Sonntag, 24.07.2011
Stille und Harzwein
Meine Griechin ist weg. Das ist wirklich ein Verlust. Einmal in der Woche treffe ich mich mit einigen Freunden in ihrem kleinen, gemütlichen Lokal zu Retsina beim
Stifado und Zippouro zum Abschluss. Den gibt’s oft umsonst, schließlich sind wir Stammkunden. Aber jetzt sind wir heimatlose Stammkunden, denn unsere Griechin ist in Griechenland, fast zwei Monate lang: Betriebsferien.
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Entspannung in Griechenland ...
Vergeblich habe ich sie noch aufzuhalten versucht. Ist es in der Heimat jetzt nicht viel zu unruhig oder depressiv? Natürlich war das vergeblich, denn im Gegensatz zu manchen meiner deutschen Bekannten weiß sie, dass Hellas weder kurz vor dem Bürgerkrieg noch vor der Wiedereinführung des Tauschhandels steht. Es geht dem Land einfach nur fast so schlecht wie den USA. Das hält niemanden davon ab, seine Verwandten zu besuchen und sich ganz nebenbei ein wenig aufzuwärmen.
Letzteres wollen allerdings auch die Deutschen, weshalb das erste Ferienwochenende Massen auf Flughäfen, Bahnhöfe und Autobahnen treibt, als sei in Nordrhein-Westfalen für kommende Woche ein Meteoriteneinschlag zu erwarten oder die Erfüllung irgendeiner Maya-Weissagung. Selbst die Politiker haben es so eilig, in den Urlaub zu kommen, dass sie das bisher Unmögliche möglich machen und schnell noch einen
Schulfrieden schließen. Uns Zurückbleibenden scheint nur noch die Aufgabe überlassen, die Bürgersteige hochzuklappen. Machen wir aber nicht, schließlich stehen wir auf der Straße, weil unser Stammlokal zu ist.
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... Gefahren in Deutschland
Was bei Dachs und Bär der Winterschlaf, sind dem modernen Leben die Sommerferien. Da tut es plötzlich, was man ihm am wenigsten zutraut: Es ruht. Allerdings sehe ich kommen, dass die üblichen Verdächtigen das wieder nicht aushalten werden: Einige politische Hinterbänkler werden gewiss wieder ein Sommertheater inszenieren. Journalisten werden uns Saure-Gurken-Sensationen erzählen, in denen meist entflohene gefährliche Tiere eine Hauptrolle spielen. Und ausgerechnet das ZDF wird wahrscheinlich wieder Erotikfilme zeigen.
Ich dagegen wünschte mir, sie alle würden wirklich einmal meine Griechin nachahmen und - einfach dicht machen. Sechs Wochen lang kein Scheinaktionismus mehr zur Währungsrettung - und im Gegenzug auch kein Börsenhandel. Keine Gipfeltreffen, keine Pressekonferenzen, keine Sommerinterviews, keine Talkshows. Sondern Klappe halten und nachdenken. Die ganzen Problemberge mal auf sich wirken lassen. In sich gehen. Vielleicht würde daraus der Mut zu echten Lösungen entstehen, jenseits von Krisengewurstel und kosmetischen Korrekturen.
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Meister des Nichtwissens
Das wären einmal Wochen, die den Titel "Große Ferien" verdient hätten. Und ich würde mich an all dem gern intensiv beteiligen: nachdenken, innere Einkehr. Nur möchte ich unsere Griechin dabei um Unterstützung bitten: Bitte, bitte kehren Sie zurück. Die stillen Tage sind so lang. Und wissen die Griechen nicht am besten, wie man die großen Probleme des Landes bedenkt: auf ein paar einfachen Stühlen draußen vor dem Lokal, bei Oliven und Harzwein. Und je später der Abend, desto näher kommt man der Weisheit des alten Sokrates, der wusste, dass er nichts weiß.
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