Sonntag, 24.02.2013

Lauter Sex und leise Verzweiflung

Die Altbauwohnung war schön, aber hellhörig. Das erwies sich vor allem in der Examenszeit als Nachteil. Während ich spätabends am Schreibtisch über meiner Abschlussarbeit zum deutschen Parteiensystem brütete, hatte mein Nachbar im Stockwerk über mir ein ganz anderes Abendprogramm. Regelmäßig ließ er Ravels "Boléro" erklingen, und dazu brachte er erst sein Bett und dann seine Freundin zum Quietschen. Um mich unter solche Umständen auf das deutsche Parteiensystem konzentrieren zu können, schaffte ich mir Ohrstöpsel an. Mit Erfolg - für die Examensarbeit bekam ich eine Zwei plus.

Mit einer Deutschlandfahne geschmücktes Fenster; Rechte: dpa/WDR (M) + Auffällige Vaterlandsliebe "Kaufen Sie sich doch Ohrstöpsel!", habe ich Jahre später wütend einem anderen Nachbarn empfohlen. Da wohnte ich in einem 1950er-Jahre-Mietshaus, weniger schön als die vorherige Altbauwohnung, dafür noch hellhöriger. Der Nachbar war ein Malocher, hieß Gerhard T. und trug, sobald es die Witterung zuließ, bevorzugt ein Netzunterhemd. Er wohnte über mir und störte sich daran, wenn ich Gäste hatte - "immer dieses Getrampel im Treppenhaus" - oder nach 23 Uhr noch die Toilettenspülung betätigte - "wie soll ich bei dem Gerausche schlafen?". Herr T. kam dann runtergestürzt, machte sich durch Dauerklingeln bemerkbar und beschimpfte mich, sobald ich die Tür öffnete. Auch sonst nervte er mächtig: Er klaute mir die Zeitungen aus dem Briefkasten und hängte zu allen möglichen Gelegenheiten eine überdimensionale Deutschland-WDR: Fahne aus dem Fenster. Von seinem geöffneten Fenster aus, wo er es sich mit einem Kissen bequem machte, überwachte er auch das Geschehen auf der Straße - einer Sackgasse.

Erdkröten- Männchen zur Balzzeit im Laichgewaesser; Rechte: dpa + Lauter Nachbar "Auch wir haben Probleme mit einem Nachbarn", versuchte mich mein jüngerer Bruder damals zu trösten. Er wohnt mit seiner Familie in einer Kleinstadt, in ruhiger Lage, in einem schönen Einfamilienhaus mit großem Garten und kleinem Teich. Ringsum stehen ebenfalls Häuser mit großen Gärten und kleinen Teichen. Und in einem dieser Teiche hatte eine Kröte ihre Heimat, die in den Sommernächten so quakte oder unkte, dass mein eigentlich friedliebender Bruder über den Kauf einer Schrotflinte nachdachte.

Silvio Berlusconi am 20.2.2013 in Rom; Rechte: Reuters + Laut beim Nachbarn Die Kröte ärgert meinen Bruder längst nicht mehr - angeblich ist sie unters Auto gekommen. Und Herr T. ärgert mich nicht mehr, weil ich die 50-er-Jahre-Wohnung längst wieder gegen eine richtige Altbauwohnung getauscht habe. Meine jetzigen Nachbarn sind sehr nett und klingeln höchstens, wenn sie eine Tasse Zucker zum Backen benötigen. Im Erdgeschoss wohnt Salvatore, ein Italiener. Für Montagabend, nach Schließung der Wahllokale in Italien, hat er mich zu einer kleinen Wahlfeier eingeladen. "Aber es wird keine Bunga-Bunga-Party", erklärte er mir grinsend. Salvatore hofft auf ein gutes Abschneiden von Mario Monti. Und, wie viele Europäer, auf ein Scheitern ARD: Silvio Berlusconis. Vor einem Comeback dieses populistischen Lautsprechers als italienischer Ministerpräsident fürchten sich viele. Dagegen würden selbst Ohrenstöpsel nicht helfen. Allenfalls ein Signore T.

Audio: Audio: "Lauter Sex und leise Verzweiflung"

Kommentieren



Die mit * gekennzeichneten Felder müssen ausgefüllt werden.


Angaben speichern (Cookie)?


Um Ihren Kommentar zu versenden, beantworten Sie bitte die folgende Frage:


Trackbacks zum Eintrag Lauter Sex und leise Verzweiflung

Zum Anfang dieses Eintrags

Januar 2014

Mo Di Mi Do Fr Sa So
1 2 3 4 5
6 7 8 9 10 11 12
13 14 15 16 17 18 19
20 21 22 23 24 25 26
27 28 29 30 31

Über das Blog

Hier bieten Doktor Gregor und Stephan Josef wertvolle Hilfestellung für modernes Leben.

Über die Experten

Aktuelle Einträge

Blogregeln und Glossar

Newsreader-Feeds (XML/RSS)


Permanente URL dieser Seite: http://wdrblog.de/glossenblog/archives/2013/02/lauter_sex_und_leise_verzweifl.html