Sonntag, 26.08.2012

Spielzeug, kein Kinderspiel

Puppen; Rechte: dpa + Nur für Mädchen? Einmal im Jahr treffen wir uns im Geschwisterkreis zu einem Wanderwochenende, unsere Partner sind auch dabei. Abends, wenn die Füße schmerzen und die ersten Biere getrunken sind, reden wir über Gott und die Welt, so auch am vergangenen Wochenende. Ein Lieblingsthema meiner älteren Schwester Britta war wieder einmal Angela Merkel - "eine Frau aus unserer Generation, die es zu was gebracht hat". Später, nach noch mehr Bieren, kam dann die Familiengeschichte auf den Tisch. Britta beklagte sich darüber, dass sie sich früher ständig um ihre drei Brüder kümmern musste. Wir Brüder hielten dagegen, dass wir alles darum gegeben hätten, damit sie sich weniger um uns kümmerte. Außerdem, erinnerte sich Britta, hätten wir Jungs uns ständig an ihren Puppen vergriffen - ihnen die Haare geschnitten, mit ihnen Kampfspiele veranstaltet oder an ihnen Bein-Amputationen geübt. Uns Brüdern fiel dagegen ein, dass Britta manches unserer selbst gebastelten Holzschwerter in den Kamin geworfen hatte. "Ich wollte euch halt zum Frieden erziehen", so ihr Argument.

Spielzeugbagger; Rechte: IMAGO + Nur für Jungs? In meiner Kindheit gab es noch die strenge Unterscheidung zwischen Jungs- und Mädchenspielzeug, was wechselseitigen Ge- oder besser gesagt Missbrauch nicht ausschloss. Später geriet das Modell "Puppen für Mädchen und Schwerter für Jungs" völlig aus der Mode. Das hatte ein wenig mit der Friedensbewegung zu tun - "Schwerter zu Pflugscharen" -, und viel mit der Emanzipation der Frau. Fortschrittliche Eltern schenkten ihren Mädchen nun bevorzugt Spielzeug-Bagger und -Busse und ihren Söhnen Kaufläden. Vielleicht gibt es deshalb heute auffällig viele Busfahrerinnen und erstaunlich viel männliches Personal in den Supermärkten.

Kinder eines Kindergartens spielen mit lila Lego-Steinen.; Rechte: dpa/WDR(M) + Bauen an der weiblichen Welt Inzwischen gibt es wieder einen Trend zum geschlechtsspezifischen Spielzeug. Aktuell sorgt ein rosafarbenes WDR: Überraschungsei "nur für Mädchen" nicht bloß bei Feministinnen für Aufregung. Länger schon verzaubert die Produktpalette von Prinzessin Lilifee die Herzen kleiner Mädchen. Und mit den lila Steinen von "Lego Friends" hat der bekannte Bauklötze-Hersteller ein viel diskutiertes Produkt auf den Markt gebracht, das sich ausschließlich an Mädchen richtet. Dabei spielen fünf Mädchen eine Hauptrolle, bevorzugte Spielorte sind Schönheitssalon, Küche, Partys und ein Ponyhof. Für Kritikerinnen und Kritiker sind all das Bausteine einer üblen "Pinkifizierung" der Mädchenwelt, sie befürchten, dass ihre Bewohnerinnen auf alte Klischees reduziert werden - niedlich, modebewusst und sexy zu sein. "Welche Frauen erwachsen aus den Mädchen, die ihre Kindheit in einer rosafarbenen Hölle zugebracht haben?", lautet die bange Frage.

Bundeskanzlerin Angela Merkel; Rechte: dpa/WDR(M) + Puppenspielerin? Bei der Abschätzung der Folgen der pinken Welle sollte man sich aber vor Schwarzmalerei hüten. Die rosafarbene Phase wächst sich aus, habe ich bei Töchtern von Freunden beobachtet. Außerdem haben selbst die alten Zeiten, in denen Mädchen vor allem mit Puppen spielten, tüchtige und emanzipierte Frauen hervorgebracht. Meine Schwester Britta beispielsweise. Oder unsere Kanzlerin Angela Merkel. Die hat früher bestimmt mit Puppen gespielt - aber auch das ein oder andere Holzschwert gebastelt.

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