Sonntag, 11.09.2011
Ibykus’ Kraniche und Jorgos’ Schwäne
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Satt und sesshaft
Meine Freundin Elke hat den Septemberblues. Bedrückt sitzt sie mir gegenüber am Bistrotisch und nippt nur an ihrer Biolimonade. "Weißt du, was mich so richtig runtergezogen hat?", fragt sie, und gibt dankenswerter auch gleich die Antwort: "Als ich die Vögel beobachtet habe, wie sie sich in Scharen sammeln, diese Schwärme, die uns bald verlassen. Die Zugvögel geben mir regelmäßig den Rest." Beim Versuch, sie etwas aufzuheitern, fallen mir die Störche ein. "Weißt Du, dass immer mehr Störche hierbleiben?" frage ich sie. Die werden nämlich so sehr gefüttert und gehätschelt, dass es Naturschützern schon Sorgen bereitet. "Aber daran sieht man", erkläre ich: "Die Kälte ist gar nicht so schlimm, wenn man nur genug zu essen hat."
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Sesshaft und sättigend
Der Zusammenhang von Vögeln und Essen lässt mich an einen griechischen Freund denken. Und um Elke noch mehr aufzuheitern, erzähle ich ihr die wahre Geschichte von Jorgos. Der kam aus einem kleinen, armen Inseldorf zum Studium nach Köln und lernte dort die hübsche deutsche Kommilitonin Katharina kennen. Er lud sie zu sich ins Wohnheim ein und wollte sie mit einem Festessen überraschen. Aber woher nehmen? Da sah er im Park am Decksteiner Weiher die Scharen von Schwänen. Die sind dort so zahlreich wie früher die Enten. Eine Plage geradezu. Jorgos schrieb begeistert an seinen Freund Stamatis: "In Deutschland muss keiner hungern." Stamatis dachte an das Sozialsystem. Jorgos an die Schwäne. Dumm war nur, dass Katharina so genau wissen wollte, woher Jorgos den schmackhaften, wenn auch ein wenig zähen Braten hatte. Und dass diese spießige Ökostudentin Jorgos, statt mit ihm, wie erhofft, ins Bett zu gehen, wegen Verstoßes gegen das Tierschutzgesetz anzeigte.
Leider heitert diese Geschichte Elke überhaupt nicht auf. Zum einen nimmt sie mir den Ausdruck "spießige Ökostudentin" krumm. Zum anderen denkt sie daran, dass nicht nur die Zugvögel in den Süden entschwinden, sondern auch unsere Euros. Kein
Verfassungsgericht hält sie auf und im Unterschied zu den Vögeln kommen die Euros wahrscheinlich nie wieder.
Damit bringt Elke nun den Griechenfreund in mir auf. Der erklärt ihr, dass erstens nicht die Griechen das EU-Geld bekommen, sondern die Banken, und zweitens die Deutschen jahrelang sehr gern an griechischer Ausgabenpolitik verdient haben, nicht zuletzt an Rüstungsaufträgen. Der kleine Jorgos vom Lande dagegen hat keineswegs eine üppige Rente und leidet meist unter den korrupten Seilschaften in seinem Land, statt von ihnen zu profitieren. Kein Wunder, dass er beim Anblick von Schwänen weder an Wagners Lohengrin noch an Andersons Märchen denkt, sondern ans Essen.
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Verliebt und einsam
"Gibt’s in Griechenland überhaupt Schwäne?", fragt Elke unvermittelt. Ich muss passen. Literarisch dokumentiert sind nur Eulen - und
Kraniche. Letztere beweisen, dass Zugvögel mitunter sogar wichtig sind, um
ungesühnte Mordfälle aufzuklären. "Wir sollten die Zugvögel ruhig ziehen lassen", suche ich Elke versöhnlich zu stimmen: "Was aus Tieren wird, die ihr Zugverhalten aufgeben, kann man ja an den trotteligen Parkschwänen sehen. Sie verlieben sich in
Tretboote oder Trecker. Und wenn ihnen ein Jorgos an den Hals will, stimmen sie auch noch einen Schwanengesang an." Aber da schüttelt Elke heftig den Kopf. "Wenn das keine Ente ist", ruft sie aus: "dann
brat mir einer einen Storch!"
Audio: Ibykus’ Kraniche und Jorgos’ Schwäne
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