Sonntag, 25.09.2011

Wandertage

Ich bin nicht zum Wanderer geboren. Allerdings haben meine Eltern versucht, mich zu einem zu machen. Im Urlaub bekamen meine Geschwister und ich Spazierstöcke als Motivationshilfen, mit zweifelhaftem Erfolg. Mit den Stöcken lieferten wir Kinder uns manch lustvolles Scharmützel, aber die Lust am Wandern blieb schwach. Daran änderte auch das Versprechen nichts, die Stöcke mit Abzeichen der erwanderten Ziele zu verschönern. Die elterlichen Hinweise auf die "kleinen Wunder der Natur" am Wegesrand konnten mein Interesse ebenfalls nicht wecken. Wandern, so meine kindliche Erkenntnis, ist total langweilig und bloß was für Erwachsene.

Jugendherberge; Rechte: dpa + Wandertag statt Schulalltag Als Jugendlicher bekam das Wort "Wandern" für mich einen besseren Klang. Das lag an den Wandertagen, diesen willkommenen Unterbrechungen des Schulalltags. Wenn deshalb der Mathe-Unterricht und der Latein-Test ausfielen, machte das Wandern Spaß. Richtig spannend waren die mehrtägigen Ausflüge. Das lag allerdings weniger an den Wander-Einheiten als vielmehr an den Nächten im Mehrbettzimmer. Die waren mindestens so lang wie die WWW: Kreuzberger Nächte. Wir haben gequatscht und rumgealbert, Karten gespielt und heimlich Bier getrunken. Ab und zu stürmte der Lehrer ins Zimmer und versuchte Nachtruhe herzustellen. Dazu klopfte er mit einem Spazierstock auf unsere Betten. Doch mit fortschreitender Zeit wurden seine Besuche seltener, irgendwann war auch der zäheste Lehrer erschöpft im eigenen Bett weggenickt.

Wandertag; Rechte: dpa + Deutscher Wandertag Nach der Schulzeit verebbte mein Interesse am Wandern, es gab ja auch keine Wandertage mehr. Bis ich einmal als Reporter zum WWW: Deutschen Wandertag geschickt wurde, ins Nordhessische. Auch Rita Süssmuth war dorthin gereist und begrüßte in wohlgesetzten und feierlichen Worten die "lieben Wanderfreundinnen und Wanderfreunde". Die sahen genauso aus, wie ich sie mir vorgestellt hatte – ältere Damen und Herren, meist mit Stepp-Westen gegen die herbstliche Kühle gewappnet. Ihre strapazierfähige Kleidung war größtenteils blassbeige oder förstergrün, bei der Haarfarbe dominierten Silbertöne. Weil das Nordic Walking noch nicht erfunden war, hatten die meisten einen Spazierstock in der Hand. Mit einem Lied auf den Lippen zogen sie los – ohne mich. Mir reichten ein Foto vom Start und ein Statement von Frau Süssmuth für den Artikel.

Spazierstock mit Abzeichen; Rechte:dpa + Wanderers Stolz Kürzlich war ich noch mal im Nordhessischen, mit meinen Geschwistern. Seit einiger Zeit verabreden wir uns einmal jährlich zu einem Wander-Wochenende. In legerer Kleidung – mein älterer Bruder trug etwas Förstergrünes – sind wir durch die Wälder und Felder gelaufen. Das Wandern hat Spaß gemacht, doch nett war das Wochenende vor allem, weil wir Zeit hatten, mal richtig zu quatschen und rumzualbern, gemeinsam Bier zu trinken und Karten zu spielen. Und den Spazierstock meiner älteren Schwester zu bewundern – gespickt mit Abzeichen.

Audio: Audio: Wandertage

Kommentieren



Die mit * gekennzeichneten Felder müssen ausgefüllt werden.


Angaben speichern (Cookie)?


Um Ihren Kommentar zu versenden, beantworten Sie bitte die folgende Frage:


Trackbacks zum Eintrag Wandertage

Zum Anfang dieses Eintrags

September 2011

Mo Di Mi Do Fr Sa So
1 2 3 4
5 6 7 8 9 10 11
12 13 14 15 16 17 18
19 20 21 22 23 24 25
26 27 28 29 30

Über das Blog

Hier bieten Doktor Gregor und Stephan Josef wertvolle Hilfestellung für modernes Leben.

Über die Experten

Aktuelle Einträge

Blogregeln und Glossar

Newsreader-Feeds (XML/RSS)


Permanente URL dieser Seite: http://wdrblog.de/glossenblog/archives/2011/09/25/