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Doktor Gregor
Nein, ich bin nicht zum
Männer-Kongress nach Düsseldorf gefahren. Obwohl mich das Thema sehr gereizt hat: "Neue Männer – muss das sein?" Einst sang Ina Deters: "Neue Männer braucht das Land." Sind die jetzt schon wieder out? "Muss das sein?" ist jedenfalls meine Standardformulierung, wenn meine Kinder irgend etwas vorhaben, das ich sehr sehr abwegig finde.
Ich bin nicht gefahren, weil ich keine Lust auf Depressionen habe. Und die hätte ich mir bei den angekündigten Vorträgen gewiss geholt: "Der kranke Mann", "Der verlassene Mann", "Der entwertete Mann", "Der vaterlose Mann" – alles im 45-Minuten-Takt. Muss das sein?
Trotzdem sind mir diese Formulierungen nicht mehr aus dem Kopf gegangen. Denn zu jedem Titel fielen mir gleich passende Beispiele ein, ob ich wollte oder nicht. "Der kranke Mann" wurde früher einmal die Türkei genannt: "Der kranke Mann am Bosporus." Inzwischen ist diese Infektion wohl westwärts gewandert und die EU schlägt sich mit dem
kranken Mann an der Ägäis herum. Die Erfinder von Demokratie und Philosophie haben die Ökonomie offensichtlich sträflich vernachlässigt. Jetzt müssen sie sich wohl oder übel auf ihren großen Aristoteles besinnen. Nicht den Onassis. Sondern den, der in seiner "Nikomachische Ethik" schrieb: "Glück ist Selbstgenügsamkeit".
Wenn ich dagegen vom "verlassenen Mann" höre, sehe ich sofort
Sigmar Gabriel vor mir. Ein raumgreifendes Mannsbild – aber der Raum um ihn herum ist viel zu groß und leer: die Ruine der Volkspartei SPD. Die Wähler haben ihn verlassen. Jetzt tut er, was verlassene Männer gern tun: betrachtet wehleidig die eigenen Wunden und beschäftigt sich nur mit sich selbst und seinen besten Freunden.
Da geht es dem Gegner allerdings auch nicht besser.
Horst Seehofer stellt geradezu idealtypisch den "entwerteten Mann" dar. Die Krise der Partei hat ihn an deren Spitze und die Bayerns gebracht. Aber die Krise ist geblieben. Jetzt geht es Seehofer so wie einem Mann in einer Dreiecksbeziehung: Er muss ein irgendwie geregeltes Verhältnis zum Nebenbuhler finden. Der heißt
Westerwelle.
Womit wir beim "vaterlosen Mann" wären. Ich weiß zwar nichts von Guido Westerwelles Kindheit. Aber ein Erziehungsproblem ist mit Händen zu greifen: Der Mann hat schlechte Manieren. Er wurde zum Chefdiplomaten der Republik berufen, aber er profiliert sich, indem er kleine Leute beschimpft. Tragisch, wenn in einer solchen Situation eine Frau die Chefin ist. Da fehlt die starke Hand, die einmal deutlich die Grenzen aufzeigt. Und die kann auch der
kleine Bruder Pinkwart nicht ersetzen, der sich hilflos um Schadensbegrenzung bemüht.
Es wäre gut, wenn die Parteiführer als Männergruppe auf den politischen Aschermittwoch einen psychotherapeutischen Fastensonntag in Düsseldorf hätten folgen lassen. Aber sie sind, so wie ich, nicht zum Männerkongress gefahren. Dessen Titel war einfach zu soft. Neue Männer braucht das Land. Bestimmt. Dringend.
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Zum SeitenanfangDurch diesen endlosen Winter kann man sich allmählich nur noch mit Tagträumen retten. Ich stelle mir zum Beispiel gern die ersten Frühlingsausflüge mit der Familie vor. Kaum wird es warm, fahren wir zu einem nahen See und diskutieren die beliebte Streitfrage: Ruder- oder Tretboot? Ich persönlich mag das altertümliche, hölzerne Ruderboot und seine Ausstrahlung von Ruhe und Romantik. Nicht so mein Jüngster, der findet: "Da fährt man immer rückwärts."
In Wahrheit sitzt man natürlich nur mit dem Rücken zur Fahrtrichtung. Aber auf das Kind wirkt das, als würde man zurückrudern. Das ist so ähnlich wie bei
Andreas Pinkwart: Erst war er mit der gesamten FDP für Steuererleichterungen zugunsten der Hoteliers. Dann wollte er sie wieder zurücknehmen. Und jetzt hat er diese Rücknahmeforderung auch wieder zurückgenommen. Das ist viel Bewegung, ohne dass sich etwas bewegt. Aber vielleicht trainiert Pinkwart ja für die heiße Phase des NRW-Wahlkampfs. So wie die
Ruderer, die kürzlich in der Dortmunder Westfalenhalle auf dem Trockenen und auf der Stelle ruderten, um sich auf die neue Saison vorzubereiten. Da ist die Richtung dann auch völlig egal.
Aber eigentlich wollte ich ja von unserem Familienausflug träumen. Dass die Kinder meist das Tretboot vorziehen, ist verständlich: Denn das Lenkrad ist cooler als die Ruder. Außerdem können stets zwei gemeinsam für den Antrieb sorgen. Das wiederum sorgt aber oft für Streit: "Du trittst ja gar nicht mit!", schreit einer. Oder die Kinder werden sich über die Richtung nicht einig. Dann trampelt der Bruder das Boot vorwärts und die Schwester zurück. Im Ergebnis bewegen sich beide so wenig wie die erwähnten Trockenruderer. Also rufen sie nach einem Machtwort der Mama. Das Tretboot ist somit ein vollendetes Symbol für die regierende Koalition. Wenn meine Kinder dann auch noch im Streit beginnen, nicht mehr das Boot, sondern sich gegenseitig zu treten – und dabei ständig in Gefahr geraten, ins Wasser zu purzeln: Dann denke ich erst recht an
Berlin.
Hundert Tage rudern und treten sie dort jetzt schon, ohne ein Ziel zu erreichen. Ich dagegen weiß, dass meine Tagträume vom See in hundert Tagen gewiss Wirklichkeit sind. Einen Ort liebe ich dort übrigens noch deutlich mehr als Tretboot und Ruderboot: einen der Liegestühle am Ufer. Dort kann ich gelassen das Treiben auf dem Wasser verfolgen, aus der Distanz, und mir mit weisem Lächeln auf den Lippen das Bier von der Strandgaststätte schmecken lassen. Es ist dies eine Perspektive, aus der alle Mühen, sich über Wasser zu halten oder in diesem fremden Element voranzukommen, nicht mehr ganz so ernst erscheinen. Um die Perspektive des Beobachters einnehmen zu können, muss man allerdings zuvor etwas tun, was Politiker am meisten fürchten: zurücktreten.
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Zum SeitenanfangDamals, als ich meinen ersten DSL-Anschluss bestellte, war Boris Becker richtig in. Nicht nur das: Er war schon drin. Weil ich mit Boris weder Sportlichkeit noch Sexappeal gemeinsam habe, wollte ich wenigstens den Anschluss mit ihm teilen. So wurde ich Kunde bei AOL und durfte so täglich eine Frauenstimme hören, von der ich wusste, dass sie auch Boris stets nah war. Sie sagte nur einen Satz: "Sie haben Post."
Dann kam eine Zeit, in der Boris nur noch bei Kerner und Becker in war. Statt "drin sein" war jetzt "raus und rein" angesagt: Monatlich wechselte man den DSL-Anbieter, weil es immer noch günstigere Tarife gab. Ein paar Mal machte ich das mit und bin also längst nicht mehr bei AOL. Trotzdem hat mich die Meldung irgendwie berührt:
Jetzt ist AOL raus, verlässt Deutschland. Boris hat das schon vor Jahren getan, aus dem selben Grund: um Geld zu sparen.
Da frage ich mich unwillkürlich, wie ich es in diesem teuren Land noch aushalten kann. Wenn solche Größen, an die man sich gewöhnt hat, einfach verschwinden, macht einen das irgendwie betroffen. Die Formulierung, nach der einen irgendetwas irgendwie betroffen macht (und sei es auch nur "ein Stück weit"), stammt aus der Zeit, als ich erwachsen wurde. Damals wurden
die Grünen gegründet. Sie hatten schnell Erfolg, weil damals vieles die Menschen total betroffen machte: das Waldsterben, die Wiederaufbereitungsanlage, die Nachrüstung. Später machte der Tod von Petra Kelly, der ersten grünen Heiligen, echt betroffen. Aber so musste sie nicht mehr erleben, wie die Grünen deutsche Kriegseinsätze durchwinkten, mit der Atomlobby windelweiche Ausstiegsverträge aushandelten und mit Gerhard Schröder um den schickeren Anzug konkurrierten. Das wiederum hat meine Freundin Elke so betroffen gemacht, dass sie (ein Gründungsmitglied!) aus der Partei austrat.
Während Firmen und Reiche ihrer Heimat leichthin den Rücken kehren, kehrt politischen Idealisten gern mal die Heimat den Rücken zu. Die Mitglieder bleiben auf ihrem Standpunkt, aber die Partei zieht davon. Davon können die Urgrünen ebenso ein Lied singen wie die Altsozis, aber einem Strauß-Fan wird es in der CSU auch nicht anders gehen. Während die Firmen Lohnkosten und die Reichen Steuern einsparen, sparen Parteien, wenn es um die Macht geht, bevorzugt an den Überzeugungen.
"Keine Fundi hat es so lange ausgehalten wie Du", tröste ich Elke, die eine ähnlich quälende Beziehungskrise mit ihrer Partei durchgemacht hat wie Wolfgang Clement mit der SPD – nur sozusagen umgekehrt. Sie wollte sogar schon mal auswandern, nach Österreich, weil man dort konsequent keinen Atomstrom hat. Dafür hatte man Haider. Norwegen fand sie auch sehr öko. Aber die Norweger killen Wale. Also blieb sie – und machte sich damit die Losung zu eigen, die Bewohner der
Kulturhauptstadts-Region gern für ihre Heimatverbundenheit angeben. Ich las sie kürzlich bei dem Revierliteraten Frank Goosen. Glaubt man ihm, dann kennt man im Pott den besten Grund dafür, warum wir unseren DSL-Anschluss, unsere Partei, den Hausarzt, die Hausbank und auch die Heimat eher ungern wechseln. Denn auch wenn er arbeitslos ist, die Zeche zu, die Kommune pleite, sagt der Ruhri: "Woanders is auch scheiße."
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Zum SeitenanfangSehr geehrte Frau van Dinther, liebe Landtagspräsidentin,
klar, ich weiß, dass ich nicht mehr zwischen 12 und 22 bin. Ich kann aber trotzdem nicht an mich halten und möchte mich an Ihrem
kreativen Schreibwettbewerb beteiligen. Beim Lesen Ihrer Ausschreibung habe ich mich gleich wieder jung gefühlt, wie damals in der Schule, als spannende, ansprechende Themen unsere Begeisterung für den "Besinnungsaufsatz" weckten. So auch bei dem von Ihnen ausgelobten Thema: "Die Wahl haben". "Der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt", schreiben Sie, und das hat meine Fantasie sofort angeregt. "Lustig, ernst, dramatisch, ironisch, sachlich oder Science Fiction" dürfe es sein. Das allein kommt mir irgendwie schon wie eine Beschreibung der Landespolitik vor.
Lustig, ja launig hat Ministerpräsident Rüttgers dieses Wahljahr mit seiner
Neujahrsansprache eröffnet, in der er einen Satz sprach, von dem ich kaum loskomme: "Furcht verhindert Zukunft." Wie gern würde ich einen Lehrgang ähnlich dem im Märchen der Gebrüder Grimm absolvieren. Denn hätte ich das Fürchten gelernt, dann könnte ich die ganze unsichere, düstere Zukunft verhindern, vor der ich mich - nun ja: fürchte. Ich könnte die Zeit etwa Sonntag nachmittags um drei beim Tee anhalten, eine Stunde, zu der ich regelmäßig mit der Zukunft des Montagmorgens nichts zu tun haben möchte.
Aber im Ernst: Angesichts der Lage der kommunalen Finanzen kann man sich auch ohne Gebrüder Grimm gewaltig fürchten. Statt die Zukunft zu verhindern, möchte Rüttgers' Herausforderin
Hannelore Kraft aber lieber bei den Ossis sparen und die Kürzungen beim Soli den klammen Städten unseres Landes zugute kommen lassen. Das ist endlich mal ein Wahlversprechen, das sich nicht vor der Frage drückt, woher man das Geld für Wohltaten nehmen möchte!
Zu einem dramatischen Kampf gegen solche Gelüste ruft jetzt die neu gegründete
Westfalenpartei auf. Ihr Widerstand geht allerdings nicht gegen die Ossis, sondern gegen die Rheinländer. Die sichern sich in den Augen des Spitzenkandidaten Werner Szybalski stets die Rosenmontage der Landespolitik und überlassen den Westfalen die Aschermittwoche. Gut zwanzig Westfalen haben in einer Dortmunder Kneipe "Die Westfalen" gegründet. Der Wahlkampf der Partei hat allerdings mit dem Problem zu kämpfen, dass sich Sauerländer eher als Sauerländer fühlen denn als Westfalen, Siegerländer als Siegerländer und die im Ruhrgebiet als Ruhrgebietler.
Und damit bin ich beim kurzen ironischen Teil meines Besinnungsaufsatzes: Ich würde gern eine Partei "Die Hemden" gründen. Die könnte eine echte Sammlungsbewegung werden. Denn ob Ossis, Wessis, Rheinländer oder Westfalen - allen ist das Hemd stets näher als die Hose. Nur als jetzt das neue
Transparenzgesetz des Landes in Kraft trat, dass die Gehälter von Managern öffentlicher Institutionen einsehbar machen soll, erinnerten sich die betroffenen Sparkassen- und Stadtwerksvorstände plötzlich auch an ihre Hosen und wollten sie keinesfalls runter lassen.
Aber bleiben wir sachlich: "Wir sind Deutschlands größtes Exportland und wollen es bleiben", sagt der Ministerpräsident. Ich glaube, dass schaffen wir. Nichts deutet darauf hin, dass NRW kleiner werden könnte. Ein NRW so klein wie das Saarland, das ist doch reine Grusel-Science-Fiction! Und wenn die Westfalen sich abspalten sollten, annektieren die Rheinländer eben Rheinland-Pfalz - und gemeinsam mit denen schaffen sie den Aschermittwoch ganz ab.
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Zum SeitenanfangVor einigen Jahren haben wir Urlaub auf einem Öko-Bergbauernhof in Österreich gemacht. Meine Freundin Elke hatte uns den Ferienhof empfohlen. Es war wirklich erholsam dort, viel Ruhe und gesundes Essen und Tiere zum Anfassen für die Kinder. Für die Erwachsenen interessant waren vor allem die Miturlauber, echte Persönlichkeiten aus den unterschiedlichsten Richtungen ökologischer bis esoterischer Überzeugungen. Ich fühlte mich wie auf einer Party von Elke. Da gab es zum Beispiel ein älteres Ehepaar, das – der kleinen Pensionsszimmer wegen – stets im Aufenthaltsraum seine Matten ausbreitete und Yoga übte. Die beiden aßen streng vegan. Und als sie im Gespräch herausgefunden hatten, dass ich mich in der Theologie auskenne, bekam ich eines Tages die Frage gestellt: "Aber Jesus hat doch nicht wirklich das Osterlamm gegessen, oder??“
Ich begriff erst nicht, worum es ging. Die beiden verbanden Buddhismus und Christentum auf kreative Weise und konnten sich nicht damit abfinden, dass der Sohn Gottes Fleisch gegessen haben könnte. Leider musste ich antworten, dass Jesus wohl wie ein Jude seiner Zeit eben Lamm zum Paschafest gegessen habe. Was Jesus zu Weihnachten gegessen hat, weiß ich auch als Theologe nicht. Es war ja sein Geburtstag, und was wir - mehr als 2000 Jahre später - daraus machen würden, ahnte er wohl nicht. Bei uns gab es diesmal zu Weihnachten Pute, und zwar Bio-Pute. Elke kennt da einen Bauern, bei dem man sie kaufen kann. Eine ehemals glückliche Pute lässt sich mit leichterem Gewissen essen als eine vielleicht schon
bei lebendigem Leib gerupfte Gans. Und selbst eine Bio-Kuh ist zwar glücklich gewesen, hat aber Zeit ihres Lebens klimaschädlich gefurzt.
Aber trotz ökologisch korrekter Pute fielen mir an den Festtagen wieder die veganen Joga-Senioren aus Österreich ein. Schuld daran war eine Meldung von dem kürzlich in Münster gegründeten
Institut für Theologische Zoologie. Unter der Schirmherrschaft der Schimpansenforscherin Jane Goodall soll dort den Tieren in der Theologie mehr Gerechtigkeit widerfahren als bisher. So erklärte der Gründer Rainer Hagencord, dass auch Tiere in den Himmel kommen würden. Das hat mich sehr beunruhigt.
Die Aussicht, wem man im Himmel alles wieder begegnen könnte, fand ich schon immer - sagen wir mal: zwiespältig. Die Aussicht, lauter auferweckten Wesen zu begegnen, die man im irdischen Leben einmal gegessen hat, ist allerdings neu. In der traditionellen Theologie mussten damit nur gläubige Kannibalen rechnen. Wenn Herr Hagencord jedoch Recht hat, bin ich nur froh, dass ich kein Niederländer bin. Denn dort, im
Land der Kamelmilch, werden zur Zeit 36.000 Ziegen getötet, um die Ausbreitung der
Ziegengrippe zu verhindern. Ich möchte nicht irgendwann im Jüngsten Gericht 36.000 gehörnten Nebenklägern gegenüber sitzen. Da reichen mir schon die unseren Gehweg vollscheißenden Köter, die ich in Gedanken regelmäßig mit völlig ewigkeitsuntauglichen Flüchen belege. Vor ihren Haltern dagegen habe ich keine Angst. Die kommen bestimmt nicht in den Himmel.
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Wer sich an den Adventssonntagen in eine Kirche verirrt, wird feststellen, dass dort weniger der Nikolaus eine Rolle spielt und schon gar nicht der Weihnachtsmann, wohl aber ein Mann namens Johannes der Täufer. Das ist dieser sittenstrenge Prophet, der einen Kamelhaarmantel trug und sich von Heuschrecken und wildem Honig ernährte, denn sein Arbeitsplatz lag in der judäischen Wüste. "Bereitet dem Herrn den Weg! Ebnet seine Straßen", rief er laut Bibel seinem Publikum zu. Und damit soll er Jesus, den kommenden Messias angekündigt haben.
Johannes blieb allerdings der sprichwörtliche Rufer in der Wüste. Weil seine Moralpredigten auch mit dem Herrscherhaus des Herodes ins Gericht gingen, landete sein Kopf auf einem königlichen Silbertablett. Spät, spät scheint seine Aufforderung, dem Herrn in der Wüste einen Weg zu bahnen, nun doch noch gehört worden zu sein. Und zwar im Düsseldorfer Umweltministerium. Und so begab es sich, dass
Umweltminister Eckard Uhlenberg sich in den Tagen des Advents 2009 nach Lehavim in der Wüste Negev begab. Dort weihte er feierlich die "Nordrhein-Westfalen-Allee" ein. Das ist eine einhundert Meter lange, von Bäumen gesäumte Straße. Sie soll "schattige Bereiche zur Erholung für die Anwohner und Besucher schaffen", sprach der Minister. Und er sah, dass es gut war - und reiste wieder ab.
Eine schöne Geste - und doch bleiben Fragen zurück. Nicht nur die, wie Israelis wohl das Wort "Nordrhein-Westfalen-Allee" aussprechen. Sondern theologisch gewichtiger die, ob Herr Uhlenberg die Aufforderung des Propheten Johannes richtig ausgelegt hat. Hatte der wirklich an eine Baumreihe in der Wüste gedacht, die der Herr bequem durchschreiten kann, wenn er kommt? War das nicht eher moralisch gemeint? Der wörtliche Umgang mit der Bibel ist bekanntlich nicht immer richtig.
Während der Minister die Wüste bepflanzte, ging es in Düsseldorf hoch her:
Hendrik Wüst, Generalsekretär von Uhlenbergs CDU, steht wegen doppelt kassierter Krankenkassenzuschüsse unter Druck. Uhlenbergs Kollegin Roswitha Müller-Piepenkötter
wegen wüster Verhältnisse in den hiesigen Gefängnissen. Und Kollegin Christa Thoben, weil sie ausgerechnet während der Weltklimakonferenz einen
Klimaschutzparagraphen für NRW-Kohlekraftwerke streichen will. Die Landesregierung holpert und stolpert. Und alle warten darauf, wer als erster in die Wüste geschickt wird. Vielleicht war das ja Uhlenbergs geheimer Auftrag: Nicht für den Herrn, aber für seinen Herrn Rüttgers eine Allee in der Wüste zu bauen, auf dass geschasste Landesgrößen auf angemessenem Wege ihren Bestimmungsort erreichen können. So dass es demnächst in der Staatskanzlei kein schlimmeres Gerücht geben wird als: "Der ist reif für Lehavim!"
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Zum SeitenanfangIch habe keine Vorurteile gegen Holländer. Schließlich ist eine Freundin von mir dort verheiratet, da lernt man die Leute aus der Nähe kennen. Mit ihrem Mann scherze ich über die wechselseitigen Klischees. In Wahrheit ist es doch so, dass Deutsche wie Holländer gern übereinander schimpfen, gleichzeitig aber sehr zu schätzen wissen, was es nur jenseits der Grenze gibt.
"Was willst du denn damit sagen?", fragt mein Sohn, der in seiner Reggae-Begeisterung jetzt auch den alten Peter Tosh entdeckt hat und ständig "Legalize It!" hört. Dabei habe ich ganz harmlos an die bevorstehende Adventszeit gedacht. Denn die Holländer haben im Sommer das Meer, dafür haben wir im Winter die Glühwein-Romantik. Deshalb werden schon bald wieder Scharen unserer Nachbarn mit lustigen roten Mützen auf dem Kopf über unsere Weihnachtsmärkte flanieren.
Es sind wahrscheinlich gerade die Unterschiede zwischen verwandten Nachbarn, die reizen, zum Vorurteil ebenso wie zum Besuch. Wir glauben hier ja, die Niederländer seien so eine Art separatistischer Niederrheiner, die ihren Dialekt zur Staatssprache gemacht haben. Und dennoch merkt man gleich hinter der Grenze, dass man im Ausland ist: Sie bauen anders, essen anders, die Gesellschaft tickt anders. So viel Exotik so nah gibt es sonst nicht.
Deshalb schauen wir auch stets genau hin, was die Nachbarn so treiben: Ist es vorbildlich für uns, oder nur absonderlich? Demnächst etwa wollen die Niederländer
statt Kfz-Steuer eine Kilometergebühr fürs Autofahren zahlen, sogar gestaffelt nach Autogröße, Fahrzeit und Strecken. Für diesen Beitrag zum Klimaschutz lassen sie sich auch die totale Überwachung per GPS gefallen. Ich glaube, bis auf deutschen Straßen so etwas eingeführt würde, müsste der ansteigende Meeresspiegel schon mit der Überschwemmung der gesamten norddeutschen Tiefebene drohen. Aber da ist eben schon wieder so ein Unterschied: Die Nachbarn können sich besser vorstellen, was es heißt, unter dem Meeresspiegel zu leben.
Das Fremde, die Exotik gleich hinter der Grenze hat neuerdings noch eine weitere Facette bekommen: Ein holländischer Bauer hat in s´-Hertogenbosch Europas erste
Kamelmilchfarm eröffnet. Da stehen jetzt Dromedare im Stall statt Kühen und werden mit der Hand gemolken. Auch aus Deutschland reisen Diabetiker oder Menschen mit orientalischem Migrationshintergrund dorthin, weil sie die Milch zu schätzen wissen. Allerdings kann der Bauer von der Milch allein nicht leben, deshalb bietet er zusätzlich Hofführungen und Beduinenzeltfeste an.
Dabei wird es sicher nicht bleiben. Nein, ich wette darauf, dass bald in unseren Feinkostläden Dromedar-Gouda und Kamel-Edamer auftauchen werden. Die niederländische Landwirtschaft wäre ja dumm, wenn sie diese Gelegenheit zur Weiterentwicklung ihrer ureigensten Spezialitäten nicht nutzen würde. Und dass sie nicht dumm ist, hat die niederländische Landwirtschaft seit Jahren mit Turbotomaten und Wintersalat bewiesen. Ich hoffe nur im Interesse der nachbarschaftlichen Beziehungen, dass die Werbung für die neuen Produkte gut überlegt wird. Denn auf Leute, die weniger immun gegen Klischees sind als ich, wirkt die Zusammenstellung der Worte Holländer, Kamele und Käse wie eine Aufforderung, die Spitznamenliste der "Käsköppe" zu erweitern.
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Wie schön, dass ich noch einen Sohn im Martinszugalter habe. Denn was wäre der dunkle November ohne die
leuchtenden Kindergesichter neben ihren ebenso leuchtenden Laternen und den vom Glühwein erleuchteten Eltern? Allerdings macht das Brauchtum auch Arbeit. In diesem Jahr wünschte sich die Grundschule von den Eltern Vorschläge für eine "modernere Gestaltung des Martinsspiels", also dieser bekannten Szene mit Pferd, Schwert, Mantel und armem Mann. Ich habe mich reingekniet und ein kleines Stück geschrieben. Es wurde leider nicht angenommen, es sei nicht kindgerecht. Deshalb veröffentliche ich es jetzt hier.
In meiner Geschichte ist Martin gerade mit halbem Mantel in die Kaserne von Amiens zurückgekehrt und hat für mächtig Aufregung gesorgt. In der Kommune wurde kürzlich neues Führungspersonal eingesetzt, und jetzt wollen sich alle profilieren. Truppenkommandant
Theodosius Guttenbergis stampft vor Wut schäumend im Prätorium auf und ab. "Das ist Veruntreuung von Truppeneigentum", schimpft er. "Ich werde diesen Martinus an den Hindukusch verlegen. Dann kann er seine Freigiebigkeit an den Taliban ausprobieren!"
Dietrich Niebelius, der neue Beauftragte für die armen Provinzen, schüttelt nachdenklich den Kopf. "Ich habe immer gesagt, Teilen ist nicht die Lösung. Eigentlich wollte ich diese ganze Teilerei eh abschaffen." "Was hat man von kaputten Mänteln?" ergänzt sein Freund
Guidonis Unda Occidentalis (deutsch: die "westliche Welle"). Man solle lieber die Mantel-Steuer senken. Dann könnten sich bald auch arme Leute eigene Mäntel leisten.
"Dafür haben wir kein Geld in der Provinzkasse", fällt ihm
der alte Scheublinius ins Wort. Und dann fällt er gleich wieder in seine alte Rolle als Polizeipräfekt. Man müsse überhaupt mal diese ganzen Bettler vor den Stadttoren überprüfen. "Da verbergen sich gewiss gefährliche Gestalten drunter. Viele von denen kommen ja aus dem Ausland." "Taliban?", fragt Guttenbergis erschrocken. Aber nun möchte die
Oberpriesterin Angela nachdrücklich wissen, wie man die ärmere Bevölkerung in der kalten Jahreszeit beschwichtigen könne. "Ihr wisst, dass die gefährlichen Aufwiegler der Roten, dieser stadtbekannten Sekte, schon seit längerem warme Mäntel für alle fordern, und zwar kostenlos. Da müssen wir etwas entgegen setzen."
"Ich finde diese Mantelteilung von Martinus gar keine so schlechte Aktion", sagt
Ursula, die Volkstribunin für die Familien, die Kinder, die Frauen und die Alten. Ach je, stöhnen die anderen, denn sie erwarten wieder eine ihrer vielen Geschichten über ihre vielen Kinder. Aber Ursula lässt sich nicht beirren. "Wir könnten doch öffentliche Tage des Mantelteilens einführen. Das dient der Wertevermittlung, fördert den sozialen Zusammenhalt und kostet die Stadtkasse kaum etwas." Scheublinius Gesicht hellt sich auf, wie immer, wenn er kein Geld rausrücken muss. Auch Angela ist angetan - weshalb die anderen gar nicht mehr zu widersprechen wagen. "Man könnte auch die Kinder einbeziehen", biegt Ursula die Sache zu ihrem Lieblingsthema um: "Wir machen einen Umzug mit Lichtern, so nach dem Motto: Wir bringen Licht in die Dunkelheit. Und alle, die mitmachen, erhalten ein wenig Weißbrot zum Dank." "Also doch wieder Kosten", murrt Scheublinius. Aber beschlossen wird die Sache dann doch. So entstand damals der erste Martinszug. Die Tradition gibt es bis heute - genauso wie frierende arme Menschen auf der Straße.
Audio: Runter mit der Mantel-Steuer!
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Kaum formiert sich die schwarz-gelbe Koalition, da tritt Stephan Josef eine Neiddebatte los - zwar nicht über Steuerentlastungen für Leistungsträger, wohl aber über
meinen Türkeiurlaub. Nun, ich kann die Debatte gern anheizen: Schließlich hatten wir 28 Grad am Strand und 25 Grad im Meer. Von Koalitionsverhandlungen bekamen wir nichts mit, denn ich hatte zur Erholung eine Nachrichtensperre verhängt. Die einzige, die sie mit ihrem Netbook durchbrach, war meine 14-jährige Tochter. Und die schrie denn auch eines Tages erschrocken auf: "Die verkaufen unsere Daten!"
"Das tun die doch immer", wollte ich schon gelangweilt aus dem Liegestuhl heraus murmeln, ohne mich zu kümmern, wer diesmal "die" waren:
Telekom oder AWD oder
Postbank. Aber da erzählte meine Tochter schon, es seien persönliche Seiten bei
Schüler VZ gehackt worden und jetzt könnte sich da wer weiß wer bedienen. Ich setzte mich auf: "Ach, und vor welchem Geheimnisverrat hast du besonders Angst?", fragte ich - schließlich entgeht einem als Erzieher mitunter etwas
"Na, stell dir vor, die großen Firmen speichern das alles in ihren Datenbanken. Ich habe doch zum Boykott von Nestlé und Coca Cola aufgerufen." Tatsächlich hat meine Tochter seit einiger Zeit eine globalisierungskritische Seite ausgebildet. "Das ist ja nicht verboten", sage ich. "Aber wenn man sich dann später mal bei so einem Konzern bewirbt", sagt sie, "dann haben die einen gleich in der Datenbank."
Ich bin verwundert. "Warum willst Du dich denn bei so einem Konzern bewerben, wenn du die so schlimm findest, dass du nicht mal ihr Zeug kaufst?" Und dann folgt eine wirklich entwaffnende Antwort: "Das ist ja jetzt, wo ich Jugendliche bin. Aber später, wenn ich studiert habe und dann Karriere machen will, bin ich vielleicht so eine Erfolgs-Spießerin, und dann ist das blöd."
Da soll noch einer sagen, die Jugend von heute sei zu unreflektiert! Hat Joschka Fischer seinerzeit auf den Straßen von Frankfurt darüber nachgedacht, ob seine Aktionen ihm als
Berater von RWE, BMW und Siemens schaden könnten? Heute dagegen haben die jungen Attac-Mitglieder schon ihre Beitrittserklärungen zur FDP für den dreißigsten Geburtstag in der Schublade. Und noch später wird es die Senioren-Union. Bei dieser illusionslosen Biografieplanung wird nun ausgerechnet das Internet zum Problem. Denn das schnelle und flexible Medium hat eine Schattenseite: Es vergisst nichts. Hier bleiben nicht nur die Lebensabschnittsgefährten, sondern auch die Lebensabschnittsüberzeugungen dokumentiert. Wer sich intensiv in sozialen Netzwerken des Web2.0 tummelt, wird später private Erinnerungen auffrischen können, die er gar nicht mehr hat. Für die Demenztherapie tun sich ganz neue Chancen auf.
Jetzt ist der Türkei-Urlaub längst vorbei. Der Herbst wird nebelig. Meine Tochter hat Recht: Alles ist vergänglich, auch unsere Ideale, auch wir selbst. Daran erinnert jedes Jahr der November mit seinen Gedenktagen für die Verstorbenen. Nur das Internet hält auch hier dagegen. Denn bei Facebook und Co
behalten auch Verstorbene ihr schwarzes Brett. Man kann ihnen Freunde empfehlen und Mails schreiben. Bald wird man nicht mehr wissen, ob man im Chatroom mit einem Geist flirtet. Kein Wunder, dass meine Tochter nicht mehr Allerheiligen feiert, sondern Halloween.
So schlimm? Jeder Mensch hat ein Privatleben, eine (vielleicht morgen schon nicht mehr aktuelle) Weltanschauung und ist eigentlich nur mit Makeln behaftet. Vielleicht trägt ja auch die Liebe zu einem ganz bestimmten Fußballverein zur Ablehnung beim nächsten Personalchef bei... Wer kennt schon sämtliche Auswahlkriterien seines evtuellen zukünftigen Arbeitgebers? Wer so denkt, sollte wohl lieber gleich den Stecker ziehen- und sich aus dem WWW verabschieden. Aber bitte Anonym. Sonst könnte ihm diese Verweigerung vielleicht auch noch als Negativkriterium angerchnet werden.
Michael Schlücker am 2.11.09 10:11
Nach Informationen der dpa hat der des Datenklaus Verdächtigte in der Untersuchungshaft Selbstmord begangen.
Anonym am 2.11.09 12:08
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Norbert Blüm ist vornehm zurückhaltend. Wenn er sich an seine vielen Koalitionsverhandlungen erinnert, sagt er, dass es um gemeinsame Ziele gehe, um Kompromisse, und ganz am Ende natürlich auch um Posten. Ich bin da ein bisschen skeptisch. Wenn man vier Jahre lang zusammen arbeiten will, stets unter dem Druck der Opposition und der Beobachtung der Medien: Geht es dann nicht vor allem um die so genannte Chemie? Oder altmodisch: um Vertrauen?
Angela Merkel, die in ihrer Schulzeit ausführlich in Marxismus-Leninismus unterrichtet wurde, kennt gewiss den Spruch von Wladimir Iljitsch Uljanow: Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser. Deshalb wird sie die Verhandlungsrunden nutzen, um die Vertrauenswürdigkeit ihrer neuen Mannschaft zu kontrollieren. Diese stundenlangen Sitzungen sind im Grunde nichts als Versuchsanordnungen. Deshalb stehen dort stets diese silbernen Thermoskannen mit Kaffee, Tabletts mit
Schnittchen und Servierwagen mit Kaltgetränken. Denn die wahre Persönlichkeit eines künftigen Ministers zeigt sich nicht in einstudierten Reden.
Horst Seehofer zum Beispiel stelle ich mir als einen
Heimlich-das-erste-Brötchen-Typ vor. Er lächelt beim Hereinkommen jeden an, schüttelt hier eine Hand, lässt sich dort in einen kurzen Small-Talk ziehen, steuert dabei aber gezielt auf die Tabletts zu und hat als erster Salami mit Gewürzgurke drauf im Mund und noch eine Frikadelle in der Hand. Er wirkt dabei so harmlos, dass keiner die Schnelligkeit der Ressourcensicherung bemerkt - außer der Regierungschefin, die ihm mit einem Blick aus den Augenwinkeln gefolgt ist. Und damit ist Seehofer abgehakt. Gesundheitsminister wird der bestimmt nicht noch mal, bei so einer Gier.
Und was macht sich da Sabine Leutheusser-Schnarrenberger an der Heizung zu schaffen? Nein, nicht an der Heizung, sondern an der Steckdose daneben. Da schließt sie doch tatsächlich ihr
Handy samt Ladegerät an und legt es auf die Fensterbank. Traurig schüttelt die Kanzlerin den Kopf. An sich mag sie die überzeugte Liberale. Aber das ist für das Justizressort denn doch zu liberal und offenbart ein seltsames Verständnis von der Deregulierung des Energie-Marktes.
Guido Westerwelle scheint sich sicher zu fühlen, gilt er doch schon als Außenminister. Die Sache mit seinen Englischkenntnissen regt seine künftige Chefin nicht wirklich auf, zumal sie dem Vize sowieso nicht allzu viel internationalen Glanz überlassen will. Bedenklicher erscheint ihr, wie er sich während der Sitzung eine Tasse Kaffee nach der anderen einschenkt. Solche Unbeherrschtheit kann man sich in Moskau nicht leisten. Denn da gibt es bei den entscheidenden Kaminrunden am Abend keinen Kaffee.
Die Katastrophe aber ereignet sich am Ende dieser Verhandlungsrunde: Da steckt sich doch Tanja Gönner, Baden-Württembergs Umweltministerin und CDU-Hoffnung für das Amt im Bund, gerade als sie sich einmal unbeobachtet glaubt, eine
kleine Flasche Tafelwasser in die Aktentasche. Gut, sie hat jetzt eine lange Fahrt nach Stuttgart vor sich. Aber dort kann sie dann auch bleiben. In Angela Merkel steigt leichte Verzweiflung auf, Zukunftsangst, Einsamkeit. Doch dann sieht sie Wolfgang Schäuble, der scheinbar gedankenverloren in seinem Rollstuhl sitzt. Hinter der Maske erkennt die Kanzlerin seinen Scanner-Blick. Als einziger im Raum hat er alles bemerkt, was sie bemerkte. Der kann Innenminister bleiben, denkt sie erleichtert.
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Wenn das Wetter düsterer wird, schaue ich gern
Gartensendungen an. Ich habe zwar keinen Garten, aber man sieht ja auch Kochshows, während die Tiefkühlpizza im Ofen gart. So erfuhr ich dieser Tage, dass Freilichtmuseen alte Apfelsorten wie den rheinischen Krummstiel weiter züchten, die man im Supermarkt längst nicht mehr findet. Das brachte mich ins Grübeln über die vielen alten, ausrangierten Dinge, derer sich niemand annimmt, nicht einmal das Freilichtmuseum in Lindlar.
Franz Müntefering zum Beispiel zieht sich demnächst ins Sauerland zurück. Mit ihm geht ein knorriger, pflichtbewusster, herb-trockener Typ des Sozialdemokraten, den die Partei kaum mehr im Angebot hat - ein westfälischer Krummstiel sozusagen. Aber kein Heimatmuseum kann ihn nachzüchten. Natürlich bleibt seine Kurzprosa in ungezählten Fernseharchiven erhalten. Aber ein echter Ersatz ist das nicht.
Wie an der Spitze, so geht es nach dieser einschneidenden Wahl auch an der Basis der SPD. Mit einer Träne im linken Auge las ich den Bericht von den Genossen im
Ortsverein Dortmund Nord-West, die kaum ein Wort über ihre politische Katastrophe verlieren, sondern tatkräftig die Wintereinlagerung ihrer 45 Plakatständer planen. Das ist Volkspartei - und das ist ziemlich vorbei. In Westerwelles Erfolgsverein werden Plakatständer sicher nur geleast.
Nun mag einer fragen, was Äpfel, Münte und Plakatständer gemeinsam haben. Aber ich habe mich schon immer über den dummen Spruch geärgert, man könnte Äpfel nicht mit Birnen vergleichen. Natürlich kann man das. So gleicht zum Beispiel Sigmar Gabriel einem prallen Boskop, während Helmut Kohl bekanntlich einer Birne ähnlich sah. So gesehen steht die künftige SPD tatsächlich im Zeichen des Apfels. Aber auch harte Gabriel-Gegner treibt nach der Wahl das Problem allzu schnell verschwindender Altertümer um. So möchte
RWE-Chef Großmann gern seinen Museums-Reaktor Biblis länger behalten dürfen. Dessen Sorge verstehe ich allerdings nicht so recht - ist doch kaum etwas so wenig von der Gefahr des Vergessens bedroht wie die Atomkraft. Zwar nicht in Freiluftmuseen, aber tief unten im Keller wird sie unsere Nachkommen noch in einigen Millionen Jahren beschäftigen.
Im Keller lagerte man früher auch die Apfelernte eines Herbstes - eine im modernen Leben in Vergessenheit geratene Vorratshaltung. In meiner Kindheit hatten wir einige Apfelbäume hinter dem Haus, und ich hasste die jährliche Einkellerung. Denn in den folgenden Monaten bekamen wir nie die frischen, rotwangigen Äpfel zu essen, sondern stets die schon leicht angefaulten. Die mussten ja zuerst weg. Waren sie weg, dann waren die frischen auch nicht mehr frisch. Vielleicht hat mich diese Erfahrung zur Theologie geführt. Denn ich erklärte mir diesen strukturellen Missstand mit der Austreibung aus dem Paradies, mit der Gott ja auf den unerlaubten Genuss eines frischen Apfels reagierte. Heute sehe ich, dass sich das Apfel-Einkellerungs-Motiv in der Politik wiederfindet: Da warten die frischen, jungen Wilden darauf, die alte Garde abzulösen. Aber wenn die, von einer Wahl gebeutelt, endlich abtritt, sind die jungen Wilden selbst schon nicht mehr frisch. Vielleicht liegt das aber auch daran, dass der Apfel nicht weit vom Stamm fällt.
Dieser Obsttag war wirklich amüsant, ganz nach der Devise "an apple a day keeps the doctor away" :-)
Dagmar am 5.10.09 9:26
Noch köstlicher als ein frischer Apfel ist diese Glosse!
Sabine am 5.10.09 14:18
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Zum SeitenanfangIn meiner Nachbarschaft gab es mal einen Pastor, zu dem gingen auch die Kirchgänger der Nachbargemeinden recht gern. Denn er predigte locker und manchmal mit kleinen kirchenkritischen Spitzen. Es gab in seiner Gemeinde aber auch eine ältere Dame, eine pensionierte Grundschullehrerin, der gerade diese Bemerkungen gar nicht gefielen. Im Kampf gegen Irrlehren schrieb sie Eigenverantwortung groß und die Bemerkungen des Pfarrers in einem Notizblock mit. Diese Aufzeichnungen schickte sie dann hin und wieder an den Bischof. Und der wiederum rief hin und wieder beim Pfarrer an. Der Pfarrer ließ sich davon jedoch wenig beeindrucken. Eines Sonntags flocht er in seine Predigt sogar die Bemerkung ein: "Soll ich das noch mal wiederholen, Frau N., oder haben sie es schon?"
In einer Institution, die Beichtstuhl und Inquisition erfunden hat, geht man mit Überwachung eben gelassen um. Ähnliche Fragen wird man demnächst aber auch öfter von Wahlkampfbühnen hören: "Haben Sie das im Kasten, oder soll ich noch mal wiederholen?" Denn die politischen Gegner
verfilmen sich neuerdings gegenseitig. Jürgen Rüttgers' Sprüche über Rumänen und Chinesen wurden von der SPD mit der Handkamera eines eifrigen Jusos aufgenommen. Die CDU hat nun auf Hannelore Kraft gleich eine Filmproduktionsfirma angesetzt.
Ich stelle mir das lustig vor, wenn wir demnächst die Parteien stets im filmischen Stil der Gegenseite kennen lernen werden, für Cineasten sicher ein ästhetisches Erlebnis. Der Arbeiterführer Rüttgers eingefangen in etwas wackeligen langen Einstellungen wie bei Dogma-Regisseuren. Die Sozialdemokraten dagegen präsentiert in Short-Cut-Manier, aus ständig wechselnder Perspektive gesehen, als sei's ein Streifen aus Hollywood. Wenn die Grünen auch endlich mitmachen, gibt es bald ein langes Westerwelle-Porträt im Stil einer Star-Doku von Martin Scorsese. (Bärbel Höhn wird manchmal eingeblendet und kommentiert Westerwelles Körpersprache.) Die Linke wiederum dreht einen Streifen über die Grünen, waschechter sozialistischer Realismus unter dem Titel: "Wahlkampfkreuzer Trittin". Unterlegt mit Musik von
Hanns Eisler. Schön fände ich, wenn zu Beginn einer neuen Legislaturperiode ein Zusammenschnitt der besten Überwachungsfilme in die Kinos käme. Da könnte man dann Kultpartys veranstalten, so wie bei der Rocky Horror Picture Show.
Ein Problem mit der neuen Kunstform wird allerdings die Piratenpartei haben. Sie ist bekanntlich gegen jede Videoüberwachung und erst recht gegen deren Veröffentlichung. Während die anderen über ihre Demonstrationen wundervolles Popcorn-Kino mit Anleihen am "Fluch der Karibik" produzieren, schreiben die Piraten beim Gegner nur mit. Die Notizen werden dann auf Lesungen präsentiert. Und da ist es dann mucksmäuschenstill, wie in der Kirche.
Der arme Jürgen Rüttgers ist vor lauter Angriffen schon gealtert. Kein Wunder, überall nur negative Ereignisse von A wie Nokia und Z wie Opel, man merkt hier stimmt was nicht, stimmt. Was nicht stimmt ist die...stop, hier handelt es sich um eine Glosse. Den politischen Alltag ein wenig satirisch behandeln mit einem Funken Wahrheit. Rüttgers ist bei der CDU, sein Ziehvater hat immer gesagt: Wichtig ist was hinten rauskommt. Also den guten Jürgen da filmen ? Ja er könnte auf einige sch...denn er kann nur seinen Job als Ministerpräsident machen und ist kein Diktator der den Konzernen befehlen kann. Weil er das nicht kann nehmen ihm manche übel und wenn er seine Enttäuschung aus Versehen kund tut fallen alle über ihn her. War das jetzt ein Funken Wahrheit. Darüber soll jeder selbst urteilen. Glück auf !
MG am 20.09.09 21:27
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Gerade war der Sommer der Liebe mit seinen nassen
Bethel-Nächten vorbei, da folgte auf ihn der Herbst der Krieger. In jenem denkwürdigen Jahr 1969, während die Hippies noch ihre bematschten Klamotten wuschen, sann das US-Militär über ein "unzerstörbares Netzwerk" nach und ließ es von einigen Universitäten in Kalifornien und Utah aufbauen. Die beauftragende Militärbehörde hieß Arpa und heraus kam das Arpanet - die
Keimzelle des Internets.
Arpa, Arpanet? Plötzlich kommt es mir vor, als könne ich mich an diesen Begriff noch aus meiner Kindheit erinnern. Aber das ist unmöglich, schließlich ahnte damals kaum einer, was das Pentagon heimlich tat und dass dort unser künftiges Leben mit Mails, Spamfilter und Onlinebanking vorbereitet wurde. Außerdem war ich damals noch ein Kind, das sich beim Fernsehen weder für Jimi Hendrix noch für den Kalten Krieg interessierte, sondern für Schweinchen Dick. Aber Fernsehen ist das richtige Stichwort, und jetzt weiß ich es wieder: Ich erinnere mich nicht an Arpa, sondern an Arpad.
"Arpad der Zigeuner" ritt wenige Jahre später - während Arpa unter Ausschluss der Öffentlichkeit allmählich immer mehr Rechner einbezog - durch die deutschen Fernseher. Ich liebte diesen Puszta-Helden des Vorabendprogramms. Er entkam Folge für Folge den Fängen feindlicher Österreicher, Ungarn und Stammesbrüder, schoss und ritt dabei vorzüglich, zeigte viel Brust und liebte Rilana (was ich bald mit ihm gemeinsam hatte).
Meinen Kindern sind Arpad und Rilana böhmische (bzw. ungarische) Dörfer. Ich weiß auch nicht, warum die Serie nie wiederholt wird. Vielleicht, weil sie heute "Arpad der Sinti" heißen müsste und die politisch korrekte Nachsynchronisation zu viel Arbeit machen würde. Dass Arpad immer noch sehr viele Fans hat, beweist ein Klick im heutigen Arpanet: Bei Google findet er sich über 5.000 Mal.
Mich macht diese Erinnerung unruhig. "Kümmert euch eigentlich eure Zukunft?" will ich meinen Kindern zurufen. Aber die schauen gerade die neue Folge von Doctor's Diary. Ob sich die in einigen Jahrzehnten wohl auch noch 5.000-fach finden lässt? Ob es dann überhaupt noch ein Internet geben wird, oder ob es die EU wegen seiner nachgewiesenen Klimaschädlichkeit längst verboten hat, wie die
Glühbirne? Oder ob es dann die EU schon nicht mehr gibt, weil sie in der Eurasischen Union unter der Führung Chinas aufgegangen ist? Müssten wir nicht eigentlich wissen, was irgendwelche Militärs in Peking gerade heimlich ausprobieren lassen? Während wir das meiste, was wir heute erfahren, getrost vergessen können? Mich verwirren diese Fragen so sehr, dass ich dringend Entspannung brauche. Doctor's Diary langweilt mich. Also gehe ich in mein Arbeitszimmer und lege gute Musik auf. Robert Schumann, Zigeunerleben.
Arpa, nicht Arpad!
Jupp am 7.09.09 21:15
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Zum SeitenanfangMeine Oma konnte kein Englisch. "Made in Germany" sprach sie immer so aus, dass man an eklige kleine Würmer denken musste. Als Kinder machten wir einen Witz daraus und sagten: "Es steckt eine Made in Germany". Das war fast prophetisch, denn damals war man noch richtig stolz auf das, was ganz unenglisch "deutsche Wertarbeit" hieß. Die war für das kollektive Selbstbewusstsein fast so wichtig wie die D-Mark.
Heute ist nicht nur die D-Mark weg. Die Made hat ziemlich viel angefressen in Germany. Ich sage nur: Grundig, Schießer, Märklin. Irgendwann kam das Land in den Ruf, nur Altbackenes hervorzubringen, Altbier, Asbach Uralt, Altpapier. Und wenn ein Deutscher mal eine "körpergebundene Kleinanlage für die hochwertige Wiedergabe von Hörereignissen" patentieren ließ, brachten doch die Japaner den
Walkman heraus. Erst spät wachte die Politik auf und erfand als Gegenmaßnahme neue Berufe: etwa den Zukunftsminister. Als ein solcher die Regierung von NRW übernahm, erfand er in seinem Kabinett gleich noch so einen Beruf: den Innovationsminister.
Seither sind Zukunft und Innovation so richtig angesagt zwischen Rhein und Weser. In der Schützenfeststadt Neuss gibt es den Slogan "Öfter mal was Neuss" und während die Kultur noch auf die Ruhr2010 blickt, teilt die Wirtschaft schon den Ruhr2030Award aus. Der ging in diesem Jahr nach Marl. In der Stadt werden nämlich nicht nur begehrte Fernseh- und Online-Preise hergestellt, sondern auch die
Rollfliese. Die ist laut Laudatio eine "Produktinnovation, die ein hohes Marktpotenzial mit sich bringt".
Als ich hörte, dass man Fliesen jetzt so kaufen und verlegen kann wie Tapeten, war ich erst mal ganz von der Rolle. Dabei ist die Rollfliese beileibe nicht die einzige brandneue Innovation im Land. Wie der Kollege
Horst Kläuser berichtet, gibt es in Dörentrup-Schwelentrup patentierte Straßenlaternen, die man per Handy anknipsen kann. Mehr davon, möchte man ausrufen! Dafür braucht es aber findige Forscher und geniale Erfinder - und die sind bekanntlich in großer Zahl ausgewandert und müssen nun von Innovationsministern handverlesen und
teuer zurückgekauft werden.
Patentscouts suchen an den Unis nach ihnen wie nach Stecknadeln im Heuhaufen.
Soll man es da nicht begrüßen, wenn eine Firma in
Bergisch Gladbach seit Jahren erfolgreich neues Humankapital in Form von Doktoren produziert? Sollte man der Stadt, die mit Heidi Klum eines der erfolgreichsten deutschen Exportprodukte hervorbrachte, nicht dankbar sein? Aber statt des Bundesverdienstkreuzes erhält die Bergische Dr.-Schmiede Besuch von Staatsanwälten. Sollen jetzt Menschen bestraft werden, die sich Bildung etwas kosten lassen? Für erfahrene Akteure aus der globalisierten Wirtschaft - typische Kunden eines Promotions-Services - muss es eine irritierende Erfahrung sein, dass Schmiergelder illegal sind. Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Den Titel in meinem Bloggernamen erhielt ich für lau. Aber ich musste drei Jahre investieren, eine viel zu lange Zeit für Innovationen mit Marktpotential. So was konnte man sich in Zeiten der deutschen Wertarbeit leisten. Im modernen Leben dagegen braucht man den Doktor just in time. Schließlich will ich auch die Straßenbeleuchtung anknipsen, wenn ich sie brauche. Und morgen roll ich mir mein Bad neu.
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"Warum wird der Bundestag eigentlich immer Ende September/Anfang Oktober gewählt", fragt mich meine Tochter. Ich bin schon wieder mal mit meiner politischen Bildung am Ende, weiß nicht einmal, ob das schon immer so war. Also sage ich einfach: "Wahrscheinlich, damit vorher die 'heiße Phase des Wahlkampfs' stattfinden kann." Tatsächlich bemüht sich das
Wetter redlich um so eine heiße Phase. Es wird dabei aber ziemlich allein gelassen. So wie Steinmeier. Ihm ergeht es wie Hannibal in Italien oder Napoleon in Russland: Er führt einen Feldzug, aber der Gegner stellt sich einfach nicht. So hat er keine Chance, zumal Steinmeier kein Hannibal und kein Napoleon ist, eher schon ein abgehetzter Hase zwischen der CDU-Igelfrau Merkel und dem CSU-Igel-Mann von Guttenberg. Die sind beide immer schon da, wo er hinrennt.
Nun sind die CDU/CSU-Igel allerdings nicht die einzigen, die nicht mitmachen. Die Bürger, wir also, halten es ähnlich. Wir lassen die Krise Krise sein und gehen lieber zur
Gamescom. Oder wir wünschen uns, dass man Horst Schlämmer wirklich wählen kann, damit es lustiger wird in der Politik. In Wirklichkeit aber wird
Guido Westerwelle Außenminister werden. Das finde ich lustig genug.
Ich frage mich ernsthaft, was die Deutschen eigentlich politisieren könnte, wenn es die größte Weltwirtschaftskrise der Nachkriegszeit und kläglich scheiternde Klimarettungsversuche nicht können. Kurz bevor ich an dieser Frage verzweifele, treffe ich meine Freundin Elke im Straßencafé. Kaum sitze ich ihr gegenüber, zieht sie über Horst Schlämmer her. Der sei doch eine Marionette von RWE, meint sie: "Die finanzieren das alles. Die machen Grevenbroich, diese selbsternannte
Bundeshauptstadt der Energie, zur beliebtesten Kommune Deutschlands, nur um von ihren Braunkohleseeplänen und Dreckschleuderkraftwerken abzulenken!"
Ich bin erstaunt, denn ich habe diese Theorie noch nie gehört. Aber meine Frage, woher sie das hat, beantwortet Elke erst gar nicht. Ob ich schon wüsste, fragt sie mich, dass die Kondensstreifen der Flugzeuge seit Jahren mit Chemikalien versetzt werden. "Mit denen will das Pentagon bald das Wetter beeinflussen können, weltweit." Nein, wusste ich nicht. "Du musst doch
Chemtrails kennen!" ruft Elke verwundert aus. "Kannst Du alles im Netz nachlesen."
Ich würde Elke jetzt gern fragen, was sie vom kürzlich über die Bühne gegangenen
Mondlandungsjubiläum hält, sozusagen als Testfrage für alle Verschwörungstheoretiker. Aber stattdessen trinke ich schweigend meine Bio-Limonade. Denn mir dämmert allmählich, dass die Wahlkampfstrategen etwas falsch machen. Sie führen die immer gleichen öden Diskussionen über Wirtschaftsankurbelung und Steuersätze. Das ist reichlich phantasielos. Die Menschen haben aber Phantasie. Gerade will ich dann doch zum Mondlandungstest ansetzen, da sagt Elke: "Und der ganze Wahlkampf interessiert mich schon lange nicht mehr. Die nächste Regierung haben die Parteien doch längst miteinander abgesprochen." Darüber will ich nun doch diskutieren, aber es sind plötzlich dicke Wolken aufgezogen, ein Windstoß fegt über unseren Tisch und dann kracht es kräftig. "Die Gewitter kamen früher auch nie so plötzlich", sagt Elke. Ich hätte gern erfahren, woran das liegt. Aber sie will schnell vor dem Regen nach Hause. "Ja, ja, der Regen ist auch nicht mehr, was er mal war", rufe ich ihr nach. Und schon beginnt es zu schütten, doch so schnell wie er gekommen ist, hört der Regen wieder auf. Nun riecht die Luft wie frisch gereinigt. "Chemisch gereinigt", würde Elke sagen.
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Zum SeitenanfangDieser Tage musste ich mal wieder an Rudolf Scharping denken. Nicht etwa, weil im Fernsehen verstärkt Fahrradfahrer auftauchen und manchmal auch böse stürzen. Auch nicht, weil die SPD-Führung zur Zeit ein ähnlich steifes Bild abgibt wie seinerzeit der Kanzlerkandidat aus der Pfalz. Es sind vielmehr die Kommunalwahlplakate in meiner Heimatstadt, die mich an 1994 erinnern.
Erinnern Sie sich noch? Damals war gerade Bill Clinton ins Weiße Haus eingezogen, hatte den konservativen George Bush abgelöst und den USA wieder ein sympathisches Gesicht gegeben. Clintons Wahlkampf galt als hypermodern, zukunftsweisend. Also wollte Rudolf Scharping ihn für die Sozialdemokraten kopieren. Schließlich hatte Clinton einen Slogan plakatieren lassen, der sehr gut zur SPD passte: "Jobs, Jobs, Jobs!" "Das können wir auch", sagten sich Scharpings Wahlkampfstrategen. Kurzerhand schlugen sie im Wörterbuch nach. So entstand der SPD-Slogan: "Arbeit, Arbeit, Arbeit!" Und Scharping verstand gar nicht, warum alle lachten.
Fünfzehn Jahre später hat wieder ein sympathischer junger Mann mit einem hypermodernen Wahlkampf einen Bush im Weißen Haus abgelöst. Und diesmal sind es die
Kölner Wahlkämpfer, die sich sagen, dass von Amerika lernen siegen lernen heißt. Deshalb plakatiert die CDU jetzt: "Köln kann's!" Da muss die SPD natürlich einen drauf setzen und kontert: "Köln kann's besser". Und die FDP ergänzt: "Köln kann mehr!" Diese Slogans sind eindeutig kreativer übersetzt als seinerzeit der von Scharping. Aus Obamas "can" wurde "kann", das ist Wörterbuch. Aber aus dem "we" wurde "Köln". Das ist raffiniert. Weiß doch der Kölner aus dem einschlägigen Liedgut: "Mir all sin Kölle". Also "we" = "mir" = "Köln".
Interessanterweise haben die Kölner Frei- und Sozialdemokraten nicht nur diesen Übersetzungstrick gemeinsam. Beiden ist Obamas Selbstbewusstsein noch nicht genug. Beide fügen dem Obama-Slogan also noch einen Komparativ an: "mehr" bzw. "besser". Was soll man daraus schließen? Dass es in Köln nur eine Werbeagentur gibt? Oder dass der Kölner an sich nun mal größenwahnsinnig ist? Zugegeben: Manches kann man in Köln tatsächlich besser als in Washington. Dort werden bekanntlich politische Entscheidungen manchmal dadurch torpediert, dass man Kongress-Sitzungen durch Reden endlos in die Länge zieht. In Köln dagegen sorgen die Ratsmitglieder dafür, dass eine
sinnlose Sitzung zu einem längst abgehandelten Thema ganze zwölf Minuten und drei Sekunden dauert. Das ist der richtige Umgang mit den selbsternannten Heimatschützern von "Pro Köln", die einem das "Mir all" ganz schön verleiden.
Aber bevor ich zu politisch und ernst werde, will ich lieber noch etwas aus meiner Familie erzählen. Dort sind jetzt Schulferien, aber ein wenig Vorbereitung auf die nächste Runde verordne ich doch an Stellen, wo das Zeugnis deutlich zu wünschen übrig ließ. "Kannst Du denn überhaupt die Vokabeln dieser alten Lektionen", frage ich meinen Sohn. "Yes, I can", schmettert der. Ich frage ab. Und da zeigt sich dann, dass Scharping so Unrecht nicht hatte. Wer Obama im Munde führen will, auf den wartet: Arbeit, Arbeit, Arbeit.
Bitte, das ist nicht rassistisch gemeint aber ein paar, früher hieß es Neger, dann Schwarze und nun weiß man nicht mehr genau, Afrofarbige ? Na egeal, solche Leute müssten sich doch auch in Köln auftreiben lassen um genau den amerikanischen Wahlkampf zu kopieren. Abgesehen davon, außer großer Worte hat sich da drüben über dem großen Teich auch nichts getan. Yes where can, fragt sich bloß was ? Sogar der Governator alias Arnie Blackenegger, sorry das Wort ist ja verboten, steht als Gouverneur vor einem hoffnungslos verschuldten Californien. Der hat auch gekonnt, nur nicht das richtige. Kölle, mir können dat, na hoffentlich, dann is et jood.
MG am 29.07.09 13:42
P.S. Scharping war nie "Pfälzer" sondern immer Rheinland-Pfälzer! Gaaaaaaaanz wichtiiiiiiich... zumindest für Pfälzer.
PB am 12.09.09 15:01
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Zum Seitenanfang"Die Hilfsmaßnahmen kamen nur langsam in Gang. Die verstörten Überlebenden hausten in provisorischen Unterkünften in der Nähe ihrer vernichteten Häuser." So schildert Secundo Tranquilli die Lage nach dem Erdbeben in der Abruzzen-Provinz Aquila. Mitten im Elend taucht plötzlich der Luxus auf: "In diesem Augenblick fuhren fünf oder sechs Autos vor. Der König besuchte mit seinem Gefolge die verwüsteten Gemeinden." Und Tranquilli wird Zeuge einer ungewöhnlichen Szene: Ein Priester taucht mit einer Gruppe von Kindern auf, die ihre Eltern beim Beben verloren haben. Er beschlagnahmt kurzerhand eines der königlichen Autos, um die Kinder nach Rom in eine Herberge bringen zu können. Die Carabinieri protestieren, aber der Priester setzt sich durch.
Die Szene, die Tranquilli schildert, ereignete sich 1915. Der Zeuge, der sich als Schriftsteller Ignazio Silone nannte, verlor in der Katastrophe fast seine gesamte Familie. Dieser Tage las ich erneut in seinen Erinnerungen - aus gegebenem Anlass. Die Szene wirkte überraschend aktuell: L'Aquila in Trümmern und
die Regierenden zu Besuch. Ich fragte mich, was in der vergangenen Woche wohl geschehen wäre, wenn einige aufgebrachte Bewohner gemeinsam mit Gipfel-Gegnern den Fuhrpark der G8-ler entführt hätten.
Unwahrscheinlich, zugegeben. Aber reizvoll, sich die Reaktionen auszumalen. Nicolas Sarkozy hätte gewiss auf offener Straße einen Veitstanz aufgeführt, laut von "Gesindel" geredet und den Einsatz der Armee gefordert. Dimitri Medwedew hätte stolz darauf hingewiesen, dass so etwas bei ihm zu Hause nicht passieren könne. Barack Obama wäre natürlich völlig relaxed geblieben, hätte vorsichtiges Verständnis für die Aktion geäußert und vorschlagen, zu Fuß zu gehen. "Zu Fuß?", hätte Angela Merkel verwundert gefragt, sonst aber nichts gesagt, weil ihre Haltung in der großen Koalition noch nicht abgestimmt wäre. "Yes, we can", hätte Obama geantwortet. "Hier gibt es ja sowieso keine wirklichen Entfernungen", hätte der Kanadier Stephen Harper zugestimmt - eine Bemerkung, über die sich Silvio Berlusconi heimlich geärgert hätte. Dann hätte er die Aktion seinen Gästen wortreich als Inszenierung seiner Gipfel-Regie verkauft. Ohne so einen Vorfall würden sich die Medien doch gar nicht mehr für Treffen dieser Art interessieren. In Wahrheit vermutete Berlusconi jedoch eine infame Intrige der linken
Zeitung La Repubblica hinter der Panne - und grübelte darüber nach, ob er das Blatt per Eilgesetz verbieten oder kaufen sollte. Einige der G20-Gäste aus den Schwellenländern hätten abseits miteinander getuschelt und dann gemeinsam gefragt, ob es sich vielleicht um einen Militärputsch handeln könne.
Solche Szenen hätte Ignazio Silone in seiner humorvollen wie moralisierenden Weise sicher auch heutzutage gut schildern können. Bei ihm wäre einer der Limousinen-Entführer gewiss Priester gewesen oder ein als Priester verkleideter Attac-Aktivist. Und dann wäre die Geschichte etwa so zu Ende gegangen: Der Entführer fährt den Wagen wie seinerzeit 1915 nach Rom, diesmal aber, um vor dem Zugriff der Carabinieri in den Vatikan zu flüchten. Dort erklärt er vor der Presse, er wolle mit dieser Aktion auf die
neue Sozialenzyklika des Papstes aufmerksam machen, die eine gerechte Weltwirtschaftsordnung fordert. "Die Mächtigen dieser Welt tagen hier ganz in der Nähe, aber um das Wort aus Rom kümmern sie sich nicht." Das bringt natürlich Benedikt XVI. in eine Zwickmühle, die der Vatikan jedoch sehr diplomatisch löst. Der Aktivist wird nicht den italienischen Behörden ausgeliefert, sondern vor einem vatikanischen Gericht angeklagt: wegen missbräuchlicher Benutzung klerikaler Kleidung. Und am Ende des Romans hofft der Mann, das kirchliche Gericht werde genauso langsam arbeiten wie die
Justiz in Mönchengladbach.
Audio: Dieser Tage in L'Aquila
Berlusconi versucht von diversen eigenen Problemchen abzulenken, auf kosten der Menschen von L'Aquila, so wird heute Politik gemacht.
Stephan am 14.07.09 10:40
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Zum SeitenanfangKürzlich nahm ein Freund eine neue Stelle an. Der Freund ist Mitte vierzig, hat schon manche Zertifikate und Berufserfahrungen gesammelt. Das ersparte ihm nicht, sämtliche Zeugnisse seit der Grundschule vorzulegen. "Wir legen Wert auf einen lückenlosen Lebenslauf", sagte die Frau von der Personalabteilung. Eine einzige Lücke ließ sie gelten: "Gleich nach dem Abitur können die meisten ein paar Monate nicht belegen. Das ist normal."
Meine älteste Tochter ist gerade in diese Lücke in ihrem Lebenslauf getappt. Und ich beobachte sie ein wenig nervös dabei, wie sie diese Lücke akribisch wieder zuplant, mit Feiern und Reisen und Vorbereitungen des weiteren Lebenslaufs. Vielleicht ist das ja die Reaktion darauf, dass sie zum ersten Mal seit dreizehn Jahren nicht mehr bekommt, worauf sich jetzt so viele freuen: Ferien. Vielleicht sitzt aber auch eine kleine virtuelle Personalmanagerin in ihrem Hirn, die ihr einflüstert, die Lücke nur ja nicht zu groß werden zu lassen.
Ich kenne diese Frau, in meinem Hirn sitzt sie auch. Und sie meldet sich mitunter in einer erschreckenden Geschwindigkeit. Zum Beispiel wenn ich mich beim Einkaufen einmal vom sonnigen Wetter dazu verleiten lasse, auf einer Bank in der Fußgängerzone herumzusitzen und die Leute zu beobachten. Oder wenn ich zu Hause das Fensterputzen unterbreche, weil die dazu aufgelegte Musik so schön ist, dass ich lieber nur auf dem Sofa liegen und zuhören möchte. Schon fängt die Personalmanagerin an zu flüstern. Sie muss es sein. Vor wem sonst meine ich mich rechtfertigen zu müssen für meine kleine Auszeit, wenn niemand zusieht?
Auszeit ist ein komisches Wort. Eine Zeit außerhalb der Zeit - so wie die Lücke im Lebenslauf, die ja eigentlich eine Art Tod sein müsste. In Wirklichkeit ist sie aber meist das reine Leben. So ist das nach dem Abitur, so sind gute Ferien: ein Niemandsland in unserer zubetonierten Lebenslandschaft. Niemands Land, niemands Zeit und damit ein stiller Protest gegen die irrige Vorstellung, die Zeit könnte überhaupt jemandem gehören, denn das tut sie nicht und nur deshalb geht sie auch immer weiter.
Von unseren prominenten Zeitgenossen können wir auch zu diesem Thema einiges lernen. Da gibt es welche, denen selbst große Lücken im Lebenslauf keineswegs die Karriere verhageln:
Poldi zum Beispiel hat in seinen drei bayerischen Jahren riesige Lücken angehäuft, in denen er nichts tat als auf der Bank zu sitzen. Trotzdem wird er jetzt Führungsspieler des 1. FC Köln. Das sollte anderen Sportlern zu denken geben, die ihren
Pferden Mittel gegen Schizophrenie geben. Pferde, die Psychopharmaka brauchen, benötigen sicherlich eine Auszeit. Und ihre Halter eine Lücke im sportlichen Lebenslauf. Und schließlich sind da unsere Politiker: Im
Land wie im
Bund beschließen sie noch schnell an den letzten Sitzungstagen vor der Sommerpause eine atemberaubende Verschuldung. Dann gibt es Sommerpause. Sollten wir da noch zögern, einen Kredit aufzunehmen, um uns in den wohl verdienten, aber vom Verdienst nicht bezahlbaren Traumurlaub zu verabschieden? Aber wenn ich das versuche, meldet sich gleich wieder so eine störende Stimme im Hirn. Diesmal ist es ein virtueller Buchhalter. Ich sollte mal einen Politiker fragen, wie die den abschalten. Denn richtig mal abschalten tut Not.
Audio: Niemands Land, niemands Zeit
Dem besten Pferd im FC Stall ein Mittel gegen Schiziphronie geben ? Mut dat sein ? So weit is der jute Poldi ja nich janz nur en bisken unjebildet möchlicherwiese oder hab ich dat allet falsch verstanden. Oder sinn die Politiker jemeint. Dumm sin die nich wenn es um ihre Vorteile jeht un wennet um et Volk jeht eher verlogen aber dat hat schon jeder mitjekricht. Glück auf.
MG am 29.06.09 13:56
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Zum SeitenanfangIch wohne in einem Altbau mit hohen Räumen. Deshalb muss ich hin und wieder auf eine recht hohe Leiter steigen, etwa um eine bald verbotene Glühbirne gegen eine Energiesparlampe auszutauschen. Jedesmal fällt mir dann diese Statistik ein, nach der die meisten schweren Unfälle im Haushalt passieren. Ich fühle mich einfach unwohl auf Leitern.
Dabei ist die Leiter eigentlich ein positiv besetzten Symbol. In alten Heimatfilmen ist sie häufig ein Liebesrequisit: Junge Männer in Lederhosen setzen auf ihr zum Fensterln an. Das ist romantisch, bietet aber auch Raum für rustikalen Humor, wenn oben der wütende Vater statt der Angebetenen wartet oder ein Konkurrent, der schneller war, die Leiter umwirft. Wobei wir wieder bei den Unfällen im oder am Haus wären ...
Moderner ist die Karriereleiter. Darauf kann man immer wieder eine Sprosse höher steigen. Dieses zeitgemäße Leitersymbol hat ein uraltes, nämlich ein biblisches Vorbild. Als Jakob, der Stammvater Israels, noch ein armer Nobody war, träumte er einmal von einer Leiter, die bis in den Himmel führte und auf der die Engel auf und nieder stiegen. Er nahm den Traum als Zeichen seiner Erwählung. Dadurch ist die Himmelsleiter ein Symbol für den Aufstieg zur Vollkommenheit geworden. Auf eine Leiter zu steigen, ist sozusagen ein mystischer Akt.
Ob Karl-Gerhard Eick ans Fensterln gedacht hat oder an die Bibel, weiß ich nicht. Jedenfalls stieg der
Chef von Arcandor vor einigen Tagen vor der Konzernzentrale in Essen auf eine klapprige rote Leiter, um zu den Mitarbeitern zu sprechen. Warum dafür nur eine Leiter zur Verfügung stand, ist mir unklar. Schließlich war seit dem Vortag klar, dass es an diesem Tag um die Wurst gehen würde für die Firma. Da hätte man auch ein Podest aufbauen können oder wenigstens einen Anhänger auffahren. Aber vielleicht fanden die Arcandorer eine Leiter eben doch symbolträchtiger. Der Konzern wackelt und sein Chef stellt dies sinnfällig dar, indem er, mit einem Megafon in der Hand, auf einer Haushaltsleiter balanciert.
Eick konnte sich mit diesem Balanceakt wohl in die Herzen der Angestellten fensterln. Leider jedoch weder in die der Bundesregierung noch in das von Madeleine Schickedanz. Die warfen ihm bildlich gesprochen die Leiter um und irgend ein erboster Karstadt-Aktionär warf noch eine Anzeige wegen Insolvenz-Verschleppung hinterher. Ich finde das ungerecht. Eick wollte noch retten, was wohl nicht mehr zu retten war. Es waren andere, die aus Karstadt Karstadt-Quelle und dann Arcandor gemacht haben, die den Traum vom Großkonzern träumten, dabei aber das gute alte Warenhaus verstauben ließen. Leider scheinen viele, die ganz oben auf der Karriereleiter stehen, zu vergessen, dass die Engel auf der Himmelsleiter stets in zwei Richtungen unterwegs sind: hinauf und hinunter.
Und schließlich waren es Kunden wie du und ich, die keine Lust mehr hatten, bei Karstadt einzukaufen. Wir sind einfach woanders hingegangen, um unsere Hosen, Toaster oder auch Leitern zu kaufen. Auch ein Riese wie Karstadt geht nämlich aus keinen anderen Gründen pleite wie die kleine Boutique um die Ecke. Die größten Unfälle beginnen eben im Haushalt.
Das moderne Leben - als Podcast.
Was heißt hier hoher Raum, wenn man nicht an die Glühbirne herankommt braucht man einen Tritt oder Leiter. Ja, herunter von der Leiter, für junge, gelenkige Leute kein Problem, für die älteren, steiferen schon, ein Fehltritt...nicht auszudenken. Soweit sachlich. Die Glosse, die arme Schickedanzerbin hat sich schon beschwert und ist gesundheitlich schwer angeschlagen. Wenn sie sich an das Codewort der Lichtensteiner Kontonummer nicht mehr erinnern kann ist das auch ein triftiger Gund. So ganz über die Glosse lachen, ein süßsaueres lächeln, es gibt leider Opfer, die Beschäftigten.
MG am 15.06.09 12:50
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Zum SeitenanfangDer Prophet gilt nichts in seiner Heimat. Das hat Jesus gesagt und erfahren. Und daran darf man an Pfingsten wohl einmal erinnern. Die in der Heimat sind eben meistens geistlos, uninspiriert, ohne Phantasie. Da kann der Prophet zum Beispiel mit flammenden Worten - auch das ein typisch pfingstliches Wunder - eine geradezu himmlisch schnelle Verbindung vom Hauptbahnhof zum Flughafen beschwören. Die Münchner wollen sie doch nicht. Ja, die Deutschen insgesamt wollen sie nicht. Statt dessen hören Völker aus der Ferne die Botschaft und nehmen sie an. Allerdings sind es diesmal nicht - wie in der Pfingstgeschichte - Parther, Meder und Elamiter, dafür aber Chinesen und Iraner.
Zugegeben: Es geht in diesem Gleichnis nicht um den Messias, sondern um den Transrapid. Der hatte hierzulande keine Chance. Statt dessen fährt er seit langem in Schanghai. Und demnächst soll er vielleicht auch
von Teheran nach Maschhad fahren, eine Strecke, die wiederum die religiösen Anspielungen rechtfertigt. Denn Maschhad ist ein wichtiges schiitisches Wallfahrtsziel. In Zukunft soll es Millionen Pilger nicht nur magnetisch anziehen. Sie sollen auch magnetisch-schwebend zu ihm gelangen. Wieder einmal beweist der unvergleichliche Ahmadinedschad, dass Fundamentalismus und Fortschritt einander nicht ausschließen. Und die deutsche Wirtschaft beweist wieder einmal, dass schlechte Menschenrechtslage und gute Geschäfte ebenfalls kein Widerspruch sind.
Hierzulande haben Hochgeschwindigkeitszüge bekanntlich große
Probleme mit ihren Achsen. Das Transrapid dagegen braucht gar keine Achsen. Statt dessen fährt er jetzt auf der einstigen Achse des Bösen. Vielleicht kommt ja der nächste Bauauftrag aus
Nordkorea. Kim Jong Il hat atomtechnisch die Nase vor den Mullahs, da will er sich verkehrstechnisch sicher nicht überholen lassen.
Für Menschen, die keine Propheten sind - und keinen Welthandel betreiben - sind solche Nachrichten sehr verwirrend. Die Diktatoren spielen mit Raketen und Atomtests. Die übrige Welt ist mit dem Geld beschäftigt, das futsch ist. Ein bisschen Inspiration vom Heiligen Geist könnte die Welt an diesem Pfingsten schon gebrauchen. Der Geist kommt laut Bibel stets als
Taube und nie als Falke (was erweckte Christen in den USA gern vergessen). Heute sind die Städte zwar voll von Tauben, aber die bringen weder Frieden noch Inspiration. Die kacken nur alles voll. Nicht einmal der sprichwörtliche Spatz in der Hand kann als Ersatz dienen. Die Spatzen pfeifen vielmehr von den Dächern, dass der Transrapid die Iraner so wenig glücklich machen wird wie die Atombombe die Nordkoreaner und uns die Banken. Dazu muss man kein Prophet sein.
Wenn man noch etwas hinzufügen möchte, bei uns ist auch nichts unmöglich, den Transrapid noch einmal aufzuwärmen müßig, der Urheber ist ja schon abgeschoben wo er kein Unheil mehr anrichten kann, wenigtens nicht alleine,in der EU, und der gute Barrak erinnert sich an seine Sponsoren, er richtet warnende Worte in Richtung Nordkorea. Na ja nur kurz, der Kommentar würde sonst zu lang.. schönen Pfingstmontag Allen noch.
MG am 1.06.09 12:47
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Meine Tochter soll ein Referat in Latein schreiben. Das Thema liegt in diesem Jahr nahe: "Vare, Vare, redde Legiones", die
Schlacht bei Kalkriese oder bei Detmold oder an der Lippe oder - Sie wissen schon: im
Teutoburger Wald. Jetzt soll ich ihr natürlich Tipps geben. Dabei rätsele ich selbst, was diesen Arminius, der niemals Hermann hieß, bis heute so sexy macht. Einen, der erst Römerfreund und dann Verräter war und am Ende ein machthungriger Fürst, den die eigenen Leute umbrachten. Ich vermute, es ist der unsterbliche
Mythos vom kleinen David gegen den Riesen Goliath: der hinterwäldlerische Cherusker, der die Weltmacht zu Fall oder jedenfalls ins Stolpern bringt. Arminius ist Asterix ohne Zaubertrank - leider allerdings mit echten Toten.
Dass die Römer wirklich Riesen waren, bestätigt dieser Tage ein Skelettfund in Köln. Der ausgegrabene Römer war etwa 1,90 groß. Bislang habe ich mir die Römer eher klein und dick vorgestellt, weil die doch wohlgenährt waren, ein wenig verweichlicht und dekadent vom häufigen Thermalbadbesuch und vom guten Wein, den sie bekanntlich auch an den Rhein mitbrachten. Die Germanen, bis dahin nur den vitaminreichen und alkoholarmen Met gewohnt, sind dagegen seit dem Geschichtsschreiber Tacitus wilde Kerle, die nach ihrem meist gewaltsamen Tod gern in Hünengräbern untergebracht wurden. Kein Wunder, dass die Sandalenerfinder, einmal im tiefen Wald aus der gewohnten Schlachtordnung gebracht, leicht zu massakrieren waren.
Mich hat der Riesenrömer aus Köln auf eine Theorie gebracht: Vielleicht waren die Römer ja am Rhein besonders groß, weil es ihnen hier besonders gut ging. Auch
heute werden die Leute ja stets größer und breiter, weil sie sich des Wohlstands der Zivilisation erfreuen. In Colonia Agrippinensium lebten die Antik-Italos unter den Ubiern, einem Stamm, der lieber Handel trieb als kämpfte und deshalb von der rechten auf die linke Rheinseite übersiedelte, weil er sich bei den Metkriegern aus den Wäldern unbeliebt gemacht hatte. Der Ubier liebte Wein und römische Münzen und entdeckte eine bis dahin in Germanien völlig unbekannte Variante der Politik: das
Klüngeln. Der Ubier war ein Trittbrettfahrer der Globalisierung. Er hatte nichts gegen Einwanderer, wenn die mediterranes Flair und interessante Speisen mitbrachten. Das erste lateinische Redewendung, die er übernahm, lautete: "Carne vale" - das Fleisch wohlleben lassen. Stänkerer von der
Fraktion "Pro Colonia" wurden ausgepfiffen.
Arminius' Cherusker - die nur rein zufällig, wie ich betonen möchte, im heutigen Westfalen zuhause waren - sahen die Globalisierung dagegen als Bedrohung an. Sie bestanden auf ihrer eigenen Leitkultur, etwa auf dem Recht, sich kleinräumig gegenseitig den Schädel einzuschlagen statt dies großräumig in fremden Heeren zu tun. Im römischen Münzwesen sahen sie hellsichtig die Vorboten späterer Finanzmarktkrisen und bestanden auf den hergebrachten Wechselkursen zwischen Schafen, Schweinen und Frauen. Und Leute, die warm baden, hielten sie sowieso für schwul - was den Ubiern bei Colonia übrigens völlig schnuppe war.
Deshalb also, glaube ich, waren die Römer in Köln große, schöne Männer, durchaus geeignet, bei den Roten Funken mitzumarschieren. Im Teutoburger Wald dagegen liefen sie geduckt und unterernährt herum. (So ist meine Theorie auch ein Beitrag zu dem anderen großen Jubiläum, zum Darwinjahr.) Universalhistorisch gesehen ist es wohl tragisch zu nennen, dass die Deutschen später den Cherusker zu ihrem Nationalhelden machten und so den Kampf der Kulturen zu ihrer Ideologie. Die Ubier dagegen verschwanden bald - nicht durch Krieg, sondern durch Vermischung. Ihr Prinzip: Leben ist wichtiger als Siegen, geriet in Vergessenheit.
Lau badende Politiker blieben bis in unsere Tage verschrien. Dagegen erkläre ich im Jahr des Schlachtenjubiläums: Ich bin ein Ubier - und das ist auch gut so.
Also bei aller Liebe: ich kann mir nicht vorstellen, dass Arminius ganz allein die Römer bezwang, er wird doch wenigstens einen Koch dabei gehabt haben. - Okay, okay, diesen Gedanken hat bereits Bert Brecht formuliert, aber in der Sache bleibt es richtig: Arminius kämpfte bestimmt nicht allein.
Und apropos Ubier: Diese lebten in einer römischen Provinz und galten damit als römische Untertanen. So kann es sich dann bei dem hünenhaften Römer durchaus um einen Ubier gehandelt haben, genauso wie vielleicht auch ubierische Söldner an der Seite von Varus von den heldenhaften Cheruskern in den Wäldern abgeschlachtet wurden...
Wäre vielleicht ein reizvolles Thema für die Arbeit: "Die Nachfahren der Ermordeten sollen die Mörder Ihrer Ahnen als Helden beweihräuchern - nur weil es die liebe Obrigkeit (Schulbehörde)so will."
Naturliebhaber am 21.06.09 12:07
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Zum SeitenanfangMeine Freundin Elke sitzt mir im Café gegenüber und ereifert sich über Nachbarn, die ihren jüngsten Sohn Knut genannt haben. "Der wird sein Leben lang als Eisbär herumlaufen", meint Elke. Diese Leute würden ihre Kinder mit Namen strafen. Schließlich heißt Knuts älterer Bruder Boris, ist sechs Jahre alt und mag überhaupt kein Tennis. Elke hat den Nachbarn schon mal vorsichtig "Nomen est omen" zu bedenken gegeben, aber das hätten die nicht verstanden.
Ich halte - schon weil Gespräche mit Elke ohne Kontroverse langweilig sind - mit einem anderen Spruch dagegen: "Namen sind Schall und Rauch." Als Beispiel biete ich Esther Schweins an. Bei der stört sich kein Mensch am Nachnamen. "Kein Mann", präzisiert Elke und wird nun durch mein Beispiel auf eine ganz andere Fährte geführt: Die
Schweinegrippe, deren Name völlig falsch ist, weil diese Krankheit weder bei Schweinen nachgewiesen wurde noch von Schweinen übertragen wird. Die Viecher werden völlig zu Unrecht diskriminiert.
"Besser das Schwein wird diskriminiert als der Mensch", provoziere ich die passionierte Tierrechtlerin mir gegenüber. Denn in der
Namensdiskussion um A/H1N1 bin ich gut informiert. Das israelische Gesundheitsministerium hat gegen die Bezeichnung Schweinegrippe protestiert, weil sie Juden und Muslime beleidige. Warum, habe ich nicht so recht verstanden. Etwa weil Juden, die an A/H1N1 erkranken, nun fälschlich in den Ruf geraten, Schwein gegessen zu haben? Ich erwarte jedenfalls stündlich, dass der Zentralrat der Juden hierzulande die Schweinegrippe als antisemitisch auf das Schärfste verurteilen wird.
Allerdings ist der israelische Gegenvorschlag auch problematisch: "Mexikanische Grippe" suggeriert irgendwie, die Mexikaner seien schuld. Das hat auch die Weltorganisation für Tiergesundheit begriffen und spricht selbst von einer "Nordamerikanischen Grippe". Ich vermute, da haben sich die armen Länder des Südens mit ihrer Stimmenmehrheit in der Organisation durchgesetzt und so gleich zwei Schweine mit einer Klappe geschlagen: Mexiko wird trotz Grenzzaun dem Norden zugerechnet und Lateinamerika ist die Grippe jedenfalls namentlich los. Vielleicht ist das auch eine späte Rache der hispanischen Länder für
1918. Damals wurde die verheerende Grippe die "spanische" genannt, obwohl deren erste Fälle in den USA auftraten. Da können jetzt ruhig mal die Yankees einem Virus lexikalische Obhut gewähren.
Elke bleibt wenig beeindruckt. Sie glaubt immer noch, der Name der neuen Krankheit schade vor allem dem Image der Schweine. "Das kann Tierschützern doch nur Recht sein", entgegne ich: "Je schlechter das Schweine-Image, desto höher die Überlebenschance!" Schließlich fürchtet die EU schon Auswirkungen der Grippe nicht auf die Schweine, sondern auf die Schweineindustrie. Da erzählt mir Elke, kürzlich seien in
Legden im Münsterland 51 Schweine direkt vor dem Schlachthof gestohlen worden, lebend. Waren die Täter wohl Schwarzschlächter oder militante Tierschützer? Wir rätseln gemeinsam. Vielleicht ja auch
Terroristen, die auf den falschen Grippenamen hereingefallen sind und glauben, man könnte mit Schweinen Anschläge verüben, Angst und Schrecken verbreiten. Entweder ihr haltet die Speisegesetze des Koran ein oder wir hetzen die Pandemietiere auf euch! Müssen wir nun mit einer
Münsterland-Gruppe rechnen?
Audio: Antisemitische Yankee-Grippe
Das moderne Leben - als Podcast.
-->
gedanken- und geistlos das ganze. wenn menschen den namen einer krankheit aus kulturellen und religiösen gründen als unpassend empfinden, muss man das nicht verstehen, kann man aber, und vor allem respektieren. von antisemitismus hat bis zu diesem blog niemand gesprochen. "Ich erwarte jedenfalls stündlich, dass der Zentralrat der Juden hierzulande die Schweinegrippe als antisemitisch auf das Schärfste verurteilen wird" ist eine traurige verharmlosung eines sehr ernsten problems.
nubuker am 3.05.09 13:16
Bitte lesen Sie, was in großen Lettern in diesen Zaunpfahl geritzt ist, den ich Ihnen gerade freundlich hinhalte:
G L O S S E
Awoserre am 3.05.09 22:37
Heute ist Muttertag. Gilt der auch für Mutterschweine? Oder schweinische Mütter? Also wirklich!!! Darf niemand nichts mehr sagen ohne sofort wegen irgendeiner Bemerkung kritisiert zu werden, die mit der einen oder anderen Religion irgendetwas zu tun haben könnte. Ich mache einen ganz einfachen Vorschlag: Alle Menschen auf der ganzen Welt werfen ihre Religion in den Abfall und glauben an was sie wollen solange sie sich anständig verhalten, was die meisten Religionsanhänger leider nicht tun. Und nächstes Jahr führen wir den "Tag des Schweines" ein. Nein, nein, wäre ja eine lächerliche Nachahmung! In China gibt es immerhin das Jahr des Schweines seit ewigen Zeiten. Und mindestens in Deutschland gibt es das Sparschwein.
Christine Maahs (x-mas) am 10.05.09 15:51
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Mein Jüngster - sieben Jahre alt - und mein Ältester - immerhin schon 17 - haben jetzt eine Gemeinsamkeit festgestellt: Sie lieben Piraten. Der Jüngere spielt sie gern selbst, entsprechend verkleidet, der Ältere schaut sie sich lieber in den Fluch-der-Karibik-Filmen an. Jetzt wundern sich beide, dass
Piraten auch in der Tagesschau vorkommen und da überhaupt nicht so toll aussehen. "Der Berufsstand ist auf den Hund gekommen", kommentiert der Große, während sein Bruder einfach meint, dass seien keine "richtigen" Piraten. Ich gebe zu bedenken, dass auch die Karibikräuber seinerzeit kaum als romantische Helden erlebt wurden, vor allem nicht von den Gekaperten.
Mir fallen gleich noch weitere Beispiele ein. Was wäre Hollywood ohne Cowboys? Und doch waren Cowboys im echten Leben schlicht Viehzüchter. Heute würden sie ihren Turbo-Rindern
MON 810 zu futtern geben. Nur die kleinen Loser würden gegen Turbo-Kuh-Patente
demonstrieren, weil sie sich die Tiere nicht leisten können. Oder nimm die Römer, die Erfinder der Sandalen: Heute ziehen Hobby-Experimental-Historiker als Legionäre durch den
Teutoburger Wald. Dabei waren die Legionäre damals die größten Imperialisten und Brutalo-Globalisierer.
Mein kleiner Pirat hat sich bei solchen Betrachtungen wieder ins Kinderzimmer verdrückt, wo er sich schnell in Wickie verwandelt und in die starken Männer gleich dazu. Sein Bruder dagegen fühlt sich zu Spekulationen darüber angeregt, welche romantischen Helden wohl unsere Gegenwart für kommende Generationen liefert. Seine Filmidee "Osama und die Taliban" finde ich allerdings zynisch. Außerdem hat sie keine Chance in der Filmindustrie, denn es fehlen schöne Frauen (jedenfalls sichtbare). Sein zweiter Vorschlag "Attac - die Unbeugsamen" scheint mir dagegen zu gutmenschlich. Wer wird sich an die später noch erinnern?
Ich glaube eher, unsere Urenkel werden sich als Industriearbeiter verkleiden, mit Blaumann und Helm. Vielleicht werden sich Opelaner-Fanclubs bilden, so wie es heute diese Hunnen-Gruppen gibt. Die werden dann wilde Streiks spielen und Werksbesetzungen. Bei ihren Umzügen fährt natürlich auch ein Hartz-IV-ler Wagen mit. Da sitzen dann die Leute in ballonseidenen Trainingsanzügen drauf und trinken Bier aus der Flasche. "Das ist wohl gar nicht zynisch?", fragt mein Sohn. "Das sind die Klischees der Zukunft", entgegne ich. Schließlich haben die Hunnen auch nicht alle aus Totenschädeln getrunken, aber die Hunnen sind tot und können sich nicht mehr wehren.
In den nostalgischen Vorabendserien um 2100 werden die Bösen stets die Banker sein, die in schicken Klamotten rumlaufen und mit bösem Grinsen das Ersparte der Oma verzocken und ihrem Sohn, dem ehrlichen Gebrauchtwagenhändler, den Kredithahn zudrehen. "Das gibt es doch jetzt schon", wendet mein Sohn ein. "Aber dann wird man es anders empfinden", sage ich. "Weil man dort eben noch echte Banker und echte Gebrauchtwagenhändler sehen kann, so wie wir heute die Cowboys oder die Freibeuter." "Meinst du denn, im Jahr 2100 wird es keine Banker, Opelaner und Gebrauchtwagenhändler mehr geben?" "Wenn es so weiter geht, wohl kaum", überlege ich. Dann wird es nämlich nur noch Kleingärtner geben und Handwerker, Kleinviehhirten und Jäger. "Wie romantisch", sagt mein Sohn.
Na Na wer wird denn da so schwarz sehen, 2010 kein Banker mehr.
Die grossen Gewinne machen und die verlustet jetzt soll der Staat zahlen?
Was ist das für ein Welt, aber auch 2100 wirds noch Bänker geben, denn wer soll denn die Gewinne machen?
Stephan am 24.04.09 9:07
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Kaum scheint endlich einmal die Sonne, bringt sie alle Winterfaulheit an den Tag: Schmierige Fensterscheiben, Staub auf den Regalen. Der Frühjahrsputz ist nicht mehr zu umgehen. Ich hasse ihn. Ich hasse vor allem die Konfrontation mit der eigenen Vergangenheit: Ein Apfelstiel zwischen den Büchern, zerknüllte Zettel hinter den Schreibtischunterschränken, Konfettis unter den Teppich. Vieles, was entsorgt schien, taucht wieder auf. Da ahne ich, wie sich Politiker vor einem Untersuchungsausschuss fühlen oder
Telekom- und
Bahnmanager bei Pressekonferenzen. All der alte Müll liegt wieder vor ihnen, nur weil jemand unbedingt die Teppiche auf die Klopfstangen hängen musste.
Was zu groß ist, um unter den Teppich gekehrt zu werden, bringt man traditionell gern unter die Erde. Ich denke dabei nicht an den Umgang der Mafia mit unliebsamer Konkurrenz, sondern an Ahaus und Gorleben. Ein sogenanntes Endlager ist die höchste Verwirklichungsform des Prinzips "Aus den Augen - aus dem Sinn." Jetzt soll auf diese Weise auch das Klima gerettet werden, indem
Kraftwerke ihr CO2 unter die Erde bringen.
Während ich mit dem Mob Kleinkram unter dem Bett hervorziehe, über den ich mich öffentlich nicht äußern werde, beschleichen mich Zweifel an diesem Konzept. In alten Zeiten glaubten die Menschen an die Unterwelt. Dahin verschwanden alle Bösen. Meist auf dem Weg über das Grab, Leute wie Rumpelstilzchen aber auch ganz direkt. Die Unterwelt war quasi das Endlager für schwarze Seelen. Das geht über die Kunst, schädliches Gas unter den Boden zu drücken, noch weit hinaus. Sicher war diese antike Entsorgung dennoch nicht. Das feiern die Christen bekanntlich wieder in der kommenden Woche: Ihr Messias wurde als Verbrecher getötet, dann stieg er hinab in das Reich des Todes, tauchte aber am dritten Tag plötzlich wieder auf. Seither seien die Pforten der Unterwelt zerbrochen, sagt die Bibel. Und für das Ende der Zeiten erwartet sie deshalb auch eine Art Entsorgungs-Gau: Dann sind die endgelagerten Bösen alle wieder da und es kommt zum großen letzten Kladderadatsch. Stichwort Armageddon.
Ich fürchte, dieses Osterprinzip gilt auch im modernen Leben. Was man unter den Teppich kehrt, findet sich spätestens wieder, wenn man über die Beulen stolpert. Nach jeder Bestechung und jedem Datenmissbrauch kommt über kurz oder lang einer, der die alten Akten ans Licht zerrt. Auch die Unterwelt wird radioaktive Stoffe, Gas und Giftmüll wieder ausspeien, wahrscheinlich lange bevor die verdammten Seelen ihre letzte Chance bekommen. Und die Bibel hat doch Recht, ganz unreligiös: Wir bereiten das Armageddon für unsere Nachfahren vor.
Erschöpft sitze ich auf dem Küchenfußboden und schaue den Krümeln zu, die langsam im trüben Wasser des Putzeimers versinken. So ein Frühjahrsputz kann schon zu apokalyptischen Gedanken führen. Dabei soll man zu Ostern doch Hoffnung schöpfen. Aber woher sollen die Hoffnungszeichen derzeit kommen - aus der Wirtschaft, aus der Politik? Soll es ein Hoffnungszeichen sein, dass der neue Bahnchef
Grube heißt? Da setze ich doch eher auf das Häschen, das in der Grube saß und schlief. Jetzt hüpft es wieder, auf und davon.
Lieber Stephan Josef,
hat es wirklich funktioniert, mit Hilfe einer aufgewiegelten Volksmenge unter dem Bett für Ordnung zu sorgen? Vermutlich gehörte dieser Mob zu den Hempels, die dort wohnen. Oder hat der Mob die Hempels bedroht und den Kleinkram unterm Bett geplündert und angezündet? Meiner Meinung ein klarer Fall für Wegsperren in der Unterwelt (die ihrerseits bestimmt auch eine Reinigung mit dem Mopp) benötigen könnte).
Robert am 22.04.09 10:39
Lieber Robert,
da hast Du mich allerdings bei einem kleinen Rechtschreibfehler mit großen Folgen erwischt. Weil er so hübsch ist - samt Deinem Kommentar - bleibt der Fehler auch stehen. Er würde gut auf den Wortstoffhof von Kollegen Hacke passen. Allerdings muss ich meinen Kollegen Stephan Josef - den Du anredest - in Schutz nehmen. Der Eintrag stammt nun mal von mir,
Doktor Gregor
Anonym am 22.04.09 10:48
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"Frühlingsanfang ist für mich das eigentliche Silvester", sagt meine Freundin Elke.
Wir sitzen auf ihrem Balkon.
"Frühling ist wie ein neuer Anfang. Und das Jahr ist der Reigen der Jahreszeiten", sagt sie. "Ohne diesen Rhythmus wäre es doch unendlich öde."
"So öde wie auf einer Südseeinsel am Strand unter Palmen", werfe ich ein. In unseren Tassen dampft der Kaffee. Das einzige Warme hier.
"Eben", sagt Elke: "Deshalb haben diese Insulaner auch keinen Vivaldi."
Ich denke darüber nach und komme zu dem Schluss, dass ich es auf so einer Insel zur Not auch ohne Vivaldi aushalten könnte.
Ein voreiliger Schluss, wie mich Elke belehrt. "Die Jahreszeiten sind Rhythmus, Wechsel, Dramatik. Das schafft doch erst Spannung, Abwechslung, Durchhaltevermögen, Hoffnung - und damit Kultur. Ich wollte nicht in einem ewigen Sommer leben."
Ich überlege, ob Elke damit begründen will, warum es diese glücklichen Insulaner auf den Gauguin-Bildern nur zu Baströckchen und Schneckengeld gebracht haben und ob dass nicht eine etwas rassistische Theorie ist. Aber dann fällt mir etwas anderes ein. "Wahrscheinlich ist deshalb auch unsere Wirtschaft so: Aufschwung, große Blase, Platzen, Depression. Das sind sozusagen die Jahreszeiten der Börse, so klingt der Vivaldi der Konjunktur."
Elke schaut mich nachdenklich an. Und ich rede mich in Rage.
"Der Kapitalismus, der ganze Fortschritt ist ein Ergebnis unseres Klimas. Ohne auf und ab können wir nicht leben. Deshalb schaffen wir soziale Kälte und die Caritas dazu als Aufwärmstube. Wir sorgen dafür, dass die Arbeiter nicht immer ohne Rhythmus arbeiten müssen, sondern dazwischen auch mal arbeitslos sind. Winterbrache sozusagen. Damit die ABM-Maßnahme sich so muckelig anfühlt wie ein zweiter Frühling."
"Du wirst ein wenig zynisch", sagt Elke. Sie geht in die Wohnung und holt zwei Decken.
"Das moderne Leben", entwickele ich meine neue Theorie weiter, "hat das Vivaldi-Prinzip auch ins Private übertrage. Monogamie zum Beispiel ist auf Dauer so öde wie die Tropen. Also hat man das Prinzip der Lebensabschnittsgefährten entwickelt. Frühling der Verliebten, Sommer der Ehe, Herbst der Trennung, Winter der Singlephase und dann wieder Frühling."
"Du willst mir nur meine Frühlingslaune vermiesen", mault Elke.
"Überhaupt nicht", sage ich. "Du hast mich nur auf gute Gedanken gebracht. Nimm doch die Politik. Sogar da hat die Bundesrepublik sich diesem Jahreszeitenrhythmus angepasst. Mal werden wir rot regiert, mal schwarz, dazwischen schieben wir hin und wieder eine Übergangsphase Schwarz-Rot, und als Frühlingsfarben kommen ein bisschen Gelb und Grün dazu. So haben wir eine Abwechslung, eine Ordnung, einen Reigen, und im Großen und Ganzen ändert sich nichts."
Es kommt, wie es kommen muss. Wir beginnen zu streiten. Ich will mich aber nicht streiten. "Ich geh rein", sage ich. "Zu kalt hier."
"Du bist ja nur neidisch, weil du keinen Balkon hast", sagt Elke.
"Und du bist nur neidisch, dass du nicht fliegen kannst", sage ich. "Sonst würdest du es machen wie die Zugvögel. Die haben ihren Rhythmus und trotzdem immer Sommer."
Audio: Kein Vivaldi unter Palmen
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Zum SeitenanfangKürzlich hörte mein Jüngster eine seiner Hörspielkassetten. Endlich mal eine neue, die ich nicht schon mitsprechen konnte. Die Zahnfee hat sie ihm gebracht, für den letzten Schneidezahn. "Die Piraten sagen, sie haben keinen Gefangenen", erzählt er mir live. "Ich weiß nicht, ob das stimmt. Ich kann in die Kassette ja nicht rein gucken." Welch schöner Einblick in die Vorstellungswelt eines Siebenjährigen! Irgendwo versteckt in der Kassette spielt sich für ihn ein Geschehen ab, wovon er nur die Geräusche hören kann.
Tatsächlich ist ja nicht nur für Kinder schwer zu begreifen, was sich im Inneren all der technischen Geräte abspielt, die wir so leichtfertig benutzen. Manchem ist das unheimlich. Den
Bundesverfassungsrichtern etwa. Deshalb verboten sie jetzt den Einsatz von Wahlcomputern. Jedenfalls dann, wenn sich nicht eindeutig und auch für den Laien nachvollziehen lässt, was da drinnen geschieht, wenn er auf den SPD-Knopf drückt oder den CDU-Knopf oder den der Tierschutzpartei. Im schlimmsten Fall könnte ja einfach gar nichts passieren. So wie bei diesen Knöpfen an Fußgängerampeln, die einem an der Kreuzung die Illusion vermitteln, es würde schneller Grün werden. Dabei ist die Phase immer gleich lang. Oder wie bei diesen Ticket-Automaten im Nahverkehr: Zum Schein verwickeln sie mich stets in einen langen Dialog (Welches Ziel? Kind oder Erwachsener? Mit oder ohne NRW-Anschluss-Tarif?) - nur um mir am Ende mitzuteilen, dass sie meinen Zehn-Euro-Schein nicht wechseln können. So könnten diese Wahltasten einfach gar nichts bewirken und die Parteien längst das Ergebnis untereinander ausgehandelt haben, vielleicht in einer Nachtsitzung im Vermittlungssauschuss.
In der Frühzeit der Technik gab es tatsächlich Automaten, die so funktionierten, wie mein Sohn es sich vorstellt. Ein Schachautomat, entfernter Vorfahr der heutigen Schachcomputer, ließ eine Puppe selbst gegen beste Schachspieler gewinnen. Der Trick: "In Wahrheit saß ein buckliger Zwerg darin, der ein Meister im Schachspiel war und die Hand der Puppe an Schnüren lenkte." Diese Beschreibung stammt von dem Kulturkritiker Walter Benjamin, aus seinen Thesen "Über den Begriff der Geschichte". Bislang ärgerte mich daran nur, dass er in dem Zwerg ein Symbol für die
Theologen sah. Seit einigen Monaten kann ich jedoch seiner These, die gesamte Geschichte funktioniere etwa so wie dieser Automat, immer mehr abgewinnen.
Sitzen nicht in den Computern der Banken kleine arglistige, bucklige Männchen, die klammheimlich riesige Summen einfach verschwinden lassen - Bad Banker, die zu viel in Marx' Kapital gelesen haben? Lässt sich die Finanzkrise rational anders erklären? Selbst den Aktienfonds, den ich mir für meine Altersversorgung zulegte, haben diese Halunken inzwischen schon gekapert und korrigieren seine Zahlen andauernd weiter nach unten. Meinem Sohn habe ich diese Vermutung schon offenbart. Er ist der Einzige, der sie nachvollziehen kann. Er riet mir, den Computer aufzuschrauben und den Halunken mit einer Fliegenklatsche zu Leibe zu rücken. Ich glaube natürlich nicht an diese Lösung. Stattdessen werde ich das Bundesverfassungsgericht anrufen. Es soll alle Computer im Börsen- und Bank-Wesen verbieten. Erlaubt seien nur noch Instrumente des Finanzwesens, die auch ein Laie mühelos nachvollziehen kann. Oder mein Sohn. Der bezahlt am liebsten mit Muscheln oder mit Murmeln.
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Meine älteste Tochter stöhnt: "Ich kann den Kreidestaub nicht mehr riechen!" In wenigen Monaten macht sie ihr Abitur, und sie hat genug von der Schule. Ihre Abneigung gegen den Schulstaub kann sie jetzt sogar amtlich rechtfertigen. Das Landesgesundheitsamt Stuttgart hat in einer
Langzeitstudie festgestellt, dass die Feinstaubbelastung in Klassenräumen die auf unseren Straßen erlaubte Konzentration oft um das Zweieinhalbfache übersteigt. An einer Schnellstraßenkreuzung herumzulungern ist also gesünder als Unterricht.
Mich wundert dieses Ergebnis nicht. Haben wir nicht immer schon gewusst, dass unser Schulsystem ganz schön verstaubt ist? Im Hochschulsystem kamen bekanntlich schon die Feinstaubmessungen von 1968 zu dem Ergebnis, dass unter Professorenkleidung mitunter der Staub von tausend Jahren müffelt. Ich vermute, die Landesgesundheitsämter würden auch in diversen Behörden alarmierende Werte messen können. Oder bei
Karnevals-Festkomitees. Oder bei Kirchenleitungen, egal ob in Rom oder in Köln. (Die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten sind dagegen natürlich regelrechte Reinräume.)
Während meine Tochter also über ihren staubigen Schulbüchern stöhnt, gehe ich mit dem Staubwedel durch die Wohnung. Ich ziehe den Frühjahrsputz vor und hoffe dadurch endlich ein wenig Vorfrühling zu erzwingen. Dabei hasse ich das Staubwischen. Sisyphos musste laut dem gleichnamigen Mythos einen Stein den Hang hinauf rollen, der oben stets wieder hinunterrollte. Das ist eine vergnügliche Übung verglichen mit dem Wegwischen von Feinpartikeln, die sich stets wieder ansammeln, sobald man sich umdreht.
Während meine Tochter und ich gemeinsam stöhnen, drängt sich mir eine sehr melancholische Erkenntnis auf: Der Kampf gegen den Staub ist so aussichtslos, weil er eigentlich ein Kampf gegen uns selbst ist. Auch das hat diese Langzeitstudie ergeben: Die bis zu 100 Mikrogramm Feinstaub pro Kubikmeter Schulraumluft stammen vor allem von den Haut- und Haarschuppen der Schüler und Lehrer. ("Haarschuppen nur von den Lehrern", kommentiert meine Tochter.) Der Staub sind also wir selbst. Würden wir den Raum räumen, wäre das Problem erledigt. Es ist wie mit der Umweltverschmutzung: Die Natur braucht uns nicht ...
Die katholische Kirche, bekanntlich reich an Spaß verderbenden Einfällen, beendet den Karneval am Aschermittwoch mit einer Art Feinstaubwarnung. Die Gläubigen erhalten ein Kreuz aus Asche auf die Stirn mit dem Kommentar: "Gedenke, dass du Staub bist." Die Kirche weiß also schon lange, was das Landesgesundheitsamt nun wissenschaftlich untermauerte.
In
Duisburg-Walsum waren kürzlich die Feinstaubwerte auf der Straße viermal so hoch wie die EU erlaubt. Das Umweltamt war alarmiert und ging der Sache nach. Hatten sich etwa zu viele Lehrer auf der Straße herum getrieben? Nein. Eine winzige Fliege hatte sich in das Feinstaub-Messgerät verirrt. Da flog sie dann wie wild drin herum und staubte so messtechnisch gesehen ganz Walsum zu. Solche Fliegen sind wir. Wir strampeln uns ab und was dabei herum kommt, ist Staub. Ach, was für trübsinnige Gedanken! Es sollte Frühling werden, meine Tochter sollte endlich das Abi haben und ich diese blöde Putzaktion hinter mir. Jedenfalls nehme ich mir vor, Fliegen nicht mehr so leichtfertig zu erschlagen.
Das moderne Leben - als Podcast.
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Die ISM hat mich ganz schön verwirrt. Ich meine nicht die Internationale Raumstation. Die heißt ISS. Sondern die
Internationale Süßwarenmesse in Köln. Sie verheißt Süßes. Aber sie bietet Schokolade mit Peperoni und Kekse, die nach Spargel schmecken. Kein Wunder, dass ein SM in der Abkürzung steht. Das Süße ist nicht mehr süß. Das scheint ein Trend unserer Zeit zu sein.
Nichts ist mehr es selbst. Es wird erst hip, wenn es eigentlich etwas anderes ist. Vielleicht hat das mit dem alkoholfreien Bier begonnen. Mittlerweile sind Handys keine Telefone mehr, sondern Musikanlagen oder Fernseher. Kaffeeröstereien sind Warenhäuser, in denen man sich beklommen nach dem Kaffee umschaut. Das moderne Leben fordert Flexibilität auch von den Dingen. Deshalb dürfen sie keine feste Identität mehr haben. Mit den Menschen geht es genau so. Sie sollen jedes Jahr jemand anders sein können - also irgendwie niemand. Ich weiß, wovon ich rede, denn ich bin Journalist. Das sind bekanntlich Leute, die von ganz vielen Dingen eher wenig wissen. Je bessere Journalisten sie werden, desto weniger wissen sie über immer mehr. Am Ende wissen sie nichts über alles.
Warum ich so philosophisch drauf bin? Das liegt an meiner 14-jährigen Tochter. Sie kommt aus der Schule und sagt: "Papa, sag mir mal ein paar kluge Gedanken über das All und das Nichts." "Geht's nicht auch ein bisschen kleiner?" frage ich. "Nein", sagt sie: "Wir machen gerade die String-Theorie." Ich bin schon nicht mehr überrascht: Englisch ab der dritten,
Quarks und Co in der achten. Das sind die Anforderungen des modernen Lebens (siehe oben). Also muss ich mit meiner Tochter mal eben den Urknall "machen" und ein wenig über Antimaterie nachdenken und über Paralleluniversen (was ausnahmsweise mal nichts mit
schlecht integrierten Türken zu tun hat). Besonders angetan hat meiner Tochter die Vorstellung, dass fast alles eigentlich nichts ist, wenn man die ganzen kleinsten Teilchen vergleicht mit den Zwischenräumen. Das All hat gewissermaßen eine journalistische Struktur: Es ist überall, aber substanzmäßig fast nichts. Vielleicht könnte man es auch mit Süßigkeiten vergleichen, Baiser zum Beispiel oder Zuckerwatte: Sieht groß aus, zerfällt aber im Mund zu fast nichts.
In der Schule hat der Lehrer "String-Theorie" gesagt und die 14-Jährigen haben gelacht. Bei String denken sie an knappe Höschen. Womit wir schon wieder bei so einem Beispiel wären: Der moderne Slip ist keine Hose mehr. Er ist nur noch ein String: ein feiner Streifen Materie und drum herum nichts. Dieses Nichts müssen wir dann ausfüllen, mit unserer bedrohten, wackeligen Identität. Oder zumindest mit unserem wackelnden Hintern.
Die Glosse ist wirklich sehr amüsant und ganz auf der Höhe der Zeit. Denn wie oft höre ich beispielsweise im Kulturbereich oder bei den Medien: Kunst und Kultur, die ja immerhin Auskunft über unser Leben und unsere Wurzeln geben und zur intensiveren Auseinandersetzung mit Dingen, Gedanken und Weltbildern auffordern, "gehen" nicht. Quoten zählen, und die lassen sich nur bei leichter Kost also bei Inhalten, die gegen nichts tendieren, erzielen...
Alles muss möglichst so verpackt sein, dass man ja nicht merkt, wenn etwas Vernünftiges drin ist: Als verheißungsvolles Nichts.
Dagmar am 9.02.09 13:02
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"Ich mag es nicht, wenn bestimmte Themen so allgegenwärtig sind, dass man sich ihnen gar nicht mehr entziehen kann", sagte ich kürzlich zu meinem Glossenblog-Kollegen Stephan Josef. "Das ist wie eine Nötigung. Und deshalb werde ich in der nächsten Glosse auch bewusst nicht über Obama schreiben."
"Aber hoffentlich nicht
schon wieder über Lukas Podolski!" warnte mich der Kollege, der sich demonstrativ seinen Gladbach-Schal umgebunden hatte, obwohl es gar nicht sehr kalt war. Aber ich konnte ihn beruhigen. Podolski ist schließlich so etwas wie der kölsche Obama: sicher leistungsfähig, außerdem sympathisch - aber bei den Messias-Erwartungen, die jetzt auf ihm ruhen, kann er eigentlich nur scheitern. Deshalb sollte man ihn mal auf seiner Bayernbank in Ruhe lassen.
Wir schlenderten über die
Möbelmesse, wegen der Stephan Josef nach Köln gekommen war. "Möbeltrends sind doch auch ein Thema", befand er. "Ganz richtig", stimmte ich zu. "Schließlich sind Möbel Ausdruck von Einstellungen, die Wohnungseinrichtung ein Bekenntnis. Nicht zufällig hat sich der
neue US-Präsident für das Oval Office den Schreibtisch Kennedys ausgesucht. Auf den kommt dann erstmals ein Laptop und moderne Kunst an die Wände. Das ist doch wie ein politisches Programm in Accessoires."
Aber eigentlich will ich doch lieber über die wirklich tief greifenden Themen schreiben, dachte ich. Über die Finanzkrise etwa:
"Notleidende Banken" wurde jetzt zum Unwort des Jahres gekürt. Zu Recht! Sind die Banken doch Verursacher und nicht Opfer des Debakels. Ganz treffend hieß es in der Antrittsrede in Washington, die Gier habe um sich gegriffen. Nun kämpft unsere Große Koalition gegen die Geldverschleuderung tapfer an:
mit Schuldenmachen. Trotzdem werden Merkel und Steinmeier nicht zu Heldenfiguren. Warum eigentlich nicht? Darüber müsste man mal nachdenken. Schließlich will Obama doch auch Milliarden für die Industrie raushauen. Aber irgendwie beherrschen die Amis die Inszenierung besser. Bei denen verlaufen ja sogar
Flugzeugunglücke so, als hätte Hollywood sie in Auftrag gegeben: mit Manhattan als Kulisse und einem Clint Eastwood im Cockpit. Wenn dagegen bei uns mal ein Airbus im Main bei Frankfurt notwassern würde, vor der Skyline der notleidenden Banken, sähe der Pilot wahrscheinlich aus wie Thorsten Schäfer-Gümbel.
"Die Glosse muss richtig kritisch werden", sagte ich dann laut zu Stephan Josef, denn mir fielen immer mehr Themen ein. "Ist das nicht unsäglich? Auch die
Bahn soll die eigenen Leute bespitzelt haben. Und in NRW will die CDU die
öffentliche Videoüberwachung ausbauen. Während man in den USA nach der Bush-Ära den Bürgerrechten wieder eine Chance gibt und mit
Guantanamo Schluss macht, leiden wir immer noch am Orwell-Syndrom." "Stimmt", ergänzte Stephan Josef: "Und während sie in den USA den Bush nach Texas schicken, bekommt in Hessen
der Koch noch eine Amtszeit geschenkt, obwohl den doch angeblich auch keiner mehr mag."
Mir brummte der Kopf. "So viele Themen! Da brauche ich wirklich nicht über den Atlantik zu schauen. Ich weiß gar nicht, wie ich das alles unter einen Hut bekommen soll." Stephan Josef klopfte mir freundschaftlich auf die Schulter. "Das schaffst du doch mit links", sagte er. "Warum mit links?", fragte ich irritiert. "Ich bin doch gar kein Linkshänder - so wie der Obama."
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Zum SeitenanfangVor einigen Tagen veranstalteten wir ein kleines Neujahrsessen unter Freunden. Aber nach all den Verwandtenbesuchen zu Weihnachten und der Silvester-Feierei hatten manche keine Lust mehr auf Geselligkeit und sagten ab. So entwickelte sich an diesem Abend schnell ein zwangloses Gespräch über Abwesende. Das erste Opfer wurde natürlich Elke, deren Öko-Wahn als "mittlerweile ganz schön zwanghaft" eingestuft wurde. Ihr Mann dagegen, der ständig über seinen Chef und die Kollegen schimpft, leidet laut Urteil der geselligen Runde unter Verfolgungswahn. Aber auch mit unserer guten Bekannten Bettina taten sich manche schwer. Sie sei inzwischen so negativ geworden, fast depressiv. Andererseits müsse man das auch verstehen: "Die ist ja traumatisiert, seit Bernd sie verlassen hat."
Noch am nächsten Morgen, als ich die Küche aufräumte, musste ich verwundert über den hohen Standard der Hobbypsychologie meiner Freunde nachdenken. Dann war plötzlich die Stimme von
Franz Müntefering im Radio zu hören. Der sagte in seiner gewohnt pointierten Art, die Union wolle "aus neurotischen Gründen" unbedingt Steuersenkungen. Müntefering ließ allerdings offen, ob er an eine Angstneurose (Angst vor der globalen Depression) oder an eine Zwangsneurose (Zwanghaftes Anbiedern bei der Wählerklientel) dachte. Außerdem müsste man klären, ob die CDU/CSU an einer Symptomneurose leidet, der man verhaltenstherapeutisch ganz gut zu Leibe rücken kann, oder an einer tiefer sitzenden Charakterneurose. Im
Wildbad Kreuth blühten solche Neurosen schon immer besonders gut.
Jedenfalls leuchtete mir die psychopathologische Parteiendiagnostik sofort ein. Wobei es schon peinlich ist, dass der Anstoß dazu vom SPD-Vorsitzenden kommt, der dieses Amt nur deshalb schon zum zweiten Mal bekleiden kann, weil die Sozialdemokratie eine hochgradig gestörte Borderline-Persönlichkeit aufweist: emotional instabil, ohne Selbstbewusstsein, kippt sie alle halbe Jahre in eine andere Richtung. Aber natürlich ist das noch besser als die Psychose der Linkspartei, die in ihrer Vergangenheitsbewältigung und ihren sozialen Ausgabeplänen unter weit gehendem Realitätsverlust leidet.
Die FDP sollte sich darüber allerdings nicht zu früh freuen. Schließlich deutet bei ihr viel auf eine ausgewachsene Schizophrenie hin. Das ist übrigens nicht, wie unter Laien häufig angenommen, eine Persönlichkeitsspaltung, sondern ein Wahn. Dann hat man Visionen (womit man, wie schon
Helmut Schmidt wusste, dringend zum Arzt gehen sollte) oder man hört Stimmen, die einem etwa zuflüstern, der Neoliberalismus helfe den Armen und der Kapitalismus funktioniere reibungslos.
Bleiben die Grünen. Bei denen bin ich sehr vorsichtig, denn seit sie im Schröder-Strudel mit untergingen, sind sie stark traumatisiert und man sollte sie nicht mit harten Diagnosen erschrecken. Außerdem fällt mir, wenn ich Claudia Roth reden höre, als erstes stets "Hysterie" ein. Aber das ist eine in der modernen Psychologie abgekommene Bezeichnung, weil sie eine frauenfeindliche Herkunft hat. Und das geht ausgerechnet bei den Grünen nun gar nicht. Aber vielleicht muss ich ja auch nicht alles einordnen, nicht alles interpretieren. Das sagt auch Elke oft zu mir, die mit dem Öko-Wahn. Ich würde immer alles erklären wollen - schon ein bisschen manisch.
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Zum SeitenanfangDie Ente ist verspeist, der Bräter wieder blankgeputzt. Der Sekt für Silvester muss noch nicht kalt gestellt werden. Ein klein wenig Zeit also, sich mit den schönen Geschenken des Festes zu befassen. Mein Sohn etwa hat zu Weihnachten ein Buch über Indianer geschenkt bekommen. Ich weiß nicht, ob er sich sehr für Indianer interessiert. Aber ich, deshalb habe ich es ihm geschenkt. Ein bisschen Pädagogik muss ja sein.
In diesem Buch gibt es zum Beispiel eine wunderschöne Beschreibung des Potlatsch-Festes an der Nordwestküste Amerikas. Dort mussten es Häuptlinge von Zeit zu Zeit so richtig krachen lassen, um ihre Stellung zu festigen: Freigetränke und Schmausen für alle und jede Menge Geschenke. Aber auch jeder, der einen guten Namen von den Ahnen erbte, durfte ihn erst nach einem Potlatsch annehmen. Da konnte dann schon mal das ganze Erbe bei drauf gehen, und nur der gute Name blieb übrig. Diese Geschenkorgien dienten dem sozialen Ausgleich - eine Art rituelle Reichensteuer, Konsumgutschein-Ausgabe ohne Umweg über den Staat.
Das Potlatsch-System kippte allerdings, als die Weißen kamen. Die brachten so viele neue Waren ins Land, dass die Feste ins Maßlose anwuchsen und sich die Chinook samt ihrer Nachbarstämme im Ausgeben völlig verausgabten. Der regionale Einzelhandelsverband muss sehr zufrieden gewesen sein. Das Konsumklima war prächtig, die Inlandsnachfrage stieg ständig. Ich würde mich nicht wundern, wenn manche Häuptlinge kräftig auf Kredit gepotlatscht hätten, also verschenkten, was sie gar nicht besaßen. Jedenfalls gab es bei manchen Stämmen regelrechte Potlatsch-Crashs mit anschließender Depression. Und am Ende verbot die kanadische Regierung den Brauch. Die weißen Eindringlinge, die den unsoliden Boom erst ausgelöst hatten, spielten jetzt die Anwälte einer gesunden Wirtschaftsethik.
Am Abend nach dem großen Weihnachtsspülgang bin ich doch tatsächlich auf dem Sofa neben dem Baum eingeschlafen. Früher war zwar mehr Lametta, wie schon der alte Loriot sagte, aber heute ist entschieden mehr Rotwein. Im Traum erschien mir ein Chinook. Er paddelte mit seinem Kanu im Weihnachtsbaumständer herum. Wir haben nämlich einen mit Wasser. Und er rief mir zu: "He, weißer Mann, guten Potlatsch gehabt?" "Ja", brummte ich. "Bekomme schon einen dicken Kopf davon." "Das ist gut so", sagte der leicht bekleidete Fischer in seinem schlanken Boot: "Ihr Weißen habt so viel, da müsst ihr auch viel vernichten. Überfluss ist nicht gut. Potlatsch heißt in unserer Sprache zu gleich ernähren und verbrauchen. Unsere Brüder, die Haida, nennen es sogar 'Den Reichtum töten.'"
"Ich weiß, ich weiß", antwortete ich: "Hab ich grad noch in dem Buch gelesen." Aber der Mann ließ sich nicht beirren. "Ihr Weißen habt ja sogar den virtuellen Potlatsch erfunden, die Börse, wo ihr den Reichtum tauscht, den ihr gar nicht habt, bis er weg ist. Sehr weise." "Weise?" frage ich ungläubig. "Natürlich", sagte der Chinook und gab seinem Boot mit dem Paddel einen kleinen Stoß, damit es nicht hinter dem Nordmannstamm verschwand. "Weil ihr weißen Leute euren Reichtum ja nicht mit den armen Völkern teilen wollt, müsst ihr ihn irgendwie vernichten. Sonst gibt es Krieg darum. Das war bei uns auch schon so. Besser weg damit, als ihn verteidigen müssen. Und am besten in den Magen." "Oder in den Kopf", sagte ich: "Und jetzt lass mich in Ruh und paddel nicht so wild herum. Du spritzt ja schon die ganze Krippe nass."
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Für so manchen war es Irland: das letzte Paradies in Europa. Grüne Hügel, einsame Küsten, Stille. In den kleinen Pubs sitzt man zwischen freundlichen, tief katholischen Säufern. Im Gras liegend liest man Bölls "Irisches Tagebuch" oder denkt an die Asche der Mütter. Irland stand so sehr für reine Natur, dass viele sogar gern die teure Butter kauften von der heilen Inselwelt. Und jetzt?
Dioxin im irischen Fleisch!
Noch weiter hinaus zu flüchten in den Atlantik hilft auch nicht. Island, die Insel der Elfen und Geysire, hat sich längst als Tummelplatz von Finanzjongleuren entpuppt. Die einzigen nordischen Märchen, an die man dort noch glaubte, kamen vom US-Immobilienmarkt. Jetzt ist das Geld futsch - und der Mythos auch.
Apropos Mythos: Das eigentliche Paradies des deutschen Bildungsbürgers ist natürlich schon seit Jahrhunderten Griechenland. Früher wollte man "das Land der Griechen mit der Seele suchen", später fand man es per Charterflug. Man landete in Athen, der Wiege von Philosophie und Demokratie. Aber jetzt brennt die Heimat des Sokrates. Die
wütende griechische Jugend tut alles, um dem größten Kapital des Landes - den Trümmern - neue hinzuzufügen. Und kein Orakel von Delphi hat die Politiker vorgewarnt.
Es herrscht tatsächlich ein akuter Paradies-Mangel in Europa. Irgendwo in der Südsee soll es noch welche geben. Aber die saufen im Klimawandel allmählich ab, und außerdem machen sich diese Paradiese extrem schlecht in der persönlichen CO2-Bilanz. Also sollte man nicht in die Ferne schweifen, sondern paradiesische Oasen in der Heimat suchen. "Na bestens", lamentiert mein Sohn: "Hier ist doch alles betoniert und zugebaut. Also auf das
Paradies Balkonien kann ich verzichten!"
Wir haben keine Paradiese? Wir müssen sie schaffen! Schließlich liegt die Stärke von NRW in Innovation und Produktion. Andere haben das Hochgebirge. Oder das Meer. Aber wir haben das Braunkohlerevier, eine Landschaft wüst und leer und deshalb dafür geeignet, aus dem Nichts einen Garten Eden zu schaffen. Dort wo in den vergangenen Jahren ein Dorf nach dem anderen weggebaggert wurde, soll in den kommenden Jahrzehnten der größte See des Landes entstehen: in der Gemeinde
Inden. An seinen Ufern werden tausend Blumen blühen - und der Tourismus. 2060 ist es so weit, sagen Politik und RWE. Bis dahin wird der Klimawandel gewiss noch einige Palmen hinzu spendieren. Und dann heißt es: Inden statt Indien!
Die Naturschützer mäkeln jetzt, eine solche künstliche Natur sei eine ökologische Wüste. Sie haben keine Phantasie. Im Inden-See könnten alle berühmten Tiere des Landes eine neue Heimat finden: Kaiman Sammy aus Dormagen und
Killerwels Kuno aus Mönchengladbach, der Badewannenaal Aalfred aus Bochum und all die Exoten, die der Zoll an den Flughäfen sicher stellt. Das Paradies zu Inden wird ein Anziehungspunkt über die Grenzen hinaus, und alle werden sie kommen aus ihren längst nicht mehr blühenden Landschaften, die Griechen, die Isländer und die Iren.
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Manchmal soll man da weiter machen, wo man aufgehört hat.
Mein letzter Blogeintrag endete mit einem Seitenhieb auf Bayern München. Da fällt das Weitermachen leicht. Schließlich liegt meine Heimatstadt mit dem Hoeneß-Club derzeit in einer bitteren Fehde: Köln möchte seinen Prinzen wieder haben! Nicht etwa den für Karneval, sondern
Poldi, jenen Fußballstürmer, der in Köln sogar bejubelt wird, wenn er ein Tor für die Gegner schießt. Denn Poldi wird in München gefangen gehalten, gegen seinen erklärten Willen - und die Kölner wissen nicht, ob sie das Lösegeld zusammen bekommen.
Nun bricht bald die Weihnachtszeit an, und das macht den Kölnern Hoffnung. Weihnachten will ein jeder schließlich zu Hause, bei seinen Lieben verbringen. Schon seit 2.000 Jahren ist es üblich, dass zu Weihnachten "ein jeder in seine Heimatstadt" geht, wie es im Lukasevangelium steht. So würde denn auch Poldi, wenn es sein muss, "zu Fooß no Kölle gon", wie es in Willi Ostermanns berühmten Lied "Heimweh nach Köln" heißt. Da ist es auch ganz gleich, ob die Kölner ihrem Prinz eine angemessene Herberge bieten können. Zur Not genügt ein einfacher Stall mit duftendem Heu in der Krippe und einem ebenfalls duftenden Geißbock daneben. Schließlich weiß Poldi, dass sein Kölner Quartier "Geißbockheim" heißt.
Überhaupt scheint der weihnachtliche Zug in die Heimat ein Trend des allmählich zu Ende gehenden Jahres zu sein: Schon früh entschied sich Kurt Beck zur Rückkehr in die Pfalz. Horst Seehofer ging heim nach Bayern. Und jetzt beendete
Wolfgang Clement seinen 38 Jahre dauernden Irrweg in der SPD und darf sich endlich ganz dort zu Hause fühlen, wo ein Kind des Ruhrgebiets hin passt: im Aufsichtsrat von RWE.
Nun geht es beim vorweihnachtlichen Heimweh allerdings um mehr als um Rückzug. Bei Weihnachten geht es bekanntlich um die Erlösung der Welt. Vielleicht kämen wir der tatsächlich ein wenig näher, wenn manch einer sich auf seine Herkunft besänne und wie weiland auf Befehl des Kaisers Augustus in seine Heimat zöge. Beim bevorstehenden Umzug von George W. Bush auf seine Ranch in Texas leuchtet das unmittelbar ein. Mir fallen da mühelos noch einige begrüßenswerte Heimgänge ein. Aber ich will nicht persönlich werden. Josef Ackermann stammt übrigens aus dem schönen Kanton St. Gallen.
Ausgerechnet mit der Heimkehr von Prinz Poldi ist es unter weihnachtlichem Gesichtspunkt jedoch so eine Sache. Es gibt da ein Problem, und deshalb muss auch die Kölner Vereinsführung voreilige Hoffnungen immer wieder dämpfen. Allerdings wollen sie nicht offen sagen, was eigentlich das Problem ist. Geld? Klinsmann? Ich vermute, das Problem liegt tiefer. Herbergssuche, Stall und Krippe hatten nur ein Ziel: die Ankunft des Messias. Aber von dem wird der 1. FC Köln bekanntlich
schon trainiert.
Der Poldi wird in Münschen bleiben, vorerst, auch wenn Weihnachten vor der Tür steht, die groß Kopferten werden ihn nicht gehen lassen, schade ihr lieben Kölner das Ihr noch auf eueren Prinzen warten müsst. In diesem Sinne frohe Weihnachten.
Stephan am 30.11.08 9:13
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In diesen herbstlichen Tagen überfällt mich manchmal regelrecht Angst um die Pressesprecher der Deutschen Bahn. Nicht in erster Linie, weil das
fallende Laub jetzt wie jedes Jahr wieder den Fahrplan bedroht. Sondern eher wegen der Psyche. Für Depressions-Gefährdete ist das keine gute Jahreszeit. Und wie man als DB AG-Sprecher nicht unter Depressionen leiden kann, ist mir schwer vorstellbar. Da soll man öffentlich eine Firma vertreten, die innerhalb von ein, zwei Wochen folgendes Bild - englisch: Image - von sich abgibt: Die Bosse bosseln an ihren
Boni. Eine Etage drunter schieben sie alle paar Tage
Terminangaben für Kunden um Wochen und Monate hinaus. Und ganz unten
springen sie entweder vom fahrenden Zug oder sie sind damit beschäftigt,
kleine Mädchen in der Dunkelheit auszusetzen. Ach ja: Noch weiter unten lässt die Firma
ehrenamtliche Rentner den Dreck wegputzen.
Der Sprecher sitzt während dessen am Telefon oder in Pressekonferenzen und erklärt unablässig: "Läuft". Das ist mittlerweile nicht einmal mehr für die Zuschauer komisch. Was soll man den armen Kerls raten? Vielleicht sollte so einer mal wieder ins Kino gehen. Da bekommt er immerhin ein
Quantum Trost. Aber wahrscheinlich wird er nur wütend diesem Bond zuschauen und darüber grübeln, warum bei dessen Verfolgungsjagden die Technik nie versagt. Und wenn er statt dessen diese harmlose Komödie über die
Sch'tis wählt, fällt ihm während des Films garantiert ein, dass der französische CGT keine Achsenprobleme hat.
"Warum identifizierst du dich denn so mit diesen Bahnsprechern?", fragt mich meine Freundin Elke beim Herbstspaziergang. Das sei die eigentlich drängende Frage. "Soll ich mich etwa lieber in Banken-Sprecher hineinversetzen oder in hessische SPD-Sprecher?" frage ich zurück. Aber damit gehe ich ihr auf den Leim, denn nun diagnostiziert sie bei mir ein Empathie-Syndrom, einen ausgewachsenen Identifikations-Komplex mit Sprechern. Warum ausgerechnet mit Sprechern? Ich analysiere kurz meine Kindheit und finde die Lösung: Ich war zu oft Klassensprecher. "Und warum hat dich das traumatisiert?", will Elke wissen. "Man sitzt immer zwischen den Stühlen von Strebern und Querulanten, von Schülern, Eltern und Lehrern und kann es keinem recht machen", erinnere ich mich.
Die Angaben reichen Elke für einen Therapie-Plan: Ich soll mich nur zum Spaß mal in einen Sprecher hineinversetzen, dem es richtig gut geht, weil er nur Glanz, Erfolg und Beliebtheit verkaufen muss. Ich ahne, worauf das hinaus läuft. Auf die derzeitige Lösung von allem: Obama. "Der braucht doch gar keinen Sprecher, der macht das doch selbst besser", sage ich missmutig und trete mit dem Fuß schmutziges Laub weg. Aber den meinte Elke gar nicht. Und mit ihrem Vorschlag löscht sie dann mit einem Schlag mein ganzes Syndrom auf. Mitleid, Empathie, Identifikation, alles wie weggeblasen. Sie meint Bayern München.
Das moderne Leben - als Podcast.
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Zum SeitenanfangDas Laub, eben noch bunt und knisternd, hat sich in eine feuchte Masse verwandelt, auf der ich ausrutsche. Der graue Himmel reicht bis zum Boden. Auf dem Kalender stehen Allerseelen, Totensonntag und Volkstrauertag. November also. Schon wieder, stelle ich fest, habe ich die innere Umstellung nicht rechtzeitig geschafft: Die Psyche wartet immer noch auf ein paar letzte Spätsommertage. Da kann sie lange warten. Und die Nachrichten sind auch nicht dazu angetan, die Herbstdepression zu lindern. Ist doch die Rezession sozusagen ihre ökonomische Schwester.
Gerade wenn die Natur uns ihre kalte Schulter zeigt, sollten wir uns an ihr orientieren. Denn sie hält auch die Gegenstrategien bereit. Nehmen wir zum Beispiel den Igel: Das
possierliche Tierchen frisst sich in diesen Tagen voll, dann zieht es sich an einen kuscheligen einsamen Ort zurück und hält Winterschlaf. Leider schauen sich viele Menschen von der Igel-Strategie nur die Einleitung ab: die Produktion von Winterspeck. Dabei kann das sprichwörtliche Einigeln gerade gestressten Aktivlingen gut durch dunkle Zeiten helfen.
Wie wird man zum Igel? Prominente Vorbilder wie
Elke Heidenreich zeigen den Weg. Wenn einen die Depression erfasst, muss man sich einfach mal gehen lassen. Wenn irgendwo ein alter Mann herumschimpft: Schimpfen Sie mit, legen Sie noch eins drauf, lassen Sie ihren Frust raus. Das führt dazu, dass man recht schnell ganz allein dasteht. Dann kann auch der umtriebige Zeitgenosse den Igel machen: sich zurückziehen in die warmen vier Wände und einfach einmal tun, wozu man schon lange nicht mehr gekommen ist. Zum Beispiel: Lesen!
Wem die Igel-Strategie zu defensiv ist, der orientiert sich lieber an den
Zugvögeln. Die ziehen dem Rückzug bekanntlich den Tourismus vor. Irgendein genetischer Zusammenhang muss uns mit ihnen verbinden - plagen uns doch regelmäßig ab Herbst hartnäckige Tagträume von milden Gefilden und tropischen Stränden. Aber wer kann sich den Lösungsweg der Zugvögel schon leisten? Nun: Erfahrene Zugvogel-Strategen planen frühzeitig und arbeiten mit einer kostengünstigen Fluchtvariante: der Dienstreise.
Auch für diese Strategie gibt es ein prominentes Vorbild:
Jürgen Rüttgers. Während zu Hause der Haussegen schief hing und die Streiterei um die
Kinder und das
Geld ihm den letzten Nerv raubte, hinterließ er einen Zettel mit der Nachricht "Bin dann mal weg" und begab sich nach Brasilien (einem wichtigen Partner nordrhein-westfälischer Landespolitik, vermutlich.) Seine Route: Brasilia (32 Grad Celsius), Sao Paulo (26 Grad), Rio (27).
Wer seinen Dienstreiseantrag nicht rechtzeitig gestellt hat, der kann sich im Kampf gegen die Depression immer noch an den heimischen Hirschen orientieren: Die haben jetzt ihre Frühlingsgefühle und paaren sich. Ein prominentes Menschen-Vorbild fällt mir dazu gerade nicht ein. Ich bin ja kein Klatsch-Reporter. Aber ich wollte endlich mal eine Glosse mit Sex-Pointe schreiben.
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In diesen herbstlichen, diesigen Tagen fühle ich mich manchmal ganz matt. Da wünsche ich mir nichts als Ruhe, Rückzug an einen heimeligen Ort, gute Gedanken. Vielleicht sollte ich in ein Museum gehen, da ist die Heizung umsonst, und man hat viel Anregung.
Wladimir Kramnik und Viswanathan Anand haben das getan. Für zwei Wochen haben sie sich in die Bonner Bundeskunsthalle zurückgezogen. Da sitzen sie nun, stundenlang, still, in sich gekehrt, und grübeln. Und sie tun alles dafür, sich nicht matt zu fühlen, jedenfalls nicht schachmatt. Denn die beiden kämpfen um den WM-Titel.
Ich bewundere diese Schach-Genies. Anand kann angeblich fast alle Partien seines Gegners aus den letzten zwanzig Jahren auswendig. Bei jedem Zug von Kramnik scannt er diese Partien durch, ob ihm etwas bekannt vorkommt. Wobei er natürlich auch noch kalkulieren muss, dass Kramnik diesmal mit dem Zug etwas anderes vorhaben könnte als damals. Schach ist die höchste Kunst des Konjunktivs. Zu jeder Eventualität gibt es ein paar hundert Variationsmöglichkeiten, die man schnell überschlagen muss. Kein Wunder, dass beim Schach Genie und Wahnsinn oft nah beieinander liegen.
Aber vielleicht liegt das auch nur daran, dass diese Superhirne so sträflich unterbeschäftigt werden. Immer nur Schach. Dabei ist das Spiel ursprünglich ein Strategie-Training für Regierende gewesen. Nicht umsonst geht es da um das Schicksal eines Königs, gibt es Läufer, Pferde und Türme. Die modernen Regierenden haben aus der alten Weisheit des Schachs allerdings nur den Brauch des Bauernopfers beibehalten. Daran musste ich jetzt denken, als Kanzlerin Merkel mit ihrem Vorschlag baden ging, den Hypo-Real-Estate-Aufsichtsrat
Hans Tietmeyer zu ihrem Finanzkrisenberater zu machen.
Ich glaube, mit Schachspielern an der Börse wäre diese ganze Schacherei nicht passiert. Die wissen nämlich, was es bedeuten kann, wenn in China ein Sack Reis umfällt. So erzählt die bekannte Legende von der Bezahlung des Schachspiel-Erfinders: Er wollte nur auf dem ersten Schachfeld ein Reiskorn, auf dem zweiten zwei, auf dem dritten vier, und immer so weiter, immer nur die Reiskörner mit sich selbst multipliziert. Das Schachbrett hat 64 Felder und der Kaiser von China hatte bekanntlich nicht genug Reis für diese Belohnung. Die unbezahlten Häuschen in den USA waren anfangs auch solche kleinen Reiskörner. Aber Banker haben eben keine Zeit für Schach.
Es ist ein Jammer, dass Kramnik und Anand fast unter Ausschluss der Öffentlichkeit im Museum sitzen. Warum haben sich weder ARD noch ZDF die Übertragungsrechte gesichert? Ganze Familien könnten sich mit ihren Schachbrettern vor den Fernseher setzen und mitspielen. Die Eltern würden Schweigen nicht mehr als Beziehungsproblem empfinden. Die Kinder würden wieder lernen, dass Denken etwas anderes ist als Raten. So ein Abend wäre mehr Gehirnjogging als jahrelang Jauch und
Pilawa. Das Fernsehen sollte Schach zum Volkssport machen. Damit würde es seinem Bildungsauftrag nachkommen. Und
Marcel Reich-Ranicki hätte es auch wieder lieb.
Sehr geehrter Schachfreund,
"... gelbe Seiten!"
Es stimmt nicht, daß der Wettkampf in Bonn "unter Ausschluß der Öffentlichkeit" stattfindet. Außer den Hunderten Zuschauern an jedem Tag verfolgen im Internet mehrere Millionen Zuschauer die Partien.
Es stimmt des weiteren nicht, daß Schachspieler "in sich gekehrt" am Brett sitzen. Im Gegenteil sind alle Sinne derart gespannt, daß man äußerst anfällig ist für kleinste Störungen aus dem Publikum und vor allem vonseiten des Gegners.
Die Legende des Reiskorns besagt, daß auf jedes Feld doppelt so viele Körner gelegt werden wie aufs vorige, nicht aber, daß die Zahl der Reiskörner jeweils mit sdich selbst multipliziert wird - aber geschenkt, es sind auch dann ziemlich viele: 2 hoch 63 plus 1.
Und es stimmt zum letzten - wieviel mehr wäre zu der Glosse noch zu sagen! - nicht, daß das Fernsehen mit Schach viel Programmerfolg erzielen würde. Die Gegenbeispiele aus mehreren Jahrzehnten sind zahlreich, und sie zeigen, daß Leistungs- und Profischach eben nicht beliebig in jedes Medium paßt; zumindest bedarf es im Fernsehen dazu ausgewiesener Sachkunde.
Wie woanders auch.
Anonym am 20.10.08 14:26
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Zum SeitenanfangMeine Tochter (13) interpretiert in der Schule zurzeit alte Redensarten und Sprichwörter. Das fällt den Teenies gar nicht leicht, denn die ländliche, landwirtschaftliche Lebenswelt, aus der solche Weisheiten meist stammen, ist der Jugend fremd. Wie soll man denn den Bock zum Gärtner machen, fragt sie. Ich erzähle von dem kleinen Selbstversorgungsgarten, den früher fast jeder auf dem Land anlegte, und wie die dazugehörige Kleinviehhaltung schon mal zu internen Konflikten führte. Meine Tochter erinnert das an ihr früher geliebtes Kinderbuch vom alten Pettersson und dem Kater Findus. "Aufruhr im Gemüsebeet", wo der mühsam hergerichtete Garten mal von den Hühnern und mal vom Schwein des Nachbarn durchgewühlt wurde.
Soweit, so idyllisch. Aber jetzt sollen die Schüler sich auch noch moderne Anwendungsbeispiele der alten Weisheiten ausdenken. Ich schlage die
Meldung aus Düsseldorf vor: Polizeikommissar brettert nachts über rote Ampel in Streifenwagen. Oder auch
Bielefeld: Razzia in Sicherheitsfirma. Aber meine Tochter findet das zu langweilig. Könnte man nicht was mit McCain und Obama machen? (Sie findet Obama megacool.) Aber da ist das Gemüsebeet ja jetzt schon zertrampelt, wende ich ein. Und denke eher an die Banken: Da bringt man sein Geld hin, damit die drauf aufpassen. Weil das bekanntlich sicherer ist als unter dem Kopfkissen. Und dann musst du erfahren, dass die mit deinem Geld Glücksspiele veranstalten.
Aber natürlich ist die heutige Finanzwelt viel komplizierter als damals die Kleinbauernwirtschaft. Denn welcher Kleinbauer würde schon, nachdem sein Bock den Kohl aufgefressen hat, vom Feld daneben den Salat nehmen und ihn dem Bock auch noch vor die Füße werfen? Aus Angst, die wildgewordene Ziege könnte sonst noch den Zaun umstoßen. Das ist dann schon präventive Finanzpolitik.
Meine Tochter blickt mich fragend an. Also versuche ich ihr die
Finanzkrise mit dieser bekannten Denksportaufgabe zu erklären, wo man einen Kohlkopf, einen Ziegenbock und einen Wolf über den Fluss bringen muss. Es passt aber immer nur eins davon aufs Boot. Das ist heute das Problem der Finanzpolitiker: Wollen sie schon mal das Steuergeld in Sicherheit bringen, fressen ausländische Großbanken die eigenen Kreditinstitute auf. Will er die retten, muss er sie mit Steuergeldern füttern. Oder aber er rettet die neoliberale Marktfreiheit. Dann lässt er Wolf und Bock miteinander kämpfen und bringt nur sich selbst ans andere Ufer, zur Sicherheit. Aber wenn er Pech hat, entdeckt er mitten auf dem Fluss, dass sein Boot ein Leck hat. So wie jetzt in
Bayern.
Meine Tochter ist verschwunden. Während ich redete, hat sie sich in ihr Zimmer verzogen. Da sitzt sie nun und schreibt an den Hausaufgaben. Und jetzt frage ich Sie: Wie sollen Kinder heutzutage bloß die Schule schaffen, wenn ihre Eltern keine Fantasie haben?
Zur Finanzkrise und den Banken gibt es
auch ein uraltes Sprichwort:
"Schuster bleib bei deinen Leisten"
Hein Mück am 8.10.08 13:34
Was DU nicht willst das man Dir tu, das füg auch keinem Andern zu.
passt immer...nur wenige machen es.
Anonym am 26.11.08 7:19
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Herrn Günter Scheuer
FDP Ortsverband
Kirchplatz 2
47918 Tönisvorst
Sehr geehrter Herr Scheuer,
mit großer Freude habe ich Ihre
Anzeige gelesen, der zufolge die FDP Tönisvorst einen Bürgermeisterkandidaten sucht und dabei ausdrücklich auch parteilose Bewerber in Frage kommen. So einer bin ich nämlich. Ich bin kein Freidemokrat, aber Freiberufler, und da käme mir eine hauptamtliche Stelle für sechs Jahre mit B 4-Besoldung durchaus recht. Sodann rechne ich mir gute Chancen aus, da sich die häufig zu lesende Bevorzugung von Frauen oder Behinderten in Ihrer Anzeige nicht findet. Das hat sicher mit dem bekannten Misstrauen Ihrer Partei gegenüber dem Antidiskriminierungsgesetz zu tun. Deshalb hoffe ich, als gesunder weißer heterosexueller Mann bei Ihnen am Niederrhein endlich einmal wieder zum Zuge zu kommen.
Als Qualifikation erwarten Sie die Fähigkeit, eine Verwaltung mit 200 Mitarbeitern zu führen. Ich habe vier Kinder. Das sind zwar weniger, aber man muss sie hochrechnen. Ein Junge in der Pubertät wiegt da ungefähr so viel wie das Sozialamt. Jedenfalls möchte ich behaupten, dass die Vorerfahrungen mancher Bundes- und Landesminister zur Führung ihrer riesigen Verwaltungen auch nicht größer ist, proportional gesehen. Weiter fordern sie Engagement für Ihre Stadt und deren Bürger. Das dürfte mir leicht fallen, zumal ich nicht in Tönisvorst lebe und so keine störenden negativen Erfahrungen mitbringe. Ich will auch gleich offenlegen, dass ich als künftiger Bürgermeister weiterhin von Köln aus pendeln möchte. Dies nicht nur, weil im kommenden Jahr wahrscheinlich wieder die volle Pendlerpauschale gezahlt werden wird, sondern ehrlich gesagt auch deshalb, weil auf der
Internetseite Ihrer Stadt unter dem Stichwort "Lebensart" ausschließlich von drei Dingen die Rede ist: Bier, Schnaps und Blutwurst. Ich vermute deshalb, dass ich mir aus einer gewissen Distanz heraus das geforderte Engagement länger zu erhalten vermag.
Schließlich: Soziale Kompetenz. Die bringe ich mit. (S.o.: Vier Kinder.)
Zum Schluss muss ich allerdings noch ein kleines Problem ansprechen: Sie werben in Ihrer Anzeige damit, dass bei der letzten Kommunalwahl 36 Prozent der Tönisvorster Wähler nicht für die beiden großen Parteien gestimmt hätten. Leider erwähnen Sie nicht, dass nur 8,1 Prozent für die FDP stimmten (weniger als für die freie Wählergemeinschaft und die Grünen). So hoch ich meine Chancen bei dieser Bewerbung auch einschätze, bei der Wahl im Juni 2009 dürften sie etwas unberechenbar sein. Deshalb möchte ich mich gern vorab mit Ihnen auf eine eventuelle Alternativbeschäftigung verständigen. So könnte ich mir vorstellen, die Öffentlichkeitsarbeit Ihrer Partei zu übernehmen. Sie wissen ja: Ich schreibe Glossen. Da kommen einem lustige Einfälle wie die mit Ihrer Anzeige geradezu reihenweise. Alternativ biete ich mich als Gesundheitsberater Ihrer Stadt an. Vermutlich besteht da einiger Handlungsbedarf. Sie wissen schon: Bier, Schnaps, Blutwurst.
Ihr
Doktor Gregor
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Sie waren schon rührend, diese Bilder vom gerührten
Oliver Kahn beim Abschied. Vor dem Fernseher sitzend bekam ich, dem Trend zum neuen Mann folgend, ganz wässrige Augen. Dieser titanharte Torvernagler wird am Ende vor allem mit seinen weichen Momenten im Gedächtnis bleiben. Mit den fairen Gesten für Jens Lehmann. Oder mit seiner feinen Selbstironie, als er sich nach der Ausmusterung in der Nationalmannschaft zu einer Werbung mit Waldi Hartmann und dessen Lieblingsgetränk hergab: "Gell, auf der Bank ist doch am schönsten", sagte er da.
Das kann Kahn jetzt ausgiebig prüfen. Immer wenn es um Rente und Ruhestand geht, werden in den Nachrichten bekanntlich Senioren gezeigt, die auf einer Bank sitzen. Die Bank ist offenbar das Symbol für Muße. Nun ist Kahn zwar kein klassischer Pensionär, aber er kann doch alles ruhiger angehen. Er kann die Dinge auf die lange Bank schieben. Vielleicht sollte er sich also, sozusagen zur Vorbereitung seines neuen Lebensabschnittes, erst einmal eine Bank kaufen. Das ist ja durchaus in Mode gekommen. Die
IKB ging schon weg an ein paar Amerikaner und die Dresdner Bank hat sich jetzt deren Nachbar
Martin Blessing unter den Nagel gerissen. Aber immer noch stehen die
WestLB und die
Postbank im Schaufenster herum, ein wenig ladenhütermäßig. Vielleicht würde dem Olli eine davon ja gefallen.
Wer eine Bank sein eigen nennt, stellt etwas dar. Er darf sich dann Banker nennen. So eine hübsche Bank ist besser als jedes Eigenheim. Eine Bank ist sicher. Eine Bank geht praktisch nicht bankrott. Wenn das doch einmal drohen sollte, verkauft man sie einfach wieder. Das Tolle bei Bankverkäufen ist ja, dass sie von den Kunden bezahlt werden. Natürlich, von wem denn sonst auch? Selbst heftigen
Immobilienkrisen zeigt sich eine Bank meist gewachsen. Nach so einem Sturm ist unter Umständen das Eigenheim futsch, aber die Bank steht. Und das reicht im Härtefall, wie all die Leute bestätigen können, die gern auf einer Parkbank nächtigen.
Aber vielleicht gehen meine Empfehlungen doch ein wenig an Oliver Kahn und seinen besonderen Qualitäten vorbei. Vielleicht sollte nicht der Olli eine Bank kaufen, sondern eine Bank den Olli. Für die wäre der nämlich echt - eine Bank! Oliver Kahn steht ja für Sicherheit, für Zuverlässigkeit. Der hat in seinem ganzen Berufsleben nichts anderes getan als aufpassen. Wo der dahinter steht - oder besser: davor - da lässt man gern seine Ersparnisse. Um einer Bank nützlich zu sein, müsste der Olli also gar nicht viel tun. Er müsste nur vorn im Foyer sitzen, gleich unter dem Torbogen sozusagen. Oder am Eingang zu dem Raum, wo die Schließfächer sind. Und neben sich hätte er so ein Schild, darauf stände: "Ich halte alles" oder "An mir kommt keiner vorbei". Im Grunde hätte der Kahn dann eine Synthese gefunden, die ihm bisher versagt blieb. Er könnte seinen Job machen und säße gleichzeitig auf der Bank. Und da ist es doch am schönsten, gell?
Vielleicht sitzt der Olli irgendwann wieder auf einer Bank, auf der Bank des FC Bayern. Als Nachfolger von Uli Hoeneß könnte mir den Olli gut vorstellen.
Marco am 7.09.08 22:54
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In den letzten Tagen habe ich mir stets den aktuellen Medaillenspiegel ausgedruckt und an den eigenen Spiegel geklemmt. Das geschah wohl in der vagen Hoffnung, mein Gesicht könnte beim Rasieren eine gewisse Ähnlichkeit mit dem von amerikanischen Schwimmern oder jamaikanischen Läufern annehmen. Bei denen scheint ja manche Zauberei möglich. Tatsächlich aber lächelte mir eines Morgens das verschmitzte Gesicht von
Benjamin Boukpeti entgegen. Einbildung? Vielleicht. Oder es lag am plätschernden Geräusch, wenn ich die Rasierklinge abspülte, dass ich diesen Athleten vor mir sah, der in seinem Kajak Bronze holte - die einzige Medaille für sein Land Togo bei Olympia in Peking, ja die erste olympische Medaille für Togo überhaupt. Darüber geriet Boukpeti so aus dem Häuschen, dass er noch im Kajak sitzend sein Paddel zertrümmerte.
Boukpeti hatte schon bei der Eröffnungsfeier die Fahne von Togo getragen. Eine weise Entscheidung, denn seine beiden Mannschaftskameraden, Sacha Dananyoh (Judo) und Komlavi Loglo (Tennis) schieden in ihren Wettbewerben in der ersten Runde aus. So zum nationalen Helden geworden, will Benjamin Boukpeti demnächst Togo zum zweiten Mal besuchen. Einmal war er schon im Land, dessen Fahne er trug. Boukpeti ist in Frankreich geboren, hat einen französischen Pass, studiert und trainiert dort. Aber in einem französischen Kanu zur Olympiade zu reisen, ist nicht leicht. Bekanntlich paddeln fast alle jungen Franzosen irgendwann einmal auf der Ardeche herum. Die können das also ein bisschen. Benjamins Bruder Olivier musste das leidvoll erfahren - ihm gelang die Qualifikation nicht. Da erinnerte sich Benjamin an das Heimatland seines Vaters, besorgte sich einen zweiten Pass und machte sich und Togo glücklich.
Ich erzähle diese Geschichte nicht etwa, um die Nase zu rümpfen. Schließlich sammelt die deutsche Mannschaft sogar Gold-Medaillen durch Eingebürgerte aus
Usbekistan oder
Österreich. Aber Boukpetis Geschichte erinnert mich irgendwie an einen anderen berühmten Olympioniken, an den Athener Kimon. Dieser Pferdesportler holte gleich drei Mal in Olympia den Sieg im Viergespann - und zwar stets mit den selben Stuten. Aber seine zwei ersten Siege gewann er nicht für seine Heimat Athen. Denn von dort war er, nach einem Streit mit dem Machthaber Peisistratos, verbannt worden. Ausgerechnet ihm widmete er seinen zweiten Olympiasieg - und erhielt prompt die Erlaubnis zur Rückkehr nach Athen. Kimons Sohn Miltiades übrigens war später der entscheidende Feldherr im griechischen Sieg von Marathon (also der Schlacht, nicht dem Lauf).
Zugegeben, das ist eine Weile her. Aber was uns
Herodot berichtet, zeigt doch, dass es bei Olympia immer schon so zuging wie heute. Sport, Politik und geschicktes Management gehören zusammen. Vielleicht widmet Benjamin ja seine Medaille jetzt dem zu Hause gebliebenen Bruder. Oder sein Sohn wird einmal ein wichtiger Mann in der Regierung Togos. Ich ziehe die Rasierklinge durch den Schaum, zwinkere dem Gesicht von Benjamin im Spiegel zu und überlege, welchem sportlich unterentwickelten Kleinstaat ich meine Dienste anbieten könnte. Hatten meine Tiroler Vorfahren nicht Verwandte in Liechtenstein? Fehlt nur noch die Sportart. Was in Peking vertreten war, kann ich alles nicht. Aber vielleicht wird Kochen ja bald olympisch (wenn sich Kerner dafür einsetzt). Oder "Bier erkennen" (wenn sich Waldi dafür einsetzt).
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Zum SeitenanfangDie Grillen zirpten, die Kühe glockten. Über den Himmel zogen leichte Schäfchenwolken, zwischen denen einige wagemutige Paraglider als bunte Tupfer ihre Kreise zogen. Der Weg hinauf war schweißtreibend gewesen, lange steile Serpentinen durch den Wald. Aber jetzt belohnte die Alm mit sanftem Wind. Wunschlos glücklich lag ich auf dem Rücken im kurzen trockenen Gras und träumte vor mich hin, weit entfernt von allem ...
Ich schrecke auf. Dösen am Schreibtisch ist nicht erlaubt. Schließlich muss ich eine Glosse schreiben. Viele andere erwartet jetzt wieder die Schule. Einige zum ersten Mal, mit
Schultüte und Feier. Die haben es gut, denn sie können noch nicht schreiben und werden deshalb ihre Urlaubserlebnisse unzensiert bewahren. Den Größeren droht möglicherweise das berüchtigtste Aufsatzthema der Welt: "Mein schönstes Ferienerlebnis."
Vielleicht ist das aber längst aus der Mode gekommen. Es gibt allerdings noch andere erprobte Möglichkeiten,
die schönsten Tage des Jahres nachhaltig platt zu machen. Die ungeschlagene Nr. 1 praktiziert man schon während der Reise: die Urlaubskarte. Die Liste aller, die sonst beleidigt sein könnten, lastet bleischwer im Gepäck, bis ich mich endlich aufraffe und den lieben Verwandten und Bekannten schriftlich versichere, wie schön das Wetter ist, wie bekömmlich das Essen und wie gut gelaunt die Kinder. Verschwiegen wird, wie genervt ich vor diesen Karten sitze und die kostbare Zeit mit ihnen vertue. Mein schönstes Ferienerlebnis kommt auf ihnen niemals vor. Das ist schließlich nicht für die Öffentlichkeit bestimmt.
Da war mein Vater früher allerdings anderer Ansicht und stellte alle unsere Erlebnisse breit und farbig beim häuslichen Diaabend dar. "Hier, diese Kapelle, die stand am Eingang des kleinen Hochtals, wo wir zu dem Heimatmuseum gefahren sind." Aber die mitgereiste Tante war anderer Ansicht: "Nein, das ist doch dieses barocke Kleinod, gleich neben dem Biergarten, wo du ..." Das Publikum konnte den Konflikt nicht lösen, weil es nicht dabei war. Dafür rächte es sich beim nächsten Bild: "Was hattet ihr denn da für komische Hüte auf!"
Diese abendfüllende Veranstaltung wird heutzutage gern in einer Büro-Kurzform aufgeführt. Im Zeitalter der Digitalfotografie nimmt man sich das schönste Ferienerlebnis mit zur Arbeit und richtet es als Bildschirmhintergrund ein. Da können die Kollegen dann neidisch staunen, an was für einem exotischen Strand man gelegen hat. Die Kommentare reichen von "Darum kannst du dir kein ordentliches Auto leisten!" bis zu: "Schon für
Atmosfair gespendet?"
Wer prominent ist und ausreichend begabt, kann seine schönsten Ferienerlebnisse auch einer breiten Öffentlichkeit zugänglich machen. Er schreibt dann die "Italienische Reise" oder ein "Irisches Tagebuch". Ich dagegen kann leider nicht in den schönen Erinnerungen an die ach so schnell vergangenen Tage schwelgen. Schließlich ruft, kaum dass der Koffer geleert wurde, schon wieder die Pflicht. Ich muss eine Glosse schreiben. Also: Die Grillen zirpten ...
Audio: Urlaub für die Anderen
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Neulich war die Jahrgangsstufe meines Sohnes bei einem Bewerbungstraining. Von da brachte er den Spruch mit: "Man muss sich auch verkaufen können." Wie sich doch die Zeiten geändert haben, dachte ich wieder einmal. Unsre Großeltern hätten von so einem Termin noch die Weisheit mitgebracht: "Bescheidenheit ist eine Zier." Heute dagegen muss man dick auftragen. Wer etwas werden will, darf nicht zaudern. "Yes we can" lautet Barack Obamas Bewerbungsspruch. Zu deutsch: Klar kann ich die größte Weltmacht regieren. Als Politiker kann man ja sowieso alles: Heute Innen-, morgen Außenpolitik, damals
Staubsaugervertreter ...
Da wirkt die
Äußerung von Christian Wulff geradezu irritierend. Der ist schon niedersächsischer Regierungschef, aber Kanzler - das traut er sich nicht zu. Solche Bescheidenheit ist das Publikum so wenig gewohnt, dass es schon wieder eine Finte wittert: Will sich da doch wieder einer nur gut verkaufen, Sympathiepunkte sammeln - und dann darauf warten, dass man ihn zu dem drängt, wozu er sich nie gedrängt hat?
Die Bewerbungstrainer meines Sohnes würden solche Bescheidenheit sicher rundweg ablehnen. Denn sie ist gefährlich, bedroht sie doch die moderne arbeitsteilige Gesellschaft. Wo kämen wir denn hin, wenn sich jeder prüfen würde, ob er oder sie sich einen Job auch zutrauen kann? Wäre dann etwa Annekathrin Grehling Stadtkämmerin in Aachen geworden? Grehling war das zuvor auch in
Hagen. Dort hat sie die Stadt durch Spekulationen an der Kredit-Börse wahrscheinlich um 50 Millionen Euro gebracht. Die Stadt verklagte später die Bank: Man habe nicht gewusst, dass "swappen" so brandgefährlich ist. Aber Annekathrin Grehling ist von solchen Selbstzweifeln nicht angekränkelt. Sie würde wieder so handeln, ließ sie von Aachen aus wissen. Ob unsere verschuldeten Städte bei lauter Wulffs überhaupt noch Kämmerer fänden? Würde unser Land bei verbreiteter wulffscher Zauderei noch wagemutige Unternehmensgründer finden wie Franjo Pooth? Und erst in der Kultur: Wie viele singende Schauspieler würden uns fehlen, wie viele schauspielernde Tänzerinnen? Und wie viele Bücher schreibende Sportler?
"Schuster, bleib bei deinem Leisten", ist auch so ein Spruch der Großelternzeit. Bei den Bewerbungstrainern meines Sohnes heißt es wohl eher: Wer bei seinem Leisten bleibt, leistet nie was und kann sich auch nichts leisten. Ich werde meinem Sohn raten, schleunigst in die Hauptstadt zu reisen und schon mal vorsorglich an ein paar wichtigen Zäunen zu rütteln. Auch aus Hannover kamen schon ganz andere Vorbilder als der Wulff.
Audio: Bescheidenheit ist keine Zier
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Ich frage mich eigentlich was dieser Artikel bezwcken soll? Ich finde es durchweg richtig, dass jemand auch mal zugibt, für einen bestimmten Posten nicht geeignet zu sein oder ihn nicht haben zu wollen. Wo liegt da bitte das Problem? Es ist doch nur ehrlich. Ist jedenfalls besser als so mancher in der Politik, der seinen/ihren Beruf verfehlt hat.
Im Grunde kennen wir ja auch nicht die wahren Beweggründe und sollten die Entscheidung auch akzeptieren.
Es macht übrigens einen gewAltigen Unterschied ob jemand bei seinem Leisten bleibt oder eine Aufgabe ablehnt. Es wird hier eine Kausalität hergestellt, die durchaus auch eine Fehlinterpretation sein kann. Und im Übrigen schadet auch unseren Kindern eine gesunde Selbsteinschätzung nicht. Nicht selten wird ihnen von Haus aus eine Selbstüberschätzung anerzogen, die den Kindern das Leben nicht zwingend leichter machen wird.
Anne am 20.07.08 13:51
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Zum SeitenanfangMüde und ausgedörrt stapften wir durch den heißen Sand. Kein Luftzug kam vom Meer her. Kein Schatten war in Sicht. Die Stadt war noch weit und ich fragte mich, warum mein Vater unbedingt zu Fuß vom Hotel zu dieser sehenswerten Moschee gehen wollte. Dann standen sie plötzlich vor uns: Ein alter Mann mit sonnenverbranntem, zerfurchtem Gesicht und ein Esel, beladen mit Netzen voller köstlicher Orangen. "Apfelsina", sagte der Mann. "Gute Apfelsina. Billig Apfelsina."
Aber mein Vater wollte keine Apfelsina. Der Mann machte aus "Billig Apfelsina" "Billig billig Apfelsina". Aber am Preis lag es nicht. Mein Vater wollte kein Netz Apfelsinen mit sich herumschleppen. Der Weg war mühselig genug und in der Stadt konnten wir uns schließlich alles kaufen, was wir wollten. "Hier Apfelsina billig, billig", sagte der Mann: "In City teuer." "Aber wir wollen nicht tragen", beharrte mein Vater. Da schaute er uns mit einem langen, abschätzigen Blick an, drehte sich weg und sagte laut: "Du Kapitalist!"
Das Kindheitserlebnis aus Tunesien hat sich mir tief in die Erinnerung gebrannt. Seither weiß ich, dass bei Fernreisen aus bescheidenen Lehrern schnell Kapitalisten und aus Händlern Bettler werden. Manchmal sind die Einheimischen auch gerissene Gauner, die uns übers Ohr hauen, oder exotische Zootiere, die wir gern fotografieren. Die Begegnung mit den Fremden in der Fremde ist nicht leicht. Selbst wenn man sie erwünscht, sind die Fremden oft anders als erhofft. So las ich vor einem Jahr im Gästebuch eines All-Inclusive-Hotels in der Türkei folgenden Eintrag: "Man kommt doch hier her, um die Einheimischen kennen zu lernen - und dann sind lauter Russen da!"
Ob der Eintrag auch so wütend ausgefallen wäre, wenn es - wie gewohnt - lauter Deutsche gewesen wären? Dass der Auslandsurlaub wirklich zum Abbau von Vorurteilen und zur Völkerverständigung beiträgt, mag jedenfalls bezweifelt werden. Wer also 1. kein Kapitalist ist und 2. wirklich fremde Einheimische kennen lernen möchte, dem empfehle ich als Reiseziel Balkonien. Dorthin kann man sich dann einige Nachbarn einladen, die in diesem Jahr auch nicht verreisen können, weil sie für den
Einbürgerungstest büffeln müssen. Häufig stammen diese Mitbürger, die echte Gastfreundschaft zu schätzen wissen, aus beliebten Urlaubsregionen. So kann man sich wunderbar ergänzen: Die Gäste erzählen vom Bosporus, von Dalmatien oder dem Zweistromland und bringen vielleicht auch etwas Leckeres von dort mit. Wir als Gastgeber stellen das Bier kalt und bringen ihnen bei, was man als geborener Deutscher quasi mit der Muttermilch aufsaugt: Was die Opposition im Bundestag eigentlich macht oder was Willy Brandt mit seinem Kniefall 1970 bezweckte.
Bei den 310 Auswahlfragen des Tests geht der Stoff für gemeinsame gemütliche Abende der Völkerverständigung so schnell nicht aus. Und wenn alle Deutschländer-Kandidaten später bestehen, gibt es gewiss noch eine rauschende Party. Statt Diaabend nach dem Urlaub. Der ist ja eh schon überholt. Apropos überholt: Unsere rheinische Lokalzeitung erklärte Brandts Kniefall damals damit, der Kanzler wolle dem Ostblock in den A... kriechen. Das ist laut Einbürgerungstest falsch. Aber ich hoffe, der sicher schon pensionierte Redakteur wird nicht noch nachträglich ausgebürgert.
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Zum SeitenanfangAls ich fünf Jahre alt war, durfte ich zuschauen, wie mein Vater beim Lehrerfußball mitwirkte. Nach dem Spiel um einen Kommentar gebeten, sagte ich: "Der Papa hat den Ball nie. Und wenn er ihn hat, dann schießt er nicht." Meine Mutter hielt den Spruch sogleich im Sprösslings-Tagebuch fest. Ich bin dennoch kein Sportreporter geworden. Vielleicht, weil ich in Sachen Sportlichkeit stark auf meinen Vater komme. Vielleicht aber auch, weil ich solche öffentliche Bloßstellungen nicht zum Beruf machen wollte.
Vor Kurzem belehrte mich eine Kollegin, dass "Public Viewing" wieder mal so ein typisches Schein-Englisch ist. Der Ausdruck, hierzulande für öffentliches Sport-Übertragungs-Gucken gebraucht, meint im Original nämlich eine öffentliche Zurschaustellung und wird insbesondere bei der Aufbahrung von Toten benutzt. Wenn man so etwas am lebenden Subjekt praktiziert, heißt es Fußballübertragung. Da werden dann (meist) Männer vorgeführt, wie sie mit großen Gesten lügen (was die Zeitlupe nachweist), sich anscheinend vor Schmerzen winden, wie sie falsche und richtige Tränen vergießen, wie sie auf den Rasen rotzen und wie ihnen das Blut aus dem Kopf läuft. Oder wie sie einfach nur ganz schlecht schießen. Wir stehen davor und regen uns auf, beschimpfen sie, lachen sie aus. So was muss es schon in der Steinzeit gegeben haben, als Reinigungsritual.
Aber Reinigung ist heute nicht mehr möglich, denn vom live gesendeten Schmutz bleibt immer etwas hängen, für ewig. Nehmen wir zum Beispiel Zinédine Zidane: Wenn der mal 80 wird und im Kreis seiner Lieben feiert, präsentieren die bestimmt so einen Video-Rückblick, in dem dann alle sehen können, wie ihm die Sicherung durchbrennt und er den Materazzi umstößt. Die erwachsenen Enkel schlagen sich auf die Schenkel. Wer sich public-viewen lässt, muss wissen, was er tut: Er lässt sich vorführen.
Fußball ist wie das Leben, sagt man, und deshalb so reizvoll. Vielleicht bin ich also kein Sportreporter geworden, weil ich immer noch damit hadere, dass es so geht im Leben: Die Fouler kommen durch, die Helden jubeln auf Kosten der Geschlagenen. Die Häme zerreißt jeden, der mal einen schlechten Tag hat, und der Fußballgott tut, was Einstein ihm eigentlich untersagt hat: Er würfelt.
Immerhin gehe ich mit meinem Jüngsten zum Fußball: Väter-Kinder-Kicken im Park. Neulich fragte mich mein Sohn: "Die Kinder gewinnen immer. Wie machen wir das eigentlich?" Mir kamen fast die Tränen. Im Kindergarten weiß man weder, wie Fußball wirklich geht, noch, wie das Leben spielt. Und damit das noch eine Weile so bleibt, werden die Kleinen fürsorglich betrogen. Aber irgendwann kommt dann das Public Viewing und reißt den Schleier kindlicher Illusionen vom Gesicht der Wirklichkeit. Das nennt man Erwachsen-Werden. Public Viewing ist also ein Initiationsritus. Wer ihn aushält, ist groß. Deshalb betrinkt man sich auch dabei. Danach hat man die Reife, Vater zu werden, also einer von denen, die ihre Kinder dabei zuschauen lassen, wie sie den Ball nie haben. Und wenn sie ihn haben, dann schießen sie nicht.
Audio: Fußball ist unser Leben
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Um die Hektik des modernen Lebens zu ertragen, ist wenig so hilfreich wie Meditation. Der Zen-
Buddhismus benutzt dazu gern ein Koan: einen Sinn-Spruch, der jedoch keinen Sinn ergibt, weil er inhaltsleer oder paradox wirkt. Das soll den Übenden über die rationale Logik hinaus tragen, denn die Erleuchtung winkt erst, wo wir mit dem normalen Denken nicht weiter kommen. Leider sind viele Koans für den heutigen westlichen Gebrauch entweder zu altertümlich ("Ich laufe zu Fuß, aber auf dem Rücken des Ochsen reite ich.") oder zu sehr vom fernöstlichen Kontext geprägt ("Was ist der Buddha? Drei Pfund Flachs!").
Glücklicherweise spült uns das moderne Leben jedoch massenhaft Botschaften zu, deren einzige Daseinsberechtigung darin besteht, dass man sie als neue Koans nutzen kann. So erhalte ich schon seit Wochen immer wieder Mails mit der Betreffzeile: "Man lebt nur einmal - probier's aus!" Dieses Koan ist geradezu klassisch zu nennen: Unter der Oberfläche der Sinnlosigkeit verbirgt sich eine Weisheit, die das Denken transzendiert. Natürlich arbeitet auch dieses Koan mit einem Paradox: Denn eine Probe ist laut Definition etwas Wiederholbares. Was man probieren kann, macht man mehrmals. Wie also probieren, dass wir nur einmal leben? Wer sich ernsthaft darauf einlässt, gerät schnell in einen Strudel schwindelerregender Gedanken, die keine Vernunft mehr fassen kann - das ist der erste Schritt zur Erleuchtung.
Allerdings ist Meditation nie ungefährlich. So rate ich Menschen, die in Lebenskrisen stecken oder zu Depressionen neigen, von diesem Koan ab. Sie könnten ihn leicht als Aufforderung zum Selbstmord missverstehen. Das wiederum erinnert mich an ein Erlebnis meiner Kindheit, das zeigt, wie sehr gerade Kinder unbewusst, aber geschickt die paradoxe Struktur des Koans begreifen und umsetzen. Wir waren damals im ersten Schuljahr, meine Cousine und ich, und die Sinnsprüche begannen auf uns niederzuprasseln, insbesondere von unserem Pfarrer und Religionslehrer. Das brachte uns auf die Idee, einmal experimentell nachzuprüfen, was es mit dem Himmel und dem Leben nach dem Tod auf sich habe. Man lebt nicht nur einmal? Wir wollten es probieren.
Aber wie? Wir suchten eine möglichst einfache Methode zu sterben und fanden sie auf dem Wiesengrundstück hinter dem Haus. Dort hatte mein Vater Gartenabfälle verbrannt. Das war zwar damals auch schon verboten, aber mein Vater, obwohl ebenfalls Religionslehrer, tat es trotzdem. Das Leben steckt eben voller Paradoxe. Uns kam die alte Feuerstelle wie gerufen, denn wir dachten, der Verzehr der kalten Asche würde uns sicher ins Jenseits befördern. Also aßen wir ein Stück. Allerdings nur ein sehr kleines Stück und sehr vorsichtig. Wir hatten nämlich doch Sorge, es könne uns davon schlecht werden. Das Ergebnis fiel entsprechend aus: Uns wurde zwar nicht schlecht, wir starben aber auch nicht. Wir hatten uns an das Koan gehalten: besser nur probieren!
Doch nun genug mit Kindergeschichten. Zur weiteren Übung meditieren Sie bitte ein Koan, das ebenfalls elektronisch im Umlauf ist. Es reflektiert die Hektik des modernen Lebens mit feiner Ironie. Während wir stets in Sorge sind, zu spät zu kommen (was bekanntlich das Leben bestraft), rät es uns: "Nie mehr zu früh kommen!"
Audio: Meditationshilfe per Mail
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Wie Stephan Josef die
weinenden Männer vorführt, hat mich sehr gerührt - nicht gerade zu Tränen, aber ich musste darüber nachdenken, wann ich eigentlich weine. Ich würde es ja gern im Kino tun, das ist so befreiend, tut einfach gut. Aber ich finde keinen geeigneten Film dafür. Gerade die Liebesfilme, wenn sie auf Tränen angelegt sind, wirken schnell kitschig und realitätsfern. Einen Liebesfilm, der zugleich sozial und politisch nah an der Wirklichkeit ist, findet man kaum. Dabei drängen sich die Geschichten doch geradezu auf. Ich jedenfalls habe da schon ein Drehbuch im Kopf:
Sie und er begegnen einander in der Selbsthilfegruppe "Anonyme Bespitzelte". Sie war Verkäuferin bei Lidl, hat dem Druck aber nicht Stand gehalten. Sie kündigte, blieb arbeitslos, bekam ein Alkoholproblem, ihr Mann verließ sie. Sie lebt jetzt von Hartz IV. Damit ist auch die Besetzung klar: Ex-Verkäuferin Gisela wird von
Gabriela Maria Schmeide gespielt. Niemand kann Loserinnen so wie sie. Ich weine schon bei der Vorstellung.
Er war einmal Personalchef bei der Telekom, Mitglied des Vorstandes. Ein deutscher Top-Manager. Aber seit er erkannt hat,
wie der Konzern seine eigene Führungsriege ausspionierte, kann er nicht mehr durchschlafen. Auch die Arbeit fällt ihm schwer, denn er kann nicht mehr telefonieren. Ständig meint er ein Knacken in der Leitung zu hören. Nachts grübelt er nach, ob sie auch ihn damals ausgespäht haben. Schließlich galt er als Außenseiter im Vorstand, zu nah bei der Gewerkschaft. Heinz Klinkhammer spielt in dem Film sich selbst. Sogar seine Familie hat ihn bestärkt, die Rolle zu übernehmen, damit er dem Ricke noch mal eins auswischen kann.
Nachher sitzen die beiden in einer muffigen Imbissbude beim Bier. Stoßen mit den Flaschen an. Er sagt "Gisela", sie "Heinz". Sie erzählt, dass sie nicht mehr ohne Angst auf die Toilette gehen kann. Ständig dieses Gefühl, beobachtet zu werden. "Bei mir ist das Büro das Klo", sagt er. Noch später bei ihr in der Etagenwohnung. Sie sitzen nebeneinander auf der Bettkante. Berühren sich unsicher. "Ich dachte nie, dass mir so einer mal nah sein könnte", sagt sie. "So ein großes Tier." "Wenn man Opfer geworden ist, zählt keine Steuerklasse mehr", sagt er. Spätestens bei dieser Szene werden im Kino die Taschentücher herausgeholt. "Ich habe das Gefühl, durch dich lerne ich das Leben erst kennen", sagt Heinz dann noch. "Ich wollte schon immer spüren, wie das wirkliche Leben ist. Also das Leben der Anderen."
Unsicher bin ich mir noch beim Schluss. Ich meine, er sollte ein wenig komisch sein, um die Schwere zu brechen. Vielleicht kehren die beiden noch einmal in die Selbsthilfegruppe zurück, die sie schon lange nicht mehr besucht haben. Sie waren eine Selbsthilfegruppe zu zweit. Aber jetzt wollen sie die anderen noch einmal treffen. Und dann sitzen da plötzlich
Wolfgang Schäuble und
Gregor Gysi einträchtig nebeneinander in der Runde. "Was machen die denn hier?", fragen die beiden entrüstet. "Wir haben den gleichen Therapeuten gehabt, schon lange, ohne es zu wissen", sagt Gregor. "Und der hat uns hier hin geschickt", ergänzt Wolfgang. "Wir sollten mal sehen, wie es den Opfern geht."

Audio: Die Liebe der Bespitzelten
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Zum SeitenanfangKaum rollt die erste Hitzewelle über das Land, gehen die Menschen ganz anders aus sich heraus. Das habe ich in der vergangenen sonnigen Woche am Kölner Hauptbahnhof festgestellt. Mein Zug hatte Verspätung, so konnte ich mich in Ruhe auf das konzentrieren, was wildfremde Leute einander am Gleis zu sagen haben.
Die Botschaft des jungen blonden Mannes war so kurz wie eindeutig: "Sex". Aber die gleichaltrige Frau reagierte eher abweisend, als sie an ihm vorüber ging: "Boys come, boys go", war ihre ernüchternde Antwort. Etwas abseits standen zwei andere Herren, die es verklausulierter versuchten. "I would like to be your friend", meinte der eine. (Es überwog an diesem Tag auf dem Bahnhof eindeutig das Englische. Wir sind eben eine internationale Stadt.) Der andere versuchte es mit einem geradezu raffinierten Argument: "Trust me, I'm a doctor". Aber auch das verfing nicht. Die attraktive Rothaarige, der er sich genähert hatte, konterte eindeutig - und auf Deutsch: "Heute ist nicht mein Tag." Das musste auch der sportliche Enddreißiger auf sich wirken lassen, der den Spruch mit dem Doktor griffig auf ein Wort verkürzt hatte: "Sanitäter". Vielleicht hätte er mehr Chancen bei der vollbusigen Dame im engen T-Shirt gehabt, die ihre auffällige Erscheinung öffentlich mit den Worten kommentierte: "No Silicon needed". Aber an ihr ging er in weiter Entfernung vorbei.
Später, als ich dann endlich in den Zug steigen konnte, wurde ich noch Zeuge eines Wortwechsels, der weniger erotisch aufgeladen war, aber doch geheimnisvoll blieb. Im engen Gang drängten zwei Jugendliche aneinander vorbei. Der eine: "Ich will Rente!" Der andere: "And one".
So haben Sie die Leute am Bahnhof noch nie reden gehört? Auch ich habe sie nicht gehört, sondern gelesen. Es war eine stumme Unterhaltung, geführt nicht mit dem Mund, sondern mit den T-Shirts. Seit die nicht mehr nur mit Markennamen und Comics bedruckt sind, füllt sich die Welt, sobald es warm wird, mit Parolen und Bekenntnissen. Wir ziehen nicht nur die Jacken aus, wie kehren gleich unser Innerstes nach außen, unsere heimlichen Wünsche vom Sex bis zur Rente. Die Menschen hasten stumm aneinander vorbei, aber sie haben doch etwas zu sagen. Manchmal sogar Dinge, die sie nie sagen würden.
Friedrich Schiller erhoffte einst vom Götterfunken Freude, dass er zusammenführe, "was die Mode streng geteilt". Im modernen Leben ist es gerade die Mode, durch die wir im freudlosen Alltag Kontakt suchen. Früher trug man das Herz auf der Zunge, heute - anatomisch viel näher liegend - auf der Brust. Allerdings sind die meisten Hemdensprüche nicht individuell, sondern von der Stange. Konfektionsware - ganz so wie die meisten Lippenbekenntnisse auch.
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Zum SeitenanfangDieser Tage kramte ich mal wieder in meiner alten Plattensammlung. Zugegeben: zum Aussortieren. Denn obwohl ich noch einen Plattenspieler besitze, nutze ich die nostalgische Technik doch immer weniger. Da fiel mir auch die Erfolgs-LP von Herbert Grönemeyer in die Hände: "4630 Bochum". Ich erinnere mich noch, dass ich den Refrain des Titelsongs damals nie richtig verstanden habe. Ich dachte immer, Grönemeyer sänge dort "Afrikaaa - Bochum." Der Text auf der Plattenhülle lautet aber: "Glück auf - Bochum." Dieses "Afrikaaa" kommt zu stande, weil Grönemeyer (bis heute) stets so einen gurgelnden, knödelnden A-Laut aus der Kehle würgt, sobald er sich beim Singen dem Refrain nähert.
Für mich hatte dieser Verhörer damals aber irgendwie Sinn. Ich bin im Rheinland aufgewachsen, und Bochum lag ganz weit weg. Der Ruhrpott war eine andere Welt, arm, hart, dunkel - ein schwarzer Kontinent sozusagen. Während meiner Schulzeit haben wir einmal einen Klassenausflug dahin gemacht, um diese fremde Welt kennen zu lernen. Der Höhepunkt war - neben einer Currywurstbude - das Opelwerk. Gigantisch und laut. Unser Chemielehrer raunte uns in einer Fließbandhalle zu, wir sollten uns anstrengen und das Abi schaffen, damit wir nicht mal so eine Arbeit machen müssten. Seit diesem pädagogischen Motivationsversuch war Bochum für mich das, wo man hinkommt, wenn man auf der Schule versagt.
Was ich später von Bochum in den Nachrichten hörte, war nicht gerade dazu angetan, diese Vorurteile abzubauen. Stets ging es um Arbeitslosigkeit, Zechenschließungen, abwandernde Firmen. Auch für das Opelwerk, das einst der Förderung meines schulischen Fleißes diente, schien vor einiger Zeit schon Schicht zu sein. Aber nun, in den letzten Wochen, lauten die Schlagzeilen plötzlich ganz anders: General Motors will in sein Bochumer Opelwerk
650 Millionen Euro investieren. Angeblich zeigt auch Nokia Reue und steuert demnächst 30 Millionen für eine Stiftung
"Growth for Bochum" bei. Das klingt nach blühender Landschaft. Und dann zieht auch noch
Blackberry in die Grönemeyer-Stadt, eine Firma, die ein herausragendes Symbol des modernen Lebens produziert, ein Spielzeug für Erfolgsmenschen. Also tatsächlich nur noch "Glück auf" und nichts mehr mit "Afrikaaa"?
Wie immer, wenn der Turbokapitalismus Dampf ablässt, sollte man vorsichtig sein. Schließlich ist auch Nokia einst begeistert begrüßt worden als Speerspitze des Strukturwandels. Aber dann waren die Subventionen verschwunden wie die Entwicklungshilfe in Afrika und Nokia gleich mit. Es gibt in Bochum, in der Innenstadt, ein Viertel, das man uns damals auf dem Klassenausflug vorenthalten hat. Das nennt sich
"Bermuda-Dreieck", angeblich deshalb, weil dort schon mancher abends abgetaucht ist, ohne jemals wieder aufzutauchen.
Audio: Afrikaaa - Glück auf!
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Zum SeitenanfangIch bin mit Tieren groß geworden. Wir hatten Katzen zu Hause, Vögel und weiße Mäuse. Das hört sich idyllisch an. In Wahrheit weiß ich aber gerade deshalb um das prekäre Verhältnis von Mensch und Tier in der modernen Zivilisation. Nehmen wir zum Beispiel Koko, den Wellensittich: Der war so zahm, dass er hin und wieder einige Runden im Wohnzimmer drehen durfte. Der Käfig blieb dann offen, und wenn er müde wurde, flog Koko wieder heim. Eines Tages stand ich am geöffneten Küchenfenster und schlug eine Tischdecke aus. Plötzlich sah ich ein grünes Etwas über meinem Kopf, das schnell in der verschneiten Winterlandschaft verschwand. Das war ein berückend schöner Anblick, aber es war wohl auch Kokos Ende. Ich hatte nicht darauf geachtet, dass der Käfig noch offen war.
Auch für die weißen Mäuse bedeutete Freiheit den Tod. Wir Kinder ließen sie immer wieder versehentlich aus dem Käfig. Und wir hatten ja Katzen. Aber auch die waren ihres Lebens nicht sicher. Es gab in unserer Straße nämlich einen Nachbarn, der im Garten Gift auslegte. Er war ein Singvogelfreund, der glaubte, unsere Katzen würden einen Vernichtungsfeldzug gegen Amsel, Drossel, Fink und Star führen. Deshalb führte er einen gegen unsere Katzen. Weil sich Katzen schlecht erziehen lassen, kam manche von ihren Ausflügen nicht zurück.
Wenn man das Fernsehprogramm und die Gehsteige zum Maßstab nimmt, so lieben wir Tiere: Das eine ist voller Zoosendungen, der andere voller Hundescheiße. Aber unter der Oberfläche von Knut- und Flocke-Begeisterung wabert Unheimliches:
Im Kreis Düren sterben Greifvögel an Giftködern. Die Polizei vermutet Jäger als Täter, welche lästige Konkurrenten aus dem Weg räumen möchten.
Im Ruhrgebiet köpft ein Unbekannter Kaninchen und Hühner, stiehlt die Köpfe und das Blut. Satanistische Rituale? Das fragt sich auch die Polizei.
Durch das Münsterland zog sich jetzt ebenfalls eine Blutspur. Allerdings nur, weil ein Lkw 1.000 Liter Tierblut verloren hatte. Da hätte sich der Satanist leichter bedienen können.
Der Mensch kam als Jäger zur Welt, und dieses Erbe scheint insbesondere der Mann nur schwer los zu werden. Jäger sind Heger, sagen die modernen Jäger. Aber damit ist auch klar, dass Heger Jäger sind. Weil sich jedoch nur wenige ein Jagdrevier leisten können und kaum einer im Schlachthof arbeiten möchte, wissen wir oft nicht, wohin mit unseren dunklen Trieben. Dabei gibt es einen Ausweg: den wirtschaftlichen Erfolg. Nachdem die Männer Mammut und Säbelzahntiger ausgerottet hatten, erfanden sie den Raubtierkapitalismus. Seither ist das Symbol der Männlichkeit nicht mehr die Keule, sondern die Krawatte. Den engen Zusammenhang hat kürzlich wieder
eine Studie der altehrwürdigen Universität zu Cambridge nachgewiesen. Danach sind Männer mit einem hohen männlichen Hormonspiegel an der Börse erfolgreicher. Testosteron stärkt offensichtlich den Killerinstinkt im Kursdschungel. Daraus ergibt sich, dass die tierischen Probleme zwischen Dortmund und Düren durch eine Bildungsoffensive zu lösen sind: Katzen-, Kaninchen- und Habichtmörder sollten ebenso wie Kampfhundfans und Luftgewehrfreaks gezielt auf BWL und VWL umgeschult werden. Ich schlage eine Kampagne vor: "Ganze Kerle jagen den Dax". Damit wäre der Konjunktur und dem Tierschutz geholfen.
Dieser Artikel hat alte Erinnerungen in mir wach gerufen, an die ich schon lange nicht mehr gedacht habe: Wir hatten auch einen Wellensittich namens Koko - gleich drei hintereinander: Der eine ist auch weggeflogen - auf nimmer Wiedersehen - der zweite ist im Putzeimer gelandet, konnte aber noch gerettet werden, der dritte ist fast verhungert, weil meine Mutter beim Saubermachen des Futternapfes die dafür bestimmte Abdeckung falschrum draufgesetzt hat, was zur Folge hatte, dass die für Koko Nr. 2 bestimmten Körner für ihn unerreichbar blieben. Aber irgendwann - ich weiß nicht mehr wie - hat eines der fünf Familienmitglieder gemerkt, was los war, und so konnte Koko doch noch das Leben gerettet werden. Koko Nr. 3 war sehr depressiv - er hat sich ständig die Federn ausgezupft, das war nachher so schlimm, dass es für ihn das beste war, ihn mittels Schuss aus einem Luftgewehr einzuschläfern.
Danach gab es keinen Koko mehr - dafür aber zwei Ziegen namens Astor und Pollux. Die Ausführngen über diese zwei Geschöpfe würden aber hier alles sprengen....
Brigitte am 22.04.08 11:19
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"Ja, ja, auch der reichste Krösus kann schnell alles verlieren. Das kann man schon
bei Herodot lesen", murmelte ich vor mich hin - denn ich dachte gerade über die Bankenkrise nach. Meine Kinder lachten mich aus. "Erstens wird das Hiro ausgesprochen, zweitens sagt man dotcom und drittens ist hero.com ein Portal für Musik-Downloads."
Für meine Blagen ist das Abendland des Herodot schon lange untergegangen und sie vermissen es nicht. Statt dessen wollen sie sich jetzt bei Aka-Aki registrieren. "Was ist denn das schon wieder für ein Quatsch?", fragte ich. "Gar kein Quatsch!", entgegneten sie: "Das wird sogar bei euch bei WDR.de besprochen." Was für ein raffinierter Schachzug, um den Vater matt zu setzen. Tatsächlich
erklärt mein Computer-Blog-Kollege Jörg Schieb die Sache mit Aka-Aki: Da kann man sich auf einer Homepage registrieren lassen und dann per Handy ständig checken, wo die Freunde gerade sind oder Fremde auf der Straße orten, die auch dort registriert sind. Weil sie ein persönliches Profil hinterlassen, lässt sich auch gleich prüfen, ob man sie kennen lernen möchte. Jörg Schieb bemängelt daran nur, dass die Sache mangels Teilnehmer noch nicht so recht funktioniert. Vielleicht haben ja manche Bedenken vor so viel Vorratsdatenspeicherung. Wolfgang Schäuble jedenfalls müsste hoch erfreut sein, dass es Bürger gibt, die freiwillig eine Blankovollmacht zur Handyüberwachung ins Netz stellen!
Die neuerdings so bezeichnete
"Generation Doof" läuft also demnächst mit aktiviertem Handy als sozialem Geigerzähler durch die Fußgängerzonen. Wenn's piepst, heißt das: "Freunde in der Nähe" oder "Achtung, Kontakt anbahnen!" Um Freunde zu treffen oder kennen zu lernen, gingen wir früher in die Kneipe, in die Disko oder ins Freibad. Das funktioniert heute nicht mehr, weil die Leute dort entweder ihren MP3-Player im Ohr haben oder telefonieren. Und woher soll ich wissen, ob die Schöne an der Theke nicht nur schön, sondern auch nett ist? Also erst mal online prüfen und dann mobil anfunken. Wirklich sexy!
Herodot-Leser und Daten-Striptease-Muffel werden den Zug der Zeit nicht aufhalten. Mit unserem Unverständnis beweisen wir nur, dass wir alt werden. Das müssen mir meine Kinder nach der Diskussion über Aka-Aki gar nicht erst aufs Brot schmieren. Kulturkritiker wehren sich gegen dieses Gefühl des Alterns mit bösen Diagnosen über die Gesellschaft. Die Jugend reize das Spiel mit der Identität, werden sie sagen, weil sie ihre Identität eben noch nicht gefunden habe. Aber wer will denn heute noch eine Identität finden? Und wenn schon, dann geht das ganz einfach mit Microsoft. Das habe ich kürzlich im Hilfe-Menü von "Outlook Express" gelesen. Dort heißt es, wörtlich: "Um zu einer anderen Identität zu wechseln, klicken Sie im Menü Datei auf Identität wechseln."
Audio: Nie mehr allein dank Aka-Aki
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Sehr gelacht! Danke.
Anonym am 17.04.08 17:27
Big Brother is watching you.
Leider! Man wird diese Entwicklung nicht aufhalten können. Die virtuelle (online) und reale Welt werden immer mehr verschmelzen.
Marco am 12.05.08 20:23
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Zum Seitenanfang"Das Ei ist ein Symbol des Lebens", dozierte ich vor meinen Kindern, sobald ich wieder Luft bekam. Ich war nämlich etwas außer Atem, vom Eier-Ausblasen. Aber die Osterbastelaktion sollte doch nicht ohne ein wenig Belehrung ungenutzt verstreichen. Also: "Erstens schlüpfen ja die Küken aus den Eiern. Und zweitens ist das Ei rund, ein Zeichen für Vollkommenheit und Ewigkeit." "Und was ist mit dem Hasen?", fragte meine Tochter.
Ach ja, der
Hase. Keiner glaubt mehr an ihn. Schon im Kindergarten rufen sie den beliebten Spottvers: "Angsthase, Pfeffernase, morgen kommt der Osterhase." Damit wird zugleich der Kinderglaube verulkt und der schlechte Ruf des Hasen als Feigling gefestigt. Ganz abgesehen von dem Zynismus des Ausdrucks "Pfeffernase" - spielt er doch auf den erlegten und schon zubereiteten Hasen an. Denn der liegt bekanntlich im Pfeffer.
Dabei meine ich, es sei höchste Zeit für eine Ehrenrettung des Hasen. Während
George W. Bush den Irakkrieg zu dessen fünftem Jahrestag "gerecht und edel" nennt und die Bundeswehr erstmals seit 1945 wieder einen Tapferkeitsorden einführen möchte, sollte sich das Häuflein der letzten aufrechten
Ostermaschierer den Hasen ins Wappen malen. Schließlich dokumentiert das Häschen die pazifistische Seite der Evolution: Wenn es nicht in der Grube sitzt und schläft, dann stellt es seine großen Ohren auf, damit ihm keine Gefahr entgeht. Und wenn eine naht, setzt es seine einzige Waffe ein: die sprichwörtlichen Hasenfüße. Damit kein Jäger merkt, wohin der Hase läuft, schlägt er gekonnte Haken. Und sollte er doch einmal erwischt werden, dann stellt er sich dumm. Er weiß von nichts. Sein Name ist Hase.
Der griechische Dichter Aischylos, der erste Dramatiker der Welt, lässt einen Krieger zu Wort kommen, der beim Angriff des Feindes lieber seine Waffen wegwirft als zu kämpfen und - wie eine altertümliche Redensart sagt - das Hasenpanier ergreift. Der Soldat wusste, was ihn erwartete. Er war ein alter Hase. Die abendländische Kultur beginnt mit einem Lob des Angsthasen. Leider haben die meisten das vergessen.
Ich war schon wieder außer Atem. Jetzt nicht mehr vom Eierausblasen, sondern von der langen Rede, in die ich mich hineingesteigert hatte. Leider waren meine Kinder nur mäßig beeindruckt. "Hase und Ei gehören wohl zusammen, weil der Hase ein Weichei ist", meinte mein Sohn. Und meine Tochter fand mich ein wenig weltfern. "Weltfern ist gut", entgegnete ich trotzig. "Wahrscheinlich liegt das Paradies genau dort, wo sich Fuchs und Hase gute Nacht sagen. Oder auch Hase und Tiger, wie es mal in einem Zoo gelungen ist." "Und was ist mit dem Igel?", fragte meine Tochter. "Welcher Igel?" "Na, der hat doch den Hasen besiegt." "Ach so", sagte ich entrüstet. "Das ist erstens ein Märchen. Und zweitens war der Igel zu zweit, also unfair. Und drittens war das bestimmt kein echter Hase. So wie diese Schokohasen bei genauerem Hinsehen eigentlich Schokokaninchen sind." "Also falscher Hase", sagte mein Sohn.
Audio: Angsthase, Pfeffernase
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Zum SeitenanfangEigentlich wird es allmählich wärmer. Eigentlich verkünden die Vögel morgens früh schon den Frühling. Eigentlich. Aber die Mienen der Menschen in diesem Land wirken wie eingefroren. Gefroren das Lächeln auf den Lippen der sonst so fröhlichen Frau Ypsilanti in Hessen oder bei Hamburgs fidelem Spitzenliberalen Hinnerk Fock - vom Lächeln der Kanzlerin ganz zu schweigen. Warum nur alle diese eisigen Gesichter?
Ich schalte lieber den Fernseher aus und gehe ein bisschen hinaus, spazieren. Die ersten Blumen blühen im Vorgarten, an den Zweigen knospet es, die Sonne wärmt und blendet. Das geht schon wieder so schnell in diesem Jahr, denke ich. Vielleicht gibt es wieder Hochsommer im April. Und mit einem Mal begreife ich, was die Gesichter im Fernsehen so einfrieren lässt: Es sind Veränderungen, die einfach zu schnell kommen. Die Wähler wählen, wie sie wollen, wankelmütig wie das Wetter. Das Parteiensystem "erodiert", wie die Politologen sagen. Das klingt nach Klimakatastrophe: Ein Starkregen und schwups ist der Ackerboden weggewaschen. Eine Abstimmung und schwups können die Politiker mit ihren Aussagen von vor der Wahl nichts mehr anfangen.
Im modernen Leben scheint nicht mehr der Herbst das Symbol der Vergänglichkeit zu sein, sondern der Frühling: Diese Wärme, die viel zu früh kommt und vor der die Bauern Angst haben, weil sie all das Ungeziefer weckt, bevor noch die Saat ausgebracht ist. Uns fehlt der Frost, der einmal alles erstarren lässt, den rasenden Strom der Zeit, all das hektische, überhitzte Getue ...
Das hat jetzt auch die norwegische Regierung begriffen und im ewigen Gletschereis ihrer nördlichsten Provinz, auf
Spitzbergen, einen Bunker errichtet, "das wichtigste Geschenk, das wir der Menschheit machen können", wie Landwirtschaftsminister Terje Riis-Johansen sagt. In einer Lagerhalle unter dem Eis sollen alle Pflanzensamen eingefroren werden, die der Menschheit wichtig sind. 175 Länder haben schon ihre Tütchen gepackt, darin allein 10.000 Reissorten. Das Projekt lässt das Herz jedes Apokalyptikers und Katastrophenfilmers höher schlagen: Wenn der Tanz der Menschheit auf dem Vulkan einst in einer Katastrophe beendet sein wird, werden sich die Überlebenden in waghalsigen Expeditionen zum Polarkreis aufmachen, um dort in den Regalen nach ihren liebsten Reissorten zu suchen.
Dass die Tiefkühlarche funktioniert, hat Spitzbergen dieser Tage schon bewiesen. Dort fanden Forscher einen 150 Millionen Jahre alten Pilosaurier, 15 Meter lang, gut erhalten. Sie nannten das Tier liebevoll "Monster". Das sollte uns ermutigen, nicht nur Samen auf Eis zu legen, sondern alles, was wir unseren Nachkommen vererben wollen, ihre größten Errungenschaften, in Kopie und digitalisiert. Sicher wird das hierzulande eine schwierige Diskussion auslösen. Aber man könnte zunächst ja einfach alles nehmen, was es beim ZDF unter "unsere Besten" schafft. Zusätzlich natürlich das, was vom Verschwinden bedroht ist, von dem man nie weiß, ob man es nicht doch noch einmal braucht. Zum Beispiel die FDP. Und natürlich das Lächeln, ohne das es sich nicht zu leben lohnt. Das ist ja oft schon eingefroren.
Audio: Eingefroren
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Zum SeitenanfangKaum ein Problem bedrückt heranwachsende Jungen so sehr wie mangelndes Heranwachsen. Ich weiß, wovon ich spreche: Mein Sohn gehört nicht zu diesen Hünen, die ihren Eltern und Lehrern auf den Kopf spucken können. Er bekam leuchtende Augen, als er endlich die Größe seines Opas erreicht hatte - mit 16. Leider bestärken viele Erwachsene die Jungen noch in ihrem Wachstumsfetischismus. Wer kennt nicht das Gerede von kleinen Männern als ehrgeizigen Giftzwergen und komplex-getriebenen Wadenbeißern?
Dabei wusste es schon die Bibel besser. Sie erzählt vom Hirtenjungen David, der allein mit der Steinschleuder den hoch gerüsteten Riesen Goliath besiegt. Große, lehrt uns das, sind mitunter tumbe Toren. Kleine dagegen sind wendig, flexibel, gewitzt. Wer es nicht so mit der Bibel hat, der mag in den Wirtschaftsteil der Zeitung schauen: Ständig kaufen sich die großen Konzerne gegenseitig auf, fusionieren und expandieren, weil angeblich nur Größe unschlagbar macht. Was dabei herauskommt, heißt dann Daimler-Chrysler oder Karstadt-Quelle.
In der Politik ist es nicht anders: Da kloppen sich die G's um die Sitze im Weltsicherheitsrat, die EU erweitert und erweitert sich, um mit Amerika und Asien mithalten zu können. Deutschland ist wieder wer und muss deshalb am Hindukusch verteidigt werden. Während die Goliaths viel Getöse machen, verstecken sich die Davids zwischen ihren Beinen und lassen es sich gut gehen. Die sozialen Krisen des Kontinents konzentrieren sich jedenfalls nicht in der Schweiz, Andorra, Monaco oder - Liechtenstein. In der Schweiz hat die David-Goliath-Geschichte sogar eine landestypische Neufassung erhalten: David heißt hier Tell und die Steinschleuder ist eine Armbrust.
Allerdings ist die allgemeine Überschätzung der Größe so dominant, dass auch die Kleinen nicht ganz ohne psychische Kompensation auskommen. Dann importieren sie Hollywoodstars als Fürstinnen oder tragen Namen, die länger sind als die Landesgrenzen im Atlas.
Prinz Alois von und zu Liechtenstein hat dieser Tage auch das Vorurteil von der leicht hysterischen Neigung der Kleinwüchsigen bestärkt. Von Deutschland aus sei ein "vollkommen überrissener Angriff auf Liechtenstein" gestartet worden, sein Land werde von einem "Großstaat angeschossen". Und das nur, weil deutsche Agenten sich einmal einer typischen David-Strategie bedient haben: mit ein paar Millionen die Gesetze der Nachbarn unterlaufen. Die Aufregung in Vaduz wirkt da schon ein wenig überrissen.
David hat ein labiles Selbstbewusstsein. Deshalb ist "Klein, aber oho!" das wirklich letzte Kompliment, dass Männer hören wollen. Ich glaube, das mangelnde Selbstbewusstsein der Kleinen liegt an der Propaganda der Großen, und die entspringt purer Angst. Denn die Kleinen sind einfach erfolgreicher - und Erfolg macht bekanntlich sexy. Wenn sich das erstmal herum spricht, hat Goliath seinen letzten Vorteil verspielt: den bei den Frauen. Das sage ich meinem Sohn.
Audio: Die David-Strategie
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Als ich dieser Tage mal wieder meine Freundin Elke im Biosupermarkt traf, lagen in ihrem Einkaufskorb lauter kleine Tütchen für Suppen und Tees und sonst nichts. "
Heilfasten", sagte sie in meinen fragenden Blick hinein. "Wieso das?" fragte ich: "Hat Dich etwa
Stephan Josefs Nörgelei über die dicken Deutschen so gepackt? Das hast Du doch gar nicht nötig!" Irgendwie kam mein Kompliment bei ihr nicht an, und sie sagte reichlich genervt: "Heilfasten hat doch nichts mit Abnehmen zu tun. Das ist was Ganzheitliches."
Offensichtlich hatte sie schlechte Laune. Vielleicht fastete sie ja schon ein paar Tage, und der leere Magen begann seine ganzheitliche Wirkung zu entfalten. Eigentlich hätte ich also das Thema wechseln sollen, aber dieses "ganzheitlich" wirkt bei mir wie ein Schlüsselreiz für ironische Bemerkungen. So rutschte mir gleich der Satz heraus: "Du glaubst doch nicht etwa an dieses
Märchen vom Entschlacken?" "Aber du glaubst immer noch an die Schulmedizin wie an das Evangelium!", konterte sie. Und beim Stichwort Evangelium fiel ihr ein, dass das Kölner Domradio jetzt einen SMS-Service für Fastende anbiete: Jeden Tag ein Bibelspruch als Hilfe zum Durchhalten. "Das müsste Dir als Theologe doch gefallen!"
Ich als Theologe meinte im Gegenteil, das könne leicht daneben gehen. "Stell Dir vor, die schicken Dir: 'Besser etwas vor Augen zu haben als einen hungrigen Rachen' - vom Prediger Salomo, oder gar vom Propheten Jesaja: 'Der Herr wird für alle Völker ein Festmahl geben mit den feinsten Speisen, ein Gelage mit erlesenen Weinen'. Dann ist es aber vorbei mit dem Spaß an Gemüsebrühe." Elke schüttelte traurig den Kopf. Sie hielt mich nun endgültig für einen Ignoranten in Sachen ganzheitlicher spiritueller Erfahrung. "Dir entgeht einfach was, wenn du das nie erlebst, wie leicht man sich fühlt nach einiger Zeit Fasten. Ein wenig leer und zerbrechlich, aber auch völlig leicht und klar, es ist ein bisschen wie schweben."
Jetzt war es an mir, besorgt zu gucken. "Du warst nicht etwa in letzter Zeit in Vlodrop?" fragte ich. "Vlodrop? Was ist das?" "Das ist ein kleiner Ort, direkt hinter der deutsch-niederländischen Grenze." "Und was sollte ich da?" "Na, ich hatte so einen Verdacht, als du vom Schweben redetest. Denn in Vlodrop lebte bis vergangene Woche der
Maharishi Mahesh Yogi." "Ach, der von den Beatles. Der ist doch gestorben." "Genau. Und der hat seinen Leuten das Fliegen beigebracht. Oder zumindest das Schweben." "Und da siehst du mal, wie effektiv das Heilfasten ist", sagte Elke und strahlte mich endlich fröhlich an. "Für das Yogi-Schweben musste man nämlich Kurse in Transzendentaler Meditation belegen für ein paar tausend Euro. Beim Heilfasten dagegen hebst du ab und sparst noch dabei." Nachdenklich sah ich in meinen vollen Einkaufswagen.
Audio: Zeit für Leichtes
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Mit einem Mal ist mir klar geworden, warum ich dem neuen Jahr
so skeptisch gegenüber stand: Es ist das
"Jahr der Mathematik". Am 27. Januar wurde es in Berlin offiziell eröffnet. Ich habe keine Ahnung, warum das mathematische Neujahr auf den 27. fällt, wahrscheinlich haben sie irgendwie die Zahl der Tage eines Jahres durch die Stunden eines Tages geteilt und mit der nächst höheren Primzahl nach dem Geburtsdatum von Gauß multipliziert... Wie auch immer: Mir könnte man es nicht erklären, denn
so gut ich in Bio war, so ein Versager blieb ich stets in Mathe.
Nie vergessen werde ich die ironische Bemerkung meines Mathelehrers irgendwann kurz vor dem Abitur: Mathematik brauche man praktisch überall. Nur als Jurist vielleicht nicht - und als Theologe. Dabei blieb sein wandernder Blick an mir hängen. Dieser Blick drang mir durch Mark und Bein, und so beschloss ich, Theologe zu werden. Heute bin ich meinem Lehrer dankbar, denn ich glaube, durch ihn ist der Menschheit manches erspart geblieben. Leider fehlte jedoch anderen Oberschülern, die so wenig rechnen konnten wie ich, ein solch beherzter Lehrerspruch im richtigen Moment. Deshalb zog es viele Mathe-Versager nach dem Abitur nicht in die brotlose Geisteswissenschaft - deren Jahr wir 2007 begingen. Vielmehr machten sie dreist Karriere als Banker, Manager und Börsianer - oder gar als Finanzpolitiker.
Woher ich das weiß? Aus einem einfachen Umkehrschluss: Wie könnte es sonst passieren, dass öffentliche Haushalte beschlossen werden, von denen jeder weiß, dass sie nicht aufgehen können? Oder wie kommt es, dass manchen Banken erst jetzt allmählich auffällt, wie groß ihre Verluste am amerikanischen Immobilienmarkt sind - Monate, nachdem der in die Krise geriet? Offensichtlich sitzen da in den Chefetagen Leute, die beim Kopfrechnen immer noch heimlich ihre Finger zählen. Das dauert dann. Aber selbst das mit den zehn Fingern klappt nicht richtig. Denn die Herren von der
WestLB steckten ihre Millionen in ein Fernsehunternehmen, dessen Misserfolg man sich schon an den Fingern einer Hand hätte ausrechnen können. Aber
ich wiederhole mich.
Oder nehmen wir Herrn Olli-Pekka Kallasvuo. Der
Nokia-Chef will sein Werk in Bochum schließen, obwohl es Gewinne macht. Er muss einen Unterschied nie begriffen haben, an den ich mich sogar aus dem ungeliebten Unterricht erinnern kann: den zwischen positiven und negativen Zahlen. Und das passiert im Land der Pisa-Gewinner! Auch den
Börsen-Crash der vergangenen Woche kann ich mir nur dadurch erklären, dass es an Pädagogen wie meinem Mathe-Pauker leider sehr mangelt. Wie könnte es sonst sein, dass all diese Börsen-Gurus im Nachhinein stets genau erklären können, was geschah, es aber einen Tag vorher nicht erkannten.
Damit bin ich wieder bei der Theologie. Dort habe ich nämlich gelernt, dass es sich mit manchen Prophetensprüchen in der Bibel ganz ähnlich verhält: Sie wurden in Wirklichkeit erst nach dem Ereignis geschrieben, das sie beschreiben. Sie sind gar keine exakte Vorhersage, sondern eine poetische Deutung des Geschehens. Ich glaube, an manchem Analysten ist ein solcher Poet verloren gegangen. Und vielleicht würden auch Ex-Banker Jürgen Sengera und Olli-Pekka Kallasvuo ganz leidliche Prediger abgeben, die ihre Gläubigen erfreuen. Hätten sie denn den richtigen Lehrer gehabt. Aber jetzt ist es zu spät - da nützt auch das Jahr der Mathematik nichts mehr.
Audio: Der Nokia-Chef und die Theologie
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Diese Erklärung gefällt mir. In der Firma, in der ich vor ca. einem Jahr noch gearbeitet habe, hatten wir auch solche Strategen im Management. Trotz positiver Zahlen wurde der Laden dicht gemacht, um dann hinterher unsere Tätigkeiten durch die Firma der weltgrößten Schwarzgeldspezialisten erledigen zu lassen.
Addi am 27.01.08 20:36
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Zum SeitenanfangManchmal fühle ich mich so unwohl in meiner Haut, dass ich gern jemand anders wäre. Ich stehe an einem kalten Regentag in der überfüllten Straßenbahn, alles rempelt, schneuzt sich und dünstet, und ich frage mich unwillkürlich: Warum bin ich eigentlich nicht George Clooney? Warum lümmle ich eigentlich nicht den ganzen Tag in coolen Hotellobbys herum und treffe wundervolle Frauen am Kaffeeautomaten?
An solchen düsteren Tagen hilft eigentlich nur ein Gegenmittel: Ich suche mir Menschen, in deren Haut ich ganz sicher nicht stecken möchte. Da ist zum Beispiel der Obdachlose, der in der Bahn seine Zeitung feil bietet, oder die Mutter, nach der sich alle umdrehen, weil es aus ihrem Kinderwagen ununterbrochen brüllt. Wenn das auch nicht hilft, hilft immer noch eins: Ich stelle mir vor, ich müsste Brigitte Koppenhöfer sein.
Wenn ich Brigitte Koppenhöfer wäre, lägen schon neben meinem Frühstücksteller zwei Aktenordner, die schnell noch durchgeschaut werden müssten. Es wären zwei Ordner von den 50 Metern Aktenregal, die zu meinem neuen Prozess gehören. Denn Brigitte Koppenhöfer ist Richterin in Düsseldorf. In den vergangenen Jahren hat sie den Herren Ackermann und Esser gegenüber gesessen im
Mannesmann-Prozess. Wenn sie den stundenlangen Ausführungen der Staranwälte nicht mehr folgen konnte, hat sie sich vielleicht ausgerechnet, wie viele Jahre sie noch ihr Gehalt beziehen muss, um auf Essers Abfindung zu kommen. Nachts, wenn sie über der letzten Akte eingenickt war, rief schon mal ein aufgeregter Bürger an und drohte ihr mit Mord, falls sie die Manager nicht ordentlich verknacke. Am Ende musste sie das Verfahren einstellen, denn im Wirtschaftsrecht liegen zwischen schlichtem Rechtsempfinden und geschriebenem Recht eben viele, viele Meter Akten.
Jetzt befasst sich Brigitte Koppenhöfer mit
Jürgen Sengera. Der hat als Chef der Westdeutschen Landesbank einen Kredit an die britische Pleite-Firma Boxclever zu verantworten. Gerade mal 1,25 Milliarden Euro wurden da verliehen und gut 400 Millionen davon sind futsch für immer. Frau Koppenhöfer muss jetzt beurteilen, wo Leichtsinn aufhört und Untreue anfängt, und dabei helfen ihr wieder einige Staranwälte und jede Menge Aktenmeter. Und wenn Frau Koppenhöfer damit fertig ist, wartet wahrscheinlich schon ein neues unterhaltsames Verfahren auf sie: der Prozess um die Pleite des Babcock-Borsig-Konzerns.
Es geht mir gut, weil ich nicht mit Frau Koppenhöfer tauschen muss. Allerdings: Dafür wäre ich gern mal bei dieser Firma Boxclever Berater gewesen. Ich bilde mir nämlich ein, ich hätte die Pleite verhindert. Die waren ja so clever und wollten Fernseher verleihen, in ganz großem Stil. Mal ehrlich: Wer hat eigentlich kein Geld für einen Fernseher? Und wenn er keins hat, leiht er dann einen für Geld? Ich hätte denen eine Geschichte erzählt, die ich vor Jahren in Sizilien erlebte, zu Gast bei einer sozial schwachen Familie in Palermo. Da lief andauernd der Fernseher. Der gehörte den Leuten allerdings nicht. Sie hatten ihn im Laden mitgenommen und Ratenzahlung beantragt. Sie zahlten aber nicht, und wenn die Mahnung kam, brachten sie das Gerät einfach zurück. Und holten ein anderes bei einem anderen Händler. Es gibt viele Fernsehhändler in Palermo. Die Leute sind eben clever. Das hätte ich denen von Boxclever gesagt, bevor es zu spät war.
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Ich fürchte, 2008 wird für mich völlig langweilig. Nichts ändert sich. Ich bin kein
Raucher, also muss ich nicht raus auf die Straße. Ich beteilige mich nicht an
Sportwetten, brauche also den neuen Berechtigungsschein nicht. Auch die drei neu eingeführten obligatorischen Sport-Stunden pro Woche gelten nur für jugendliche Straftäter in einem NRW-Knast. Zu allem Überfluss bin ich über 40 und falle damit statistisch aus der Gruppe der Feuerwerks-Fans heraus. Ich gehöre zu jener grauen Masse, die von den Medien zum Jahreswechsel schmählich verschwiegen wird. Für mich ist Silvester Montag und Neujahr Dienstag. Ich werde unausgeschlafen aufwachen, das Wetter wird sich nicht geändert haben und Mehdorn verhandelt weiter mit Schell. Sonst noch was?
Meine
Freundin Elke, die ich beim Einkaufen im Biomarkt treffe, findet meine Lethargie ganz fürchterlich. "Neues Jahr, neues Glück", ruft sie so euphorisch aus, dass sich die Leute an der Fleischtheke verstohlen umschauen. Elke will im neuen Jahr endlich den Stromanbieter wechseln und wirklich zwei Mal pro Woche joggen und ihre Schokoladensucht effektiv bekämpfen und netter zu ihren Kindern sein. "Weil der
Meisner das in seiner Weihnachtspredigt gefordert hat?" frage ich. "Unsinn, das kommt von mir selbst. Man muss doch Vorsätze haben!"
"Wer mit Vorsatz handelt, wird härter bestraft", sage ich. Und dann erzähle ich ihr, wie ich mir als 15-Jähriger an Silvester vornahm, endlich meine Schüchternheit gegenüber den Mädchen zu überwinden. "Ich habe das eisern durchgezogen - und bin gleich vierteljährlich mit einem neuen Korb durch die Gegend gelaufen. Das Trauma wirkt bis heute nach." Ich schaue sie ernst an und sie schaut sehr skeptisch zurück. Ich glaube, sie glaubt mir nicht. Ich spüre, wie ihre von zahlreichen Kursen geschulte Menschenkenntnis mich durchdringt. Schon will ich mich schnell verabschieden, aber es ist zu spät.
"Du willst mir doch nicht weismachen, dass dich deine unglücklichen Jugendlieben heute daran hindern, positiv in ein neues Jahr zu blicken?" sagt Elke mit einem etwas höhnischen Unterton. "In Wirklichkeit ist das Problem viel gegenwärtiger. Du weißt nämlich: Das neue Jahr bringt entweder nichts neues, weil der FC nicht aufsteigt. Oder es bringt etwas Neues, weil er aufsteigt. Aber dann steigt er im Jahr drauf wieder ab. Das kann einen schon zermürben, versteh' ich ja." Und dann will sie wohl noch etwas Versöhnliches hinzufügen. "Ich habe mir sowieso vorgenommen, mit dir mal wieder ins Stadion zu gehen. Vielleicht wenn der FC gegen Mönchengladbach spielt, und dann nehmen wir noch
Stephan Josef mit." "Ich nehme mir nie was vor", sage ich, schon im Weggehen. "Nie!"
Audio: Neues Jahr - Neues Glück?
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Zum Seitenanfang"Wo man singt, da lass' dich ruhig nieder. Böse Menschen haben keine Lieder". Der Spruch war in meiner Kindheit geläufig. Er diente in unserer Familie der Förderung häuslichen Singens, das sich durchaus hören lassen konnte - da meine Tante Musiklehrerin war. Gerade in der Advents- und Weihnachtszeit pflegten wir traditionelles Liedgut, dessen Melodien ich liebte, obwohl ich lange nicht verstand, was es mit dem irgendwo entsprungenen Ross oder mit diesem überladenen Schiff eigentlich auf sich hatte.
Wahrscheilich ist es meine musikalische Kinderstube, die mir inzwischen gerade in der Weihnachtszeit tiefe Zweifel an dem alten Spruch einflößt. Denn wenn böse Menschen gar keine Lieder haben, warum haben dann ausgerechnet die Guten so schlechte? In diesem Jahr war die erste Kerze noch nicht angezündet, da rief
Carmen Nebel im ZDF schon zur Hilfe für "Misereor" und "Brot für die Welt" auf. Gute Organisationen, finde ich. Aber womit haben sie die musikalische Untermalung durch André Rieu und Andrea Berg verdient? In dieser Woche dann brachte uns José Carreras in der ARD wieder einmal das Schicksal von Leukämie-Kranken näher. Aber warum in aller Welt serviert ein großartiger Tenor als Soundtrack zu Berichten über Blutkrebs Hansi Hinterseer? Und das ist noch das öffentlich-rechtliche Niveau! Bei
Pro Sieben setzen sich ähnliche musikalische Schwergewichte, wenn es moralisch werden soll, rote Plastikbälle auf die Nase. Ich weiß nicht, ob das an das rotnasige Rentier des Weihnachtsmanns erinnern oder den Advent endgültig zum Karneval machen soll.
Nein, es ist in diesen Wochen wahrlich nicht leicht, gleichzeitig ein gutes Herz und einen guten Geschmack zu haben. Ob die Redakteure der Charity-Sendungen vielleicht glauben, hilfsbereite Menschen müssten hoffnungslos dem Kitsch verfallen sein, weil die Kultur längst von den Zynikern gepachtet wurde? Das könnte leicht eine selbsterfüllende Prophezeiung werden, denn wie soll man diese ganze Charity-Konfitüre ohne Zynismus verdauen? Oder man müsste eisern trainieren, um bei der medialen Weihnachtsstimmung ohne Übelkeit mithalten zu können. Zur Desensibilisierung empfehle ich lange Spaziergänge über die
Weihnachtsmärkte (aber nicht mit Oropax schummeln!), ausgiebige Aufenthalte in großen Kaufhäusern (in Lautsprechernähe) und, wenn alles nichts hilft, einfach ganz viel Glühwein. Zur Trainingskontrolle werden uns dann im Fernsehen regelrechte Testsendungen geboten: Wem die Tränen kommen, wenn Kati Witt bei Kerner über ihr Karriereende weint, der hat es geschafft. Der wird sich jede Gala reinziehen, alle Lieder mitsingen und immer noch ein guter Mensch bleiben können.
Audio: Gutmenschenliedgut
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"Größter Hanstopf aller Zeiten", sagt mein Vater, der unnötige Anglizismen meidet, und schüttelt den Kopf. Er kann die
Hysterie nicht verstehen, denn neben der deutschen Sprache liebt er auch die Wahrscheinlichkeitsrechnung. Ich lächele, weil ich mich freue, den alten Lehrer bei einem Fehler ertappt zu haben. Denn "Jack" in "Jackpot" heißt nicht "Hans", sondern "Bube" - gemeint ist die Figur aus dem Kartenspiel. "Jackpot" ist ein Ausdruck aus der Pokersprache: Hast Du zwei Buben, gehört dir der Topf, der ganze Einsatz. Während ich meinen Vater belehre, muss ich zudem nicht seine lästige Frage beantworten: Warum ich mich anstecken ließ und einen Schein ausfüllte?
Ja, warum eigentlich? Alle scheinen Lotto zu spielen, um endlich kündigen zu können. Sogar die stets so anstrengend gut gelaunten Moderatoren bei Eins Live grüßen ihre jungen Hörer nach der Ziehung der Lottozahlen mit einem fröhlichen: "Wir sind immer noch hier." Warum wollen sie eigentlich weg, wenn sie im Studio doch stets so gut drauf sind? Und wenn ich gewonnen hätte, wollte ich dann wirklich den ganzen Glossenkram Stephan Josef vor die Füße werfen und mich aus dem Staub machen - wohin, ja wohin eigentlich?
"Dort, wo du nicht bist, dort ist das Glück!", trällerte Schubert. Ob sich das mit 30 Millionen auf dem Konto ändern würde? Ich kann mir Multimillionäre nicht als glückliche Menschen vorstellen - dafür habe ich schon in meiner Kindheit zu viele Derrick-Folgen gesehen. Und doch hätte ich das große Geld gern, um in der Welt herumreisen zu können, so lang und viel ich will. Wenn ich das Glück dabei auch nicht fände, könnte ich ihm doch auf den Fersen bleiben, es zu einem hektischen Zickzackkurs zwingen: Heute muss es Hals über Kopf Paris verlassen, morgen schon hat es keine Ruhe mehr auf den Malediven, übermorgen räumt es Kalifornien. Vielleicht würde es irgendwann doch ermüden und ganz außer Atem Schubert Lügen strafen ...
"Wenn Du den Bubentopf knacken willst, musst Du nach Nevada", schreckt mich mein Vater aus den Gedanken. Er hat erst ein Wörterbuch und dann den Atlas zu Rate gezogen - gewiss, um meine Besserwisserei zu toppen (oder zu "übertreffen", wie er sich ausdrücken würde). Er zeigt es mir mit dem Finger auf der Karte: "Jackpot" liegt in Nevada, direkt an der Grenze zu Idaho, 1.589 Meter über dem Meer, etwa ebensoviele Einwohner. Ich fühle mich bei meinen Gedanken ertappt. Sollte sich dort, in den kargen Weiten des Mittleren Westens, das Glück finden lassen? In der Wildnis, ein wenig abseits des Highway 93? Besteht nicht die Möglichkeit, dass dort noch niemand das Glück gesucht und vertrieben hat - zumal der Ort im Gegensatz zu
Woodward County (Oklahoma) noch niemals für eine Welt-Mülldeponie vorgeschlagen wurde? Doch bei näherer Recherche werde ich enttäuscht: Jackpot wurde vor etwas mehr als 40 Jahren von Unternehmern aus Idaho gegründet, als dort das Glücksspiel verboten wurde. Jackpot besteht aus lauter Casinos, ein Westentaschen-Las-Vegas. Ihr Glück macht dort nur die Spielbank - jedenfalls nach der Wahrscheinlichkeitsrechnung.
Audio: Jackpot, Nevada
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Zum SeitenanfangEines Tages wollte der liebe Gott auch mal Urlaub machen. Also schickte er drei Engel auf Kundschaft, um für ihn das schönste Fleckchen der Erde zu finden. Die Himmelsboten sahen sich Hongkong ebenso an wie Ibiza, die USA, Kanada und die Karibik. Aber nur ein Ort gefiel ihnen so gut, dass ein Engel gleich dort bleiben wollte: Köln.
So etwa lässt sich die Story eines bekannten rheinischen Karnevalsschlagers zusammenfassen, dem ich kürzlich, am 11.11., nicht ausweichen konnte, weshalb mir sein Refrain bis heute im Hirn herumspukt:
"Das Hätz vun der Welt jo dat is Kölle
Dat Hätz vun der Welt dat schlät am Rhing."
(Für Nicht-Kölner: Mit "Rhing" ist hier nicht das Autobahnsystem gemeint, welches dem "Hätz" der Welt regelmäßig den Verkehrsinfarkt beschert, sondern der Rhein.) Bescheidenheit ist eine Zier, die den Menschen in Domnähe seit jeher fremd ist. Aber nun will sich auch das Land drum herum nicht länger unter Wert verkaufen. Eine unbekannte Werbeagentur hat offensichtlich bei dem Lied der "Höhner" abgekupfert und will Nordrhein-Westfalen einen internationalen Image-Leitspruch verpassen, der samt dazugehöriger
Kampagne zehn Millionen Euro kosten soll: "Europe's creative heartbeat".
Ganz so global wie Köln will sich NRW also nicht profilieren, dafür wird nun die "Hätz"- oder "heart"-Funktion näher spezifiziert: Sie besteht in der Kreativität. Auch das kann Köln mühelos für sich in Anspruch nehmen. Oder gibt es sonst noch eine Weltmetropole, die so kreativ die Nachteile von Straße und Schiene miteinander kombiniert, dass sogar die U-Bahnen im Stau stehen? Füllt sonst irgendwo ein mittelmäßiger Zweitliga-Club Heimspiel für Heimspiel ein WM-Stadion? Hat man irgendwo phantasiereicher die Parteienfinanzierung durch eine Müllverbrennungsanlage organisiert? Oder die Korruption unter der Bezeichnung "Klüngel" kurzerhand zum schützenswerten lokalen Brauchtum erklärt? Das ist kreativ und herzallerliebst.
Die Sorge, die Provinz des Landes könne bei diesem Kreativitätsniveau der Karnevalshochburg nicht mithalten, ist aber unbegründet. Das beweist jetzt die im Namen des Bindestrich-Landes schmählich verschwiegene Region, die einst die Rose ins NRW-Wappen einbrachte: das Lipperland. Dort sehen sich vier Orte - Extertal und Kalletal, Barntrup und Dörentrup - vom allmählichen Aussterben bedroht. Sie wollen äußerst kreativ auf die Gefahr reagieren: durch
Fusion. Die so entstehende Gemeinde Nord-Lippe wäre mit einem Schlag die zweitgrößte Kommune des Landes, nach Köln. Wenn auch nur in der Fläche. Aber so könnten die Lipper schon mal eine dickere Lippe riskieren, in der Imagewerbung etwa. Die Leute von Extertal und Kalletal, Barntrup und Dörentrup haben das mit dem "heartbeat" jedenfalls verstanden und umgesetzt: kreativ und herzallerliebst.
Ausgerechnet die Landesregierung, die doch die "heartbeat"-Kampagne angestoßen hat, behindert jedoch die lippische Kreativität. Gemeinde-Fusionen könne es nur per Gesetz geben. Warum eigentlich? Etwa weil die Gebietsreformen von oben stets den Widerstand der Basis hervorrufen und dadurch die Kreativität fördern? Ich als Kölner vermute eher, dass sich hier eine altbekannte Wahrheit bestätigt: NRWs "creative heartbeat" schlägt überall - nur nicht in Düsseldorf.
Audio: Herzallerliebst
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Zum SeitenanfangManchmal fühle ich mich am Morgen wie ein kleiner Schuljunge: Während ich den Tee koche, werde ich aus dem Radio mit Tipps zum CO2-Sparen unterhalten. (Energiesparlampen gut, aber nicht im Keller.) Aus dem Briefkasten fällt mir die Zeitschrift meiner Krankenkasse entgegen. Der Aufmacher: Die Ernährungspyramide (Achtung, Fett ist nicht gleich Fett!). Das Frühstücksfernsehen lasse ich zum Frühstück aus, denn dort behelligt mich Hademar Bankhofer wahrscheinlich mit Fruchtsäften gegen Herbstdepressionen oder sie wiederholen die schönsten Spots aus "Der siebte Sinn" ("Argumente gegen Gurtmuffel").
Als Gotthold Ephraim Lessing 1780 seine Schrift "Die Erziehung des Menschengeschlechts" veröffentlichte, konnte er nicht ahnen, wie weit es mit der Pädagogisierung des Alltags einmal kommen würde. Wir sind von Aufklärungskampagnen umstellt wie Troja von den Griechen. Ständig stürmen gute Ratschläge und eindringliche Verhaltensregeln auf uns ein, dass man sich fast wundert, wie wir noch atmen können, ohne uns das vorher wahlweise in der "Brigitte" oder in "Men's Health" erklären zu lassen. Das Problem ist nur: Bei einer Überdosis Erziehung macht das Menschengeschlecht irgendwann dicht. Das ist wie mit der siebten Stunde in der Schule: Da werden selbst die Streber zu renitenten Nichtsnutzen. Wenn ein Schulleiter einen Kollegen so richtig fertig machen will, schickt er ihn zur siebten Stunde in die neunte Klasse. Da erlebt der Pädagoge dann das Armageddon der Pädagogik: ein brutales Gemetzel ohne Sinn und Sieger.
Die siebte Stunde in der Erziehung des Menschengeschlechts haben derzeit die Flughäfen erwischt. Genauer gesagt: die Sicherheitsleute. Können Sie sich 16 Tonnen Zahnpasta, Haargel und Parfums auf einem Haufen vorstellen? Das sammeln die
Handgepäckkontrolleure in Düsseldorf in einem Monat ein. Und zwar seit einem Jahr (macht 192 Tonnen). Anfang November 2006 trat die neue EU-Sicherheitsvorschrift in Kraft, die Flüssigkeiten und Pasten im Handgepäck untersagt, aber das Jubiläum ist kein Grund zur Freude. "Die Passagiere verstehen die Regelung einfach nicht", sagt ein Flughafensprecher. Immer wenn die Sache mit den 100 Millilitern erklärt wurde - in Radio und Fernsehen, im Reisebüro, auf Plakaten am Airport - war gerade siebte Stunde. Die Leute hörten nicht zu, schwätzten mit dem Nachbarn und stopften sich literweise Chanel No.5 in die Handtasche. Das treibt manchen Bundesgrenzschützer in die Sonderpädagogik.
Es gibt allerdings auch Gewinner dieses GAUs in der Erziehung des Menschengeschlechts. Da ist zum Beispiel die Jugendberufshilfe Düsseldorf. Ihr spendet der Flughafen all die Tonnen wertvoller konfiszierter Drogerie-Artikel. Damit üben sich dann Jugendliche als Kaufleute und Logistiker. Die gemeinnützige Organisation kümmert sich nämlich um junge Leute ohne Schulabschluss und Ausbildungsplatz - also um ehemalige Schuljungen, für die irgendwie immer siebte Stunde war und die jetzt in der Gefahr sind, aus der Erziehung des Menschengeschlechts einfach herauszufallen. Diese Schulversager werden jetzt ungewollt unterstützt durch die Lernversager am Flughafen. Da kann ich nur sagen: wie lehrreich!
Audio: Siebte Stunde am Airport
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Genug vom Schikanenfetischismus an der Sicherheitskontrolle? Einmal zuviel die Schuhe ausgezogen wegen einer kritischen Frage? Bummelstreik!
Genervt von der Sicherheitskontrolle am Flughafen? Frustriert von der Tatsache, daß ein paar schnell umgeschulte Langzeitarbeitslose am Fraport uns das Weltterroristentum vom Hals halten sollen? Immer noch keine befriedigende Antwort von den Herren am Metalldetektor bekommen, warum noch kein ICE von der Lahntalbrücke gesegelt oder ein LKW voller Sprengstoff eine Ostseefähre versenkt hat - wo die doch gar keine Sicherheitskontrollen machen?
Und warum in Hahn den Gürtel ausziehen (diese Messerfotos kennen wir ja) und in Frankfurt die Schuhe? Was wenn der Schuhbomber nun Ryanair fliegt?
Was ist mit den vielen Milliarden Euro, die uns EU-Bürgern in Kosmetik & Softdrinks weggenommen und vernichtet werden? Das ist ein realer Wohlstandsverlust - und alles nur, weil die Flughäfen gerne Geld für bessere Röntgengeräte sparen möchten?
Es wird Zeit für den mündigen und freiheitsliebenden Bürger, zurück zu schlagen. Der mündige Bürger reist ab sofort immer mit einer Wasserflasche im Gepäck. Der Laptop wird erst nach Aufforderung ausgepackt. Bei Fragen vom Security-Personal tut man erst mal schwerhörig.
Jacke - in die erste Plastikschale. Den Laptop in die 2. – nach Aufforderung. Dann die Laptoptasche. Oh, Geldbeutel und Schlüssel vergessen – piep – die kommen in die 3. Plastikschale. Da kommt ja auch schon die Laptoptasche wieder, wegen der Wasserflasche. Piep. Oh, der Gürtel. Na klar (mecker, mecker beim Personal). Der Gürtel landet in der 4. Plastikschale. Weil der hoch gebildete und stets freundliche Security-Mann des Bürgers Gegenrede gar nicht leiden kann, sind nun auch die Schuhe noch dran. OK, aber grundsätzlich landen die in der 5. Plastikschale. Piept noch immer? Ach je, die Armbanduhr. Oder die Brille? Fazit: 6 Schalen & eine Laptoptasche. Das Ausgangsband hinter der Maschine ist voll. Der mündige Bürger zieht am Band in aller Ruhe minutenlang seine Sachen wieder an, prüft den Laptop, packt ihn ein und vergisst nicht, den Security-Hilfsarbeiter artig zum Abschied zu grüßen, während dieser von ca. 200 Leuten vor dem Metalldetektor ob der Verzögerung mit Blicken getötet wird.
Wie viele solcher mündiger Bürger braucht es eigentlich, um einen Flieger verspätet abheben zu lassen? Um die Security-Performance von Terminal A zu ruinieren? Würde der Security-Wahn weiterhin auf der Tagesordnung stehen, wenn Flugzeuge ständig Gebühren für Verspätungen zahlen müssten?
Ach so, wir brauchen doch Sicherheit. Ja, wohl wahr. Der Bundesgrenzschutz hat mir noch keine befriedigende Antwort darauf gegeben, wie die aktuelle Sicherheitskontrolle verhindern würde, daß ein Terrorist mit mindestens 12 Stunden McGypher-Fernsehkonsum nicht doch einen kapitalen Flammenwerfer oder Schneidbrenner aus Duty-Free-Rum, Silikonschlauch, Stahl-Kugelschreiber, einem Platinschmuckstück als Zünder und der medizinischen Sauerstoff-Gasflasche an Bord des Flugzeugs basteln würde. Oder der klassische 80er-Jahre-Drogenschmuggler-Film. Plastiksprengstoff in Kondomen verschluckt. Abführmittel als Aspirin gefälscht. Kommt doch dauernd vor, das mit den Kondomen und dem Kokain.
Aber der Profiterrorist lacht sich vermutlich ins Fäustchen über die vergeudete Lebenszeit und verlorenen Wohlstand und vergeudete Lebensfreude des Westens... und kauft schon mal Dünger für die Ostseefähre seiner Wahl.
Guten Flug in die Ferien! Und denken Sie dran: Immer nur einen Gegenstand pro Plastikschale - und nur nach Aufforderung, so lange bis der Schichtleiter der Sicherheitskontrolle weint. Und dann sagen Sie ihm: „Sie müssen doch nicht in der Flugbranche arbeiten. Sie könnten doch auch die Bahn wählen.“
Hein Heinsen am 26.06.08 16:41
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Zum SeitenanfangManchmal schenkt einem das Fernsehen wahre Offenbarungen. Vor ein paar Tagen musste ich schon früh morgens zum Arzt. Ich fühlte mich müde, ausgebrannt, schlapp. Bestimmt war eine Krankheit im Anzug, brauchte ich mal ein paar Tage Auszeit. Mein Hausarzt klopfte hier, fühlte dort, maß dies und jenes und erklärte mich schließlich für "völlig gesund". Vielleicht sei es der Herbst oder ich triebe zu wenig Sport. Auf dem Rückweg war mir elend zumute. Nichts ist schlimmer, als sich krank zu fühlen und gesund zu sein. Zu Hause warf ich mich aufs Sofa und schaltete das Frühstücksfernsehen an. Und da sagte dann Rainer Wend von der SPD jenen Satz, der mir ein inneres Licht ansteckte. "Die Menschen haben jenseits der Fakten Empfindungen."
Ich muss gestehen: Ich kannte Rainer Wend bisher gar nicht. Welch ein Fehler! Denn Philosophen wie er sind rar in der Politik. Wend ist eine Art sozialdemokratischer Anti-Wittgenstein.
Ludwig Wittgenstein schrieb den berühmten Satz: "Die Welt ist die Gesamtheit der Tatsachen." Genau deshalb ist die Welt auch so kalt und ungemütlich: "Fakten, Fakten, Fakten." Aber wir haben Empfindungen jenseits der Fakten, und mit denen fühlen wir uns oft ganz furchtbar allein. Wir fühlen uns krank, aber unser Hausarzt schüttelt den Kopf. Wir leiden unter dem miesen Sommer, aber am 1. September erklärt uns Jörg Kachelmann, er sei insgesamt recht warm gewesen. Wir spüren, dass wir eigentlich mehr verdienen müssten, aber der Chef mauert.
Rainer Wend wollte mit seinem genialen Aphorismus den aktuellen
Konflikt in seiner Partei erklären: Den Fakten nach habe Müntefering Recht, die Arbeitsmarktreform sei sehr erfolgreich. Aber - und jetzt folgt der Satz in seiner ganzen Länge: "Die Menschen haben jenseits der Fakten Empfindungen und denen gibt Kurt Beck Ausdruck." Mir hat dieser Satz die moderne Welt ein Stück durchschaubarer gemacht. Diese Welt steckt nämlich voller sauerländischer Fakten-Sherriffs: Mein Hausarzt ist eine Art Münte der Gesundheit, Kachelmann ein Münte des Wetters. Aber wir sehnen uns zwischen all diesen westfälischen Erbsenzählern nach einem gefühligen, rheinisch-pfälzischen Gegengewicht, nach jener Empfindsamkeit, die eben eher auf einem Weinfest bei Mainz als auf dem Kahlen Asten zu finden ist. Deshalb findet Kurt Beck jetzt so viel Zuspruch: Er ist der Robin Hood unserer unterdrückten Empfindungen.
Sigmund Freud sah uns zerrissen zwischen Realitätsprinzip und Lustprinzip. Aber es gibt eine Versöhnung zwischen beiden: das Beckprinzip. Das liegt irgendwo zwischen Kopf und Bauch, etwa da, wo das Herz am rechten Fleck sitzt, wie man so sagt. Allerdings hat das Beckprinzip eine Schwäche: Es lässt sich meist nur vor und auf Parteitagen durchsetzen. An den wirklich entscheidenden Stellen sitzen dagegen die Fakten-Müntes und haben gegen unsere Empfindungen stets nur ein Totschlagargument: Sie seien zu teuer. Was also tun? Ich habe, da mein Arzt mich nicht krank schrieb, noch ein paar Notizen für diese Glosse verfasst. Dann habe ich eine Flasche
Wein aus dem Siebengebirge geöffnet und mich ihr und all meinen Empfindungen jenseits der Fakten hingegeben. Ich habe auf das Wohl von Rainer Wend getrunken und später die Decke über den Kopf gezogen. Am Morgen war der Kopf dick und ich blieb im Bett. Ich habe gestreikt wie ein Lokführer. Soll mir keiner vorrechnen, welchen wirtschaftlichen Schaden solches Verhalten anrichtet. Ich kann sie nicht mehr hören, diese dauernde Beckmesserei.
Audio: Jenseits der Fakten
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Zum SeitenanfangDie Tage werden kürzer, da gibt es wieder mehr Gelegenheit, den Blick nachdenklich zu den Sternen zu heben. Das gilt ja seit alters her als tiefsinnige Beschäftigung. Schon den Philosophen Immanuel Kant konnte nichts so sehr erstaunen wie "der gestirnte Himmel über mir und das moralische Gesetz in mir."
Im modernen Leben ist allerdings viel weniger Platz zum Staunen. Vom "moralischen Gesetz in mir" ist ungefähr das übrig geblieben, was Sportler mit dem Satz umschreiben: "Ich fühl' mich mental total gut drauf." Und wenn meine Kinder den Himmel beobachten, reden sie stets davon, dass manche Sterne, die man da sieht, gar nicht mehr existieren. Einstein als Schulstoff. Immerhin wollen sie sich noch etwas wünschen, wenn sie eine Sternschnuppe entdecken. Nur kann man sich nie sicher sein, ob man wirklich eine Sternschnuppe gesehen hat oder irgend einen Satelliten, der gerade durch einen kontrollierten Absturz verschrottet wird.
Vor jetzt genau 50 Jahren hat das moderne Leben sich des Himmels bemächtigt: Da hörte
Heinz Kaminski von der Sternwarte Bochum so ein hohes Piepen aus dem All. Das waren nicht die Aliens, die endlich mal anriefen, sondern die Russen, die sputnikten. Inzwischen hängt der Himmel voller Geigen - und Drums und E-Gitarren. Die Sphärenklänge, welche die alten Griechen dort oben vermuteten, machen wir selber. Radio und Fernsehen kommen aus dem Orbit, mitunter telefonieren und mailen wir auch via Satellit, was für die Geheimdienste recht praktisch ist, weil es ihnen das Mithören erleichtert. Unterwegs wissen wir nur noch per Satellit, wo wir uns befinden - wenn das Pentagon gerade mal die GPS-Sender stört, finden wir nicht mehr nach Hause.
Auch wer verliebt auf einer Parkbank sitzt und in die Sterne schaut, kann sich nicht mehr auf romantische Gefühle verlassen. Denn während er schaut, blicken die künstlichen Sterne zurück. "Vielleicht werden wir ja gerade fotografiert", sagt sie. "Und dann findet uns dein Mann bei Google Earth", sagt er. Schließlich hat er dort erst vor kurzem den großen Swimmingpool der Nachbarn entdeckt, den die hinter einem hohen Gartenzaun verborgen hielten.
Wenn die Aliens nun einmal wirklich funken würden - ob ein Kaminski in Bochum sie bei all dem Lärm und Weltraumschrott in der Umlaufbahn wohl noch entdecken könnte? Vielleicht würden sie uns auch gar nicht finden. Der Kolumbus unseres Sonnensystems stieße zuerst auf das ganze Glitzerzeug, das die Erde umkreist. Warum sollte er nicht annehmen, dass wir in diesen Dingern leben? Schließlich gelänge es ihm, unsere Sender anzuzapfen, und schon hätte er zum Beispiel eine brasilianische Telenovela auf seinem Schirm. Er würde staunen über die moralischen Gesetze in uns. Zurückgelehnt in seinem Commander-Sessel käme er womöglich nie mehr von der Glotze los. Und wir Erdlinge blieben von der Invasion verschont.
Audio: Der Himmel voller Geigen
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Es wird wird wieder Zeit, den alten
Rilke zu zitieren: "Der Sommer war sehr groß" empfinde ich in diesem Jahr zwar als reinen Hohn. Aber es stimmt wohl doch. Sonst könnten die Winzer im Siebengebirge nicht den Beginn der
Weinlese melden, zwei Wochen früher als üblich. Noch wächst bei ihnen der nördlichste Wein Deutschlands und lockt zu einem Spätsommerspaziergang. Bei fortschreitendem Klimawandel wird der nördlichste Wein des Landes wahrscheinlich bald irgendwo am Niederrhein reifen. Dann mag Kollege Stephan Josef dort in seiner Heimat herumspazieren und herumglossieren. In diesem Jahr fahre ich aber noch zum Drachenfels.
Hier gleich mein Insider-Tipp: Missachten Sie das Karnevalslied und beginnen Sie Ihre Tour nicht in Königswinter, sondern davor oder dahinter. Denn in dem Städtchen tobt der sogenannte Rhein-Romantik-Tourismus: Lauter Kegelclubs besuchen das Weinfest, trinken aber Bier und Wodka-Feige. Am Ende lassen sich die Esel noch per Esel auf den Drachenfels schleifen, wo leider kein Untier mehr haust, das die Landschaft gegen grölende Schnapsnasen verteidigen könnte. Schauderhaft. Ich kehre lieber bei einem abgelegenen Winzer ein und genehmige mir vor dem Start einen heimischen Schoppen. Mit einem leichten Kabinett im Magen wandert es sich gleich beschwingter.
Zweiter Insider-Tipp: Nehmen Sie sich etwas zu lesen mit! Denn es heißt ja nicht umsonst "Weinlese". In Vino Veritas, sagten die alten Römer: Im Wein ist die Wahrheit. Der Wein ist ein literarisches Getränk. So finde ich am Hang zwischen den Reben bald eine Bank, wo ich zur Zeitung greife. Die Sonne lugt zwischen den Wolken her und hört hoffentlich Rilkes Bitte: "und schick die letzte Süße in den schweren Wein." Ich habe mir vom Winzer etwas in meine Feldflasche füllen lassen, weder süß noch schwer natürlich. Das trinke ich zur Zeitungslektüre, wo ich im Wirtschaftsteil erfahre, dass die Ruhr-Kohle AG jetzt
"Evonik" heißt. So ein Quatsch. Wissen Sie, was "Arcandor" ist? Der neue Name von Karstadt-Quelle. Kennt kein Mensch. Diese Marketing-Gurus missachten eine Wein-Weisheit, die schon in der Bibel steht: In neue Schläuche gehört neuer Wein. Neue Schläuche allein reichen nicht.
Mein Schlauch ist alle, so wandere ich jetzt in den Wald hinein und lasse die Verrücktheit der modernen Welt hinter mir. Das
I-Phone zum Beispiel. Kostet 300 Euro, mit Zubehör und Handyvertrag 1.000 im Jahr. Ist aber hip, weil man damit Musik hören und surfen kann. Mir reicht dafür das kleine Wanderlokal hinter dem Ölberg. Zwei, drei Gläser einer süffigen Spätlese für wenige Euro, schon höre ich eine innere Musik, die mir kein Kopfhörer bieten kann, und die weitere Wanderung kommt mir vor wie das reine Surfen.
Die Bäume schwanken, ich schwanke, die Fantasie ist angeregt. Kein Wunder, dass hier so viele Legenden und Sagen entstanden. Man kommt hier leicht in einen Zustand, in dem einem
Kardinal Meisners Reden gegen moderne Kirchenfenster und "entartete Kultur" irgendwie logisch vorkommen. Vielleicht findet er seine Wahrheit auch im Wein, im Messwein natürlich.
Am Ende lande ich auf dem Drachenfels. Die Aussicht ist herrlich, aber irgendwie verschwommen. Für den Abstieg sind mir Kopf und Beine zu schwer geworden. Also lasse ich mich von einem Esel hinabtragen und lande genau in Königswinter, nicht davor und nicht dahinter.
Audio: In Vino Veritas
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So ist das mit der Veritas: seit 17 Jahren liegen unsere nördlichsten Weinanbaugebiete an Unstrut/Saale und Elbe - übrigens ganz ohne Klimawandel. Ein Wandel war aber schon dafür erforderlich. Und der Wandel, der da hinter steckt, macht uns auch ganz kräftig zu schaffen.
E. Lebück am 23.09.07 22:21
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Es ist ein
alter Traum von mir: Einmal durch Glossenschreiben und Apokalyptik-Forschung reich und unabhängig geworden, werde ich mich in den hohen Norden zurückziehen, in ein Blockhaus an einem Fjord. Allerdings beschleicht mich inzwischen die Ahnung, dass ich mich beeilen muss. Seit Michael Ballack einst erklärte, er stamme aus dem ehemaligen Osten, wissen wir ja, dass auch Himmelsrichtungen nicht vor dem Verschwinden geschützt sind. Durch den Klimawandel könnte auch der Norden dieses Schicksal erleiden.
Deshalb bin ich froh, dass die Große Koalition das Problem jetzt in die Zange nimmt. In der vergangenen Woche reiste die
Kanzlerin (CDU) in den fernen Osten, während ihr
Außenminister (SPD) sich des hohen Nordens annahm. Angela Merkel, die heilige Johanna von Heiligendamm, schwor Chinesen und Japaner auf den Klimaschutz ein, während Walter Steinmeier, Liebhaber von Strickpullovern, sich auf Spitzbergen das Schmelzen des Eises vorführen ließ. Früher hätte man witzeln können: Die Koalitionspartner verstehen sich so gut, dass sie ihre Außenpolitik an den entgegengesetzten Enden der Welt machen. Aber, wie gesagt, auf die Himmelsrichtungen ist kein Verlass mehr: Einst verschlang die Pol-Passage ganze Expeditionen. Inzwischen ist sie im Sommer so eisarm, dass Steinmeier mit dem Forschungsschiff "Lance", auf dem er zu Mittag aß, nur einen Katzensprung weiter nach Norden hätte dampfen müssen, um gegenüber bei seiner Chefin aufzutauchen.
Eigenartige Zeiten: Kürzlich war auch die Kanzlerin in Grönland, der Norden hat Konjunktur. Im Kalten Krieg hofften alle im Westen auf Tauwetter-Perioden. Jetzt setzen darauf ausgerechnet die
Russen und pflanzen vorsorglich schon mal ihre Flagge auf dem polaren Meeresgrund auf. Vielleicht wird George W. Bush noch zum Klimaschützer, nur damit Putin nicht den Pol bekommt.
"Was hast du eigentlich mit deinem Norwegen", fragt meine Lebensgefährtin. "Wahrscheinlich noch mal die Jahreszeiten erleben", antworte ich. Hier erkennt man den Sommer ja nur noch daran, dass der Bauernverband die Ernte beklagt, und den Winter an der Weihnachtsdeko, die über den gut besetzten Straßencafés baumelt. "Na, und dort erkennst du den Sommer an der Mückenplage und den Winter daran, dass es nicht hell wird", sagt sie. Denn sie möchte später lieber in den Süden. "Der ist doch abgebrannt", versuche ich es mit Zynismus. Aber das beeindruckt sie nicht. Ich werde wohl die UNO anrufen müssen. Die will doch den Nord-Süd-Konflikt überwinden.
Audio: Kompass-Verwirrung
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Wenn ich in den letzten Wochen mal spätabends nach Hause kam, den Regenschirm zum Trocknen im Badezimmer aufstellte und die nassen Klamotten auszog, dann schaute ich gern noch ein wenig bei Arte herein. Denn dort war wenigstens Sommer: Wochenlang widmete der Sender sein Spätprogramm dem
"Sommer of Love" 1967: Nostalgie pur mit Monterey und Woodstock, Hippies und Freaks. Da wurde mir so warm uns Herz, dass ich ganz vergaß, die Heizung hoch zu drehen.
Dabei war die Flowerpowerzeit näher betrachtet so lustig nicht. Warum tanzen da auf dem Bildschirm lauter Tote herum, die noch leben könnten? Janis Joplin, Jimi Hendrix ... Bewusstseinserweiterung bis zur Bewusstlosigkeit ist auf Dauer sehr ungesund. Deshalb war ich kürzlich auch ein wenig beunruhigt, als meine Tochter samt pubertärem Bruder auf das Kölner Summer Jam-Festival fuhren. Vor ihrer Abreise habe ich ihnen eine präventive Gardinenpredigt gehalten, für die ich eigentlich ein Honorar der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung verdient hätte. In dieser Rede fiel auch ein Name, der meinen Sprösslingen bisher völlig unbekannt war:
Roswitha Müller-Piepenkötter. Die NRW-Justizministerin lässt nämlich auch den kleinen Joint zwischendurch wieder strafverfolgen: Null Toleranz bei weichen Drogen. "Wer schon so bekifft heißt", kommentierte mein Sohn.
Meine alte Freundin Elke findet Frau Piepenkötter auch ziemlich uncool.
Elke lebt öko, lebt gesund, aber hin und wieder gönnt sie sich auch eine Tüte Nostalgie. Ihr in meinen Augen reichlich wackeliges Argument lautet: Cannabis gebe es schließlich sogar in der Apotheke! Das sei jetzt behördlich erlaubt, wenn auch nur als Ausnahme. Elke zeigt mir einen Artikel und mein Auge bleibt begeistert an dem Namen der Behörde hängen, die diese Genehmigung erteilte: die
Bundesopiumstelle in Bonn.
Wenn das mal kein bekiffter Name ist! Und ein nostalgischer dazu. Ich denke an Opiumkarawanen im alten China und an "Opiumhöhlen", wie die Coffeeshops vor hundert Jahren hießen. Was mag das für eine Behörde sein? Wahrscheinlich wurde sie beim Berlin-Umzug vergessen. Dort schleichen Männer mit langen Bärten in weißen Kitteln zwischen Labortischen herum, auf denen in gläsernen Phiolen süßlich duftende Flüssigkeiten vor sich hin köcheln. Andere Referenten ruhen in großen Liegestühlen und nehmen ausführliche Selbstversuche vor. Ja, in Bonn haben sich die letzten Überlebenden des Summer of Love verkrochen. Sie haben ihren Marsch durch die Institutionen gewonnen. Einige schreiben an einer großen Studie über Karl Marx' Theorie zum "Opium des Volkes". Andere geben hin und wieder eine kleine subversive Sondergenehmigung heraus. Ihre einzige Furcht: dass Roswitha Müller-Piepenkötter sie entdecken könnte. Ihr großer Traum: die Jamaika-Koalition.
Audio: Opium des Bundes
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Es wird Zeit, dass ich es mal so ganz nebenbei bemerke: Ich hatte Bio Leistungskurs. Sonst traut man ja Glossenschreibern im Allgemeinen und
Apokalyptikern im Besonderen naturwissenschaftlich eher wenig zu. In Bio waren solche Sprüche Mode, wie sie Heranwachsende eben witzig finden. "Ist alles ein Kommen und ein Gen" zum Beispiel. Damals war das ja auch noch witzig: Die Gene hingen friedlich und ruhig in ihrer Doppelhelix herum und kamen eigentlich nur bei Sex in Bewegung. Gene weckten also durchaus angenehme Assoziationen.
Aber während einige von uns später Theologie studierten und Glossenschreiber wurden, erkannten andere die Zeichen der Zeit und ließen sich zu Gentechnikern ausbilden. Sie brachten den Genen das Hüpfen bei, bis sie die reinsten Springteufel wurden, die auf Befehl "Bäumchen wechsel Dich" spielen: vom Bakterium ins Getreide oder von der Ratte ins Schwein. Und jetzt haben wir den Salat - oder die
Kartoffeln oder den Mais.
Sensible Menschen kann das ganz schön durcheinander bringen. Zum Beispiel meine Freundin Elke: Die hat nämlich nicht nur eine
Verpackungsallergie, sondern auch einen sehr empfindlichen Magen. Als sie jetzt diese Bilder aus England sah, wo die gekeulten Kühe per Baggerschaufel in Lastwagen gekippt wurden, drehte sich ihr Magen gleich um und sie beschloss, Vegetarierin zu werden. "Maul- und Klauenseuche bedroht zwar nicht den Menschen, aber damit will ich nichts mehr zu tun haben", sagte sie. Kaum hatte sie sich jedoch mit genügend Joghurt eingedeckt, kam das Guarkernmehl aus Indien, das uns
Dioxin in die
Milchprodukte schmuggelte. "Erst trinken die Asiaten uns die Milch weg, bis hier die Preise steigen, und dann mischen sie uns auch noch Gift rein", sagte Elke. "Willst du jetzt Rassistin werden?" reagierte ich empört. "Nein, Veganerin".
Aber da kam ich ihr mit den Genen. Genveränderte Gewächse dürfen nach dem Willen der Bundesregierung demnächst vermehrt auch bei uns im Freiland angebaut werden. Pflanzen haben also auch ihre Unschuld verloren. (Ein Argument, dass ich natürlich nur gebrauchte, um von meiner bleibenden Schwäche für Fleisch abzulenken.) "Ich kaufe ja nur Bio", sagte Elke: "Da sind keine Gene drin." Mich ritt wohl der Teufel, denn ich erzählte ihr davon, wie gut die Gene hüpfen können. "Aber es gibt doch diese Feldabstände", meinte Elke gequält. Das wischte ich auch vom Tisch: "150 Meter Sicherheitsabstand zu einem normalen Feld, 300 Meter zu einem Biofeld, das ist doch lächerlich. In England kommen diese kleinen
MKS-Tierchen ja sogar aus streng geschützten Labors hinaus und spazieren schnurstracks in den nächsten Stall. Und da soll die Gene ein etwas breiterer Feldweg aufhalten?"
Elke wirkte verzweifelt. "Was soll man da noch essen?", fragte sie und blickte ratlos an sich herunter. "Du hast tatsächlich schon ziemlich abgenommen", sagte ich - einfach, um auch mal was Nettes zu sagen. Aber ein Rat fiel mir auch nicht ein. Als Theologe dachte ich gleich an
Anna Katharina Emmerick, diese Heilige aus dem Münsterland, die Jahre lang nur von Hostien lebte. Aber als Bio-Leistungskursler muss ich sagen: ein allzu apokalyptisches Konzept.
Audio: Hüpfende Gene
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Versonnen sitze ich im Kinderzimmer und schaue meinem Jüngsten zu, wie er einen Güterzug über die Holzschienen schiebt, in den Tunnel hinein, die Brücke hinauf und ab zum Containerbahnhof. Ob ich ihm doch eine sündhaft teure Elektroeisenbahn besorgen werde, wenn er älter ist? Schließlich besaß ich als Kind auch eine. In jedem kleinen Jungen steckt ein Lokomotivführer. Ich glaube, das war auch schon so, bevor die
Eisenbahn erfunden wurde. Nur dass die kleinen Jungen damals ihre Träume noch nicht recht deuten konnten. Die Lok ist ein männlicher Archetyp: Dampfend vor Kraft, eisenhart, unverwüstlich und im Führerstand steht ein
echter Kerl, rußverschmiert, der die Zügel des Schienenrosses in seiner geübten Hand hält.
Jetzt drohen ausgerechnet die Lokführer, die Bahn lahm zu legen - welch ein innerer Widerspruch. Manfred Schell und Hartmut Mehdorn benehmen sich seit Wochen wie zwei Dampfschlachtrösser, die auf eingleisiger Strecke aufeinander zu rasen. Allmählich dämmert das auch den Beteiligten: Sie rufen jetzt nach einem Mediator, wie man es von zerrütteten Ehen oder verfeindeten Nachbarn kennt. Aber wer könnte diese Aufgabe übernehmen? Von Herta Däubler-Gmelin ist die Rede. Aber die würde nach einigen Stunden vor lauter Frust beide Streithähne mit Hitler vergleichen und aus wär's. Gerhard Schröder wurde genannt. Da käme am Ende die Fusion der Deutschen Bahn mit der Transsibirischen Eisenbahn.
Außerdem sind Politiker auf all diese vordergründigen Themen fixiert, auf Gehaltsforderungen, Spartentarifverträge, Arbeitsplatzgarantien. Das sind doch Scheingefechte an der Oberfläche. Ich würde Mehdorn und Schell auf zwei Couchen legen, solche altertümlichen mit einem runden Wulst als Kopfstütze. Solche eben, wie sie Sigmund Freud verwendete. Dann würde ich beide nur noch Hartmut und Manfred nennen, wie es auch ihr Papa getan hat, und würde sie auf eine Phantasiereise schicken, zurück in ihre Kinderzimmer. Denn dass der
Bahnkonflikt in beider frühen Kindheit wurzelt, liegt auf der Hand.
Ich will kein Ergebnis vorwegnehmen. Aber ich vermute, Hartmut hat nie wirklich verarbeitet, dass er kein Lokführer geworden ist. Nur Bahnchef. Das erfüllt ihn bis heute mit Komplexen und Missgunst. Manfred dagegen hat sich den Jungentraum erfüllt, ist aber tief enttäuscht worden. In seiner Kindheit fuhren noch echte Dampfloks. Heute gibt es nur noch Dieselstinker und Elektrotriebwagen. Welcher Junge möchte denn "Triebwagenfahrer" werden? Manfred fiel in ein tiefes Loch, floh in die Gewerkschaftsarbeit, wo er jetzt die Muskeln spielen lässt - eine traurige Ersatzhandlung.
Beide würden erzählen, erzählen, erzählen ... und dann irgendwann einschlafen. Dann würde ich im Nebenraum eine große Elektroeisenbahnlandschaft aufbauen. Gerade, wenn beide tief in einer Traumphase steckten, würde ich sie wecken und zu der Eisenbahn führen. Dort würden sie dann spielen, leidenschaftlich, verzückt, selbstvergessen. Danach wäre der Tarifstreit vorbei.
Audio: Dampf ablassen
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Hab' ich es nicht letztens erst gesagt:
Echte Kerle sind nicht mehr gefragt! Denn was macht einen echten Kerl? Testosteron natürlich, der Stoff, aus dem Männer sind. Aber wer zuviel davon hat, der darf nicht mehr mitmachen in Frankreich. Die sommerliche
Radtour dort gleicht in ihrer letzten Phase dem alten Kinderlied von den "zehn kleinen Afrikanerlein". Und am Ende gibt es kaum Jubel in Paris, weil die Zuschauer die Fahrer gar nicht kennen, die auf der Champs Elysée einfahren. Ich vermute, beim Fahrradsport wird sich so eine Art Anti-Darwinismus durchsetzen: Die Starken sind verdächtig. Also immer schön hinten bleiben und am Berg auffällig keuchen. Vielleicht bleibt man ja als letzter übrig. Oder bekommt wenigstens das einzige Trikot, das noch zählt: die saubere Weste.
Aber wir sollten nicht spotten. Denn das zweirädrige Treiben ist längst ein Gleichnis für unsere Gesellschaft: Nach oben kommt man nur mit Betrug. Deshalb dient der Skandal als Mittel, um die Führungskräfte auszutauschen, bei
Banken ebenso wie bei
Konzernen und in der
Politik. Aus Darwins "survival of the fittest" ist längst das Überleben der Nicht-Entdeckten geworden oder das der grauen Mäuse mit den weißen Westen.
Als Jugendlicher habe ich gern diese Schockerfilme gesehen, in denen irgendwelches Kleinzeug plötzlich die Menschheit bedroht: Killerbienen oder Termiten oder die Vögel. Wenn die Tierchen dazu erst groß werden mussten, Riesenspinnen zum Beispiel, fand ich den Regisseur einfallslos. Vielleicht hatte das damit zu tun, dass ich selbst kein Testosteron-Typ war, im Gegenteil: ziemlich unsportlich. Schwimmen und Fahrradfahren habe ich erst ganz spät gelernt und beim Hochsprung bin ich am liebsten unter der Latte her gesprungen, weil es sonst so weh tat. Da hat mich der Aufstand des Unscheinbaren irgendwie gereizt, auch eine darwinsche Umkehrung.
Inzwischen allerdings fürchte ich, dass auch in dieser Hinsicht die Hollywood-Phantasien von der Realität eingeholt werden könnten. Während uns Menschen Dekadenz und Umweltverschmutzung zu Grunde richten, machen sich andere schon bereit, uns an der Spitze abzulösen. Zum Beispiel die
Eichenprozessionsspinner: Zu zigtausenden sind sie in den vergangenen Wochen geschlüpft und nun können sogar ihre zurückgelassenen Nester uns Allergiekranken zum Verhängnis werden. Oder die
Liktormaskentyrannen. Nicht nur, dass die so heißen wie in einem Spielberg-Film. Wir züchten sie auch noch in unsren Zoos heran, diese geflügelten, amselgroßen Testosteronpakete, die stets bereit sind, Tiere anzugreifen, die viel größer sind als sie. Irgendwann werden sie unsere Jurassic Parks verlassen und sich zusammen tun und wir - zermürbt und verweichlicht von lauter Anti-Korruptions- und Anti-Doping-Agenturen - haben ihnen nichts entgegen zu setzen. Wir wollten ja nicht auf Alfred Hitchcock hören.
Audio: Die Liktormaskentyrannen kommen
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Zum SeitenanfangJetzt haben wir es
amtlich-statistisch: Jungen brauchen in der Schule mehr Förderung als Mädchen. Dass die Jungen im Bildungssystem tendenziell die Loser sind, beschäftigt die
Jugendforscher schon seit längerem. Mich auch, als Vater. Aber das gehört zur Privatsphäre. Nur soviel: Bei einem Brainstorming zur Ursachenforschung gab meine Tochter die Antwort: "Die Jungen sind halt faul." Mein Sohn formulierte etwas anders: "Weil wir keine Lust haben."
Weil ich keine Lust habe, meine Antwort auf dieses Statement öffentlich zu machen - sie fiel kurz, aber etwas laut aus -, denke ich lieber an Gottlieb L. Der war der Jüngste in der Bauernfamilie im Salzburgischen, zu der wir in meiner Jugend Jahr für Jahr in die Sommerfrische fuhren. Gottlieb hatte zwei ältere Schwestern. Sie gingen der Mutter in der Pension zur Hand und kümmerten sich um die Gäste. Gottlieb zerschoss derweil mit seinem Luftgewehr Kräuterbitterflaschen oder schleuderte Frösche mittels einer selbst konstruierten Wippe an die Stallwand. Eine seiner Schwestern studierte später BWL, die andere machte Karriere im Hotelfach. Gottlieb hatte keine Lust. Das machte nichts, denn es gab ja den Hof.
An Gottlieb habe ich begriffen, dass es der gesellschaftliche Fortschritt ist, der den Jungen die Lust nimmt. Es fehlt an Vorbildern und Aufgaben. Die Schule erzieht zu sozialer Kompetenz, Teamfähigkeit und Flexibilität. So etwas nennt man nicht zufällig "soft skills" - Weiberkram also. Dieses Anforderungsprofil ist inzwischen ganz oben angekommen: Uns regiert eine Kanzlerin und das Zukunftsmodell in ihrem Kabinett heißt Ursula von der Leyen, Supermutti und Karrierefrau. Einem wirklich männlichen Typen wie Peter Struck blieb schon in der Vorgängerregierung nur, Deutschland am Hindukusch zu verteidigen. Dort gibt es noch wahre Männer, weil es noch Aufgaben gibt, die ihnen auf den Leib geschrieben sind.
Feministinnen führen den Abstieg des Mannes auf die Emanzipation zurück. Motto: Wo Gleichberechtigung herrscht, sind wir gleich die besseren. In Wahrheit aber ist der Mann das Opfer seines Erfolgs. Ihm ist gelungen, wovon sonst meist nur scheinheilig geredet wird: "sich selbst überflüssig zu machen." Der Mann hat gejagt und gekämpft. Er hat die wilden Tiere ausgerottet und die wilden Völker zivilisiert. Dann hat er die Tiefkühltruhe und die Mikrowelle erfunden. Nach zwei Millionen Jahren Patriarchat hat er eine Welt hinterlassen, in der Frauen fast überall allein zurecht kommen (außer am Hindukusch vielleicht). Sollte man ihm missgönnen, dass er nach getaner Arbeit faul wird und keine Lust mehr hat? Gut, das schafft ein paar Probleme. Die Schule muss sich nun laut erwähnter Statistik besonders um die "emotionale und soziale Entwicklung" der Jungen kümmern. Ich meine, da können jetzt mal die Frauen ran. Die haben schließlich die Sozialberufe erfunden.
Audio: Kein Bedarf an echten Kerlen
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Zum SeitenanfangVor vielen Jahren durfte ich einmal mit einem echten Theaterregisseur zusammen arbeiten. Ich erinnere mich noch genau an die erste Besprechung mit ihm. Allerdings nicht daran, was besprochen wurde, sondern nur an diesen schwarzen rechteckigen Kasten, den er bei sich hatte und gleich verkabelt auf die Fensterbank legte. "Meine Mailbox", sagte er kurz angebunden zur Erklärung. Ich verstand nicht, aber er wirkte sehr bedeutend dadurch.
Das war 1993 und heute weiß ich, dass es sich um ein Motorola der ersten Generation handelte, ein digitales Mobiltelefon. Ich hatte diese Neuheit also genau ein Dreivierteljahr verschlafen, denn seit dem 30. Juni 1992 war der digitale
Äther offen und wartete nur noch darauf, vollgequasselt zu werden.
Im Nachhinein wundere ich mich, dass ausgerechnet ein Theaterregisseur sich als Trendsetter in Sachen Mobiltelefonie betätigte, ist das
Handy doch der natürliche Feind der Kultur. Ich meine damit nicht diese penetranten Klingeltöne und das anschließende hektische Rausgerenne von Menschen mit hochrotem Kopf aus Theater, Oper oder Philharmonie. Ich meine auch nicht das Zurechtstutzen von Liebesbotschaften auf SMS-Format. Vielmehr meine ich die Allgegenwart von
Telefongesprächsfetzen in öffentlichen Verkehrsmitteln. Sie hindern jeden daran, sich auf ein gutes Buch zu konzentrieren. Denn wo hat man sonst noch die Muße zu lesen außer in verspäteten Bussen, Bahnen und Zügen? Vollständige Gespräche im Abteil kann man leicht überhören, aber halbierte nie. Ständig versuche ich, die andere Seite zu erraten, die ganze Geschichte zu erfahren.
Einmal in der Straßenbahn redete sich eine junge Frau völlig in Rage. "Nein, das kann ich dir nicht sagen, nicht jetzt. Ich sitze doch in der Bahn. Alle können mithören. Und den kennen doch viele. ... Ja, es war ganz heiß. ... Ach komm, ich steige einfach aus, ich muss das doch loswerden." Die Bahn hielt, die Frau stieg tatsächlich aus. Die Anstrengung, die es den Zurückgebliebenen bereitete, ihr nicht nachzueilen, war körperlich zu spüren.
Der Regisseur wusste es wohl schon: Das Handy macht die Welt zur Bühne. Endlich ist das Private wirklich politisch, öffentlich. Wir haben das Ding am Ohr und halten unsere Monologe vor großem Publikum. Der Regisseur muss eigentlich nur noch rechtzeitig aussteigen und mitschreiben. - Übrigens gibt es dessen
altes Motorola hin und wieder immer noch. Mein Vater zum Beispiel hat so eins. Wir lachen ihn alle aus wegen des riesigen Knochens. Aber letztens sagte er: "Diese neuen Handys haben so kleine Tasten, die kann ich ja kaum mehr sehen und auch nicht richtig drücken." Da ist mir mit einem Mal Angst und Bange vor dem Alter geworden. Denn dann werden wir alle diese winzigen hypermodernen UMTS-Dinger in der einen Hand halten und die Lupe in der anderen und nicht wissen, mit welcher wir simsen sollen. Sind so kleine Tasten, kann man nichts drauf sehen. Das wird uns einsam machen. Zwischen all dem Gequassel der Jugend werden wir still da sitzen und ein gutes Buch lesen. Weil wir hoffentlich auch schwerhörig geworden sind.
Audio: Sind so kleine Tasten
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Stephan Josefs Oma geht mir nicht mehr aus dem Sinn: Wie die gute Frau ihre Enkel die Augen schließen lässt, damit sie das Kölner Rotlichtmilieu nicht verunsichert, rührt mich einfach. Man kann sie ja verstehen: Sie kommt, wie
mein Kollege auch, vom Niederrhein. Ländlich geht es da zu, tief katholisch und entschieden konservativ. Da muss einem das Treiben in der City vorkommen wie der Untergang des Abendlandes. Vor dem will man seine lieben Kleinen natürlich bewahren.
Stephan Josefs Oma erinnert mich an Leyla aus meiner Nachbarschaft. Sie kam vor 30 Jahren aus einem Dorf östlich von Ankara hier her. Ländlich ging es da zu, tief islamisch und entschieden konservativ. Bauchfreie Mädchen mit Bierflaschen auf der Straße, Zeitungskioske voller Nackter und Pornobildertausch auf Schülerhandys kommen ihr vor wie der Untergang des Morgenlandes. Weil sie ihren Enkelinnen nicht ständig die Augen zuhalten kann, möchte sie, dass sie ein Kopftuch tragen und nicht in die Disko gehen. Aber Leyla ist traurig: Sie lebt in der Fremde und steht auf verlorenem Posten.
Darin erinnert sie mich an einige meiner
alten Lehrer von der Ordensschule, die ich besuchte. Streng katholisch und konservativ hatten sie so manchen Kulturkampf verloren: den gegen das Scheidungsrecht ohne Schuldfeststellung, den gegen die konfessionslose Grundschule, den gegen das neue Abtreibungsrecht und schließlich noch den gegen die Schwulenehe. Aber aus all den Niederlagen haben sie neuerdings eine überraschende Konsequenz gezogen. Sie kämpfen jetzt dafür, dass die Türken unser modernes Leben gut finden müssen: unsere Scheidungsrate, unsere sexuelle Revolution und unsere Schwulenkneipen. Vorher können die keine guten Demokraten sein. Liberalismus sei eben unsere westliche Leitkultur. Vor dreißig Jahren war unsere Leitkultur noch ganz anders. Aber jetzt verteidigen die alten Herren mannhaft die Moderne und schlagen sich auf die Schenkel, wenn
Ralph Giordano verschleierte Frauen "menschliche Pinguine" nennt. (Auch wenn sie in ihren alten kölschen Witzen mit Pinguinen stets katholische Nonnen meinten und sie einem Juden sonst nicht so gerne Beifall klatschen.)
"Du musst das verstehen", sage ich zu Leyla, die nichts versteht: "Ihr seid von euren Männern unterdrückt. Das muss sich ändern." Aber Nachbar Becker habe doch auch erst neulich seine Frau ins Frauenhaus geprügelt und sich anschließend eine Braut aus der Ukraine besorgt, aus dem Katalog, sagt Leyla. "Ja", sage ich, "aber das ist ein Männerproblem, keins der Kultur oder Politik oder Religion."
Dabei geht mir all das auch nahe. Vor allem, seit meine älteste Tochter mit dem Gedanken an ein Bauchnabel-Piercing spielt. "Jetzt kommt doch wieder die bauchfreie Zeit", argumentiert sie. Ich würde auch mal gern autoritär sein und es schlicht verbieten. Aber das geht leider nicht. Man kann doch mit den Islamisten keine gemeinsame Sache machen.
Audio: Piercing für die Demokratie
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Stellen Sie sich vor, ich würde meinen Blogeintrag so beginnen: "Köln, am Tag der Heiligen Clothilde. Heute das Klo geputzt." In alten Tagebüchern oder Briefen findet man so etwas tatsächlich. Die Menschen haben mit den Gedenktagen gelebt. Sie wussten stets, wo sie gerade standen: drei Tage nach Ostern, zwei vor Himmelfahrt oder mitten in den grimmigen
Eisheiligen. Das gab Orientierung, setzte Wegmarken im Einerlei der Zeit. "30. Mai. Ich schreibe Dir heute am Tag des Seligen Otto Neururer. (War der nicht zuletzt Trainer bei Hannover 96?)"
Das moderne Leben hat solche Traditionen weggewischt. Heute ziehen unsere Tage andere gleichförmig dahin: Do. 31.05. Fr. 01.06. Sa. 02.06. So. Dabei gibt es eine neue, nicht mehr religiös gebundene Möglichkeit, den nackten Daten wieder einen Sinn zu geben. Das fiel mir letztens ein, als unser Oberbürgermeister Schramma zwei
Schnullerbäume im Rheinpark pflanzte, wunderschöne Papier-Maulbeerbäume, weil doch der Internationale Tag der Familie war. Solche Anlässe gibt es mittlerweile fast so viele wie Selige und Heilige. Der 30. September zum Beispiel ist der
Tag des Butterbrotes. Da kann man mal abends in trauter Runde Schnittchen essen. Und das Klo putze ich auch nicht heute - Clothilde hin oder her - sondern erst am 19. November, dem Welt-Toilettentag.
Zugegeben, man sollte den Lokus etwas häufiger reinigen. Aber ich habe das ja schon am 22. Mai getan (Prostata-Tag) und am 7. April (Weltgesundheitstag), und es gibt noch manche weitere Gelegenheit bis zum 3. November (Europäischer Magen-Darm-Tag). Aber heute putze ich nicht. Heute machen wir einen Ausflug mit dem Rad. Warum? Am besten erkläre ich es einfach mit einem Ausschnitt aus meinem Tagebuch, von der vorerst letzten Seite:
"31. Mai.
Welt-Nichtrauchertag. Der Mai geht zu Ende. Habe heute nicht geraucht. (Ehrlich gesagt: Ich bin sowieso Nichtraucher. Aber heute mal ganz besonders.) - 1. Juni.
Internationaler Tag der Milch. Der Sommer beginnt, meteorologisch. Ich verbiete meinen Kindern, heute zuckerhaltige Produkte eines US-amerikanischen multinationalen Getränkekonzerns zu konsumieren. Wir haben doch noch Milch im Kühlschrank. - 2. Juni. Tag der Organspende. Ich will aber heute kein holländisches Fernsehen gucken. Deshalb halte ich mich diesmal lieber an die traditionelle Variante und gedenke der Heiligen Blandina. Das klingt hübsch, wie Blondine. Aber Blandina ist die Patronin der Jungfrauen. - 3. Juni. Europäischer Tag des Fahrrads. Ich frage mich, warum der Tag der Milch international ist und der des Fahrrads nur europäisch. Dabei fahren doch gerade die Asiaten massenweise Fahrrad, trinken aber gar keine Milch. Nur Reiswein. Und neuerdings auch die zuckerhaltigen Produkte eines US-amerikanischen multinationalen Getränkekonzerns. Wir packen Kakao in die Kühltasche - ein Kompromiss, für eine Spritztour mit dem Rad. "Spritztour!", schreien meine Kinder: "Was willst du denn spritzen? Etwa Epo?"
Audio: Chlothilde und das europäische Fahrrad
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Zum Anfang dieses Eintrags
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Nachdenklich tauche ich mein Croissant in den Milchkaffee, es tropft ein wenig auf die Tischdecke, ich schaue hinaus in den trüben Himmel. Eigentlich trinke ich morgens lieber Tee und esse Schwarzbrot. Aber das geht jetzt nicht. Ich stehe noch ganz unter dem Eindruck dieses 16. Mai: Da eilt
Nicolas Sarkozy, kaum vereidigt, nach Berlin und herzt unsere Kanzlerin, als wäre er Alain Delon und sie Romy Schneider. Und würde Romy Schneider noch leben, hätte sie gewiss die Filmfestspiele in Cannes eröffnet. Das tat nun
Diane Krüger. Als Romy zu Alain reiste, galt das hier zulande noch als Vaterlandsverrat. Aber Frau Krüger durfte ausgerechnet die 60. Festspiele anmoderieren, wo doch Deutsche zu 60jährigen Jubiläen bei den Nachbarn bisher nur erlaubt waren, wenn sie starren Blicks in einer kalten
Normandiebrise herumstanden!
Während sich Sarkozy an der Spree den roten Teppich von Cannes entgehen ließ, lieferte er auch gleich die Begründung für die erstaunliche Arbeitsteilung: Die deutsch-französische Freundschaft sei heilig, sagte er. O la la! Bislang hätte ich allenfalls "lieb und teuer" gedacht, Letzteres mit Blick auf die Bauern. Aber jetzt liegt so etwas wie "heilige Allianz" in der Luft. Wahrscheinlich will Sarkozy den Schulterschluss des "alten Europa" gegen diese Koalition der Willigen, die sich den Grand Prix unter den Nagel gerissen hat, obwohl doch die Franzosen den Chanson und die Deutschen den Schlager erfunden haben.
Schwarzbrot und Baguette sind einander eben viel näher als man denkt. Gewiss, der Politikstil ist noch unterschiedlich: In Paris läuft alles zentral über den Präsidenten; deshalb sorgt die Präsidenten-Patchworkfamilie auch selbst für Kinder (Jean, Pierre, Louis, Judith, Jeanne-Marie). In Berlin wird eher delegiert, etwa von der Kanzlerin an die zuständige Gedöns-Ministerin (David, Sophie, Donata, Victoria, Johanna, Egmont, Gracia). Aber durch echten Austausch lassen sich solche Unterschiede überwinden. Warum nicht wirklich mal etwas austauschen, zum Beispiel das Elsass gegen das Saarland? "Edelzwicker" kann doch kein Franzose aussprechen - und seit wann heißt ein deutscher Kommissar "Palu"? Oder warum nicht in einem Merkel-Sarkozy-Vertrag die steuerschädliche Kleinstaaterei in Europa beenden: Luxembourg für Frankreich, Liechtenstein nach Deutschland? Gemeinsam wäre vieles möglich.
Während mir die aufgeweichten Croissant-Brocken allmählich den Kaffee in einen Sumpf verwandeln, beschleicht mich Melancholie, weil schon wieder ein historischer Trend ohne mich laufen wird. Ich kann nämlich kein Französisch. Erstmals bitter bewusst geworden ist mir das während einer Alpenwanderung mit einem Freund, damals, in der Jugend. Da kam eines Nachmittags eine Wandergruppe über den Hang auf unseren Rastplatz zugeschritten, alle mit einem kleinen Rucksack, aus dem ein Baguette hervorlugte, ungelogen! Es waren lauter Töchter von Peugeot-Angestellten, und sie sahen alle irgendwie aus wie Brigitte Bardot, bevor sie entdeckt wurde. Mein Freund fing gleich munter an zu plappern, als wäre er vom deutsch-französischen Jugendwerk. Ich hätte mir in den Hintern beißen können, dass ich Latein gewählt hatte.
Audio: Schwarzbrot und Baguette
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