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Doktor GregorDie verbreitete Reaktion auf moderne Kunst besteht bekanntlich in dem Satz "Das könnte ich auch!" Weil diese Äußerung jedoch unfehlbar den Banausen verrät, vermeide ich sie tunlichst. Ich schluckte sie sogar hinunter, als ich jetzt von dem Urheberrechtsstreit las, bei dem es um
Kaugummis ging, die in horizontalen Reihen auf eine schwarz grundierte Leinwand aufgeklebt waren.
Weil Künstler häufig selbst im Verdacht der Hochstapelei stehen, geben sich professionelle Hochstapler kaum je als Künstler aus. Sie bevorzugen im Gegenteil Berufe, von denen niemand annimmt, "das könnte ich auch." Deshalb spielte Frank W. Abagnale alias Leonardo di Caprio den Piloten und den Arzt. Unter lauter Piloten und Medizinern in deren Rolle nicht enttarnt zu werden, ist wirklich eine höhere Kunst als die, sich als zweifelhafter Künstler unter lauter zweifelhafte Künstler zu schmuggeln.
Ich gestehe, dass ich begabte Hochstapler bewundere. Insbesondere, wenn sie ihre Rolle so perfekt spielen, dass sie eigentlich schon gar nicht mehr hochstapeln. So wie Herr L., der zwei Jahre lang Leiter einer
Drogenfachklinik am Niederrhein war. Er hatte sich als promovierter Psychologe erfolgreich beworben. Seine Doktorarbeit trug den schönen Titel: "Das Leben feiern." Mit diesem optimistischen Ansatz ging er auf die Abhängigen zu. Offensichtlich mit Erfolg. "Herr L. war in der Therapie gut", bestätigte der Geschäftsführer des Klinikträger.
Das Geheimnis seiner Erfolgs offenbarte eine Verkehrskontrolle, in der Dr. L. keinen Führerschein vorweisen konnte. Ich verstehe nicht, warum er den nicht gefälscht hat - wo doch all seine Zeugnisse einschließlich Promotionsurkunde falsch waren. Herr L. ist nämlich ein ehemaliger Drogenabhängiger mit einschlägiger Therapie-Erfahrung - und offensichtlich der Gabe, sich in die andere Seite hineinzudenken.
Könnte der Erfolg von L. nicht zum Vorbild in manchen anderen Bereichen werden? Wahrscheinlich könnten Strafgefangene in der Rolle der Anstaltsleitung die peinlichen Ausbruchspannen in unseren Gefängnissen deutlich senken. Sie kennen sich einfach besser aus. Spielsüchtige, die wegen Überschuldung ihren Job verloren haben, wünsche ich mir an der Spitze unserer Banken. (Promotionsthema: "Das Leben spielen.")
Aber vielleicht sind meine Wünsche ja gar nicht so weit von der Realität entfernt. Vielleicht sitzen ja auf wichtigen Posten der Republik Menschen, die zwar nicht für ihren Job qualifiziert sind, aber Spaß an der Schauspielerei haben und testen, was man unserer Gesellschaft so alles zumuten kann. Und die sitzen dann am liebsten auf Posten, die man ihnen gar nicht zugetraut hätte, wie zum Beispiel
Herr S. im Vorstand der Bundesbank.
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Zum SeitenanfangWas den Sport angeht, war ich in der Schule der reinste Churchill. Dass ein ansonsten guter Schüler bei ihm jede unnötige Anstrengung vermied, ärgerte meinen Sportlehrer so, dass er mir gern mal eine lateinische Weisheit unter die Nase rieb: "Mens sana in corpore sano" - ein gesunder Geist braucht einen gesunden Körper. Ich konnte allerdings kontern, dass es im Original "Orandum est, ut sit mens sana in corpore sano." heißt, also: man soll darum bitten - die Götter natürlich -, dass im gesunden Körper ein gesunder Geist sei. Und deshalb habe ich dann auch nicht Sport studiert, sondern Theologie.
Dieser Tage fiel mir der alte Spruch wieder ein, als ich herumrecherchierte, was man im Spätsommer noch Schönes unternehmen könnte. In Essen lädt die Uni zu einer Summer School in Sachen
"Mind/Body Medicine" ein, vielleicht kann man da ja auch als Nichtmediziner Gasthörer sein. Im Programm stehen so schöne Dinge wie "Relaxation Response" und "Love Response". Im Prinzip, so erfahre ich, geht es der "MBM" darum, dass ein gesunder Geist die Selbstheilungskräfte des Körpers aktiviert.
Für Cato und Co. war der gesunde Geist das Ziel, der gesunde Körper ein Mittel, eine Bedingung. Für die moderne Alternativmedizin dagegen dient das Mentale der Krankheitsabwehr. In der Antike galt das Philosophieren eben als erstrebenswerteste Lebensform. Heute ist sie wohl so etwas wie ein probates Mittel der Demenzprophylaxe. Meinem Sportlehrer würde das gefallen.
Gesundheit ist im modernen Leben die Hauptsache. Und deshalb ist beim Denken das Wichtigste: positiv denken. Zu meiden seien vor allem "selbstschädigende Gedanken", erfahre ich von einem Naturheilkunde-Professor, denn die lösen Stress aus. Also sollte ich wohl Sondersendungen über Pakistan meiden, nach den Sommerferien keine Kontoauszüge lesen und vor allem niemals an den Tod denken. Schon wieder etwas, was einem bei Kenntnis lateinischer Sprüche schwer fällt, hieß es doch einmal: "Memento mori" - Gedenke des Todes! Wahrscheinlich sind die Leute deshalb auch so früh gestorben. Es fehlte die richtige Mind-Body-Balance.
Nicht, dass ich etwas gegen Naturheilverfahren hätte. Es hilft, was nützt. Je billiger und je weniger Nebenwirkungen - desto besser. Bei manchen Vorschlägen werde ich als Theologe allerdings an Jesus erinnert, der seine Wunderheilungen gern mit dem Satz abschloss. "Dein Glaube hat dir geholfen." Übrigens protestierte Jesus damit auch gegen den Glauben seiner Zeit, Krankheit käme von Sünde - der Kranke sei also selber schuld. Diesem antiken Mythos kommen wir inzwischen leider wieder nahe. Selbstschädigende Gedanken, schlechte Laune und dann auch noch keine Lust auf Yoga: Da darf man sich über Magengeschwüre und Verkalkung nicht wundern.
Gesundheit wird schon aus Kostengründen erste Bürgerpflicht, und nicht nur Kranke geraten unter Druck. Wahrscheinlich übersetzt man im heutigen Lateinunterricht: "Positiver Geist in fittem Körper." Die Bundesregierung hat schon vor Jahren einen "nationalen Aktionsplan" unter dem Titel "Fit statt fett" beschlossen - und mich wundert bis heute, dass der unter kein Antidiskriminierungsverbot der EU fällt. "Du malst ja schon die Gesundheitsdiktatur an die Wand, nur weil du von deinem Sportlehrer traumatisiert wurdest", scherzt mein Sohn. "Principiis obsta!" entgegne ich. "Hä?" "Wehret den Anfängen! - und bevor du auf den Bolzplatz gehst, werden erst mal Vokabeln gelernt."
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Zum SeitenanfangObwohl sie fasst das Gesündeste gleich nach der Milch sein sollen, muss ich bekennen: Ich mag keine Bananen. Zu süß und mehlig. Schon als Kind aß ich sie nicht gern, es sei denn in Form von Bananenbrei, also geschlagenen Bananen - wahrscheinlich auch, weil meine Oma dafür ein besonderes Verwöhn-Ritual anwandte. Sie schlug die Bananen mit einer Gabel gekonnt auf, bis die Masse fast wie Pudding wirkte, und das tat sie möglichst im Freien, auf dem Balkon oder bei offenem Fenster. Ihre Begründung: "Die Gase müssen heraus."
Oma wusste nämlich, dass die Bananen in Übersee unreif geerntet und erst nach der Reise gelb werden. Dabei, so ihre Theorie, entstünden Reifungsgase, die nicht bekömmlich seien. Ob letzteres wirklich stimmt, weiß ich nicht. Aber wie kontaminiert die Früchte mitunter sein können, zeigt die
Meldung der Polizei, die in einer Bananenreiferei in der Nähe von Köln 50 Kilogramm Kokain gefunden hat, versteckt zwischen den krummen Früchten. Ein im wahrsten Sinne des Wortes nahe liegendes Versteck: Kommen doch die Früchte ebenso wie die Drogen meist aus Bananenrepubliken.
Der Begriff gibt meiner Tochter zu grübeln, die gerade im Politikunterricht lernt, was eine Republik ist. "In einer Bananenrepublik haben dann ja die Bananen das Sagen", meint sie. "Eher die Bananenhersteller", sage ich. "Wie gut, dass bei uns keine Bananen wachsen", sagt meine Tochter. Recht hat sie. Deshalb kann sich bei uns die Politik um echte Landesprobleme kümmern. Zum Beispiel gerechte Steuern für Hotelbesitzer einführen. Oder einen
Krisengipfel einberufen, wenn es in den Zügen zu heiß wird. Außerdem können
ein deutscher EU-Kommissar, die deutsche Kanzlerin und ihr Wirtschaftsminister in aller Ruhe darüber nachdenken, ob unrentable Kohlebergwerke noch vier oder acht Jahre erhalten bleiben sollen. Ich vermute, am Ende werden die Kohle-Subventionen mit der Uransteuer finanziert, welche die Atomkrafterzeuger zahlen, weil auch ihre Meiler ein bisschen länger laufen dürfen. Eine Verlängerung wäscht sozusagen die andere. Und weil in unserer Republik die wirklichen Probleme mit solcher bestechenden Eleganz gelöst werden, kann die Regierungschefin eine
fröhliche Bilanz ihrer Arbeit ziehen und beruhigt in den Urlaub fahren.
"Das meinst Du jetzt nicht ernst?", sagt meine Tochter. Offenbar haben auch schon 15-Jährige mitbekommen, dass es in der Berliner Koalition überhaupt nicht rund läuft, auch nicht gerade, sondern kurvenreich und krumm, bananenkrumm geradezu. Aber was soll die Kanzlerin machen außer gute Miene zum bösen Spiel in ihrem bananenrepublikanischen Kabinett? Vielleicht sollte sie zum Rezept meiner Oma greifen und alles kräftig zu Brei schlagen. Doch ich bezweifle, ob die Gase, die aus diesem Brei entwichen, Reifungsgase wären.
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Zum SeitenanfangMeine Tochter beendet zur Zeit einen Jahresaufenthalt in England. Und das Zurückkommen fällt ihr ganz schön schwer: Lauter neue Freunde, lauter bewegende Erlebnisse - und Köln ist halt nicht London. Von Wolke sieben wieder auf heimatlichem Boden zu landen, dessen Duft man seit der Kindheit eingeatmet hat, fühlt sich mitunter hart an.
Lukas wird es ähnlich gehen. Wenn er zurückkehrt zu seinen Kollegen, ist er voller Eindrücke aus Südafrika. Die Euphorie im Team hat ihn getragen, trotz der Enttäuschung gegen Spanien. Mit der Weltelite konnte er sich mess(i)en. Und dann erzählen die Kollegen von
Marienfeld und Tröpolach und den gewonnenen Testspielen gegen Lippstadt und Betzdorf. Der 1. FC Köln ist eben keine Nationalmannschaft. Poldi wird wieder den harten Klang des Wortes Pflichtspiel zu hören bekommen.
Und wieder anders, aber doch ähnlich mag es auch Jürgen gehen. Nach Jahrzehnten der Sozenvorherrschaft hatte er die Staatskanzlei in Düsseldorf erobert und wollte zur großen Landesvaterkarriere à la Johannes Rau ansetzen. Aber nach nur einer Legislatur war der Traum ausgeträumt. Jürgen wachte nur zögernd auf. Zum Schluss wollte er sich wenigstens etwas Prominentenfeeling bewahren:
Referentin, Fahrer und Dienstwagen für ein paar Jahre. Aber auch das wurde ihm nicht recht gegönnt. Ein paar Tage vor dem Auszug aus dem Regierungssitz hat er noch
mit Vorvorgänger Wolfgang bei poschiertem Kalbsfilet und Aprikosentarte zusammen gesessen. Gewiss haben die beiden darüber geplauscht, wie man auch nach dem Karriereende öffentlich eine gute Figur macht. Bald heißt der Alltag wieder: "Rheinerft: Hier lebe ich - hier arbeite ich - hier kaufe ich ein". So steht es über Jürgen Rüttgers' Porträt bei
"in-pulheim.de".
Dass wir Lukas und Jürgen in diesen Tagen so gut verstehen, liegt natürlich daran, dass wir alle ein wenig ihr Schicksal teilen: Die WM ist vorbei. Keine Vuvuzelas mehr auf den Straßen, keine Flaggen auf dem Balkon und im Fernsehen die gewohnte Alltagskost. Statt Schiedsrichterentscheidungen zu debattieren, müssen wir auf der Arbeit wieder über das Wetter und das Kantinenessen reden. Und zu allem Überfluss brechen auch noch die Sommerferien aus und das bedeutet: Den Blagen ist ständig langweilig.
Womit sollen wir sie und uns trösten? Meine Tochter lieferte darauf selbst eine Antwort. Sie erzählte, wie sie in einem Londoner Pub das Achtelfinale Deutschland gegen England gesehen hat, mit einem ganz dezenten schwarz-rot-goldenen Schal um den Hals. Erst traute sie sich nicht auf die Toilette, weil sie fürchtete, dass man ihr den Platz wegnehmen würde. Und als das englische Neu-Wembley-Tor nicht anerkannt wurde, stieß ihr ein Fan kurzerhand das Bierglas um. "Siehst Du", sagte ich ihr: "Zu Hause ist es doch am schönsten." Das möchte ich auch dem Lukas zurufen: Nur in Köln ist er der Prinz, selbst wenn er keine Tore schießt. Und dem Jürgen: In Pulheim wird ihn keiner mehr hämisch auf Inder, Rumänen,
Berger oder Wüst ansprechen. Wir alle sollten uns sagen: Heimspiel ist eben doch am schönsten - und in gut einem Monat ist wieder Bundesliga.
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Das Land lag unter einer bleiernen Hitzeglocke. Schon war das Betreten mancher
Wälder verboten worden, um die Brandgefahr zu begrenzen. Den Schulen wurde erlaubt, ihre
Stunden zu kürzen. Einzelne Bürger bedienten sich
heimlich öffentlicher Zapfstellen, um an Wasser zu gelangen. Der
Gesundheitsminister appellierte an die Bevölkerung, viel zu trinken und sich nicht zu lange in der Sonne aufzuhalten. Er wollte verhindern, dass die Menschen kollabierten. Aber er drang nicht durch. Besonders bei
sommerlichen Großveranstaltungen mussten zahlreiche Menschen ärztlich versorgt werden, weil nicht genug Wasser zur Verfügung stand. Die
Ernte der Landesfrüchte begann der Trockenheit wegen erst mit Verspätung.
Was sich wie der Beginn eines Romans über eine Umweltkatastrophe liest, ist derzeit Realität in NRW. Wir haben seit ein paar Tagen Hochsommer – und schon lesen sich die Wettermeldungen wie ein Szenario aus Inneraustralien. Bei mir löst diese Berichterstattung ein Gefühl von Heimatlosigkeit aus. In der Schule habe ich gelernt, dass wir in der gemäßigten Zone leben. Aber das ist für die Medien wohl zu langweilig geworden. Deshalb machen wir im Winter ein wenig auf Arktis, sobald wir Schnee schaufeln müssen, und im Sommer spielen wir Statisten in "Die Wüste lebt".
Angesichts des Trends zu mentalen Klimaextremen bin ich froh, dass dieses Land gesellschaftlich und politisch seine Identität als gemäßigte Zone offensichtlich bewahren möchte. Wie anders könnte man den gerade ausgestandenen
Kampf um das Bundespräsidialamt deuten? Da trat
einer aus der Zone an gegen einen in jeder Hinsicht Gemäßigten. Letzterer ist es dann, nach einigen Anlaufschwierigkeiten, auch geworden. Christian Wulff könnte man literarisch geradezu als die „Ausweitung der gemäßigten Zone“ bezeichnen. Jedes Extrem ist ihm fremd. Als er nominiert wurde, hörte man von den Bürgern dennoch die Kritik, dass er ein Politiker sei. Man wünschte sich für das höchste politische Amt im Staat also eher einen Nicht-Politiker. Das war sicher auch ein Votum gegen jene „Ausweitung der Kampfzone“, die sich in den letzten Monaten in der Politik abzeichnet, seit die Bundesregierung dazu überging, sich selbst auch Opposition zu sein.
Nun wird Schloss Bellevue aber doch keine Gauck-Behörde. Christian Wulff, dem zunächst nicht mal alle eigenen Leute die Stimme geben wollten, wird noch mehr den lieben Schwiegersohn geben müssen, als man es eh von ihm erwartet hat. Erst recht, wenn ihm vielleicht bald die starke Schwiegermutter abhanden kommen sollte. Gemäßigt kommt von Maß. Wulff wird - auch eingedenk der finalen Redepanne seines Vorgängers – stets maßvoll reden. Angesichts der bevorstehenden Sparpolitik wahrscheinlich auch thematisch: vom Maßhalten. Streithähne wird er dazu aufrufen, sich zu mäßigen.
So wird er niemand ärgern – aber ich fürchte, er wird auch nur auf mäßiges Interesse stoßen. Denn Aufmerksamkeit erhält doch nur das Sensationelle, das Bedrohliche, das Drama. Wer das sucht, dem bleibt ja der Wetterbericht.
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Zum SeitenanfangWenn noch irgendjemand das Wort Sommermärchen in den Mund nimmt, blas ich ihm mit meiner
Vuvuzela direkt ins Ohr – und zwar so, dass er sein Trommelfell auf der anderen Rheinseite aufsammeln kann. Ich mag diese Verballhornung von Heinrich Heine nicht mehr hören. Der hatte den Ausdruck Wintermärchen böse gemeint, satirisch, und nicht stimmungsbesoffen. Und außerdem ist noch Frühling. Und in Südafrika Winter.
In NRW haben wir keine richtige Regierung, in Berlin eigentlich auch nicht und der
Wechsel in unserem höchsten Staatsamt wird als Farce inszeniert. Die politische Klasse scheint endgültig nur noch mit sich selbst beschäftigt und die Bürger wissen nur, dass bei ihnen demnächst kräftig gespart wird, wie auch immer. Das Land hat seinen neuen Namen wirklich verdient: Wir leben in Schland.
Aber
Schland o Schland hat ja 23 junge Leute am Kap stationiert, die schlagen sich so gut, dass selbst erfahrenen Sportmoderatorinnen peinliche Metaphern dazu einfallen. Deren Gesprächspartner dagegen scheint das Klima dort unten Ruhe und Gelassenheit einzuflößen. Ist dieser Studioexperte Oliver Kahn wirklich der einstige Tor-Titan, der allein mit seinem Gesichtsausdruck Gegnern wie Mitspielern Furcht einflößte, der immer weiter machte, immer weiter, und gegen Ende eines vergeigten Spiels mal gern in den gegnerischen Strafraum stürmte? Ein Mann wie ein Tier – und jetzt parliert er als Elder Statesman des Ballsports über die Freuden, endlich mal die Landeskultur eines Turnierortes kennen zu lernen und zeigt auch für schwache Mannschaften das milde Verständnis des Erfahrenen.
Solche Wandlungen geben mir zu denken. Finden Menschen ihr wahres, besseres Ich erst dann, wenn sie eine anstrengende Rolle ablegen können? Ich sehe
Horst Köhler in der fackelerhellten Dunkelheit vor Schloss Bellevue stehen. Er lächelt. Er hat es hinter sich und wahrscheinlich keimt in dem verkrampften und verschwatzten Beleidigten auch schon ein Elder Statesman auf. Das wahre Ich erblüht erst nach dem großen Zapfenstreich.
Vielleicht sollte man wichtige, entscheidende Ämter nicht mit karrieregeilen Westerwillis und machtverbrauchten Merkels besetzen, sondern mit Leuten, die wo anders schon mal hingeschmissen haben. Womit ich jetzt keinesfalls Roland Koch meine! Sondern Menschen, die den Blues kennen. Den Blues, von einem Jens Lehmann verdrängt worden zu sein und plötzlich zu entdecken, dass man nicht immer weiter immer weiter muss. Oder eben den St. Louis Blues, den sich Köhler zum Abschied wünschte.
"Wenn ich mich morgen noch fühle wie heute, dann pack ich meine Sachen und mach mich davon", heißt es dort. Das Lied würde ich gern auf einer mit selbstgebohrten Löchern getunten Vuvuzela einstudieren. Und irgendwann spielen es alle beim Public Viewing, als neue Hymne von Schland.
.... das spricht mir aus dem Herzen! Sehr schön betrachtet, schade dass ich keine Vuvuzela habe - es wäre einen Tusch wert!
cora_bell am 20.06.10 20:06
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Zum SeitenanfangDa sitze ich vor dem Schachbrett, eine kleine, hoffnungslose Partie gegen meinen Ältesten. Ich kann mich einfach nicht auf die Züge konzentrieren, denn statt Pferdchen, Turm, Bauer und Dame sehe ich ständig
Köhler und
Koch, Mixa und Käßmann. Deutschland fährt im Rücktritts-Gang und beim Figuren-Schieben grüble ich darüber nach, wer jetzt am klügsten wen ersetzen könnte.
Als Horst Köhler zurücktrat, kurz nachdem Lena Meyer-Landrut in Köln ihre Pressekonferenz hielt, sah ich darin sofort einen Fingerzeig:
Lena for president! Aber meine grundgesetzfesteren Kollegen wiesen gleich auf Artikel 54 hin: Der Bundespräsident muss das 40. Lebensjahr vollendet haben. Also doch Stefan Raab? Den fände ich dann doch etwas verschenkt. Schließlich hat der Bundespräsident meist nur zu repräsentieren. Retter Raab, der gerade die nationale Aufgabe gelöst hat, die seit 1982 nicht zu knacken schien, sollte man für Wichtigeres vorhalten. Vielleicht muss er ja nach dem zweiten Vorrundenspiel schon Jogi Löw ersetzen, damit
in Südafrika kein Debakel geschieht.
Roland Koch? Ich spiele nervös mit dem Turm herum. Nein, Koch polarisiert zu sehr für dieses Amt. Aber man könnte es mit einer Rochade probieren: Koch löst Stoiber in Brüssel ab. Dann würde dort wirklich mal brutalst möglich die Bürokratie entstaubt. Und Stoiber zöge ins Schloss ... Aber wollen wir diese Reden im Ernst hören?
Außerdem soll es diesmal ja
jemand aus Hannover sein. Aber mit der wahrscheinlichen Wahl bin ich nicht einverstanden. Hat doch der
Kirchentag in München jüngst bewiesen, dass eine trinkfeste Exbischöfin viel beliebter ist als ein staubtrockener Ministerpräsident. Außerdem kennt sich Margot Käßmann mit öffentlicher Aufregung über Afghanistan-Äußerungen besser aus als Christian Wulff. Plötzlich sehe ich eine geniale Zugfolge plastisch vor mir: Jürgen Rüttgers wird Ministerpräsident in Hessen, das dürfte die
Regierungsbildung in NRW erheblich erleichtern. Koch wie gesagt nach Brüssel, um die Axt im Walde zu geben. Stoiber wird dafür Bischof von Augsburg. Das würde auch die trauernden Mixa-Anhänger versöhnen und eine schnelle Bischofsweihe kann bei den guten Kontakten Bayerns in den Vatikan eigentlich kein Problem sein. Käßmann zieht ins Bundespräsidialamt. Und Lena wird an ihrer Stelle Bischöfin ihrer Heimatstadt Hannover. Schließlich trägt sie jetzt schon ständig ein Kreuzchen. Das wäre einfach wunderschönst!
"Du bist matt", sagt mein Sohn und stellt seine Dame vor meinen König. Ach, denke ich, so muss sich Angela Merkel fühlen. Einfach nur matt. Und um sie herum kreisen die Posten, Personen und Probleme - like a satellite.
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Ich hab mir einen Ohrwurm gefangen. Seit meine Tochter diese Frage stellte, geht mir der berühmte Song aus dem Musical Anatevka nicht aus dem Kopf. "Papa, warum sind wir nicht reich?", seufzte sie laut. (Ich hatte ihr einige kostspielige Wünsche ausreden müssen.) Ja, ja, "wenn ich einmal reich wär'" – so singt auch der arme Milchmann Tewje, und glaubt, dann sei er alle Sorgen los. Tewje ahnte eben nichts davon, womit sich die Reichen alles herumschlagen müssen. Schlaflose Nächte haben sie, weil ihr Geld in Ramschpapieren steckt, die längst in eine Bad-Bank ausgelagert wurden, oder in Staatsanleihen, auf die ein Ackermann keinen Heller mehr wetten würde. Lukrative Wetten per
Leerverkauf werden ihnen dagegen buchstäblich über Nacht verboten. Und dann droht in NRW auch noch die
Linke an die Macht zu kommen mit all ihren üblen Plänen, Leistungsträgern in den Schampus zu spucken.
Allerdings muss man dem Milchmann Tewje eins lassen: Seine Investitionspläne für den Fall plötzlichen Reichtums sind wohl überlegt. "Ich bau’ den Leuten dann ein Haus vor die Nase", singt er. Dagegen kann kein Anlageberater etwas einwenden: Eine
Immobilie in guter Lage ist vergleichsweise krisenfest. "Mein Hof wär' voll von Hühnern, Gänsen und Enten", fährt Tewje fort. Naturalien aus eigener Haltung können die Inflationsangst nachhaltig dämpfen. Und schließlich: "Mein Weib stolziert herum, beladen mit Geschmeide." Wovon der Milchmann träumt, machen uns liquide Mitbürger gerade vor: Sie fliehen ins
Gold.
"Und was würdest Du tun, wenn Du reich wärst?", fragt meine 15-Jährige, die weder Anatevka kennt noch mein Vorsingen zu schätzen weiß. "Ich will eben gar nicht reich sein", behaupte ich. Denn in Wahrheit schnürt Reichtum ein, sperrt uns in einen goldenen Käfig. Der Milchmann Tewje singt sein fröhliches Widiwidiwidiwidibum doch nur, weil er ein bodenständiger kleiner Mann ist, unbelastet von all dem, was er sich wünscht.
"Meinst Du das ernst, Papa?" Nun ja, zugegeben, das ist wohl ein wenig sozialromantisch. Also, wenn ich einmal reich wäre, würde ich natürlich zuerst meinen Kindern viele viele Wünsche erfüllen. ("Juhu!") Sinnvolle Wünsche. ("Oh, ne!") Und dann würde ich eine griechische Insel kaufen. Mein griechischer Freund Stamatis könnte da gewiss etwas vermitteln. Und der sagt immer, dass die sozialen Unruhen in Griechenland noch viel schlimmer ausfielen, wenn nicht so viele Einwohner Grund und Boden besäßen. Natürlich mit einer stattlichen Anzahl Olivenbäumen. Diese Bäume werden hunderte, manchmal tausende Jahre alt. Ein Aristoteles kann sie gepflanzt haben, und dann kommen und gehen die Weltreiche, die Eroberungen, die Staatsbankrotte, aber der Baum trägt weiter seine Früchte. So hat man, selbst wenn man nichts hat, wenigstens bestes Öl für die berühmte
Kretadiät.
"Und Du würdest nie mehr zurück nach Hause kommen?", fragt meine Tochter. "Gar kein Gedanke dran", sage ich. Denn in meinem Privathafen sitzen die Fährleute und streiken. Sie haben einen Generalstreik ausgerufen, sitzen am Ufer, schauen auf die Ägäis und träumen davon, einmal reich zu sein, widiwidiwidiwidibum.
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Ich bin ja eher so ein Waldemar-Hartmann-Typ. Nicht, was das Verhältnis zu Weißbier angeht, zu Frauen in Führungspositionen oder zum professionellen Duzen - wohl aber zum Sport. Denn ich red’ nur drüber. Das brachte mir im schulischen Sportunterricht manche traumatisierende Gruppenerfahrung ein. Bei der
Wahl der Mannschaften saß ich stets als letzter auf der Bank. Es kam sogar vor, dass die beiden wählenden Kapitäne darüber verhandelten, wer mich nehmen musste - der bekam dann noch einen Besseren dazu oder hatte Anstoß.
Nach solch quälender Wahl blieb ich meist da, wo ich vorher schon war: auf der Bank. Nur der Sportlehrer sorgte für meine späte Einwechslung. Schließlich brauchte er eine Leistungsgrundlage, um mein Gnaden-"ausreichend" auf dem Zeugnis zu begründen.
Zum Kader gehören und doch nie spielen: Das ist in der Politik sogar noch härter als im Sport. Da machen Landtagsabgeordnete wie André Stinka (SPD) oder Andrea Milz (CDU) kräftig Wahlkampf in NRW, aber in der Regierung groß aufspielen werden sie nicht - egal, wie es ausgeht. Es geht ja auch nicht um den Einzelnen, sondern um die Mannschaft, würde Jogi Löw dazu sagen. Deshalb facht er die Konkurrenz im Kader bewusst an, damit sich alle richtig anstrengen. Sport und Politik sind eben Kernfelder eines gelebten Sozialdarwinismus.
Beim Stichwort Darwinismus fällt mir gleich der Neandertaler ein. Der hat sich im kalten Europa abgerackert, um Höhlen gemütlich zu gestalten und Jagdpfade im Wald anzulegen, während es sich der feinere Homo sapiens sapiens im warmen Afrika gut gehen ließ. Als der dann nach Europa kam, hat er sich ins gemachte Nest gesetzt. Bis vor Kurzem hat er sogar die Legende verbreitet, der Neandertaler sei mit seiner Nachhilfe ausgestorben. Erst jetzt haben Forscher nachgewiesen: Der Frühmensch mit den starken Augenbrauen lebt auch in uns. Die beiden Menschensorten haben sich nicht bekämpft, vielmehr haben sie es miteinander getrieben und damit sicher auch den Fortschritt der Menschheit angetrieben. Denn die Mischung macht’s. Aber vom Ruhm abbekommen hat der Neandertaler nichts. Für das Training im Kader war er gut. Für das Spiel um den Zivilisationspokal angeblich nicht.
Reservespieler, Hinterbänkler oder Neandertaler – drei Beispiele für die Ungerechtigkeit des Erfolgs. Sie gehören dazu, aber groß rauskommen dürfen sie nicht. Dem Neandertaler wird jetzt aber eine späte Genugtuung zuteil. Forscher haben seinen gesamten Genbestand durchbuchstabiert und fein säuberlich die vier Prozent Übereinstimmung mit dem des heutigen Menschen herausgefiltert. Also schauen wir im Neandertalmuseum auch uns selber an. Jetzt ist nur noch zu hoffen, dass sich bald auch mit filigranen statistischen Methoden der Beitrag eines Reservespielers zum Turniererfolg und eines Hinterbänklers zum Wahlsieg exakt ausrechnen lässt. Dann präsentiere ich demnächst bei unserem 30-jährgen Abitreffen die vier Promille meines Beitrags zur erfolgreichen Schulmeisterschaft 1980. Damit mir keiner mehr nachruft: "Der spielt ja wie ein Höhlenmensch."
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Zum SeitenanfangMeinen Zivildienst leistete ich in einem Pflegeheim – in einer Branche also, die beim
Girlsday sicher nicht vorgestellt werden muss. Denn die Belegschaft bestand zu 90 Prozent aus Pflegerinnen, genannt Schwestern, gerufen: "Schwestaa!" Die Männer hießen offiziell Pfleger, aber das setzte sich als Anrede bei den Bewohnern nicht durch. Die riefen uns entweder "He-Sie-da" oder "Halloo" oder – entschuldigt durch Sehbehinderung, Demenz oder Gewohnheit – auch einfach "Schwestaa".
So ähnlich wie mir in der Pflege geht es bis heute den Kellnerinnen, die eigentlich Restaurantfachfrauen heißen. Aber das sagt niemand. Kellnerin auch nicht. Wer heute noch "Frollein" ruft, wirkt zu Recht peinlich. Diese Lücke in den Anredeformen hat nun auch die
Deutsche Knigge-Gesellschaft erkannt und ruft in einem Wettbewerb zu Vorschlägen für eine zeitgemäße Anrede weiblicher Gastronomieservicefachkräfte auf.
Da hätte ich gern mitgemacht, schließlich winkt dem Gewinner ein Knigge-Wochenende in einem Barockschloss. Ich will schon lange mal wieder stilvoll mit Messerbänkchen und Fischmesser speisen. In den meisten Lokalen, in denen ich verkehre, bekommt man so etwas nicht mehr. In diesen Lokalen, die meine Generation mag, während sie mein Vater wegen fehlender Tischdecken auf den Naturholztischen ungemütlich findet, passt aber auch keine der überkommenen Servicekräfte-Anreden. Für den Restaurantfachmann schlägt die Knigge-Gesellschaft immer noch "Herr Ober" vor – und hält deshalb nur die weibliche Anrede für ein Problem, weil man bei "Frau Oberin" an eine leitende Nonne denken müsse. Warum nicht "Frau Kellnerin"? Weil "Herr Kellner" auch niemand sagt.
Was sagen wir denn in unserer Kneipe wirklich? Wir fuchteln in der Luft herum, wir wedeln mit dem Portmonee, wir rufen "Halloo" und "’tschuldigung mal". Und weil das alles meist nichts nützt, juckt es uns in den Füßen, den stets mit anderen Gästen befassten Servicekräften einfach mal ein Beinchen zu stellen. Aber mit dieser Bemerkung habe ich mir den Weg ins Barockschlösschen wohl endgültig verbaut.
Je länger ich grüble, desto schimmer wird das Problem. Es bezieht sich nämlich längst nicht nur auf Restaurantservicekräfte und -kräftinnen. Oder sagen Sie an der Fleischtheke etwa "Frau Metzgerin"? Den Arbeitgebern ist diese Sprachbarriere auch schon aufgefallen. Sie schmücken ihre Angestellten deshalb gern mit Ansteckschildern, auf denen ihr Name steht. Aber das führt nur zu neuen Peinlichkeiten. Entweder sind diese Schildchen so klein beschriftet, dass ich bei der Bäckereifachverkäuferin den falschen Eindruck hinterlasse, ich wolle ihr in den Ausschnitt glotzen. Oder aber es handelt sich bei meinem Gegenüber um eine Mitbürgerin mit Migrationshintergrund, so dass mich der Brötchenkauf zwingt, ohne peinliches Gestotter "Frau Lymporopoulos" oder "Frau Karakasoglu" fließend von der Brust zu lesen – ganz zu schweigen von meiner emanzipierten, interkulturell verheirateten Bioladenverkäuferin "Frau Ottersberg-Özdamar".
Gerade diese überaus freundliche Verkäuferin hat mich nun jedoch zu dem Einfall gebracht, den ich der Knigge-Gesellschaft vorschlagen möchte. Für das Thema sensibilisiert habe ich in den letzten Tagen darauf geachtet, wie die meisten Mitkunden auf die in 11-Punkt-Größe beschriftete Frau Ottersberg-Özdamar reagieren, wenn sie nach Vollkornmehl oder Trockentofu suchen. Die ganz überwiegende Mehrheit sagt "Frau Ähm" – wobei es sich gehört, zwischen "Frau" und "Ähm" eine kaum merkliche Kunstpause einzufügen. Frau Ähm reagiert darauf prompt und mit gewohnter Freundlichkeit. Warum sollte man das nicht auch in die Gastronomie übertragen können? Das Problem der Geschlechterdifferenzierung wäre gleich mit beseitigt. Und später, wenn man alt und vergesslich wird, eignet sich die Anrede auch für den Zivi.
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In seiner berühmten Bergpredigt gibt Jesus einen Rat, den ich gerade jetzt im Frühling gern beherzigen möchte. Wenn ihr Stress habt, sagt er, dann nehmt euch ein Beispiel an den Vögeln. Oder wörtlicher: "Sorget euch nicht! Sehet die Vögel unter dem Himmel an: Sie säen nicht, sie ernten nicht, sie sammeln nicht in die Scheunen; und euer himmlischer Vater nährt sie doch." Jetzt, wo es schon früher hell wird und vor dem Fenster tatsächlich die Vögel zwitschern, kann man gern schon beim Aufwachen an diesen Spruch denken, damit einem nicht gleich wieder
dieser alte Song von Jürgen von der Lippe den Start in den Tag versaut.
Aber nun hat mir die
Rote Liste des Landes den Jesusspruch verleidet. Denn auf dieser Liste der bedrohten Vogelarten in NRW stehen inzwischen auch sogenannte Allerweltsvögel wie Haussperling, Star, Feldlerche oder Rauchschwalbe. Und woran liegt’s? An der Landwirtschaft, sagen die Naturschützer. Denn die tut all das, was die Vögel nicht tun: säen, ernten, in die Scheunen sammeln. Deshalb bleibt vor lauter Feldern und Äckern kein Platz für die Vögel. Weil wir uns, ganz gegen die Bergpredigt, sehr effektiv um uns sorgen, haben die Vögel das Nachsehen.
"Und der himmlische Vater?", fragt meine Tochter, die neuerdings gern in meinen Theologensprüchen herumstochert. Sie findet sogar, dass der die Vögel ganz gemein in die Falle getrieben hat. Denn durch die Klimaerwärmung, so hat sie kürzlich bei
Quarks & Co gesehen, haben viele Zugvögel gelernt, eben nicht mehr nach Süden zu ziehen, sondern hübsch im Lande zu bleiben. Wo sie dann keine Brutplätze finden - Lernfähigkeit, die nach hinten los geht. "Ist etwa Gott für die Klimaerwärmung verantwortlich?", frage ich zurück.
Doch zurück zu den Bauern. Von den Vogelschützern beschuldigt, blasen sie jetzt zum Gegenangriff: Die unter Naturschutz stehenden
Krähen machen ihnen die Saat des Frühjahres kaputt. Und einige Killerkrähen bringen angeblich sogar neu geborene Lämmer um. Würde da nicht auch dem guten Hirten der Geduldsfaden reißen? Aber auch
die Saatkrähe steht auf der Roten Liste. Wer sich also die Vögel unter dem Himmel anschaut, stößt auf lauter Interessenkonflikte. Von wegen: Sorgt euch nicht ...
Keine Sorgen machen muss man sich dagegen um den Bestand der schrägen Vögel. Während der Star bei uns selten geworden ist, findet Deutschland Staffel für Staffel einen Superstar aus einer ganzen Sammlung solch seltsamer Piepmätze. Und all die Vorschläge, die im Landtagswahlkampf auf uns niederprasseln, belehren mich, dass diese Artenvielfalt nicht auf die Popkultur beschränkt ist. Der Ministerpräsident will Amsel, Drossel, Fink und Star im Volkslied unter Schutz stellen. Der Umweltminister hilft einer anderen Vogelart durch das Projekt "1.000 Fenster für eine Lerche". Schade, dass es nur eine ist. Ich vermute, dass sich bald auch der Innenminister durch eine Vogelschutzaktion profilieren wird: mehr Starenkästen!
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Zum SeitenanfangMein Sohn bereitet zur Zeit seine Kriegsdienstverweigerung vor und sucht auch schon nach einer Zivildienststelle. Das geht ja im Netz ganz einfach: mit Mustervorlagen für die Gewissensbegründung und Stellenbörsen für den Zivi-Einsatz. Mir gibt das Gelegenheit, von den harten Zeiten zu erzählen, als der "Drückebergereinsatz" noch zwanzig Monate dauerte, während mein Sohn darauf hoffen kann, dass der
Verteidigungsminister den Dienst bald auf ein halbes Jahr zusammenstreicht.
Apropos Drückeberger: Ein Vierteljahrhundert nach meinem Einsatz ist es mir schon eine Genugtuung, dass heutzutage die Zivis wichtiger sind als die Rekruten. "Lieber rot als tot?" und "Geht doch nach drüben!" hat man uns seinerzeit beschimpft. Inzwischen würde die Abschaffung der Wehrpflicht auf den größten Protest bei Caritas und Rotem Kreuz stoßen, weil die ihre Einrichtungen nicht ohne die billigen Zivis führen könnten. Die vielen Wehrpflichtigen dagegen liegen Herrn von Guttenberg nur auf der Tasche.
Dieser Wertewandel ist verständlich: Einst passte der Rekrut auf, dass der Russe nicht kommt. Das ist unzeitgemäß, seit der Russe Schalke sponsert und einen Altbundeskanzler in Lohn und Brot hält. Keine deutsche Grenze braucht mehr Soldaten zu ihrer Verteidigung. Deshalb hat sich das Militär längst auf den Export verlegt. Deutschland wird am Hindukusch verteidigt. Deutsche Arbeitsplätze offenbar auch. Denn Deutschland ist der drittgrößte Waffenexporteur nach den USA und Russland und Firmen wie Rheinmetall freuen sich über das
boomende Rüstungsgeschäft. Weil also die Militärhaushalte, auch der deutsche, nicht wirklich schrumpfen, brauchen wir fürs Soziale und für das Gesundheitswesen weiterhin billige Hilfskräfte, und damit es die gibt, die Wehrpflicht. So ist alles ein schöner Kreislauf.
Meinem Sohn übrigens rate ich dringend, sich eine Dienststelle im Pflegebereich zu suchen. Nicht etwa, weil ich wie manche Eltern mit Blick auf die eigene Zukunft froh bin, wenn meine Kinder so was schon mal gelernt haben. Sondern weil die Pflege kranker und alter Menschen ein wichtiger Dienst an der Gesellschaft ist. So wichtig, dass es jetzt sogar einen
Mindestlohn dafür geben soll: 8 Euro 50 im Westen und 7,50 im Osten ist der Gesellschaft dieser Dienst wert. Und weil das offensichtlich mehr ist, als bislang häufig gezahlt wird, dürfte sich hier der Bedarf an billigen Zivis noch erhöhen. Auch das ist ein Kreislauf.
Um solche Kreisläufe zu unterbrechen, fand jetzt wieder der
Equal Pay Day statt. Da geht es nicht um irgendwelche Flatrate-Werbung, wie mein Sohn vermutete, sondern um gleichen Lohn für gleiche Arbeit. Allerdings nicht für Zivis, wohl aber für Frauen, die im Schnitt weniger bekommen als ihre männlichen Kollegen. Denn vom gleichen Lohn sind die gerade in Deutschland oft weit entfernt. Von der gleichen Arbeit dagegen nicht mehr. Denn, auch das ein Unterschied zu meiner Zeit: Inzwischen gibt es Frauen auch beim Bund. Als Männerdomäne blieb nur noch die Drückebergerei.
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Zum SeitenanfangAls ich die Einladung zur Messe
"Creativa" in Dortmund bekam, wollte ich mich spontan anmelden. Schließlich verstehe ich mich als kreativer Mensch. Das war nicht immer so. Im Theologiestudium lernte ich, dass allein Gott kreativ ist. Creare heißt nun mal schaffen. Nur der Schöpfer schafft. Seine Geschöpfe, die Kreaturen, basteln nur mit dem vorhandenen Material herum.
In Tübingen, wo ich damals studierte, wurde dieses Basteln allerdings schon immer als schöpferisch betrachtet. Nennen die Schwaben doch jede Arbeit "schaffen". Später entstand der Begriff "Kreative", der auf lauter Leute gemünzt war, die aus der Sicht des Durchschnittsschwaben gerade nicht "schaffen": Künstler, Filmemacher, Literaten. Und gern möchte sich auch ein Glossenschreiber dazu zählen lassen.
Noch später wollten auch Manager und Politiker in die Kreativberufe aufrücken, weil sie doch ständig "kreative Lösungen" und "kreative Konzepte" auf den Weg bringen. Ich denke bei kreativen Lösungen aber unweigerlich an Haushaltstricks zum Verstecken von Schulden oder an Anlagezertifikate, die so kreativ sind, dass sie selbst die Macher nicht mehr durchschauen. Was ist kreativer als die Erfindung einer Bad Bank?
Demgegenüber ist die Creativa in Dortmund geeignet, dem Kreativen seine Unschuld wiederzugeben. Kreativität ist dort nämlich Handarbeit. Ganz so, wie einst der Schöpfer Adam aus einem Klumpen Lehm formte. Dessen Söhne haben solche Tätigkeiten sehr verfeinert. So kann ich in Dortmund in einem Workshop lernen, wie man filigrane Objekte aus Hanji-Papier, geschöpft aus der Rinde des Maulbeerbaumes, formt.
"Adams Söhne" ist allerdings der falsche Ausdruck. Denn 92,5 Prozent der Messebesucher sind Frauen. Das scheint mir wieder einmal ein Argument dafür zu sein, sich Gott weiblich vorzustellen. Männer sind einfach nicht kreativ. Für mich war es zudem ein Argument, mich doch nicht in Dortmund anzumelden. Meine zwei linken Hände würden keine ansehnliche Hanji-Papier-Figur schaffen. Der andere Grund war meine Tochter, die vehement Hilfe für ihr Deutsch-Referat einforderte. Sie kam mit ihrer Charakteristik der Figuren in Max Frischs "Andorra" nicht zurecht. Und das hätte ich doch auch in der Schule gelesen. Stimmt. Die Lehrplanmacher sind so wenig kreativ, dass seit dreißig Jahren exakt die gleiche Lektüre vorgeschrieben ist. Herta Müller wird wohl erst meinen Enkeln in der Schule begegnen.
Ich wollte trotzdem nicht helfen. Weil das pädagogisch einfach nicht richtig ist. "Dann finde ich halt eine kreative Lösung", sagte meine Tochter. Fand sie auch: per
Copy and Paste aus dem WWW.
Plagiate sind unter Kreativen schwer angesagt.
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Zum SeitenanfangIm Urlaub, auf Wanderungen, erzähle ich meinem Jüngsten gern Heldengeschichten: von Troja, von Siegfried und dem Drachen oder von dem berühmten Apfelschuss. Das ist eine wirkungsvolle Methode, ihn ohne Klagen über eine längere Distanz zu lotsen. Und gleichzeitig legt es die Grundlage einer abendländischen Bildung.
Dachte ich. Aber dann war ich in der neu eröffneten Ausstellung
"Von der Sehnsucht nach Helden" in Hattingen. Auch das für die abendländische Bildung. Aber dort bin ich doch ganz schön ins Grübeln gekommen. Vermittle ich meinem Sohn nicht ein völlig klischeehaftes, veraltetes Heldenbild? Lauter starke, mutige Männer, die ihre Probleme mit Gewalt lösen! Weil in der Pädagogik nur die Praxis zählt, habe ich mir für die nächste Wanderung gleich eine neue, zeitgemäße Heldengeschichte ausgedacht. Die knüpft an die alten Sagenstoffe an. Aber sie interpretiert sie kritisch und aktuell um, und das geht so:
Es war einmal ein Land, das lebte in ständiger Angst vor einem großen, schrecklichen Ungeheuer. Die Einwohner hatten dieses Monster einst selbst groß gezogen, hatten es aufgepäppelt und gefüttert. Denn sie hofften, es würde sie, einmal groß und stark geworden, vor aller Unbill des Lebens schützen. Deshalb nannten sie das geheimnisvolle Wesen auch "Gesundheit". Aber dieses Gesundheitswesen wurde schließlich so stark und unbezähmbar, dass es alle Nahrungsreserven des Landes auffraß. Alle ihre Ernteerträge mussten die Einwohner ihm opfern, ihre fetten Rinder schlachten und ihm vorsetzen, und ständig lebten sie in der Furcht, es würde bald sein großes Freigehege verlassen und beginnen, die Menschen aufzufressen.
Schon mancher Ritter war mutig in den Kampf gezogen, um das Gesundheitswesen zu bezwingen. Der bajuwarische Ritter Horst hatte seine sämtlichen Lanzen am harten Panzer des Ungeheuers stumpf gestoßen und sich dann resigniert in seine Heimat zurückgezogen. Die tapfere Aachener Ritterin Ulla – denn es gibt, mein Sohn, durchaus nicht nur männliche Helden! – hatte jahrelang versucht, das Monster auf vegetarische Diät zu setzen. Aber die war am Ende nicht nur teurer geworden als die bisherige Kost. Das Wesen hatte in seiner Wut auch mit einem einzigen Fußtritt den Dienstwagen Ullas fortgeschleudert. Da musste auch sie gehen.
Nun aber hat der
Nachwuchsritter Rösler eine neue Taktik erfunden. Nicht das Gesundheitswesen ist schuld, sagt er, sondern alle, die es groß füttern. Also kämpft Rösler erst gar nicht gegen das Monster, sondern gegen seine Futterlieferanten, gegen die Verwalter der Futterkasse und gegen die Freigehegepächter. "Sie alle verdienen an unserem Untier, und das muss aufhören", sagt der Ritter. Dank dieser durchdachten Strategie hat unser Held nicht mehr nur einen Feind, sondern gleich Tausende. Die haben im Nu sein Rittergut umstellt und wenden die in diesem Land berühmteste Kriegslist an: Sie zerreden den Gegner. Sie sagen einfach: "Der hat keine Chance!" Und woran liegt das, mein Sohn? Wahrscheinlich hat man unserem Helden in seiner Kindheit die falsche Heldendevise eingeredet: "Viel Feind, viel Ehr." Oder er hat das falsche Heldenbuch gelesen. Wahrscheinlich das mit Rosinante und den Windmühlen.
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Nein, ich bin nicht zum
Männer-Kongress nach Düsseldorf gefahren. Obwohl mich das Thema sehr gereizt hat: "Neue Männer – muss das sein?" Einst sang Ina Deters: "Neue Männer braucht das Land." Sind die jetzt schon wieder out? "Muss das sein?" ist jedenfalls meine Standardformulierung, wenn meine Kinder irgend etwas vorhaben, das ich sehr sehr abwegig finde.
Ich bin nicht gefahren, weil ich keine Lust auf Depressionen habe. Und die hätte ich mir bei den angekündigten Vorträgen gewiss geholt: "Der kranke Mann", "Der verlassene Mann", "Der entwertete Mann", "Der vaterlose Mann" – alles im 45-Minuten-Takt. Muss das sein?
Trotzdem sind mir diese Formulierungen nicht mehr aus dem Kopf gegangen. Denn zu jedem Titel fielen mir gleich passende Beispiele ein, ob ich wollte oder nicht. "Der kranke Mann" wurde früher einmal die Türkei genannt: "Der kranke Mann am Bosporus." Inzwischen ist diese Infektion wohl westwärts gewandert und die EU schlägt sich mit dem
kranken Mann an der Ägäis herum. Die Erfinder von Demokratie und Philosophie haben die Ökonomie offensichtlich sträflich vernachlässigt. Jetzt müssen sie sich wohl oder übel auf ihren großen Aristoteles besinnen. Nicht den Onassis. Sondern den, der in seiner "Nikomachische Ethik" schrieb: "Glück ist Selbstgenügsamkeit".
Wenn ich dagegen vom "verlassenen Mann" höre, sehe ich sofort
Sigmar Gabriel vor mir. Ein raumgreifendes Mannsbild – aber der Raum um ihn herum ist viel zu groß und leer: die Ruine der Volkspartei SPD. Die Wähler haben ihn verlassen. Jetzt tut er, was verlassene Männer gern tun: betrachtet wehleidig die eigenen Wunden und beschäftigt sich nur mit sich selbst und seinen besten Freunden.
Da geht es dem Gegner allerdings auch nicht besser.
Horst Seehofer stellt geradezu idealtypisch den "entwerteten Mann" dar. Die Krise der Partei hat ihn an deren Spitze und die Bayerns gebracht. Aber die Krise ist geblieben. Jetzt geht es Seehofer so wie einem Mann in einer Dreiecksbeziehung: Er muss ein irgendwie geregeltes Verhältnis zum Nebenbuhler finden. Der heißt
Westerwelle.
Womit wir beim "vaterlosen Mann" wären. Ich weiß zwar nichts von Guido Westerwelles Kindheit. Aber ein Erziehungsproblem ist mit Händen zu greifen: Der Mann hat schlechte Manieren. Er wurde zum Chefdiplomaten der Republik berufen, aber er profiliert sich, indem er kleine Leute beschimpft. Tragisch, wenn in einer solchen Situation eine Frau die Chefin ist. Da fehlt die starke Hand, die einmal deutlich die Grenzen aufzeigt. Und die kann auch der
kleine Bruder Pinkwart nicht ersetzen, der sich hilflos um Schadensbegrenzung bemüht.
Es wäre gut, wenn die Parteiführer als Männergruppe auf den politischen Aschermittwoch einen psychotherapeutischen Fastensonntag in Düsseldorf hätten folgen lassen. Aber sie sind, so wie ich, nicht zum Männerkongress gefahren. Dessen Titel war einfach zu soft. Neue Männer braucht das Land. Bestimmt. Dringend.
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Zum SeitenanfangDurch diesen endlosen Winter kann man sich allmählich nur noch mit Tagträumen retten. Ich stelle mir zum Beispiel gern die ersten Frühlingsausflüge mit der Familie vor. Kaum wird es warm, fahren wir zu einem nahen See und diskutieren die beliebte Streitfrage: Ruder- oder Tretboot? Ich persönlich mag das altertümliche, hölzerne Ruderboot und seine Ausstrahlung von Ruhe und Romantik. Nicht so mein Jüngster, der findet: "Da fährt man immer rückwärts."
In Wahrheit sitzt man natürlich nur mit dem Rücken zur Fahrtrichtung. Aber auf das Kind wirkt das, als würde man zurückrudern. Das ist so ähnlich wie bei
Andreas Pinkwart: Erst war er mit der gesamten FDP für Steuererleichterungen zugunsten der Hoteliers. Dann wollte er sie wieder zurücknehmen. Und jetzt hat er diese Rücknahmeforderung auch wieder zurückgenommen. Das ist viel Bewegung, ohne dass sich etwas bewegt. Aber vielleicht trainiert Pinkwart ja für die heiße Phase des NRW-Wahlkampfs. So wie die
Ruderer, die kürzlich in der Dortmunder Westfalenhalle auf dem Trockenen und auf der Stelle ruderten, um sich auf die neue Saison vorzubereiten. Da ist die Richtung dann auch völlig egal.
Aber eigentlich wollte ich ja von unserem Familienausflug träumen. Dass die Kinder meist das Tretboot vorziehen, ist verständlich: Denn das Lenkrad ist cooler als die Ruder. Außerdem können stets zwei gemeinsam für den Antrieb sorgen. Das wiederum sorgt aber oft für Streit: "Du trittst ja gar nicht mit!", schreit einer. Oder die Kinder werden sich über die Richtung nicht einig. Dann trampelt der Bruder das Boot vorwärts und die Schwester zurück. Im Ergebnis bewegen sich beide so wenig wie die erwähnten Trockenruderer. Also rufen sie nach einem Machtwort der Mama. Das Tretboot ist somit ein vollendetes Symbol für die regierende Koalition. Wenn meine Kinder dann auch noch im Streit beginnen, nicht mehr das Boot, sondern sich gegenseitig zu treten – und dabei ständig in Gefahr geraten, ins Wasser zu purzeln: Dann denke ich erst recht an
Berlin.
Hundert Tage rudern und treten sie dort jetzt schon, ohne ein Ziel zu erreichen. Ich dagegen weiß, dass meine Tagträume vom See in hundert Tagen gewiss Wirklichkeit sind. Einen Ort liebe ich dort übrigens noch deutlich mehr als Tretboot und Ruderboot: einen der Liegestühle am Ufer. Dort kann ich gelassen das Treiben auf dem Wasser verfolgen, aus der Distanz, und mir mit weisem Lächeln auf den Lippen das Bier von der Strandgaststätte schmecken lassen. Es ist dies eine Perspektive, aus der alle Mühen, sich über Wasser zu halten oder in diesem fremden Element voranzukommen, nicht mehr ganz so ernst erscheinen. Um die Perspektive des Beobachters einnehmen zu können, muss man allerdings zuvor etwas tun, was Politiker am meisten fürchten: zurücktreten.
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Zum SeitenanfangDamals, als ich meinen ersten DSL-Anschluss bestellte, war Boris Becker richtig in. Nicht nur das: Er war schon drin. Weil ich mit Boris weder Sportlichkeit noch Sexappeal gemeinsam habe, wollte ich wenigstens den Anschluss mit ihm teilen. So wurde ich Kunde bei AOL und durfte so täglich eine Frauenstimme hören, von der ich wusste, dass sie auch Boris stets nah war. Sie sagte nur einen Satz: "Sie haben Post."
Dann kam eine Zeit, in der Boris nur noch bei Kerner und Becker in war. Statt "drin sein" war jetzt "raus und rein" angesagt: Monatlich wechselte man den DSL-Anbieter, weil es immer noch günstigere Tarife gab. Ein paar Mal machte ich das mit und bin also längst nicht mehr bei AOL. Trotzdem hat mich die Meldung irgendwie berührt:
Jetzt ist AOL raus, verlässt Deutschland. Boris hat das schon vor Jahren getan, aus dem selben Grund: um Geld zu sparen.
Da frage ich mich unwillkürlich, wie ich es in diesem teuren Land noch aushalten kann. Wenn solche Größen, an die man sich gewöhnt hat, einfach verschwinden, macht einen das irgendwie betroffen. Die Formulierung, nach der einen irgendetwas irgendwie betroffen macht (und sei es auch nur "ein Stück weit"), stammt aus der Zeit, als ich erwachsen wurde. Damals wurden
die Grünen gegründet. Sie hatten schnell Erfolg, weil damals vieles die Menschen total betroffen machte: das Waldsterben, die Wiederaufbereitungsanlage, die Nachrüstung. Später machte der Tod von Petra Kelly, der ersten grünen Heiligen, echt betroffen. Aber so musste sie nicht mehr erleben, wie die Grünen deutsche Kriegseinsätze durchwinkten, mit der Atomlobby windelweiche Ausstiegsverträge aushandelten und mit Gerhard Schröder um den schickeren Anzug konkurrierten. Das wiederum hat meine Freundin Elke so betroffen gemacht, dass sie (ein Gründungsmitglied!) aus der Partei austrat.
Während Firmen und Reiche ihrer Heimat leichthin den Rücken kehren, kehrt politischen Idealisten gern mal die Heimat den Rücken zu. Die Mitglieder bleiben auf ihrem Standpunkt, aber die Partei zieht davon. Davon können die Urgrünen ebenso ein Lied singen wie die Altsozis, aber einem Strauß-Fan wird es in der CSU auch nicht anders gehen. Während die Firmen Lohnkosten und die Reichen Steuern einsparen, sparen Parteien, wenn es um die Macht geht, bevorzugt an den Überzeugungen.
"Keine Fundi hat es so lange ausgehalten wie Du", tröste ich Elke, die eine ähnlich quälende Beziehungskrise mit ihrer Partei durchgemacht hat wie Wolfgang Clement mit der SPD – nur sozusagen umgekehrt. Sie wollte sogar schon mal auswandern, nach Österreich, weil man dort konsequent keinen Atomstrom hat. Dafür hatte man Haider. Norwegen fand sie auch sehr öko. Aber die Norweger killen Wale. Also blieb sie – und machte sich damit die Losung zu eigen, die Bewohner der
Kulturhauptstadts-Region gern für ihre Heimatverbundenheit angeben. Ich las sie kürzlich bei dem Revierliteraten Frank Goosen. Glaubt man ihm, dann kennt man im Pott den besten Grund dafür, warum wir unseren DSL-Anschluss, unsere Partei, den Hausarzt, die Hausbank und auch die Heimat eher ungern wechseln. Denn auch wenn er arbeitslos ist, die Zeche zu, die Kommune pleite, sagt der Ruhri: "Woanders is auch scheiße."
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Zum SeitenanfangSehr geehrte Frau van Dinther, liebe Landtagspräsidentin,
klar, ich weiß, dass ich nicht mehr zwischen 12 und 22 bin. Ich kann aber trotzdem nicht an mich halten und möchte mich an Ihrem
kreativen Schreibwettbewerb beteiligen. Beim Lesen Ihrer Ausschreibung habe ich mich gleich wieder jung gefühlt, wie damals in der Schule, als spannende, ansprechende Themen unsere Begeisterung für den "Besinnungsaufsatz" weckten. So auch bei dem von Ihnen ausgelobten Thema: "Die Wahl haben". "Der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt", schreiben Sie, und das hat meine Fantasie sofort angeregt. "Lustig, ernst, dramatisch, ironisch, sachlich oder Science Fiction" dürfe es sein. Das allein kommt mir irgendwie schon wie eine Beschreibung der Landespolitik vor.
Lustig, ja launig hat Ministerpräsident Rüttgers dieses Wahljahr mit seiner
Neujahrsansprache eröffnet, in der er einen Satz sprach, von dem ich kaum loskomme: "Furcht verhindert Zukunft." Wie gern würde ich einen Lehrgang ähnlich dem im Märchen der Gebrüder Grimm absolvieren. Denn hätte ich das Fürchten gelernt, dann könnte ich die ganze unsichere, düstere Zukunft verhindern, vor der ich mich - nun ja: fürchte. Ich könnte die Zeit etwa Sonntag nachmittags um drei beim Tee anhalten, eine Stunde, zu der ich regelmäßig mit der Zukunft des Montagmorgens nichts zu tun haben möchte.
Aber im Ernst: Angesichts der Lage der kommunalen Finanzen kann man sich auch ohne Gebrüder Grimm gewaltig fürchten. Statt die Zukunft zu verhindern, möchte Rüttgers' Herausforderin
Hannelore Kraft aber lieber bei den Ossis sparen und die Kürzungen beim Soli den klammen Städten unseres Landes zugute kommen lassen. Das ist endlich mal ein Wahlversprechen, das sich nicht vor der Frage drückt, woher man das Geld für Wohltaten nehmen möchte!
Zu einem dramatischen Kampf gegen solche Gelüste ruft jetzt die neu gegründete
Westfalenpartei auf. Ihr Widerstand geht allerdings nicht gegen die Ossis, sondern gegen die Rheinländer. Die sichern sich in den Augen des Spitzenkandidaten Werner Szybalski stets die Rosenmontage der Landespolitik und überlassen den Westfalen die Aschermittwoche. Gut zwanzig Westfalen haben in einer Dortmunder Kneipe "Die Westfalen" gegründet. Der Wahlkampf der Partei hat allerdings mit dem Problem zu kämpfen, dass sich Sauerländer eher als Sauerländer fühlen denn als Westfalen, Siegerländer als Siegerländer und die im Ruhrgebiet als Ruhrgebietler.
Und damit bin ich beim kurzen ironischen Teil meines Besinnungsaufsatzes: Ich würde gern eine Partei "Die Hemden" gründen. Die könnte eine echte Sammlungsbewegung werden. Denn ob Ossis, Wessis, Rheinländer oder Westfalen - allen ist das Hemd stets näher als die Hose. Nur als jetzt das neue
Transparenzgesetz des Landes in Kraft trat, dass die Gehälter von Managern öffentlicher Institutionen einsehbar machen soll, erinnerten sich die betroffenen Sparkassen- und Stadtwerksvorstände plötzlich auch an ihre Hosen und wollten sie keinesfalls runter lassen.
Aber bleiben wir sachlich: "Wir sind Deutschlands größtes Exportland und wollen es bleiben", sagt der Ministerpräsident. Ich glaube, dass schaffen wir. Nichts deutet darauf hin, dass NRW kleiner werden könnte. Ein NRW so klein wie das Saarland, das ist doch reine Grusel-Science-Fiction! Und wenn die Westfalen sich abspalten sollten, annektieren die Rheinländer eben Rheinland-Pfalz - und gemeinsam mit denen schaffen sie den Aschermittwoch ganz ab.
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Zum SeitenanfangVor einigen Jahren haben wir Urlaub auf einem Öko-Bergbauernhof in Österreich gemacht. Meine Freundin Elke hatte uns den Ferienhof empfohlen. Es war wirklich erholsam dort, viel Ruhe und gesundes Essen und Tiere zum Anfassen für die Kinder. Für die Erwachsenen interessant waren vor allem die Miturlauber, echte Persönlichkeiten aus den unterschiedlichsten Richtungen ökologischer bis esoterischer Überzeugungen. Ich fühlte mich wie auf einer Party von Elke. Da gab es zum Beispiel ein älteres Ehepaar, das – der kleinen Pensionsszimmer wegen – stets im Aufenthaltsraum seine Matten ausbreitete und Yoga übte. Die beiden aßen streng vegan. Und als sie im Gespräch herausgefunden hatten, dass ich mich in der Theologie auskenne, bekam ich eines Tages die Frage gestellt: "Aber Jesus hat doch nicht wirklich das Osterlamm gegessen, oder??“
Ich begriff erst nicht, worum es ging. Die beiden verbanden Buddhismus und Christentum auf kreative Weise und konnten sich nicht damit abfinden, dass der Sohn Gottes Fleisch gegessen haben könnte. Leider musste ich antworten, dass Jesus wohl wie ein Jude seiner Zeit eben Lamm zum Paschafest gegessen habe. Was Jesus zu Weihnachten gegessen hat, weiß ich auch als Theologe nicht. Es war ja sein Geburtstag, und was wir - mehr als 2000 Jahre später - daraus machen würden, ahnte er wohl nicht. Bei uns gab es diesmal zu Weihnachten Pute, und zwar Bio-Pute. Elke kennt da einen Bauern, bei dem man sie kaufen kann. Eine ehemals glückliche Pute lässt sich mit leichterem Gewissen essen als eine vielleicht schon
bei lebendigem Leib gerupfte Gans. Und selbst eine Bio-Kuh ist zwar glücklich gewesen, hat aber Zeit ihres Lebens klimaschädlich gefurzt.
Aber trotz ökologisch korrekter Pute fielen mir an den Festtagen wieder die veganen Joga-Senioren aus Österreich ein. Schuld daran war eine Meldung von dem kürzlich in Münster gegründeten
Institut für Theologische Zoologie. Unter der Schirmherrschaft der Schimpansenforscherin Jane Goodall soll dort den Tieren in der Theologie mehr Gerechtigkeit widerfahren als bisher. So erklärte der Gründer Rainer Hagencord, dass auch Tiere in den Himmel kommen würden. Das hat mich sehr beunruhigt.
Die Aussicht, wem man im Himmel alles wieder begegnen könnte, fand ich schon immer - sagen wir mal: zwiespältig. Die Aussicht, lauter auferweckten Wesen zu begegnen, die man im irdischen Leben einmal gegessen hat, ist allerdings neu. In der traditionellen Theologie mussten damit nur gläubige Kannibalen rechnen. Wenn Herr Hagencord jedoch Recht hat, bin ich nur froh, dass ich kein Niederländer bin. Denn dort, im
Land der Kamelmilch, werden zur Zeit 36.000 Ziegen getötet, um die Ausbreitung der
Ziegengrippe zu verhindern. Ich möchte nicht irgendwann im Jüngsten Gericht 36.000 gehörnten Nebenklägern gegenüber sitzen. Da reichen mir schon die unseren Gehweg vollscheißenden Köter, die ich in Gedanken regelmäßig mit völlig ewigkeitsuntauglichen Flüchen belege. Vor ihren Haltern dagegen habe ich keine Angst. Die kommen bestimmt nicht in den Himmel.
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Wer sich an den Adventssonntagen in eine Kirche verirrt, wird feststellen, dass dort weniger der Nikolaus eine Rolle spielt und schon gar nicht der Weihnachtsmann, wohl aber ein Mann namens Johannes der Täufer. Das ist dieser sittenstrenge Prophet, der einen Kamelhaarmantel trug und sich von Heuschrecken und wildem Honig ernährte, denn sein Arbeitsplatz lag in der judäischen Wüste. "Bereitet dem Herrn den Weg! Ebnet seine Straßen", rief er laut Bibel seinem Publikum zu. Und damit soll er Jesus, den kommenden Messias angekündigt haben.
Johannes blieb allerdings der sprichwörtliche Rufer in der Wüste. Weil seine Moralpredigten auch mit dem Herrscherhaus des Herodes ins Gericht gingen, landete sein Kopf auf einem königlichen Silbertablett. Spät, spät scheint seine Aufforderung, dem Herrn in der Wüste einen Weg zu bahnen, nun doch noch gehört worden zu sein. Und zwar im Düsseldorfer Umweltministerium. Und so begab es sich, dass
Umweltminister Eckard Uhlenberg sich in den Tagen des Advents 2009 nach Lehavim in der Wüste Negev begab. Dort weihte er feierlich die "Nordrhein-Westfalen-Allee" ein. Das ist eine einhundert Meter lange, von Bäumen gesäumte Straße. Sie soll "schattige Bereiche zur Erholung für die Anwohner und Besucher schaffen", sprach der Minister. Und er sah, dass es gut war - und reiste wieder ab.
Eine schöne Geste - und doch bleiben Fragen zurück. Nicht nur die, wie Israelis wohl das Wort "Nordrhein-Westfalen-Allee" aussprechen. Sondern theologisch gewichtiger die, ob Herr Uhlenberg die Aufforderung des Propheten Johannes richtig ausgelegt hat. Hatte der wirklich an eine Baumreihe in der Wüste gedacht, die der Herr bequem durchschreiten kann, wenn er kommt? War das nicht eher moralisch gemeint? Der wörtliche Umgang mit der Bibel ist bekanntlich nicht immer richtig.
Während der Minister die Wüste bepflanzte, ging es in Düsseldorf hoch her:
Hendrik Wüst, Generalsekretär von Uhlenbergs CDU, steht wegen doppelt kassierter Krankenkassenzuschüsse unter Druck. Uhlenbergs Kollegin Roswitha Müller-Piepenkötter
wegen wüster Verhältnisse in den hiesigen Gefängnissen. Und Kollegin Christa Thoben, weil sie ausgerechnet während der Weltklimakonferenz einen
Klimaschutzparagraphen für NRW-Kohlekraftwerke streichen will. Die Landesregierung holpert und stolpert. Und alle warten darauf, wer als erster in die Wüste geschickt wird. Vielleicht war das ja Uhlenbergs geheimer Auftrag: Nicht für den Herrn, aber für seinen Herrn Rüttgers eine Allee in der Wüste zu bauen, auf dass geschasste Landesgrößen auf angemessenem Wege ihren Bestimmungsort erreichen können. So dass es demnächst in der Staatskanzlei kein schlimmeres Gerücht geben wird als: "Der ist reif für Lehavim!"
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Zum SeitenanfangIch habe keine Vorurteile gegen Holländer. Schließlich ist eine Freundin von mir dort verheiratet, da lernt man die Leute aus der Nähe kennen. Mit ihrem Mann scherze ich über die wechselseitigen Klischees. In Wahrheit ist es doch so, dass Deutsche wie Holländer gern übereinander schimpfen, gleichzeitig aber sehr zu schätzen wissen, was es nur jenseits der Grenze gibt.
"Was willst du denn damit sagen?", fragt mein Sohn, der in seiner Reggae-Begeisterung jetzt auch den alten Peter Tosh entdeckt hat und ständig "Legalize It!" hört. Dabei habe ich ganz harmlos an die bevorstehende Adventszeit gedacht. Denn die Holländer haben im Sommer das Meer, dafür haben wir im Winter die Glühwein-Romantik. Deshalb werden schon bald wieder Scharen unserer Nachbarn mit lustigen roten Mützen auf dem Kopf über unsere Weihnachtsmärkte flanieren.
Es sind wahrscheinlich gerade die Unterschiede zwischen verwandten Nachbarn, die reizen, zum Vorurteil ebenso wie zum Besuch. Wir glauben hier ja, die Niederländer seien so eine Art separatistischer Niederrheiner, die ihren Dialekt zur Staatssprache gemacht haben. Und dennoch merkt man gleich hinter der Grenze, dass man im Ausland ist: Sie bauen anders, essen anders, die Gesellschaft tickt anders. So viel Exotik so nah gibt es sonst nicht.
Deshalb schauen wir auch stets genau hin, was die Nachbarn so treiben: Ist es vorbildlich für uns, oder nur absonderlich? Demnächst etwa wollen die Niederländer
statt Kfz-Steuer eine Kilometergebühr fürs Autofahren zahlen, sogar gestaffelt nach Autogröße, Fahrzeit und Strecken. Für diesen Beitrag zum Klimaschutz lassen sie sich auch die totale Überwachung per GPS gefallen. Ich glaube, bis auf deutschen Straßen so etwas eingeführt würde, müsste der ansteigende Meeresspiegel schon mit der Überschwemmung der gesamten norddeutschen Tiefebene drohen. Aber da ist eben schon wieder so ein Unterschied: Die Nachbarn können sich besser vorstellen, was es heißt, unter dem Meeresspiegel zu leben.
Das Fremde, die Exotik gleich hinter der Grenze hat neuerdings noch eine weitere Facette bekommen: Ein holländischer Bauer hat in s´-Hertogenbosch Europas erste
Kamelmilchfarm eröffnet. Da stehen jetzt Dromedare im Stall statt Kühen und werden mit der Hand gemolken. Auch aus Deutschland reisen Diabetiker oder Menschen mit orientalischem Migrationshintergrund dorthin, weil sie die Milch zu schätzen wissen. Allerdings kann der Bauer von der Milch allein nicht leben, deshalb bietet er zusätzlich Hofführungen und Beduinenzeltfeste an.
Dabei wird es sicher nicht bleiben. Nein, ich wette darauf, dass bald in unseren Feinkostläden Dromedar-Gouda und Kamel-Edamer auftauchen werden. Die niederländische Landwirtschaft wäre ja dumm, wenn sie diese Gelegenheit zur Weiterentwicklung ihrer ureigensten Spezialitäten nicht nutzen würde. Und dass sie nicht dumm ist, hat die niederländische Landwirtschaft seit Jahren mit Turbotomaten und Wintersalat bewiesen. Ich hoffe nur im Interesse der nachbarschaftlichen Beziehungen, dass die Werbung für die neuen Produkte gut überlegt wird. Denn auf Leute, die weniger immun gegen Klischees sind als ich, wirkt die Zusammenstellung der Worte Holländer, Kamele und Käse wie eine Aufforderung, die Spitznamenliste der "Käsköppe" zu erweitern.
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Wie schön, dass ich noch einen Sohn im Martinszugalter habe. Denn was wäre der dunkle November ohne die
leuchtenden Kindergesichter neben ihren ebenso leuchtenden Laternen und den vom Glühwein erleuchteten Eltern? Allerdings macht das Brauchtum auch Arbeit. In diesem Jahr wünschte sich die Grundschule von den Eltern Vorschläge für eine "modernere Gestaltung des Martinsspiels", also dieser bekannten Szene mit Pferd, Schwert, Mantel und armem Mann. Ich habe mich reingekniet und ein kleines Stück geschrieben. Es wurde leider nicht angenommen, es sei nicht kindgerecht. Deshalb veröffentliche ich es jetzt hier.
In meiner Geschichte ist Martin gerade mit halbem Mantel in die Kaserne von Amiens zurückgekehrt und hat für mächtig Aufregung gesorgt. In der Kommune wurde kürzlich neues Führungspersonal eingesetzt, und jetzt wollen sich alle profilieren. Truppenkommandant
Theodosius Guttenbergis stampft vor Wut schäumend im Prätorium auf und ab. "Das ist Veruntreuung von Truppeneigentum", schimpft er. "Ich werde diesen Martinus an den Hindukusch verlegen. Dann kann er seine Freigiebigkeit an den Taliban ausprobieren!"
Dietrich Niebelius, der neue Beauftragte für die armen Provinzen, schüttelt nachdenklich den Kopf. "Ich habe immer gesagt, Teilen ist nicht die Lösung. Eigentlich wollte ich diese ganze Teilerei eh abschaffen." "Was hat man von kaputten Mänteln?" ergänzt sein Freund
Guidonis Unda Occidentalis (deutsch: die "westliche Welle"). Man solle lieber die Mantel-Steuer senken. Dann könnten sich bald auch arme Leute eigene Mäntel leisten.
"Dafür haben wir kein Geld in der Provinzkasse", fällt ihm
der alte Scheublinius ins Wort. Und dann fällt er gleich wieder in seine alte Rolle als Polizeipräfekt. Man müsse überhaupt mal diese ganzen Bettler vor den Stadttoren überprüfen. "Da verbergen sich gewiss gefährliche Gestalten drunter. Viele von denen kommen ja aus dem Ausland." "Taliban?", fragt Guttenbergis erschrocken. Aber nun möchte die
Oberpriesterin Angela nachdrücklich wissen, wie man die ärmere Bevölkerung in der kalten Jahreszeit beschwichtigen könne. "Ihr wisst, dass die gefährlichen Aufwiegler der Roten, dieser stadtbekannten Sekte, schon seit längerem warme Mäntel für alle fordern, und zwar kostenlos. Da müssen wir etwas entgegen setzen."
"Ich finde diese Mantelteilung von Martinus gar keine so schlechte Aktion", sagt
Ursula, die Volkstribunin für die Familien, die Kinder, die Frauen und die Alten. Ach je, stöhnen die anderen, denn sie erwarten wieder eine ihrer vielen Geschichten über ihre vielen Kinder. Aber Ursula lässt sich nicht beirren. "Wir könnten doch öffentliche Tage des Mantelteilens einführen. Das dient der Wertevermittlung, fördert den sozialen Zusammenhalt und kostet die Stadtkasse kaum etwas." Scheublinius Gesicht hellt sich auf, wie immer, wenn er kein Geld rausrücken muss. Auch Angela ist angetan - weshalb die anderen gar nicht mehr zu widersprechen wagen. "Man könnte auch die Kinder einbeziehen", biegt Ursula die Sache zu ihrem Lieblingsthema um: "Wir machen einen Umzug mit Lichtern, so nach dem Motto: Wir bringen Licht in die Dunkelheit. Und alle, die mitmachen, erhalten ein wenig Weißbrot zum Dank." "Also doch wieder Kosten", murrt Scheublinius. Aber beschlossen wird die Sache dann doch. So entstand damals der erste Martinszug. Die Tradition gibt es bis heute - genauso wie frierende arme Menschen auf der Straße.
Audio: Runter mit der Mantel-Steuer!
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Kaum formiert sich die schwarz-gelbe Koalition, da tritt Stephan Josef eine Neiddebatte los - zwar nicht über Steuerentlastungen für Leistungsträger, wohl aber über
meinen Türkeiurlaub. Nun, ich kann die Debatte gern anheizen: Schließlich hatten wir 28 Grad am Strand und 25 Grad im Meer. Von Koalitionsverhandlungen bekamen wir nichts mit, denn ich hatte zur Erholung eine Nachrichtensperre verhängt. Die einzige, die sie mit ihrem Netbook durchbrach, war meine 14-jährige Tochter. Und die schrie denn auch eines Tages erschrocken auf: "Die verkaufen unsere Daten!"
"Das tun die doch immer", wollte ich schon gelangweilt aus dem Liegestuhl heraus murmeln, ohne mich zu kümmern, wer diesmal "die" waren:
Telekom oder AWD oder
Postbank. Aber da erzählte meine Tochter schon, es seien persönliche Seiten bei
Schüler VZ gehackt worden und jetzt könnte sich da wer weiß wer bedienen. Ich setzte mich auf: "Ach, und vor welchem Geheimnisverrat hast du besonders Angst?", fragte ich - schließlich entgeht einem als Erzieher mitunter etwas
"Na, stell dir vor, die großen Firmen speichern das alles in ihren Datenbanken. Ich habe doch zum Boykott von Nestlé und Coca Cola aufgerufen." Tatsächlich hat meine Tochter seit einiger Zeit eine globalisierungskritische Seite ausgebildet. "Das ist ja nicht verboten", sage ich. "Aber wenn man sich dann später mal bei so einem Konzern bewirbt", sagt sie, "dann haben die einen gleich in der Datenbank."
Ich bin verwundert. "Warum willst Du dich denn bei so einem Konzern bewerben, wenn du die so schlimm findest, dass du nicht mal ihr Zeug kaufst?" Und dann folgt eine wirklich entwaffnende Antwort: "Das ist ja jetzt, wo ich Jugendliche bin. Aber später, wenn ich studiert habe und dann Karriere machen will, bin ich vielleicht so eine Erfolgs-Spießerin, und dann ist das blöd."
Da soll noch einer sagen, die Jugend von heute sei zu unreflektiert! Hat Joschka Fischer seinerzeit auf den Straßen von Frankfurt darüber nachgedacht, ob seine Aktionen ihm als
Berater von RWE, BMW und Siemens schaden könnten? Heute dagegen haben die jungen Attac-Mitglieder schon ihre Beitrittserklärungen zur FDP für den dreißigsten Geburtstag in der Schublade. Und noch später wird es die Senioren-Union. Bei dieser illusionslosen Biografieplanung wird nun ausgerechnet das Internet zum Problem. Denn das schnelle und flexible Medium hat eine Schattenseite: Es vergisst nichts. Hier bleiben nicht nur die Lebensabschnittsgefährten, sondern auch die Lebensabschnittsüberzeugungen dokumentiert. Wer sich intensiv in sozialen Netzwerken des Web2.0 tummelt, wird später private Erinnerungen auffrischen können, die er gar nicht mehr hat. Für die Demenztherapie tun sich ganz neue Chancen auf.
Jetzt ist der Türkei-Urlaub längst vorbei. Der Herbst wird nebelig. Meine Tochter hat Recht: Alles ist vergänglich, auch unsere Ideale, auch wir selbst. Daran erinnert jedes Jahr der November mit seinen Gedenktagen für die Verstorbenen. Nur das Internet hält auch hier dagegen. Denn bei Facebook und Co
behalten auch Verstorbene ihr schwarzes Brett. Man kann ihnen Freunde empfehlen und Mails schreiben. Bald wird man nicht mehr wissen, ob man im Chatroom mit einem Geist flirtet. Kein Wunder, dass meine Tochter nicht mehr Allerheiligen feiert, sondern Halloween.
So schlimm? Jeder Mensch hat ein Privatleben, eine (vielleicht morgen schon nicht mehr aktuelle) Weltanschauung und ist eigentlich nur mit Makeln behaftet. Vielleicht trägt ja auch die Liebe zu einem ganz bestimmten Fußballverein zur Ablehnung beim nächsten Personalchef bei... Wer kennt schon sämtliche Auswahlkriterien seines evtuellen zukünftigen Arbeitgebers? Wer so denkt, sollte wohl lieber gleich den Stecker ziehen- und sich aus dem WWW verabschieden. Aber bitte Anonym. Sonst könnte ihm diese Verweigerung vielleicht auch noch als Negativkriterium angerchnet werden.
Michael Schlücker am 2.11.09 10:11
Nach Informationen der dpa hat der des Datenklaus Verdächtigte in der Untersuchungshaft Selbstmord begangen.
Anonym am 2.11.09 12:08
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Norbert Blüm ist vornehm zurückhaltend. Wenn er sich an seine vielen Koalitionsverhandlungen erinnert, sagt er, dass es um gemeinsame Ziele gehe, um Kompromisse, und ganz am Ende natürlich auch um Posten. Ich bin da ein bisschen skeptisch. Wenn man vier Jahre lang zusammen arbeiten will, stets unter dem Druck der Opposition und der Beobachtung der Medien: Geht es dann nicht vor allem um die so genannte Chemie? Oder altmodisch: um Vertrauen?
Angela Merkel, die in ihrer Schulzeit ausführlich in Marxismus-Leninismus unterrichtet wurde, kennt gewiss den Spruch von Wladimir Iljitsch Uljanow: Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser. Deshalb wird sie die Verhandlungsrunden nutzen, um die Vertrauenswürdigkeit ihrer neuen Mannschaft zu kontrollieren. Diese stundenlangen Sitzungen sind im Grunde nichts als Versuchsanordnungen. Deshalb stehen dort stets diese silbernen Thermoskannen mit Kaffee, Tabletts mit
Schnittchen und Servierwagen mit Kaltgetränken. Denn die wahre Persönlichkeit eines künftigen Ministers zeigt sich nicht in einstudierten Reden.
Horst Seehofer zum Beispiel stelle ich mir als einen
Heimlich-das-erste-Brötchen-Typ vor. Er lächelt beim Hereinkommen jeden an, schüttelt hier eine Hand, lässt sich dort in einen kurzen Small-Talk ziehen, steuert dabei aber gezielt auf die Tabletts zu und hat als erster Salami mit Gewürzgurke drauf im Mund und noch eine Frikadelle in der Hand. Er wirkt dabei so harmlos, dass keiner die Schnelligkeit der Ressourcensicherung bemerkt - außer der Regierungschefin, die ihm mit einem Blick aus den Augenwinkeln gefolgt ist. Und damit ist Seehofer abgehakt. Gesundheitsminister wird der bestimmt nicht noch mal, bei so einer Gier.
Und was macht sich da Sabine Leutheusser-Schnarrenberger an der Heizung zu schaffen? Nein, nicht an der Heizung, sondern an der Steckdose daneben. Da schließt sie doch tatsächlich ihr
Handy samt Ladegerät an und legt es auf die Fensterbank. Traurig schüttelt die Kanzlerin den Kopf. An sich mag sie die überzeugte Liberale. Aber das ist für das Justizressort denn doch zu liberal und offenbart ein seltsames Verständnis von der Deregulierung des Energie-Marktes.
Guido Westerwelle scheint sich sicher zu fühlen, gilt er doch schon als Außenminister. Die Sache mit seinen Englischkenntnissen regt seine künftige Chefin nicht wirklich auf, zumal sie dem Vize sowieso nicht allzu viel internationalen Glanz überlassen will. Bedenklicher erscheint ihr, wie er sich während der Sitzung eine Tasse Kaffee nach der anderen einschenkt. Solche Unbeherrschtheit kann man sich in Moskau nicht leisten. Denn da gibt es bei den entscheidenden Kaminrunden am Abend keinen Kaffee.
Die Katastrophe aber ereignet sich am Ende dieser Verhandlungsrunde: Da steckt sich doch Tanja Gönner, Baden-Württembergs Umweltministerin und CDU-Hoffnung für das Amt im Bund, gerade als sie sich einmal unbeobachtet glaubt, eine
kleine Flasche Tafelwasser in die Aktentasche. Gut, sie hat jetzt eine lange Fahrt nach Stuttgart vor sich. Aber dort kann sie dann auch bleiben. In Angela Merkel steigt leichte Verzweiflung auf, Zukunftsangst, Einsamkeit. Doch dann sieht sie Wolfgang Schäuble, der scheinbar gedankenverloren in seinem Rollstuhl sitzt. Hinter der Maske erkennt die Kanzlerin seinen Scanner-Blick. Als einziger im Raum hat er alles bemerkt, was sie bemerkte. Der kann Innenminister bleiben, denkt sie erleichtert.
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Wenn das Wetter düsterer wird, schaue ich gern
Gartensendungen an. Ich habe zwar keinen Garten, aber man sieht ja auch Kochshows, während die Tiefkühlpizza im Ofen gart. So erfuhr ich dieser Tage, dass Freilichtmuseen alte Apfelsorten wie den rheinischen Krummstiel weiter züchten, die man im Supermarkt längst nicht mehr findet. Das brachte mich ins Grübeln über die vielen alten, ausrangierten Dinge, derer sich niemand annimmt, nicht einmal das Freilichtmuseum in Lindlar.
Franz Müntefering zum Beispiel zieht sich demnächst ins Sauerland zurück. Mit ihm geht ein knorriger, pflichtbewusster, herb-trockener Typ des Sozialdemokraten, den die Partei kaum mehr im Angebot hat - ein westfälischer Krummstiel sozusagen. Aber kein Heimatmuseum kann ihn nachzüchten. Natürlich bleibt seine Kurzprosa in ungezählten Fernseharchiven erhalten. Aber ein echter Ersatz ist das nicht.
Wie an der Spitze, so geht es nach dieser einschneidenden Wahl auch an der Basis der SPD. Mit einer Träne im linken Auge las ich den Bericht von den Genossen im
Ortsverein Dortmund Nord-West, die kaum ein Wort über ihre politische Katastrophe verlieren, sondern tatkräftig die Wintereinlagerung ihrer 45 Plakatständer planen. Das ist Volkspartei - und das ist ziemlich vorbei. In Westerwelles Erfolgsverein werden Plakatständer sicher nur geleast.
Nun mag einer fragen, was Äpfel, Münte und Plakatständer gemeinsam haben. Aber ich habe mich schon immer über den dummen Spruch geärgert, man könnte Äpfel nicht mit Birnen vergleichen. Natürlich kann man das. So gleicht zum Beispiel Sigmar Gabriel einem prallen Boskop, während Helmut Kohl bekanntlich einer Birne ähnlich sah. So gesehen steht die künftige SPD tatsächlich im Zeichen des Apfels. Aber auch harte Gabriel-Gegner treibt nach der Wahl das Problem allzu schnell verschwindender Altertümer um. So möchte
RWE-Chef Großmann gern seinen Museums-Reaktor Biblis länger behalten dürfen. Dessen Sorge verstehe ich allerdings nicht so recht - ist doch kaum etwas so wenig von der Gefahr des Vergessens bedroht wie die Atomkraft. Zwar nicht in Freiluftmuseen, aber tief unten im Keller wird sie unsere Nachkommen noch in einigen Millionen Jahren beschäftigen.
Im Keller lagerte man früher auch die Apfelernte eines Herbstes - eine im modernen Leben in Vergessenheit geratene Vorratshaltung. In meiner Kindheit hatten wir einige Apfelbäume hinter dem Haus, und ich hasste die jährliche Einkellerung. Denn in den folgenden Monaten bekamen wir nie die frischen, rotwangigen Äpfel zu essen, sondern stets die schon leicht angefaulten. Die mussten ja zuerst weg. Waren sie weg, dann waren die frischen auch nicht mehr frisch. Vielleicht hat mich diese Erfahrung zur Theologie geführt. Denn ich erklärte mir diesen strukturellen Missstand mit der Austreibung aus dem Paradies, mit der Gott ja auf den unerlaubten Genuss eines frischen Apfels reagierte. Heute sehe ich, dass sich das Apfel-Einkellerungs-Motiv in der Politik wiederfindet: Da warten die frischen, jungen Wilden darauf, die alte Garde abzulösen. Aber wenn die, von einer Wahl gebeutelt, endlich abtritt, sind die jungen Wilden selbst schon nicht mehr frisch. Vielleicht liegt das aber auch daran, dass der Apfel nicht weit vom Stamm fällt.
Dieser Obsttag war wirklich amüsant, ganz nach der Devise "an apple a day keeps the doctor away" :-)
Dagmar am 5.10.09 9:26
Noch köstlicher als ein frischer Apfel ist diese Glosse!
Sabine am 5.10.09 14:18
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Zum SeitenanfangIn meiner Nachbarschaft gab es mal einen Pastor, zu dem gingen auch die Kirchgänger der Nachbargemeinden recht gern. Denn er predigte locker und manchmal mit kleinen kirchenkritischen Spitzen. Es gab in seiner Gemeinde aber auch eine ältere Dame, eine pensionierte Grundschullehrerin, der gerade diese Bemerkungen gar nicht gefielen. Im Kampf gegen Irrlehren schrieb sie Eigenverantwortung groß und die Bemerkungen des Pfarrers in einem Notizblock mit. Diese Aufzeichnungen schickte sie dann hin und wieder an den Bischof. Und der wiederum rief hin und wieder beim Pfarrer an. Der Pfarrer ließ sich davon jedoch wenig beeindrucken. Eines Sonntags flocht er in seine Predigt sogar die Bemerkung ein: "Soll ich das noch mal wiederholen, Frau N., oder haben sie es schon?"
In einer Institution, die Beichtstuhl und Inquisition erfunden hat, geht man mit Überwachung eben gelassen um. Ähnliche Fragen wird man demnächst aber auch öfter von Wahlkampfbühnen hören: "Haben Sie das im Kasten, oder soll ich noch mal wiederholen?" Denn die politischen Gegner
verfilmen sich neuerdings gegenseitig. Jürgen Rüttgers' Sprüche über Rumänen und Chinesen wurden von der SPD mit der Handkamera eines eifrigen Jusos aufgenommen. Die CDU hat nun auf Hannelore Kraft gleich eine Filmproduktionsfirma angesetzt.
Ich stelle mir das lustig vor, wenn wir demnächst die Parteien stets im filmischen Stil der Gegenseite kennen lernen werden, für Cineasten sicher ein ästhetisches Erlebnis. Der Arbeiterführer Rüttgers eingefangen in etwas wackeligen langen Einstellungen wie bei Dogma-Regisseuren. Die Sozialdemokraten dagegen präsentiert in Short-Cut-Manier, aus ständig wechselnder Perspektive gesehen, als sei's ein Streifen aus Hollywood. Wenn die Grünen auch endlich mitmachen, gibt es bald ein langes Westerwelle-Porträt im Stil einer Star-Doku von Martin Scorsese. (Bärbel Höhn wird manchmal eingeblendet und kommentiert Westerwelles Körpersprache.) Die Linke wiederum dreht einen Streifen über die Grünen, waschechter sozialistischer Realismus unter dem Titel: "Wahlkampfkreuzer Trittin". Unterlegt mit Musik von
Hanns Eisler. Schön fände ich, wenn zu Beginn einer neuen Legislaturperiode ein Zusammenschnitt der besten Überwachungsfilme in die Kinos käme. Da könnte man dann Kultpartys veranstalten, so wie bei der Rocky Horror Picture Show.
Ein Problem mit der neuen Kunstform wird allerdings die Piratenpartei haben. Sie ist bekanntlich gegen jede Videoüberwachung und erst recht gegen deren Veröffentlichung. Während die anderen über ihre Demonstrationen wundervolles Popcorn-Kino mit Anleihen am "Fluch der Karibik" produzieren, schreiben die Piraten beim Gegner nur mit. Die Notizen werden dann auf Lesungen präsentiert. Und da ist es dann mucksmäuschenstill, wie in der Kirche.
Der arme Jürgen Rüttgers ist vor lauter Angriffen schon gealtert. Kein Wunder, überall nur negative Ereignisse von A wie Nokia und Z wie Opel, man merkt hier stimmt was nicht, stimmt. Was nicht stimmt ist die...stop, hier handelt es sich um eine Glosse. Den politischen Alltag ein wenig satirisch behandeln mit einem Funken Wahrheit. Rüttgers ist bei der CDU, sein Ziehvater hat immer gesagt: Wichtig ist was hinten rauskommt. Also den guten Jürgen da filmen ? Ja er könnte auf einige sch...denn er kann nur seinen Job als Ministerpräsident machen und ist kein Diktator der den Konzernen befehlen kann. Weil er das nicht kann nehmen ihm manche übel und wenn er seine Enttäuschung aus Versehen kund tut fallen alle über ihn her. War das jetzt ein Funken Wahrheit. Darüber soll jeder selbst urteilen. Glück auf !
MG am 20.09.09 21:27
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Gerade war der Sommer der Liebe mit seinen nassen
Bethel-Nächten vorbei, da folgte auf ihn der Herbst der Krieger. In jenem denkwürdigen Jahr 1969, während die Hippies noch ihre bematschten Klamotten wuschen, sann das US-Militär über ein "unzerstörbares Netzwerk" nach und ließ es von einigen Universitäten in Kalifornien und Utah aufbauen. Die beauftragende Militärbehörde hieß Arpa und heraus kam das Arpanet - die
Keimzelle des Internets.
Arpa, Arpanet? Plötzlich kommt es mir vor, als könne ich mich an diesen Begriff noch aus meiner Kindheit erinnern. Aber das ist unmöglich, schließlich ahnte damals kaum einer, was das Pentagon heimlich tat und dass dort unser künftiges Leben mit Mails, Spamfilter und Onlinebanking vorbereitet wurde. Außerdem war ich damals noch ein Kind, das sich beim Fernsehen weder für Jimi Hendrix noch für den Kalten Krieg interessierte, sondern für Schweinchen Dick. Aber Fernsehen ist das richtige Stichwort, und jetzt weiß ich es wieder: Ich erinnere mich nicht an Arpa, sondern an Arpad.
"Arpad der Zigeuner" ritt wenige Jahre später - während Arpa unter Ausschluss der Öffentlichkeit allmählich immer mehr Rechner einbezog - durch die deutschen Fernseher. Ich liebte diesen Puszta-Helden des Vorabendprogramms. Er entkam Folge für Folge den Fängen feindlicher Österreicher, Ungarn und Stammesbrüder, schoss und ritt dabei vorzüglich, zeigte viel Brust und liebte Rilana (was ich bald mit ihm gemeinsam hatte).
Meinen Kindern sind Arpad und Rilana böhmische (bzw. ungarische) Dörfer. Ich weiß auch nicht, warum die Serie nie wiederholt wird. Vielleicht, weil sie heute "Arpad der Sinti" heißen müsste und die politisch korrekte Nachsynchronisation zu viel Arbeit machen würde. Dass Arpad immer noch sehr viele Fans hat, beweist ein Klick im heutigen Arpanet: Bei Google findet er sich über 5.000 Mal.
Mich macht diese Erinnerung unruhig. "Kümmert euch eigentlich eure Zukunft?" will ich meinen Kindern zurufen. Aber die schauen gerade die neue Folge von Doctor's Diary. Ob sich die in einigen Jahrzehnten wohl auch noch 5.000-fach finden lässt? Ob es dann überhaupt noch ein Internet geben wird, oder ob es die EU wegen seiner nachgewiesenen Klimaschädlichkeit längst verboten hat, wie die
Glühbirne? Oder ob es dann die EU schon nicht mehr gibt, weil sie in der Eurasischen Union unter der Führung Chinas aufgegangen ist? Müssten wir nicht eigentlich wissen, was irgendwelche Militärs in Peking gerade heimlich ausprobieren lassen? Während wir das meiste, was wir heute erfahren, getrost vergessen können? Mich verwirren diese Fragen so sehr, dass ich dringend Entspannung brauche. Doctor's Diary langweilt mich. Also gehe ich in mein Arbeitszimmer und lege gute Musik auf. Robert Schumann, Zigeunerleben.
Arpa, nicht Arpad!
Jupp am 7.09.09 21:15
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Zum SeitenanfangMeine Oma konnte kein Englisch. "Made in Germany" sprach sie immer so aus, dass man an eklige kleine Würmer denken musste. Als Kinder machten wir einen Witz daraus und sagten: "Es steckt eine Made in Germany". Das war fast prophetisch, denn damals war man noch richtig stolz auf das, was ganz unenglisch "deutsche Wertarbeit" hieß. Die war für das kollektive Selbstbewusstsein fast so wichtig wie die D-Mark.
Heute ist nicht nur die D-Mark weg. Die Made hat ziemlich viel angefressen in Germany. Ich sage nur: Grundig, Schießer, Märklin. Irgendwann kam das Land in den Ruf, nur Altbackenes hervorzubringen, Altbier, Asbach Uralt, Altpapier. Und wenn ein Deutscher mal eine "körpergebundene Kleinanlage für die hochwertige Wiedergabe von Hörereignissen" patentieren ließ, brachten doch die Japaner den
Walkman heraus. Erst spät wachte die Politik auf und erfand als Gegenmaßnahme neue Berufe: etwa den Zukunftsminister. Als ein solcher die Regierung von NRW übernahm, erfand er in seinem Kabinett gleich noch so einen Beruf: den Innovationsminister.
Seither sind Zukunft und Innovation so richtig angesagt zwischen Rhein und Weser. In der Schützenfeststadt Neuss gibt es den Slogan "Öfter mal was Neuss" und während die Kultur noch auf die Ruhr2010 blickt, teilt die Wirtschaft schon den Ruhr2030Award aus. Der ging in diesem Jahr nach Marl. In der Stadt werden nämlich nicht nur begehrte Fernseh- und Online-Preise hergestellt, sondern auch die
Rollfliese. Die ist laut Laudatio eine "Produktinnovation, die ein hohes Marktpotenzial mit sich bringt".
Als ich hörte, dass man Fliesen jetzt so kaufen und verlegen kann wie Tapeten, war ich erst mal ganz von der Rolle. Dabei ist die Rollfliese beileibe nicht die einzige brandneue Innovation im Land. Wie der Kollege
Horst Kläuser berichtet, gibt es in Dörentrup-Schwelentrup patentierte Straßenlaternen, die man per Handy anknipsen kann. Mehr davon, möchte man ausrufen! Dafür braucht es aber findige Forscher und geniale Erfinder - und die sind bekanntlich in großer Zahl ausgewandert und müssen nun von Innovationsministern handverlesen und
teuer zurückgekauft werden.
Patentscouts suchen an den Unis nach ihnen wie nach Stecknadeln im Heuhaufen.
Soll man es da nicht begrüßen, wenn eine Firma in
Bergisch Gladbach seit Jahren erfolgreich neues Humankapital in Form von Doktoren produziert? Sollte man der Stadt, die mit Heidi Klum eines der erfolgreichsten deutschen Exportprodukte hervorbrachte, nicht dankbar sein? Aber statt des Bundesverdienstkreuzes erhält die Bergische Dr.-Schmiede Besuch von Staatsanwälten. Sollen jetzt Menschen bestraft werden, die sich Bildung etwas kosten lassen? Für erfahrene Akteure aus der globalisierten Wirtschaft - typische Kunden eines Promotions-Services - muss es eine irritierende Erfahrung sein, dass Schmiergelder illegal sind. Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Den Titel in meinem Bloggernamen erhielt ich für lau. Aber ich musste drei Jahre investieren, eine viel zu lange Zeit für Innovationen mit Marktpotential. So was konnte man sich in Zeiten der deutschen Wertarbeit leisten. Im modernen Leben dagegen braucht man den Doktor just in time. Schließlich will ich auch die Straßenbeleuchtung anknipsen, wenn ich sie brauche. Und morgen roll ich mir mein Bad neu.
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"Warum wird der Bundestag eigentlich immer Ende September/Anfang Oktober gewählt", fragt mich meine Tochter. Ich bin schon wieder mal mit meiner politischen Bildung am Ende, weiß nicht einmal, ob das schon immer so war. Also sage ich einfach: "Wahrscheinlich, damit vorher die 'heiße Phase des Wahlkampfs' stattfinden kann." Tatsächlich bemüht sich das
Wetter redlich um so eine heiße Phase. Es wird dabei aber ziemlich allein gelassen. So wie Steinmeier. Ihm ergeht es wie Hannibal in Italien oder Napoleon in Russland: Er führt einen Feldzug, aber der Gegner stellt sich einfach nicht. So hat er keine Chance, zumal Steinmeier kein Hannibal und kein Napoleon ist, eher schon ein abgehetzter Hase zwischen der CDU-Igelfrau Merkel und dem CSU-Igel-Mann von Guttenberg. Die sind beide immer schon da, wo er hinrennt.
Nun sind die CDU/CSU-Igel allerdings nicht die einzigen, die nicht mitmachen. Die Bürger, wir also, halten es ähnlich. Wir lassen die Krise Krise sein und gehen lieber zur
Gamescom. Oder wir wünschen uns, dass man Horst Schlämmer wirklich wählen kann, damit es lustiger wird in der Politik. In Wirklichkeit aber wird
Guido Westerwelle Außenminister werden. Das finde ich lustig genug.
Ich frage mich ernsthaft, was die Deutschen eigentlich politisieren könnte, wenn es die größte Weltwirtschaftskrise der Nachkriegszeit und kläglich scheiternde Klimarettungsversuche nicht können. Kurz bevor ich an dieser Frage verzweifele, treffe ich meine Freundin Elke im Straßencafé. Kaum sitze ich ihr gegenüber, zieht sie über Horst Schlämmer her. Der sei doch eine Marionette von RWE, meint sie: "Die finanzieren das alles. Die machen Grevenbroich, diese selbsternannte
Bundeshauptstadt der Energie, zur beliebtesten Kommune Deutschlands, nur um von ihren Braunkohleseeplänen und Dreckschleuderkraftwerken abzulenken!"
Ich bin erstaunt, denn ich habe diese Theorie noch nie gehört. Aber meine Frage, woher sie das hat, beantwortet Elke erst gar nicht. Ob ich schon wüsste, fragt sie mich, dass die Kondensstreifen der Flugzeuge seit Jahren mit Chemikalien versetzt werden. "Mit denen will das Pentagon bald das Wetter beeinflussen können, weltweit." Nein, wusste ich nicht. "Du musst doch
Chemtrails kennen!" ruft Elke verwundert aus. "Kannst Du alles im Netz nachlesen."
Ich würde Elke jetzt gern fragen, was sie vom kürzlich über die Bühne gegangenen
Mondlandungsjubiläum hält, sozusagen als Testfrage für alle Verschwörungstheoretiker. Aber stattdessen trinke ich schweigend meine Bio-Limonade. Denn mir dämmert allmählich, dass die Wahlkampfstrategen etwas falsch machen. Sie führen die immer gleichen öden Diskussionen über Wirtschaftsankurbelung und Steuersätze. Das ist reichlich phantasielos. Die Menschen haben aber Phantasie. Gerade will ich dann doch zum Mondlandungstest ansetzen, da sagt Elke: "Und der ganze Wahlkampf interessiert mich schon lange nicht mehr. Die nächste Regierung haben die Parteien doch längst miteinander abgesprochen." Darüber will ich nun doch diskutieren, aber es sind plötzlich dicke Wolken aufgezogen, ein Windstoß fegt über unseren Tisch und dann kracht es kräftig. "Die Gewitter kamen früher auch nie so plötzlich", sagt Elke. Ich hätte gern erfahren, woran das liegt. Aber sie will schnell vor dem Regen nach Hause. "Ja, ja, der Regen ist auch nicht mehr, was er mal war", rufe ich ihr nach. Und schon beginnt es zu schütten, doch so schnell wie er gekommen ist, hört der Regen wieder auf. Nun riecht die Luft wie frisch gereinigt. "Chemisch gereinigt", würde Elke sagen.
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