Sonntag, 03.07.2011
Strafe, automatisch
Ich bekenne: Ich bin schon mal schwarzgefahren. Aber natürlich, wie ja fast alle Schwarzfahrer, nicht mit Absicht. Natürlich hatte ich, wie fast alle Schwarzfahrer, eine einleuchtende Erklärung. Damals kaufte ich nämlich Monat für Monat Monatsmärkchen. Und als das Semester zu Ende war, kaufte ich keins, weil es sich nicht lohnte, wegen weniger Unifahrten. Und als ich dann doch einmal fahren musste, vergaß ich, natürlich aus purer Gewohnheit, dass ich kein Ticket hatte. Und prompt kam die Kontrolle.
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Schwarzfahren - stets ein Versehen
Ich weiß die Geschichte noch so genau, weil ich sie anschließend mehrfach sehr blumig und sehr engagiert erzählt habe: Zunächst der Kontrolleurin, die aber kein Herz hatte. Dann einem Schalterangestellten im Kundenservicecenter, der noch viel weniger Herz hatte. Anschließend schriftlich in einer Beschwerde. Auf die hin wurde ich in die Rechtsabteilung des Verkehrsunternehmens vorgelassen. Zu diesem Termin nahm ich eine ganze Schachtel mit Monatsmärkchen mit, die ich - wahrscheinlich für die Steuer - alle gesammelt hatte. Damit wies ich mich als Stammkunde aus und untermauerte meine nun zum vierten Mal und entsprechend perfekt geprobte Geschichte. Die Juristin hatte ein Herz. Sie erließ das erhöhte Beförderungsgeld. Und für die verbleibende Bearbeitungsgebühr von damals fünf Mark schenkte sie mir noch einen dicken Verbundfahrplan. Stammkundenpflege eben. Leider haben wir uns danach wieder aus den Augen verloren.
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Tickets für Schwarzfahrer
Diese Geschichte ist wahr. Und sie wird bald nicht mehr möglich sein. Denn solche Mitarbeiterinnen mit Herz wollen die Verkehrsbetriebe nun einsparen. Deshalb stellen sie
neue Automaten auf, an denen man gleich sein Strafgeld als Schwarzfahrer entrichten kann. Notorische Schwarzfahrer könnten einen Strafgeldbeleg schon vor der Fahrt lösen - vermutlich eine lukrative Methode. Man hält das ungewöhnliche Billett griffbereit, bis eine der seltenen Kontrollen erscheint. Dann zeigt man es vor. Wahrscheinlich hat sich die Gebühr bis dahin längst amortisiert.
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Herkömmliches Aggressionsziel: Politesse
Trotz solch praktischer Möglichkeiten sind diese Automaten, wie überhaupt alle Automaten, ein weiterer Schritt in eine herzlose Welt. In Spanien gibt es schon Parkuhren, in denen man gleich im Voraus die Strafgebühr für Falschparken lösen kann. Das spart wiederum Verwaltungskosten. Aber es spart eben auch die anregenden Diskussionen mit den Politessen ein, bei denen wir uns rhetorisch und emotional weiterentwickeln können und wiederum an das appellieren, was in unserem modernen Leben stets zu verschwinden droht: das Herz.
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Modernes Aggressionsziel: Automat
Demnächst wird es vielleicht in Kneipen Automaten geben, wo man wahlweise im Voraus die Strafe für Alkohol am Steuer entrichten kann oder nach einer Wirtshausschlägerei einen Pauschalsatz für leichte Körperverletzung. Schließlich sind die Gerichte überlastet. Und wahrscheinlich ist dieser Trend sogar gewaltpräventiv. Es kommt dann nämlich viel weniger zu Schlägereien, weil sich alle Aggressionen gegen die allgegenwärtigen Automaten richten. Besonders gegen die Strafgeldautomaten für Automatensachbeschädigung.
lieber eine halbe Stunde an einem Bahnautomaten rumgefummelt haben als 45 Minuten Schlange stehen und dann merken der Bahnmitarbeiter hat genauso wenig Ahnung wie ich und verkauft mir das teuerste ticket.
Es gibt Lebensgebiete dort sind Automaten sinnvoll, z.b. Ticketautomaten um sich den Stress an der Schlange nicht anzutun.
Wiederrum andere Automaten sind vollkommen überflüssig, wie der Automat zum Schwarzfahren. Jeder notorische Schwarzfahrer soll, sofern dieser noch ein scharmgefühl hat persönlich an dem Schalter zahlen, oder per Überweisung, was ja auch möglich ist.
Den Automaten hersteller freuts....
P.s. ich selbst habe was gegen notorische Schwarzfahrer. Gelegenheitsschwarzfahrer weil keine Zeit für Ticket bis der Zug kommt, etc verständlich.
Horst Hrubesch am 4.07.11 9:08
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