Sonntag, 08.07.2012

Beim Zeus

Die Brunnenskulptur 'Reitende Europa auf dem Stier' des Wittelsbacher Brunnens in München am 11.6.2001; Rechte: dpa + Europa, legendär Lange Autofahrten verkürze ich mir gerne mit Hörbüchern. Derzeit lasse ich mir die klassischen Sagen des Altertums vorlesen - saftige Geschichten, mit Mord und Totschlag, Göttern und Geschlagenen, Helden und Versagern. Zum Personal gehört auch eine Königstochter namens Europa. Die Gute ist hübsch, aber auch ein wenig naiv - eine Mischung, die manche Männer mögen, so auch Göttervater Zeus. Er verwandelt sich in einen Stier und entführt die Königstochter nach Kreta. Dort schenkt Europa dem Zeus drei Kinder, so die Sage.

Teil des Gruppenbildes beim EU-Gipfel am 28. Juni 2012 in Brüssel; Rechte: imago/Xinhua + Europa, höchst real Das moderne Europa hat mit der sagenhaften Europa auf dem Stier wenig zu tun. Europa sieht, im Vergleich zur hübschen Königstochter, derzeit recht mitgenommen aus. Europa jagt von einer ARD: Krisenkonferenz zur nächsten. Arme, bedürftige Eurostaaten sollen unter einem Rettungsschirm Platz finden. Ob der aber groß genug ist und für alle reicht, die es nötig haben, weiß keiner. Vielleicht bleibt manch maroder Euro-Staat am Ende doch im Regen stehen. Man braucht kein antiker Vogelflugdeuter zu sein, um Griechenland hier als Kandidaten Nummer eins zu erkennen. Jenes Griechenland, das uns vor tausenden Jahren die hübsche Geschichte vom Göttervater in Stiergestalt und der naiven Königstochter geschenkt hat. Und vor gut zehn Jahren die hübsche Geschichte von der eigenen Euro-Reife - beides der reine Mythos.

Angela Merkel; Rechte: AFP + Moderne Stierreiterin? Stiere und Königstöchter gibt es auch im Europa von heute. Aber die einen tauchen allenfalls noch in der spanischen Folklore auf und in der Statistik der Schlachthöfe. Die anderen in der Klatschpresse. Bei einem gemeinsamen Mittagessen in der Kantine diskutiere ich mit meinem universell gebildeten Kollegen Doktor Gregor über die wahre Nachfolgerin der antiken Königstochter Europa. "Die trägt heute bevorzugt Hosenanzug, hat einen leicht ostdeutschen Akzent, vertritt im Deutschen Bundestag den Wahlkreis Rügen, Stralsund und Nordvorpommern und ist im Hauptberuf Bundeskanzlerin", erkläre ich.

"Ich will ja nicht chauvinistisch sein", antwortet Doktor Gregor, "aber als naive Königstochter, die sich von einem Typen erst einlullen und dann entführen lässt, kann ich mir die Kanzlerin nicht vorstellen. Frau Merkel hat doch Haare auf den Zähnen und zahlreiche Kerben auf ihrem Colt - denk nur an Kohl, Koch und Co." "Vielleicht muss man ja die alte Geschichte von Europa und dem Stier neu interpretieren", wende ich ein. "Vielleicht wollte die sagenhafte Europa einfach die Gelegenheit nutzen, sich aus der Enge des Elternhauses zu befreien. Und dafür hat sie halt den Stier benutzt, ihn sozusagen bei den Hörnern gepackt."

Odysseus tötet Freier; Rechte: akg-images + Odysseus, legendär So richtig überzeugen kann ich Doktor Gregor nicht. "Mich erinnert Angela Merkel eher an Penelope, die Gattin des Odysseus. Als der unterwegs war, wurde sie ständig von fremden Männern bedrängt. Sie aber blieb standhaft." "Und wer soll dann Odysseus sein?", hake ich nach: "Doch nicht etwa Philipp Rösler?" "Ach was", entgegnet Doktor Gregor, "natürlich Horst Seehofer! Mit all seinen Irrwegen!"

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