Sonntag, 04.09.2011

Marius und Otto – find ich gut!

Ein Arbeitnehmer füllt am 13.02.2003 in Berlin die Formulare der Steuerklärung für das Jahr 2002 aus; Rechte: Zentralbild + Besonders nervige Tätigkeit Kaum geht der Sommer, wird es Zeit für die Steuererklärung. Die macht ein Steuerberater für mich, den Luxus leiste ich mir. Dieser Luxus ist allerdings überschaubar, denn für mich bleibt trotz Steuerberater genug zu tun: Rechnungen raussuchen, Belege sichten, Listen anlegen, Kontoauszüge durchforsten. Eine Arbeit, die wenig Spaß macht, aber sich auszahlt – meistens bekomme ich eine Steuer-Erstattung vom Finanzamt.

Diese Art von Glück gibt es einmal im Jahr, den Frust beim Blick auf die Gehaltsabrechnung dagegen jeden Monat. Die Kluft zwischen Brutto und Netto ist groß, so groß, dass es schmerzt. So empfinde ich nicht allein. Alle meine Freunde und Bekannten stöhnen über die Steuerlast. Georg etwa klagt in diesem Zusammenhang gerne über die "kalte Progression" und den "Mittelstandsbauch" – Wörter, bei denen es selbst Unkundigen kalt den Rücken runterläuft.

Die Schuldenuhr am Haus des Bundes der Steuerzahler in Berlin hat die Grenze von 1,5 Billionen Euro überschritten; Rechte: ddp + Besonders schnelle Uhr In Umfragen gibt die Mehrheit der Deutschen regelmäßig zu Protokoll, dass sie keine Steuersenkungen will und auch keine erwartet. "Wurden meine Freunde nicht gefragt?", habe ich mich zunächst gefragt – bis Georg mir die Dialektik der Steuerfrage erklärte: "Natürlich sind die Steuern zu hoch. Aber die Schulden des Staates sind es auch. Wenn die weiter wachsen wegen möglicher Steuersenkungen, trifft es am Ende des Tages wieder uns – durch höhere Steuern. Die kleine Steuersenkung von heute ist also die große Steuererhöhung von morgen."

Marius Müller-Westernhagen; Rechte: dpa + Besonders lieber Reicher Georg klang dabei fast wie ein Ökonom, dabei hat er Philosophie studiert, achtzehn Semester lang. So wie er denken anscheinend viele Deutsche, sonst würde die erklärte Steuersenkungspartei ARD: FDP nicht so schlecht dastehen, mit zitternden Beinen vor der Fünf-Prozent-Hürde. Vielleicht ist es aber gar nicht der raffinierte Eigennutz à la Georg, der die Lust auf Steuersenkungen dämpft – sondern einfach das Gute im Menschen. Auf die Idee kam ich, als ich von den Millionären hörte, die WWW: höhere Steuern für sich ganz okay fänden. Zu ihnen zählen der Versandhaus-Milliardär Michael Otto und der Präsident von Hannover 96, Martin Kind. Auch Alt-Rocker Marius Müller-Westernhagen findet es gut, wenn die Reichen, zu denen er zweifelsohne zählt, ein paar Prozentpunkte Steuern mehr zahlen – "wenn die Einnahmen konsequent zur Schuldentilgung genutzt werden", erklärte er der Wochenzeitschrift "Die Zeit".

Die Reichen stopfen die Schuldenlöcher in den öffentlichen Haushalten, was für eine hübsche Vorstellung. Doch Wirklichkeit wird sie nicht – aus zwei Gründen: Erstens weil von den richtig Reichen, die die "Zeit" befragt hat, gerade mal rund vier Prozent für höhere Steuern plädierten – was keine Zuversicht vermittelt, da muss man nur die FDP fragen. Und zweitens, weil viele Gutverdiener einfach zu viel Spaß daran haben, Rechnungen rauszusuchen, Belege zu sichten, Listen anzulegen, Kontoauszüge zu durchforsten.

Audio: Audio: Marius und Otto – find ich gut!

Der Ottoversand soll mal eher die Pakethauslieferer (Hermes) richtig bezahlen, bevor er sich mit profilierenden Steuermehrbezahlaktionen in Szene setzt. Reine Verarsche ist das doch!

60jähriger am 4.09.11 11:21

Ich möchte mich auch öffentlich äußern, gerne freiwillig Reichensteuer zahlen zu wollen, denn was meinen Sie was die Nachbarn staunen wenn sie das erfahren! Und ich könnte 'herabblicken' und mokant sagen: "Wie, Sie zahlen keine Reichensteuer und ich dachte Sie wären so erfolgreich!"

Ruhri am 4.09.11 11:34

Wenn alle über die Steuerlast stöhnen, so frage ich mich, warum die Steuer seit 1958 eine solche Entwicklung genommen hat?

http://de.wikipedia.org/wiki/Einkommensteuer_%28Deutschland%29#Entwicklung_des_Einkommensteuertarifs_seit_1958

Scheint ja psychologisch egal zu sein, ob 25-56% bezahlt werden müssen, oder 14-45%.

Wenn ich der WDR wäre, würde ich einen Beitrag machen über die Einstellung von verschiedenen Europäern zum Thema Steuern. Erstaunlich könnte dabei sein, dass die Skandinavier da ein ganz anderes Selbstverständnis haben...

kölsche jung am 4.09.11 11:49

Endlich auskömmliche Löhne und Arbeitsplätze für alle, nur so haben auch ALLE KINDER eine Chance. Politik und Kapital können sich hier frei an Allem bedienen, sprich Alles und Alle ausbeuten.

Anonym am 4.09.11 14:17

Die Zahl der Kommentare bringt es ans Licht, kein Mensch interessiert sich für diese PR-Gags der "Reichen".

Anonym am 5.09.11 14:54

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