Sonntag, 07.10.2012
Mistkerle und Mistkäfer
Süßigkeiten-Entzug, Fernsehverbot, Hausarrest - das waren früher die Strafen, die meine Eltern am liebsten verhängten. Da ich nicht viel für Süßigkeiten übrig hatte und wir bloß einen Schwarz-Weiß-Fernseher mit einem Programm besaßen, machte mir lediglich der Hausarrest zu schaffen. In Kindergarten und Grundschule lernte ich dann neue Strafen kennen: vom In-der-Ecke-Stehen über Zusatzhausaufgaben bis zum Nachsitzen.
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Wald- und Tornisterbewohner
Nachhaltig in Erinnerung geblieben ist mir der Satz: "Es gehört sich nicht, im Tornister einer Mitschülerin Mistkäfer auszusetzen." Wahrscheinlich liegt es daran, dass ich ihn zwanzigmal schreiben musste. Oder daran, dass mir während dieser öden Übung viele grundsätzliche Überlegungen durch den Kopf gingen: Wie steht es um die Tornister meiner männlichen Mitschüler - sind die auch tabu? Wäre die Verwendung von Marienkäfern erlaubt gewesen? Wofür wurde ich eigentlich bestraft - dafür, dass ich Uschi gequält hatte - ihr gehörte der Tornister -, dafür, dass ich die ganze Klasse gequält hatte - durch das Geschrei von Uschi - oder dafür, dass ich die Mistkäfer gequält hatte, durch nicht ganz artgerechte Unterbringung?
Solche Fragen unbeantwortet zu lassen, sollte man unter Strafe stellen. Vor allem der Zusammenhang zwischen Tat und möglicher Strafe muss deutlich sein. "Aug' um Aug', Zahn um Zahn", heißt es im Alten Testament, eine bemerkenswert klare Ansage. Allerdings fehlt ihr noch der pädagogische, resozialisierende Aspekt. Eine Mischung aus alttestamentarischer Klarheit und Härte sowie pädagogischem Anspruch war mein früherer Sportlehrer, Herr Stahl. Der sah ein bisschen aus wie Felix Magath und quälte die Klasse mit Konditionstraining, Geräteturnen und Medizinbällen. Wer sich in den Augen von Herrn Stahl nicht genug anstrengte, musste nach dem Unterricht zusätzlich mit ihm joggen. War der Straflauf zu seiner Zufriedenheit, spendierte Herr Stahl dann dem Schüler ein Mineralwasser am Schulkiosk - da war er
großzügiger als Magath.
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Taxi statt S-Bahn
Einen guten Jogger wie Herrn Stahl hätte das Raphaelshaus in Dormagen gut gebrauchen können. Aus dem offenen Vollzug dort sind
drei jugendliche Straftäter weggelaufen - und brachten damit ein Modellprojekt zu Fall, das vor allem auf Resozialisierung setzte. Nach dieser Schlappe bringt sich NRW-Justizminister
Kutschaty nun mit neuen Sanktionsmöglichkeiten ins Gespräch, nicht nur für jugendliche Straftäter. Warum nicht Steuerhinterzieher mit einem langjährigen Führerscheinentzug treffen? Oder Diebe zu Sozialarbeit verurteilen? Schöne Ideen, aber problematisch im Detail. Fiese Steuerhinterzieher werden bestimmt nicht, wie es dem Justizminister vorschweben mag, künftig in der S-Bahn durchgerüttelt werden, sondern sich im Taxi chauffieren lassen. Und ob verurteilte Diebe im Pflegeheim hilfreich sein können, ist auch die Frage.
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Naheliegende Sanktion: Rauchverbot
Richtig wirksam, glaube ich, wären individualisierte Strafen. Bei meinem Chef beispielsweise der Entzug des Smartphones - wobei mein Chef natürlich niemals straffällig werden wird. Das gilt selbstverständlich auch für die anderen, zu denen mir direkt Strafen einfallen: Für Peter Scholl-Latour ein Auftrittsverbot im Fernsehen, für Sandra Maischberger das Verbot, Peter Scholl-Latour in ihre Talkshow einzuladen, für Helmut Schmidt ein Rauchverbot und für
Schumi ein Comeback-Verbot. Und für Thomas Kutschaty ein Interview-Verbot.
Audio: Mistkerle und Mistkäfer
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