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Stephan Josef
Als ich ganz jung war, trötete
Benjamin Blümchen noch nicht durchs Kinderzimmer. Auch die
Teletubbies bevölkerten nicht Fernsehschirm und frühkindliches Bewusstsein. Stattdessen bekam ich, um besser einzuschlafen, Märchen zu hören. Fasziniert war ich besonders von Rotkäppchen, allerdings weniger von dem naiven jungen Ding, das dem Märchen den Namen gibt. Interessanter fand ich in der Geschichte den Wolf und sein Schicksal. Das endet bekanntermaßen im Brunnen. Beschwert von Wackersteinen, die ihm ein herzloser Jäger in den Bauch genäht hat, muss der Isegrimm jämmerlich ersaufen.
Die Geschichte lässt viele Fragen offen. Warum hat der Wolf Rotkäppchen nicht bereits bei der ersten Begegnung gefressen? Warum die aufwändige Maskerade als Großmutter? Wie konnte Rotkäppchen im Bauch des Tieres überleben, und das gänzlich unzerkaut und unverdaut? Und warum erschießt der Jäger nicht einfach den Wolf, nachdem er das Rotkäppchen in einer Operation aus seinem Bauch befreit hat? Über solche Fragen sinnierend, glitt ich in unruhigen Schlaf, oft von Träumen begleitet, in denen der wilde Vierbeiner eine zentrale Rolle spielte.
Meine Kindheit verging, die Faszination durch den Wolf blieb. Im Lateinunterricht erfuhr ich, dass am Anfang des mächtigen römischen Reiches ein Wolf stand, genauer eine Wölfin. Hier lernte ich auch den Spruch "homo homini lupus", also dass der Mensch dem Menschen ein Wolf sei. Das ließ mich wieder neu über das Rotkäppchen-Märchen rätseln. Welche Beziehung hatte der Jäger zur Großmutter? Und wie war eigentlich das Verhältnis von Rotkäppchen zu seiner Mutter? Als ich einmal zu sehr ins Grübeln geriet, holte mich der Lateinlehrer mit der Aufforderung, den nächsten Abschnitt zu übersetzen, in die Wirklichkeit zurück. Ich schwöre, dass er dabei wölfisch gelächelt hat.
Verleidet wurde mir der Wolf dadurch nicht. Zahllose Dokumentarfilme mit dem hochbeinigen Raubtier habe ich mir angeschaut, dazu natürlich jede Menge fiktiver Stoffe, von
"Wolfsziegel" bis zum
"Werwolf von Washington", der eine hübsche Pointe hat. Als der amerikanische Präsident die Erklärung abgibt, dass man die Werwölfe endgültig besiegt habe, verwandelt er sich selbst in einen. Aber was sind schon Film und Fernsehen gegen der Wirklichkeit? Eine Haarprobe hat ans Licht gebracht, dass ein freilebender
Wolf in NRW unterwegs war oder sogar noch ist. Das hat - wirklich! - Frau Wolff vom Regionalforstamt Hochstift bekannt gegeben. Diese Nachricht verspricht ein neues Prickeln beim Waldspaziergang. Nun hoffe ich inständig, dass der flugs ernannte Wolfsbeauftragte des Landes ganze Arbeit leistet und sich gegen die Landwirte durchsetzt. Vor allem muss er dafür sorgen, dass sich Ingo Wolf nicht für den Wolf zuständig erklärt. Denn dem NRW-Sicherheitsminister werden starke Sympathien für die Jäger nachgesagt.
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Zum SeitenanfangAuf das moderne Leben hat mich die Schule unter anderem mit Latein- und Griechisch-Unterricht vorbereitet. Das haben meine Freunde, die lieber Französisch oder Italienisch lernten, oft belächelt. Das Lächeln dürfte ihnen allerdings in diesen Tagen vergehen. Denn nun zahlt es sich aus, dass ich mich jahrelang mit staubigen Texten und längst vergangenen Epochen beschäftigen musste. Wie schon ein weiser Mann wusste: Es gibt nichts Neues unter der Sonne. Mit den alten Griechen und Römern lässt sich manches erklären, was Jahrtausende später hierzulande geschieht.
Außenminister Westerwelle hat das erkannt und vor
spätrömischen Zuständen im deutschen Sozialstaat gewarnt. Besser hätte er aber einige Jahrhunderte weiter zurückgeblickt und sich mit einer antiken Dreierkoalition beschäftigt: Das Bündnis von Crassus, Pompeius und Cäsar ist als
Triumvirat in die Geschichte eingegangen und wollte sich das römische Reich untertan machen. Crassus hatte das Geld, Pompeius die Soldaten und Cäsar den politischen Instinkt. Die Voraussetzungen dieser Koalition waren somit noch deutlich besser als die von Westerwelle, Seehofer und Merkel – und sie scheiterte trotzdem, am Eigensinn der Akteure.
Das Beispiel lehrt, sich seine Partner sehr genau anzuschauen, bevor man mit ihnen ein Bündnis eingeht. Diese simple Erkenntnis wird aber immer wieder vergessen. Die erste deutsche Neuauflage des Triumvirats mit Scharping, Lafontaine und Schröder, als
Troika in die Geschichte der Sozialdemokratie eingegangen, war zu Ende, kaum dass die entsprechenden Werbeplakate abgehängt waren. Und das aktuelle Berliner Bündnis wird dem staunenden Publikum als Liebeshochzeit verkauft, wo doch allzu offensichtlich ist, dass im Vergleich selbst die vorherige Zweckehe zwischen Union und SPD wie der reinste Honeymoon erscheint. Zwischen Angela, Guido und Horst dagegen
fliegen die Fetzen.
Vielleicht hilft in dieser Situation die Feindesliebe, zu der uns das Christentum auffordert. Vorbildlich praktiziert diese der Arbeitskreis Kölner Archivarinnen und Archivare (AKA). Er feiert diese Woche den Tag der Archive, und er tut das gemeinsam mit den Kölner Verkehrsbetrieben. Vorgestellt wird unter anderem eine neu gestaltete
"Archiv-Bahn", die "auch über den Tag der Archive hinaus auf die Vielfalt und den Wert der Kölner Archive in der Öffentlichkeit hinweisen wird". Dass im vergangenen Jahr das wichtigste Kölner Archiv in eine U-Bahn-Baugrube der KVB stürzte, wird in der Mitteilung nicht erwähnt. Hier wird eben nicht kleinlich nachgehakt und aufgerechnet wie in der Politik. Vielleicht liegt das ja daran, dass Menschen, die mit alten staubigen Texten umgehen, gelassener auf die Zeitläufte blicken. Es gibt eben nichts Neues unter der Sonne, und die Zerstörung von heute ist das Kulturgut von morgen.
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Zum SeitenanfangIn diesen kalten Tagen wächst die Sehnsucht nach allem, was Herz und Glieder wärmt. Vor allem dem Rheinländer bietet der Kalender dazu gleich zwei Möglichkeiten: den Karneval und den Valentinstag. Im Karneval kann man und frau sich warm schunkeln, mit Hilfe von reichlich Alkohol für innere Wärme sorgen und durch zwanglose Annäherung ans andere oder - je nach Neigung - eigene Geschlecht für heiße Momente sorgen. Der Valentinstag dagegen ist sozusagen eine Aufwärmstube für Beziehungen, selbst erkaltete: Wichtige Zutaten sind hierfür Blumensträuße, liebevoll gedeckte Frühstückstafeln oder Überraschungsreisen, am besten in karnevalsfreie Regionen.
Denn das närrische Treiben ist von jeher eng mit dem hemmungslosen Flirt bis hin zum Fremdgehen verbunden, weshalb etwa Frank Plasberg das Thema Treue am Tag vor Weiberfastnacht
hart aber fair diskutieren ließ. Dabei ist das karnevalistische Leben bei näherem Hinsehen durchaus vielschichtig: Während die einen den
treuen Husaren besingen, fühlen sich andere eher der Weisheit verpflichtet, dass am Aschermittwoch alles vorbei ist: "Die Schwüre von Treue, sie brechen entzwei." In Köln warnt das Historienspiel von
"Jan und Griet" zum Karnevalsauftakt davor, sich berechnend der Liebe zu nähern. Das Spiel erinnert an den armen Bauernjungen "Jan von Werth". Jan verliebt sich in Griet und macht ihr einen Heiratsantrag, den sie ablehnt. Als Jan zum Reitergeneral aufsteigt und Jahre später Griet wiedertrifft, ist der Katzenjammer bei ihr natürlich groß.
Auf den ersten Blick netter ist die Legende vom
heiligen Valentin, angeblich Bischof im italienischen Terni, einem Städtchen nordöstlich von Rom, im dritten nachchristlichen Jahrhundert. Der fromme Mann soll Paare und Verliebte immer mal wieder mit Blumengeschenken aus seinem bischöflichen Garten überrascht haben, wofür ihm heute noch alle Floristen dankbar sind. Allerdings nahm Valentins Geschichte ein schlimme Ende: Weil er nicht nur Blumen verteilte, sondern auch zum Boykott des Kriegsdienstes aufgerufen haben soll, ließ ihn der römische Kaiser töten. Gottlob ist die Kriegsdienstverweigerung inzwischen ungefährlicher geworden, wie auch die Krieger, zumindest als Husaren im Karneval.
Gefährlich bleibt aber der Karneval für Paare, weil eben nicht nur treue Husaren Zugweg und Kneipen bevölkern. Mein Freund Heinz hat das Problem pragmatisch gelöst. Vor einigen Jahren hat er im Karneval seine jetzige Freundin kennen gelernt und kurz darauf seine Frau verlassen. Seither feiert er nicht mehr Karneval. Mit seiner neuen Freundin fährt er vorsichtshalber weg. Nur in diesem Jahr bleiben die beiden zuhause und verbringen den Valentinstag im Krefelder Zoo, um bei einer romantischen Führung, wie der Tiergarten verspricht, "schmusende Schneeleoparden" und "kuschelnde Kängurus" zu beobachten. Doch auch Karneval feiernde Paare können hoffen, dass ihre Beziehung nicht in Scherben endet. Köln hat nämlich ein
Glas- und Flaschenverbot in den Frohsinns-Zentren erlassen.
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Zum SeitenanfangNach einem Spätdienst in der Redaktion würde ich gerne am folgenden Tag etwas länger schlafen. Meistens bleibt mein Wunsch aber unerfüllt. Das liegt daran, dass oft in aller Frühe der Müllmann Sturm klingelt und mich unsanft aus dem Schlaf holt. Montags holt er die Papiertonne aus dem Hof, dienstags die gelbe Tonne mit dem Grüne-Punkt-Müll und mittwochs die grauen Behälter mit dem Restmüll. Vielleicht träume ich deshalb manchmal, dass ich in einem Gerichtssaal sitze und eine Klage gegen die Abfallwirtschaftsbetriebe der Stadt Köln vorbringe. In dem wiederkehrenden Traum sitzen mir gegenüber auf der Anklagebank feixende Ratspolitiker in den Overalls der Stadtreinigung. Kurz bevor das Gericht sein Urteil sprechen kann, ist der Traum jedes Mal zu Ende. Weil der Müllmann klingelt.
Im Wachzustand bin ich natürlich dankbar dafür, dass der Müllmann zuverlässig die vollen Abfalltonnen des Mietshauses, in dem ich wohne, vom Hof auf die Straße bugsiert, sie dort in den Müllwagen entleert und sie wieder im Hof abstellt, aufnahmebereit für neuen Müll. Und natürlich bin ich auch ein glühender Verfechter der Mülltrennung, ein wenig hat die Ökologiebewegung schließlich auch mich bewegt. Gewissenhaft habe ich mich mit den Fragen beschäftigt, wohin der Grünschnitt unseres kümmerlichen Rasens gehört, wo Batterien zu entsorgen sind und in welche Tonne der Plastikmüll zu stopfen ist.
In unserem Haus hat die Mülltrennung leider für eine Störung des ansonsten harmonischen Miteinanders gesorgt. Manfred aus dem Erdgeschoss isst gerne und oft Döner, was selbst im Hausflur gut zu riechen ist. Seit Jahresbeginn quält er sich mit einer Diät – nach der Methode "FdH": Manni isst seinen täglichen Döner also nur zur Hälfte auf, der Rest landet im Biomüll. Das sorgte bei Silke aus dem Dachgeschoss vor kurzem für einen Schock, als sie den Deckel der Biotonne öffnete. Erst umhüllte sie eine Knoblauchwolke, und dann entdeckte Silke Mannis Döner-Hinterlassenschaften, neu belebt von fetten weißen Maden. "Fleisch gehört nicht in die Biotonne", kreischte Silke, deutlich hörbar bis in meine Wohnung im dritten Obergeschoss.
Axel aus dem ersten Stock ist Finanzbeamter, ein ruhiger Typ und ein Mann mit Prinzipien. Vor zwei Wochen wurde ich Zeuge, wie er fast ausflippte. Axel wollte einen gelben Sack mit seinen Plastikabfällen in die Gelbe Tonne stopfen. Die war aber schon voll, offensichtlich mit Kunststoff-Abfällen von Silke. "Kann denn keiner hier ordentlich seinen Müll entsorgen", zeterte Axel über den Hof. Er hatte entdeckt, dass Silkes Plastikmüll der grüne Punkt fehlte und nach der ortsüblichen Müll-Logik in die Restmüll-Tonne gehörte. Seither ist Silke eingeschnappt und hat aus Trotz damit begonnen, auch die Windeln ihres Kindes in die Gelbe Tonne zu stopfen.
Die angespannte Atmosphäre im Haus, da bin ich mir sicher, wird sich aber schon bald wieder entspannen. Manni wird seine Diät nicht mehr lange durchhalten und seine Döner wieder vollständig vertilgen. Silkes Kleiner wird aus den Windeln rauswachsen. Die
Abfallbranche plant, die Entsorgung von Plastikmüll ohne Grünen Punkt in der Gelben Tonne zuzulassen. Und ich werde mir Ohrenstöpsel kaufen. Aber wo entsorge ich die später bloß?
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Zum SeitenanfangIn der elften Klasse stand das erste Mal Philosophie auf meinem Stundenplan. Das traf sich gut, weil ich mich, durch die Pubertät bedingt, sowieso fortwährend mit grundlegenden, mitunter philosophischen Fragen beschäftigte: Wer bin ich? Warum bin ich anders als die Anderen? Was hat Hermann, das ich nicht habe? Warum interessiert sich Claudia für Hermann und nicht für mich? Hat das Leben trotz allem einen Sinn, und wenn ja, welchen?
Befriedigende Antworten bekam ich allerdings kaum, weder von mir selbst, von meinen Freunden noch im Philosophieunterricht. Dort war das beherrschende Thema Anthropologie, also der Mensch im Allgemeinen und Grundsätzlichen. Der ist noch unfertig, wenn er auf die Welt kommt, und sowieso ein "Mängelwesen", lernte ich. Eine nicht gerade aufbauende Erkenntnis, wenn man sich mit Selbstzweifeln herumschlägt. Tröstlich war allerdings, dass dieses Etikett nicht nur auf mich zutraf, sondern in gleicher Weise auf Hermann.
Zum Ausgleich seiner Mängel, so dozierte der Philosophielehrer, sei der Mensch auf andere Menschen angewiesen und habe zudem Werkzeuge und Maschinen erfunden. Der Keil war sozusagen die erste Applikation für unsere steinzeitlichen Vorfahren, die auf der Suche nach Beute durch den Wald streiften. Heutzutage laufen wir mit dem Smartphone durch die Gegend und lassen uns von ihm anzeigen, wo die nächste Dönerbude ist oder ob das Museum um die Ecke noch geöffnet hat. Mini-Programme, so genannte Apps, machen aus dem Mängel-Instrument Handy einen Tausendsassa. Mehr als 100.000 Apps wurden inzwischen allein für den Marktführer entwickelt.
Für Schüler gibt's eine Stundenplan-App, für Musikfreunde die "Pandora"-App, für Schützenbrüder die App
"Bullet Flight", das beim Zielen hilft. Weitere Apps sind angeblich in der Entwicklung, wenn nicht schon auf dem (Schwarz-)Markt: "Exit" soll Knastinsassen einen Einblick in die Dienstpläne der JVAs ermöglichen und Ausbruchspläne optimieren. "Watch" soll Politikern signalisieren, wenn ihre Reden mitgeschnitten werden. Doch das Verrückte am modernen Leben ist, dass es gleichzeitig immer einfacher und immer komplizierter wird. Es gibt inzwischen so viele kleine hilfreiche Programme, dass ich schon wieder den Überblick verloren habe. Aber vielleicht gibt es ja bald eine Apps-Überblick-App, und mit ihrer Hilfe werde ich voller Hoffnung nach der ultimativen App für mich suchen – der Glossen-App.
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Zum Seitenanfang"Jedem Anfang wohnt ein Zauberer inne", behauptete einmal mein früherer Chef. Das hat bei meinen literarisch gebildeten Kollegen damals für Heiterkeit gesorgt. Denn offensichtlich wollte unser Chef den guten alten Hermann Hesse zitieren, hatte aber aus dem richtigen "Zauber" einen falschen "Zauberer" gemacht. Auch ich hatte damals meinen Spaß, denn was gibt es Amüsanteres als Fehler von Vorgesetzten? Inzwischen schwant mir jedoch, dass in dem verhunzten Zitat eine tiefere Wahrheit verborgen liegt. Denn mancher Anfang, den ich seither erlebt habe, war alles andere als zauberhaft, eher so, als hätte ein Zauberlehrling daran herumgestümpert - oder gar eine missgünstige Hexe, so eine mit behaarter Warze.
Gerade zum Jahreswechsel versuchen wir uns gerne selbst als Zauberer, tüfteln bis zuletzt an einem gelungenen Rutsch in den neuen Zeitabschnitt. Deshalb gehört die Frage "Was machst Du denn so an Silvester?" zu den Klassikern im Dezember. Auf die Frage gibt es in der Regel nur ausweichende Antworten. Moni etwa konnte sich vorstellen, mit ihrer Freundin Britta tanzen zu gehen. Allerdings nur, wenn Paul nicht auf die Idee käme, sie zu einem trauten Silvester zu zweit einzuladen. "Ich kann Silvester aber auch gut alleine zuhause verbringen", erklärte sie mir selbstbewusst. Gerald wollte es diesmal ruhiger angehen lassen, entweder nur mit seiner Freundin oder im "allerengsten Kreis" den Jahreswechsel erleben. Es sei denn, irgendwo gebe es noch eine "Knallerparty". Ich selbst war ebenfalls lange unentschlossen. Nach einer großen Party war mir diesmal nicht zumute, nach einer besinnlichen Runde mit meinen ältesten Freunden auch nicht. Alleine wollte ich aber auf keinen Fall sein, wegfahren auch nicht. Eine gemeinsame Feier mit Doktor Gregor kam nicht in Frage, schließlich wollte ich mir den Zauber des neuen Jahres nicht von jemandem trüben lassen, der sich - in seiner Freizeit! - mit dem Weltende beschäftigt und auch noch angekündigt hatte, besonders eindrucksvolle Raketen zu zünden.
Schließlich fand ich mich Silvester wieder in einer Runde mit meiner alten Freundin Regina, meiner älteren Schwester samt Mann und meiner noch älteren Großtante. Nach Mitternacht stieß Doktor Gregor dazu, zum Glück hatte er seine Raketen und sein Pulver schon unverletzt verschossen. Es war eine nette Feier, wir aßen Kartoffelsalat und Würstchen, gossen Blei – und tranken jede Menge Sekt. Wie ich nach Hause kam, weiß ich nicht mehr genau. Es war wohl ein Taxi im Spiel.
Am Neujahrsmittag wachte ich auf. Mein Kopf war schwer. Ich versuchte mich zu erinnern, welche guten Vorsätze ich für das Jahr 2010 gefasst hatte. Es fiel mir nicht mehr ein. Ich wusste nicht einmal mehr, ob ich mir etwas vorgenommen hatte. Vorsätze, so dachte ich, werden sowieso überschätzt. Ich stolperte ins Bad, durch meinen Kopf schwirrte das Zauber-Gedicht des guten alten Hermann Hesse. Über die Toilette gebeugt fiel mir wieder die letzte Zeile ein: "Wohlan denn, Magen, nimm Abschied und gesunde!" Und schon war auch mein vergessener Vorsatz für 2010 wieder da: Loslassen.
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Zum Seitenanfang"Rosa" war rosafarben, wunderbar rund und hatte lustige Äuglein. Ich liebte Rosa und fütterte sie regelmäßig mit Groschen und 50-Pfennig-Stücken, die ich von Tanten und Onkeln zugesteckt bekam. Das Sparschwein wurde dadurch immer schwerer und verheißungsvoller. Würde das gesparte Geld reichen, um eine neue Lokomotive für meine Modelleisenbahn zu kaufen? Gespannt fieberte ich dem Tag entgegen, an dem das Schwein voll war und reif fürs Schlachten. Das geschah mit einem Hammer und war doppelt enttäuschend: Rosa war unwiederbringlich zerstört, und das Geld, das sie freigab, reichte nicht für die ersehnte Lok.
Ähnliche Erfahrungen machen regelmäßig unsere Politiker. Bei jedem Regierungswechsel schaut der neue Finanzminister erwartungsvoll in die Staats-Kasse, reibt sich erst verwundert die Augen und bricht dann in Tränen aus. Denn immer ist in der Staatsschatulle weniger drin als benötigt. Lokomotiven könnte man von dem vorhandenen Geld zwar reichlich kaufen, sogar echte Große. Aber die Politiker wollen lieber anderes Spielzeug, einen
Riesen-Transporter für die Bundeswehr etwa. Außerdem müssen ja auch die Geschenke, die man den Wählern versprochen hat, finanziert werden.
Als ich Rosa in Scherben schlug, saß die Bundesregierung noch in Bonn, der Finanzminister hieß
Franz Josef Strauß und der Bundeshaushalt wies einen Überschuss aus. Seitdem ist viel passiert: Die Bundesregierung sitzt inzwischen in Berlin und auf einem Berg von Schulden. Allein im kommenden Jahr sollen
rund 100 Milliarden dazukommen. Denn die schwarz-gelbe Koalition will erst einmal kräftig Schulden machen, um dann kräftig auf die Schuldenbremse zu treten. Es muss also erst schlimmer werden, bevor es besser werden kann. Das erinnert mich ein wenig an Homöopathie, allerdings ist die Dosis der Neuverschuldung alles andere als homöopathisch.
Ich habe einen anderen finanzpolitischen Kurs eingeschlagen als Waigel, Eichel und Co. Mein erster Neuwagen beispielsweise war ein Lada Samara. Der war zwar nicht so schick wie die Golf-Modelle meiner Freunde, aber deutlich preiswerter. Außerdem ließ sich seine Anschaffung als Unterstützung von Gorbatschow, Glasnost und Perestroika verkaufen, schließlich wurde das Auto in Russland produziert. Mein nächster Wagen wird vielleicht ein Automatik-Modell. Dabei muss ich natürlich aufpassen. Denn wer von Selber-Schalten auf Automatik umsteigt, tritt gern schon mal gleichzeitig auf Gas und Bremse. Das scheint zwar politisch angesagt, produziert nach meiner Erfahrung jedoch vor allem eins - viel Qualm.
Rosa, Schäuble und der Schuldenberg
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Trotz Lichterketten an meinem Nachbarhaus und Glühwein-Genuss auf dem Weihnachtsmarkt will bislang keine Adventsstimmung bei mir aufkommen. Vielleicht liegt es am Wetter. Denn die zehn Grad plus passen einfach nicht in mein romantisches Bild dieser Zeit. Vielleicht ist es aber auch die Aussicht auf den
Klima-Gipfel in Kopenhagen. Der scheint schon gescheitert, bevor er begonnen hat. Dabei wäre eine wirksame Einigung, den weltweiten Temperaturanstieg zu bremsen, enorm wichtig. Nicht nur für meine Adventsstimmung, sondern um den Weltuntergang abzuwenden.
In Sachen Weltuntergang ist mein Blog-Kollege
Doktor Gregor ein Experte. Er schreibt ein wissenschaftliches Buch über die Apokalypse, das demnächst erscheint. Darin geht es vor allem um die Weltuntergangs-Vorstellungen in der Bibel. Außerdem hat er ein Buch über modernere Endzeit-Visionen in der Mache. Das wird sich dann auch mit den Phänomenen beschäftigen, die uns Tag für Tag beschäftigen und aktuell die Adventsstimmung verderben: Dürren und Starkregen, schmelzendes Eis und Versteppung, Wasser- und Hungersnöte, ergebnislose Konferenzen und vergebliche Verhandlungen.
Mit Blick auf den Kopenhagener Gipfel versorgen uns die Medien mit vielen Ratschlägen, wie wir uns weniger klimaschädlich verhalten können. Heizung runterdrehen, weniger Auto fahren und weniger Fleisch essen, auf Fernreisen verzichten - das wäre mal ein Anfang. Ein Experte empfiehlt, statt
Treppen zu steigen den Aufzug zu nehmen, weil das weniger CO2 freisetze. Das Argument werde ich mir merken und einsetzen, wenn meine Freundin Regina mal wieder rummosert, ich würde mich zu wenig bewegen. Leider wohne ich ohne Aufzug; werde mal ernsthaft mit meiner Vermieterin über ihre ökologische Verantwortung reden müssen - bei einem Gläschen
Champagner. Der ist nämlich klimaverträglicher als Sprudel.
Auf die Klimakonferenz in Kopenhagen werde ich mich mit einem Besuch in Bonn einstimmen. Nicht, weil dort schon seit langem ein
Treibhaus-Klima herrscht, sondern weil hier der weltweit größte Dino ausgestellt wird. Der ist natürlich lange tot und nur noch als Skelett zu sehen. Die Geschichte der Dinosaurier mahnt uns, die großen Kerle mit dem kleinen Hirn sind ja wahrscheinlich wegen eines Klimawandels von der Erde verschwunden. Allerdings waren sie an dem, im Gegensatz zu uns Menschen, nicht selbst schuld. Sogar der Klimawandel war früher, also zu Dinos Zeiten, irgendwie besser. Er kam so natürlich daher, mit Meteoriten oder Eruptionen auf der Sonne.
Wir sind dagegen schuldig geworden am Klima und müssen uns nun um
furzende Kühe, Wasserspartasten und Wärmedämmung kümmern. Denn am Ende aller Tage wird abgerechnet - bestimmt auch ökologisch. Ich glaube, dass beim Jüngsten Gericht ein Vertreter des BUND oder von Greenpeace dabeisitzt, wie Gottvater mit einem langen Bart, nur weniger gepflegt. Und ich ahne schon, was er mich fragen wird: "Bist du auch immer Aufzug gefahren?"
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Zum SeitenanfangFußball war mein Leben, zumindest ein Jahr lang. Während der fußballverrückten Zeit wurde die Schule zur Nebensache. Hastig schlang ich das Mittagessen hinunter, schlüpfte in die Sportklamotten und radelte zum Bolzplatz, den ich erst bei anbrechender Dunkelheit wieder verließ. Einer meiner Spitznamen damals war "Gazelle". Das gefiel mir, und ein bisschen fühlte ich mich auch wie dieses flinke Tier, wenn ich leichtfüßig mit dem Ball über den Platz rannte. Jahre später klärte ein Freund mich auf: Die Gazelle wäre für ihn und die anderen Kumpels vor allem ein besonders schreckhaftes Tier, ständig fluchtbereit, deshalb hätten sie mich so genannt. Ich war tief getroffen und schwor mir, Freunden, Tieren und dem Fußball gegenüber eine kritischere Haltung einzunehmen.
Heute beschäftige ich mich vor allem theoretisch, also vom Fernsehsessel aus mit dem Fußballsport, natürlich kritisch. Taktik, Trainer und Team nehme ich genau unter die Lupe, aber auch das ganze System. Zu dem gehören, das macht der jüngste
Wettskandal deutlich, auch Schiebereien. So ärgerlich die auch sein mögen - sie belegen das gewachsene Interesse der Welt am deutschen Fußball. Vor Jahren noch mussten die Kicker des FC Bayern höchstpersönlich durch Asien reisen, um Fußball made in Germany bekannt zu machen. Heutzutage kennen sich die Asiaten besser aus mit dem deutschen Fußball als mancher Einheimischer. So wetten beispielsweise Fußballfans in der chinesischen Provinz bereits auf Spiele in unserer vierten Liga, etwa vom
SC Verl - wenn das kein Fortschritt ist.
Ich selbst, das muss ich zugeben, habe den SC Verl bislang kaum wahrgenommen. Es scheinen aber in diesem Club einige Gazellen mitzuspielen, die im geeigneten Moment vor dem Gegner Reißaus nehmen oder aber ihn leichtfüßig ausdribbeln - je nachdem, was der Provinzchinese für seinen Wettzettel gerade braucht. Vielleicht stellt sich aber auch heraus, dass die Verler Kicker eher den chinesischen
Panda-Bären gleichen. Die sind im Dunkeln besonders rege und bei Chinesen wie Deutschen gleichermaßen beliebt. Helmut Kohl hat sogar mal ein Panda-Weibchen geschenkt bekommen - vom chinesischen Ministerpräsidenten. Manche meinen, danach sei Kohls Beliebtheit sprunghaft gestiegen.
Eine weitere Steigerung ist zu erwarten. Denn beliebter noch als der Panda ist hierzulande das Rehkitz, oft schlicht Bambi genannt. Dessen
edelste Variante - die im Gold-Dress - wird alljährlich an viele verdiente Medien-Menschen vergeben. Das "Millenium-Bambi" erhielt in diesem Jahr: Altkanzler Helmut Kohl. In der Pressemitteilung heißt es zur Begründung: "Helmut Kohl warf als Bundeskanzler 16 Jahre lang seine ganze Energie und sein strategisches Genie in die politische Waagschale." Kohl in der Waagschale, diese Metapher hätte man sich meiner Meinung nach verkneifen sollen. Zum Glück fielen wenigstens nicht die Begriffe "Spenden", "Bimbes" oder "Ehrenwort". Ich habe mich jedenfalls sehr gefreut für den Ex-Kanzler. Künftig wird mir stets das Rehkitz einfallen, wenn ich an ihn denke. Das ist ja quasi eine Art deutscher Gazelle.
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Zum SeitenanfangDer Vertrauenslehrer unserer Jahrgangs-Stufe war ein cooler Typ, mit langem Haar, ironischem Lächeln und guten Sprüchen. Er hieß Wenzel, unterrichtete Deutsch und Geschichte und war vor allem unser Ansprechpartner, wenn wir Probleme mit seinen Kolleginnen und Kollegen hatten. Im ewigen Kampf zwischen Schülern und Lehrern war er stets Vermittler, und manchmal sah man ihm an, wie anstrengend das war. Wenzels wertvollstes Kapital war das Vertrauen, das er bei Schülern wie Lehrern besaß. Verloren hat er es in einer einzigen Nacht - der Nacht, die er mit der hübschen Ulrike aus der 12 verbrachte.
Was Wenzel widerfuhr, wiederholt sich derzeit fast täglich. Wohin wir schauen - überall wird Vertrauen aufgebraucht, zerstört, enttäuscht. Der nette Herr König von der Bank hat sich längst als windiger Finanzjongleur erwiesen und der Opel-Mutterkonzern als ganz und gar unmütterlich. Der
FC Bayern, einst ein sportliches Juwel, wirkt derzeit wie billiger Modeschmuck. Manchmal ist der Vertrauensverlust das reinste Dominospiel, wie etwa bei der SPD: Erst werden die Wähler von den Genossen enttäuscht, die daraufhin das Vertrauen in ihr Führungspersonal verlieren, das wiederum den Glauben an das Wahlvolk verliert.
Wie eine Seuche hat der Vertrauensverlust unser Land erfasst. Wer heute den Versprechungen der Konzerne glaubt und Aktien erwirbt, ist morgen ein Gläubiger und muss übermorgen vielleicht schon dran glauben. Wer darauf vertraut hat, dass die neue Regierung gut mit unseren Steuergeldern umgehen kann, erlebt derzeit sein blaues Wunder. Und wer den Halbgöttern in Weiß vertraut, muss angesichts der Debatte über Sinn oder Unsinn einer Impfung gegen die
Schweinegrippe schier verzweifeln.
Neues Vertrauen aufbauen heißt deshalb das Gebot der Stunde. General Motors hat bereits damit angefangen und seinen Chef zu einer Goodwill-Tour in die Opel-Zentrale geschickt. In den "Tagesthemen"
entschuldigte sich GM-Boss Fritz Henderson für das Hin und Her seines Konzerns in der Opel-Frage.
Sigmar Gabriel und Andrea Nahles sind durch die Provinz gereist und haben sich Fragen und Kritik der gebeutelten Genossen gestellt. Auch in der Regierung wird angeblich schon überlegt, wie zu verhindern ist, dass der Vertrauensvorschuss der Wähler weiter schmilzt. Die Union bastelt den Gerüchten zufolge an einem Konzept, in dem Thomas Gottschalk und Günther Jauch eine große Rolle spielen. Das sei zu teuer, moniert die FDP. Größere Chancen werden deshalb ihrem Plan gegeben, der aus Brüderles Wirtschaftsministerium durchgesickert ist: Er will die Vertrauenswerte der Koalition durch freiberufliche Sympathie-Botschafter steigern und so eine mittelständische Vertrauensberater-Wirtschaft fördern. Insidern zufolge denkt er dabei vor allem an ehemalige Weinköniginnen. Aber vielleicht ist ja auch noch ein Job für Wenzel drin, das mit den Weinköniginnen könnte ihn locken.
Vertrauen ? Is hier nich. Wem haben wir schon alles vertraut...und sind nicht enttäuscht worden, aber das waren gute Menschen. Denen da draußen, die uns vorsätzlich beschwindeln, die wo nur abkassieren wollen, die modernen Rattenfänger kommen nicht aus Hameln, sie kommen überall her. Und so vertraut man nur noch seinem Instinkt oder seinem Bauchgefühl sofern man so etwas besitzt. Und die paar ehrlichen die es auch gibt müssen büßen. Ungerecht, das ist leider das ganze Leben, nicht bei allen, deshalb.
MG am 15.11.09 12:13
Ist das Vertrauen erstmal verspielt, ist das Volk vom Gehorsam befreit. Den Bürger interessiert doch schon lange nicht mehr, was sich unsere vergreisten und weltfremden Politiker ausdenken. Die haben den Kontakt zur Basis längst verloren und auchkein Interesse, ihn wiederherzustellen
Torsten am 15.11.09 20:48
SPD? Dröseln wir's doch mal auf. Vielleicht liest meinen Sarkasmus auch noch einer aus deren Reihen. S- wie: Sozialdemokratisch. Sozial- seit Schröder-Hartz= das war einmal. Und ein ehemals genialer Altkanzler meint, man müsse sich von seinen Wurzeln lösen- scheißt doch auf die Arbeiterbewegung, aus der man hervorgegangen ist- Yachtbesitzer an den Stegen von Monaco sind zeitgemäßer. Demokratisch? Demo? Und das hat was mit Volk zu tun? Kratisch? Watndatn? Das kommt aus dem Griechischen? Hat was mit Herrschaft zu tun? Wie jetzt? Herrschaft des Volkes? Wär ja noch schöner! WIR machen, was WIR wollen. Eure Probleme gehen UNS am A... vorbei.
Aber warum wählt uns denn keiner mehr? Das liegt bestimmt an der Führungsriege, den falschen 'Gesichtern' oder wer weiss was. Die blöden Wähler sollen endlich mal wieder ihre drei- oder waren's sogar nur zwei? Kreuze bei UNS hinmachen. (grummelbrummel-fußstampf). Danach haben die natürlich wieder die Fresse zu halten.
Macht nix. Wem das S nicht mehr gefällt, der VERTRAUT dann lieber auf C wie christlich. Ora et labora- zumindest die, die zwar zu zehntausenden die Kündigungen oder die Kurzarbeit- oder den von 'S' ins Leben gerufenen HartzSch... ertragen müssen. Der Börse/ dem Finanzmarkt geht's doch langsam wieder besser. Wo bleiben eigentlich die Glückwünsche der 'freigesetzten', 'abgewickelten' Arbeitnehmer für die verbesserte Kursentwicklung ihres EHEMALIGEN Arbeitgebers?- wie undankbar...
Vertrauen? Unendlich! Schliesslich denken die Börsis doch nur an uns. Je besser der Kurs der Bude, desto besser die Rendite. Und die private Altersversorgung ist garantiert? Also bitte nicht böse sein- die Kündigung erfolgte nur zu eurem Besten.
Genug der Boshaftigkeiten...
Michael Schlücker am 16.11.09 11:07
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"Der Mensch ist nur da ganz Mensch, wo er spielt", hat uns
Schiller versichert, und in diesem Sinne ist Essen in diesen Tagen ein Hort der wahrhaften Menschen. Denn
dort treffen sich die Spielbegeisterten zu Tausenden, um die Neuigkeiten der Spiele-Verlage auszuprobieren. Angeblich sind dabei Spiele en vogue, die ein Miteinander der Spieler erfordern und kein schnödes Gegeneinander. "Mensch ärgere dich nicht", so scheint es, hat ausgedient, von "Risiko" oder "Monopoly" ganz zu schweigen.
"Risiko" ist ein Brettspiel, bei dem es um die Eroberung von Ländern und kompletten Kontinenten geht. In späteren Ausgaben ist die Aufgabenstellung sprachlich angepasst worden, nun sollen die Spieler Länder und Kontinente befreien. Bei einer denkwürdigen Partie vor vielen Jahren wollte ich gemeinsam mit meinem Neffen Axel die Festung Siam schleifen, in der Axels Vater vierzig Armeen konzentriert hatte. Der Coup war gut geplant und mit Handschlag besiegelt. Doch als mein Neffe an der Reihe war, griff er mit seinen Truppen meine Länder an. Ich war außer mir, schrie etwas von "pacta sunt servanda" - Verträge seien einzuhalten - und titulierte den armen Axel tagelang "Verräter". Wo der Mensch spielt, wurde mir klar, kann er auch zum Tier werden.
Wie gut, dass die Spiele-Industrie nun verstärkt das Miteinander fördern will. Lange genug haben wir uns bei "Mensch ärgere dich nicht" gegenseitig die Spielfiguren vom Brett gefegt oder beim "Risiko" die Armeen aufgerieben. Da ist es doch viel schöner, bei "Pandemie - auf Messers Schneide" gemeinsam zu knobeln, wie eine schlimme Seuche eingedämmt werden kann. Vielleicht bekommt man dabei auch Hinweise auf die Gretchenfrage, für wen die geplante Massenimpfung gegen die
Schweinegrippe sinnvoller ist - für uns oder die Pharmaindustrie.
"Pandemie" zeigt, wie schnell die Spiele-Erfinder auf aktuelle Ereignisse reagieren. Ein wenig zu spät kommt meiner Meinung nach allerdings "Abwrackprämie - das Spiel". Wer gerade merkt, dass die Winterreifen seines abgewrackten Altautos nicht auf den neuen Kleinwagen passen, entsprechende
Reifen aber nicht lieferbar sind, hat wahrscheinlich keine Lust auf dieses Spiel. Dem Vernehmen nach haben sich auch die Koalitions-Verhandler in Berlin mit einigen Spiele-Neuheiten eingedeckt. Die Umweltpolitiker spielen in den Verhandlungspausen wahrscheinlich "Klimapoker", bei FDP-Politikern soll "Wege zum Ruhm" sehr beliebt sein. Auch wenn die Parteichefs in kleiner Runde beisammen sitzen, geht es nicht nur um Haushaltslöcher und Steuersenkungen. Tief in der Nacht, so kolportieren es Hauptstadt-Journalisten, testen Angela, Guido und Horst die Neuerscheinung "Machtspiele". Gewonnen hat dabei bislang, so ist zu hören, immer Angela Merkel.
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Der Sommer war groß, ohne Zweifel, die Straßencafés meist gut besetzt, die Menschen gut gelaunt. Doch nun ist Herbst in Deutschland, und manchmal zeigt der Winter schon seine kalten Krallen. Während in Berlin die Politiker der künftigen Koalition noch
über schwierigen Kompromissen schwitzen, ziehen wir uns schon mal warm an. Mein Kollege Doktor Gregor dagegen hat den Sommer für sich einfach verlängert und genießt seinen Urlaub unter türkischer Sonne, all inclusive natürlich.
Während ich fröstelnd zur Arbeit radele, stelle ich mir vor, wie sich Doktor Gregor gerade die Sonnencreme aufträgt. Mir kriecht währenddessen die Kälte langsam in die Finger, und das Thermometer an der Apotheke zeigt ein Grad plus. Ich nehme mir vor, ab morgen zumindest beim Fahrradfahren Handschuhe anzuziehen. Und endlich zu akzeptieren, dass der Sommer vorbei ist.
Bei der Suche nach den Handschuhen wird mir bewusst, dass ich wirklich viel Zeit draußen verbracht habe in den letzten Monaten, vorzugsweise in Straßencafés. Dabei ist anscheinend drinnen viel liegen geblieben, Post beispielsweise, die sich auf dem Schreibtisch stapelt, oder alte Zeitungen, unter denen der Couchtisch verschwindet. Bei anderen Dingen weiß ich gar nicht mehr, wo sie überhaupt liegen. Wo zum Teufel sind meine Handschuhe geblieben? Habe ich sie vor einem halben Jahr etwa, vom Frühling beschwingt, in den Keller verbannt?
Der Herbst ist eine Zeit, um lange Briefe zu schreiben und viel zu lesen, hat
Rilke uns weismachen wollen. Was er verschwiegen hat: Die Briefe, die es nun zu schreiben gilt, sind selten romantischer Natur. Beim Finanzamt muss ich noch eine Fristverlängerung für die Steuererklärung beantragen, bei der Krankenversicherung die Zahnbehandlung absegnen lassen und bei der Autoversicherung die Vollkasko kündigen. Viel zu lesen habe ich zwar, aber leider sind es vor allem alte Zeitungen. Herbst, lieber Herr Rilke, ist also vor allem eine Zeit des Aufräumens und Entrümpelns, die Amerikaner haben im Oktober sogar eine "Aufräum-Woche". Daran will ich mir ein Beispiel nehmen und trage die alten Zeitungen runter. Doch leider ist die Altpapier-Tonne schon voll. Also ab in den Keller mit dem Papierberg, vielleicht gibt es ja mal wieder einen Preissprung beim Altpapier und das Zeug wird wertvoll.
Die
Telekom will jetzt in ihren Kellern nachschauen, ob da noch alte Kupferkabel rumliegen, um das richtig teuer gewordene Material zu verhökern. Ein zukunftsweisendes Konzept, finde ich und beschließe, meinen Keller zur Wertstoffsammlung zu erklären und auf gute Preise für alte Ski, defekte Regale und Teppichreste zu warten. Entrümpeln und ordnen kann auch zum Wahn werden, sage ich mir, als ich die achtzig Stufen zu meiner Wohnung hinaufstapfe, und greife nach einem Gedichtband von Rilke. Dabei werde ich allerdings das Gefühl nicht los, irgendetwas im Keller vergessen zu haben. Aber bestimmt fällt es mir wieder ein, spätestens morgen früh.
Es ist kälter geworden ohne Politik. Noch nicht das Ende aller Tage ich komme wieder keine Frage, der rosarote Panther, oder der rosarote Hosenanzug der Kanzlerin..ach ja ohne Politik. Vom Sommer in den Winter ohne Übergang und Eingewöhnungszeit. So bezeichne ich es einmal. Das mit der Knopfleiste, wollte sagen Hosenanzug hat die Bewandnis das wenn sich die die beiden Black- Yellow geeinigt haben es kalt wird. Anders ausgedrückt man muss sich warm anziehen um die neuen Veränderungen zu verkraften. Da braucht man Glück. Glück Auf !
MG am 19.10.09 13:43
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An dem Sonntagnachmittag im September
1998 herrschte großes Gedränge in meiner kleinen Wohnung, ich hatte Freunde zum Geburtstag eingeladen. Um 18 Uhr schauten alle gebannt auf den laufenden Fernseher. Über die Mattscheibe flimmerten Balken, Diagramme und später dann Bilder von Gerhard Schröder und Joschka Fischer, breit lachend und sichtlich gelöst. Gelöst war auch die Stimmung in meiner Wohnung, verstärkt von Alkohol und Wahlergebnis. Enttäuscht schauten nur Ute, Tochter eines CDU-Kommunalpolitikers, und meine blaublütigen Freunde aus Meerbusch.
Am späten Abend, als die Gäste gegangen waren, wurde ich melancholisch. Wieder ein Jahr älter, und die Abstände zwischen den Geburtstagen schienen mir immer kürzer. Irgendwann in Zukunft würden mich die Leute ehrfurchtsvoll fragen, ob ich wirklich selbst erlebt hätte, wie der große dicke Mann aus Oggersheim die Bundesrepublik regierte - und ich müsste ja sagen. Derart trübe gestimmt tröstete mich damals der Gedanke an den Pfälzer, der das Ende seiner eigenen Ära miterleben musste. Gut gelaunt war der sicher auch nicht.
Wahlen setzen Gefühle frei, mindestens so sehr wie Geburtstage. Unvergessen der enthusiastische Edmund Stoiber, sonst eher Bild biederer Unterkühltheit, als er am Abend der Bundestagswahl 2002 schon mal ein Glas Sekt auf seinen Sieg öffnen wollte. Gewonnen hat er nach Auszählung sämtlicher Stimmen schließlich nicht, und wie man Stoiber kennt, wird er sich den Sekt verkniffen haben. Unvergessen auch der Wahlabend 2005, als Noch-Kanzler Gerhard Schröder den Macho raushängen ließ, während Angela Merkel mit ihrer Fassungslosigkeit rang - wobei manche Beobachter auch einen fassungslosen Schröder und eine stoische Merkel gesehen haben.
Im Bundestagswahlkampf 2009 haben sich die Politikerinnen und Politiker alle Mühe gegeben, Sympathiepunkte zu sammeln und als Menschen wie du und ich zu erscheinen. Merkel hat verraten, dass sie gerne
Kartoffelsuppe kocht,
Steinmeier hat uns in den Urlaub nach Südtirol mitgenommen und
Renate Künast hat bewiesen, dass sie auf einem Bauernhof mit anpacken kann.
Gregor Gysi hat auf dem Bau malocht, und
Wolfgang Bosbach ist sogar in den Knast gegangen. Doch so richtig gepackt hat uns Wähler das alles nicht.
Zufall oder nicht - in diesem Jahr fallen mein Geburtstag und die Bundestagswahl wieder auf den selben Sonntag. Um die Laune meiner Gäste nicht zu gefährden, feiere ich diesmal bereits am Samstagabend, in Wahl- und Geburtstag hinein. Am Sonntagabend schaue ich mir dann in Ruhe die Wahlsendung an. Sollte mir melancholisch zumute sein, trösten mich vielleicht die entgleisten Gesichtszüge der Wahlverlierer. Oder das Gläschen Sekt, das ich mir auf jeden Fall öffnen werde.
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Wie schön Italien ist, wusste schon Goethe. Spätestens, seit
Rudi Schuricke bei Capri die rote Sonne im Meer versinken ließ, wissen es fast alle Deutschen. Die Toskana-Liebhaber bringen es sogar auf Fraktionsstärke bei den deutschen Sozis. Richtig tief in den Süden reisen dagegen nur wenige. Zu denen gehörten in diesem Jahr meine Bonner Freundin Kati und ich. Südlich von Neapel buchten wir uns eine Ferienwohnung, um es uns dort gut gehen zu lassen und einige Ausflüge ans Meer und zu den Sehenswürdigkeiten der näheren Umgebung zu machen.
Der Urlaub war sehr erholsam, auch wenn es in der ersten Woche extrem heiß war. Nun, mit kühlen Getränken und Gelato ließ es sich unter einem Sonnenschirm trotzdem gut aushalten. Für ein wohltuendes Frösteln sorgte zuweilen auch meine Urlaubslektüre:
"Gomorrha" ist ein Buch über die Camorra, die neapolitanische Variante der Mafia. Es beschreibt nicht nur die wirtschaftskriminellen Umtriebe in dieser Region Italiens, sondern auch sehr detailliert manche Gewalttat der Camorristi.
Sorgen um unser Wohlergehen verdrängten wir aber erfolgreich mithilfe einer altersweisen Prominenten. Die 75-jährige Frau hatte erklärt, so lasen wir in der Tageszeitung, dass 90 Prozent aller Sorgen, die man und frau sich im Leben so machen, grundlos seien. Wenn Kati zu unken begann über drohende Gewitter, angriffslustige Mücken oder
Einbrecher, die sich auf Ferienwohnungen spezialisiert haben, sagte ich bloß: "90 Prozent". Und schon lösten sich die dunklen Gespräche und Gedanken auf, und wir konnten uns fröhlich dem dolce far niente widmen.
"Unser Wagen ist abgeschleppt worden", sagte Kati, nachdem wir durch Amalfi gebummelt waren. Mit "90 Prozent" war die Situation diesmal nicht zu entschärfen, denn wir standen genau an der Stelle, wo wir den Leihwagen abgestellt hatten, jetzt aber weit und breit kein Auto zu sehen war. 90 Prozent, so dachte ich mir, sind halt nicht 100 Prozent. Manchmal geht wohl wirklich was schief. Also machten wir uns auf den Weg zur Polizeiwache. Dort erklärte uns ein schnauzbärtiger Italiener mit verspiegelter Brille, dass die Wache erst um vier Uhr wieder geöffnet habe.
Pünktlich um vier betraten wir wieder die Wache. Der Schnauzbart hatte noch immer seine Sonnenbrille auf und hackte auf der Tastatur seines Computers herum. Barsch erklärte er uns in Broken English, wir sollten zum Busbahnhof gehen. Dort war aber keine Spur von unserem Wagen. Allerdings wusste ein Busfahrer, der gerade Pause machte, dass falsch geparkte Wagen ins Bergdörfchen Ravello geschleppt würden. Er verkaufte uns zwei Bus-Tickets, und eine Stunde später lösten wir mit 80 Euro unseren Wagen bei einem Abschleppunternehmer in Ravello aus, der ebenfalls Schnauzbart und Sonnenbrille trug. Neben seinem Parkplatz gab es eine Waschanlage, in der gerade Polizeiautos auf Hochglanz gewienert wurde. Ich nahm mir vor, am Abend das Camorra-Buch weiter zu lesen. Vielleicht gab es dort ja auch ein Kapitel über die Verfilzung von Polizei und Abschleppern.
Die Urlaubsfreude habe ich mir nicht vermiesen lassen, auch nicht, als ich am letzten Abend beim Nüsse-Naschen ein Stück von einem Backenzahn einbüßte. Doch ein wenig freute ich mich doch auf Zuhause, die kühlen Nächte in Deutschland und den Zahnarzt meines Vertrauens. In Köln angekommen, stellte ich als erstes fest, das mein ordnungsgemäß geparktes Auto nicht mehr an seinem Platz stand. Es sei "sichergestellt und im Wege der Ersatzvornahme abgeschleppt und in Verwahrung genommen", erklärte mir ein Schreiben der Stadt, das ich in meinem überquellenden Briefkasten fand. Ich knirschte mit den Zähnen, was keine gute Idee, sondern äußerst schmerzhaft war. Kurzfristig hatte die Stadt mal wieder ein Parkverbot eingerichtet - wegen Dreharbeiten. Zu einem Film über Mafia-Aktivitäten in Köln.
shit happens! mit 90-prozentiger Sicherheit.
cornusflorida am 14.09.09 10:01
Tja, so ist das wohl, wenn man in Süditalien seinen Urlaub verbringt. Viel besser ist doch ein Urlaub in Norditalien, da sind die Leute, das Wetter und auch die Carabiniere freundlich,zum großen Überfluss sprechen sie auch noch Deutsch und Parkplätze sind ebenfalls ausreichend vorhanden. Dem lieben Stephan Josef empfehle ich die kürzere Urlaubsanfahrt - außerdem schont das den Geldbeutel und die Umwelt.
Anonym am 14.09.09 17:34
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Zum SeitenanfangDie kulinarische Vorhölle erlebte ich im zarten Alter von 14 Jahren, während eines Sprachurlaubs auf der englischen Insel Wight. Gemeinsam mit meinem Freund Hans war ich in einer Familie untergebracht, die sich nach Kräften bemühte, unser Vorurteil gegen die britische Küche zu bestärken. So lernten wir, dass man Spaghetti aus der Dose auf Toast servieren kann und zum Mittagessen gerne knallgrüne Tiefkühlerbsen mit verkochten Kartoffeln und fettigem Fleisch reicht. Dass wir während der drei Wochen auf Wight keine Hungerödeme bekamen, verdankten wir nur der konsequenten Investition des Taschengeldes in die örtliche Schnellgastronomie.
Danach dauerte es einige Zeit, bis ich Lust auf weitere Erfahrungen mit internationaler Küche hatte. Die machte ich schließlich beim heimischen Italiener, der mich mit Pasta und Pizza bekannt machte. Gefallen fand ich auch an griechischer, chinesischer, französischer, thailändischer und argentinischer Küche, die kurz nacheinander den gutbürgerlichen Restaurants meiner kleinen rheinischen Heimatstadt Konkurrenz machten. Meine Liebe zu ausländischen Gerichten erhielt allerdings einen kleinen Dämpfer, als während eines Jugoslawien-Urlaubs aus Versehen - wer kann schon serbokroatisch? - ein gummiartiger Gulasch auf meinem Teller landete und sich im Nachhinein als Pansen herausstellte. Den Rindermagen kannte ich bis dahin nur im Rohzustand - als Futter für unseren Schäferhund.
Nach diesem Erlebnis wuchs meine Lust auf Salat und Gemüse. War meine Kindheit in dieser Hinsicht noch von Kohlrabi, Sauerkraut, Rotkohl, Erbsen, Bohnen, grünem und Endivien-Salat geprägt, kamen nun schmackhafte Alternativen hinzu: Auberginen und Avocado, Paprika und Palmherzen, Radicchio und Rucola. Ich war begeistert von der zunehmenden Vielfalt auf dem Wochenmarkt und im Supermarkt, auch bei den Früchten. Dabei musste ich - wie andere auch - zunächst lernen, wie man Guave, Papaya, Litchi und Co. erstens korrekt ausspricht und zweitens unfallfrei isst.
Inzwischen kann ich die paradiesische Vielfalt an Obst und Gemüse nicht mehr sorgenfrei genießen. Schuld ist Elke, eine gute Freundin von Doktor Gregor. Kürzlich waren die beiden bei mir zu Gast, ich hatte Getreideplätzchen vorbereitet und einen Rucola-Salat mit Walnüssen angerichtet. "Ach so, es gibt Modesalat", kommentierte Elke bissig, ließ es sich aber augenscheinlich schmecken. Als ich zum Nachtisch eine Schale mit Obst auf den Tisch stellte, war ihre Toleranz erschöpft. "Weißt du eigentlich, welch miese Öko-Bilanz so eine Litchi hat, die aus Asien herangekarrt wird?", fragte sie mich streng und rhetorisch. "Die Meckenheimer Äpfel sind okay, obwohl sie mir nicht aus Bioanbau zu stammen scheinen, aber die Litchis - die gehen gar nicht." Und dann schimpfte sie noch ein wenig über Modegemüse und schwärmte von Fenchel, Stielmus und Pastinake.
Kurz nach dem denkwürdigen Abend las ich die
Meldung, dass ein Bonner Wissenschaftler vor Giftpflanzen im Rucola-Salat warnt. Einen kurzen Moment lang sah ich vor meinem geistigen Auge Elke, wie sie im Supermarkt das Gemeine Kreuzkraut unter den Rucola schmuggelt. Dann schämte ich mich meiner Fantasie und nahm mir vor, Elkes Kritik am Mode-Essen ernst zu nehmen. Demnächst kommt wieder Bodenständiges auf den Tisch, was zugleich gesund, lecker und ökologisch unbedenklich ist. Zum Beispiel
Rauke. Die gab's schon bei den alten Germanen.
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Zum SeitenanfangEs war ein heißer Tag kurz vor den Sommerferien, alle Schüler dösten auf ihren Stühlen, nur unser fülliger, schnauzbärtiger Englischlehrer versuchte mit allen Mitteln, seinen Unterricht durchzuziehen. Mit grimmiger Miene forderte er meinen Freund Hans auf, den Inhalt der letzten Stunde zusammenzufassen. "Da gibt es nichts zusammenzufassen", behauptete Hans. Nun entspann sich ein erhitzter Dialog, dessen Schluss bei jedem Ehemaligen-Treffen in der Schule gerne erzählt wird. "Was mein Gedächtnis angeht, bin ich ein Elefant", drohte der Lehrkörper mit Schnauzbart, "I see" entgegnete Hans. Danach musste er zwar das Klassenzimmer verlassen, hatte sich aber unauslöschlich ins kollektive Gedächtnis der Schule eingeschrieben.
Im kollektiven Gedächtnis seines Volkes will sich jeder ambitionierte Politiker verewigen. Auch deshalb ließ Cheops seine
Pyramide bauen,
Ludwig XIV. Versailles und
Honecker die Mauer.
Schröder und
Fischer versuchen es mit Rohrleitungen. Doch wahrscheinlich bleibt den Menschen anderes im Gedächtnis von den beiden: Beim vorerst letzten Sozi-Kanzler etwa die
Agenda 2010 und der suboptimale
Fernsehauftritt nach der Bundestagswahl 2005, bei Joschka vielleicht der
Steinewerfer und Marathonläufer. Das ist nicht gerecht, aber Erinnerungen sind halt selten gerecht.
So sehr der Politiker sich ins Gedächtnis der Wahlbürger einschleichen will, so inständig hofft er natürlich, dass sich der Wähler nicht an alles erinnert, was ihm vor der Wahl versprochen wurde. Wie viel Wahlversprechen wert sind, weiß der Wähler dabei längst und traut kaum einem über den Weg, der
Steuersenkungen verspricht oder
vier Millionen neue Arbeitsplätze, ein
Grundeinkommen für jedermann oder einen Aufschwung ohne Ende. Viele Wähler haben ein wahres Elefanten-Gedächtnis, erinnern sich noch an den Spaßpolitiker Westerwelle und sein
Guidomobil, an den Agenda-Administrator und Schröder-Gehilfen Steinmeier, an den
Bonusmeilen-Sammler Cem Özdemir, an die Flucht von
Oskar Lafontaine aus dem Ministeramt oder an "Kohls Mädchen"
Angela Merkel.
Ein gutes Gedächtnis ist eine Waffe, wusste schon mein schnauzbärtiger Englischlehrer. Und wenn ihre Zeit gekommen ist, kann sie eine verheerende Wirkung entfalten. Das bekam vor vielen Jahren mein Freund Hans zu spüren, bei der inquisitorischen Befragung in der Englisch-Abiturprüfung. Und das bekam gerade Bill Clinton zu spüren. Hillary, seine Frau und amtierende US-Außenministerin, schickte ihn auf
Straf-Expedition ins ungemütliche Nordkorea, weit weg von jeder Praktikantin. Da musste sich der notorische Schürzenjäger auf peinlichen Bildern mit einem greisen Diktator ablichten lassen, was sonst kein guter westlicher Politiker tut. Welche Sprengkraft das Gedächtnis des Waffenlobbyisten
Karlheinz Schreiber haben kann, darüber rätselt in diesen Tagen manch Christsozialer und Christdemokrat. Schreiber, eine Schlüsselfigur des CDU-Spendenskandals, sitzt in Untersuchungshaft, ihm soll bald der Prozess gemacht werden. Wird sein Elefantengedächtnis noch eine Bedrohung für die kollektive Erinnerung an einen der größten Elefanten der deutschen Politik, an Helmut Kohl? We will see.
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Wenn rein gar nichts passiert im Sommerloch, beschäftigen wir Journalisten uns gerne mit den
Sommerlöchern vergangener Jahre. Oder mit dem Phänomen des Sommerlochs an und für sich. In diesem Jahr jedoch bleibt uns das glücklicherweise erspart, denn erstens gibt es - nicht nur im Ruhrgebiet - genügend
Löcher, die sich plötzlich auftun und über die man schreiben kann, zweitens sorgt die
Schweinegrippe täglich für frische Infektionen und Meldungen, und drittens ist Gesundheitsministerin Ulla Schmidt in Spanien der
Dienstwagen gestohlen worden. Der ist zwar inzwischen wieder da, ohne Kratzer. Dafür ist das Bild der Ministerin angekratzt.
Mit Spanien verbinden wir Deutschen zumeist eins - Urlaub. Vielen fallen vielleicht noch Sangria und Paella ein, Stierkampf und der FC Barcelona. Kulturinteressierten mag Picasso in den Kopf kommen oder Don Quijote. An die möglichen Probleme bei der Gesundheitsversorgung deutscher Rentner, die in Spanien leben, denken die Wenigsten. Nur Ulla Schmidt tat das, sogar in ihrem Urlaub. Dass sie nicht nur darüber nachdachte, sondern darüber auch reden wollte, und das außerhalb ihres Feriendomizils, wurde ihr nun zum Verhängnis. Alle Welt empört sich nun über den Dienstwagen, den sie für den dienstlichen Trip in Spanien aus Berlin heranfahren ließ.
Ulla Schmidt kann man manches vorwerfen, Furchtsamkeit aber nicht. Ihre Unerschrockenheit beweist sie stets aufs Neue, wenn sie auf dem Ärztetag auftritt, bei Versammlungen von Krankenkassen-Funktionären oder vor der Pharma-Lobby. Furchtlosigkeit beweist sie mit ihrem Trip nach Spanien, ein Land, in dem die Schweinegrippe grassiert. Sie ist unbeirrt, und deshalb lässt sie sich auch vom Wirbel um ihren Dienstwagen nicht irre machen. Sie steht ihre Frau im Mediengewitter. Aufrecht, stolz wie eine Spanierin. Sie klingt ein bisschen nasal, ein wenig erkältet, als sie ihre Erklärung vor den Journalisten verliest. So klingt sie immer, das hat nichts mit Schweinegrippe zu tun.
Vor der Schweinegrippe kann man sich schützen, wird uns täglich eingetrichtert: Hände waschen, Menschensammlungen meiden. Klar, dass Ulla Schmidt das weiß. Klar, dass sie sich in Spanien nicht in den Bus setzt und sich dem Risiko einer Infektion aussetzt, sondern lieber mit dem Dienstwagen unterwegs ist. Es wäre schließlich ein verheerendes Signal, wenn ausgerechnet die Gesundheitsministerin an Schweinegrippe erkrankte. Außerdem: Schmidts Kritiker würden sich bestimmt auch lieber in einem vollklimatisierten S-Klasse-Mercedes über staubige spanische Straßen chauffieren lassen als sich selbst hinter das Steuer eines Leih-Panda zu quetschen.
In der Diskussion um den Schmidtschen Dienstwagen kommt, wie immer, der kleine Mann zu kurz. Ich meine den Chauffeur. Für ihn war die Tour nach Spanien und zurück doch wie ein Sechser im Lotto, sieht man vom Einbruch in sein Zimmer und der vorübergehenden Entwendung seines Arbeitsgerätes ab. Gemütlich mit dem Benz in den Süden zockeln, ein wenig spanische Sonne genießen und gemächlich zurück nach Berlin, dazu noch jede Menge Überstunden ansammeln. Auf der Rückreise wird er bei einem Zwischenstopp in Frankreich, so stelle ich mir vor, abends auf der Terrasse eines Restaurants sitzen, lecker essen und mit einem guten Rotwein in Gedanken seiner Chefin zuprosten. Danach wird er sich vielleicht eine Zigarette gönnen - die Gesundheitsministerin ist ja weit weg, wieder in Berlin - und zu seinem Buch greifen: Don Quijote. Nachts träumt er dann bestimmt von einer furchtlosen Rittersfrau mit näselndem Aachener Akzent.
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Zum Seitenanfang"Das ist ein Wetter, um Helden zu zeugen", sagte meine Schwester früher, wenn sie ganz berauscht war von den sommerlichen Temperaturen. Den Spruch fand ich merkwürdig. Für das Zeugen, dachte ich, sind doch die Männer da. Schließlich hatte ich manche Diskussion mit meiner Schwester, in der sie genau das zum einzigen Daseinszweck der Männer erklärte. Außerdem hatte ich irgendwo gelesen, dass die Zeit der Helden sowieso vorbei sei, was wiederum an der bürgerlichen Gesellschaft, dem Spätkapitalismus oder schlicht "dem System" liege. Vor allem wollte mir aber nicht einleuchten, dass die sommerliche Hitze zu irgendwelchen Anstrengungen einladen sollte, die übers Dösen im Liegestuhl, Rumlungern im Freibad oder Hocken im Eiscafé hinausgehen.
Hitze macht müde, das ist meine Erfahrung. In diesen Sommertagen schleichen die Kolleginnen und Kollegen mit müden Schritten über die Büroflure. Dabei haben sie stets eine Literflasche Wasser dabei, weil sie fürchten, sonst auf dem Weg zum Kopierer oder in die Teeküche zu verdursten. Die Unterhaltungen sind so schleppend wie die Schritte, und bei den Konferenzen fällt es einigen sichtlich schwer, ihre Augen offen zu halten. Augenfällig ist es das Wetter, das ihnen die Energie raubt. Sonne, Hitze und Energie, das passt beim Menschen nicht zusammen, wohl aber bei der Energiewirtschaft.
Die will nämlich mit riesigen Sonnenkraftwerken
in der Sahara Strom für Europa produzieren. Bis es soweit ist, schwören die meisten Politiker auf den "bewährten Energiemix": ein bisschen Wind, ein bisschen Wasser, ein bisschen Sonne und ganz viel Kohle, Gas und Atomstrom. Letzterer ist besonders heikel. Für die Lagerung seiner strahlenden Hinterlassenschaft fordert Umweltminister Gabriel nun von der Atomwirtschaft
Sicherheit für eine Million Jahre. Damit straft er all jene Lügen, die immer behaupten, Politiker dächten nicht über eine Legislaturperiode hinaus.
"Sigmar Gabriel hat noch viel vor, und Sigmar Gabriel hat noch viel vor sich", hat Gerhard Schröder einmal süffisant über den heutigen Umweltminister gesagt. Aber auch Schröder hatte damals bestimmt nicht an eine Million Jahre gedacht. Sigmar Gabriel, das politische Kraftwerk, hat hier vielleicht auch ein wenig übertrieben. Denn wer kann schon vorhersagen, ob die atomkritische SPD in einer Million Jahren noch an der Bundesregierung beteiligt ist? Oder wer mag garantieren, dass gegebene Garantien nicht im Laufe dieser verdammt langen Zeit in irgendeinem Ministeriums-Büro
verschlampt werden? Und wer legt seine Hand dafür ins (atomare) Feuer, dass die Verursacher haften, wenn etwas schief geht?
Wir Menschen beherrschen, wenn überhaupt, nur überschaubare Zeiträume, produzieren aber leider unüberschaubare Risiken. Deshalb kann das Motto nur lauten: Raus aus der Atomenergie, rein in die Wüste, her mit der sauberen Sonnenenergie! Um das Projekt "Desertec" öffentlichkeitswirksam zu unterstützen, sollte Sigmar Gabriel in irgendeinem deutschen Zoo die Patenschaft über ein Wüstenfuchs-Baby übernehmen - sein bisheriges Patentier, der Eisbär Knut, ist nicht wüstentauglich und schon erwachsen. Von einer Promo-Tour in die Sahara würde ich Gabriel aber abraten. Da brennt die Sonne gnadenlos vom Himmel, was gut ist für eine effiziente Energieerzeugung, aber schlecht zum Arbeiten. Aber das können dann ja die Afrikaner übernehmen, wofür sie ein bisschen Strom bekämen. Von den Wüsten-Staaten, in denen unsere Kraftwerke gebaut werden, müsste Gabriel allerdings Sicherheiten verlangen. Wenn nicht für eine Million, dann doch für mindestens tausend Jahre. Oder zumindest, solange die SPD mitregiert.
Eine Umstellung unserer Energieversorgung auf regenerative Ressourcen ist möglich. Dafür benötigt man eine starke Dezentralisierung, sprich: Sonnen-, Wind-, Gezeiten- und Erdwärmekraftwerke in sehr großer Anzahl, verteilt auf der ganzen Erde. Sicherlich wird das einige Dekaden brauchen, damit Kohle und Atomkraft endgültig von diesem Erdball verschwindet. Jedenfalls kann die Energielobby uns nicht mehr verschaukeln, dass ein solches Konzept nicht umsetzbar ist. Wissenschaftliche Konzepte dafür gibt es. Es fehlen nur die Investoren. Und wichtig. Die Bereitschaft jedes Einzelnen, in saubere Energie mit zu investieren, indem wir diese Nachfragen und den sauberen Investoren somit eine solide Basis ermöglichen, um wirtschaftlich zu arbeiten. Langfristig wird es für alle unter dem Strich günstiger sein. Denn die Stern-Studie des britischen Wirtschaftswissenschaftler Nicholas Stern von Anfang 2008 hat verdeutlicht, welche Kosten auf die Wirtschaft zukommen, wenn wir unseren CO2-Austoß nicht schnellstmöglich drastisch reduzieren. Letztendlich zahlt das dies der Verbraucher, also wir. Und auch Atomstrom ist keineswegs CO2-Neutral. Die Herstellung der Brennstäbe verursacht auch einen nicht unerheblichen Teil. Viel Erfolg für das Projekt "Desertec"
Christoph Supguth am 20.07.09 13:12
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Zum SeitenanfangDas Wetter ist prima beim monatlichen Kollegen-Stammtisch im Biergarten. Ferienstimmung liegt in der Luft, Urlaubspläne machen die Runde. Katja fliegt nach Kanada, will mal den Bürostress so richtig vergessen und sich in der unberührten Natur erholen. Hans und Irmgard fliegen in die USA, mieten sich dort einen Wagen, schauen sich die Westküste an, Las Vegas und den Grand Canyon. Angelika zieht es - wie üblich - nach Italien, wo sie als Reiseleiterin das Angenehme mit dem Nützlichen verbindet. Zumindest in meinem Freundes- und Bekanntenkreis scheint die Reiselust ungebrochen, trotz Wirtschaftskrise. Ulrike und Uli waren vor kurzem sogar das erste Mal in Afrika. Sie beeindruckte vor allem die Gastfreundlichkeit der Einheimischen, noch mehr aber die Natur, vom Elefanten bis zur Mücke. Vor beiden Tieren hätten sie einen gehörigen Respekt gehabt, gesteht Ulrike.
Richtig unheimlich fanden sie die Heuschrecken. "Während eines Ausflugs wurde auf einmal der Himmel dunkel, und es war ein Sirren und Surren in der Luft, wie ich es noch nie zuvor gehört habe", erzählt Uli am Stammtisch. "Wir sind durch Landschaften gefahren, wo die Bäume komplett entblättert waren, kahl gefressen von abermillionen Heuschrecken." "Ja, Heuschrecken sind eine Plage, und dass schon seit biblischer Zeit", ergänzt Gregor. Von der altägyptischen Katastrophe, die sich mit den Heuschrecken verbindet, ist es nicht weit zur globalen Krise der Gegenwart. Diese Erkenntnis verdanken wir
Franz Müntefering, der als erster die renditehungrigen Hedgefonds mit den gefräßigen Insekten verglich. Beide sind seither gleich unbeliebt, auch wenn sie im Alltag kaum jemand zu Gesicht bekommt.
Der Biergarten war, soweit wir sehen konnten, heuschreckenfrei, sowohl in der animalischen Form mit sechs Beinen als auch in der zweibeinigen Variante mit gescheiteltem Haar, Nadelstreifenanzug und Aktenkoffer. Es hätte ein entspannter Abend werden können. Was ab dem zweiten Bier aber zu stören begann, waren die winzig kleinen Tierchen, die sich in den Gläsern selbst ertränkten oder auf dem dünnen Schweißfilm unserer bloßen Arme festklebten. "Igitt, das sind ja
Läuse", rief meine Kollegin Lina. Mit Ekel in Stimme und Mimik schilderte sie anschließend ihre Erfahrungen mit den kleinen Krabbeltieren im Kindergarten, in der Schule, an der Uni und an ihren Rosen im heimischen Garten. Sie erzählte von
Läusekämmen, Spezialshampoos und
Brennnessel-Sud.
Gregor dagegen wusste der Läuseplage etwas Positives abzugewinnen. Man müsse sich nur die Affen anschauen, sagte er. Wenn die von Läusen geplagt würden, zupften sie sich gegenseitig liebevoll die Plagegeister aus dem Pelz. Gesellschaftlich gesehen, könnten die Läuse also Vorboten einer neuen Welle der Solidarität sein. Die neoliberalen Heuschrecken hätten ihre Schuldigkeit getan, nun breche die Phase eines neuen sozialen Bewusstseins an, behauptete er. Tierisch verwirrt, radelte ich schließlich vom Biergarten nach Hause. Dabei liefen mir beinahe eine komplette Rattenfamilie vors Fahrrad. Was das nun wieder zu bedeuten hat, werde ich Gregor noch fragen. Vielleicht müssen wir uns ja doch nicht so viel Sorgen machen um die demografische Entwicklung.
Hi, die sieben Plagen Ägyptens. Ein paar haben wir schon auch ohne Heuschrecken. Da ist die Wirtschaftskr...ach, daran braucht man niemand zu erinnern. Es sei denn es ist einem eine Laus über die Leber gelaufen. Da lieber ein Pilsken durch die Leber. Wie heißt es so schön, zwischen Leber und Milz ist immer Platz für ein Pils. Und die paar Läuse, Hauptsache wir haben genug Mäuse, die ohne Schwanz versteht sich. Glück auf.
MG am 5.07.09 21:02
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Zum SeitenanfangZu den beeindruckenden Erlebnissen meiner Kindheit gehörte der Einkauf bei Bauer Schmitz. Schon als kleiner Knirps wurde ich regelmäßig dorthin geschickt, um Gemüse und Eier zu besorgen. Durch ein großes grünes Tor gelangte man auf den Hof, auf dem Gänse und Hühner herumliefen und einige Kunden. In einem kahlen Raum war eine große Theke aufgebaut, dahinter türmten sich auf provisorischen Regalen Kartoffeln und Kohlrabi, Bohnen und Blattspinat, Möhren und Mangold - alles, was die Schmitzschen Felder hergaben. Eine rosig-rundliche Frau wog die Ware mit Hilfe gusseiserner Gewichte und verpackte sie dann in Zeitungspapier. Es war die Zeit vor der großen Zeitungskrise, der kahle Verkaufsraum von Bauer Schmitz hieß noch nicht Hofladen und der Bauer selbst fuhr, wenn er nicht auf einem Traktor saß, einen alten Mercedes Diesel, dessen Abgase genauso rochen wie die des Traktors.
"Es geht doch nichts über Frisches direkt vom Bauern", sagte meine Oma, wenn ich schwer bepackt vom Einkaufen zurückkam. Außer der Frische waren es die günstigen Preise, die sie begeisterten. Ob die damals schon subventioniert waren, weiß ich nicht. Heute weiß ich, dass Bauer Schmitz im vergangenen Jahr genau 58.879 Euro und 12 Cent EU-Subventionen erhalten hat, unter anderem aus dem "Europäischen Landwirtschaftsfonds für die Entwicklung des ländlichen Raumes". Wahrscheinlich hat Bauer Schmitz das mit dem Raum wörtlich genommen, denn sein Verkaufsraum strahlt seit kurzem in Sonnengelb, die provisorischen Regale sind durch schicke Edelstahl-Modelle ersetzt und über dem grünen Eingangstor prangt ein neues Schild: "Erlebnis-Hof Schmitz".
Mit dem neuen Look ist leider das Gemüse bei Bauer Schmitz deutlich teurer geworden. Das ärgert viele seiner Kunden. Der Ärger wird bestimmt noch größer, wenn sich unter ihnen die Subvention von 58.879 Euro und 12 Cent herumspricht. Schon bald wird Bauer Schmitz abends erschöpft auf sein Sofa sinken, nicht von der Feldarbeit, sondern von nervigen Subventions-Diskussionen mit seinen Kunden. Er wird sich dann nach Bayern träumen, in ein Land, das den Datenschutz noch hoch- und die Subventionsempfänger geheim hält. Er lebt jedoch in NRW, und da wird jeder
EU-Subventionsempfänger gnadenlos ans Licht gezerrt, ob Haribo oder Bayer, Westfleisch oder das Kloster Meschede - oder eben Bauer Schmitz.
Doch bei gründlichem Nachdenken wird Bauer Schmitz drauf kommen: In Nordrhein-Westfalen kann zwar jeder sehen, was er an Subventionen kassiert. Aber auch jede. Und wer fette Subventionen kassiert, hat bestimmt gute Chancen bei "Bauer sucht Frau".
Und früher war alles besser? Zurück zum Pflug mit Pferdeantrieb?
Mich wundert, dass viel große Firmen Subventionen erhalten haben, und nicht so sehr dass Bauern Gelder dafür bekommen, um mit dem Marketing großer Handelsketten ein wenig mitzuhalten. Ich brauche keinen "Erlebnis-Hof Schmitz", aber regional auf dem Hof einkaufen will ich schon, und wenn ich es dort schön finde, warum nicht?
zaubernuss am 22.06.09 12:34
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Zum SeitenanfangMein erster Sportlehrer am Gymnasium war Herr Stahl, ein durchtrainierter Turner mit blondem Schopf, Schnauzbart und Reibeisenstimme. Recht bald stellte sich heraus, dass Herr Stahl seinem Namen alle Ehre machte. Nach der ersten Sportstunde hielt er eine kleine Rede, in der er unseren körperlichen Zustand als "verweichlicht" bezeichnete und ein konsequentes Fitness-Programm ankündigte. Das ganze Schuljahr über bekamen wir daraufhin keinen Ball zu sehen, mit Ausnahme des Medizinballs. Mit dem Befehl "Matten herausholen" begann jede Sportstunde, und mit Liegestützen, Klappmessern und Seilklettern mussten wir unsere Körper stählen. Stand ausnahmsweise kein Konditionstraining auf dem Programm, quälte Herr Stahl uns mit Geräteturnen.
Im nächsten Schuljahr hatte die Qual ein Ende. Wir bekamen einen neuen Sportlehrer, Herrn Stein. Der sah südländisch aus, ein bisschen so wie Luca Toni, er hatte keinen Schnäuzer wie Herr Stahl und war auch anders drauf. Herr Stein liebte die Ballspiele, und wir Schüler liebten Herrn Stein. Die verhassten Barren und Pferde blieben in ihrem Verschlag, stattdessen spielten wir Handball oder Basketball, meistens aber Fußball. Die Sportstunden wurden zu einer echten Erholung vom Schulstress, und in manchem von uns reifte der Traum, Profifußballer zu werden. Geschafft hat es keiner aus meiner Klasse, aber einer ist immerhin Fußball-Lehrer an der Kölner Sporthochschule geworden.
Ein Leben als Profifußballer habe ich mir lange vorgestellt wie Schulunterricht mit nichts als Sportstunden bei Herrn Stein. Morgens und nachmittags Fußball spielen, vielleicht nach einem kurzem Aufwärmen. Dazu viel Freizeit und noch mehr Geld. Doch inzwischen weiß ich, dass diese Vorstellung naiv war. Denn das Training in so manchem Club sieht wahrscheinlich eher aus wie Sportunterricht bei Herrn Stahl. "Quälix" Magath etwa genießt unter Profis den gleichen Ruf wie Herr Stahl in meiner Klasse, auch Magaths liebster Ball ist der Medizinball. Ich kann mir die Reaktion der Schalker Profis vorstellen, als sie erfuhren, dass
Herr Magath nach Gelsenkirchen kommt. Obwohl, wenn ich es mir recht überlege: Fit war ich tatsächlich nach dem Schuljahr bei Herrn Stahl. Und ein bisschen mehr Fitness werden Kuranyi und Co. bestimmt nicht schaden.
Viele Profis müssen in diesen Tagen hoffen und bangen, weil noch nicht klar ist, wer ihr neuer Trainer wird. Wer beerbt
Daum in Köln, wer trainiert in der kommenden Saison die Zweitligisten von Fortuna Düsseldorf? Verkehrt ist es sicher nicht, schon mal niederländisch zu lernen, bei der Vorliebe der Bundesliga für Fußball-Lehrer aus Holland. Sollte wider Erwarten
Jürgen Klinsmann bei einem Bundesliga-Verein anheuern, können sich die Fußballer schon mal auf Mental- und Gummibandtraining, Sprachunterricht und Philosophie-Einheiten einstellen - und schwäbisch üben. Alles besser, als fränkisch lernen zu müssen. Falls
Lothar Matthäus kommt.
Hier muss ich schärfstens protestieren. Fränkisch kann man ja lernen (oder als Rheinländer eher nicht), deshalb muss ja der Loddar, das ist fränkisch und heißt Lothar,nicht gleich kommen. Auf Schalke ist ja schon ein Franke, ein Unterfranke, der Felix. In Köln ist der Hennes der wievielte ? Egal,ich habe einmal in einer Radioreportage gehört, der einzig Deutsche auf dem Platz ist der Geisbock !! Da fehlte es noch das einmal wenn Not am Mann...Geisbock ist einer aus dem Ausland geholt wird. Nichts gegen Ausländer aber ein deutscher sollte noch auf dem Platz sein und wenn es ein Geisbock ist oder ein Franke als Trainer und der heißt auch noch Felix, der glückliche, ein Omen. Glück auf...
MG am 9.06.09 0:00
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Zum SeitenanfangDas erste Auto meines Vaters, an das ich mich erinnere, war ein VW-Käfer, mausgrau und mit geteilter Heckscheibe. Das Auto, das uns Kindern beim Fußballspielen auf der Straße im Wege herumstand, war der VW-Käfer der Nachbarin. Das zitronengelbe Gefährt hatte sie bei einem Preisausschreiben gewonnen, und fast jeden Nachmittag zitterte und zeterte sie, dass es die Attacken unseres Lederballs unbeschadet überstehen möge. Meine erste Freundin mit Führerschein hatte ebenfalls einen Käfer, aus dritter Hand. Der war hellblau und verströmte einen einzigartigen Geruch aus Benzin, Gummi und feuchten Sitzpolstern.
"VW - das Auto", so wirbt der größte Autobauer Europas heute für seine Produkte. Wahrscheinlich hat er dabei mich und meine Altersgenossen im Visier, und natürlich die Generation Golf. Wir haben fast alle unsere frühesten und damit wichtigsten automobilen Erfahrungen mit VW gemacht. Wer seine Kindheit eher mit Erinnerungen auf dem Notsitz des Porsche 911 verbindet, ist dagegen eindeutig in der Minderheit, wenn auch in einer beneideten. Denn das Leben mit dem Käfer war nicht einfach, besonders im Winter, wenn man innen und außen Eis kratzen musste.
VW ist groß und baut Autos für die kleinen Leute, Porsche klein und baut Autos für die großen Leute. Und doch sind beide Unternehmen seit langer Zeit miteinander verbunden, auch familiär. Kürzlich versuchte der kleine David Porsche, den Goliath VW zu übernehmen, was ich mit gemischten Gefühlen sah: Ich ärgerte mich, VW-Aktien verkauft zu haben, bevor sie wegen der geplanten Übernahme in Schwindel erregende Höhe schossen. Und gleichzeitig freute ich mich ein bisschen, ohne mein Zutun in meinem Golf vielleicht bald zum Porsche-Fahrer zu werden. Doch aus der Übernahme wurde nichts, Porsche ging die Luft beziehungsweise das Geld aus. "Die bisherigen Erfahrungen, auch von Automobilfirmen, haben gezeigt, dass man, wenn man den falschen Fisch schluckt, gewaltige Verdauungsprobleme bekommen kann", sagte
Porsche-Chef Wiedeking, allerdings schon vor Jahren und mit Blick auf andere Autobauer. Seine eigene Warnung hat er selbst nicht beherzigt, und nun ärgert ihn wahrscheinlich der fade Fischgeschmack im Mund und das gewaltige Rumoren in seinen Därmen.
VW und Porsche sollen trotz der gescheiterten Übernahme enger miteinander verzahnt werden. Die größere Nähe schafft schon zu Beginn größere Schwierigkeiten, was keine Überraschung ist. Jeder Familientherapeut kann ein Lied davon singen, was ein langer Urlaub oder die gemeinsamen Weihnachtstage selbst in den besten Familien anrichten können. Die Musik in dem angestrebten gemeinsamen Konzern von VW und Porsche wird vermutlich künftig in Wolfsburg spielen, wie schon beim Fußball. Ich bleibe also weiter VW-Fahrer, was auch nicht wirklich tragisch ist. Porsche-Fahrer, das weiß ja schließlich jeder, wollen mit ihrer Karre bloß ihre Potenz-Probleme kaschieren.
Porsche baut wunderbare Autos und soll sie auch weiterhin bauen. Aber bitte nicht auf Kosten des Volkswagen Fahrers auch wenn ich keiner bin. Ferdinant Porsche hat den ersten Volkswagen erfunden und hier beginnt Herrn Wiedekings großer Irrtum. Er hat sich verzockt und die Kunden von Brot- und Butterautos sollen ihn aus dem Schlammassel ziehen. Der wo die größten Schulden hat kauft einen gesunden Betrieb, analog wie Schaeffler Continental und wenn es in die Hose geht soll der Steuerzahler den reichen Porschefahrern noch subventionieren. Fein ausgedacht Herr W. Hier kann Ihnen nur noch eine wohlgesinnte Regierung helfen. Die wäre dann aber Bürgerfeindlich. Mal abwarten....
MG am 26.05.09 18:48
Bockmist! Gedacht war: Porsche kauft die Aktienmehrheit von Volkswagen auf, plündert dann die Kassen von Volkswagen und zahlt mit diesen Rücklagen die Schulden bei den Banken, die durch diesen Kauf entstanden waren. Nicht bedacht war aber, dass die anderen Eigner von Volkswagen, allen voran das Land Niedersachsen, die Finger auf diesen Kassen haben würden und auch nicht bedacht worden war, dass die EU das "Volkswagengesetz" nicht kassieren würde.
Und so handelten die Freunde Wiedeking und Huber nach dem guten alten Motto: "Weil nicht sein kann, was nicht sein darf!" Und fielen wie schon Millionen von Selbstbetrügern vor ihnen in reinster Selbstverblendung voll auf die Schnauze.
Naturliebhaber am 21.06.09 12:18
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"Ab in den Wald!", rief mein Vater freudig erregt, kaum waren wir am Urlaubsort angekommen. Ich war noch etwas benebelt von der langen Autofahrt und der einzigartigen
Duftmischung von Zigarettenrauch (Vater), Haarspray (Mutter) und Kölnisch Wasser (Oma). Doch die Energie meines Vaters steckte die ganze Familie an. Schnell verstauten wir unser Gepäck in den Zimmern der Pension, schnappten die Spazierstöcke und machten uns auf den Weg in den Tann. "Hier kann man noch richtig durchatmen", schwärmte mein Vater und sog laut hörbar die würzige Waldluft ein. "Das liegt am gesunden Ozon!"
Inzwischen weiß ich, dass Ozon nicht unbedingt gesund und der Tannenwald meist eine ökologisch bedenkliche Fichten-Monokultur ist. Doch das schmälert nicht meine tiefe Liebe zum Wald, die ich mit den meisten Deutschen teile. Das frische Grün im Frühling, das schattige Plätzchen im Sommer, das bunte Laub im Herbst, der Schnee auf kahlem Geäst im Winter - der Wald hat in jeder Jahreszeit seine Reize. Dabei war er schon totgesagt, Anfang der 80-er Jahre. Saurer Regen drohte ihn dahinzuraffen, Stürme ihn flachzulegen. Doch der Wald lebt immer noch, vielleicht weil viele Artikel übers Waldsterben inzwischen nicht mehr auf Papier gedruckt werden, sondern im Internet erscheinen.
Längst hat der Wald auch sein konservatives Image verloren. Das begann wahrscheinlich mit Joseph Beuys, der auf der documenta 7 unter dem Motto "Stadtverwaldung statt Stadtverwaltung"
7.000 Eichen in Kassel pflanzte und so der nordhessischen Stadt ein wirklich nachhaltiges Kunstwerk schenkte. Inzwischen geht Doktor Gregors Freundin Elke mit ihrer Frauengruppe regelmäßig in den Kottenforst. Dort umarmen sie Bäume und schreien sich gemeinsam ihre Enttäuschungen über die Männerwelt von der Seele. Mein Freund Wolfgang hat einen alten Schinken mit Wald, See, Mondlicht und röhrendem Hirsch vom Speicher geholt und über sein Sofa gehängt. Und mein Bruder Klaus wandert mit seinen Altachtundsechziger-Freunden zweimal im Jahr durch die Eifel-Wälder.
Beim Thema Wald wird mir warm ums Herz. Deshalb war ich geschockt, als ich lesen musste, dass die NRW-Landesregierung nun
Staatswald in der Eifel verscherbelt hat. Gut, das Land braucht Geld, in einer Zeit, wo die Steuereinnahmen wegbrechen und die Wirtschaftskrise täglich neue Horrormeldungen produziert. Doch musste es gleich Wald sein, den die herz- und gefühllosen Politiker verkaufen? Und dann auch noch an die Bofrost-Stiftung! Macht die jetzt den Wald kalt? "Du steigerst Dich da in etwas rein", meinte meine Freundin Regina pragmatisch. "Sieh es doch so: Bofrost ist Experte darin, Dinge haltbar zu machen, und das kann für den Wald ganz nützlich sein!" Trösten kann sie mich damit nicht. Denn mir klingt noch ein
Lied der Toten Hosen in den Ohren: "Ausgerechnet der Bofrost-Mann, ja, das ist die Härte pur!" Und in dem Punkt war selbst meine Oma einer Meinung mit den Punkrockern aus Düsseldorf: "Bofrost kommt mir nicht ins Haus, ich mag es lieber frisch!"
Ein wundervoller Wortwitz ...
es lebe der Wald
Gefühlvolle Grüße eines Kleinstadtpolitikers mit Wandertrieb
Thomas am 10.05.09 13:29
Typischer Trugschluss: "Tiefkühlkost kommt mir nicht ins Haus, ich mag es lieber frisch." Denn im Gegensatz zur Tiko-Ware, die meist feldernah schockgefrostet wird, hat die "frische Ware" auf dem Markt oder gar im Supermarkt meist einen längeren, zum Teil bereits Tage langen Weg hinter sich, bevor sie an den Käufer gelangt. Tiko-Ware hingegen konserviert nicht nur die Frische sondern auch alle Nährstoffe und ist im Gegensatz zur sog. "frischen Ware" nicht bereits nähr-stofflich ausgelaugt, wenn sie in die Küche gelangt.
Da verwechselte Ihre Oma Tiko-Ware wohl mit getrockneten Hülsenfrüchten oder ähnlichen altertümlichen Konservierungsmethoden. Schade nur, dass ihr Enkel es anscheinend auch nicht besser weiß!
Naturliebhaber am 21.06.09 11:53
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Zum SeitenanfangDeutschland ist schön, und seine Landschaften sind typisch. Das weiß ich aus der Werbung, aber auch aus eigener Anschauung. Als Kind konnte ich den Familien-Urlauben in der näheren Umgebung - Eifel, Westerwald & Co. - zwar wenig abgewinnen. Heute aber ist mir klar: Jeder Winkel Deutschlands ist zumindest einen Kurzurlaub wert, und auch in scheinbar öden Ecken lassen sich spannende Dinge erleben.
Bestes Beispiel: das Sauerland. Es war lange vor allem für Menschen ein Begriff, die gerne Knickerbocker anziehen, durch Wald und Flur wandern und Hausmannskost essen. Inzwischen finden sich allerdings Touristen jeglicher Couleur im Sauerland. Aus dem "Land der tausend Berge", so ein alter Slogan, wurde die Region, die "reizvoll naturschön", "absolut actionhaft" und "wunderbar familienvoll" ist, wie die
Tourismuswerbung meint. Die Sauerland-Vermarkter locken die Gäste mit Skifahren und Mountainbiken, Klettern und Funsport, Golfen und Wellness. Und für zünftige Betriebsausflüge gibt es den legendären "Sauerlandstern", wo traditionell mit viel Alkohol das kollegiale Miteinander gestärkt wird.
Kein Zweifel, seit meinen Kindertagen hat sich das Sauerland mächtig gemausert, zumindest sein Image. Doch das droht nun Schaden zu nehmen durch den
Prozess gegen die sogenannte Sauerland-Gruppe, vier mutmaßliche Terroristen, die laut Anklage Anschläge vom Ausmaß des 11. September geplant haben sollen. Das Gerichtsverfahren soll mindestens zwei Jahre dauern. Solange werden Medien die Region eher mit Terrorismus als mit Tourismus in Verbindung bringen.
Das Sauerland hat schon Winter ohne Schnee, verregnete Sommer und den Sturm Kyrill überstanden. Deshalb glaube ich, dass es auch den Terror-Prozess wegstecken kann. Dazu sollte man reisefreudigen Deutschen berühmte und bewunderte Sauerländer ins Gedächtnis zu rufen, eine Sauerland-Gruppe der anderen Art:
Franz Müntefering,
Friedrich Merz und
Heinrich Lübke. Im Sauerland lernte Münte die "klare Kante", mit der er zweimal Chef der SPD werden konnte. Im Sauerland frisierte der langhaarige Rowdy Merz sein Mofa, bevor er Politiker wurde und eine Steuererklärung erfand, die auf einen Bierdeckel passt. Und der unvergessene Heinrich Lübke verlieh dem Amt des Bundespräsidenten eine höchst unterhaltsame Note und machte westfälischen Humor bekannt, als Rüdiger Hoffmann noch in den Windeln lag.
Die Sauerland-Gruppe vor Gericht besteht aus vier Männern. Deshalb mein Vorschlag für die Fremdenverkehrs-Werber: Schafft ein respektables Quartett und ergänzt die alternative Sauerland-Gruppe aus Lübke, Merz und Münte noch um
Doktor Gregor. Mein Blog-Kollege verbrachte immerhin einige Jahre in einem sauerländischen Kloster - bevor er sich dem modernen Leben zuwandte.
Audio: Auf Wiedersehen, Sauerland!

Ich sage ja: Im Sauerland ist das Grauen zuhause!
Rheinländer am 27.04.09 15:50
Das "Sauerland" ist doch mehr eine politische Bezeichnung und beinhaltet eigentlich nur den südlichen Teil von Westfalen. Zum gleichen Landschaftsraum gehörend und doch nicht zu dem Sauerland gehören die Hohe Mark, das Wittgensteiner Land, das Siegerland, die östlichen Teile des Bergischen Landes und jene des Erzbistums Köln. Und dabei ist diese Aufstellung nicht einmal vollständig und umfasst nur die Landschaftsteile, die politisch zu NRW gehören!
Kein Suurlänner am 21.06.09 11:35
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Zum Seitenanfang"Augen auf beim Einkauf", mahnte meine Oma früher, bevor wir einen Laden betraten. Ihr Konsumverhalten war damals schon so, wie es sich Verbraucherschützer heute wünschen: Eingehend verglich Oma Preise, Qualität und Haltbarkeit der Waren. Dazu befragte sie ausdauernd die Verkäufer. Wenn die dann mürbe wurden, luchste meine Oma ihnen noch schnell einen satten Rabatt ab - wegen irgendwelcher Mängel, die ihrem scharfen Blick nicht entgangen waren. "Content is king", nach diesem Glaubenssatz unserer digitalisierten modernen Welt lebte meine Oma bereits lange vor der Erfindung des Internet - und ohne Englisch zu beherrschen.
Die bunte Warenwelt unserer Tage hat meine Oma nicht mehr erlebt, aber ich bin sicher, sie hätte sich gut zurecht gefunden. Auch die jüngste Reform hätte sie nicht geschockt: Seit Ostersamstag sind
einige Vorschriften gelockert, die für Lebensmittel wie Milch, Bier oder Schokolade feste Inhaltsmengen vorschrieben. Demnächst stehen vielleicht Milchkartons im Kühlregal, die statt einem Liter 900 Milliliter enthalten, oder es werden Vollmilchtafeln angeboten, die nur noch 85 Gramm wiegen statt der gewohnten 100 Gramm.
Das gibt Raum für "Preisoptimierungen", wie manche Einzelhändler frohlocken. Ostern ist für sie gleichzeitig Weihnachten, und die neue Verpackungsvorschrift aus Brüssel ist das Geschenk. Doch sie haben die Rechnung ohne den österlich gestimmten Verbraucher gemacht. Beim Eierfärben hatte der genügend Zeit, sich Gedanken über die perfekte Verpackung zu machen. Denn das Ei ist eine solche: Ein Blick verrät, wie viel Ei sich unter der Schale verbirgt, sei es nun angemalt oder nicht. Das Ei ist der natürliche Gegenentwurf zur Mogelpackung, die demnächst in jedem Einkaufsregal zu finden sein wird. Selbst faule Eier lassen sich noch sinnvoll einsetzen, wie jeder Demonstrant weiß.
Luftige Verpackungen mit weniger Füllmenge - diesem Szenario können außer den Händlern nur die Gesundheitsschützer etwas abgewinnen. Die Deutschen sind zu dick, wissen sie. Gibt es demnächst weniger Schokolade pro Tafel, würden die Deutschen fast unbemerkt diäten. Ihre These sollten die Gesundheitsapostel mal an den Rauchern überprüfen. Rauchen die etwa weniger, weil in den letzten Jahren in den Packungen immer weniger Zigaretten drin sind? Außerdem wissen viele Diätgeplagte: Diäten machen erst recht dick.
Wir Verbraucher werden die neue Verpackungswelt gut verpacken, da bin ich optimistisch. Die meisten haben den Dreisatz in der Schule gelernt und können Kilo- oder Literpreise im Kopf ausrechnen. Wer darin nicht firm ist, dem helfen die Grundmengenpreise, die auch künftig auf jeder Packung stehen müssen. Sehr klein gedruckt, zugegeben. Aber die Sehkraft kann man mit natürlichen Mitteln stärken. Meine Oma empfahl dazu den Genuss frischer Möhren. Die haben, zusätzlicher Vorteil, wie Eier auch nur ihre Schale als Verpackung. Und ihr Diätfaktor ist ungleich höher als der kleinerer Schokoladentafeln.
Das moderne Leben - als Podcast.
Lieber Stephan Josef!
Die Vergleichspreise stehen schon eine ganze Weile dabei - nicht auf der Packung, aber am Regal. Dreisatz ist schon lange passé.
Naja, öfter mal was Neues im guten alten Supermarkt! Aber was ich viel schlimmer fand: Ich als traditionsgläubiger Mensch wollte auf den allerletzten Drücker ein paar Eier färben (isst zwar keiner, aber sie sind nett anzusehen). Also ab in den Laden, weiße Eier kaufen! Und was war? Puste-Eier! Bio-Eier, Käfig-Eier, Wachtel-Eier - aber keine weißen Eier. Dafür knallfarbene Fertig-Eier im Plastikbehälter, schon vor Wochen gefärbt in der Fabrik. Igitt! Wahrscheinlich haben die Groß-Eier-Färber die gesamte Weiße-Eier-Produktion vorab aufgekauft. Do it yourself ist out - oder wird einem ausgetrieben.
Anonym am 12.04.09 18:20
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Zum SeitenanfangDer Kölner an und für sich ist ein optimistischer Geselle. Das speist sich zum einen aus seinem fröhlich-rheinländischen Charakter, zum anderen aus dem Bewusstsein, in der nördlichsten Stadt Italiens zu leben. Italien ist spätestens seit den 1960-er Jahren Sehnsuchtsort aller Deutschen. Und Sehnsucht haben auch viele nach Köln, sonst ließen sich die steigenden Einwohnerzahlen und die angespannte Lage auf dem Kölner Wohnungsmarkt nicht erklären. Den Kölner selbst umweht ein Hauch von Sehnsucht, wenn er sich ausnahmsweise in der Fremde aufhält - etwa in Italien. Denn dort fehlt ihm der Ausblick auf den Dom und sein gewohntes Kölsch, beim Parlieren und im Glas.
Der Kölner ist stolz auf seine Geschichte, die sich bis tief in die Römerzeit zurückverfolgen lässt, und weiß sich gleichzeitig an der Spitze des Fortschritts. Lange bevor Networking zur In-Vokabel auf Manager-Schulungen wurde, erfanden die Kölner das Klüngeln. "Man kennt sich, man hilft sich", heißt die sympathische Losung im "Wirtschaftszentrum West". Sie gilt in der Nachbarschaft - in unserem Viertel, da hält man zusammen,
singen die Bläck Fööss - und sie gilt in den Spitzenkreisen von Politik, Wirtschaft und Verwaltung. Dort wie an der Kneipe auf der Ecke findet man den urkölschen Typ des schnurrbartbewehrten Mannes, der nicht alles weiß, aber alles erklären kann.
Südländische Lässigkeit und gesundes Selbstbewusstsein gründen sich bei ihm auf den ersten drei Artikeln des
kölschen Grundgesetzes: "Et es wie et es. Et kütt wie et kütt. Et hätt noch immer jot jejange." Diese ehernen Wahrheiten wurden allerdings durch den
Einsturz des Historischen Archivs erschüttert, und deshalb zeigt das Selbstbewusstsein des Kölners Risse, die mindest so gefährlich sind wie die in den Häusern längs der U-Bahn-Baustelle. Irgendwie scheint irgendwer beim Buddeln für die neue U-Bahn nicht richtig aufgepasst zu haben, und nun ist ein Großteil der Dokumente Kölner Geschichte wahrscheinlich für immer verloren. "Wat fott es es fott", dieser kölsche Grundgesetzartikel kann da nur wenig trösten.
Die Suche nach den Schuldigen hat längst begonnen, wird erfahrungsgemäß aber lange dauern oder gar ganz im Sand beziehungsweise Kies des wässrigen Kölner Untergrunds verlaufen. Stadt, Verkehrsbetriebe, Aufsichtbehörden, Baufirmen - sie alle spielen "Schwarzer Peter". Zwischenzeitlich wackelte sogar der Schreibtisch des ranghöchsten Kölner Schnauzbartträgers, Oberbürgermeister Fritz Schramma - allerdings nur wegen der U-Bahn-Bauarbeiten am Rathaus. Nun wird sich der U-Bahn-Bau weiter verzögern, wegen der notwendigen Sicherheitsüberprüfungen. Mit ewigen Baustellen haben die Kölner Erfahrungen, schließlich dauerte es Jahrhunderte, bis der Dom fertig war. Wie lange Schramma im Rathaus sitzen wird und ob bald nicht nur sein Schreibtisch wackelt, sondern auch sein Stuhl, können die Kölner bei den Kommunalwahlen in diesem Jahr entscheiden. Vielleicht variieren die Wähler Artikel sechs des Kölschen Grundgesetzes: "Kenne mer, bruche mer ävver nit, fott domet."
Bin Rheinländer, lebe aber seit 40 Jahren in Niedersachsen. Einen Tag nach dem Einsturz des Archivs bin ich in Köln gewesen- nach langer Zeit und habe mir aus Hobby-Interesse die KVB angeschaut.
Ich war, gelinde gesagt, schockiert über das verkommene Aussehen vieler Stadtbahnwagen -innen und außen- und der bedenkliche Zustand vieler Stationen. Im Nachhinein ist man immer schlauer, aber das viele Geld für den U-Bahn-Neubau hätte man lieber in den Unterhalt gesteckt, und die Bahn weiter oberirdisch fahren lassen sollen, wo sie auch noch ein urbanes Lebensgefühl vermittelt - siehe z.B. Karlsruhe.
Johannes Brüning am 29.03.09 14:51
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Zum Seitenanfang"Ohne Wasser kein Leben", zumindest dieser Satz ist bei mir hängen geblieben aus gefühlten dreißig Jahren Biologieunterricht. Diese Euphorie für das nasse Element kann ich nicht so recht teilen. Als Kind war mir der Schwimmunterricht wie Folter. An den Urlaub am Meer musste ich mich erst langsam gewöhnen. Und wenn es, wie in diesen Tagen oft, von morgens bis abends nieselt und der Himmel sich abwechselnd stein- oder mausgrau zeigt, geht mir das mächtig auf die Nerven. Genau wie die Ermahnungen meiner Freundin Regina. Sie findet, dass ich zu wenig trinke, vor allem zu wenig Wasser. "Drei Liter Flüssigkeit am Tag müssen es sein!", behauptet sie kategorisch, und: "Den Kaffee musst Du abziehen!"
Regina ist mit ihrer Meinung offensichtlich nicht allein. Ob auf der Arbeit, in der U-Bahn oder im Kino, Menschen mit Wasserflaschen, aus denen sie ab und zu einen genießerischen Zug nehmen, gehören zum alltäglichen Bild. Vor allem bei coolen Typen ist die Wasserflasche - selbstverständlich ist das Wasser still - inzwischen so selbstverständlich wie der iPod. "Deinen trockenen Humor musst Du ja nicht verlieren, wenn Du mehr trinkst", spöttelt Regina. Doch als ich mich gerade dazu durchgerungen hatte, etwas für Flüssigkeitshaushalt und Image zu tun, stieß ich auf einen
Bericht über "hormonähnliche Substanzen" im Mineralwasser, vor allem in Wasser aus Plastikflaschen. Kleine Hormongaben im Vorfrühling können ja nicht verkehrt sein, dachte ich mir, bis ich an die Stelle kam, wo die Folgen aufgelistet wurden: Im Experiment mit neuseeländischen Zwergdeckelschnecken haben Frankfurter Forscher nämlich herausgefunden, dass die hormonähnlichen Substanzen zu einem verzögerten oder verfrühten Eintritt der Pubertät führen können und zu Verhaltenstörungen bei Jungtieren. Seither sehe ich die coolen Jungs und Mädels in der U-Bahn mit ganz anderen Augen.
Manche scheinen das Dilemma erkannt zu haben und sind auf Bierflaschen oder Bierbüchsen umgestiegen. Diese Lösung hat den Nachteil, dass sie vom Arbeitgeber nicht goutiert wird. Andere haben wegen der Krise gar keinen Arbeitgeber mehr. Aber ihre Hoffnung, durchs Trinken wieder flüssig zu werden, trügt. So pendeln sie dann zwischen Arbeitsagentur und anonymen Alkoholikern und versuchen mühsam, wieder trocken zu werden. Trockenen Wein, den ich so gerne trinke, scheidet aus demselben Grund als Flüssigkeits-Grundversorgung leider auch aus.
Also bleibt doch nur das Wasser; Fruchtsäfte und Limonaden sind wegen des hohen Zuckergehaltes nicht zu empfehlen. Ständig mit einer Glasflasche rumzulaufen, ist allerdings keine Perspektive. Mit meiner Flüssigkeitskur warte ich deshalb noch, bis der abwechselnd steingraue und mausgraue Himmel wieder aufreißt und die Sonne scheint. Dann wächst auch bei mir die Lust auf Flüssigkeit, in gefrorener Form. Natürlich wird es Wasser- und nicht Milcheis sein, was ich dann in rauen Mengen vertilge. Dafür muss ich halt in Kauf nehmen, dass meine Finger klebrige Spuren auf dem iPod hinterlassen. Aber mit der U-Bahn werde ich sowieso nicht mehr fahren. Denn dort ist Eisessen verboten.
Audio: Trinken, trinken, trinken!
wer oder was scheidet aus?: Trockener Wein, den ich gerne trinke......
Anonym am 16.03.09 10:31
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Die Sonntage meiner Kindheit in der niederrheinischen Provinz waren oft eintönig. Es war die immer gleiche Abfolge von Kirchgang, Sonntagsbraten und Spaziergang. Eine willkommene Abwechslung waren deshalb die leider viel zu seltenen Wahlsonntage und Schützenfeste. An einem Wahlsonntag ging es nach der Kirche direkt in die Schule, wo die Wahlberechtigten in meiner Familie - Oma, Vater, Mutter - ihre Kreuzchen machten. Wir Kinder amüsierten uns derweil über die Wahlhelfer, die auf viel zu kleinen Schulstühlchen saßen, ernste Mienen zur Schau trugen und den
Kreidestaub einatmen mussten, dem wir die ganze Woche ausgesetzt waren.
Wenn Kirmes im Dorf war, gingen wir nach der Kirche direkt zum Festplatz. Während sich die Erwachsenen gebrannte Mandeln oder getrocknete Feigen gönnten, vergnügten wir Kinder uns auf Raupe oder Schiffschaukel, beim Büchsenwerfen oder Lose-Ziehen. Irgendwo auf dem Platz spielte eine Blaskapelle oder ein Trommelkorps, deren Musik uns Kindern besser gefiel als die frühmorgendlichen Orgelklänge. Zum Abschluss des Kirmesbesuchs bekamen wir dann eine große Portion Zuckerwatte, die uns den Heimweg versüßte.
Einen Supersonntag mit Wahl und Kirmes habe ich leider nie erlebt. Den gibt es aber demnächst im niederrheinischen Neuss. Am 30. August 2009, so will es NRW-Innenminister Wolf, werden Bürgermeister und Stadtrat gewählt. Obendrein ist
Schützenfest in der Stadt. Nicht irgendein Schützenfest, sondern das größte weit und breit, mit geschätzten 700.000 Zuschauern beim Umzug am Sonntagnachmittag. Bei so viel sonntäglicher Abwechslung könnte nicht nur den Neusser Kindern schwindlig werden. Die Neusser Verwaltung macht sich Sorgen, ob sie genügend Menschen findet, die lieber als Wahlhelfer auf viel zu kleinen Schulstühlchen sitzen, als sich den Schützenzug anzuschauen. Die in Neuss traditionell unterlegene SPD macht sich Sorgen, die konservativen Schützen könnten gleich zugweise in die Wahllokale einmarschieren und ihr Kreuz bei den Christdemokraten machen. Und die CDU macht sich Sorgen über Alkoholkontrollen im Wahllokal.
Auf die naheliegende Idee, die Wahl selbst zu einem Fest zu machen, ist noch niemand gekommen. Dabei wäre das eine prima Möglichkeit, die grassierende Wahlmüdigkeit zu bekämpfen, nicht nur in Neuss. Klagen über einfallslose Politik, hohle Politiker oder zu viele Wahltermine würden schnell verstummen, wenn man jeder Wahl etwas mehr Eventcharakter verleihen würde: Blaskapellen oder Trommelkorps weisen den Weg zum Wahllokal. Wurfübungen auf Büchsen mit Politikerköpfen verkürzen das Anstehen vor der Wahlkabine. Und als kleine Belohnung für die Stimmabgabe verteilen die Wahlhelfer
Zuckerwatte. Die ist so süß wie ein Wahlversprechen - und schmilzt erst auf dem Nachhauseweg.
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"Ich will Spaß, ich geb' Gas", so trällerte Anfang der 80er Jahre Markus und schwamm damit erfolgreich auf der neuen deutschen Welle. Mit 210 Sachen lenkte er seinen Maserati über deutsche Straßen, zumindest im Lied. Die unbeschwerten Zeiten sind lange vorbei, und das Auto ist vom Hätschel- zum Sorgenkind der Deutschen geworden.
Abwrackprämie und Absatzrückgang, Kurzarbeit und
Kohlendioxid-Ausstoß: Die Nachrichten aus der automobilen Welt sind derzeit selten gut. Da wirkt es wie ein zusätzliches Menetekel, dass nun NRW-Verkehrsminister
Oliver Wittke erst seinen Führerschein und dann sein Amt abgeben musste. Dabei war er gerade mal mit 109 Stundenkilometern geblitzt worden, irgendwo auf dem Lande. Markus hätte dafür nur ein müdes Lächeln übrig gehabt.
Wittke hat etwas von Vorbildfunktion gemurmelt, als er seinen Rücktritt erklärte. Das lässt eine bleierne Zeit für Autofahrer befürchten. Die müssen nun, so will es anscheinend der Zeitgeist, auf den gewohnten Bleifuß verzichten, ihre geräumigen Allradfahrzeuge gegen enge Öko-Kisten eintauschen und vielleicht bald schon leise schnurrende Elektroautos lenken statt röhrender Sechszylinder. Mit denen können sie dann nach Essen fahren, um noch einmal in der guten alten Markus-Zeit zu schwelgen - im
Musical "Ich will Spaß". Für die neue, autokritische Zeit fehlt noch der passende Song. Der wird kein leichter sein, aber bestimmt ist er bei Xavier Naidoo schon in der Mache.
"Keine Atempause, Geschichte wird gemacht, es geht voran", schwor uns
"Fehlfarben", ebenfalls eine Band der neuen deutschen Welle, auf das Tempo des modernen Lebens ein. Alles vergessen, alles vorbei? Verliert die Politik mit Wittke nun den Drive? Die Zeichen sind bei näherem Hinschauen nicht so eindeutig. Zwar hat den NRW-Verkehrsminister - erst einmal - sein Tempo aus der Laufbahn getragen. Einen anderen Minister hat aber seine mangelnde Geschwindigkeit zum Rücktritt gezwungen.
Michael Glos galt in Berlin als unumstrittener Meister in der Disziplin Beamten-Mikado: Wer sich zuerst bewegt, hat verloren. Nun gönnte er sich den Spaß, den ihm sein Job dem Vernehmen nach nie machte. Er trat zurück und dabei der Kanzlerin und seinem Parteichef auf die Füße. Künftig hat er auf der heimischen Küchenbank endlich die Ruhe, die ihm auf der unbequemen Regierungsbank so fehlte.
Und noch ein Rücktritt scheint bevorzustehen - der von
Bahnchef Mehdorn. Zu langsam ist vielen das Tempo, mit dem er die Datenaffäre der Bahn aufklären lässt. Wer die Bahn aber kennt, also nicht nur mit dem Bleifuß auf der Autobahn unterwegs ist, wird wissen: Der Rücktritt kommt - aber garantiert zu spät.
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Zum SeitenanfangEs ist schon bald zwei Jahre her, als ich auf einem zugigen Parkplatz auf meine Kollegin Angela wartete. Schließlich kam sie angebraust und lenkte ihren Kleinwagen in eine Parklücke. "Der tut es nicht mehr lange", behauptete ich mit Kennermiene. Eigentlich verstehe ich nicht viel von Autos, aber ihr Wagen - ein Benziner - klang wie ein Traktor und wies auch keine überzeugende Optik auf. Ich sollte mich irren. Angela fährt die Kiste immer noch. Vielleicht hat es damit zu tun, dass sie inzwischen eine etwas intensivere Beziehung zu einem begnadeten Mechaniker hat.
Alle, die wie sie ihr Auto lieben, werden nun auf eine harte Bewährungsprobe gestellt. Mit einer
Abwrackprämie will die Bundesregierung alte Vehikel der Schrottpresse und neue Käufer den Autohändlern zuführen. Das Vorhaben spaltet die Nation: in Idealisten und Realisten, in Sammler und Jäger, in Gefühls- und Kopfmenschen. Irgendwie gespalten fühlt sich auch meine Kollegin.
Die Prämie - immerhin 2.500 Euro - sorgt natürlich auch für zusätzlichen Zwist zwischen Auto- und Bahnfahrern. "Die sollten mit dem Geld mal was für den öffentlichen Nahverkehr tun", schimpft etwa
Doktor Gregor, der weder Auto noch Führerschein besitzt und seine Ziele auf Bahn- und Beifahrersitzen erreicht. "Stattdessen fördert der Staat mal wieder die Wegwerf-Mentalität!"
Mir dagegen gefällt die Abwrackprämie ausgesprochen gut, auch wenn ich nicht von ihr profitiere. Aber das kann sich ja schnell ändern. Vielleicht lobt die Politik demnächst ja Prämien für den Kauf neuer Haushaltsgeräte aus, um die nationale Energiebilanz zu verbessern. Oder sie gibt Geld dazu, wenn man den heimischen PC und seine Peripherie modernisiert. Eine solche Maßnahme erwägt Gerüchten zufolge auch der neue US-Präsident, nachdem er die
Computeranlage im Weißen Haus in Augenschein genommen hatte. Bei einer solchen Prämie würde ich zu den ersten Antragstellern gehören. Nach einem Blick in meinen Keller sind mir noch weitere sinnvolle Abwrack-Prämien eingefallen: für alte Ski, der Pistensicherheit wegen, und für alte Kleidung, um der gebeutelten Textilindustrie auf die Beine zu helfen, oder für alte Zeitungen, um den Wald zu schonen.
Endlich mal gründlich ausmisten und noch Geld dafür bekommen - das sind doch prima Perspektiven im angeblichen Krisenjahr 2009! Geld ist nicht alles, mahnt dagegen Kollegin Angela. Einen vermeintlichen Plan der Großen Koalition, aus demographischen Gründen die Anschaffung schicker neuer Bettwäsche zu subventionieren, hält sie für frauenfeindlich und will ihn boykottieren. Ihren Wagen will sie auch nicht verschrotten, sondern weiterfahren, bis er auseinanderbricht. Das kann, so prophezeie ich, nicht mehr lange dauern.
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Zum SeitenanfangHausfrauen schienen zwischenzeitlich etwas aus der Mode gekommen. Wer als jüngere Frau etwas auf sich hielt, studierte Medizin, Lehramt oder lernte Webdesign. Wer tatsächlich Hausfrau war, erzählte meist was von "kreativer Auszeit" oder beteuerte, demnächst eine Ausbildung zur Heilpraktikerin zu beginnen. Denn die einfache Hausfrau erschien als Relikt aus den 1950er Jahren, mit kleinkarierter Küchenschürze und Bratengeruch im toupierten Haar. Kurz gesagt: Unbegabt, unemanzipiert und vor allem unsexy.
Diesem miesen Image hat die Bundeskanzlerin nun den Kampf angesagt. Die
schwäbische Hausfrau, so ihre Idee, müsse weltweit zum Vorbild des Wirtschaftens werden. Mir fällt dabei direkt meine Oma ein. Die kam zwar nicht aus dem Schwabenländle, war aber bestimmt genauso spar- und genügsam wie eine durchschnittliche Hausfrau im Südwesten unseres Landes. Andererseits war Oma auch großherzig und freigiebig, wenn es um ihre Enkel ging. Und sie hatte immer hilfreiche Kräuter zur Hand, wenn der Bauch schmerzte oder der Kopf brummte – ganz ohne Heilpraktikerausbildung.
Diese sympathische Mischung aus Bescheidenheit, Großzügigkeit und Heilkraft lebt uns auch die Kanzlerin vor. Nach Jahren des Sparens lockert sie nun ihr strenges finanzpolitisches Regiment und verteilt
50 Milliarden zusammengeliehene Euro, auf dass uns die Krise nicht allzu schlimm treffe. Jetzt, wo es uns so schlecht geht, geht vieles, was vorher schlecht ging. Steuern werden gesenkt, Schulen saniert, Straßen repariert. Die Krise ist über uns gekommen, weil im fernen Amerika viele Menschen über ihre Verhältnisse gelebt haben. Nun bekämpfen die Kanzlerin und ihre Getreuen die Krise, indem sie kräftig über ihre haushaltspolitischen Verhältnisse leben. Ähnliches durch Ähnliches heilen – ein Prinzip, das wir von der
Homöopathie kennen. Das hat ja schon vielen geholfen, zumindest haben es viele geglaubt.
Mit Macht haben Politik und Wirtschaft das homöopathische Prinzip für sich entdeckt. Sie wollen die Krise mit dem überwinden, was sie sonst für reines Gift halten: Die
CDU, eine Verfechterin der Marktwirtschaft, plädiert plötzlich für mehr Staat. Die
SPD, die an den Staat glaubt, will ihn aber nicht an Unternehmen beteiligen. Die
Deutsche Bank, letzte Trutzburg des deutschen Kapitalismus, erträgt nun klaglos die Beteiligung des Staates am eigenen Vermögen. Und die Große Koalition, die weder CDU noch SPD nach der Bundestagswahl fortsetzen wollen, stellt sich selbst ein tolles Zeugnis aus. Homöopathie, wohin man schaut. Hoffen wir nur, dass die Dosis richtig ist. Denn auf die kommt es an, wusste schon meine Oma. Ihr Wissen hat sie schmerzhaft erworben. Opa ruht in Frieden, dank ihrem Digitalis.

Ihr Bericht klingt für mich etwas unobjektiv. Genau dieses "angestaubte Hausfrauenmodell" hat das deutsche Wirtschaftswunder erst möglich gemacht.
Meine Mutter hat auch nach 8 Berufsjahren diesen Karriereweg eingeschlagen. Meine Schwester und ich verfügen über eine gute Schulausbildung und haben es auch im Leben zu etwas gebracht. Auch ohne zweites Einkommen der Mutter. Aber wir sind auch schon ein Auslaufmodell. Pünktlich seine Rechnungen bezahlen, Arbeit nach der Ausbildung bis zur Rente; meine Schwester nach 2 x 3 Kinderjahren auch durchgehend. Meine Frau ist auch noch "zu Hause und betreut unsere Kinder und unser Familienunternehmen".
Obwohl Spießbürger machen unsere Kinder gerade alle entweder ihr Abitur oder stecken in gehobenen Ausbildungsgängen.
Früher war ich auch ein Revoluzzer, aber heute denke ich oft: Hätte ich vielleicht noch etwas öfter auf meine Eltern gehört. Die konnten nämlich aus dem Nichts viel erschaffen. Die einzige Alternative zu leicht verdientem Rot-Grün Harz IV. Nur gemachte Arbeit ist eine messbare Leistung. Leider kenne ich viel mehr Abstauber als bedürftige Menschen. Ist wohl eine Moderscheinung.
Meine Mutter wollte es immer so und ist keinesfalls ein unmodernes Auslaufmodell. Vielleicht fehlen gerade diese Frauen der Wirtschaft und der Regierung. Hausfrauen hätten nämlich das Zeug zum Finanzminister oder zum Aufsichtsratsvorsitzenden. Die gucken nämlich vorher in die Geldbörse und nicht hinterher.
Rainer Brinkmann, 46 Jahre, Optimist und Spießer am 19.01.09 9:38
Lieber Herr Brinkmann,
das deutsche Wirtschaftswunder resultierte - meiner Meinung nach - wohl eher aus der Zerstörung der Infrastruktur, dem Abtragen der Produktionsmittel, die noch bestanden, und dem Interesse der Alliierten Deutschland als Gegenpol zum bösen, bösen Ostblock zu installieren. Und nicht aus dem Schrubben Ihrer Hinterlassenschaften durch Ihre Frau Mama. Bei allem Resepekt zum Konzept "Hausfrau und Mutter" und der Arbeit, die die Aufzucht des Nachwuchses kostet, aber von "Karriereweg" kann man doch nun wirklich nur in einem satirischen Zusammenhang sprechen. Auch finde ich keinen Gegensatz in dem Zusammenhang Abitur der Kinder und eigene Spießigkeit, im Gegenteil. Sie glauben nicht, wie spießig manche Abiturienten sind. Mit Ihrer - das beruht auf den knappen Zeilen ihrer Antwort - Einstellung, sich zum "Revoluzzer" hochzustilisieren, kann doch nur bedeuten, dass sie in Ihren Zwanzigern, noch nach Zehn Uhr abends, unter der Decke, heimlich gelesen haben.
Meiner Meinung nach ist auch ein Staatshaushalt ein klein wenig anders, als das Haushalten mit den Zwei Euro Fünzig (oder dem tausendfachen), die sich in Ihrem Portemonnaie befinden.
Daher finde ich die Glosse amusant und treffend auf das "Thema" Hausfrau zugeschnitten.
Herribert Kunz am 19.01.09 17:32
Lieber Herr Kunz, auch ich finde die Glosse nicht schlecht - ich wollte nur eine andere Sicht der Dinge ins Spiel bringen. Mein Vater hat lange Jahre sehr hart gearbeitet. Manchmal wochenlang 12 bis 14 Stunden am Tag. Meine Eltern haben es, so würden es Aussenstehende bezeichnen, wohl eher weit gebracht. Das kam auch überwiegend durch den Verzicht meiner Mutter auf eine eigene "Berufliche Karriere" zustande. Das war nicht immer nur einfach. Aber meine Eltern haben immer ein gutes Team gebildet und alle Probleme des Lebens eher gestärkt überwunden. Außerdem war zu diesen früheren Zeiten eine Karrierefrau eher die Ausnahme. Mangels Möglichkeiten.
Natürlich hat auch meine Mutter oft bedauert, ihr fehle es an etwas. Nämlich die Anerkennung, die Männer nun einmal mit ihrem "Beruf und Erfolg" einheimsen. Ihre Anwort hat mich gelinde gesagt auch ein wenig amüsiert und Sie haben mich teilweise treffend eingeschätzt. Ich nehme das ganze Thema gar nicht so ernst. Aber absolute Unfähigkeit haben viele "Verantwortliche" in Wirtschaft und Politik sehr gut bezahlt und langjährig und noch andauernd überstanden. Familien würden bei der Sachlage im Elend landen.
Noch etwas zum schmunzeln: Sie glauben gar nicht, was Spießer "unter der Bettdecke" alles so treiben und auch unsere "Haushaltsbörsen" würde Ihnen vielleicht ein wenig überdurchschnittlich vorkommen. Ich freue mich überhaupt, hier mal eine Antwort bekommen zu haben, zu diesem moderaten Thema.
Wenn man manchmal Beiträge zu Wirtschaft, Politik oder diesem unaussprechlichem Kindesmord in Paderborn liest, wundere ich mich schon etwas über die beruflichen Fähigkeiten meiner Mitmenschen. Trotz Meinungsfreiheit. Vom Bundeskanzler über Pabst bis zum Serienhenker ist alles vertreten. Ich überlege gerne vor einer Meinungsäußerung und ich glaube ganz bestimmt Sie auch. Und das macht mir Hoffnung. Und dann darf man auch mal etwas anderer Meinung sein.
Rainer Brinkmann, 46 Jahre, Optimist und Spießer am 20.01.09 7:23
Lieber Herr Brinkmann,
so geht das aber nicht. Sie sollten sich bitteschön aufregen und mir meine Polemilk um die Ohren hauen. Dann schreibe ich etwas verletzendes zurück und einer packt die Nazi-Keule aus. Sie bewegen sich zuwenig im Internet, sonst würden Sie die Gepflogenheiten auf blogs und in Foren besser kennen und befolgen. Mit der Hoffnung auf Besserung verbleibe ich mit freundlichen Grüssen.
Herribert Kunz am 20.01.09 13:05
Back to the...? Die Welt steht Kopf zumindest bei den Finanzen und Unsere lieben Parteien haben Ihre Parteiprogramme lange nicht mehr gelesen, es scheint zumindest so und nun Frauen an den Herd, habe ich etwas verpasst?
Stephan am 20.01.09 20:27
Hallo, Herr Kunz!
Sie liegen richtig, ich kann mich leider aus Zeitgründen nicht so oft in Foren bewegen. Ich sage meinen 110 Mitarbeitern immer gern alles direkt und nicht per Mail, wenn`s sich einrichten läßt! Ich rege micht grundsätzlich nicht so sehr auf, weil das nichts bringt. Hauen Sie mir ruhig etwas um die Ohren, aber bitte keine Nazi-Keule. Grins...
Freue mich immer über "positives Feedback". Wer spricht schießt nicht so schnell...
Wenn Sie mal so richtig zulangen wollen, sollten Sie mal auf die "Hart aber Fair" Seite gehen. Oder Panorama "Hamas / Israel". Falls die noch nicht wegen öffentlicher Hetze geschlossen wurden.
Deshalb, stänkern auf hohem Niveau ist vollkommen O.K.!
Aber was man manchmal mitbekommt ist schon etwas beängstigend. Die gehören - trotz Meinungsfreiheit -, wenn diese mündlichen Serienhenker ablassen, echt noch einmal in die Schule. Ist aber nicht weiter schlimm, wir stehen halt auf einem höheren Entwicklungsniveau der Evolution. Teilen wir ein wenig mit den geistig Unterbemittelten.
Echt großzügig oder....
Rainer Brinkmann am 22.01.09 10:22
Sehr guter Beitrag. Wurde gerne noch weitere Informationen daruber erhalten.
Besten Dank und gruss
kaviagratsel am 8.05.09 15:04
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Der allerletzte Rückblick auf 2008 ist gesendet, der Neujahrskater auskuriert, manch guter Vorsatz schon vergessen. Nun ist es also da, das neue Jahr. Ein
"Jahr der schlechten Nachrichten", wie Kanzlerin Angela Merkel prophezeit hat. Was genau sie damit meint, hat sie offen gelassen. Aber wir können es uns denken: Die Wirtschaft wird den Bach runtergehen, die Arbeitslosigkeit steigen, das Staatsdefizit wachsen. Doch in die trüben Aussichten mischt sich ein Hoffnungsstreif: Auch in diesem Jahr wird es wieder Weihnachten geben!
Wer froh ist, die festlichen Tage im Kreis der Liebsten ohne Beziehungskrise und Tannenbaumbrand überstanden zu haben, mag das wenig tröstlich finden. Doch Weihnachten bescherte dem Einzelhandel wieder mal prächtige Umsätze, und die Internethändler konnten sogar eine zweistellige Wachstumsrate verbuchen. Selbst meine Freundin Regina, sonst dem Internet gegenüber eher reserviert, hat einen Großteil ihrer Geschenke online gekauft. "Montag habe ich bestellt, Mittwoch waren die Pakete da", erzählte sie euphorisiert.
Um die Paketversandunternehmen müssen wir uns also schon mal keine Sorgen machen. Und um viele andere Branchen auch nicht. Dafür sorgt die Bundesregierung, die nun ein Konjunkturpaket nach dem anderen schnürt. Die
Banken haben ihrs schon vor Weihnachten bekommen, nun darf sich die
Automobilbranche auf Hilfen des Staates freuen. Von der Paket-Konjunktur profitieren auch die vielen Wirtschaftsexperten, die nun in allen Medien darüber räsonieren können, was so ein Paket wirklich bringt.
"Warum wird ausgerechnet Bankern und Autobauern das Geld hinterher geschmissen?", fragt der ein oder andere kritisch nach. Die Antwort ist ganz einfach: Die Banken reichen das Geld ja postwendend an uns weiter, und wir geben es dann aus, etwa für ein neues Auto. Das müssen aber die Autobauer vorher gebaut haben, und dafür brauchen sie auch Geld. Das ganze nennt man, glaube ich, Wirtschaftskreislauf, und der muss halt im Krisenjahr auf Touren kommen.
Dazu können wir alle unseren Teil beitragen. Kräftig kaufen, kräftig feiern, es möglichst oft mal richtig krachen lassen, heißt die Devise. Dann klappt's auch mit der Wirtschaft. Weihnachten war ökonomisch gesehen ein Erfolg - auch wenn das
kapitalismuskritischen Predigern ein Graus ist - , Silvester auch, demnächst muss es der Karneval richten. Nicht auszudenken, wenn die tollen Tage in Trübsal versänken, wenn der Bierkonsum der Narren stagnierte. Bei ersten Anzeichen einer solchen Krise an Weiberfastnacht wäre ein gemeinsamer Auftritt von Merkel und Steinmeier vor der Bundespressekonferenz unausweichlich: Mit roter Pappnase kostümiert, sollten sie das Konjunkturpaket III mit dem schönen Namen "Frohsinn" verkünden, für Bierbrauer und Kostümhersteller. Falls allerdings kein Geld mehr übrig ist für ein weiteres Konjunkturpaket, bleibt ihnen immer noch der Rückgriff auf einen rhetorischen Klassiker: "Froh zu sein bedarf es wenig, und wer froh ist, ist ein König." Den Spruch kann auch bringen, wer die Wahl 2009 verliert.
Et is noch immer jood jegange. Ne schöne Jeroß an dä Becker dä hät jestern beim WDR om 20.15 Uhr in dä Sendung über dä Eifel och eine Stuss verzällt üwer dä Napolen. Wor en schön Sendung wenn och en Widderholung. Auf das andere, freuen wir uns erst im Karnevall der ja vor der Tür steht. Die Wirklichkeit, die Realität. Ich kommentiere alles, aber das ? Da liegt man doch mit jeder Meinung falsch weil die Politik nicht durchschaubar ist. Das ginge noch, sie ist unehrli.. ach lassen wir das. Irjendwann jeht et net ens mehr jood. Dat könnt ihr mir jeläuwe.
MG am 5.01.09 18:23
Lassen wir die Wirtschaftskrise mal aus uns zukommen, die meisten Firmen haben ja schon seit Jahren, natürlich in weiser vorraussicht, an Personal gespart. Der Bierkonsum der Narren und Jecken wird auch dieses Jahr nicht stagnieren oder Fallen.
Stephan am 6.01.09 0:44
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Zum Seitenanfang"Alt wirst du von ganz alleine, klug aber nur, wenn du tüchtig lernst", sagte meine Oma früher gerne. Sie wollte damit meinen Lerneifer wecken, hatte damit aber nur mäßigen Erfolg. Ich konzentrierte mich als Kind auf den ersten Teil ihrer Aussage. Die natürliche Alterung war für mich eine Verheißung. Allzu oft musste ich mir von Oma nämlich auch anhören: "Dafür bist du noch zu klein", oder "Das kannst du später mal machen, wenn du auf eigenen Füßen stehst". Klugheit erschien mir nicht als besonders erstrebenswert. Viele Erwachsene kamen ja auch ohne ganz gut zurecht.
Naturgemäß und ganz von alleine hat sich inzwischen der verheißungsvolle Charakter des Alterns verflüchtigt. Beim Skifahren bin ich vorsichtiger geworden, und ich denke öfter über meine Alterssicherung nach, vor allem, wenn die jährliche Rentenberechnung im Briefkasten liegt. Auf meinem letzten Geburtstag bekam ich ein Abo der Apotheken-Rundschau geschenkt. Meine Freunde diskutierten auf der Party ernsthaft über die Gründung einer Alten-WG, für die Zeit nach dem Berufsleben. Es wurde viel gewitzelt und gelacht, doch bei manchem bemerkte ich eine gewisse Nachdenklichkeit. Das konnte aber auch damit zu tun haben, dass das Rentenalter trotz Älterwerden in immer weitere Ferne rückt.
Wir müssen alle länger arbeiten, darauf schwört uns die Politik schon seit Jahren ein. Auch die Medien tun alles, um uns das aktive Alter schmackhaft zu machen. In einer konzertierten Aktion führt sie uns jeden Tag die rüstigen Alten vor. Geht es in der SPD drunter und drüber, doziert Hans-Jochen Vogel vor der Kamera. Schreibt eine junge Frau ein bemerkenswertes Buch, echauffiert sich
Literaturpapst Reich-Ranicki. Eskaliert mal wieder die Gewalt im Irak, nuschelt sich
Peter Scholl-Latour durch die Talkshows. Geht es um das Große und Ganze, seziert
Helmut Schmidt, in Mentholzigarettenqualm gehüllt, die Weltlage bei Beckmann oder Maischberger. Trifft sich die Showbranche zu einer Gala, ist garantiert ein guter Kerl namens
Jopie Heesters der Stargast.
Überhaupt das Showbiz!
Marius Müller-Westernhagen feiert dieser Tage seinen 60. Geburtstag auf der Bühne.
Tina Turner, inzwischen 69 Jahre alt, macht eine Welttournee. Und die steinalten
Stones malen unverdrossen rote Türen schwarz an.
Heino ist längst von seinem Rücktritt zurückgetreten und als Siebzigjähriger noch sehr aktiv, und das nicht nur musikalisch. Die Botschaften der Senioren in Politik, Kultur und Unterhaltung sind klar und tröstlich: Als Alter gehört man nicht zum alten Eisen. Rauchen sollte man nur gesunde Mentholzigaretten, dann kann man auch 90 Jahre alt werden. Das stand so ähnlich, glaube ich, auch in der Apothekenumschau. Musik hält fit. Und last but not least: Klug muss man auch im Alter nicht unbedingt sein.
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Was schenke ich bloß? Das ist für die meisten von uns in diesen Adventstagen die zentrale Frage. Zu ihrer Beantwortung halten sich viele an ein klassisches Vorbild, die altgriechischen
Peripatetiker. Die wandelten angeblich umher, um ihren Gedanken Beine zu machen. Vor
Weihnachten sind vor allem in den Innenstädten wieder jede Menge solcher Menschen unterwegs, die den 'Gedankengang' wörtlich nehmen. Zwischen Klamottenladen, Bücherstube und Kaufhaus hasten sie umher und sinnieren mit wachsender Verzweiflung, was sie bloß verschenken können. Wenn dabei nichts rauskommt, legen sie einfach Gutscheine unter den Tannenbaum.
Der Gutschein als Geschenk ist allerdings umstritten. Die einen finden ihn prima, weil sich der Beschenkte damit etwas kaufen kann, was ihm garantiert gefällt. Die anderen finden ihn doof, weil er angeblich die Einfallslosigkeit des Schenkenden offenbart. Die Gutschein-Diskussion beschäftigt inzwischen sogar die Politik. Volksvertreter aller Couleur debattieren darüber, ob
Konsumgutscheine sinnvoll sind, um der lahmenden Konjunktur wieder Beine zu machen.
Was für ein sympathischer Gedanke, Vater Staat als Weihnachtsmann! Statt ständig neuer Rechnungen können wir vielleicht schon bald ein freundliches Schreiben von Peer Steinbrück aus dem Briefkasten fischen, nebst Konsumgutschein über 500 Euro. Nur wenige ältere Menschen werden sich in diesem Moment noch an die hässlichen Kampfbegriffe "Konsumzwang" und "Konsumterror" erinnern und den Steinbrück-Schrieb direkt ins Altpapier befördern. Die allermeisten werden sich über den geldwerten Segen freuen; und geduldig auch das Kleingedruckte lesen auf der Rückseite des Konsumgutscheins.
Da wird dann vermutlich erklärt, dass man den Gutschein innerhalb von acht Wochen einlösen muss, nur in Deutschland hergestellte Produkte damit erwerben kann und ein - notfalls kreditfinanzierter - Eigenanteil von 200 Euro unerlässlich ist. Der Gutschein wird nicht übertragbar sein. Um den von Vater Staat Beschenkten die Orientierung zu erleichtern, wird eine Oberste Bundesbehörde eingerichtet, die auf Antrag den Aufdruck kleiner Deutschlandfahnen auf konsumgutscheintaugliche Produkte genehmigt. Weitere Fragen wird eine Hotline beantworten oder ein knapp 500-seitiges PDF-Dokument, das als Download auf der Website "ueberglueckliches-deutschland.de" bereitsteht. Darin wird dann etwa erläutert, wie man gefälschte von echten Konsumgutscheinen unterscheiden kann, was bei einem Verlust zu tun ist oder ob auch rechtskräftig verurteilte Straftäter Anspruch auf einen Gutschein haben.
Bevor ich weiter über die kleinen teuflischen Details nachdenke, mach ich lieber Schluss. Schließlich muss ich noch auf einen Sprung in die Stadt, Weihnachtsgeschenke besorgen. Denn eins verschenke ich dieses Jahr auf keinen Fall - Gutscheine.
Was gibt es da noch lange herumzuquatschen? Es wird mit der Wurst gelockt und dann kommt wieder nichts dabei heraus. Wie immer den Mund wässerig machen und dann NICHTS, denn die Wohlhabenden treiben gerne ihren Schabernack mit dem armen Volke sozusagen als Belustigung. Ich wäre als Rentner vielleicht in der Lage, durch diese Ersparnis solch eines 500 Euro-Gutscheines mein Auto durch den TÜF zu bringen, das mir, wie die Dinge bei mir liegen, sonst unbarmherzig verloren geht. Ich habe nämlich nichts von einer fortwährenden Steuersenkung, die für junge Menschen noch etwas mehr bringt als ein 500 Euro-Gutschein. Aber an arme deutsche Rentner denken ist offenbar eine Schande geworden.
Fritz Fritz am 7.12.08 11:29
Arme deutsche Rentner sind die eine Seite... Weniger wohlhabende oder wirklich arme "deutsche" Familien die andere. Die Idee der sog. Konsumgutscheine ist ja verlockend: Ich schenk dir was (Geld), das kannst du dann ausgeben. Aber was gut bei einem Geburtstag funktioniert - wenn es auch wahrscheinlich weniger Geld ist, das lässt sich bundesweit wohl nicht so einfach umsetzten. 1. Was will man eigentlich konsumieren, wenn man sowieso schon alles hat, was man nicht braucht? 2. Woher 200 Euro nehmen, um den Konsumgutschein zu erhalten, wenn man ohnehin nichts übrig hat? 3. Ist es wirklich der richtige Weg dem immerwährenden Konsum zu huldigen?
Wo bleibt bei diesen Plänen der Gedanke der Nachhaltigkeit, der des für die Zunkunft (im Alter) vorsorgen? Angesichts drohender neuer Milliardenschulden kann ich nur hoffen, dass die politisch Verantwortlichen diese Idee ganz tief in ihren Schubladen verbuddeln... Dann sollte man doch lieber andere Kaufanreize schaffen, die auch noch ihren Sinn (für Umwelt und Wirtschaft) haben - aber: bloß nicht nach dem Modell "Kfz-Steuer".
Frank Albrecht am 7.12.08 14:04
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Weil in Amerika die Banken leichtfertig Kredite an zottelige Habenichtse vergeben haben, kaufen die Deutschen keine Opel mehr. Das ist die Quintessenz aus rund hundert Talkshows zur Finanzkrise, die ich mir in den vergangenen Wochen angeschaut habe. "Alles hängt mit allem zusammen", wusste schon meine Oma, lange bevor die ganze Welt über die Globalisierung und Vernetzung redete. Früher interessierte es keinen, wenn in China ein Sack Reis umfiel. Heute ahnen wir: Der
Reissack fällt um, weil ihn jemand nicht ordentlich hingestellt hat - wahrscheinlich weil er zu hektisch war. Wie ja die gesamte
chinesische Wirtschaft recht hektisch und überhitzt wirkt. Wo solch eine Überhitzung hinführt, wissen wir auch: geradewegs in die Katastrophe.
Der Reissack ist leider nicht das einzige Menetekel. Leere Autohäuser, entlassene Leiharbeiter, demonstrierende Chefärzte - es ist ein Graus. Die Finanzkrise reißt fast alles runter, auf jeden Fall die Stimmung. Geld fehlt an allen Ecken und Enden, vor allen den Banken. Der nächste Crash droht angeblich den
Kreditkartenfirmen, denen in den USA. Aber wie schnell der Krisen-Bazillus den Atlantik überquert, wissen wir, seit wir
"Lehman Brothers" buchstabieren können. Auch die
Dominotheorie, die ich im Politikstudium kennen lernte, kommt mir wieder in den Sinn: Erst fällt einer, dann der nächste, dann alle übrigen...
Der Chor der Untergangspropheten bekommt täglich Zulauf, von Bankern und Bauern, Ärzten und Einzelhändlern, Autobauern und Flugzeugverkäufern, Verlegern und Chemiefabrikanten. Die EM-Planer in der Ukraine sind genauso Opfer der Krise wie ganz
Island. Die reizvolle Insel hatte früher nur Vulkane und Geysire. Dann siedelten sich dort viele Banken an, die glänzende Geschäfte machten, und die Isländer hatten plötzlich einen weltweit beneideten Lebensstandard. Nun ,in der Krise, müssen sie sich wieder auf die natürlichen Ressourcen ihrer Insel besinnen - Vulkane und Geysire.
Die Lage schlägt aufs Gemüt, keine Frage. Letztens träumte ich, dass der Geldautomat an meiner Sparkasse (!) grundlos meine Karte kassierte. Auch meine zweite EC-Karte verschwand auf Nimmerwiedersehen im Automaten. Auf dem Display war ein Smiley zu sehen und der Satz "Wir danken für Ihr Vertrauen!". Als ich unverrichteter Dinge und ohne Geld nach Hause ging, sah ich noch meinen Kollegen
Doktor Gregor, von Hause aus Theologe, am Straßenrand ein Apfelbäumchen pflanzen. Schweißüberströmt wachte ich auf und schaltete das Radio ein.
In den Nachrichten wurde gemeldet, dass das Bonner Solarzellen-Unternehmen
Solarworld Opel übernehmen wolle, eine sympathische und ökologisch hoffnungsvolle Perspektive. Vielleicht ist sie ja nur der Beginn des großen Wandels! Bioland könnte demnächst die verödeten Höfe pleite gegangener Milchbauern übernehmen, Alnatura den Discounter Aldi kaufen, "Frosch" den
taumelnden BASF-Konzern erwerben und die Umwelt-Bank die Deutsche Bank. Statt gieriger Banker sitzen dann zottelige Ökos an den Schalthebeln der Macht und zeigen den ehemaligen Finanzjongleuren, was eine ökologisch korrekte Harke ist. Und die Harke würde sich verbreiten: Denn statt für windige Immobilien gäbe es Kredite nur noch für Kleingärten mit ökologischem Anbau - zur Selbstversorgung in der nächsten Krise.
In dieser Krisen geschüttelten zeit sind die Glossen von Dr. Dregor und Stephan Josseph ein echtes Highlight zur Stimmungsaufbesserung und beweisen, dass WDR.de noch nicht in der Krise angekommen ist. besonders diese und die letzte Glosse sind mal wieder sehr gelungen. :-)
Dagmar am 23.11.08 16:56
Sehr interessante Erkenntnisse, die die Jungs hier zum Besten geben. Genau das Richtige zur Weihnachtszeit.Als kursgeplagter und ökologisch interes-sierter Globalisierungsfreund könnte ich mich mit den Visionen dieser Männer anfreunden. Der WDR ist, das weiß man ja, immer fast dran.Da alle über Steuersenkungen oder Geschenke für die Zahler dieser Misere nachdenken, könnte auch der WDR einen bedeutenden Beitrag leisten und sich für die Senkung der Gebühren einsetzen. Das würde unmittelbar durchschlagen und die Geschenke werden wieder größer.
Wolfgang am 24.11.08 10:26
Ich finde den Beitrag super und möchte hinzufügen:wenn die Konzerne jetzt Solidarität bzw. Staatshilfe(Steuergelder!)verlangen, sollte die Frage erlaubt sein: Als bis vor drei Jahren die Banken und Konzerne Miliarden verdient hatten, haben sie die Mittel- bzw.Unterschicht an dem Aufschwung!!! teilnehmen lassen?! Natürlich NEIN! Die Krise ist m.E. hausgemacht, und die Verantwortlichen (z.B G.W.Bush!) mussen bestraft werden.
zia am 24.11.08 11:39
Die Globalisierung und die freizügige Marktwirtschaft der Amerkaner, hat uns jetzt ihre Negative Seite gezeigt.
Und schon hört man von Bänkern und Managern nur noch der Ruf nach Vaterstaat!
Super Bericht!
Stephan am 24.11.08 23:29
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Zum SeitenanfangStudierende sind nachtaktive Geschöpfe. Auch ich suchte als Student die Ruhe der späten Stunden, um mich auf schwierige Prüfungen vorzubereiten oder ein Referat zu schreiben. Leider waren es meist die Nächte vor der Prüfung beziehungsweise vor dem Abgabetermin, in denen ich zu Höchstform auflief - sehr zum Leidwesen meiner WG-Genossen. Denn wir gehörten zur Generation "Gabriele" und arbeiteten vorzugsweise mit dieser mechanischen Schreibmaschine, PCs gab es noch nicht oder sie waren noch zu teuer. Also klemmte ich ein Kissen unter die "Gabriele", um meinen harten Anschlag etwas zu dämpfen und den anderen WG-Bewohnern ihre Nachtruhe zu gönnen. Trotzdem saß nicht nur ich nach solchen Nächten hohlwangig und mit Augenringen am gemeinsamen Frühstückstisch.
Heute weiß ich, dass ich damals an akuter
Prokrastination litt, was sich sehr viel besser anhört als Aufschieberitis. Anscheinend habe ich diese Krankheit auch nicht gründlich auskuriert, weil ich immer wieder Rückfälle erleide, etwa wenn ein Zahnarztbesuch ansteht, die Sommer-Reifen an meinem Wagen gewechselt werden müssen oder eine Glosse zu schreiben ist. Ein Trost nur, dass ich nicht der einzige bin, der an dieser heimtückischen Krankheit leidet. Meine Freundin Regina beispielsweise stöhnt unter den Folgen der Zeitumstellung. Die hat ihr zwar eine Stunde geschenkt. Aber nun wacht sie jeden Morgen eine Stunde zu früh auf. Also verschiebt sie das Aufstehen und bleibt im Bett. Schließlich will sie ja ausgeruht zur Arbeit erscheinen. Sie schläft dann wieder ein und wacht so spät auf, dass für ein Frühstück die Zeit zu knapp wird.
Auch unter Politikern ist die Krankheit weit verbreitet.
Helmut Kohl ist so ein berühmtes Beispiel, das schon bald den Einzug in die medizinischen Lehrbücher finden dürfte. Als großer Aussitzer veredelte er seine Prokrastination zu einer politischen Strategie. Aktuell sind es die hessischen
SPD-Rebellen, die als Vorzeige-Aufschieber gelten können. Sie ließen Vier-Augen-Gespräche, diverse Diskussionen und einen Parteitag verstreichen, ohne ihre Ypsilanti-Allergie öffentlich zu machen. Dafür mussten sie heftige Kritik einstecken. Mit Kranken, finde ich, sollte man eigentlich anders umgehen. Litt nicht die gesamte SPD an Aufschieberitis, als sie mehr als zwei Jahre lang
Kurt Beck als Chef aushielt?
Prokrastination ist also längst epidemisch, eine Volkskrankheit. Doch Heilung ist in Sicht. Dem Vernehmen nach forscht die Pharmaindustrie bereits fieberhaft nach Gegenmitteln. Bis es soweit ist, kommt Hilfe, wie so oft, aus Amerika. US-Präsident
Barack Obama sprüht vor Tatendrang, er scheint immun gegen Aufschieberitis. Er will nach seinem Amtsantritt gleich die Wirtschaft sanieren, die gesetzliche Krankenversicherung einführen, den Irak-Krieg beenden. Auf solch einen US-Präsidenten haben zahllose Menschen in der ganzen Welt gewartet. Und sei es, um sich getrost zurücklehnen.
So, das soll reichen. Die Redaktion drängelt schon, wartet auf den Text. Ist wohl wieder etwas spät geworden.
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Früher war die kurze Lederhose mein liebstes Kleidungsstück. Sie war robust und eignete sich ebenso zum Fußball spielen wie zum Bäume erklimmen. Pflege brauchte sie so gut wie keine. Sie war einfach unkaputtbar, auch wenn damals das Wort noch nicht erfunden war. Nur sonntags tauschte ich das gute Stück gegen eine Stoffhose, die sogenannte Sonntagshose. Später ersetzte ich die Lederhose durch Jeans, die sich problemlos mit Hemden, T-Shirts oder auch mal einem Jackett kombinieren ließen. Beim Einkauf ließ ich mich nun von meinen Freundinnen beraten und nicht mehr von meiner Mutter oder meiner Oma. Der
Klamotten-Kauf blieb für mich trotzdem ein notwendiges Übel; von Shopping-Event keine Spur.
Vielen Männern ging es in ihrer Kleidungs-Sozialisation wahrscheinlich ebenso. Noch immer, so hat eine Studie festgestellt, geben Frauen etwa doppelt so viel für ihre Kleidung aus wie Männer. Am Geld kann es nicht liegen, da wir aus anderen Untersuchungen wissen, dass Männer im Durchschnitt immer noch deutlich mehr verdienen. Wahrscheinlich ist es der Hang zum Praktischen, der Männer gerne zu strapazierfähigen Materialien greifen lässt. In bunten Jogging-Anzügen etwa kann mann sowohl im Stadion sitzen, einen Waldlauf machen oder frau zum Shoppen in die City begleiten.
Glücklicherweise hat das moderne Leben aber auch einen gegenläufigen Trend hervorgebracht. Gut gekleidete Männer sind zwar immer noch seltener als stilvoll gewandete Frauen, aber es werden mehr, zur Freude von Boss, Brioni & Co. Den Frauen können sie natürlich nicht den Rang ablaufen.
Sarah Palin etwa, McCains Vizepräsidenten-Kandidatin, soll 150.000 Dollar in ihre Garderobe und ihre Kosmetik während des Wahlkampfs investiert haben. Wobei sie das Geld fairerweise von der Republikanischen Partei kam, für die sie ja antritt.
Vergleichbare Investments bei deutschen Politikerinnen und Politikern fehlen leider. Zwar ließ sich NRW-Schulministerin
Barbara Sommer aus Steuergeldern im mediengerechten Gebrauch der deutschen Sprache unterrichten. Aber einen Styling-Coach gönnten ihr anscheinend weder das Land noch ihre Partei, die CDU. Die SPD scheint ähnlich unempfindlich für die ästhetischen Anforderungen der neuen Zeit. Wie sonst ließe es sich erklären, dass Kanzlerkandidat Steinmeier seine Brille vermutlich immer noch bei Fielmann kauft und der neue alte Parteivorsitzende Müntefering offenbar seinem Friseur im Sauerland seit 30 Jahren die Treue hält?
Richtig gut gekleidet sind in Deutschland vor allem die Banker. Doch hier stellt sich die bange Frage: Wie lange noch? Wenn den Finanzjongleuren im Zeichen der
Bankenkrise die Boni gestrichen werden, fehlt ihnen womöglich bald das nötige Kleingeld für eine standesgemäße Garderobe. Aber zumindest am Flughafen kann ihnen das egal sein. An den europäischen Airports sollen neuartige Sicherheitsüberprüfungen eingeführt werden, die alle Passagiere bis auf die Haut durchleuchten und jedes Speckröllchen sichtbar machen, egal, was mann oder frau darüber trägt. Unsere Investitionen in die eigene Schönheit sollten wir Männer also künftig klug aufteilen - zwischen Fitness-Studio und Klamotten-Laden.
Der von Ihnen angeführte "bunte Jogging-Anzug" hat eigentlich das Faß zum Überlaufen gebracht. Die in den Chefetagen Sitzenden, is klar, daß sie sich in Anzug und Krawatte werfen, aber sehen irgendwie dann auch nur buisnessmäßig aus. Der Mann auf der Straße dagegen streift leider etwas nachlässig umher. Das Außen spiegelt das Innere. Das Innere das Außen. Ach Gott, was könnte man schön philosophieren und psychologisieren. Ein herrlich abendfüllendes Thema. Allein schon die Jogging-Schuhe an den Füssen. Ein paar richtige Schuhe, was für ein Wohlstand. Ehrlich. Schön geputzt und blank gewienert.
Giovanni am 3.12.08 15:25
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Seit Monaten liegt mir meine Freundin Regina in den Ohren, uns beide für
"Das Quiz" mit Jörg Pilawa anzumelden. Anfangs war ich begeistert von der Idee. Doch mit der Zeit wuchsen meine Zweifel. Mein Allgemeinwissen ist zwar nicht schlecht, aber richtig blamieren kann man sich vor allem in den eigenen Spezialgebieten. Ich habe Politikwissenschaft und Germanistik studiert, und mir machte die Vorstellung zu schaffen, bei Pilawa
Bundestag und
Bundesrat zu verwechseln oder
Goethe und
Schiller.
"Mehr Schein als Sein", kommentierte meine Oma gerne, wenn ein Kandidat früher beim
"Großen Preis" versagte. Vielleicht ist es dieses großmütterliche Verdikt, dass mich unterbewusst daran hindert, endlich den Bewerbungsbogen für das Pilawa-Quiz auszufüllen. Zwar habe ich im Laufe meines Lebens gelernt, über Filme zu reden, die ich nicht gesehen habe, und über Bücher zu fachsimpeln, die ich nicht gelesen habe. Doch auf dem Kandidatenstuhl kann die Sache ganz schnell ganz anders aussehen.
Meine Freundin lässt aber nicht locker. Seit Wochen liest sie unermüdlich die "Bunte" und "Gala", "um in Sachen Königshäusern auf dem Laufenden zu sein". Sie hat sich auch schon ernsthaft Gedanken darüber gemacht, wo wir die Gewinnstufen einloggen sollten, und plädiert für zehn- und zwanzigtausend Euro. Das finde ich wiederum etwas kleinmütig. "Wenn schon, denn schon", halte ich dagegen, dreißigtausend Euro sollte die zweite Gewinnstufe mindestens sein. "Und wenn dann eine Frage zum
Literatur-Nobelpreis kommt?", fragt sie tückisch. "
Thomas Mann,
Heinrich Böll und
Günter Grass, das sind die deutschen Preisträger gewesen", halte ich dagegen. "Und wie heißt der diesjährige Literatur-Nobelpreisträger?", kontert sie.
Ihre Frage bestärkt meine Zweifel an unserem Plan. Den diesjährigen Nobelpreis für Literatur erhält
Jean-Marie Gustave Le Clézio - habe ich nachgelesen. Er wird die Auszeichnung im Dezember entgegen nehmen. Den Namen des Literaten habe ich zuvor nie gehört, geschweige denn ein Buch von ihm gelesen. Tröstlich, dass auch
Marcel Reich-Ranicki noch nie etwas von Le Clézio gelesen hat. Aber dafür weiß er sicher, wo der Literaturnobelpreis verliehen wird. Wo noch gleich, in Oslo oder doch in Stockholm?
Diese ganze Pilawa-Geschichte macht mich zunehmend konfus. Ich habe das Gefühl, dass ich nicht einmal mehr unbeschwert über Dinge schreiben kann, von denen ich nichts verstehe. Das ist tragisch für einen Journalisten. Deshalb: Schluss jetzt. Und zum Glück erklärt in der kommenden Woche Doktor Gregor wieder das moderne Leben!
Lustig!
zaubernuss am 15.10.08 16:41
Wirklich sehr witzig geschrieben. Aber wie sagt meine Oma immer: wer nicht wagt, der nicht gewinnt!
Anonym am 16.10.08 9:17
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Zum SeitenanfangMein älterer Bruder war 16 Jahre alt, als er sein Leben radikal änderte. Sein Bett ersetzte er durch ein Matratzenlager. Er bastelte sich einen niedrigen Tisch, auf dem er eine überdimensionale Wasserpfeife platzierte. Die Rolladen vor dem Fenster blieben nun auch tagsüber geschlossen. Eine angepinselte Glühbirne verbreitete diffuses rötliches Licht, und ein schwerer, süßlicher Duft beherrschte den Raum. "Du verdirbst dir noch die Augen", mahnte Oma meinen Bruder, der begonnen hatte, Unmengen von Büchern zu verschlingen, vor allem fernöstliche Philosophie.
Auch ein schmales Bändchen von Konfuzius fand sich im Bücherregal. Ein Spruch daraus hat mich besonders beeindruckt: "So fließt alles dahin wie der Fluss ohne Aufhalten Tag und Nacht!" Er fiel mir jetzt wieder ein, als vor den bayerischen Landtagswahlen überall vom sanften Niedergang der CSU zu lesen war. Der drohende Verlust der absoluten Mehrheit hatte die Parteispitzen verunsichert. Trost hätten sie bei den Sprüchen des alten chinesischen Weisen finden können. Doch wahrscheinlich fehlte ihnen dazu die Muße nach einem anstrengenden Wahlkampftag mit Pendlerpauschale, Rauchverbot und Gentechnik.
Oder sie glauben, dass sie als Bayern von einem Chinesen nichts lernen können – ein folgenschwerer Irrtum. Schließlich ähneln sich das Reich der Mitte und Bayern, bei genauerem Hinschauen, zum Verwechseln. Beide sind wirtschaftlich erfolgreich, auch global, obwohl ihre Sprachen für Fremde kaum zu lernen sind. Chinesen wie Bayern verehren charismatische Führer - Mao beziehungsweise Strauß -, und sind voller Bewunderung für die Modernisierer ihres Landes - Deng Xiaoping beziehungsweise Edmund Stoiber. Das bayerische Leuchtturmprojekt ist der Transrapid, und der fährt – in China.
Politisch sind China und Bayern eher einseitig gestrickt, mit einer alles dominierenden Partei. Doch wirtschaftlicher Erfolg, das scheint eine Lehre der bayerischen Landtagswahl, verändert die Gesellschaft und fördert auch die pluralistische Demokratie. Den Beginn des bayerischen Aufbruchs datieren viele mit der Olympiade von 1972. China, das in diesem Jahr die Olympischen Spiele ausrichtete, sollten wir also noch etwas Zeit für den Wandel zugestehen. Den bayerischen CSU-Politikern aber legen wir für die Analyse der Landtagswahl den alten chinesischen Weisen ans Herz. "Menschen stolpern nicht über Berge, sondern über Maulwurfshügel", sagt Konfuzius. Für notorisch gestresste oder lesefaule Politiker gibt es weitere Weisheiten von Konfuzius auch im Fernsehen – von "Gung" in der Lindenstraße. Wahrscheinlich hat das Wahlvolk dort vor dem Urnengang einen weiteren Spruch gehört und sich zu Herzen genommen: "Misstraue den Glattzüngigen, die sich aus allem herauszureden suchen."
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Zum SeitenanfangMeine erste Kamera - eine Kodak-Box - bekam ich zur Kommunion geschenkt. Mit ihr verewigte ich die Gäste der Feier und Tage später die interessantesten Tiere im Kölner Zoo. Sorgsam klebte ich die Fotos in ein Album. Dabei widerstand ich dem Impuls, den Kommunionsgästen passende Zoo-Tiere zuzuordnen. Tante Frieda hätte es vielleicht noch lustig gefunden, neben einem Uhu zu kleben. Aber Onkel Alfred hätte wahrscheinlich einen seiner in der ganzen Familie gefürchteten Tobsuchtsanfälle bekommen, wenn er sein Konterfei neben einem gähnendem Nilpferd entdeckt hätte.
Meine anfängliche Fotobegeisterung verflachte zusehends, vielleicht deshalb, weil es zu wenig attraktive Motive zu geben schien. Das war natürlich eine kindliche Fehleinschätzung. Heute werden in Deutschland laut Branchenmitteilung
500 Fotos pro Sekunde gemacht, die Schnappschüsse mit dem Handy nicht mitgerechnet. Vor zehn Jahren sollen es nur 100 gewesen sein. Es gibt also Motive satt in unserem schönen Land, und dank der Erfindung der Digitalkamera knipsen wir sie nun endlich alle - ohne Reue.
Kostengünstig können wir nicht nur die spannendsten
Urlaubs-Momente im Bild festhalten, sondern auch aus unserem Alltag einen digitalen Bilderteppich knüpfen. Die kleinen Alben oder Foto-Ordner im Computer heißen dann "In der U-Bahn", "Auf dem Wochenmarkt" oder schlicht "Herbst". Ambitioniertere Zeitgenossen fotografieren etwa ihre Füße in ganz unterschiedlichen Umgebungen. Oder sie halten Tag für Tag den Blick aus ihrem Klofenster fest. So entstehen faszinierende Dokumentationen und wahre Fundgruben für künftige Alltags-Archäologen.
Das Fotografieren ist einfacher geworden, aber nicht leichter, so meine Erfahrung. Denn Probleme gibt es immer dann, wenn ich Menschen ablichte. Beim anschließenden Bilder-Begutachten gibt es regelmäßig Proteste. "Warum hast Du mir nicht gesagt, dass meine Bluse einen Fleck hat?", heißt es dann, oder: "Wie kannst Du nur eine Perspektive wählen, aus der mein Gesicht so rund aussieht?" Kollege
Doktor Gregor meinte gar, dass er auf einem Foto, das ich geschossen hatte, wie ein ungelenker Tanzbär aussähe. Ich dementierte nur halbherzig, und schon entbrannte zwischen uns eine sehr grundsätzliche Diskussion, die der promovierte Tanz- äh Theologe - mit dem Diktum
"Du sollst Dir kein Bildnis machen!" beendete.
Seitdem konzentriere ich mich beim Fotografieren auf Motive, die nicht sprechen können: Landschaften, Blumen, Tiere. Bei meinem letzten Zoobesuch habe ich wieder ein gähnendes Nilpferd geknipst, und auch einen stattlichen Braunbär. Der hat in meinem Album einen Ehrenplatz. Neben meinem Kollegen.
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Zum SeitenanfangTreue Begleiter meiner Kindheit waren Hunde, genauer gesagt Schäferhunde, noch genauer: Deutsche Schäferhunde. Für diese Rasse hatte mein Vater ein Faible, und so gehörte stets ein Exemplar zur Familie, oft sogar eins mit Stammbaum. Die Hunde hatten Namen wie Freya von der Waldkuppe oder Cito vom Fürtherberg und ganz unterschiedliche Charaktere. Cito etwa war ein kaum zu bändigender Rüde, der Unmengen von Hunde-Schmankerln wie Pansen oder alten Fisch verzehrte. Freya und Cora dagegen waren lammfromme Hundedamen, denen man sogar ungestraft auf den Schwanz treten konnte.
Als berufstätiger Großstädter, der in einer Etagenwohnung haust, muss ich mir heute den Wunsch nach einem treuen, sprich hündischen Lebensabschnittsgefährten verkneifen. Mir bleibt, wie vielen anderen, nur der Trost des Fernsehens. Die Glotze verwöhnt mich und alle, die wegen der technokratischen Kühle des modernen Lebens von innerer Erkältung geplagt sind, mit zahllosen Tiersendungen. Kaum ein
Zoo, der nicht ein Fernsehteam als Dauergast hat, und kaum ein Tierheim, über das nicht regelmäßig im
Regionalprogramm berichtet wird. Und wenn mich die Sehnsucht nach einem Tier während der Arbeitszeit überfällt, hilft ein schneller Klick auf die Webcam zu den possierlichen
Erdmännchen.
Tiere vermitteln Wärme und Lebendigkeit, vor allem die süßen Tierbabys. Deshalb haben sich so viele in
Knut und
Marlar verliebt. Die müssen zwar inzwischen damit leben, nicht mehr die ganz große Begeisterung zu entfachen. Aber das gehört zum Erwachsenwerden, und wir Menschen haben das auch er- und überlebt. Tiere taugen sogar als Therapeuten, wie das Schwein
Felix eindrucksvoll beweist. Nur in Politik und Wirtschaft zeigen sie Eigenschaften, die eher erschrecken als erfreuen. Dem
Bären an der Börse oder dem
russischen Bär in Südossetien können selbst erklärte Tierfreunde wenig abgewinnen. Und große Tiere in der Politik betrachten wir generell mit Skepsis.
Mit der Taube dagegen verbinden wir nur Gutes: Sanftmut, Fruchtbarkeit und vor allem Frieden. Deshalb war es besonders schockierend, als ich kürzlich einen toten Vogel dieser Spezies auf meinem Balkon fand. Ich ging wieder in die Wohnung und setzte mich vor den Fernseher. Dort
debattierte Frau Maischberger mit vielen alten Männern und einer etwas jüngeren Frau über die Krise im Kaukasus, und es war viel von einem neuen Kalten Krieg die Rede. Zu wenig Tauben, zu viele Falken, dachte ich. Zu viele Tauben, zu wenig Falken dachte ich am nächsten Morgen, als ich in mein Auto stieg. Es war über und über mit Taubenkot bedeckt.
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Zum SeitenanfangMein erster Schultag war ein zwiespältiges Erlebnis. Zwar fand ich Unterricht, Lehrer und Mitschüler ganz spannend. Doch bei der Erinnerung daran, wie bisher meine Vormittage aussahen, wurde ich melancholisch. Mit den Freunden Cowboy und Indianer spielen, Murmelwettbewerbe austragen, durch den Wald streifen - das war doch eindeutig interessanter, als stundenlang im Klassenzimmer zu hocken. Ein besonders bitterer Moment kam, als ich am Ende des ersten Schultages realisierte, dass der Premiere noch unzählige Wiederholungen folgen würden. Besonders ätzend waren dann später die Chemiestunden mit einen langweiligen und trockenen Lehrer, der nur Frontalunterricht und Formeln konnte.
Das ist lange her, inzwischen habe ich die Schule und so manches Ehemaligentreffen überstanden. Nicht so die Kinder, die Anfang der Woche in NRW eingeschult wurden. Vor ihnen liegt der Ernst des Lebens, und der scheint immer ernster zu werden. Stresssymptome plagen schon viele Grundschulkinder, hat eine Studie herausgefunden. Und ihre Eltern machen sich bereits vor dem ersten Schultag Gedanken, auf welche weiterführende Schule ihr I-Dötzchen denn gehen könnte und was es dafür leisten müsste. Um dem Sprössling Höchstleistungen zu ermöglichen, tun manche Eltern eine Menge: Sie kaufen Stifte, Lineale und Hefte der besten Qualität, engagieren eine Ernährungsberaterin, die ihnen die Schultüten packt, und trainieren in zahllosen Memory-Runden die Merkfähigkeit ihres Kindes.
Sie tun auch alles, damit ihre Kinder sicher zur Schule kommen. "Schule hat begonnen", signalisieren große Plakate am Straßenrand all jenen, die Auto fahren und lesen können, aber sonst nicht viel mitbekommen. Denn aus Fernsehen und Radio ist lange bekannt, wann der Lernbetrieb wieder losgeht. Außerdem konnte man dort erfahren, wie schwer Tornister sein dürfen, wie bindend die Empfehlung der Grundschule für die weiterführende Schule ist oder wie das Konzept des
"Walking Bus" selbst in Südwestfalen Schule macht.
Ist der Schulweg schon gefährlich, ist es die Schule erst recht. Das haben Generationen von Schülern erlebt, und daran hat sich nichts geändert. Strafarbeiten und Nachsitzen, überraschend angesetzte Tests und unangekündigte Hausaufgabenkontrollen - das Arsenal der schulischen Grausamkeiten ist groß. Nervige Streber und tumbe Hausmeister verschönern auch nicht gerade den Schulalltag, ebenso wenig die Politik, die mit vollgestopften Lehrplänen, Lernstandserhebungen und
Turbo-Abi das Schülerdasein erschwert. Kein Wunder, dass mancher Schüler davon träumt, seine Penne einfach in die Luft zu jagen.
Wie aus einem Traum Wirklichkeit werden kann, sollte er seinen Chemielehrer fragen. In zahlreichen Chemieschränken an NRW-Schulen hat das Landeskriminalamt nun
Pikrinsäure sichergestellt. Die Chemikalien hatten enorme Sprengkraft, weil die Lehrer sie hatten eintrocknen lassen. Schlamperei? Oder sind vielleicht doch nicht die Kinder die wahren Anarchisten, wie Herbert Grönemeyer sang? Meinen blassen und trockenen Chemielehrer von damals sehe ich nun mit anderen Augen.
"Besonders ätzend waren dann später die Chemiestunden mit einen langweiligen und trockenen Lehrer..."
Wo sind Sie denn Deutsch gelernt?
Ihre Schule muss ja wirklich schlecht gewesen sein. Oder waren Sie es?
Keim am 17.08.08 10:10
Lieber Keim, wer im Glashaus sitzt, sollte nicht mit Steinen werfen. Aber Kopf hoch, die deutsche Sprache ist nicht so kompliziert, dass man sie bei ein wenig Mühe nicht doch noch lernen könnte. Also weiterhin viel Erfolg!!
Retlaw am 17.08.08 10:42
Lieber Retlaw,
ich glaube, der Eintrag von Keim war leicht ironisch gemeint und die Grammatikfehler beabsichtigt.
Aber auch einen Sinn für Ironie kann jeder erlernen. Also weiterhin viel Erfolg!
Morrissey am 18.08.08 11:45
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Zum Seitenanfang"Wie wird man eigentlich Experte für das moderne Leben?", fragte mich vor kurzem meine 25-jährige Nichte, die Journalistin werden möchte. Die Frage rührte mich. Zeigte sie doch, dass meine Nichte zumindest einmal die Kolumne gelesen hatte und etwas für die Verjüngung der Userschaft tat. Dann aber meldeten sich Zweifel: War die Frage vielleicht spöttisch gemeint? Hält meine Nichte mich insgeheim für einen hoffnungslos altmodischen Kerl, weil ich nicht mal ihren MP3-Player auf Anhieb bedienen kann? Oder weil ich ständig von früher erzähle? Oder weil ich nicht weiß, was ICQ bedeutet?
Schließlich erklärte ich meiner Nichte weitschweifig meine
Grundqualifikationen. Besonders wichtig sei ein kritisches Bewusstsein, dozierte ich, der Wille und die Fähigkeit zu hinterfragen, den Dingen auf den Grund zu gehen, Schein und Sein auseinanderzuhalten. Das habe ich wirklich schon als Kind trainiert, in der "Hörzu". "Original und Fälschung" war in der Programmzeitschrift meine Lieblingsrubrik. Dort galt es, die feinen Unterschiede zwischen zwei auf den ersten Blick identischen Bildern herauszufinden.
Meine Nichte guckte interessiert, also redete ich weiter und erläuterte ihr die schrittweise Ausbildung meiner Unterscheidungsfähigkeit. Etwa durch die Lektüre jeder Menge Krimis. Dabei lernte ich nämlich, unwichtige von bedeutenden Spuren zu unterscheiden, und, noch wichtiger, gefälschte von echten Hinweisen. Hilfreich war auch die intensive Beziehung zu einer Kunsthistorikerin, die mich lehrte, echte Kunst und bloß Nachgemachtes auseinanderzuhalten. Und in verschiedenen Wohngemeinschaften wurde mir eingebläut, den lieben Mitbewohnern nichts vorzumachen, sondern bitteschön bloß authentisch zu bleiben, zumindest ein Stück weit.
An dieser Stelle konnte meine Nichte ein Gähnen nicht unterdrücken. Ich versuchte einen eleganten Abgang und sagte ihr, dass ich ihr das Geheimnis meines Expertentums ein anderes Mal zu Ende erklären würde. Denn nun müsste ich schleunigst eine neue Glosse produzieren. Thema: der
Rauswurf Clements aus der SPD und der
Streit um ein Immendorff-Gemälde. "Echt?", fragte meine Nichte. "Tja, darum geht es ja gerade", sagte ich. "Ist ein Immendorff-Gemälde wirklich ein echter Immendorff? Auch wenn er selbst keinen Pinselstrich gemacht hat? Und ist der Clement wirklich ein Genosse? Auch wenn er davon abrät, Parteifreundin Ypsilanti zu wählen? Oder sind die SPDler, die Clement ausschließen wollen, keine echten Genossen?"
Meine Fragen blieben unbeantwortet. Die Augenlider meiner Nichte waren zugeklappt, sie war wohl echt müde. Leise stand ich auf und ging. Vorher legte ich ihr noch zwei Bonbons auf den Tisch. Ich glaube, es waren "Werthers Echte".
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Zum SeitenanfangAmerika, das war für mich als Kind das Land, wo der Fortschritt zuhause ist. Die Nachbarn redeten voller Bewunderung von einem amerikanischen Traktor, den sich ein Bauer gekauft hatte. Ohne ihn gesehen oder gar irgendwelche Testberichte gelesen zu haben, war mir klar: Das musste einfach ein toller Traktor sein, der da aus dem fernen Land übers Meer transportiert worden war und nun die niederrheinische Scholle pflügte. Erst später habe ich erfahren, dass das Gerät öfter mal eine Zwangspause einlegen musste, weil sich dringend benötigte Ersatzteile noch auf hoher See befanden.
Freude kam auf, als mein Vater den Dienst-Käfer durch einen Ford Taunus ersetzte. Schließlich war Ford ja ein amerikanisches Produkt, auch wenn es in Deutschland produziert wurde. Schlecht wurde mir leider aber weiterhin beim Autofahren. Daran war aber wahrscheinlich die unvergessene Duftmischung aus dem Rasierwasser meines Vaters, dem Haarspray meiner Mutter und dem Kölnisch Wasser meiner Oma schuld, nicht die rasante "Badewanne", wie wir den Taunus liebevoll nannten.
Mein Amerika-Bild trübte sich allerdings zu Studienzeiten etwas ein. Das lag weniger an den Inhalten meines Politikstudiums als an einem Semesterferien-Job. Ich war jung und brauchte das Geld, und deshalb arbeitete ich bei der Straßenreinigung. Dort hatte ich als Aushilfe unter anderem die spannende Aufgabe, festgetretene Kaugummis vom edlen Belag unserer neuen Fußgängerzone zu kratzen. Seitdem habe ich zu der uramerikanischen Erfindung des Chewinggum ein gespaltenes Verhältnis, genauso wie zur heimischen Stadtverwaltung, die für das sündhaft teure, aber total unpraktische Pflaster verantwortlich war.
Amerika bleibt aber das Land der unbegrenzten Möglichkeiten für mich, trotz Rüstungswahnsinn, Staatsverschuldung und Irakkrieg. Schließlich hat dieses Land uns auch Doris Day, Lassie und das Flower-Power-Lebensgefühl geschenkt. "Sex and Drugs and Rock'n Roll", auch das ist Amerika. Ob
Ex-Schauspieler,
Sex-Maniac oder
Ex-Alkoholiker - in den USA kann jeder zum Präsidenten aufsteigen. Vielleicht erleben wir demnächst einen Rock'n-Roller an der Spitze unseres wichtigsten Verbündeten. Barack Obama, Hoffnungsträger der Demokraten, sprach
in seiner Rede vor der Goldenen Else in Berlin von einer atomwaffenfreien Welt, mehr Klimaschutz und einem besseren Zusammenhalt zwischen Europa und den USA. "Yes we can", ist seine Losung. Hoffentlich heißt das nach der Wahl nicht: "Wir können auch anders."
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"Da möchte ich mal Mäuschen spielen", sagte meine Oma oft, wenn sie neugierig war, wie etwas wirklich abläuft. Als Mäuschen, als unbeobachtete Beobachterin wollte sie etwa dabei sein, wenn die Queen zusammen mit der königlichen Familie ihren nachmittäglichen Tee einnimmt. Vielleicht, so ihre Vorstellung, schlürft die Monarchin ihren Tee, oder die royale Tischdecke hat Flecken. Sie wollte die Geschichte hinter der Geschichte erfahren, lange bevor
Guido Knopp diesen Slogan für seine Sendungen im ZDF erfand.
Mein Vater hegte ebenfalls einen Mäuschenwunsch. Als politisch interessierter Mensch wollte er dabei sein, wenn Egon Bahr oder Willy Brandt mit den Ostblock-Größen verhandelten. Mich interessierte dagegen mehr, was er und meine Mutter so beredeten und taten, wenn wir Kinder nicht anwesend waren. Ich hatte so eine Ahnung, dass es da eine Realität gab, die mir noch verschlossen war.
Die Wirklichkeit ist längst nicht immer so, wie sie zunächst scheint - diese zentrale Erkenntnis beförderte später auch der Philosophieunterricht, als Platons
Höhlengleichnis auf dem Lehrplan stand. Der alte Grieche schien mir allerdings zu pessimistisch, was die wahre Erkenntnis anging, aber klar, er kannte ja auch Omas Mäuschen-Konzept noch nicht.
Manchmal werden verborgene Wirklichkeiten sogar sichtbar, ohne dass Mäuse im Spiel sind. So geschehen kürzlich beim G-8-Gipfel in Toyako. Da lagen in den dicken Pressemappen der amerikanischen Delegation nicht nur viele Papiere mit schönen Worten über die Rettung unseres Planeten vor Armut, Hunger und Klimakatastrophe. Sondern auch
Informationen über Italien. Das sei ein korruptes Land, in dem ein ehemaliger Staubsaugervertreter mit Hang zum großen Geld herrsche, wurde behauptet.
"Endlich einmal Klartext", mag sich mancher gesagt haben, der die übliche heiße Luft der Diplomaten längst als die wirkliche Klimakatastrophe empfindet. Schon kursieren Gerüchte über Dossiers der Amerikaner, die in letzter Sekunde aus den Pressemappen entfernt wurden. Darin soll angeblich von einem verzagten Land die Rede sein, das von einer hölzernen Physikerin regiert werde, die ihre Staatsgäste mit gegrilltem Wildschwein traktiere. Und von einem anderen Regierungschef, der sehr klein sei, dafür aber hyperaktiv und das auch bei Frauen.
Interessant ist, wie der diplomatische Fauxpas der Amerikaner zustande kam. Die Italien-Schelte sei einfach von einer Internet-Seite kopiert worden, hat eine italienische Zeitung herausgefunden. Wir müssen also unser Bild von sorgfältig arbeitenden Spitzenbeamten korrigieren, die tage- und nächtelang vor einem Gipfeltreffen ein Dossier nach dem anderen zusammenstellen. Nein, es geht auch einfacher: copy and paste. Was ein Glück, dass noch niemand rausbekommen hat, wie eigentlich die Glossen zum modernen Leben gefertigt werden.
Audio: Einmal Mäuschen sein!
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Europa ist sexy, zumindest wenn es Fußball spielt. Das dürfen wir in diesen Wochen wieder erleben, wenn die Besten des Kontinents in putzigen österreichischen und Schweizer Stadien
dem Ball nachlaufen. Die kontinentale Fußballbegeisterung entfachen vor allem die Niederländer, und das hat nichts mit dem holländischen Rollrasen in den Stadien zu tun.
"Oranje" spielt schön, und das auch noch erfolgreich. Auch Portugiesen, Spanier, Russen und sogar Deutsche zeigen ansehnlichen Fußball.
Dazu kommen fröhliche Fans aus allen Ecken Europas, die selbst biedere Alpen-Städtchen in riesige Partyzonen verwandeln. Riesige Stimmung auch in Deutschland. In Köln etwa vergeht kaum ein Abend ohne Autocorso, ohne motorisierte Polonaise: Wagen mit meist jungen, bemalten und kostümierten Menschen, die aus Seitenfenstern und Schiebedächern quellen. Oft flattern an ein- und demselben Auto türkische und deutsche Fähnchen. Das ist ein Zeichen, wie gut die Integration von Mitbürgern mit Migrationshintergrund inzwischen gelungen ist. Wenn alle gemeinsam mit ihren Autos in der Innenstadt rumkurven, hat das noch was Gutes: Endlich finde ich spätabends problemlos einen Parkplatz.
Tolle Stimmung herrscht bei der Euro, zappenduster dagegen sieht es aus im politischen Europa. Erst
lehnen die Iren eine dringend notwendige Reform der EU ab, dann will die Europäische Kommission die
Glühbirnen abschaffen. Höchste Zeit, dass sich was dreht und die Politik vom Fußball lernt. Europäische Integration gelingt am überzeugendsten auf dem Rasen, wie der Schwede Zlatan Ibrahimovic und der Schweizer Hakan Yaki beweisen. Deshalb wird uns
der geplante Einbürgerungstest, der bloß Wissen abfragt, nicht weiter bringen.
Die EU braucht außerdem eine gemeinsame Fußballmannschaft. Eine offizielle
EU-Hymne gibt es ja schon, aus Beethovens neunter Sinfonie. Der Text, Schillers "Ode an die Freude", gehört nicht dazu, weil man sich nicht auf eine Sprache einigen konnte. Eine Hymne ohne Text ist aber nichts für Fußballer. Die singen ja gerne die Hymne mit, wenn sie gerade keinen Kaugummi zur Hand haben. Mein Vorschlag: Schillers Text ins Englische übersetzen. Dann haben alle Spieler der EU-Mannschaft die Chance mitzusingen - auch wenn der EU-Trainer wohlweislich keine Iren oder Engländer aufstellen wird.
Audio: Euro top, Europa Flop?
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Als Kind fand ich die CDU prima. Die hatte schöne Plakate, bekannte Politiker und gewann jede Wahl. Als mein Vater mir eröffnete, sein Herz schlage für die SPD, brach für mich eine Welt zusammen: Wie konnte man nur freiwillig mit den Sozialdemokraten, diesen ewigen Verlierern, paktieren? Seit damals ist viel Wasser den Rhein und die Spree runtergeflossen. Meine parteipolitische Orientierung hat sich in dieser Zeit mehrmals geändert, auch die meines Vaters übrigens. Und die SPD hat das ein oder andere Mal bewiesen, dass sie Wahlen auch gewinnen kann. Wer erinnert sich nicht an den Triumphator Gerhard Schröder in der
"Berliner Runde" 2005 oder die
überglückliche Andrea Ypsilanti nach der diesjährigen Landtagswahl in Hessen?
Doch mit jeder neuen Meinungsumfrage werden die schönen Erinnerungen blasser und die Probleme für die SPD größer. Auf ganze 24 Prozent der Wählerstimmen käme die Partei, wenn jetzt gewählt würde. Das hat
der jüngste Deutschlandtrend herausgefunden. Nun müssen die Sozialdemokraten herausfinden, wie sie aus diesem Loch wieder herauskommen. Das ist nicht leicht. Denn das Loch ist so tief und dunkel, dass die ersten Sozis vor Furcht zu pfeifen beginnen. Ihr Pfeifen interpretieren einige Genossen als Aufbruchs-, andere als Rückzugssignal, was wiederum zu einigem Durcheinander führt und alle noch ein wenig tiefer ins Loch rutschen lässt.
Keine Rettung in Sicht? Doch! Der Sport könnte der SPD wieder auf die Beine helfen, genauer: der Fußball. Nicht nur das Spitzenpersonal von Beck über Heil bis Gabriel, die von den vielen Arbeitsessen gezeichnet sind, könnte davon profitieren. Die SPD als Ganzes sollte ihr Herz für den Fußball entdecken, weil der immer noch ein wenig proletarisch ist und weil er an die Wurzeln der Partei erinnert. Also, Genossen, höret die Signale: Rauf auf die EM-Tribünen und rein in die Kabine der deutschen Nationalmannschaft. Ihr dürft den Jogi nicht der Kanzlerin überlassen! Doch Vorsicht: Wenn die deutsche Elf bei der Euro 2008 scheitert, solltet ihr euch nicht mit den Versagern ablichten lassen!
Ein anderes Rettungs-Rezept für die SPD wird derzeit in Berlin ausgebrütet. In der dortigen SPD-Zentrale kursieren geheime Boykottpläne. Sie sollen vom kampferprobten Bahngewerkschafter Manfred Schell stammen, der bereits die Milchbauern beraten hat und nun der SPD das Motto verordnet hat: "Von den Bauern lernen heißt siegen lernen." Das Kalkül: Wie die Milchviehhalter sollen die SPD-Politiker ihre Ware einfach nicht mehr "verkaufen". Also keine Interviews mehr, keine Konzeptpapiere, Anträge, Gesetzesnovellen, Anfragen, Statements. Eine riskante Strategie, wie ich finde. Vielleicht bekommt niemand das große sozialdemokratische Schweigen mit. Oder die landesweit bekannten Lautsprecher von Guido Westerwelle bis Oskar Lafontaine nutzen es für sich. Oder noch schlimmer, liebe Sozialdemokraten: Ihr haltet das Schweigen keine zwei Tage durch. Dann hält man euch künftig nicht nur Wortbruch vor, sondern beschimpft euch auch noch als Schweigebrecher.
Audio: Das große Schweigen der SPD
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Taja, siehe das Interview mit Prof. Korte zum Umfrageteif der SPD. Nix ist mit Neuanfang und mehr Demokratie wagen. Nix ist mit weitergehenden Ideen im Bereich der Bildungspolitik. Angst herrscht vorm Lafontaine Syndrom und der Liebe zur ewig gestrigen Konzepten und den Denken in den Normen der Industriegesellschaft. Wir leben in der Post Industiepoche. Wer dem abgehängten Menschen eine Chance geben will muß begreifen das diese kein Objekt sind, sondern das Subjekt des Handels. Nur das Probelm ist ab 45 fällt es schwer sich umzustellen und die böse Umwelt ist schuld am Niedergang. Nein wer nicht das neue wagt mit der Tradition der Sozialen Gerechtigt im Hirn, der wird vergehen wie einst die SED im November 89.
SenecaOWL am 9.06.08 13:11
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Zum SeitenanfangDie wichtigste Phase meiner Erziehung fand vor dem legendären Jahr 1968 statt. Als Kind trug ich den Sommer über eine kurze Lederhose, und wenn ich hinfiel und mir ein Knie aufschlug, mahnte meine Oma: "Jungen weinen nicht." Also schluckte ich die Tränen runter, auch als das Pflaster erst aufs Knie kam und Tage danach von meinem Vater mit einem kräftigen Ruck wieder entfernt wurde.
"Weinen ist wichtig und wertvoll", war etliche Jahre später die neue Losung. "Du musst Deine weiblichen Anteile besser integrieren", verlangte meine Freundin Claudia und meldete uns beide in einer Selbsterfahrungsgruppe an. Da blieb auch bei mir kein Auge trocken, und ich war wieder auf der Höhe der Zeit. In meinem Bekanntenkreis sind ebenfalls deutliche Fortschritte sichtbar. Mein Freund Wolfgang erzählte mir kürzlich, dass er bei einem Film über "unmenschliche Tierhaltung" in Tränen ausgebrochen sei. Seinen emotionalen Ausnahmezustand habe er erst im Steakhaus wieder in den Griff bekommen.
Inzwischen schaffen es selbst echte Kerle wie
Ottmar Hitzfeld oder Uli Hoeneß, ihren Tränen freien Lauf zu lassen. Flennen beim Fußball: eine gute Übung für den Alltag. Mein Freund Karl hat es geschafft, seine Geliebte mit einer gefühligen SMS zu überraschen: "Mit Tränen in den Augen denke ich gerade an Dich. Der FC ist aufgestiegen." Ganz anders mein Kumpel Heiner: Er hat seine Frau verlassen, ohne eine Träne zu vergießen. In Windeseile hat er seine Siebensachen gepackt und ist aus der gemeinsamen Wohnung ausgezogen, und mit ihm der prächtige Gummibaum. Monate später überrascht er seine Ex mit dem Bekenntnis: "Als ich gesehen habe, dass der Gummibaum braune Blätter bekommt, sind mir die Tränen gekommen."
Doch es ist zum Heulen: All das reicht vielen Frauen nicht. Sie reden von Krokodilstränen, machen sich über weinende Fußballer lustig und schütteln mit dem Kopf, wenn wir mit Tränen in den Augen vom Lackschaden am neuen Wagen erzählen. Die Frauen selbst, so scheint es, nehmen sich wieder meine Oma zum Vorbild, die höchst selten ein Tränchen verdrückte. Oder hat jemand Angela Merkel einmal weinen gesehen? Ihr
Amtsvorgänger dagegen hatte öfters feuchte Augen, vor allem auf SPD-Parteitagen. Die Treffen der Sozis werden regelmäßig zu Feuchtgebieten, wenn die Bergmannskapelle "Glück auf, der Steiger kommt" intoniert.
Damit Frauen das Weinen wieder lernen, müssen Sie aber nicht in die SPD eintreten. Es helfen auch traditionelle Rezepte wie Kino, Kinder und Küche. Ein Liebesfilm wirkt wahre Wunder, auch ein Besuch auf der Säuglingsstation im Krankenhaus. Wirklich garantiert sind weibliche Tränen aber nur in der Küche - beim Zwiebelschneiden.
Männer sollen weinen. Was ist daran schlimm. Sind doch auch nur Menschen.
Ich, als Frau kann nicht mehr weinen. Schön wär´s, wenn ich´s wieder könnte.
Denn Weinen und auch Lachen befreit die Seele!! Mein Mann lernt es gerade, zwar schwer - aber immerhin.
Liebe Grüsse -Chrissy-
Christiane Westhoff am 27.05.08 12:49
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"Was willst Du mal werden?" Die Frage wurde mir im zarten Alter von fünf Jahren das erste Mal gestellt, und ich antwortete ohne langes Nachdenken: "Zoodirektor". Das hatte damit zu tun, dass ich keine Sendung von
Bernard Grzimek verpasste. Ich war fasziniert von seinen Geschichten über wilde Tiere in Afrika und von den "possierlichen Gesellen", die er sich mit ins Fernsehstudio brachte. Meine Eltern hielten die Stunden des Frankfurter Zoodirektors wohl für pädagogisch wertvoll, so dass ich an diesen Abenden ausnahmsweise länger fernsehen durfte.
Mit der Zeit änderte sich die Betonung in der Fragestellung. Als ich mein Studium der Germanistik und Politikwissenschaft aufnahm, schmuggelte sich ein scharf intoniertes "denn" in die Frage: "Was willst Du denn mal werden?", hakte mein Patenonkel nach, wenn wir uns auf Familienfesten trafen. "Lehrer werden kannst Du ja mit einem Magisterabschluss nicht." Ich nuschelte "Lektor" oder "Irgendwas mit Medien", worauf mein Onkel stets den Kopf schüttelte und sein Hast-Du-Dir-das-auch-gut-überlegt-Gesicht aufsetzte.
Nun gehört die Berufswahl bekanntermaßen zu den schwierigen Entscheidungen im Leben, erst recht heute. Das Fernsehen bietet kaum noch Orientierung, seit das
"heitere Beruferaten" eingestellt wurde. Derzeit konzentrieren sich die Berufswünsche der Jugendlichen auf Grafik-Design, Event-Management oder Börsenhandel. Auch die Berufe des Automechanikers oder der Friseuse sind gefragt, falls es zum Superstar nicht reichen sollte.
Metzger will dagegen kaum einer werden, wie die zuständige Innung beklagt - obwohl der Beruf doch sehr kreativ sei und man als Metzger auch nicht mehr selber schlachten müsse. Vielleicht würde es schon helfen, das miefige Image des Lehrlings in der Wurstküche durch seine Aufwertung zum Food-Designer zu vertreiben.
Noch unbeliebter sind wohl die Knöllchen-Verteiler. Politessen haben es meist mit miesepetrigen Menschen zu tun, die empört den Strafzettel von der Windschutzscheibe klauben. Hier könnte eine Änderung der Straßenverkehrsordnung helfen, die sich das pädagogische Prinzip der positiven Verstärkung zunutze macht. Warum sollten sie nicht Bonuspunkte an die vergeben, die einen gültigen Parkschein haben? Und wenn man mit diesen Bonuspunkten Minuspunkte in Flensburg ausgleichen könnte, würde die Beliebtheit der Politessen sprunghaft ansteigen.
Ein wirklich schwieriger Fall ist der Berufspolitiker. Seine Beliebtheit rangiert bei Umfragen regelmäßig und deutlich im Minus. Abschaffen lässt er sich aber ebenso wenig wie der Metzger oder die Politesse. Alle Versuche, den Politikerberuf attraktiver zu machen, scheitern bislang: Weder ein klares Bekenntnis zur Männlichkeit wie der
Bart bei Beck noch die Betonung der Weiblichkeit wie das
Dekolleté bei Merkel bringen das Berufsbild nach vorn. Vielleicht schafft es ja die
Diätenerhöhung, die jetzt beschlossen wurde.
Audio: Schlechte Zeiten für Metzger
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Mobil und flexibel, so sollen wir alle sein. Das predigen uns täglich die Politiker und Wirtschaftsbosse. Sie machen uns auch vor, wie das geht: Wer gestern noch
Vorstandschef war, lässt sich morgen in den Aufsichtsrat wählen. Wer eben noch die Energiekonzerne kontrollierte, wird plötzlich Chef eines Kohle-Konzerns. Oder
wer jahrelang nur dem Wohl des deutschen Volkes verpflichtet war, entdeckt nach seiner Amtszeit die Einträglichkeit russischer Rohstoffe.
Job-Hopping gehört, wie häufiger Beziehungs- und Wohnungswechsel, zum modernen Leben. Die altmodische Sehnsucht nach einer stabilen Beziehung und beständiger Gemeinschaft lässt sich dennoch nicht ausrotten. Deshalb begeistert Marianne Rosenberg viele Menschen immer noch und immer wieder mit ihrem Song "Er gehört zu mir wie mein Name an der Tür". Und deshalb verbringen viele Deutsche einen Großteil ihrer Freizeit in einem Verein, dem sie lebenslang verbunden bleiben: Kaninchen züchten, Sport treiben, Briefmarken sammeln - das ist im Verein am schönsten.
Auch wenn das moderne Leben uns alle zu Einzelkämpfern macht, brauchen wir doch das Wir-Gefühl. So wird es auch bei
Wolfgang Clement sein. Der ist seit 1970 Mitglied der SPD, und das will er auch bleiben. Damit beweist er eine rührende Treue gegenüber seinem Verein, der an galoppierendem Mitgliederschwund leidet. Doch anstatt sich zu freuen, wollten einige Genossen dem ehemaligen NRW-Ministerpräsidenten und Superminister den Stuhl vor die Tür setzen, weil er seine Parteifreundin Andrea Ypsilanti schofelig behandelt habe. Doch nun, so das Urteil des Schiedsgerichts, bleibt es bei einer Rüge für Clement.
Diese Rüge ist so etwas wie eine Kopfnote in Clements Parteizeugnis: "Solidarität ungenügend". Dabei haben sich die
Sozialdemokraten bislang vehement gegen die Vergabe von Kopfnoten gewehrt. Und wehren will sich auch Clement - gegen die Rüge, in der nächsten Instanz. Dabei könnte er es sich und den Genossen doch einfacher machen, einfach ein bisschen flexibler und mobiler sein und - "den Oswald machen".
Oswald Metzger hat es nämlich vorgemacht, wie man über die Jahre gleitend von der SPD zu den Grünen und schließlich zur CDU wechseln kann.
Wolfgang Clement wird das nicht tun, denn er gehört zur alten Garde der NRW-Sozis, die vom politischen Gegner als Beton-Fraktion verspottet wurde. Clement wird weiter für sich und seine Position in der SPD kämpfen, abends zur Entspannung ein wenig Marianne Rosenberg hören - aber vielleicht auch in der Biographie von
Eugen Drewermann blättern. Der Theologe, der sich fast sein ganzes Berufsleben lang an der katholischen Kirche abarbeitete, machte sich zum 65. Geburtstag ein ganz besonderes Geschenk: Er trat aus der Kirche aus.
Audio: Im Verein ist es am schönsten
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Zu Wolfgang Clement:
Ohne seine Bemerkungen zu Andrea Ypsilanti hätte die SPD die Wahlen gewonnen!
Leider fehlt ihm selbst der Anstand, die Konsequenz aus seiner Haltung zu ziehen und die SPD zu verlassen
Oliver Ecker am 27.04.08 18:30
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Wahre Abenteuer sind rar geworden im modernen Leben. Schließlich kann nicht jeder Finanzjongleur oder Geheimdienstagent sein. Deshalb sucht der einfache Bürger das Abenteuer bevorzugt im Ausland, während des Urlaubs: beim Trekking im Himalaya, Motorradfahren im Jemen oder River-Rafting in Kanada. Seit alters her beliebt ist auch die Wüste, um mal was ganz anderes zu erleben: Stille. Endlose Weite. Leere. Einsamkeit. Und eben Abenteuer. Wer erinnert sich nicht an
Kara Ben Nemsi? Das Alter Ego Karl Mays bereiste unter anderem den Norden Afrikas und machte bei den Wüstensöhnen mächtig Eindruck.
Eindruck gemacht hat die jugendliche Karl-May-Lektüre bei einigen deutschen Sicherheitsbeamten, die
in Urlaub nach Libyen fuhren. Raus aus der Monotonie des Streifen- und Bereitschaftsdienstes, rein ins Wüstenabenteuer - wer wollte es ihnen verdenken? Im Urlaub haben sie noch ein bisschen Geld damit verdient, den Wüstensöhnen beizubringen, wie man richtig observiert und taktisch klug agiert im Anti-Terror-Kampf. Kara Ben Nemsi konnte mit überlegener Technik - seinem
"Henrystutzen" - punkten, seine Nachfahren mit überlegenen Konzepten und schicken Powerpoint-Präsentationen.
"Was für Kamele", stöhnen nun die Miesmacher hierzulande. Bibelkundige Kritiker des umstrittenen Beamten-Urlaubs sind davon überzeugt, dass in der Wüste Versuchung und Teufel lauern. Dabei gehört Libyen seit Jahren nicht mehr zur Achse des Bösen, und Staatschef Gaddafi hat sein diabolisches Image abgestreift. Inzwischen soll er bei der abendlichen Lektüre im Beduinenzelt nicht mehr zum
Grünen Buch, sondern zu Karl May greifen.
Es gibt also keinen Grund, auf die deutschen Hobbylehrer in Uniform einzudreschen. Das
deutsche Bildungssystem genießt, spätestens seit Pisa, nicht den besten Ruf. Da ist es doch umso erfreulicher, dass wenigstens die Ausbildung deutscher Polizisten ein Exportschlager ist. Deutsche Polizisten schulen in Afghanistan, auf dem Balkan - und taten es auch in Libyen. Den Polizisten in einem Polizeistaat noch etwas beizubringen, das schafft auch nicht jeder.
Eine Sorge aber bleibt. Welches Einsatzgebiet fällt unseren abenteuerlustigen, Karl May lesenden Polizisten und Soldaten als nächstes ein? Da droht Brisantes. Im ersten Buch reist Kara Ben Nemsi durch die Wüste. Im zweiten Buch verschlägt es ihn ins wilde Kurdistan. Das liegt heute in der Osttürkei und im Nordirak.
Der erste lesenswerte Kommentar zu der ganze Angelegenheit.
Hummer5 am 13.04.08 21:30
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Zum SeitenanfangDas Frühjahr war früher die Zeit der bunten Urlaubskataloge. Im trauten Familienkreis saßen wir zusammen und blätterten in den Prospekten, um uns Anregungen für die schönste Zeit des Jahres zu holen. Mich faszinierten besonders die Bilder von den Sandstränden der Nordsee und die idyllischen Fotos von den rot-weiß gestreiften Leuchttürmen, die stolz die flache Küstenlandschaft beherrschten.
Ihre frühe Faszination haben die standhaften Bauwerke, die Wind und Wasser trotzen, für mich behalten. Das mag auch daran liegen, dass meine Eltern - mit der Zustimmung meiner Oma - sich in unschöner Regelmäßigkeit für
Ferien im Mittelgebirge entschieden, weitab von jedem Leuchtturm. Meine Liebe zum Leuchtturm hat auch die Erklärungsversuche meines älteren Bruders überlebt. Der ist Psychologe, und deshalb hat für ihn der Leuchtturm ebenfalls eine große Bedeutung, nur eben anders: als Symbol für das männliche Geschlecht, für Potenz, für Macht.
Das macht verständlich, warum in Politik und Wirtschaft, die ja immer noch zum größeren Teil von Männern bestimmt werden, Leuchtturmprojekte so beliebt sind. Wer sich und sein Wirken hervorheben möchte, kann das mit einem solchen Projekt am besten. Über das Flachland des alltäglichen Klein-Kleins ragen sie empor und künden von der Kraft und dem Weitblick ihrer Macher, auch wenn die längst abgewählt, verrentet oder tot sind. Im Idealfall verbinden sich diese Projekte mit dem Namen ihres Schöpfers, wie etwa beim Eiffelturm oder der Riester-Rente.
Vielleicht wäre das auch beim Transrapid so geworden,
der zwischen dem Münchener Hauptbahnhof und Flughafen verkehren sollte. Technisch ausgeklügelt, umweltfreundlich, dazu pfeilschnell - das Leuchtturmprojekt von Edmund Stoiber hätte es verdient, den Namen des ehemaligen CSU-Chefs zu tragen. Doch sang- und klanglos wurde es
zu Grabe getragen, angeblich wegen der stark gestiegenen Kosten. "Leider nicht realisierbar" sei der Transrapid, erklärte Günther Beckstein, nachdem Stoiber ein halbes Jahr zuvor das Projekt für "unumkehrbar" erklärt hatte.
An der Küste werden immer mehr Leuchttürme abgeschaltet, überflüssig geworden durch moderne Navigationssysteme. In Bau befindliche Leuchtturmprojekte - Agenda 2010, Bahnreform - sind bedroht, neue nicht in Sicht. Es kommen schwere Zeiten auf uns zu. Besonders auf die Männer, hat mein Psychologen-Bruder analysiert. Vielleicht hat er ja recht und der wachsende Erfolg der Frauen in der Gesellschaft und von
"Viagra" auf dem Medikamentenmarkt hängen irgendwie zusammen. So ist es auch bestimmt kein Zufall, dass jetzt das Ende des Männermagazins "Matador" verkündet wurde. Die Fahrgäste des Transrapid fallen als künftige Leser ja weg.
Audio: Die Liebe zum Leuchtturm
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Zum Seitenanfang"Non scholae, sed vitae discimus" - dieser Spruch prangte über dem Eingang des Gymnasiums, das ich besuchte. Es war eine Schule mit altsprachlichem Schwerpunkt, und deshalb sparte man sich die Übersetzung: "Nicht für die Schule lernen wir, sondern fürs Leben." Angesichts dessen, was täglich in der Schule unterrichtet wurde, war der Spruch in meinen Schüler-Augen der reinste Hohn. Denn was hatten binomische Formeln, jambische Versfüße und die Kontinentaldrift mit meinem Leben zu tun? Sie waren bestimmt bloß erfunden, um mir das Dasein zu versauern.
Gelernt habe ich trotzdem, nicht für mein Leben, aber für die Versetzung in die nächste Klasse und den ruhigen Schlaf meiner Eltern. Ich paukte Vokabeln, Formeln, Fakten. Und war neidisch auf die, die es nicht nötig hatten. Einem meiner Kumpel war seine Schulkarriere herzlich egal, weil er sowieso die Firma des Vaters übernehmen würde. Auch Lisa hatte die Lernerei nicht nötig. Sie war das attraktivste Mädchen der Klasse und nagte stets dekorativ an Äpfeln herum, die geradewegs vom Baum der Erkenntnis zu stammen schienen. Lisa war stets Klassenbeste, ohne viel Zeit für die Schule zu verplempern. Die investierte sie lieber, um mit dem potenziellen Unternehmens-Erben anzubandeln. Für die beiden konnte, genau wie für mich, jeder einzelne Schultag und natürlich die gesamte Schulzeit nicht schnell genug vorbei sein.
Mit der üblichen Verzögerung hat die Politik endlich ein Einsehen gezeigt und die Schulzeit verkürzt. Wer das Abi machen will, kann das nun fast überall in Deutschland nach 12 Schuljahren tun. Doch statt Jubelrufen wehen Klagelaute übers Land, von Schülern, Lehrern und Eltern gleichermaßen. Das
Turbo-Abi hat ein ebenso mieses Image wie der Turbo-Kapitalismus. Und auch das Kürzel
"G 8" für die verkürzte Gymnasialzeit klingt vorbelastet. Pferdefuß an der Schulzeit-Verkürzung ist für viele, dass nicht ein einziger Versfuß aus dem Lehrplan gestrichen wurde.
Während die Politiker am liebsten in der Schule nur noch Äpfel vom Baum der Erkenntnis verteilen möchten, interessieren sich die meisten Lehrer für Birnen. Erfinder des Lehrens und Lernens mit Birnen ist ein gewisser
Herr von Ribbeck zu Ribbeck im Havelland. Er wies nach, dass eine Birne auch noch nach vielen Jahre eine segensreiche Wirkung entfaltet. Wer dagegen Äpfel vom Baum der Erkenntnis nasche, so die bibelkundigen Pädagogen, dem drohten katastrophale Nebenwirkungen.
Schule,
Wissen,
Erkenntnis - das ist ein weites Feld, das in unserer kleinen Kolumne kaum durchpflügt werden kann. Nur eine Anregung noch: Auch nach dem Abitur lässt sich Zeit sparen. Langwierige Promotionen kann man etwa durch Geldzahlungen verkürzen. Das mutmaßt zumindest die Polizei, die
gegen ein Institut in Bergisch Gladbach ermittelt. In Bergisch Gladbach habe ich übrigens meinen Mitkolumnisten kennen gelernt -
Doktor Gregor.
Audio: Fürs Leben lernen
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Oh, oh, Stephan Josef, welch perfide Unterstellung im letzten Satz ... Und selbst wenn Doktor Gregor seinen Doktortitel an einem anderen als einem theologischen Institut erworben haben sollte, so wäre dies doch in katholischen Dimensionen eher ein "Titelfringsen", denn ein Titelklau. Oder verwechsel ich da Äpfel mit Birnen?
Sabine am 26.03.08 13:59
Liebe Sabine, "Titelfringsen" setzt voraus, dass eine allgemeine Notlage herrscht, ein Titel quasi überlebenswichtig ist. Da jedoch viele Menschen - ja, ich auch! - ohne einen solchen auskommen, müsste man weiterhin von Titelklau sprechen. Wobei Doktor Gregor natürlich über jeden Zweifel erhaben ist - wer außer ein promovierter Theologe würde sich schon seit Jahren in seiner Freizeit freiwillig mit allen möglichen Weltende-Visionen beschäftigen?
Stephan Josef am 26.03.08 15:38
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Zum SeitenanfangViele Erlebnisse verblassen mit der Zeit, eins ist mir noch in farbiger Erinnerung: Als für mein Jugendzimmer neue Möbel gekauft werden sollten, begeisterte ich mich für ein Tisch-, Bett- und Schrank-Ensemble ganz in blau. Meinen Eltern reagierten geschockt, und es entspann sich, zum Leidwesen des Verkäufers, eine lange und erbitterte Diskussion. An deren Ende orderten wir Möbel im Birken-Look, mit einigen wenigen farbigen Akzenten - roten Griffen und Abschlussleisten. Etliche Jahre später holte ich dann meine blaue Phase nach. Meine Studentenbude schmückte eine Tapete in einem kräftigen Azurblau, durchsetzt von schmalen weißen Streifen. Todschick, wie ich fand. Gewöhnungsbedürftig, wie etliche Besucher meinten.
Farben sind halt Geschmackssache, und vor allem Männern wird nachgesagt, häufig mal daneben zu liegen. Aber wer gönnt sich schon eine Farbberatung? Ich habe es getan, bei einem Cluburlaub. Eine nette Frau drapierte farbige Tücher um meinen Hals, dozierte über Frühlings- und Herbsttypen und riet mir, knallige Töne zu meiden. Ihre weiteren Ratschläge blieben aber vage. Eigentlich hatte ich mir handfeste Wahrheiten von ihr versprochen, wie ich sie aus der Schulzeit kannte, etwa: "Braun und blau, schmückt die Sau."
Glücklicherweise war meine Freundin Dagmar stets mit großem Eifer um mein Äußeres bemüht. Als Frau und als Kunsthistorikerin war sie dazu doppelt geeignet. Sie versuchte mir beizubringen, welche Farbtöne zueinander passen und welche "sich beißen". Wenn sie richtig in Fahrt war, redete sie begeistert von Komplementärfarben, die gegenseitig ihre Leuchtkraft hervorheben. Rot und Grün etwa sei eine solche Kombination.
Die ist uns aus der Politik allzu vertraut. Doch ihre Leuchtkraft hat deutlich nachgelassen, und so versuchen sich die Politiker an neuen Farbenspielen. Schwarz und grün, rot und rot, rot-gelb-grün, schwarz-grün-gelb: Nichts scheint unmöglich.
Die neue bunte Welt provoziert
heftigen Streit. Das musste schon Gerhard Richter erfahren, dessen
neues Fenster im Dom an ein riesiges farbiges Mosaik erinnert. Der
Kölner Kardinal war "not amused" und sähe das Kunstwerk lieber in einer Moschee. In der Politik wird vor allem über eine rot-rote Kombination debattiert, wie sie SPD-Chef Beck ins Gespräch gebracht hat. Der bevorzugte bis vor kurzem in seinem Bundesland noch die rot-gelbe Variante. Jetzt also rot-rot. Riskant, wie ich von meiner Freundin weiß. Bei der Kombination von Farbtönen - taubenblau und marineblau zum Beispiel - kann man mehr Fehler machen als bei der Zusammenstellung eigenständiger Farben.
Wahrscheinlich ist das Kurt Beck inzwischen auch klar. Von der Grippe geschwächt, kuriert er sich zuhause aus, mit viel Schlaf und wenig Lektüre. Zeitungen würden nur seinen Blutdruck erhöhen, meint ein Insider. Ein SPD-Chef mit hochrotem Kopf - das würde in der gespannten Lage garantiert missverstanden. Auf Becks Nachttisch liege deshalb nur ein einziges Buch, Goethes
"Farbenlehre". Dichterfürst und Landesfürst, Hesse und Pfälzer, Schreibgenie und Politiktalent - was für eine Wahlverwandtschaft! Hoffentlich ist Beck aber auch so schlau wie Goethes Zeitgenosse Isaac Newton. Der wusste: Die Farbenlehre des Klassikers ist schön formuliert - aber falsch.
Audio: Mut zur Farbe
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Zum Seitenanfang"Mama, mir ist schlecht!" Der Spruch gehörte früher zum Sonntag wie Kirchgang und Rinderbraten. Mit beidem hatte er aber nichts zu tun. Schlecht wurde mir als Kind regelmäßig beim Autofahren. Am Sonntagnachmittag, Kirchgang und Braten waren bereits einigermaßen verdaut, quetschte sich die ganze Familie inklusive Oma in den Ford Taunus, um ins Grüne zu fahren. Vielleicht war es die Geschwindigkeit, die meine Magennerven reizte, vielleicht war es die unverwechselbare Duft-Mischung aus Tabac original, Kölnisch Wasser und Gard (dem Rasierwasser meines Vaters, dem Parfüm meiner Oma und dem Haarspray meiner Mutter). Oder lag es an den diversen Zigaretten der Marke "Güldenring", die mein Vater während der Fahrt rauchte?
Mein Unwohlsein verkürzte den Sonntagsausflug, sehr zum Ärger meiner robusteren Geschwister. Die wären lieber in den weiter entfernten Wildpark gefahren, um Wisente zu bestaunen, als im nahe gelegenen Stadtpark Enten zu füttern. Doch mein Vater wollte wohl nicht riskieren, dass ich der Duftmischung im Taunus eine säuerliche Note hinzufüge.
Ähnliche Befürchtungen müssen kürzlich auch die Astronauten in der Weltraumstation ISS gehabt haben. Ihr deutscher Kollege
Hans Schlegel hatte gesundheitliche Probleme, die von den amerikanischen und europäischen Weltraumorganisationen taktvollerweise nicht näher erläutert wurden. Doch nicht nur WDR-Wissenschaftsguru
Ranga Yogeshwar mutmaßt, dass Schlegel einfach kotzeschlecht war, oder eleganter formuliert, an der Weltraumkrankheit litt. Deren Symptome sind dieselben, wie ich sie früher am Sonntagnachmittag im Ford Taunus entwickelte. Was natürlich einige Fragen aufwirft: Wird in der ISS heimlich geraucht? Benutzt dort jemand "Tabac Original"? Legt die Kommandeurin etwa Kölnisch Wasser auf oder sprayt sie ihr Haar? Oder war es doch der eigentümliche Kontrast von Geschwindigkeit und Schwerelosigkeit, der Hans Schlegel kurzfristig ausknockte? Wie ist einem zumute, dem schlecht ist, der aber sein Gefährt nicht anhalten kann und nicht aussteigen darf? Und was tut er im Ernstfall - gibt es Kotztüten für die Schwerelosigkeit?
Die Fragen werden, wie ich NASA und ESA kenne, unbeantwortet bleiben. Und so werden die Spekulationen ins Kraut schießen. Hatte Astronaut Schlegel einfach keinen Bock auf den anstrengenden Aufenthalt außerhalb der Kapsel, wollte er lieber gemütlich drinnen sitzen bleiben und den Blick aus dem Fenster genießen? War er vielleicht aufgeregt, weil ein
öffentliches Telefonat mit der promovierten Physikerin Angela Merkel anstand? Oder waren es die
Kindergeldpläne der Koalition, die den siebenfachen Vater aufwühlten? Oder schlicht ein pürierter, zu Astronautenkost verarbeiteter Rinderbraten? Egal, was der Auslöser war - meine Oma hätte auf jeden Fall zwei Tipps für den Astronauten gehabt: Ein paar Mal gut durchatmen - und drei Spritzer Kölnisch Wasser, einen auf die Stirn und je einen hinter beide Ohren.
Audio: Völlig losgelöst
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Zum SeitenanfangSamstags kam in meiner Familie Eintopf auf den Tisch - zum Unglück von uns Kindern. Weder meine Geschwister noch ich entwickelten einen sonderlichen Appetit auf Bohnen-, Linsen-, Kartoffel- oder Erbsensuppe. Regelmäßig ermahnte uns Oma deshalb mit dem Satz: "Es wird gegessen, was auf den Tisch kommt." Meine Großmutter hatte zwei Weltkriege miterlebt, die große Inflation in den 1920er Jahren und die Währungsreform. Das hat ihre Sicht auf den samstäglichen Eintopf sicherlich geprägt. Ernährungspädagogisch war die Ermahnung, die damals zum Einmaleins der Erziehung gehörte, jedoch verheerend. Die Spätfolgen zeigten sich jüngst im Dschungelcamp. Dort kamen Rattenschwänze, Fischaugen, Würmer, Grashüpfer und sogar ein Krokodilpenis auf den Tisch - und wurden brav verzehrt.
Was gegessen werden sollte und was nicht, darüber gibt jetzt die
"Nationale Verzehrsstudie II" Aufschluss. Die Erfahrungen aus dem Dschungelcamp sind noch nicht eingeflossen, aber dennoch ist klar: Die Deutschen sind zu dick, und sie essen zu süß, zu fettig, zu salzig und zu viel. Ein weiteres Ergebnis der Studie: Dick ist doof, und das in doppeltem Sinne. Weil sie sich zu dick finden, diäten ständig fünf Prozent der Deutschen. Und je höher der Bildungsstand, desto seltener das Übergewicht. Bildung tut also Not, nicht nur wegen Pisa, sondern auch wegen der Volksgesundheit. Verbraucherminister Seehofer ging schon mal mit gutem Beispiel voran und verzehrte bei der Vorstellung der Verzehrstudie eine Möhre.
Doch bei dem symbolischen Biss in die Möhre, so ist zu befürchten, wird es die Politik nicht belassen. Schon die Präsentation der Studie kurz vor Karneval lässt Schlimmes ahnen. Ein bisschen Freude noch, so die Botschaft, dann ist wieder Fastenzeit. Konjunkturell läuft es auch nicht mehr so rund. Bald wird schon wieder die Rede davon sein, dass wir alle den Gürtel enger schnallen müssen. Beim Thema Diät, das ist klar, sind alle Politiker Experten. In der globalisierten Wirtschaft stören runde Bäuche, wird man erklären und unseren Blick auf die erfolgreichen Chinesen und Inder lenken, die ja in der Regel besonders schlank sind. Die haben allerdings auch den Vorteil, dass sie im Schnitt jünger sind. Mit dem Alter kommt der Bauch, das hat die Verzehrstudie ebenfalls herausgefunden. Wahrscheinlich bastelt die CDU schon an einem Plan für Diät-Camps, in dem übergewichtige Jugendliche mit Migrationshintergrund gemeinsam mit verfetteten deutschen Rentnern auf Vordermann gebracht werden. Das schafft nebenbei ganz neue Integrationserfahrungen, wenn sich beide Gruppen heimlich in der Dönerbude wieder treffen.
Die Kochshows im Fernsehen, da braucht man kein Prophet sein, werden bald nur noch leichte Kost servieren. Und das Ehegattensplitting, so ist zu hören, soll eine ganz neue Bedeutung bekommen. Da Verheiratete im Schnitt dicker sind als Singles, - auch ein Ergebnis der Studie - könnte die steuerliche Erleichterung von Scheidungen einen Weg aus der Fettfalle weisen. Den armen Hartz-IV-Empfängern, auch sie überdurchschnittlich mollig, könnten Lebensmittelkarten helfen, für die sie nur Obst und Gemüse kaufen können.
Weil wir fast alle zu dick sind, wird es demnächst ganz dicke kommen, keine Frage. Ich versuche deshalb mein Gewicht schon jetzt zu regulieren - mit Hilfe von Bohnen-, Linsen-, Kartoffel- und Erbsensuppe. Meiner Oma haben die Eintöpfe nicht geschadet. Sie wurde 85 Jahre alt - und war bis zuletzt gertenschlank.
Audio: Dickes Deutschland
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Zum Seitenanfang"Immer mit der Ruhe." Das sagte meine Oma gerne, wenn wir Enkelkinder sie mit unseren Klagen oder Wünschen überhäuften. Ihre Stimme hatte dabei genau die richtige Mischung aus großmütterlicher Autorität und Liebe. Aus aufgeregten Rackern wurden so im Nu pflegeleichte, nette Kinder.
Klagen und Wünsche häuften sich zuletzt auch in der Berliner Koalition. Der hessische Ministerpräsident kochte ein Wahlkampfgericht, dass für viele Sozialdemokraten unverdaulich war. SPD-Fraktionschef Struck trat daraufhin dem Koch vors Bein, worauf sich wiederum CDU-General Pofalla empörte und noch nasaler klang als sonst. Die SPD forderte Merkel auf, dem Koch in die Suppe zu spucken, und die CDU verlangte von Kurt Beck, die SPD zur Ordnung zu rufen. Stattdessen legte Struck nach und sagte, auf die CDU gemünzt: "Die kann mich mal."
Aufregung und Hektik also bei den Koalitionsparteien, doch nicht bei der Kanzlerin. Sie scheint die Ruhe selbst und erinnert mich deshalb an meine Oma. Als in der Koalition die Fetzen flogen, setzte sie sich - also Merkel, nicht meine Oma - vor die
Bundespressekonferenz und sagte den tiefgründigen Satz: "Jeder pflegt da so seinen Stil und ich gucke mir das so an" - Pause, Gelächter bei den Journalisten - "manchmal entspannter und manchmal gespannter." Dabei schaute sie lächelnd in die Runde.
Nicht nur das Lächeln der Regierungschefin erinnerte mich an den Dalai Lama. Schauen statt tun, losgelöst sein statt verstrickt - ist Angela Merkel nicht längst auf dem buddhistischen Pfad der Erleuchtung? Der
Buddhismus empfiehlt, das allgegenwärtige Leiden auf dem Weg der "vernünftigen Mitte" zu überwinden. Hat Angela Merkel nicht auf dem Parteitag der CDU immer wieder propagiert: "Wir sind die Mitte"? Vor diesem Hintergrund erscheint der Empfang des Dalai Lama im Bundeskanzleramt in ganz neuem Licht. Ging es Angela Merkel dabei gar nicht um eine politische Demonstration, sondern um persönliche Tipps für den rechten Pfad zum Nirwana? Und ist, allen zwischenzeitlichen Unstimmigkeiten zum Trotz, nicht der Buddha-ähnliche Helmut Kohl immer noch das politische Vorbild der Kanzlerin?
Einige Parteifreunde, so ist in Berlin zu hören, machen sich schon mächtig Sorgen um die Kanzlerin und CDU-Vorsitzende. Ihnen bedeutet das Nirwana nichts, sie glauben, dass Frau Merkel nicht auf dem Pfad der Erleuchtung wandelt - sondern auf dem Holzweg. Oder in einem Zug nach nirgendwo sitzt, als einziger Passagier. Das kann die CDU-Vorsitzende jedoch nicht beunruhigen. Denn der Dalai Lama hat ihr erklärt, was ignoranten Menschen blüht: die Wiedergeburt. Der hessische Ministerpräsident Koch in seinem nächsten Leben ein Migrant? Günther Beckstein Vorsitzender der Linkspartei? Peter Struck ein Protokollchef oder Benimm-Experte? Der
Nokia-Chef als Sachbearbeiter in der Bochumer Agentur für Arbeit? Angela Merkel kann sich vieles vorstellen. Und lächelt. Irgendwie leer, finden die einen. Die Einsicht in die Leere spiegelnd, finden die anderen. Wie meine Oma, finde ich.
Audio: Meditieren mit Merkel
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Zum SeitenanfangAuch wenn sich im modernen Leben vieles rasend schnell ändert - manches bleibt. Leider nicht nur Schönes. So gehören nervige Jugendliche anscheinend schon seit Jahrtausenden zur Grundausstattung jeder Gesellschaft. Erste Klagen sind in Keilschrift verfasst, Platon hat das Thema aufgegriffen, auch Wilhelm Busch: "Also lautet ein Beschluss, dass der Mensch was lernen muss", schreibt er Max und Moritz ins Stammbuch, vergeblich, wie wir wissen. Meine Oma verzweifelte in regelmäßigen Abständen an ihren heranwachsenden Enkeln. "Ich glaube, Euch geht es zu gut", sagte sie, wenn mein Bruder und ich den Friseurbesuch verweigerten oder den Dreck vom Fußballplatz in die frisch geputzte Wohnung trugen.
Irgendwo auf dem Weg zwischen süßem Kind und bravem Bürger lauert für jeden der Abgrund der Jugendzeit. Ohne ordentliche Brücke über diesen Abgrund wird manch hormongeplagter Heranwachsender kriminell. Wie Max und Moritz. Nur Unsinn im Kopf hatten diese beiden, und bezahlen mussten sie es mit dem Leben. So weit wollen jene Politiker nicht gehen, die jetzt die kriminelle Jugend ins Visier genommen haben. Wahlkämpfer Roland Koch (CDU) etwa empfiehlt härtere Strafen und einen "Warnschussarrest" für Ersttäter. Er findet, dass wir vor allem zu viele kriminelle ausländische Jugendliche haben. Seine Konkurrentin Andrea Ypsilanti findet das Thema doof und sammelt stattdessen Unterschriften für einen Mindestlohn.
Wenn schon die Jugend nichts lernen will, haben wenigstens die Politiker was gelernt: Roland Koch hat sich an sein Erfolgsrezept von 1999 erinnert, als er Unterschriften gegen die doppelte Staatsbürgerschaft sammelte. Aus Stimmung gegen Ausländer können Stimmen für die CDU werden, hat er gelernt. Seine Konkurrentin Ypsilanti (SPD) hat von ihm abgeguckt, dass man auch mit Unterschriftenaktionen Politik machen kann. Und beide haben verinnerlicht, dass erst bundespolitische Themen einem flauen Landtagswahlkampf die richtige Würze geben.
Volker Kauder hat die Debatte noch um die Idee eines Erziehungscamps bereichert. Die wird, da braucht man kein Prophet zu sein, den hessischen Wahlkampf überleben. Sie ist ja auch zu charmant. "Erziehung kann nie schaden", meinte schon meine Oma, "vor allem bei den Halbstarken". Und Camp, nun ja, das klingt doch auch gar nicht übel, so nach Natur, frischer Luft, viel Sport und Jungs-Kameradschaft. In diesem Falle ist ausnahmsweise der denglische Begriff auch gut gewählt: Wer könnte schon offensiv für die Einrichtung von Erziehungslagern eintreten?
Audio: Böse Jugend
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"Markt und Straßen stehn verlassen, still erleuchtet jedes Haus, Sinnend' geh ich durch die Gassen, alles sieht so festlich aus." So beginnt ein
Weihnachtsgedicht des alten Romantikers Joseph von Eichendorff, und so begann meine kurze Karriere als Gedichtaufsager. Es war auf der Weihnachtsfeier in der Quinta, wie damals das zweite Schuljahr im Gymnasium hieß. Ich stand vor der Klasse, hatte bewusst auf den hilfreichen Textzettel verzichtet und hangelte mich wacker durch die Verse und Reime. In der letzten Strophe kam dann der Blackout. "Sterne hoch die Kreise schlingen, Aus des Schnees Einsamkeit", diese Zeilen wollten mir einfach nicht einfallen. Der Lehrer musste mir soufflieren, ich stotterte hinterher und eilte danach mit rotem Kopf von der Bühne.
Vielleicht war es so, dass ich in meiner kindlichen Vorstellungswelt Schnee und Weihnachten nicht so recht zusammen bringen konnte. Aufgewachsen bin ich am
Niederrhein, wo laut Statistik nur etwa jede zehnte Weihnacht weiß ist. Weiße Weihnachten kannte ich nur aus den Erzählungen meiner Oma. Die wurde ganz poetisch, wenn sie sich an das Weihnachtswetter anno dazumal erinnerte: "Der Atem hat ganz weiß geweht in der klaren Luft - auch wenn man nicht rauchte. Unter den Schuhen hat der Schnee geknirscht. Das winterliche Weiß hat alles zugedeckt, was sonst alltäglich das Auge beleidigt. Und alles ist so gedämpft, so still gewesen."
Mit der Stille haben wir im modernen Leben so unsere Probleme, gerade auch zur Weihnachtszeit. Von der künden nur die alten Lieder, die in den Kaufhäusern und über die Weihnachtsmärkte plärren. Und Schnee gibt es, wenn überhaupt, eher zum Straßenkarneval. Stattdessen wärmen wir unsere Herzen vor und an Weihnachten mit der Sehnsucht nach Schnee. Schon Wochen vor dem Heiligen Abend spekulieren die Kachelmänner über die Chancen auf eine weiße Weihnacht. Meist wird es dann nichts, und wir trösten uns mit Bing Crosby - "I'm Dreaming of a White Christmas" -, der Geschichte von Rudolf Rotnase oder dem Gedicht von Eichendorff.
Doch einen schneeweißen Hoffnungsstreif am Horizont schenken uns die modernen Zeiten. Im vorweihnachtlichen Bochum herrschte dieser Tage dichter Nebel. Dann rieselten plötzlich Schneeflocken vom Himmel, leise und unaufhörlich. Es war
Industrieschnee. Ein hässliches Wort für eine schöne Sache. Warme Luft oben, kalte Luft unten, dazu viele Fabriken und Kraftwerke, die unter anderem Wasserdampf ausstoßen - das waren die Zutaten für das überraschende vorweihnachtliche Weiß. Es widerlegt all die unromantischen Zeitgenossen, die uns weismachen wollten, nur ein nuklearer Winter - ausgelöst durch einen Atomkrieg - könnte uns weiße Weihnachten bescheren.
Audio: Weiße Weihnacht
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Am Niederrhein, genauer gesagt im Städtchen
Grevenbroich bin ich geboren worden. Dabei hatte man aber vergessen, mir eine ordentliche Portion Heimatliebe in die Wiege zu legen. "Zuhause ist es doch am schönsten", sagte mein Vater regelmäßig, wenn wir aus dem Urlaub zurückkamen. Ich fragte mich dagegen, was um alles in der Welt, er so toll fand an Grevenbroich. Die schwarzen, regensatten Wolken, die ständig über dem Städtchen hängen? Das platte Land ringsum, fast ohne jede Erhebung? Die qualmenden Kohlekraftwerke, die riesigen Tagebaulöcher, die endlosen Rübenfelder? Oder das Tschingdarassabumm, wenn der Schützenzug durch die Straßen marschierte?
Vielleicht war mein Vater ja nur froh, wieder in seinen Alltag zurückzukehren. Etwas weniger froh war meine Oma. Ihr Alltag bestand unter anderem darin, täglich die Terrasse zu schrubben. Schuld war nicht krankhafte Putzwut, sondern allgegenwärtiger Staub. "Wo Braunkohle gefördert und verfeuert wird, fällt halt auch viel Dreck vom Himmel", erklärte mir meine Oma. "Dafür bekommen wir als Gegenleistung schmutzige Arbeitsplätze und Kraftwerke, die uns zusätzliche Regenwolken schenken", entgegnete ich sarkastisch. Doch auch Oma ließ sich in ihrer Heimatliebe nicht beirren. Gerne sang sie mit, wenn zu vorgerückter Stunde auf Familienfesten oder dem Schützenfest die heimatliche Hymne angestimmt wurde: "Grevenbroich lebe hoch!" - eine Begeisterung, die mir auch nach etlichen Bierchen nicht möglich war.
Heute ist das anders, auch wenn ich längst nicht mehr in Grevenbroich wohne. Denn seit einigen Jahren erlebt die Kommune ein richtiges Hoch. Zwar zieht nach wie vor ein Tief nach dem anderen über das Städtchen. Dafür ist der Staub verschwunden, oder zumindest ist er feiner geworden. Dank des regen Bergbaus sind verschiedene Hügel entstanden, schön begrünt. Von ihnen hat man einen erhebenden Blick auf die umliegenden
Kraftwerke. Die werden mehr, dafür aber auch moderner und sauberer, verspricht das RWE. Auch die weiteren Aussichten sind prima: Mancher Tagebau wird, wenn die Kohle weggebaggert ist, mit Wasser volllaufen und Seen in die einst reizlose Landschaft zaubern.
Schon sollen in der Grevenbroicher Stadtverwaltung Überlegungen kursieren, sich am Wettbewerb "Unser Dorf soll schöner werden" zu beteiligen. Noch sei man allerdings auf der Suche nach einem geeigneten Stadtteil. Jemand soll "Elfgen" vorgeschlagen haben, wird hinter vorgehaltener Hand erzählt. Vor Jahren wäre das eine gute Idee gewesen. Denn Elfgen ist längst von der Landkarte verschwunden, der Kohle wegen. Neu und frisch ist dagegen meine Liebe zur alten Heimat. Am Wochenende werde ich mal hinfahren und mir eine Ausstellung dort anschauen - unter dem viel versprechenden Titel
"Lebende Leere".
Audio: Heimatliebe
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Zum Seitenanfang"Bis zum Alter von 40 gibt uns die Natur Kredit. Spätestens dann müssen wir aktiv werden." Die Trainerin im Fitnessstudio, geschätzte 25 Jahre alt, schaute mich aufmunternd an. Ich hatte gerade die magische Altersgrenze überschritten und das dumpfe Gefühl, dass sie der Meinung war, ich hätte den Kredit bereits maßlos überzogen. Also hörte ich aufmerksam zu, als sie mir meine Muskeln erklärte. Dann ging es an die Geräte, und recht schnell wurde mir klar, dass die Rückzahlung des naturgegebenen Kredits eine schweißtreibende und langwierige Geschichte würde. Meine Trainerin hatte bereits die Maxime vom "fördern und fordern" verinnerlicht und legte mir regelmäßig höhere Gewichte auf.
Mit Geduld und Zähigkeit kam ich voran und vermerkte die Erfolge meines Trainings gewissenhaft auf einer Karte. Tapfer ertrug ich die schweißgesättigte Luft im Studio, das Ächzen und Keuchen meiner Trainingspartner und ihre schrillen Outfits; das war eben der Preis für jahrelange Arbeit am Schreibtisch. Als Ausgleich zur Kraftarbeit im Studio begann ich außerdem zu joggen. Schließlich wollte ich nicht als unförmiger Muskelkoloss enden, und Mannschaftssport schied wegen unregelmäßiger Arbeitszeit leider aus.
Schichtarbeit im Büro prägt auch immer mehr die Arbeit unserer Polizisten. Fiese Verbrechen finden ja zunehmend im Computer statt, besser gesagt im Internet,
wie uns Innenminister Schäuble immer wieder einbläut. Und die wackeren Strafverfolger setzen bei ihrer sitzenden Tätigkeit das ein oder andere Kilo an. NRW-Innenminister Ingo Wolf hat das erkannt und will deshalb einen
Fitnessnachweis für Ordnungshüter einführen. Wer den nicht vorlegen kann, muss bei einem Förderprogramm mitmachen. Das wird dann wohl eher den Charakter eines Forderprogramms haben.
Die Ankündigung kommt einer Bankrotterklärung der Politik gleich. Jahrzehntelange hat sie sich gemüht, die Fitness der Polizisten zu steigern. Kiloschwere Funkgeräte, mechanische Schreibmaschinen, rationiertes Benzin, ausgedehnte Streifengänge, regelmäßige Einsätze mit Schlagstöcken an frischer Luft - anscheinend hat alles nichts genutzt. Selbst die Wiedereinführung der Reiterstaffeln blieb ohne nachhaltigen Erfolg.
Wer Fitness fordert, muss auch Fitness demonstrieren. Deshalb sollen dem Vernehmen nach alle Polizeidienststellen demnächst Videos erhalten. Sie zeigen Jürgen Rüttgers auf seiner sommerlichen Fahrradtour, Schwarz-Weiß-Aufnahmen von Ingo Wolf beim Feldhockey und Roswitha Müller-Piepenkötter beim Nordic-Walking. Eine Entspannungskassette soll auch in Vorbereitung sein, mit Landtagsreden von Innovationsminister Andreas Pinkwart. Die Polizeigewerkschaft, so ahnen Insider, wird den Fitness-Erlass allerdings leicht aushebeln - durch den Hinweis auf fehlende Videorekorder in den Dienststellen.
Audio: Fit for work
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Zum SeitenanfangSport gehörte zu meinen Lieblingsfächern in der Schule. Es sei denn, Schwimmen oder Geräteturnen waren angesagt: dann wurde ich schon mal zum Turnbeutelvergesser. Wenn dagegen Fußball auf dem Stundenplan stand, packte ich morgens gewissenhaft meine Sporttasche und steckte die Fußballschuhe mit den Stollen rein, falls draußen auf dem Aschenplatz gespielt wurde, oder die Turnschuhe mit heller Sohle, falls Fußball in der Halle angesagt war.
Die Wahl des richtigen Schuhwerks wurde jedoch zunehmend komplizierter. Das lag daran, dass es chic wurde, Turnschuhe auch außerhalb von Sportstätten zu tragen, als Ersatz für die normalen "Straßenschuhe", wie die in unserer Familie hießen. Mit den zu Straßenschuhen mutierten Turnschuhen durfte ich natürlich nicht in die Halle, dazu waren sie nicht sauber genug. Wenn ich nicht aufpasste, entging mir so meine Lieblingsstunde, nur weil ich morgens im Halbschlaf die falschen Schuhe eingepackt hatte.
Die Sportschuhhersteller profitieren bis zum heutigen Tag davon, dass ihre Produkte inzwischen überall getragen werden - sogar in der Oper, wie meine Oma einmal konsterniert feststellen musste. Inzwischen gehören alle Varianten der Sportkleidung zum Straßenbild, inklusive ballonseidener Trainingsanzüge. Dass ihre dickbäuchigen Träger mit Sport rein gar nichts im Sinn haben, gehört zu den allgegenwärtigen Widersprüchen des modernen Lebens.
So beglückt uns die Glotze mit ständig neuen Kochsendungen. Während wir gebannt schauen, wie Lafer, Lichter & Co. braten, brutzeln und blanchieren, wird in der heimischen Mikrowelle das Fertiggericht gewärmt. Während der Benzinpreis ständig neue Rekorde bricht, setzen wir uns in spritschluckende Off-Road-Fahrzeuge und stellen uns mit ihnen in den nächsten Stau. Abends sehen wir uns dann im TV eine Talkshow an, in der über Tempo 130 debattiert wird. Darin wird umso mehr geredet, je weniger die Beteiligten zu sagen haben. Dass ein Diskutant fehlt, weil er im Stau steckengeblieben ist, wird schamhaft verschwiegen.
In den scheinbaren Widersprüchen, so darf vermutet werden, spiegelt sich die romantische Sehnsucht nach Verlorenem. Wie sonst wäre es zu erklären, dass wir in Trecking-Jacken durch wohltemperierte Shopping-Malls flanieren? Oder Uhren tragen, die auch eine Wassertiefe von 200 Metern unbeschadet überstehen? Trendforscher haben das längst erkannt und arbeiten schon fieberhaft an neuen Ideen. So dürfen wir uns auf eine Mode freuen, die sich Neandertaler und Yeti zum Vorbild nimmt, Leder und Fell rehabilitiert und notfalls das Leben in unwirtlichen Höhlen ermöglicht. Auch die Politiker werden garantiert in kommenden Wahlkämpfen unsere Sehnsüchte bedienen: mit Versprechen von sozialer Nestwärme, immerwährendem Aufschwung, einer pünktlichen und profitablen Bahn, freier Fahrt für freie Bürger, sicheren Renten, Steuersenkung und -vereinfachung. Wer das zum Davonlaufen findet, sollte nicht vergessen, sich Turnschuhe anzuziehen - die richtigen, versteht sich.
Audio: Flucht auf leisen Sohlen
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Zum SeitenanfangDem Bücherwurm und der Leseratte scheint es gar nicht gut zu gehen. Fernsehen, CD- und MP3-Player und vor allem das Internet bedrohen ihren natürlichen Lebensraum. Das moderne Leben ist halt digital. Nur manchmal wird deutlich, dass es trotzdem noch einige der possierlichen Tierchen gibt: Wenn die Verleger auf der Frankfurter Buchmesse klagen, wie viele Bücher ihnen gestohlen wurden, oder wenn die Buchhändler jubeln, wie viele Vorbestellungen sie für den neuen Harry-Potter-Roman haben. Eine weitere ökologische Nische haben Bücherwurm und Leseratte im Knast gefunden.
Deshalb wurde die Bücherei der Justizvollzugsanstalt in Münster nun
mit dem deutschen Bibliothekspreis ausgezeichnet. Die JVA verfügt über eine beachtliche Bibliothek und eine noch beachtlichere Leserschaft - rund 80 Prozent der Einsitzenden. Als Freizeitbeschäftigung rangiert Lesen bei ihnen noch vor Fernsehen - obwohl in Münster nicht nur Buchdiebe inhaftiert sind.
Am Anfang war das Wort, dann kam das Buch, dann die katholische Bücherei. So verlief meine Entwicklung zum Bücherwurm. In der Pfarrbücherei arbeitete ich als ehrenamtlicher Helfer. So kam ich problemlos und ohne Rücksicht auf Öffnungszeiten an interessanten Lesestoff. Außerdem gab es nette Mit-Helferinnen, und so ging die monotone Arbeit - Bücher auspacken, registrieren, einbinden, sortieren, eintragen, austragen, einordnen, anmahnen - flink von der Hand.
"Wer liest, sündigt nicht", war meine Oma überzeugt. Bei der katholischen Bücherei war sie - berechtigter Weise - sicher, dass dort nur Literatur verliehen wurde, die nicht gegen Moral und guten Geschmack verstößt. "Wer liest, macht keinen Unsinn", wird sich die Anstaltsleitung in Münster denken und froh darüber sein, dass die Häftlinge im Literaturkurs nur an Texten feilen. Dabei könnten die Gefängnisdirektoren in Deutschland ruhig noch ein bisschen stolzer sein auf ihre Klientel. In der JVA Aachen
kochen Häftlinge Gourmet-Menüs für einen guten Zweck, andere Haftanstalten produzieren bereits seit Jahren
Designer-Klamotten. In Moers haben Knackis ein
Brettspiel ausgetüftelt: "Ohne Bewährung". Dabei müssen sich die Spieler mit Glück und Geschick den Weg in die Freiheit bahnen, ohne bei einer Alkoholkontrolle des fiesen Vollzugsbeamten Siggi aufzufallen.
Einige kreative Gefängnisleiter, so wird gemunkelt, planen deshalb, Kreativurlaub im Knast anzubieten: Sieben Tage Übernachtungen in einfachen, zweckmäßig eingerichteten Zellen, tagsüber Kurse mit unterschiedlichen Schwerpunkten, dazu Vollpension; die Kleidung wird gestellt. Bei einem Pauschalpreis von rund 1.000 Euro dürfte die Nachfrage kein Problem sein. Dem Vernehmen hat sich schon der gesamte
SPD-Vorstand für das Angebot interessiert, Schwerpunkt des gewünschten Kursprogramms: "Aufbruch".
Audio: Kreativ im Knast
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Als Kind war ich eher wasserscheu. Für Fische konnte ich mich allerdings begeistern - altersgemäß in Form von Fischstäbchen, aber auch in der Gestalt von bunten Guppys, Skalaren, Neon- und Zebrafischen, die ihre Heimat im großen Warmwasser-Aquarium unseres Wohnzimmers gefunden hatten. Diese Exoten machten eindeutig mehr her als der einsame
Goldfisch meines Freundes, der in einem kleinen Glas seine monotonen Runden durchs kalte Wasser zog. Meinen Freund zog ich auf, indem ich meine Oma zitierte: "Es ist nicht alles Gold, was glänzt."
Im modernen Leben ist der Fisch vor allem in den angesagten Sushi-Bars beheimatet. Wer heute noch ein Aquarium besitzt, wirkt antiquiert. Etliche Aquarienbesitzer haben deshalb ihre vormals verhätschelten Lieblinge ausgesetzt - mit fatalen Konsequenzen: So drohen die kinderreichen Goldfische die einheimische Tier- und Pflanzenwelt des Wolfgangsees zu vernichten.
Wolfgangsee - das weckt Erinnerungen an
Helmut Kohl in der Sommerfrische oder eine
Bade-Aktion von Kunstprovokateur Christoph Schlingensief. Beide hat das Gewässer überstanden, ohne umzukippen. Doch der Wolfgangsee mit dem Goldfisch-Problem liegt nicht in Österreich, sondern im Rhein-Sieg-Kreis. Hier haben jetzt
beherzte Umweltschützer den Fremdlingen den Kampf angesagt und hunderte Goldfische erst mit Strom betäubt und dann aus dem Wasser bzw. Verkehr gezogen - Futter für den Überfremdungsdiskurs.
Die "Das Boot ist voll"-Diskussion wandelt sich zunehmend in eine "Der See ist voll"-Debatte. Auch tierische Einwanderer auf dem Land und in den Lüften geraten ins Visier der Heimatschützer. In Köln häufen sich die Klagen über die freilebenden Papageien, im Sauerland machen Waschbären die Einheimischen sauer, weil sie in Abfalleimern nach Fressbarem suchen. Ausgebüxte Kängurus, Krokodile oder Kaimane heizen - gerne im Sommer - die Stimmung zusätzlich auf. Vor allem dann, wenn es andererseits einem ursprünglich einheimischen Wildtier wie Braunbär Bruno bei seiner Wiedereinwanderung an den Pelz geht.
Bis zu 50 Euro Bußgeld muss zahlen, wer Zierfische in heimischen Gewässern aussetzt und sich dabei erwischen lässt. Das scheint jedoch nur wenige abzuschrecken. Dem Vernehmen nach wird deshalb in Berlin über eine drastische Anhebung des Bußgelds nachgedacht. Innenminister Wolfgang Schäuble will Insidern zufolge außerdem alle verbliebenen Zierfischbesitzer in einer zentralen Datei erfassen und den Verkauf von Fischen und Fischfutter überwachen. Der vermeintlich harmlose Goldfisch sei so etwas wie ein "Schläfer" mit Kiemen: Scheinbar integriert, entfalte er in Freiheit sein tödliches Potenzial und verwandle deutsche Seen und Trinkwasserreservoirs in stinkende Kloaken. Erschwerend komme die Herkunft des Goldfischs hinzu, erfährt man hinter vorgehaltener Hand: Er stamme schließlich aus China,
dem Land, das uns bereits das Öl wegkauft und die Milch wegtrinkt.
Gemäßigte Stimmen halten dagegen und mahnen nun eine tierische Integrationsdebatte an. Eine gute Idee, am besten realisierbar in der beschaulichen Atmosphäre eines Gartens, in Sichtweite eines Teichs mit ruhig dahingleitenden Kois. Der Goldfisch macht derweil das, was er am besten kann. Er schweigt. Er scheint zu wissen: Reden ist Silber, Schweigen ist Gold.
Audio: Von Goldfisch und Problembär
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Zum SeitenanfangIch war jung, und ich brauchte das Geld. In den Semesterferien habe ich deshalb öfters auf der Müllkippe gearbeitet. Geld stinkt nicht, so hatte ich im Lateinunterricht gelernt. Was der Spruch verschweigt: Auf dem Weg zum sauberen, geruchsneutralen Geld muss man manch üble Ausdünstung in Kauf nehmen. Besonders die Hausmüll-Deponien, auf denen ich tätig war, stanken erbärmlich. Fast wohltuend waren dagegen die Sondermüllkippen. Irritiert war ich allerdings, als mein Freund, Kommilitone und Kollege Hubert mal auf einer umkippte. Den Schwächeanfall habe ich damals allerdings auf Huberts Vorliebe für Alkoholika jeglicher Art zurückgeführt.
Die Ferienausflüge auf die Mülldeponien meiner niederrheinischen Heimat beflügelten jedes Mal meine Lust auf die Uni und mein Politik-Studium. Das Studentenleben konfrontierte mich mit viel Papier und - dank Hubert - mit jeder Menge Flaschen. Das Papier landete irgendwann im Papiercontainer. Die Bier-, Wein- und Schnapsflaschen sortierte und entsorgte ich getrennt nach Farben. Nachhaltige Zweifel am Sinn des Sortierens kamen mir allerdings, als ich einen Müllwagen beim Leeren der Recycling-Container beobachtete. Auf seiner Ladefläche fiel klirrend zusammen, was nicht zusammen gehörte.
Vielleicht sind es ähnliche Erfahrungen, die immer mehr Zeitgenossen veranlassen, ihren Müll, natürlich unsortiert, einfach irgendwo abzuladen - im Park, auf dem Grünstreifen, an der nächsten Straßenecke. In Köln patrouillieren deshalb
Mülldetektive, um mit Bußgeldbescheiden den Müllmachern ihr schmutziges Tun auszutreiben. Und tatsächlich sind die Detektive mit ihrer Wühlarbeit oft erfolgreich, weil sorglose Entsorger Briefe, Kontoauszüge, sogar Kündigungen in ihrem Abfall hinterlassen.
Zumindest in diesem Augenblick müssen wir uns die Mülldetektive als glückliche Menschen vorstellen. Wahrscheinlich sind sie es auch am Abend, wenn sie nach der aufwühlenden Arbeit des Tages davon träumen, es den großen Archäologen nachzutun. Die finden im Jahrhunderte, ja sogar Jahrtausende alten Müll Dinge, mit denen sie uns die alte Welt erklären. Die moderne Welt - die werden uns vielleicht einmal Mülldetektive erklären, mit Aufsehen erregenden Funden: dem
Original-Apfelkuchen-Rezept von Eva Herman, dem Giftschrank von Wolfgang Schäuble, einem ausrangierten Sektglas von Edmund Stoiber oder dem SPD-Parteibuch von Oskar Lafontaine. Mit etwas Glück stoßen sie ja auch auf das Tagebuch von
Hellmut Trienekens. Spätestens dann werden wir genau wissen, wie ergiebig die Kombination von Müll und Politik ist.
Audio: Verräterischer Abfall
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Irgendwie lässt der Sommer in diesem Jahr schwer zu wünschen übrig. Auch wenn die Kachelmänner und -frauen noch so inbrünstig behaupten, er sei normal - "gefühlt" ist er einfach zu kühl und nass. Das Fernsehen bietet auch keinen Trost. Dort ist schon seit Monaten ständig vom Herbst die Rede, vom deutschen Herbst. Es flimmern aber keine Wandertipps oder Weinempfehlungen über den Bildschirm, sondern Bilder vom
RAF-Terror im Jahr 1977. Und die lassen einen noch mehr frösteln.
Außer gruseligen Bildern von Opfern und Tätern ist auch immer mal wieder der junge Otto Schily im Bild, damals Rechtsanwalt von Gudrun Ensslin. Natürlich noch schlanker und irgendwie anders drauf als heute. Inzwischen ist ja auch viel passiert, besonders bei ihm. Der ehemalige RAF-Verteidiger gründete die Grünen (mit), wurde Bundestagsabgeordneter, wechselte zu den Sozis, wurde Bundesinnenminister und schnürte ein Anti-Terrorpaket nach dem anderen. Nebenbei freundete er sich mit Günther Beckstein an, seinem rechts schaffenden Kollegen aus Bayern, was ihn für einige alte Freunde endgültig zum Konvertiten machte.
Konvertiten sind immer leicht verdächtig. Neulich war ich zum
Brombeerenpflücken am Bahndamm, zusammen mit meinem Freund J. Plötzlich tauchte die Polizei auf und nahm uns mit aufs Revier. Wir mussten uns lange Belehrungen über die Gefährdung des Bahnverkehrs anhören. Einer der Beamten schaute uns dabei so an, als ob wir verhinderte Kofferbomber seien. Wahrscheinlich deshalb, weil mein Freund J. Muslim ist, aber mal katholisch war, ein Konvertit also. Der Konvertit ist, so lehrt uns die Politik, gleichsam der Trojaner in der deutschen Gesellschaft, außen harmlos, innen gefährlich. Von Schily mal abgesehen.
Elektronische Trojaner wollen Schäuble, Beckstein und Co. einsetzen, um die echten Trojaner - also die aus Fleisch und Blut - mit Hilfe deren eigener Computer zu entlarven. Eine prima Idee, die von Kriminellen
schon mal ausprobiert wurde. Sie fingierten Behörden-E-Mails und hingen Trojaner dran. Mit denen wollten sie keine menschlichen Trojaner entlarven, sondern schlicht Kontodaten ausspähen, um dann die Konten zu plündern. Wer weiß - vielleicht ist der
Bundes-Trojaner tückischer als gedacht und gleich doppelt trojanisch: Die vermeintlich harmlose Behördenmail könnte ja bloß vortäuschen, sich um terroristische Computerinhalte zu kümmern, in Wirklichkeit es aber auf das Eine abgesehen haben: unser Geld.
Audio: Schily, Bosbach, Beckstein - jeder muss versteckt sein
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Zum SeitenanfangDen Urlaub verbrachte ich als Kind regelmäßig im Mittelgebirge. Nach den großen Ferien schwärmten meine Mitschüler von ihren Erlebnissen an der See oder in den Alpen. Ich verbesserte ihre heimatkundlichen Kenntnisse und erklärte ihnen, wo Eifel, Hunsrück und Westerwald liegen. Der Exotik-Faktor von Rheinland-Pfalz war deutlich geringer als der von Frankreich, Italien oder Spanien, und so musste ich mir beim üblichen Aufsatz über die Ferien immer besondere Mühe geben. Ich schilderte dann etwa, wie meine Eltern die Kinder, Oma, sich und das gesamte Gepäck in den kleinen Wagen verstauten und wir alle heil das gottlob nahe gelegene Urlaubsziel erreichten. Die Menschen am Ferienort waren bodenständig, ordentlich frisiert und rasiert und gaben für einen Aufsatz wenig her. Deshalb griff ich gerne auf Tiergeschichten zurück nach dem Muster "Mein Erlebnis mit der ausgebüxten Kuh".
Dass ausgerechnet Rheinland-Pfalz ein fruchtbarer Boden für potenzielle SPD-Vorsitzende ist, konnte ich damals noch nicht ahnen. Willy Brandt führte zu dieser Zeit die Sozialdemokraten, der Visionär der Ostpolitik. Die Führungsqualität der bodenständigen Menschen aus Rheinland-Pfalz entdeckten die Sozis erst später und wählten in das - nach dem Papst - schönste Amt der Welt
Rudolf Scharping und zuletzt Kurt Beck.
Scharping hielt sich bekanntermaßen nicht lange. Ihn servierte Oskar Lafontaine ab, und den Abschied vom Ministeramt verdankte Scharping einem Ausflug nach Mallorca, wo er sich mit seiner Partnerin beim Planschen in einem Pool ablichten ließ. Ein Urlaub in einer netten kleinen Pension in der Pfalz hätte ihn davor bewahrt, die dortigen Feriendomizile haben nämlich keine Swimming-Pools.
Und nun müssen wir auch um Kurt Beck bangen. Der einstige Knuddel-Kurt hat ähnlich rasch an Niedlichkeit verloren wie Eisbär Knut. CDU-Generalsekretär Ronald Pofalla titulierte ihn als "Mecker-Beck", und nun nölen auch zunehmend Parteigenossen am SPD-Parteivorsitzenden herum. "Es gibt einige Leute in der dritten und vierten Reihe, die hinter Büschen sitzen und mehr oder weniger Intelligentes erzählen", erklärte
Beck in den "Tagesthemen" den Zuschauern. Die mussten sich nicht angesprochen fühlen, weil sie ja immer in der ersten Reihe sitzen. Gemeint hat Beck seine Kritiker aus dem Berliner Politikbetrieb. Berlin - das hätte Beck wissen können - ist gefährlich. Schon für den ersten Kanzler, Konrad Adenauer, gehörte die Stadt zur sibirischen Steppe. Dünnhäutigkeit hilft Beck nun nicht weiter. Er sollte nur vorerst das Wasser meiden, Pools und auch Badewannen. Sonst kommen die Genossen noch auf die Idee zu behaupten, er
bade gerne lau.
Audio: Überleben in Berlin
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Zum SeitenanfangDas Wort Emanzipation gehörte zu den prägenden Begriffen meiner Jugend. Oft führten es Frauen im Munde, die nicht mehr Mädchen genannt werden wollten, lila Latzhosen trugen und auf den BH verzichteten. Sie waren locker, fortschrittlich, einfach modern - und vermittelten mir Knirps aus der niederrheinischen Provinz eine Ahnung davon, dass das Leben mehr zu bieten hatte als Fußball und Sonntags-Ausflüge in die Eifel.
Emanzipatorisch ganz vorne war meine ältere Schwester. Sie lebte in einer Kommune mit anderen Studierenden, hatte einige blaue Bände der Marx/Engels-Gesamtausgabe in ihrem selbst gebastelten Regal und forschte zum (natürlich antiquierten) Frauenbild des Dichters
Adalbert Stifter. Nebenbei hielt sie die Küche der Kommune in Ordnung. Nach dem Studium engagierte sie sich im Betriebsrat der Privatschule, an der sie unterrichtete.
Als Frau nur daheim zu bleiben und Kinder zu hüten, war für sie und alle emanzipierten Kreise damals unvorstellbar. Emanzipation war Fortschritt, Fortschritt war links und links war modern. Gut zwei Jahrzehnte später ist die Sache mit der Emanzipation richtig kompliziert geworden.
Eva Herman findet es wahrhaft emanzipiert, wenn die Frau zu ihrer Bestimmung als Nestbauerin und Apfelkuchen-Bäckerin zurückfindet. Meine Schwester hat drei Kinder zur Welt gebracht und eine längere Familienphase eingelegt. Familienministerin
von der Leyen - eine CDU-Politikerin! - will mehr Kindertagesstätten durchsetzen, um den Frauen eine Berufstätigkeit zu ermöglichen.
Christa Müller, familienpolitische Sprecherin der Linken im Saarland, meint dagegen, kleine Kinder seien zu Hause am besten aufgehoben.
Dahinter stehe ein "antiquiertes Frauenbild", schäumen viele Frauen in der Linkspartei. Sie ärgert, dass die CDU-Frau von der Leyen jetzt irgendwie fortschrittlicher rüberkommt als die Linke Christa Müller. Das bisschen Haushalt und Kindererziehung kann doch nicht Fraus Erfüllung sein, finden die Genossinnen. Sie argwöhnen, dass Christa Müllers Hohelied auf die Hausfrau und Mutter nur die Weiterentwicklung eines Gedankens ist, den Frau Müller in den 80er Jahren als Juso-Politikerin entwickelt hat. Damals forderte sie ein "Recht auf Faulheit".
Wahrscheinlich sind die Genossinnen auch sauer, dass die alte Gleichung "emanzipiert gleich fortschrittlich gleich links" nicht mehr aufgeht. Deshalb wollen sie jetzt mal Tacheles reden, mit Müllers Mann. Das ist Oskar Lafontaine. Der könnte, so das Kalkül, dann ja mal mit seiner Frau Klartext reden. Ein gutes altes Rezept. Aber auch ein antiquiertes.
Audio: Vom Weibe verwirrt
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Zum SeitenanfangMilch gehört von Anfang an zum Leben. Muttermilch ist unser erstes Nahrungsmittel, gefolgt von jeder Menge handwarmer Fläschchen. Als ich zur Grundschule ging, gab es sogar täglich eine Ration Schulmilch. "Du musst viel Milch trinken, damit Du groß und stark wirst", ermahnte mich meine Oma. So wurde ich zu einem echten Milchbubi, konsumierte brav Tag für Tag nicht nur in der Schule, sondern auch zuhause eine Extraportion Milch.
Die Marketingstrategen der deutschen Landwirtschaft unterstützten die Argumentation meiner Großmutter nach Kräften. "Milch hilft gegen Maroditis", versprachen sie, auch müde Männer sollten angeblich munter werden durch den Kuhsaft. Eine Milchmädchenrechnung, dachte ich manchmal, wenn ich mit schweren Lidern im Lateinunterricht saß und so gar nicht das Gefühl hatte, dass die Milch weckt, was in mir steckt.
Inzwischen ist die Milch zum Energy-Drink avanciert, und Ikonen der Moderne wie Madonna, Naomi Campbell und David Beckham werben für das Grundnahrungsmittel. "Milch ist meine Stärke", behauptet gar Milch-Botschafterin Yvonne Catterfeld. "Milch ist echte Energie aus unserer Landwirtschaft", erklären uns die Werbefuzzis. Und weil die Energiepreise ständig steigen, ist auch die Milch
teurer geworden. Schuld ist, wieder mal, die Globalisierung. Genauer: Es sind die Chinesen, wie uns die Ökonomen erklären. Erst machen die Chinesen uns das Leben schwer, indem sie
Öl ohne Ende kaufen, dann entwickeln sie einen solchen Milchdurst, dass unsere jahrzehntelang gepflegten
EU-Milchseen austrocknen. Kein Wunder, dass manche schon wieder vor der "gelben Gefahr" warnen.
Deutschland ist nicht mehr das Land, wo Milch und Honig fließen. Zu wenig Milch, zu wenig Bienen. Doch China, das uns den Titel des Exportweltmeisters wegschnappen will, sollte sich nicht zu früh freuen. Die meisten Asiaten vertragen Milch bzw. den Milchzucker überhaupt nicht, für sie kann schon eine kleine Milch-Mahlzeit fatale Folgen haben. Vielleicht erlebt die chinesische Volkswirtschaft schon bald einen Wachstums-Knick. Denn wer arbeitet schon gut, wenn ihn Blähungen, Bauchschmerzen und Völlegefühl quälen?
Früher wurden die Fremden mit Feuerwasser außer Gefecht gesetzt, heute mit Milch. Dem Vernehmen nach haben die Chinesen aber bereits große Mengen Medikamente gegen die Laktoseintoleranz gekauft - in Deutschland. Damit ist zumindest der Aufschwung unserer Pharmaindustrie gesichert. Und auch ein zunächst rätselhafter Ausspruch von Bundeskanzlerin Merkel, den politische Beobachter in Berlin gehört haben wollen, wird auf einmal verständlich. Auf die Frage nach ihrem Erfolgsrezept soll Merkel gemurmelt habe: "Die Milch macht's."
Audio: Mobilmachung mit Milch
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"früher wurden die fremden mit feuerwasser ausser betrieb gesetzt" ... was heisst da früher? das ist doch immer noch so. zumindest in berlin mit den komasauf-pub-cars. da werden doch die briten ausser gefecht gesetzt. allerdings auch berliner pub-besucher verärgert.
Lupe am 8.08.07 0:14
Zum Anfang dieses Eintrags
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Zum Seitenanfang"Morgen geht es ab in die Beeren!" Dieser Ausspruch meiner Oma versprach früher stets einen perfekten Sommer- und Ferientag. Bei strahlendem Wetter zogen sie, meine Geschwister und ich, mit allerlei Körben ausgerüstet, zum nahen Waldrand, um Brom- und Himbeeren zu pflücken. Dabei achtete meine Großmutter penibel darauf, dass wir Kinder nur die hoch hängenden Früchte ernteten, an denen garantiert kein Hund sein Bein hatte heben können. Aus den Beeren machte meine Großmutter dann Marmelade.
Das moderne Leben beschert uns längst zu allen Jahreszeiten so viel Früchte wie wir wollen, im Supermarkt. Doch tief im Innern sind wir auch noch immer Jäger und Sammler. Wir können heute zwar keine Bären mehr jagen, aber zumindest Beeren sammeln. Deshalb verschmähen in diesen Sommertagen viele Menschen die Sonderangebote an den Obstständen und ziehen aus, um mit eigenen Händen wild wachsende Beeren zu ernten. Zum Entsetzen der Deutschen Bahn AG tun sie das auch an Bahndämmen und
behindern so den Zugverkehr. Um die Pflücker nicht zu gefährden, müsse man die Züge langsamer fahren lassen oder gar umleiten, klagt die Bahn. Für verkehrsgefährdend geerntete Beeren werden mindestens 80 Euro Bußgeld fällig, droht zudem die Polizei.
Doch gerade verbotene Früchte haben seit den Zeiten von Adam und Eva nicht an Reiz verloren. Und ist es nicht ein zutiefst demokratischer Impuls, dass man die süßesten Früchte nicht nur den großen Tieren überlassen will, wie der singende Sozialkritiker
Peter Alexander einst beklagte?
Die Nörgelei über die wagemutigen Beerensammler könnten sich noch als Bärendienst für die Bahn erweisen. Kreative Köpfe in der Konzernzentrale haben nämlich längst erkannt, dass man den Kunden einen weiteren Bären aufbinden und die Pflücker als perfekte Entschuldigung für die vielen Verspätungen im Sommerfahrplan nutzen kann. Ist die Erntezeit vorbei und wird das Wetter schlechter, ist halt wieder das matschige Laub auf den Schienen für die Unpünktlichkeit verantwortlich.
Die Lokführer könnten die Herausforderung durch die Beerensammler wiederum dazu nutzen, in den laufenden
Tarifverhandlungen satte Gefahrenzuschläge zu fordern. Und auch für
Wolfgang Schäuble hat die Situation ihr Gutes. Sind die Beerensammler nicht eigentlich verkappte Terroristen, die unsere moderne Gesellschaft im Kern, in ihrer Mobilität bedrohen? Also, nichts wie ran und ein Gesetzespaket geschnürt: Erfassung aller körbchentragenden Beerensammler in einer Zentraldatei, Selbstschussanlagen an Bahndämmen, Verpflichtung aller Haushalte zum wöchentlichen Einkauf von Beerenfrüchten aus holländischen Gewächshäusern.
Ein Platz im Fernsehen wäre den Beerensammlern auch zu gönnen - in einer neuen Folge von
"Bitte nicht nachmachen!"
Audio: Beerendienst für die Bahn
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Zum SeitenanfangZu den ersten tiefen Enttäuschungen meines Lebens gehörte die Erkenntnis, dass es nicht das Christkind oder der Weihnachtsmann war, der mir die Geschenke unter den Tannenbaum legte. Hinzu kam später noch die Einsicht, dass der Tannenbaum genau genommen eine Fichte war. Als sich dann auch noch der Osterhase als fromme Lüge entpuppte, reagierte ich schon um einiges gelassener. Immerhin durfte ich von nun an beim lustigen Ostereierfärben mitmachen.
Den Aufschwung hielt ich in dieser Zeit für eine Art Weihnachtsmann für Erwachsene. Er schien unheimlich wichtig, alle redeten über ihn. Er sollte dafür sorgen, dass es ihnen gut geht, uns Kindern sogar noch besser. Der Spruch "Ihr sollt es mal besser haben als wir" begleitete viele meiner Generation durch Kindheit und Jugend. Meinen Eltern diente er dazu, mir das Lernen der Latein-Vokabeln, der Versmaße oder der binomischen Formeln schmackhaft zu machen. Mit wechselndem Erfolg.
Viele Politiker versprachen, der Aufschwung werde kommen, wenn man sie wählen würde. Das erinnerte mich an das Versprechen meiner Eltern, das Christkind würde brave Kinder reich beschenken. Ich bekam aber eine Modelleisenbahn, obwohl ich mir doch so sehnlich eine Autorennbahn gewünscht hatte. War ich nicht brav genug gewesen? Und wie würde sich der Aufschwung verhalten, wenn meine Eltern und meine Oma die falschen Politiker wählten?
Einige Zeit danach lernte ich, dass der Aufschwung eher mit dem Weihnachtsgeschäft als mit dem Weihnachtsmann zusammenhängt. Und natürlich mit der Staatsverschuldung. Die wächst ja nun weniger schnell, wie uns
Finanzminister Steinbrück erklärt. Bis zum Jahr 2011 will er die Neuverschuldung sogar auf null bringen. Dazu hat er eine Schuldenwaage verwendet. Steinbrück gäbe bestimmt auch einen prima Weihnachtsmann ab, mit entsprechendem Mantel und Zipfelmütze. Seine Schuldenwaage erinnerte mich an die Spieluhr, die ich einmal zu Weihnachten geschenkt bekam. Mit ihrer Hilfe lernte ich schnell die Uhr zu lesen. Erst später wurde mir bewusst, dass sich die Zeit weder aufhalten noch zurückdrehen lässt wie auf meiner schönen Spieluhr.
Die Uhr tickt, die Zeit rinnt, da müssen wir natürlich froh sein, dass wenigstens der Finanzminister die Schuldenwaage zurückdrehen kann und so den Aufschwung beflügelt. Könnte er auch die Zeit um einige Jahre zurückdrehen, würde er vielleicht seinen Amtsvorgänger Hans Eichel vor sich sehen, wie er uns inbrünstig einen schuldenfreien Haushalt verspricht - für das Jahr 2006.
Audio: Aufschwung für alle
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Zum SeitenanfangKöln ist katholisch, das war schon immer so. Deshalb war es naheliegend, dass meine fromme Großmutter die rheinische Metropole gerne als Ausflugsziel wählte. Mit dem Zug ging es von unserem Heimatstädtchen in einer halbstündigen Fahrt direkt in das lebendige Herz Kölns. Kurz vor der Ankunft mussten mein kleiner Bruder und ich auf Omas Geheiß die Augen schließen. Wie ich später herausfand, diente diese Aktion nicht der inneren Sammlung, sondern sollte uns Kinder vor dem Anblick der Rotlicht-Etablissements an der Bahnstrecke bewahren. Große Augen machten wir dann, als der riesige Dom vor uns aufragte, kaum dass wir den Bahnhof verlassen hatten. Auch die mächtigen romanischen Gotteshäuser verfehlten nicht ihre Wirkung auf unsere zarten Seelen.
Ausgerechnet das erzkatholische "hillije Köln" haben sich die Protestanten für ihren diesjährigen
Kirchentag ausgesucht. "Sie sind hier nicht in der Diaspora, sie sind hier Hause", machte Ministerpräsident Jürgen Rüttgers den evangelischen Christen zur Begrüßung kräftig Mut. Auch Oberbürgermeister Fritz Schramma und sogar Joachim Kardinal Meisner hießen die Protestanten willkommen. Ein echter Fortschritt in Toleranz und Aufgeschlossenheit, wenn man wie die (katholische) Kirche in Jahrhunderten denkt. Noch vor knapp 500 Jahren taten Stadt und Kirche fast alles, um die Reformierten aus der Stadt rauszuekeln. Erst 1805 durften die Protestanten in Köln eine Kirche bauen - und das hatte Napoleon durchgesetzt. Heute tadelt Erzbischof Meisner nur sanft das Kirchentagsprogramm als "Leipziger Allerlei".
Die katholisch-kölsche Strategie ist inzwischen freundlicher, aber auch lebendiger, kräftiger und schärfer. Sie hat aus dem Kirchentag flugs eine echt kölsche Party gemacht. Das hat schon bei der WM geklappt, als die Zuschauer im Stadion "Viva Colonia" sangen, egal wer gerade auf dem Rasen herumlief. Ins Kirchentagsprogramm hat die Stadt ihr musikalisches Basispaket für gute Laune reingeschmuggelt: Die Bläck Fööss und die Höhner, die Wise Guys und die Schäl Sick Brass Band. Nach dem vielen Beten, Diskutieren, Musizieren entspannten sich die Kirchentagsbesucher abends in den kölschen Kneipen. Hier trafen dann etwa die "Seniorentänzer" auf die diskussionsfreudigen Frauen von der "
Feministisch-Theologischen Basisfakultät" - und natürlich auf die kölschen Ureinwohner. Mit dem traditionellen "Drink doch ene mit" starteten diese die Konversation mit den ermatteten Kirchentagsbesuchern. Ein idealer Einstieg in ein Gespräch, wie auch die katholische Kirche seit langem weiß. Gerüchteweise soll sie unter dem Codenamen "Überzeugungstrinker" eine Missionierungsaktion während des Kirchentages gestartet haben. Meiner Oma hätte das sicher gefallen.
Audio: Protestantische Party
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Zum Seitenanfang"Alles hat seine Zeit", zitierte meine Großmutter gerne die Bibel. Damit pflegte sie mich früher zu ermahnen, nach dem Mittagessen zuerst die Hausaufgaben zu erledigen. Das fiel mir naturgemäß besonders schwer, wenn draußen die Natur mit Sonne und wolkenlosen Himmel und meine Freunde mit einem Lederball lockten. Zumindest eine Zeit lang gab es für mich nichts Schöneres, als in durchsonnter, frühlingsmilder und duftgeschwängerter Luft eine Runde zu kicken. Später lernte ich dann die leichten Düfte zu schätzen, die von den Mädchen zur Feier des Frühlings aufgelegt wurden.
Nun haben auch unsere Sicherheitsbehörden das Thema Duft entdeckt. Mit
Geruchsproben von potenziellen Störenfrieden wollen sie denselben auf die Schliche kommen, wenn sie wirklich stören. Helfen sollen ihnen dabei
echte Spürnasen, die von Hunden nämlich. Die Reaktion der Tierschützer wird nicht lange auf sich warten lassen, zu Recht. Denn kann man es den sensiblen Vierbeinern zumuten, tagein tagaus mit dem Geruch notorisch ungewaschener Demonstranten traktiert zu werden?
Dabei hat der Gedanke eines Gerucharchivs durchaus was Bestechendes, wenn er konsequent umgesetzt wird. Warum nur den Geruch von Störenfrieden konservieren? Warum sollte nicht auch den Geruch des Frühlings oder unserer beliebtesten Urlaubsländer festgehalten werden, als Stimmungsaufheller in dunklen Herbsttagen? Auch der Geruch von Angela Merkel, Franz Müntefering oder Guido Westerwelle sollte zu Parfüms verarbeitet werden - natürlich schonender, als es der Fim
"Das Parfum" beschreibt. Macht macht attraktiv, und der Duft der Macht könnte der Anziehungskraft von uns Normalbürgern auf die Sprünge helfen. Dann würden auch endlich die Kritiker verstummen, die meinen, dass der Staat seine Nase in Dinge steckt, die ihn nichts angehen.
Denn eigentlich beweist die Staatsmacht nur ein feines Näschen für den Ostalgie-Trend. Deshalb reaktiviert sie für den G-8-Gipfel einen ehemaligen Grenz-Wachtturm aus DDR-Zeiten, errichtet einen Zaun um den Tagungsort und greift auf die schon von der Stasi erprobten Geruchsproben zurück. Mit einem "Eau de Merkel" oder einem "Münte pour Homme" könnte der Staat außerdem noch Kasse machen. Denn Geld stinkt nicht. Sicherheit manchmal schon.
Audio: Zeit der Gerüche
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Das moderne Leben hält manche Prüfung bereit - auch und gerade für die Kleinsten. Im Kindergarten müssen sie neuerdings ihre
Sprachkenntnisse unter Beweis stellen. Schon viel länger gibt es allerdings den wahren Härtetest, den Muttertag. "Stephan Josef, hast Du das Gedicht auswendig gelernt?", nervte mich mein Vater schon Tage vorher; der Ehrentag seiner Frau und meiner Mutter sollte schließlich reibungslos über die Bühne gehen. Das tat er dann allerdings in den seltensten Fällen. Mal hatte ich einen Texthänger beim Gedichtvortrag, mal war das Frühstücksei zu hart, mal war der selbstgestrickte Schal meiner Schwester noch nicht fertig. Beim rituellen Abwasch nach dem Frühstück, am Muttertag in der Regie von uns Kindern, ging häufig wertvolles Porzellan zu Bruch, und spätestens dann flossen die ersten Tränen, mal bei unsrer Mutter, mal bei uns Kindern. In dieser Situation konnte weder Heintje mit seinem schluchzend gesungenen "Mama" noch der halb verkohlte Rinderbraten - auch das Mittagessen wurde von uns Kindern zubereitet - Trost spenden.
Zum Glück gab es meine Oma, die beruhigend auf alle Beteiligten einwirkte und zum mutternachmittäglichen Kaffeetrinken einen leckeren Kuchen auf den Tisch zauberte, was prompt den Familienfrieden wieder herstellte. Das könnte der Bundesregierung als Modell dienen. Kuchen statt Krippen - das wäre nicht nur eine höchst effektive Maßnahme, sondern auch noch äußerst preiswert und dem Koalitionsfrieden dienlich. Die
Krippenbaupläne funktionieren ja nur, so habe ich es verstanden, wenn der Staat gleichzeitig beim Kindergeld spart. Er setzt also darauf, dass weniger Kinder geboren werden. Der Ausbau der Kleinkindbetreuung soll aber dafür sorgen, dass Frauen wieder mehr Kinder bekommen. Irgendwie gibt es da ein logisches Problem.
Staatliche Kuchengutscheine für Mütter würden den Widerspruch auflösen. Damit könnte Vater Staat auch noch gleich das heimische Bäckerhandwerk stärken, indem er ausländische Backwaren wie Donuts ausschließt. Die Männer dürften natürlich nicht leer ausgehen, das gebietet die Geschlechtergerechtigkeit. Für die zünftige Feier des Vatertags könnten Trinkgutscheine eingeführt werden, die nur am Ehrentag der Väter gültig sind und mit dem Maigehalt oder dem Arbeitslosengeld im Wonnemonat ausgegeben werden. "Essen und trinken hält Leib und Seele zusammen", sagte meine Großmutter oft und gerne. Was sie nicht ahnte: Kuchen- und Trinkgutscheine können auch die Familie und die Staatsfinanzen zusammenhalten. Allerdings ist darauf zu achten, dass die Kuchen nicht zu kalorienreich sind. Denn
dicke Kinder haben wir schon genug, da reicht ein Blick in die Krippen, von denen es viel zu wenige gibt.
Audio: Friede, Freude, Kuchen
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