Freitag, 09.12.2011

Russenpelz oder Chinaplaste

Kaum wird es endlich kälter, geht wieder das Mützendrama los. Jeden Morgen gibt es Krach mit meinem Jüngsten um die richtige Kopfbedeckung. Offensichtlich gehen auf Grundschulhöfen nur solche Kappen als cool durch, die eher für den Sommerurlaub taugen. "Da ist die Mittelohrentzündung programmiert", schimpfe ich. Meine Frau fischt aus einer Schublade ein weiteres wollenes Angebot. Am Ende setzt er es auf, schließlich drängt die Zeit. Aber ich wette, schon auf dem Weg zum Schulbus wandert das Teil in den Ranzen.

Mädchen mit Mütze; Rechte: dapd + Mützen sind der Kinder Leid Einerseits nervt dieses Theater, andererseits kann ich meinen Sohn irgendwie auch verstehen. Schließlich erinnere ich mich noch an den Widerwillen, mit dem ich als Kind die berüchtigte Schalmütze trug, die meine Eltern "sooo praktisch" fanden. Ich sah darin aus wie ein Frosch mit Sturmhaube und außerdem kratzte das Ding am Hals. Polizisten müssen wohl ähnliche Kindheitstraumata mit sich herumschleppen. Anders ist der Mützenstreit in NRW kaum zu erklären. Da sollten die Polizisten sooo praktische Fellmützen in russischem Stil bekommen, aber ihre Gewerkschaft protestierte und brachte sogar eine illegale Polizeiwollmütze in den Umlauf.

Gaddafi mit Schirm und Uschanka; Rechte: dpa + Schlechter Werbeträger für Uschankas Die Russenmütze mache die Beamten lächerlich, hieß es. Außerdem wollen deutsche Ordnungshüter den Bürger ungern an die sowjetische Obrigkeit erinnern oder gar an Oberst Gaddafis letzte Auftritte. Dass die WDR: Uschanka inzwischen durchaus als modisch gilt, zählt bei solchen politischen Argumenten wohl nicht. Falls bei Kopfbedeckungen überhaupt Argumente zählen. Ich jedenfalls habe Mitleid mit den Innenministerialreferenten, welche die Verhandlungen im Mützenstreit mit der Gewerkschaft führen mussten. Ihre Rolle wird etwa so undankbar gewesen sein wie die von Mama und Papa morgens vor Schulbeginn.

Aber Chapeau! Das Schlichtungsverfahren hat nun zu einem WDR: offiziellen Mützenfrieden geführt. Das Ergebnis: In diesem Winter müssen die Polizisten aufsetzen, was da ist. Für die Zukunft soll aber ein Alternativmodell entwickelt werden, und zwar eine Fleece-Mütze. Das wundert mich nun wieder. Ist der Gewerkschaft der Polizei unbekannt, dass Fleece überwiegend aus alten Plastikflaschen hergestellt wird? Und dass dieses Wunder der Recyclingindustrie überwiegend in China vollbracht wird? Ich befürchte, die Beamten könnten zukünftig bei Demonstrationen beschimpft werden, weil sie Flaschenmüll auf dem Kopf tragen. Und die Chinaplaste eignet sich auch nicht unbedingt als lupenrein demokratisches Symbol. Aber öffentlich werde ich solche Zweifel keinesfalls äußern. Schließlich weiß ich als Vater, wie zerbrechlich so ein Mützenfrieden ist.

Im Gegenteil: Vom Russenmützenstreit lernen heißt siegen lernen! Ich werde künftig das Schlichtungsergebnis auf die Auseinandersetzung mit meinem Jüngsten übertragen. Heißt: Fürs erste wird die Wollmütze getragen. Und im kommenden Winterschlussverkauf können wir dann gemeinsam eine neue aussuchen. Und wenn alles nichts nützt, zeige ich ihm demnächst, wenn’s mal richtig frostig ist, einen Polizisten. Noch sind das nämlich Vorbilder, wie die Feuerwehrleute. Und dann sage ich: "Schau mal, was der Polizist trägt: mit Ohrenklappen und Bändchen. Cool, oder?"

Sollen sich doch ihre Mütze selber kaufen,die bekommen alles vom Staat,und nichts ist gut genug.
In den Schuhen können sie nicht laufen,die Bekleidung ist im Sommer zu warm,im Winter zu kalt,und sogar aus den Pistolen lösen sich von alleine Schüsse...
Na dann man weiter so...

KHS am 10.12.11 11:35

Ich glaube Doktor Gregor sollte sich mal aus den Redaktionsräumen nach draußen bewegen und mit den Polizisten für einen Tag tauschen. Vielleicht ändert sich dann seine überhebliche Sichtweise.

Tom Gerhards am 10.12.11 21:22

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