Sonntag, 15.07.2012
Von Wölfen, Böcken und Schlangen
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Gefährliches Piemont
Eine Woche wandern durchs Piemont, mit den beiden Ältesten - das ist in diesem Jahr mein Urlaubs-Aufschlag. Meine Frau machte sich noch beim Abschied Sorgen, weil es dort in den Bergen laut Führer giftige Schlangen und sogar Wölfe geben soll. Ich machte mir eher Sorgen, ob ich angesichts der Fitness der beiden Fast-Erwachsenen wohl noch keuchend bei der Tour mithalten könnte.
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Stöcke für die Böcke
Wie eng Tier- und Konditionsgefahren zusammenhängen, habe ich dann gleich am zweiten Tag erlebt. Weil die Jungs noch einen Gipfel am Routenrand besteigen wollten, nahm ich allein den tiefer gelegenen Hangweg zur nächsten Alm. Allein spazierte ich über einen wunderschönen Waldweg, bis der plötzlich von einem Drahtzaun abgeschnitten wurde. Es galt eine Weide zu überqueren. Ein Blick nach links, ein Blick nach rechts: die Weide schien leer. Ich stieg über den Zaum. Kaum war ich ein paar Schritte weiter gegangen, trabte plötzlich ein bisher im Unterholz verborgener Ziegenbock auf mich zu. Er tat alles, was aggressive Böcke so tun: stampfte mit dem Fuß auf, senkte den gehörnten Kopf und kam vor allem immer näher.
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Sehnsucht nach dem Wolf
Selbst die Drohung mit meinen beiden Wanderstöcken nahm er nicht ernst. So musste ich sie schließlich quer vor mich und den Bock damit von mir halten. Er drückte gegen die Stöcke, ich zog mich rückwärts Schritt für Schritt über die Wiese zurück. Wir müssen ein komisches Bild abgegeben haben. Aber es schaute niemand zu. Mir wäre in diesem Moment ein Wolf am Rand der Bildfläche ganz lieb gewesen. Dann hätte der Bock gewiss Reißaus genommen. Statt dessen musste ich bei jedem Schritt darüber grübeln, was zu tun sei, wenn ich den Zaun erreichte. Um ihn zu überklettern, musste ich meine Deckung aufgeben und dann konnte er zustoßen.
Aber als ich so weit war, ließ der Bock plötzlich von den Stöcken ab und blieb stehen. Seelenruhig schaute er zu, wie ich ein wenig zittrig und ungeschickt den Zaun überstieg. Ich war zugleich froh und sauer über sein rationales Verhalten. Sein Blick kam mir spöttisch vor. Er strahlte die Ruhe des Siegers im Revier aus.
Drei Stunden später traf ich auf der Almhütte mit meinen Jungs wieder zusammen. Natürlich warteten sie schon auf mich. Sie fanden, mein Erlebnis sei eine passende Illustration für die Warnung, niemals allein am Berg zu wandern. Mir dagegen fiel beim Erzählen auf, dass die Geschichte ein schönes Gleichnis auf die Eurokrise ist: Ich bin darin die Politik, die von den Märkten angegriffen wird. Ihre Gegenwehr bleibt defensiv und die Märkte drängen sie dahin, wo sie sie haben wollen. Das ist gefährlich für die Demokratie, denn irgendwann wünscht man sich einen Wolf, der den wild gewordenen Kapitalismusbock das Fürchten lehrt.
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Ökonom in Tiergestalt
Die gefürchteten Schlangen müssten aber auch noch in dem Gleichnis vorkommen, meinten meine Jungs. "Nichts leichter als das", entgegnete ich: "Schlangen sind ja ein ambivalentes Symbol, einerseits teuflische Verführer - siehe Adam und Eva, andererseits Wappentier der Heilkunst, siehe Äskulapstab. Die Schlangen in unserem Gleichnis sind also die Ökonomen mit ihren verwirrenden Ratschlägen, die einander ständig widersprechen."
Und was kommt dann am Ende heraus bei diesem Gleichnis? Was wird die machtlose Politik unternehmen? Ich bin mir sicher: Sie wird wieder den Bock zum Gärtner machen.
Audio:Von Wölfen, Böcken und Schlangen
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