Sonntag, 29.07.2012
Grottige Visionen
Reif für die Insel trieb es mich in die Ägäis, und zwar in einen ganz abgelegenen Winkel. Es ist ja kein Geheimnis, dass ich über die Apokalyptik forsche. Also fuhr ich nach Patmos, jenem kleinen Eiland, auf dem der Seher Johannes seine Geheime Offenbarung aufschrieb, das letzte Buch der Bibel. Die Insel ist wunderschön. Zerklüftet und hügelig. Über dem kleinen Hauptort thront ein Kloster. Weiter unten am Hang kann man die angeblich authentische Grotte des Apokalyptikers besichtigen.
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Kein guter Ort für Visionen
Der düstere Raum war gefüllt mit Pilgern, als ich ihn betrat. Fromme Griechinnen vom Festland zumeist, die sich bekreuzigten, die Ikonen an der Wand küssten und Kerzen aufstellten. Für die Kerzen wirft man 30 Cent in einen Opferstock und stellt sie dann in den Sand eines großen Kerzenständers. Erstaunt beobachtete ich, dass so eine Kerze kaum eine Minute brennt. Denn wenn sich der Beter weiterbewegt, eilt sogleich der Grottenküster herbei und entfernt die Kerzen wieder, bläst sie aus und legt sie zurück ins Angebot. So wird der Kerzenständer niemals voll. Und bis so eine Kerze heruntergebrannt ist, hat sie bestimmt 10 Euro eingespielt. Dieses Kerzenrecycling ist wahrlich eine clevere Geschäftsidee. An der orthodoxen Kirche kann die griechische Krise nicht liegen.
Ansonsten zeigt die Grotte wenig. Nackten Fels eben und die steinige Lagerstätte des Johannes. Der arme Kerl. Ich frage mich, warum er auf dieser sonnigen Insel in dieser Höhle gewohnt haben soll. Und kann man unter dieser niedrigen Felsdecke Visionen von apokalyptischen Reitern, endzeitlichen Schlachten und dem wunderbaren himmlischen Jerusalem haben?
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Viel besserer Ort für Visionen
Später saß ich nahe des Hafens auf einer kleinen Terrasse vor einem kleinen Lokal und freundete mich mit einem älteren Einheimischen an. Das ging leicht, denn er war einmal, wie so viele hier, Gastarbeiter in Deutschland gewesen und verzehrte jetzt hier seine Rente. Wir luden uns gegenseitig abwechselnd zu Ouzos und Zipouros ein. Den ersten spendierte er als Dank für die deutschen Finanzhilfen. Den zweiten ich als Dank für das Wahlergebnis. Ich kann nicht behaupten, dass die deutsch-griechische Kommunikation schwierig geworden ist, an der Basis gewiss nicht. Wir tranken uns in der Geschichte abwärts. Er dankte für die gute Aufnahme damals im Ruhrgebiet, ich für die griechische Versöhnung nach den Naziuntaten hier. Ab da wurde es ein historischer Abend. Er sprang mit dem nächsten Trinkspruch ins 19. Jahrhundert, dankte für die vielen deutschen Freiwilligen im Befreiungskrieg gegen die Osmanen. Ich sprach ein herzliches "Yamas" auf die großartige Kunst von
El Greco.
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Und dann die Visionen einfach kommen lassen ...
Als die Sonne mit wunderschönem Glitzerspiel auf dem Wasser unterging, waren wir in der Antike angelangt. Ich brachte einen Trinkspruch auf Sokrates aus und er einen auf den Apokalyptiker Johannes. Der habe hier auf Patmos alles schon vorausgesehen. Denn was seinen die apokalyptischen Reiter anders als die heutigen Plagen: Finanzspekulation und Verschuldung, Inflation und Korruption. Und als ich mein Glas zu seinem Spruch geleert hatte, da sah ich sie plötzlich auch: Furchterregende, bis an die Zähne bewaffnete Gerippe auf aschfahlen Gäulen ritten am Horizont über das Wasser. Mit einem Mal war mir klar, dass Johannes seine Vision nicht in dieser Grotte gehabt haben kann, sondern hier, auf der Terrasse. Und jeder kann sie sehen. Aber leider nehmen sich nur die wenigsten die Zeit.
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