Sonntag, 18.11.2012
Nix wie weg?
Etwa zeitgleich mit dem ersten Lebkuchen-Sondertisch im Supermarkt meines Vertrauens kommt alljährlich die Bitte vom Chef, bloß keine Urlaubstage aus dem alten ins neue Jahr mitzunehmen. Deshalb hatte ich jetzt noch ein paar freie Tage im November. Für eine Reise in den Süden waren es zu wenige, deshalb fuhr ich mit meiner Freundin Daniela in den Osten, erst nach Dresden, dann nach Berlin, dann an die Ostsee. Stadturlaub funktioniert auch im trüben Novemberlicht, redete ich mir ein, und Meer geht sowieso zu jeder Jahreszeit.
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Alte Vandalen
Im trüben Berliner Novemberlicht musste ich allerdings eines Morgens feststellen, dass irgendjemand mit Schlüssel oder Schraubenzieher mein Auto mit einem riesigen Kratzer verziert hatte. "Berlin ist nicht nur arm und sexy, sondern auch Hauptstadt der Vandalen", schimpfte ich. Meine Freundin versuchte mich zu beruhigen und erzählte etwas von den echten Vandalen, die vor knapp zwei Jahrtausenden quer durch Europa zogen. "Und eine Spur der Verwüstung hinterließen", ergänzte ich. Das wollte Daniela so nicht stehenlassen: "Das ist üble Nachrede, Geschichtsklitterung. Die armen Vandalen waren schlicht Opfer eines Klimawandels", erklärte sie. "In ihren angestammten Gebieten wurden die Ernten immer schlechter, und deshalb haben sie sich auf den Weg gemacht - in den Süden, nach Italien, Spanien und Nordafrika."
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Neue Vandalen?
Diesen Drang nach Süden gibt es immer noch, heute heißt die Völkerwanderung allerdings Tourismus. Spanien, Italien und Griechenland zählen zu den Lieblingsurlaubsländern der Deutschen. Umgekehrt zählen die Deutschen in diesen Ländern nicht unbedingt zu den Lieblingstouristen. Von Einheimischen werden sie, vor allem am Ende der Saison, schon mal mit den bösen Vandalen verglichen. Was einfach ungerecht ist, vor allem gegenüber den historischen Vandalen. Heute gibt es außerdem eine
umgekehrte Völkerwanderung, aus den krisengeschüttelten Staaten des Südens Richtung Norden, ins vermeintlich stabile Deutschland. Im ersten Halbjahr 2012 kamen allein 16.000 Griechen nach Deutschland, um hier eine neue Heimat zu finden.
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Völkerwanderung andersrum
Erst einmal müssen sie natürlich eine Wohnung finden - eine richtige Herausforderung, weil derzeit kaum günstiger Wohnraum angeboten wird. Aber wer von den Zuwanderern etwas Glück hat, kann vielleicht dort einziehen, wo gerade ein Auswanderungswilliger auszieht. Ein Senior etwa, der nach Tschechien geht, weil dort die Pflege billiger ist. Oder eine Seniorin, die nach Südspanien umzieht, weil dort das Novemberlicht nicht so trübe ist. Berlin sollten die Zuwanderer meiden, da wollen zu viele hin, entsprechend steigen die Mieten. Düsseldorf verbietet sich auch, die Stadt ist
nur was für Reiche. Aber warum nicht Gelsenkirchen, Bochum oder Hagen? Da sind die Mieten günstig, die Menschen herzlich, humorvoll und heimatverbunden - weil sie wissen: "Woanders ist auch scheiße."
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