Sonntag, 10.07.2011
Kotzen ist nicht alternativlos
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Deutscher Panzer
"Das ist doch nicht zu fassen", rief mein Sohn empört aus: "Einmal reist der Westerwelle nach Ägypten und stellt sich heldenhaft auf den Tahrir-Platz, und dann beschließt er im Bundessicherheitsrat eine
Panzerlieferung an Saudi-Arabien. Öffentlich für die Revolution, hinter den Kulissen für die Regime." Eigentlich hätte ich jetzt irgendwas gegen die drohende Politikverdrossenheit der Jugend unternehmen müssen. Aber mir war grade nicht nach aktuellen Diskussionen. Ich hatte mich doch tatsächlich noch mal in ein Buch aus Studienzeiten vertieft. Philosophie, Hegel, geschichtliche Dialektik, dass ist schon faszinierend. Deshalb grummelte ich nur etwas von der Art "jetzt nicht" vor mich hin.
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Deutscher Philosoph
Später erklärte ich meinem Sohn dann, dass man mit Hegel auch die Berliner Koalition verstehen kann. "Alles Wirkliche ist auch vernünftig", lautet sein Motto: Dialektik, Fortschritt aus dem Widerspruch, These, Antithese und Synthese machen es möglich. Also: Solidarität mit Libyen, aber ohne Waffen, und Panzer für die Saudis - Milliarden raushauen für Griechenland und dann die Europleite mit Steuersenkungen bekämpfen - Steuersenkungen beschließen, aber im Haushalt nicht einplanen. "Der innere Widerspruch ist kein Fehler, er ist die Methode", sagte ich. Unsere Kanzlerin hat Hegels Formel zeitgemäß übersetzt: "Unsere Politik ist alternativlos."
Meinen Sohn brachte diese Erklärung erst Recht auf die Palme. Allerdings sei das Methode: von Menschenrechten palavern, aber Chinas Regierung wegen des Handels hofieren. Griechenlands Verschwendung kritisieren, obwohl man denen die eigenen Waffen geradezu aufgedrängt hat. Und den Italienern schön die afrikanischen Flüchtlinge überlasse ...
Jetzt hätte sich eigentlich eine heiße Diskussion entwickeln können, aber in dem Moment kam meine Tochter ins Wohnzimmer. Endlich. Denn in den vergangenen Tagen lag sie wegen einer heftigen Magengrippe nur im Bett, mit dem obligatorischen Eimer daneben. "Hey, geht's besser?", fragte ich erfreut. Es ging. Aber mein Sohn kam von seiner politischen Empörung nicht los und kommentierte die Genesung seiner Schwester sarkastisch. "Deine Krankheit hätte ich gern", meinte er: "Ich kann gar nicht so viel essen, wie ich kotzen möchte." "Jetzt ist gut", sagte ich: "Man wünscht sich keine Krankheiten."
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Jasna Fritzi Bauer
Da wusste ich noch nicht, dass ich schon an diesem Abend widerlegt werden sollte. Zur Gesundungsfeier wünschte sich die Tochter nämlich einen Familienausflug ins Kino. Wir schauten uns
"Ein Tick anders" an - eine sensible Komödie über das Tourette-Syndrom, diese Krankheit, die Betroffene unwillkürlich übelste Schimpfworte ausstoßen lässt. Und plötzlich wünschte ich mir doch eine Krankheit. Oder wenigstens, sie im richtigen Moment so authentisch spielen zu können wie
Jasna Fritzi Bauer. Noch schlimmer: Ich wünschte diese Krankheit unseren großen Rednern an den Hals. Die Tickstörung dürfte ihre Texte und Reden viel glaubwürdiger machen. Die aalglatten Sprüche würden endlich ihre eigentliche Wahrheit zeigen. "Alles scheißdrauf Wirkliche ist auch affentittengeil vernünftig." Und: "Unsere verf* Politik ist zum kotzen alternativlos."
Audio: Kotzen ist nicht alternativlos
Na da hat jemand seinem Sohn Flausen in den Kopf gesetzt wohlwissend wie es läuft. Und Wahlverdrossenheit bei jugendlichen, das ich nicht lache in unserer alternden Gesellschaft ist die Jugend in der Minderzahl. Also nur soundsoviel Prozent wenn sie nicht verdr...lassen wir das. Zum Ausgleich dürfen sie eines Tages die Schulden zurück bezahlen von den vielen Rettungsschirmen die Deutschland aufgespannt hat. Vorausgesetzt sie wurden nicht von der Alterspyramide erschlagen die wegen Fehllastigkeit umgekippt ist. Glück auf.
MG am 12.07.11 21:16
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