Sonntag, 29.05.2011
Mein Herz ist in der Eifel
Sein Herz sei in den Highlands, singt der gerade 70 Jahre alt gewordene
Bob Dylan in einem altersweisen Blues. Und eines Tages werde er auch einen Weg dahin finden und nur noch zwischen Blumenteppichen und Gebirgsbächen hausen. Aber bis dahin genüge es, im Geiste dort zu sein.
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Sein Herz schon woanders
Wenn ich den Song höre - er dauert 20 Strophen lang - frage ich mich stets, warum Bob nicht einfach dahin zieht. Das Geld hat er, keiner kann ihn hindern. Aber er muss wohl erst noch seine „Never ending Tour“ zu Ende bringen - ein Widerspruch in sich, bei dem man schon den Blues bekommen kann. Mich dagegen rührt der Song an, weil ich das Geld wie die meisten anderen nicht habe und also arbeiten muss, im öden Büro sitzen, täglich Mails schreiben und für Sonntag eine Glosse. Zwischendurch Arbeitsgruppen, Besprechungen und so weiter und in einem fort.
Als ich jung war, habe ich mir manchmal den Beruf eines Pförtners in einer kleinen Firma ohne Publikumsverkehr gewünscht. Dort, stellte ich mir vor, hätte ich endlich genug Zeit zu lesen, vielleicht sogar die Muße, ein Schriftsteller zu werden. Im Grunde war es der Traum, Geld zu verdienen ohne etwas zu tun. Damals wusste ich noch nicht, dass es zu wenig Geld sein würde.
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Traumberuf
Aber auch heute noch lese ich immer wieder von Jobs, bei denen ich mich frage, warum ich mich nicht früher besser orientiert habe. Gerade wurde zum Beispiel
Deutschlands bester Sommelier gekürt. Er arbeitet in Bergisch Gladbach. Aber sicher nicht nur dort. Ich stelle mir vor, dass er abwechselnd Reisen ins Chianti, nach Bordeaux und Rioja unternimmt und dort eine Woche lang herumprobiert, dann wieder nach Hause fährt und Flaschen entkorkt und beschnuppert und nach dem Schnupperergebnis die Texte für die Weinkarte niederschreibt. Ich dagegen sitze hier im Büro und schreibe ganz andere Texte, nur um es mir leisten zu können, abends zu Hause auch mal einen Chianti, Bordeaux oder Rioja entkorken zu können. Wie heißt es in Dylans Blues: "Some things in life, it gets too late to learn."
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Noch ein Traumberuf
Jetzt habe ich allerdings von einer beruflichen Möglichkeit gelesen, für die es vielleicht noch nicht zu spät ist. Der
Nationalpark Eifel macht nämlich gerade einen "Vegetations-Check" und will den alle zehn Jahre wiederholen. Dazu werden auf einer Fläche von 110 Quadratkilometern alle 250 Meter stichprobenweise die Pflänzlein gezählt: Kräuter, Gräser, Moose und Gehölze. Schon nach flüchtigem Kopfrechnen scheint mir das eine Aufgabe für eine never ending Tour durch die Natur zu sein. Warum nicht mein liebstes Urlaubsvergnügen - Wandern - zum Lebensinhalt machen? Jetzt habe ich die Sache verpasst, dafür aber zehn Jahre Zeit, ein paar Bestimmungsbücher auswendig zu lernen für das Bewerbungsgespräch. Und dann werde ich Vegetations-Checker sein. Nur noch zwischen Blumenteppichen und Eifelbächen arbeiten, Moosstrichlisten führen, abends einen Chianti mit dem Ranger trinken in einer abgelegenen Hütte.
So wird es sein, eines Tages. Allerdings werde ich mich hüten, den Plan auszuplaudern. Nicht dass sich noch alle unzufriedenen Pförtner oder Sommeliers auf die zu vergebenden Stellen bewerben. Aber ab jetzt werde ich jeden Feierabend mit Chianti und einem Buch zur heimischen Botanik verbringen. Eines Tages werde ich Vegetations-Checker, bestimmt. Und bis dahin ist mein Herz schon im Hochland.

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