Sonntag, 21.10.2012
Heiß und kalt
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Vorsicht, Feinstaub!
Meine Jogging-Runde führt durch Wälder und Wiesen. Als ich sie gestern am frühen Abend gelaufen bin, war sie so bevölkert wie lange nicht mehr. Außer mir nutzten auch andere Jogger, Hundehalter, Fahrradfahrer, Walker und Spaziergänger das fantastische Oktober-Wetter. Die Wiese, die direkt am Parkplatz liegt, bot ein Bild, wie von einem altniederländischen Meister gemalt: Männer und Frauen lagerten entspannt um einen großen Grill, während ihre Kinder wenige Meter entfernt Fangen spielten. An einer anderen Stelle saßen Jugendliche an einem Lagerfeuer, hielten Stöcke mit Kartoffeln in die Glut und lauschten einer Musik, die orientalisch und rap-artig zugleich klang. Über die Wiese zog wie Nebel ein feiner Rauchschleier, der Musik, Lachen und Reden dämpfte.
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Vorne heiß, hinten kalt
Was im Vorbeilaufen so idyllisch aussah, hat aber seine Tücken. Die
Feinstaubbelastung am Grill ist nicht zu unterschätzen, nicht nur bei spontanen
Partys auf Baustellen. Am Lagerfeuer ist einem vorne meist zu heiß und hinten zu kalt. Heiß und kalt wird mir noch heute bei der Erinnerung an die Singerei, die am Lagerfeuer üblich war. Singen ist nicht meine Sache und war mir damals wegen meiner stimmbrüchigen Stimme ein bisschen peinlich, und außerdem fand ich die Texte merkwürdig - egal, ob ich mir einsame Menschen in den
Straßen von London ansehen sollte oder
Wildgänse durch die Nacht rauschten, mit schrillem Schrei nach Norden. Dank MP3-Playern kennen die Jugendlichen heute solche Nöte gar nicht mehr, wenn sie am Lagerfeuer sitzen.
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Heiß vom Zugucken
Das Lagerfeuer der Moderne haben Forscher in den heimischen vier Wänden ausgemacht - den Fernseher. Der stiftet Gemeinschaft durchs gemeinsame Gucken, ganz ohne Feinstaub-Emission. Bei der "
Wetten dass"-Premiere von Markus Lanz versammelten sich 13,6 Millionen Menschen vor den TV-Geräten, beim Fußball-Länderspiel Deutschland gegen Schweden 13,2 Millionen. Anders als in punkto Feinstaub ist aber das Heiß-und-kalt-Problem beim heimischen Lagerfeuer ungelöst. Bei "Wetten dass" haben ich solidarisch mit Lanz geschwitzt, nicht nur während seiner Liegestützen-Wette. Zum Schluss hatte ich noch eine 1-A-Gänsehaut, beim Anblick der vielen nackten Menschen vor dem Düsseldorfer Landtag. Beim
Länderspiel von Jogis Jungs gegen Ibrahimovic & Co war mir eine Stunde lang ganz warm ums Herz, bevor mir der Schrecken kalt in die Glieder kroch. Als der Bundestrainer danach das Spiel kommentieren musste, schien er abwechselnd zu schwitzen und zu frieren. Genauso ging es mir.
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Schweden auf dem Platz, Madagaskar im Kopf
Inzwischen brennt und knistert das Lagerfeuer der Moderne auch im Internet und heißt hier
"Meme". Den todesmutigen Sprung aus 39 Kilometern Höhe haben sich viele im Netz angeschaut, kommentiert und persifliert. Ebenso das Fernsehduell zwischen Barack Obama und Mitt Romney und natürlich das Länderspiel Deutschland gegen Schweden. Die Memes von heute sind gleichsam die besungenen Wildgänse von früher. Wobei Jogi Löw wahrscheinlich eher die Zeilen eines anderen
Klassikers durch den Kopf gehen dürften: "Wir lagen vor Madagaskar, und hatten die Pest an Bord. In den Kesseln, da faulte das Wasser, und täglich ging einer über Bord."

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