Sonntag, 13.11.2011
Zeit für Gefühle
Den ersten Glühwein des Jahres trinke ich traditionell im November, auf einem Schulhof in der Nachbarschaft. Zum Laternen-Umzug ihrer Grundschul-Kinder schenken dort, an einer improvisierten Trinkbude, Eltern das süße Heißgetränk aus. "Engagierte Eltern", wie die Rektorin der Grundschule in ihrer kleinen Begrüßungsansprache betont. Auch in diesem Jahr drängen sich nicht nur andere engagierte Eltern, sondern zusätzlich engagierte Onkel, Tanten und eben auch Nachbarn der lieben Kleinen um den Getränkestand. Der Glühwein ist gewohnt gut und wärmt mir den Bauch, der Anblick der Laternen tragenden Kinder das Herz.
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Herzerwärmend
Als sich der Lichterzug der Kinder in Bewegung setzt, mit einem bärtigen Mann in tiefrotem Mantel auf einem Pferd vorneweg, schließen sich nur ein paar Männer an, "engagierte Begleit-Väter", so die Rektorin. Die übrigen Erwachsenen warten am Glühweinstand auf die Rückkehr des Umzugs. Die "engagierten Begleit-Väter" sollen dafür sorgen, dass keine Laterne in Brand gerät. Zwar leuchten die meisten Martinsfackeln heutzutage dank Batteriestrom, aber einige auch noch traditionsbewusst, mit Hilfe echter Kerzen. Die Kinder, die Blechbläser, der heilige Martin und sein Pferd erreichen dann auch heil wieder den Schulhof. Allerdings diskutieren einige Viertklässler inzwischen lautstark darüber, ob statt eines heiligen, gutherzigen Mannes auf dem Pferd nicht vielleicht der doofe Turnlehrer sitzt, der Herr Kurtz mit knarzigen Stimme. Zwei Kinder wollen außerdem beobachtet haben, dass der Mann auf dem Pferd seinen Mantel nicht wirklich mit dem Schwert geteilt hat. "Da war ein Reißverschluss drin", sind sich die beiden sicher.
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Reißverschluss-Mantel
Bei der Klärung der Identität des Reiters wollen nun auch einige engagierte Glühwein-Trinker behilflich sein. "Ausziehen, ausziehen", skandieren sie. Hinter seinem langen weißen Bart färbt sich das Gesicht des Reiters dunkel und ähnelt nun seinem tiefroten Mantel. Um die Situation zu entschärfen, gibt die Rektorin den Blechbläsern das Signal zum Einsatz. Die plötzlich einsetzende Musik überfordert anscheinend das Pferd. Mit gewaltigen Sätzen prescht es davon, samt heiligem Martin beziehungsweise unheiligem Turnlehrer. "Sankt Martin ritt durch Schnee und Wind, sein Ross das trug ihn fort geschwind", spielt die Kapelle. Doch feierliche Stimmung will nicht mehr recht aufkommen, und rasch leert sich der Schulhof.
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Rapper in Festkleidung
Feierlich ist mir doch noch zumute, später zuhause, bei der Bambi-Gala im Fernsehen. Zu sehen sind schöne Frauen in schönen Roben, gut angezogene Männer, Stars und Sternchen, alle irgendwie engagiert für eine gute Sache, die meist mit Kindern zu tun hat. Die
Bambi-Gala ist sozusagen die Martinsfeier für die Reichen und Schönen: ohne Mantel, Martin und Pferd, dafür mit Smoking, Altkanzler und Rehkitz. Und, das allerwichtigste: ohne Glühwein, aber mit Schampus. Es ist ein wahres Fest, nur der wegen mancher Liedtexte und Statements umstrittene Preisträger
Bushido sorgt für etwas Unruhe im Saal. Der erinnert mich ein wenig an den heiligen Martin – oder genauer gesagt an Herrn Kurtz.
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