Sonntag, 18.09.2011
Abendland, Badeland
Als ich Kind war, hieß das Shampoo noch Haarwaschmittel. Es war eidottergelb oder apfelgrün und biss fies in den Augen. Samstag war Badetag, und den mochte ich – zumindest anfangs – überhaupt nicht. Das lag außer am Haarwaschmittel an meinem älteren Bruder. Er saß mit mir in der Badewanne und versuchte an mir zu erforschen, wie lang ein Mensch unter Wasser überlebt. Seine Versuchsreihe habe ich glücklicherweise ohne Schaden überstanden und sogar am Baden Gefallen gefunden – ohne Bruder, nur mit Quietsche-Ente.
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Der Herr badet gerne lau
Später habe ich entdeckt, dass zu zweit baden auch reizvoll sein kann - es kommt halt darauf an, mit wem. Wenn ich alleine in der Wanne sitze, lese ich gerne oder träume vor mich hin. Bei der Entspannung helfen duftende Badezusätze und vor allem heißes Wasser. Herbert Wehner soll über Willy Brandt einmal verbreitet haben: "Der Herr badet gerne lau." Für mich ist es eine abschreckende Vorstellung, in lauwarmem Wasser zu liegen. Interessant finde ich die Frage, woher der damalige SPD-Fraktionsvorsitzende wusste – oder zu wissen vorgab –, welche Temperatur das Badewasser des damaligen Kanzlers hatte. Ob die beiden mal zusammen gebadet haben? Und sich gestritten haben wie Müller-Lüdenscheidt und Doktor Klöbner? Oder eher wie mein älterer Bruder und ich?
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Warmduscher?
Die Liebe zum heißen Bad ist im modernen Leben etwas erkaltet. Duschen bietet viele Vorteile, wie mir kürzlich erst Doktor Gregors Freundin Elke klarmachte: "Wer braucht denn heute noch eine Badewanne?", fragte sie provozierend in die Runde. "Duschen ist doch tausendmal besser: Gesünder für die Haut ist es allemal. Außerdem geht es schneller, verbraucht weniger Wasser und weniger Energie. Baden ist doch was für Dinosaurier, ökologisch gesehen." Anscheinend gibt es inzwischen viele Elkes in Köln. Denn bei der Suche nach einer neuen Wohnung erhalte ich immer öfter Angebote, bei denen eine Wanne fehlt. Die sortiere ich gleich aus – genauso wie die ohne Balkon.
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Abendland, Badeland
Dabei gehört Baden doch zu unserer Kultur, da genügt ein Blick auf die alten Griechen und Römer. Die haben Thermen erfunden, Badehäuser mit Fußbodenheizung, in denen man gemeinsam entspannen konnte. Manch öffentliches Bad von heute wirkt ärmlich dagegen. Kündigt sich so das Ende des Abendlandes an? Oder zumindest des Badelandes? Zum Glück gibt es noch überzeugte Verfechter des Vollbades. Wie einen verurteilten Betrüger aus dem offenen Vollzug in Bochum. Vor kurzem kehrte er nicht in seine Zelle zurück, sondern mietete sich unter falschem Namen in einem Krefelder Hotel ein. Dort überraschte ihn die Polizei – in der Badewanne, "als er gerade im Schaum planschte", wie es hieß. Eine abwertende Formulierung, die von Elke stammen könnte und den Dusch-Anhänger verrät. Wahrscheinlich den Warmduscher.
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