Sonntag, 14.10.2012

Wiedergeboren in Gelsenkirchen

Bob Dylan; Rechte: AFP Photo + Ging wieder leer aus Jedes Jahr, wenn der Literaturnobelpreis vergeben wird, stecke ich morgens ein Buch in meine Tasche. Das ist so eine Marotte von mir: Einmal möchte ich richtig getippt haben und das Buch stolz in der Redaktion herumtragen: „Das lese ich grad. Hab halt den richtigen Riecher!" (Und stehe natürlich gern für ein schnelles Interview zur Verfügung.) Seit Jahren ist es stets ein Buch von Alice Munro. Ich liebe die kanadische Erzählerin. Mein Kalkül ist durchaus rational: Sie wird immer wieder als Kandidatin genannt - und sie ist inzwischen 81 Jahre alt. Da wird man sich in der Schwedischen Akademie mit Blick in die Wiedervorlagemappe ohne allen Zynismus sagen: Die können wir nicht mehr risikolos vertagen. Außerdem habe ich natürlich immer Bob Dylan auf meinem mobilen Abspielgerät - aber der wird's ja doch nie.

Mo Yan; Rechte: imago stock&people + Holt den Preis nach China Nun wurde es ARD: Mo Yan. Ihn konnte ich nicht auf der Rechnung haben. Ich habe weder "Die Knoblauchrevolte" noch "Die Schnapsstadt" gelesen. Außerdem: Wieso sollte man an ihm nicht vorbeikommen? Er hat wenig Regimekritisches an sich, hat beim Militär studiert und ist ein hohes Tier im chinesischen Schriftstellerverband. Was also hatte ich übersehen? Nun, hohes Tier ist vielleicht das richtige Stichwort. In einem seiner Romane wird, wie ich jetzt las, ein Großbauer aus der Unterwelt ständig in sein altes Dorf wiedergeboren - mal als Esel, mal als Stier, dann als Schwein, als Hund, als Affe, auch als Kind. Das ist nun wirklich ein genialer Schachzug für einen Erzähler. Und schon ärgerte ich mich weniger darüber, dass mir Mo Yan nicht früher ein Begriff war, sondern dass mir so eine schöne Idee noch nicht eingefallen ist.

Feuer; Rechte: mauritius images + Fege- oder Höllenfeuer? Wahrscheinlich liegt es an meiner katholischen Prägung. Da gibt es viel weniger Spielraum für die Zeit nach dem Tod, nur Himmel, Hölle oder Fegefeuer. Das reichte zur Weltliteratur auch nur, weil Dante die Hölle in neun Kreise zerlegte. Doch welch schöne Glossen ließen sich mit etwas fernöstlicher Inspiration schreiben! Ich könnte ehemalige Bauernverbandspräsidenten als Hähnchen in einem Mastbetrieb auferstehen lassen. (Man sieht, Mo Yans Landromane haben mich jetzt doch gefangen genommen.) Dort erlebt er nun die Auswirkungen der Massentierhaltung am eigenen Leib. Oder ein Zoodirektor findet sich in seinem Affenhaus wieder. (Über die wahre Herkunft der gerade im Kölner Zoo geborenen Blog: Süßwasserschweine will ich gar nicht spekulieren.)

Rubens, Selbstporträt; Rechte: akg-images + PR-Berater? Aber das ist alles noch sehr durchsichtig. Wirklich magischer Realismus kommt ins Spiel, wenn große Persönlichkeiten der Vergangenheit in unsere kleine nordrhein-westfälische Welt wiedergeboren würden. Was etwa würde der Barockgigant WDR: Peter Paul Rubens als schlichter PR-Berater in Düsseldorf bewirken? Vielleicht käme er auf die Idee, die solide bis langweilig wirkende Blog: Landesmutter in wallende weiße Gewänder zu hüllen und vor exotischer afrikanischer Kulisse darzustellen. Nicht auszudenken!

Szene aus Fluich der Karibik; Rechte: Interfoto/NG + Wiedergeburt im Pott? Vielleicht sind solche magisch-realistischen Geschichten auch längst Realität. Die Piraten der Karibik etwa finden nach dem Tod niemals Ruhe, wie wir aus dem Kino wissen. Ständig müssen sie ihre mörderischen Bruderkriege mit Krummdolch und Pistolen weiter austragen. Bei uns haben sie dafür gleich eine eigene WDR: Partei gegründet - mit einer geheimen Kommandobucht in Gelsenkirchen.

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