Sonntag, 06.11.2011
Vorwärts in die Vergangenheit
Am Ende der Herbstferien wollte ich gern noch einen Familienausflug organisieren zu einigen Schätzen der Heimat. Mir schwebte eine Tour zu potenziellem
Weltkulturerbe aus NRW vor: zu den Paderquellen, nach Schloss Benrath oder auch zum Astropeiler bei Bad Münstereifel. Das Wetter spielte auch mit - aber meine Kinder nicht. All diese historischen Ziele fanden sie langweilig. Ich gestehe, meine bildungsbürgerliche Seele war schockiert.
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Doch nicht finster?
Offensichtlich muss man Geschichte immer wieder neu erfinden, damit sie interessant bleibt. Zum Beispiel das Mittelalter. Bis vor einiger Zeit wurde es ohne das Beiwort "finster" überhaupt nicht genannt, und verkäuflich war es nur in schaurigen Geschichten mit Krüppeln, Hexen und Inquisitoren à la Name der Rose. Jetzt aber präsentiert eine Ausstellung in Köln
"Glanz und Größe des Mittelalters". Und alle reiben sich verwundert die Augen, dass es damals auch andere Berufe als Scharfrichter und Bettler gab.
Ich glaube, unser Bundespräsident würde es so formulieren: Nur wer seine Vergangenheit stets neu erfindet, hat Zukunft. Nehmen wir zum Beispiel die Griechen, schließlich bieten sie sich beim Thema Geschichte immer an. Die haben einst die Ökonomie erfunden (was wörtlich Hausordnung heißt) und auch das Chaos. Das heißt wörtlich "gähnende Leere" und bezeichnete ursprünglich unheimliche Abgründe und heute den Zustand der Staatskasse.
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Finstere Aussichten
Weil nun die Ökonomie ein wenig ins Chaos geraten ist, erfinden die Griechen gerade eine weitere ihrer Welterrungenschaften neu: die Demokratie. Sie greifen dabei auf den schönen alten Athener Brauch des Scherbengerichts zurück. Wenn mal was nicht richtig lief, stimmte die Volksversammlung darüber ab, wer schuld sei. Jeder schrieb einen Namen auf eine Tonscherbe. Wer die Wahl gewann, musste die Stadt verlassen. Das griechische Parlament stellt dies derzeit sachkundig nach. Beobachter befürchten allerdings, dass auf den Scherben so viele Namen stehen werden, dass am Ende keine Politiker mehr übrig bleiben und vom griechischen Staat nur noch ein großer Scherbenhaufen.
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Also doch finster?
Aber was Scherben angeht, soll man ja vor der eigenen Haustüre kehren. Deshalb von Athen nach Düsseldorf: Auch hier erfindet man gerade seine Geschichte neu, nämlich die Hexenverfolgungen. Deren (hoffentlich!) letzte fand in der heutigen Landeshauptstadt 1738 statt - von wegen finsteres Mittelalter. Nun soll der Rat der Stadt zwei damals
verbrannte Gerresheimerinnen rehabilitieren. Eine schöne symbolische Formsache, sollte man meinen. Aber dann hat ein Theologe Einspruch erhoben. Der Prozess sei zu lange her, um noch ein klares Urteil zu fällen, sagt Bernhard Meisen. Außerdem würde so eine Rehabilitierung einer "irrigen Theologie" Vorschub leisten. Da ich ein Theologenkollege von Herrn Meisen bin, hat mich dieser Einwand sehr ins Grübeln gebracht. Den beiden Frauen wurden unter anderem Flüge durch die Luft und Sex mit dem Teufel vorgeworfen. Dass man im Nachhinein nicht mehr feststellen kann, ob die beiden wirklich fliegen konnten, leuchtet mir ein. Aber ob eine Rehabilitierung als künftige Erlaubnis zum Teufelssex missverstanden werden könnte?
Was unseren Familienausflug angeht, haben wir schließlich etwas historisch völlig unverfängliches gemacht: Wir fuhren zur Allerheiligenkirmes nach Soest und waren abends noch lecker essen - bei unserem Lieblings-Griechen.
Audio: Vorwärts in die Vergangenheit!
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