ist, wie muss sie erst jenseits der Atmosphäre sein?", versuchte ich es mit einer philosophischen Frage. "Keine Ahnung", sagte der Raucher hustend, "aber in der ISS möchte ich nicht hocken – ist bestimmt total eng, und wenn dann der Kollege nervt … Außerdem könnte ich die Ungewissheit nicht ertragen – nicht zu wissen, wann es wieder
zur Erde zurückgeht, nicht zu wissen, wann ich wieder rauchen könnte und nicht zu wissen, wie lange ich noch auf mein Lieblingsessen verzichten müsste - Sauerkraut."
Sonntag, 21.08.2011
Runder Geburtstag
+
Kaffee nicht vergessen!
Kürzlich feierte meine Patentante Gertrud Geburtstag, ihren achtzigsten. Es war ein schönes Fest im Saal ihrer Kirchengemeinde, mit leckerem Essen und "gepflegten Getränken", wie eine andere Tante nachher begeistert anmerkte, mit vom vielem Ouzo schwerer Zunge. Kinder, Nachbarn, Enkel und Freunde sorgten für ein reichhaltiges Unterhaltungsprogramm. Ein halbstündiger Sprechgesang, von Akkordeonmusik untermalt, fand sich darunter ebenso wie eine Ballade mit – gefühlt – achtzig Strophen, die das Leben der Jubilarin von der Geburt bis zur Gegenwart detailliert nachzeichnete. Im Bild konnte man Gertruds Leben später noch einmal nachvollziehen – ihr Sohn hatte eine Präsentation vorbereitet, die er mit einem Beamer an die weiße Stirnwand des Festsaals warf.
Etwas unruhig wurde es im Saal, als Hubert dort auftauchte. Der war zwar mal mit meiner Patentante liiert gewesen und hatte deshalb eigentlich ein gutes Recht, in ihrem Lebensbericht vermerkt zu sein. Allerdings endete die kurze Liebe desaströs: Hubert stahl meiner Tante nicht nur das Herz, sondern auch den zuvor geschenkten Schmuck und erhebliche Mengen an Bargeld. Seither war Hubert spurlos verschwunden, bis zu jenem virtuellen Auftritt im Pfarrsaal. Nach einer Schrecksekunde rief meine Tante "Den Doofmann wollte ich eigentlich nie wiedersehen", und die Festgäste lachten erleichtert.
+
Karaoke: vergessen!
Meine Freundin Regina will bald ihren runden Geburtstag feiern. Schon seit Monaten lässt sie gegenüber ihren Freunden keinen Zweifel daran, dass sie keine Lust auf längliche Lobreden hat. Auf ihrer "Geht-gar-nicht-Liste" stehen Bewegungs- und Quizspiele sowie Karaoke und Polonaise. Besonders wichtig ist ihr die richtige Bildauswahl für eine mögliche Präsentation. "Wehe, ihr zeigt auf meinem Fest die Fotos von der Klassenfahrt nach Griechenland", droht sie bei jeder Gelegenheit ihren Freunden. Von dieser Fahrt existieren zahllose langweilige Landschaftaufnahmen, auf denen abwechselnd sonnenverbrannte Felder, Olivenhaine und Felsstrände zu sehen sind. Allerdings gibt es auch ein paar interessantere Fotos. Darauf ist Regina zu sehen, und anzusehen ist ihr, dass es ihr gar nicht gut geht. Der Verursacher ihres Zustands ist meist mit im Bild – eine Ouzo-Flasche.
+
Hoffentlich vergessen
Geht es nach meinen Erfahrungen, kann Regina beruhigt sein. Vor meiner großen Geburtstagsparty vor zwei Jahren hatte ich mir auch viele Gedanken gemacht: Passen die Gäste zueinander? Werden sich alle amüsieren? Werden längst vergessene oder gern verdrängte Geschichten wieder aufgewärmt? Doch meine Bedenken waren überflüssig. Alle Gäste waren sehr nett zu mir. Einige hatten eine Art Dschungelprüfung für mich vorbereitet, zum Glück ohne Kakerlaken. Meine beste Freundin hielt eine liebevolle Rede, und im Bilderreigen durch mein bisheriges Leben fehlten die schlimmsten Ausrutscher. Es war ein sehr entspannter Abend für mich, das ist sogar auf den Fotos der Party zu sehen – genauso, wie auf fast jedem, eine Ouzo-Flasche.
Na, wenn ich das hier so lese, dann möchte ich gar nicht drüber nachdenken. Denn auch auf mich kommt dieses Jahr noch ein runder Geburstag zu. ;-) So weit wie Tante Gertrud bin ich noch nicht, also wird es wohl nicht ganz so schlimme werden. Warum kann man Familienfesten eigentlich selten aus dem Weg gehen? Vielleicht sollte ich mri einen Urlaub buchen?
Petra am 21.08.11 22:01
Kommentieren
Sonntag, 14.08.2011
Wo ist das Wetter?
+
Kühles Spitzbergen
Alles geht den Bach runter, und zwar täglich schneller. Das ist das Lebensgefühl vieler Menschen in diesen Wochen, vor allem derjenigen, die wetterfühlig sind oder ihre Ersparnisse in Aktien angelegt haben. Meine Kollegin Sabine beispielsweise, für die ein Sommertag bei 30 Grad anfängt, sieht mit Grausen ihrem ersten Deutschlandurlaub entgegen: "Da hätte ich ja gleich Spitzbergen buchen können!" Kollege Udo dagegen jammert täglich lauter über den Wertverlust seines Aktiendepots. In der Redaktion macht nur Doktor Gregor einen ausgeglichenen Eindruck. Im kommenden Jahr veröffentlicht er sein zweites Buch zur Apokalypse, vielleicht hofft er bei gleichbleibend miesen Nachrichten auf einen Bestseller.
+
Bevorzugtes Weltende
Ich werde mir sein Buch auf jeden Fall kaufen, vielleicht steht ja drin, woran die Welt letztlich zugrunde geht. Miese Szenarien gibt es genug – Klimakatastrophe, Atom-Super-GAU, Dritter Weltkrieg. Schöner wäre es natürlich, wenn am Ende der Tage ein Super-Meteorit das Leben auf unserer kleinen Erden-Welt auslöscht. Dann müsste sich kein Mensch quälende Gedanken machen, wenn er viel Fleisch gegessen hat oder oft mit dem Flugzeug gereist ist - und sich bang fragen, ob er selbst möglicherweise Auslöser der Klimakatastrophe war. Und er müsste nicht, wie beim nuklearen Knall, darüber sinnieren, ob er als Stromverbraucher für die ganze Atomwirtschaft mitverantwortlich war.
+
Alte Vertraute
Ist das Große und Ganze – Urlaubswetter, Finanzsystem, Überleben auf der Erde –gefährdet, wird Beständigkeit im Kleinen umso tröstlicher. Wenn sich Morgen für Morgen derselbe Mann neben mir in der Bahn setzt, dann ist das halt ein bisschen Halt in einer haltloser werdenden Welt und fast schon egal, wenn der Mann streng riecht. Wenn auch vieles den Bach runterzugehen droht, so ist auf ein paar Dinge doch Verlass: auf die Kaffeemaschine im Büro, die hüstelt und röchelt, als ob sie ihre letzte Tasse produziert; auf die Sekretärin, die lächelnd fragt, ob ich einen Zusatzdienst übernehmen kann; auf den Wirt in meiner Stammkneipe, der mir stets ungefragt einen Rotwein serviert, auch wenn ich lieber Weißwein trinke.
+
Umstrittenes Design
Innovation ist das Zauberwort des modernen Lebens - aber von den allermeisten nicht gewollt. "Der Mensch ist ein Gewohnheitstier", das wusste bereits meine Oma. Und das erklärt, warum viele Menschen ihrer Bank ein Leben lang die die Treue halten, oft länger als ihrem Partner. Und warum sie Stromanbieter und Krankenkasse so selten wechseln. Und warum sie seit Jahrzehnten die gleiche Zeitung lesen, auch wenn die immer dünner und teurer geworden ist. Und warum sie im Internet auf den immer gleichen Seiten surfen. Da kommt es einem Schock gleich, wenn sich das
Design der geliebten Website verändert. Das haben die User von WDR.de der Redaktion deutlich zu verstehen gegeben. Selten gab es so viele Kommentare und Mails wie zum Relaunch.
+
Angeblich Sommer
"Ich finde hier einfach nichts mehr", klagte ein User. "Es gibt immer noch arme Würstchen, die etwas nur deshalb gut finden, weil es neu ist", empört sich ein anderer. "Das sieht aber gar nicht gut aus, erinnert mehr an eine Pathologie - so steril", ätzt ein Dritter. "Wo ist das Wetter?", fragte verzweifelt eine Nutzerin per Mail. Ihr konnte geholfen werden: Die Wettervorhersage ist natürlich auf der neu gestalteten Seite prominent verlinkt. Auch im neuen Design ist es übrigens das altbekannte Wetter – zu kühl und nass für die Jahreszeit.
Überflüssiger Beitrag.
Josef am 14.08.11 10:41
Ich gehöre zu denjenigen, die lieber beim alten Design geblieben wären. Aber wahrscheinlich haben die beim WDR beschäftigten Web-Designer nichts zu tun. Deshalb die Änderung des Designs. Es gibt tatsächlich etwas, was unbedingt geändert werden sollte, und zwar: Die schlechte Politik der Bundesregierungen unter CDU, FDP, SPD und Grünen (Krieg in Afghanistan, Sparpolitik auf Kosten der Geringverdiener usw.).
Anonym am 14.08.11 12:02
95 % der Schreiber haben sich gegen dieses dusselige neue "Design" ausgesprochen. Was hats geändert? Ich frage mich nur, warum dann überhaupt das "Fußvolk" nach seiner Meinung gefragt wurde.....
Anonym am 14.08.11 17:29
Jau, aber mit der Rechtschreibung steht man wie immer auf Kriegsfuß oder kennt jemand ein GeBarden-Baby (s. anderen Bericht) ???
Aber Hauptsache neues "Design" - ich lach mich schlapp!
Anonym am 14.08.11 17:31
@ Josef: Somit bin ich in der Minderheit, denn ich gehöre zu denen, die das neue Design der WDR-Website gut finden. Es ist alles aufgeräumt, Topthema, Glosse, Kommentar, NRW, Nachrichten, Weltnachrichten - alles da, wo es aus meiner Sicht hingehört und vorallem nicht alles doppelt! Ich bin positiv überrascht! Ladezeit, Struktur und Usability, Informationsgehalt und inhaltliche Aufbereitung sehr gut umgesetzt! Einziger Wermutstropfen: Noch kein durchgehendes Design/ Corporate Identity für z.B. die einzelnen Spartenprogramme oder Unterkategorien. Aber ich bin sicher, der WDR wird auch dies bald umsetzen. Insofern - nix zu Meckern! Wer Rechtschreibfehler findet, darf sie gerne behalten!
Dietmar Kuchen-Windmüller am 14.08.11 23:12
Erstaunlich. Da meckert Anonym gestern um 17:31 über die dt. Rechtschreibung kann es selbst nicht besser. Das Wort Jau gibt es nicht. Und ein Leerzeichen am Satzende nennt man Plenken. Wobei ein Fragezeichen auch gereicht hätte. Also, schön den Ball flach halten. Fehler sind menschlich.
Das Wetter gefällt mir natürlich nicht, viel zu kalt und nass, aber das neue Design finde ich schick, da schließe ich mich der Meinung von Dietmar gern an. Es steht ja jedem frei sich anderswo zu informieren, wenn es hier nicht mehr gefällt. Ich behaupte einfach, dass die meisten User denen es nicht gefällt, einfach zu faul sind sich umzustellen und/oder mal etwas anderes auszuprobieren.
Petra am 15.08.11 8:41
Das neue Portal des WDR's ist zur Mogelpackung verkommen wie von der Lebensmittelindustrie:
Viel Luft mit weniger Inhalt!
Schwadralla am 17.08.11 7:44
Das neue Portal des WDR's ist zur Mogelpackung verkommen wie von der Lebensmittelindustrie:
Viel Luft mit weniger Inhalt!
Schwadralla am 17.08.11 7:45
Das neue Portal des WDR's ist zur Mogelpackung verkommen wie von der Lebensmittelindustrie:
Viel Luft mit weniger Inhalt!
Schwadralla am 17.08.11 7:48
Das neue Portal des WDR's ist zur Mogelpackung verkommen wie von der Lebensmittelindustrie:
Viel Luft mit weniger Inhalt!
Schwadralla am 17.08.11 7:53
Kommentieren
Sonntag, 17.07.2011
Beim Zahnarzt
+
Heute
Mein erster Zahnarzt war ein netter, älterer Herr, etwas rundlich, ein Mann, wie man ihn sich als Opa wünscht. Seine Freundlichkeit kam aber nicht an gegen den penetranten Geruch nach Desinfektionsmitteln und das hochfrequente Sirren des Bohrers, die mir von Beginn an den Besuch beim Zahnarzt verleideten. Später war ich bei einem Dentisten in Behandlung, der vor jeder Behandlung sagte: "Machen Sie es sich schon mal auf dem Stuhl bequem!" Diese Art von Humor war gepaart mit seiner Abneigung gegen Betäubungen - "es tut bestimmt nicht weh!" - und der Angewohnheit, ohne jede Pause, etwa zum Ausspülen, durch zu behandeln. Dabei zog er über die Gesundheitspolitik her, die ihn langsam, aber sicher in den Ruin treibe. Kommentieren konnte ich das nicht, ich musste ja den Mund weit aufgesperrt halten.
+
Früher
Meinen aktuellen Zahnarzt habe ich bei Freunden kennengelernt, wir duzen uns, und eine Betäubung bekomme ich nun, wann immer ich will. Kürzlich hatte ich einen Termin bei ihm, wegen einer Wurzelbehandlung. Doch leider entdeckte er einen Längsriss in dem zu behandelnden Zahn. Das ersparte mir die Wurzelbehandlung, kostete mich aber den Zahn - durch Extraktion, wie es in der Zahnarzt-Sprache heißt. Trotz Betäubung war die Prozedur nervlich herausfordernd. Ich beruhigte mich mit Gedanken an vergangene, viel schlimmere Zeiten: an meinen politisierenden Dauerbehandler von früher, an die Zahnbrecher des Mittelalters, die auf Jahrmärkten ihrem blutigen Gewerbe nachgingen, und an das bedauernswerte Schicksal der Apollonia. Die fromme, nicht mehr ganz junge Jungfrau lebte in Alexandria. Mitte des dritten Jahrhunderts kam es dort zu einer Christenverfolgung, wobei der Armen sämtliche Zähne ausgeschlagen wurden. Nach den Zähnen verlor sie auch ihr Leben, was ihr wenigstens den Rang einer Heiligen einbrachte.
+
Raubtier mit kleinen Zähnen
Ich hatte nur einen einzigen Zahn verloren, und das bei komfortabler Betäubung. Dieser Gedanke tröstete mich auf dem Heimweg vom Zahnarzt, mit dicker Backe in der Straßenbahn. Bei meiner Zeitungslektüre in der Bahn stieß ich auf die Meldung über einen
sensationellen Zahnfund bei Balve. Dort im Märkischen Kreis hatten Archäologen etwas entdeckt, was sich jetzt als Zahn eines Dromaeosaurus herausstellte, eines gefährlichen Raubsauriers. Der Zahn ist allerdings eher ein Zähnchen, gerade mal 1,3 Zentimeter groß, da kann sogar mein Exemplar locker mithalten. Ein anderes Kaliber sind da natürlich Haifischzähne, denen Bert Brecht in der "Moritat von Mackie Messer" ein Denkmal gesetzt hat, haltbarer als jedes Implantat: "Der Haifisch, der hat Zähne, und die trägt er im Gesicht", heißt es im Auftakt der Dreigroschenoper. Was Brecht verschweigt: Auch Haifische verlieren schon mal Zähne, die dann auf dem Meeresgrund landen oder an dünnen Kettchen in den tiefgebräunten Dekolletes mehr oder weniger schöner Frauen.
+
Nix für die Kette
Ich werde mir den extrahierten Zahn, den mir mein Arzt mitgegeben hat, nicht an die Kette legen. Vielleicht entsorge ich ihn einfach, wobei noch die Frage zu klären ist, ob in der Rest- oder der Biomülltonne. Bald bekomme ich hoffentlich Ersatz für den Zahn, wobei noch die Frage zu klären ist, ob Implantat oder Brücke, was wiederum mit Fragen nach Kosten, Kostenerstattung, Heilplänen etc. verbunden ist. Das Leben des Dromaeosaurus stelle ich mir definitiv einfacher vor als das eines Kassenpatienten. Denn seine Zähne erneuerten sich in regelmäßigen Abständen - ganz ohne Zahnarzt.
Sonntag, 26.06.2011
Einladung an alle
+
Eingeladene
Mein achter Geburtstag war der erste, den ich in größerer Runde feierte. Tagelang quälte mich die Frage, wer zu den auserwählten zehn Gästen gehören sollte – so viele hatten meine Eltern erlaubt. Sabine, meine Nachbarin, war ebenso gesetzt wie mein bester Freund Rainer und mein zweitbester Freund Christoph. Dann wurde es aber schon schwierig. Karoline konnte ich nicht ohne Nina einladen. Allerdings verstand die sich nicht mit Freddy, den ich gerne dabei gehabt hätte, wäre da nicht der Knatsch zwischen ihm und Rainer gewesen. Schließlich hatte ich zehn Kinder ausgewählt, von denen an meinem Geburtstag nur acht kamen. Das war aber nicht schlimm, beim Schokoladenessen und Würstchen-Schnappen sogar von Vorteil.
Derzeit häufen sich in meinem Freundes- und Bekanntenkreis die runden Geburtstage. Die Einladungsfrage scheint dabei genauso so schwierig wie früher. Rainer etwa überlegte, ob er es seiner neuen Freundin zumuten könne, auf seinem Fest vier ihrer unmittelbaren Vorgängerinnen kennen zu lernen. Er entschied sich dagegen. Dafür entschieden sich allerdings einige seiner Gäste, die Feier mit einer Power-Point-Präsentation und selbstgeschmiedeten Versen zu bereichern. In beiden Darbietungen ging es dabei nur um ein Thema – Rainer und seine Frauen, aber in beiden fehlte Rainers neue Freundin. Am Tag nach dem Fest war Rainer wieder solo.
+
Versehentlich Eingeladene
Gäste können zum Problem werden, vor allem, wenn sie sich selber einladen. In diese Kategorie fiel mein Mitschüler Fred, der mich früher regelmäßig heimsuchte. Nach seinen unangekündigten Besuchen waren die Biervorräte deutlich geschrumpft, zum Leidwesen meines Vaters. Die Leckereien aus dem Kühlschrank waren meist ganz weg, zum Leidwesen meiner Mutter. Wie viel größer muss das Entsetzen der Erziehungsberechtigten von Thessa gewesen sein, die vor kurzem via Facebook irrtümlich öffentlich zu ihrer
Geburtstagsparty einlud – und 1.800 Gäste kamen in die kleine Straße im Hamburger Stadtteil Bramfeld. Sie hinterließen eine verschreckte Thessa, viel Müll und verärgerte Nachbarn.
+
Regierung der Einladung
Von einer solchen Resonanz auf eine Einladung kann man in Düsseldorf nur träumen. Dort regiert seit einem knappen Jahr eine
"Koalition der Einladung", wie sich Rot-Grün selber nennt. Das hört sich sehr einladend ein, hat aber vor allem damit zu tun, dass die rot-grüne Minderheitsregierung auf Gäste dringend angewiesen ist, beziehungsweise auf deren Stimmen. Doch die Einladungen werden, anders als die von Thessa, oft nicht angenommen, wie damals bei meinem achten: Wenn A eingeladen wird, will B partout nicht kommen. Im aktuellen Fall hatte die CDU
keine Lust auf Gespräche zu einem Schulkonsens, weil auch die Linkspartei eingeladen war, für CDU-Fraktionschef Karl-Josef Laumann schlicht "die Kommunisten". Jetzt hat die Landesregierung sogar ein
"Einladungsgesetz" präsentiert: ein Programm zum Klimaschutz. Bei den geplanten Anhörungen sollte Umweltminister Remmel auf ein ordentliches Catering achten – es müssen ja nicht gleich Würstchen und Schokolade sein.
Sonntag, 12.06.2011
Geist und Glühbirne
Wie sieht ein meditierender Buddha aus? Mit dieser Frage wurde ich einmal in der Grundschule konfrontiert, im Religionsunterricht. Ich überlegte nicht lange und brachte einen dicken Mann im Schneidersitz aufs Papier. Über seinen Kopf malte ich eine Glühbirne.
+
Der Erleuchtete
Mein Religionslehrer, ein aufgeschlossener katholischer Kaplan, war von meinem Bild begeistert. Intuitiv hätte ich etwas Verbindendes aller Weltreligionen gemalt, schwärmte er – die Erleuchtung. Und das in einer zeitgemäßen Umsetzung! Die Idee mit der Glühbirne hatte ich allerdings nicht beim Lesen der biblischen Pfingstgeschichte, wie er vermutete, sondern aus meinen Micky-Maus-Heftchen. Darin erschien ebenfalls über manchem, der eine tolle Idee hatte, eine Glühbirne.
+
Die Erleuchtende
Diese Symbolik wird bald ausgedient haben, denn in wenigen Jahren wird keiner mehr Glühbirnen kennen. Die EU will es so. Noch ein paar Jahre darf sie hierzulande ihr warmes Licht verbreiten, dann wird sie endgültig ersetzt durch die Energiesparleuchte. Die wiederum kann ich mir schlecht als Zeichen für einen Geistesblitz vorstellen, dafür dauert es nach dem Einschalten einfach zu lange, bis sie ihre volle Leuchtkraft entfaltet. Skeptiker wie mein Freund Georg sehen den Siegeszug der Energiesparleuchte gar als Menetekel. „Erst verschwindet die Glühbirne, dann verlöscht das Lebenslicht der Europäischen Union“, prophezeit er düster.
+
Der Unerleuchtete
Um die EU scheint es derzeit wirklich nicht gut bestellt. Die Angst vor einer Pleite von Griechenland oder Portugal wächst, und vom europäischen Geist der Gründerväter ist längst nichts mehr zu spüren. Begeisterung für Europa? Fehlanzeige. Stattdessen sind jede Menge politische Geisterfahrer unterwegs. Der eine will wieder Grenzkontrollen innerhalb der Union einführen, ein anderer nimmt es mit der Meinungsfreiheit nicht so genau und ein dritter konzentriert seine Energie auf junge Frauen statt auf die Regierungsgeschäfte. Europa bräuchte dringend ein neues Pfingstwunder, da wird mir bestimmt auch der Papst zustimmen, mit viel frischem Geist von oben.
+
Der zu Erleuchtende
An Pfingsten, so erzählt es die Bibel, wurden die Jünger Jesu vom Heiligen Geist erfüllt und konnten plötzlich fremde Sprachen sprechen und verstehen. Auf ein vergleichbares Ereignis habe ich zu Schulzeiten oft gewartet, leider stets vergeblich, vor allem im Griechisch-Unterricht. Deshalb musste ich einen mühevollen, gar nicht so wundervollen Weg des Spracherwerbs nehmen: Vokabeln pauken und Grammatik lernen. Das kann ich den Europa-Politikern nur empfehlen, beispielsweise dem EU-Kommissar Günther Oettinger. Zu wahrer Erleuchtung wird es der Herr der AKW-Stresstests dadurch wahrscheinlich nicht bringen, aber vielleicht zu einem passablen Englisch. Erleuchtung wird man sowieso kaum in der Politik finden, nicht in Brüssel und nicht in Berlin, davon bin ich überzeugt. Sondern eher bei dicken Männern im Schneidersitz.
Selten war direkte Korruption so deutlich, wei bei der Abschaffung der matten Glühbirnen. Bis hin zum kleinen Tante-Emma-Laden ziehen gehorsamst alle am selben Strang. Obwohl die matten Glühbirnen noch längst nicht vom Markt verschwinden müssten, kann man sie schon seit 2010 nirgendwo mehr kaufen. Niemand macht sich die Mühe, einmal die tatsächliche EU-"Verordnung" zu lesen.
Anonym am 13.06.11 20:21
Kommentieren
Sonntag, 05.06.2011
Laurentius, hilf!
+
Grill mit Würstchen
"Wir schmeißen heute Abend ein paar Würste auf den Grill, magst du nicht vorbeikommen?" So oder ähnlich lautet in diesen Wochen manch spontane Einladung. Da ich selbst weder über Garten oder Balkon noch Grill verfüge, freue ich mich jedes Mal. Was kann es Schöneres geben, als an lauen Abenden bei Bratwurst, Kotelett und Kartoffelsalat über die vergangene Bundesliga-Saison zu fachsimpeln, Urlaubspläne zu schmieden oder ultimative
Grill-Tricks auszutauschen? Manchmal wird das Plaudern am Rost natürlich auch politisch.
+
Experte mit Fliege
Zu Beginn der Grillsaison war die FDP ein gern gewähltes Thema. Das ist inzwischen durch, und zwar so wie ein auf dem Rost vergessenes Steak. Schwarzenegger gehört, ebenso wie
"DSK" und Jörg Kachelmann, zu den Dauerbrennern auf den Grillpartys, aber natürlich wegen seiner Frauengeschichten und nicht wegen seiner Politik als Gouverneur von Kalifornien. Das alles dominierende innenpolitische Thema ist momentan der Atom-Ausstieg, wobei die SPD dabei so gut wie nie vorkommt, quasi durch den Rost fällt. Das sollte den Genossinnen und Genossen zu denken geben. Karl Lauterbach, der SPD-Experte für Medizin und Fliegen, hatte im Wahlkampf vor zwei Jahren versucht, den Deutschen gesundes Grillen beizubringen, mit viel Gemüse und schützender Alufolie. Doch er hat erfahren müssen: Am Grill geht es in erster Linie um die Wurst.
+
Kuh mit Kuhhaut
Und die Gemüse-Griller geraten auch heute in die Defensive, Stichwort EHEC. Grill-Tomaten sind derzeit etwa so beliebt wie Grill-Tipps von Karl Lauterbach. Doktor Gregors Freundin Elke glaubt, dass die Fleischindustrie hinter der EHEC-Krise steckt. "Gerade jetzt, wo es überall frisches Gemüse aus der eigenen Region gibt, will uns der tierisch-industrielle Komplex den gesunden Genuss vermiesen", sagt sie. "Es ist doch so", fügt sie triumphierend hinzu: "Woher kommt der EHEC-Keim? Aus der Kuh!"
Elkes Theorie passt auf keine Kuhhaut, geht es mir durch den Kopf. Und dass es die Menschen früher einfacher hatten: Die haben zum heiligen Laurentius gebetet, der auf einem Rost endete und sinnigerweise Schutzpatron der Köche ist. Dann konnten sie mit Appetit verspeisen, was die Köche ihnen servierten. Das ging meistens gut, und wenn es nicht gut ging, war der Teufel schuld, eine zwielichtige Figur mit Pferdefuß und einem Körpergeruch, der stark an Schwefel erinnert. Kein Mensch kannte
O104:H4, H1N1, H5N1 oder wie unsere Quälgeister heute auch immer heißen. Vor Nostalgie muss ich aber warnen: Frauen wie Elke sind in den guten alten Zeiten schon mal auf dem Scheiterhaufen gelandet.
Der Keim kommt aus der Kuh, mag sein. Was hinten aus der Kuh kommt wird als Dünger, Kunstdünger ist ja verpönt, auf die Felder gegeben, auf denen das frische Gemüse aus der Region kommt. Wenn das alles so stimmt, müssen wir aufhören zu essen. Ob wir dann länger leben als mit dem EHEC-Keim? Ich möchte den Versuch nicht machen.
Hans G. am 5.06.11 14:48