Sonntag, 07.08.2011
Kafka und der Pelzbienen-Sex
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Gregor Samsa
Im Deutschunterricht habe ich nicht nur, wie
vergangene Woche berichtet, Goethes Werther lesen müssen, sondern auch Franz Kafkas "Verwandlung". Das war gar nicht gut für mich, denn in der Erzählung wacht ein gewisser Gregor Samsa eines Morgens als Käfer auf - und wird diese Gestalt auch nicht mehr los. Mir brachte das wegen meines Namens wochenlang dumme Sprüche ein. Aber noch schlimmer: Eine gewisse latente Käferangst hat mich seither nie mehr ganz verlassen.
Käfer in der Dichtung sind auch sonst so eine Sache. "Jeder weiß, was so ein Mai- / Käfer für ein Vogel sei", dichtete Wilhelm Busch in "Max und Moritz". Das stimmte damals schon nicht, da der Maikäfer niemals ein Vogel war. Heute stimmt es erst recht nicht. Obwohl Reinhard Mey mit seinem Vers "Es gibt keine Maikäfer mehr" stark übertrieben hat. Derzeit würden Liedermacher eher über den
Juchtenkäfer singen, lassen sich mit ihm doch ganze Bahn-Großprojekte blockieren.
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Krisengewinnler
Mir ist der Käferschutz irgendwie unheimlich. Zur Entschuldigung konnte ich mich bisher auf mein Gregor-Samsa-Trauma berufen. Oder auf die Tatsache, dass Käfer mit weltweit 350.000 bekannten Arten die variantenreichste Tiergruppe sind. Die sollen sich also nicht so aufregen. Aber nun kommt noch ein weiterer Grund hinzu: Der Käfer entpuppt sich als eine Art apokalyptischer Reiter. Zwar nicht der Käfer an sich, wohl aber der
schmalflügelige Pelzbienen-Ölkäfer.
Diese Erkenntnis verdanke ich dem
Landschaftsverband Westfalen-Lippe. Denn der sucht den schmalflügeligen ..., ach, nennen wir ihn der Einfachheit halber bei seinem lateinischen Namen: also der sucht Sitaris muralis in einer großangelegten Aktion unter Mithilfe der Öffentlichkeit. Tatsächlich ist dieser Ölkäfer ein bemerkenswertes Geschöpf: Nur ein Zentimeter groß, produziert er ein Nervengift, das gut dosiert heilende, in Mengen aber tödliche Wirkung entfaltet. Seine Jungen lassen sich von Wildbienen in deren Nester tragen, um dort vom Nektar mitgefüttert zu werden. Bei diesen Reisen beherrschen sie sogar die Kunst, rechtzeitig während der Bienenpaarung von männlichen auf weibliche Reittiere umzusteigen, um mit den Bienenmüttern ins Nest zu gelangen.
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Verlierer
Aber nicht deshalb sucht der Landschaftsverband den Ölkäfer. Sondern weil er traditionell in Deutschland nur im südlichen Rheintal heimisch ist, sich aber seit einiger Zeit offenbar im ganzen Land ausbreitet. Sitaris muralis ist also ein Indikator der Klimakatastrophe, ein Krisengewinnler. Wo er auftaucht, da hat der Treibhauseffekt zugeschlagen. Man kann es auch so sagen: Wenn in der Arktis der Eisbär abgesoffen sein wird und statt seiner der Pelzbienen-Ölkäfer seine schmalen Flügel ausbreitet, können wir endgültig für den Weltuntergang packen.
Ich werde mich deshalb an dieser Suchaktion des Landschaftsverbands nicht beteiligen. Mir graut vor Sitaris muralis. Er kommt mir reichlich kafkaesk vor. Seit ich von seinem absonderlichen Lebenswandel gelesen habe, verfolgt mich der Gedanke an ihn bis in den Schlaf. Im Traum finde ich mich dann auf dem flauschigen Rücken einer Biene wieder und frage mich panisch, ob sie schon Sex hat und ich schleunigst umsteigen muss. Im Aufwachen fasse ich mir unwillkürlich an den Rücken. Er fühlt sich noch nicht schmalflügelig und ölig an, nur schweißgebadet.
Audio: Kafka und der Pelzbienen-Sex
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