Sonntag, 02.12.2012
Plädoyer für das fünfte Kerzchen
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Zeit für leuchtende Kinderaugen
"Advent, Advent, ein Kerzchen brennt", singt mein Jüngster. Er hat dabei wirklich diese strahlenden Kinderaugen, die zur Jahreszeit gehören wie Lichterketten und Glühwein. Ich aber sitze missgelaunt am Frühstückstisch. Jedes Jahr trifft mich der Ausbruch der Adventszeit wie eine plötzliche Katastrophe, obwohl er doch kalendarisch vorhersehbar ist. Jedes Jahr bin ich seelisch noch nicht darauf eingestellt, obwohl die Supermärkte dafür schon seit Monaten ihr Bestes gegeben haben.
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Kinder, wie die Zeit vergeht!
Ich mag die Adventszeit durchaus. Aber sie beginnt immer zu schnell und ist zu kurz. "Aber die ist doch immer 24 Türchen lang", sagt mein Sohn, der gerade sein zweites geöffnet hat. Also erkläre ich ihm, dass diese Kalender einfach vom 1. Dezember aus zählen. Der Advent beginnt aber eigentlich mit dem ersten Adventssonntag. Und wenn Heiligabend nicht wie in diesem Jahr auf einen Montag, sondern zum Beispiel auf einen Freitag fällt, hat man nach dem vierten Sonntag noch ein paar Tage. Aber diesmal gibt's auch darin die größtmögliche Hetze.
"Und wenn das fünfte Kerzchen brennt, dann hast du Weihnachten verpennt", singt mein Sohn.
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Kommen zu früh
Je älter ich werde, desto schneller wird das Jahr, insbesondere auf seinen letzten Metern. Ich komme innerlich nicht mehr mit. Wenn ich endlich ein wenig in Weihnachtsstimmung geraten bin, werfen die Nachbarn schon den Baum auf die Straße und die Jungs auf dem Spielplatz zünden verfrühte Silvesterkracher. Alles kommt mir verfrüht vor - und ich mir selbst verspätet.
Das ist einer von tausend Gründen, warum ich kein Fan des FC Bayern München bin:
Herbstmeister Ende November, einfach total verfrüht. Viel sympathischer ist mir da unsere Landesregierung. Sie hat in der vergangenen Woche den
Haushalt 2012 durch den Landtag gebracht, also die Ausgaben genehmigen lassen, die bis auf ein paar Restgroschen schon getätigt sind. Das ist so, als würde man den Wunschzettel an Silvester schreiben, aber hätte sich die Geschenke vorher schon selbst gekauft.
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Die weite Welt im alten Bundesdorf
Die Welt wird einfach immer schneller - und kleiner. Man muss wohl trainieren, um da mitzuhalten. Ich will vor Weihnachten unbedingt noch in die Kunsthalle in Bonn. Da kann man die
Schätze der Welt jetzt fast auf einen Blick besichtigen, Afrika liegt nur eine Halle vom Pazifik entfernt und Jahrtausende dauern nur ein paar Vitrinen lang. Vielleicht werde ich dann auch begreifen, warum
Mittelerde jetzt in
Neuseeland liegt. Ich dachte immer, das läge ganz am Rand, aber bei einer Kugel ist das natürlich Unsinn. Da gibt es keinen Anfang und kein Ende. Der Adventskranz dagegen betrügt uns: Er sieht rund aus und doch führt kein Weg vom vierten Kerzchen zum ersten. Das ist dann nämlich schon abgebrannt.
Audio: Plädoyer für das fünfte Kerzchen
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