Sonntag, 16.10.2011
Warnung vor Odysseus
Wenn ich ein Trojaner wäre, würde ich mich in diesen Tagen mächtig ärgern. Da sind die Griechen einst mit einer ganzen Flotte vor unserer Stadt erschienen, haben uns belagert. Dieser brutale Achill hat unseren Hektor getötet und durch den Schmutz vor der Stadtmauer geschleift. Aber all das hätte ihnen nichts genützt, wäre nicht dieser durchtriebene Odysseus auf die Idee mit dem hölzernen Pferd gekommen. Kassandra hat uns noch gewarnt, aber wir konnten uns so viel Falschheit nicht vorstellen. Einem geschenkten Gaul sieht man eben nicht ins Maul. Und so haben wir mit dem Gaul die Feinde in die Stadt geholt, und die haben sie in Schutt und Asche gelegt, als Geschenk für Heinrich Schliemann.
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Achill, brutal
Und jetzt, Jahrtausende später, nennt man Programme, die sich ungebeten in fremde Computer einschleichen,
Trojaner. Das heißt doch, die Opfer zu Tätern erklären! Aber die Trojaner haben seit Homer keine Lobby mehr. Eigentlich müssten diese Spionageprogramme ja "Griechen" heißen, die steckten schließlich in dem Pferd. Dann würden sich die Leute vielleicht auch wirklich vor den Angriffen fürchten - weil Griechen im Ruf stehen würden, heimlich die Online-Banking-Konten zu plündern und das Geld in den EU-Rettungsschirm umzuleiten. Und "Bundesgrieche" oder "Staatsgrieche" wäre auch sonst ein passender Begriff, schließlich sind die Griechen ja inzwischen quasi europäischer Staatsbesitz.
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Zeitungen, bedroht
Aber natürlich würde es einen Aufschrei der Empörung von Thessaloniki bis Kreta geben, wenn handelsübliche Virenschutzprogramme die Meldung ausspuckten: "Sie haben einen Griechen auf der Festplatte. Infizierte Verzeichnisse löschen oder unter Quarantäne stellen?" Die wahrheitswidrige Verunglimpfung von Trojanern stört dagegen nur Historiker und Altphilologen. Außerdem muss sich die Öffentlichkeit inzwischen mit ganz anderen Gefahren der digitalen Welt herumschlagen: Da gibt es die extrem aggressive
Tagesschau-App, deren Herunterladen auf Smartphones angeblich Zeitungen vernichten kann. Ich lege mein Handy deshalb schon immer ein paar Meter weit weg, wenn ich die Zeitung lese. Dann gibt es Gerüchte, die Hacker von Anonymus wollten demnächst Facebook vernichten. Eine Horror-Vorstellung: Du wachst morgen auf und hast keine Freunde mehr! Das Gerücht soll zwar falsch sein, heißt es. Aber als Trojaner weiß ich schon lange nicht mehr, wem ich wirklich trauen kann.
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Tür, gesichert
Die Polizei sagt, man sollte sich eben besser schützen. In Nordrhein-Westfalen hat sie jetzt eine Kampagne gestartet:
"Riegel vor! Sicher ist sicher." Als Trojaner kann man darüber nur lachen. Wie hatten damals angeblich unbezwingbare Mauern - eine Firewall ist ein Witz dagegen. Die Polizei rät zu Sicherheitssystemen an Fenstern und Türen. Der Ratschlag kommt mir vor wie eine zuckersüße Rede von Odysseus. Denn während dann die Einbrecher auf dem Balkon unverrichteter Dinge wieder abziehen müssen, sitzt der Verfassungsschutz schon gemütlich drinnen, auf Laufwerk C. Deshalb mein Rat: Troja, sei wachsam!
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