Sonntag, 17.07.2011
Beim Zahnarzt
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Heute
Mein erster Zahnarzt war ein netter, älterer Herr, etwas rundlich, ein Mann, wie man ihn sich als Opa wünscht. Seine Freundlichkeit kam aber nicht an gegen den penetranten Geruch nach Desinfektionsmitteln und das hochfrequente Sirren des Bohrers, die mir von Beginn an den Besuch beim Zahnarzt verleideten. Später war ich bei einem Dentisten in Behandlung, der vor jeder Behandlung sagte: "Machen Sie es sich schon mal auf dem Stuhl bequem!" Diese Art von Humor war gepaart mit seiner Abneigung gegen Betäubungen - "es tut bestimmt nicht weh!" - und der Angewohnheit, ohne jede Pause, etwa zum Ausspülen, durch zu behandeln. Dabei zog er über die Gesundheitspolitik her, die ihn langsam, aber sicher in den Ruin treibe. Kommentieren konnte ich das nicht, ich musste ja den Mund weit aufgesperrt halten.
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Früher
Meinen aktuellen Zahnarzt habe ich bei Freunden kennengelernt, wir duzen uns, und eine Betäubung bekomme ich nun, wann immer ich will. Kürzlich hatte ich einen Termin bei ihm, wegen einer Wurzelbehandlung. Doch leider entdeckte er einen Längsriss in dem zu behandelnden Zahn. Das ersparte mir die Wurzelbehandlung, kostete mich aber den Zahn - durch Extraktion, wie es in der Zahnarzt-Sprache heißt. Trotz Betäubung war die Prozedur nervlich herausfordernd. Ich beruhigte mich mit Gedanken an vergangene, viel schlimmere Zeiten: an meinen politisierenden Dauerbehandler von früher, an die Zahnbrecher des Mittelalters, die auf Jahrmärkten ihrem blutigen Gewerbe nachgingen, und an das bedauernswerte Schicksal der Apollonia. Die fromme, nicht mehr ganz junge Jungfrau lebte in Alexandria. Mitte des dritten Jahrhunderts kam es dort zu einer Christenverfolgung, wobei der Armen sämtliche Zähne ausgeschlagen wurden. Nach den Zähnen verlor sie auch ihr Leben, was ihr wenigstens den Rang einer Heiligen einbrachte.
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Raubtier mit kleinen Zähnen
Ich hatte nur einen einzigen Zahn verloren, und das bei komfortabler Betäubung. Dieser Gedanke tröstete mich auf dem Heimweg vom Zahnarzt, mit dicker Backe in der Straßenbahn. Bei meiner Zeitungslektüre in der Bahn stieß ich auf die Meldung über einen
sensationellen Zahnfund bei Balve. Dort im Märkischen Kreis hatten Archäologen etwas entdeckt, was sich jetzt als Zahn eines Dromaeosaurus herausstellte, eines gefährlichen Raubsauriers. Der Zahn ist allerdings eher ein Zähnchen, gerade mal 1,3 Zentimeter groß, da kann sogar mein Exemplar locker mithalten. Ein anderes Kaliber sind da natürlich Haifischzähne, denen Bert Brecht in der "Moritat von Mackie Messer" ein Denkmal gesetzt hat, haltbarer als jedes Implantat: "Der Haifisch, der hat Zähne, und die trägt er im Gesicht", heißt es im Auftakt der Dreigroschenoper. Was Brecht verschweigt: Auch Haifische verlieren schon mal Zähne, die dann auf dem Meeresgrund landen oder an dünnen Kettchen in den tiefgebräunten Dekolletes mehr oder weniger schöner Frauen.
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Nix für die Kette
Ich werde mir den extrahierten Zahn, den mir mein Arzt mitgegeben hat, nicht an die Kette legen. Vielleicht entsorge ich ihn einfach, wobei noch die Frage zu klären ist, ob in der Rest- oder der Biomülltonne. Bald bekomme ich hoffentlich Ersatz für den Zahn, wobei noch die Frage zu klären ist, ob Implantat oder Brücke, was wiederum mit Fragen nach Kosten, Kostenerstattung, Heilplänen etc. verbunden ist. Das Leben des Dromaeosaurus stelle ich mir definitiv einfacher vor als das eines Kassenpatienten. Denn seine Zähne erneuerten sich in regelmäßigen Abständen - ganz ohne Zahnarzt.
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