Sonntag, 05.02.2012

Die Bahn und Bhutan

Bahnhof; Rechte: dapd + Warten im Nirwana Neulich hatte ich mal wieder richtig Zeit, mich mit meiner Cousine zu unterhalten. Sie wohnt mit ihrer Familie im Nirwana zwischen Düren und Aachen. Dort gibt es nicht viel, aber immerhin einen Bahnhof. So war ich mit dem Regionalzug zu einer abendlichen Stippvisite gefahren und stand gegen Mitternacht am Bahnsteig, um den letzten Zug zurück zu nehmen. Plötzlich eine Lautsprecherdurchsage in der nächtlichen Stille: Der Zug nach Köln verkehre heute auf Gleis 2 statt 1, wegen Gleisarbeiten. Dankbar für die rechtzeitige Information tastete ich mich durch die spärlich beleuchtete Unterführung auf die andere Seite des Bahnhofs. Die Durchsage ertönte noch einmal. Dann fuhr der Zug ein. Auf Gleis 1. Er hielt 40 Sekunden, zu wenig für die Unterführung. Ich habe dann bei meine Cousine übernachtet und noch ein gutes Frühstück bekommen.

Im Zug am nächsten Tag fehlte mir die Fahrkarte für die eine Station, die außerhalb meines Verbundtickets lag. Der Grund. Der Automat nahm keine Scheine an, genug Münzen hatte ich nicht. Die Folge: Eine Zahlungsaufforderung über 40 Euro.

ICE wird evakuiert; Rechte: dpa + Kleiner Zwischenhalt im Nirwana Diese Geschichte ist nicht erfunden. Das ist das Schöne bei Bahngeschichten: Man muss sie nicht erfinden. Denn die Bahn ist so, wie sie ist: Die WDR: Feuerwehr muss ICEs evakuieren, Gerichte müssen die WDR: Renovierung von Bahnhöfen erzwingen. Das Blöde bei Bahngeschichten: Sie sind alle schon erzählt und mit Bahnwitzen kann ein Satiriker kaum mehr etwas reißen. Deshalb geht es mir hier auch nicht um langweiliges Bahn-Bashing. Vielmehr möchte ich alle, die an der Rettung der Welt arbeiten, auf die Bahn als Quelle möglicher Lösungen hinweisen. Tiefsinnige Denker haben nämlich längst erkannt, dass hinter den großen Krisen unserer Zeit - der ökologischen Krise, der Finanzmarktkrise oder der Krise des Mannes - das abendländische lineare Denken steht.

Speisewagen; Rechte: dpa + Der moderne Bistrowagen sieht anders aus. Ganz kurz erklärt: Wir denken und handeln in linearen Wenn-Dann-Beziehungen, wir abstrahieren, klassifizieren, bilanzieren. Alles muss effizient sein, messbar, kalkulierbar. Deshalb produzieren wir Bruttosozialprodukte, aber kein WWW: Bruttosozialglück, deshalb zerstören wir die Umwelt und unsere Seelen auch. Das Vernetzte, das nicht Messbare, der Weg als Ziel, der Charme des Umwegs, die Freude am Augenblick bleiben auf der Strecke. Nicht so bei der Bahn: Hier lernen sich Unbekannte kennen, kommen ins Gespräch, wenn der Zug stehen bleibt oder der Anschlusszug weg ist. Hier gibt es auch nicht für jeden Misstand eine benennbare Ursache, geschweige denn eine Lösung. Offensichtlich denkt das System Bahn nicht in solchen Kausalketten. Deshalb ist dieses System zutiefst ökologisch. Man müsste näher untersuchen, wie es funktioniert. Die UNO könnte das machen. Oder eine Kommission aus WWW: Bhutan.

Der Fahrgastverband ProBahn dagegen ist noch ganz im alten Denken verhaftet. Er kritisiert an der WDR: Modernisierung von 359 Bahnhöfen, im Zuge der besseren Ausstattung mit Fahrplänen würde die Bahn eigentlich nur Ansagen sparen wollen. Genau das ist, vernetzt gedacht, der Fortschritt: Hätte es damals im Nirwana hinter Düren keine Ansage gegeben, hätte ich meinen Zug nicht verpasst.

Audio: Audio: Die Bahn und Bhutan

Kommentieren



Die mit * gekennzeichneten Felder müssen ausgefüllt werden.


Angaben speichern (Cookie)?


Um Ihren Kommentar zu versenden, beantworten Sie bitte die folgende Frage:


Trackbacks zum Eintrag Die Bahn und Bhutan

Zum Anfang dieses Eintrags

Februar 2012

Mo Di Mi Do Fr Sa So
1 2 3 4 5
6 7 8 9 10 11 12
13 14 15 16 17 18 19
20 21 22 23 24 25 26
27 28 29

Über das Blog

Hier bieten Doktor Gregor und Stephan Josef wertvolle Hilfestellung für modernes Leben.

Über die Experten

Aktuelle Einträge

Blogregeln und Glossar

Newsreader-Feeds (XML/RSS)


Permanente URL dieser Seite: http://wdrblog.de/glossenblog/archives/2012/02/05/