Sonntag, 30.09.2012

Kindheit, Kanzler, kalter Kaffee

"Papa, was ist eigentlich Filterkaffee?", fragte mich letztens tatsächlich mein Jüngster. Wie soll ich ihm das erklären? "Das ist so eine Art Capuccino, nur ohne Milchschaum, oder ein Espresso, aber mit mehr Wasser." Er kennt eben nur unseren Vollautomaten, der mahlt und zischt. Wasser, das tröpfchenweise durch Kaffeepulver rinnt, hat er noch nie gesehen. Geschweige denn einen Filteraufsatz auf einer Kanne, in den vorsichtig kochendes Wasser vom Herd geschüttet wird, wie früher bei uns zu Hause. Damals, als "echter Filterkaffee" noch ein besonderes Lob bedeutete, weil's kein Muckefuck war und kein Löslicher.

Meine Älteren stöhnen. "Papa erzählt wieder vom Krieg!"
"Vom Kalten Krieg", korrigiere ich: "Vom Krieg erzählt Opa."

Helmut Kohl und Helmut Schmidt im Bundestag; Rechte: dpa + Helmut K. übernimmt, Helmut S. muss zuhören Tatsächlich fluten mich in den letzten Tagen viele Erinnerungen aus dieser spannenden Zeit. Schließlich sind die beiden Helmuts, die Kanzler meiner Kindheit und Jugend, wieder ständig zu sehen. WDR: Schmidt winkt in Münster, WWW: Kohl lächelt in Berlin. Damals waren sie erbitterte politische Gegner. Und ich war gegen beide. Denn als Kohl Schmidt ablöste, blieb der Nato-Nachrüstungsbeschluss auch in der "geistig-moralischen Wende" erhalten. Just zu der Zeit reichte ich meine Kriegsdienstverweigerung ein. Und stand alle paar Monate auf Bonner Rasenflächen demonstrierend herum. Es war eben Kalter Krieg. Helmut S. oder Helmut K., das machte damals für uns keinen großen Unterschied. Dass auch noch meine ersten Kinder unter des Zweiten Regentschaft geboren würden, ließ ich mir damals nicht träumen.

Herbert Wehner; Rechte: dpa + Konnte rauchen und reden gleichzeitig Heute sind für meine Kinder Schmidt und Kohl schon tiefste Geschichte. Von Kohl wissen sie noch, dass er irgendwelche Namen geheim hält. Schmidt kennen sie eigentlich nur wegen seiner Raucherei. Wenn ich ihnen dann erzähle, dass in meiner Kindheit die Politiker sogar im Fernsehen bei Diskussionsrunden rauchten und dass ein gewisser Herbert Wehner seine Pfeife auch bei Reden im Bundestag in den Mund steckte, glauben sie wirklich, dass ich alt bin. Schmidt hat jetzt den Preis des Westfälischen Friedens erhalten. "Wahrscheinlich, weil er den 30-jährigen Krieg beendet hat", sage ich ironisch zu unserer Küchenrunde.

schroeder_pipeline02.jpg + Unser Gas ist sicher Mich nervt einfach, wenn Leute wie Heilige behandelt werden, nur weil sie alt geworden sind. Werden meine Kinder später glauben, dass Kohl, mit einer Strickjacke gekleidet, den Eisernen Vorhang überwunden hat? Dass dem Weltökonomen Schmidt das Euro-Desaster nicht passiert wäre? Und was wird man später von der allseits beliebten Oma Merkel behaupten? Dass sie Griechenland gerettet und die FDP besiegt hat? So wie jedes Kind dann weiß, dass ihr Vorgänger Gerhard Schröder erst die Sozialhilfeempfänger gerettet und dann unsere Gasversorgung gesichert hat? Warum bloß erinnern wir uns an die Politik, sobald sie ein paar Jahrzehnte her ist, wie mit nostalgischem Weichzeichner bearbeitet? Pershings und Parteispenden - alles kalter Kaffee. Ach, und der Kaffee war damals wirklich noch besser: guter Filterkaffee.

Audio: Audio: Kindheit, Kanzler, kalter Kaffee

Selbst wir jetzt "größeren Kinder" fragen uns machmal wie habt ihr euch damals so von den Machthabern verschaukeln lassen ? Die an welche die Fragen gerichtet sind leben schon lange nicht mehr. Kalter Krieg war Programm und zum Glück blieb er kalt. Die Kriege von Opa werden ja regelmäßig im TV bei ZDF Info wiederholt. Eines Tages wenn unsere Urenkel die Chroniken lesen oder bei Winkinpedia über unser Jetzt nachlesen werden sie denken. Mann waren die Leute damals naiv, was die sich alles von ihren Politikern, Bänkern und anderen gefallen gelassen haben.

MG am 30.09.12 19:00

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