Sonntag, 19.02.2012
Frohsinnsarbeit
Nein, eigentlich habe ich wirklich nichts gegen
Karneval. Ich bin schließlich in Köln geboren. Ich habe schon manche Sitzung besucht, viele Züge bejubelt, einige Nubbel mitverbrannt. Und ich bin nur ein einziges Mal über Karneval an die Nordsee gereist, als wegen des Golfkriegs sowieso nichts los war. Ich bin ein Jeck und das lasse ich mir von niemand absprechen, verdammt!
+
Ohne Abschneideritual beleidigt
Nur wenn ich in diesen Tagen arbeiten muss, ändert sich die Perspektive völlig. Und ich muss in diesen Tagen arbeiten, irgendwie habe ich bei der Schichtverteilung mit Stephan Josef nicht aufgepasst. Also ging der Spaß schon an Weiberfastnacht los. Ins Büro fahren mit einem ollen Schlips umgebunden. Ich trage sonst nie Krawatte. Aber wenn ich die Kolleginnen um das Abschneideritual bringe, sind sie beleidigt. Und schimpfen mich einen Karnevalsmuffel. Deshalb darf man nach vollzogenem Brauch auch den Stummel nicht ausziehen. Sitzt da am Computer mit diesem idiotischen Strick um den Hals. Nein wirklich, ich mag das Brauchtum, habe mich am Morgen schon an den Grundschülern erfreut, die verkleidet zur Schule zogen. Aber dann in der Bahn, die Aktentasche unterm Arm, hauchen sie einen gleich mit Alkoholfahnen an. Und lauter Leute, die nicht singen können, singen. Hallo, es sind noch keine 11 Uhr 11! Ich muss zur Arbeit. „Na du Muffelkopp", sagt eine und boxt ihren Ellenbogen in meinen Rippenbogen. Dabei bin ich gar kein Karnevalsmuffel, verdammt.
+
Dann auch noch Darth Vader!
Aber das ist nichts gegen die Rückfahrten nach Feierabend. Da stehst du dann als einziger unverkleidet und nüchtern in einer Geruchswolke aus Schweiß, Schminke, Alkohol, Billigparfum und Fastfooddämpfen und wirst alle drei Minuten gefragt: „Als was gehst Du denn?" - „Guck mal, was für ‚'ne coole Verkleidung, den erkennt bestimmt niemand." - „Lach doch mal! Kannst Du auch lachen?" - Schließlich kramt eine stark übergewichtige Prinzessin einen Lippenstift aus ihrer goldenen Handtasche und beginnt, als lieb gemeinte Integrationsmaßnahme meine Nasenspitze rot anzumalen. Sie schwankt dabei so bedenklich vor und zurück und rülpst so herzhaft, dass ich befürchte, ihr könnte jetzt gleich ganz plötzlich übel werden. Ich flüchte eine Station zu früh hinaus. Dabei schlägt mir noch eine Darth-Vader-Maske ins Genick, verdammt.
+
Feiern ist nur in der Gruppe schön!
Auf dem Bürgersteig versuche ich in der Dunkelheit auf keine der vielen Flaschen zu treten, die es irgendwie durch das Kölner Glasverbot geschafft haben. Wahrscheinlich mit Verkleidung. Plötzlich umringt mich eine fröhliche Gruppe. Ich werde untergehakt. Ich werde geschunkelt. Ich sage noch: „Leute, ich komm von der Arbeit, ich bin müde." Aber sie antworten mit einem Lied: „Drink doch ene mit ..." Ach, ich liebe diesen alten Klassiker. Die Karawane zieht weiter, bis zur nächsten Kneipenecke. Ich kann auf keinen Flaschen mehr ausrutschen, ich schwebe. In der Kneipe kann ich bis nach dem dritten Kölsch nichts sehen, weil meine Brille beschlagen ist. Nach dem achten Kölsch weiß ich von allen aus der Gruppe, wie sie heißen. Nach dem fünfzehnten habe ich es wieder vergessen. Muss ich morgen eigentlich wieder zur Arbeit? Und wo ist überhaupt meine Tasche? Egal. Soll doch Stephan Josef die Glosse zu Ende schreiben. Diese Stadt ist einfach unvergleichlich. Ich liebe sie.
Über das Blog
Hier bieten Doktor Gregor und Stephan Josef wertvolle Hilfestellung für modernes Leben.
Über die Experten
Aktuelle Einträge
- Geisterfallen
- Sie haben Post
- (Un-)Ruhe auf dem Klo
- Ziemlich wichtig: Freunde
- Der Prinzen-Konfigurator

Seite empfehlen
über Social Bookmarks