Sonntag, 30.10.2011

Robert und der Rettungsschirm

Zu Schirmen habe ich ein gebrochenes Verhältnis: Zum einen lasse ich sie ständig stehen, meist in Zügen oder Restaurants oder an Orten, an die ich mich später nicht mehr erinnere. Deshalb halte ich es für sinnlos, mir immer wieder neue zuzulegen. Zum anderen finde ich sie auch denkbar unpraktisch: Man hat die Hände nicht frei, man stößt überall an und beim ersten starken Windstoß knickt der Schirm um. Da erscheint mir nass zu werden mitunter als das kleinere Übel.

Wahrscheinlich liegt meine Schirmabneigung, wie alles, in der Kindheit begründet. Ich gehöre eben zu der Generation, die im zarten Kindergartenalter den WDR: Struwwelpeter geschenkt bekam. Und dort gibt es neben Horrorgeschichten über magersüchtige, hyperaktive und aufmerksamkeitsdefizitgestörte Kinder die über den kleinen Robert, der bei Sauwetter entgegen aller Warnungen mit einem Schirm das Haus verließ und dann nie mehr gesehen wurde. Das hat mich mehr geängstigt als der abgeschnittene Daumen und der verhungerte Suppenverweigerer.

Illustration aus dem Struwwelpeter; Rechte: akg + ... mit dem Regenschirm umher In diesen Tagen frage ich mich manchmal, ob auch Angela Merkel den Struwwelpeter gelesen hat. Und ob ihr in endlos langen ARD: Eurogruppenverhandlungen manchmal Robert vor dem inneren Auge erscheint: "im Felde patschet er mit dem Regenschirm umher." Schließlich "pfeift der Sturm und keucht" derzeit auch den Politikern um die Ohren. Wie Robert spannen sie dagegen einen Rettungsschirm auf. Aber so ein Schirm ist für den Sturm an den Finanzmärkten vielleicht gerade eine Herausforderung, noch stärker hinein zu blasen. Plötzlich geht es Angela selbst wie dem kleinen Robert: Seht! Den Schirm erfasst der Wind, und Angela fliegt geschwind, durch die Luft so hoch, so weit. Niemand hört sie, wenn sie schreit.

An dieser Stelle muss ich gestehen, dass meine kindliche Angst vor dieser Szene mit einer gewissen Lust einherging. So wie Robert hoch in die Luft gehoben zu werden und bis in die Wolken zu schweben - das war eine prickelnde Vorstellung. Ob eine ähnliche Mischung aus Angst und prickelndem Fluggefühl dabei ist, wenn man mit Milliarden Euros jongliert? Angela bürgt und hebelt, erlässt Schulden und kapitalisiert Banken und geht mit Instrumentarien um, die sie wahrscheinlich selbst nicht ganz versteht. Ist das nicht der gleiche Risikorausch, der Robert hinaus gelockt hat in dieses Wetter, bei dem man keinen Hund vor die Tür schickt?

Illustration aus dem Struwwelpeter; Rechte: akg + ... durch die Wolken immerfort "Warum mache ich das alles?", fragt sich eine müde Angela, während Sarkozy und Berlusconi schon wieder herumstreiten. Sie macht es für dieses Macher- und Machtgefühl, das wie Fliegen ist. Es stürmt in Europa, aber sie spannt den Rettungsschirm, den größten, den es je gab. Jede Woche wird er noch größer, "stößt zuletzt am Himmel an." Denn nach Griechenland wird Italien dran sein, und dann Spanien, Portugal und dann wieder die Banken... Schirm und Angela fliegen dort durch die Wolken immerfort. Wo der Wind sie hingetragen? Ja, das weiß kein Mensch zu sagen.

Ich weiß nur, dass mir ein Anorak mit Kapuze lieber ist.

Audio: Audio: Robert und der Rettungsschirm

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