Sonntag, 10.04.2011
Verlorene Heimat
Wenn ich die Lebensplanung meiner Kinder erlebe, wird mir schwindelig: Schüleraustauschjahr in den USA, Aupair in England und hoffentlich bald ein Auslandssemester in Indien. Natürlich fördere ich das nach Kräften. Für die Kinder der Globalisierung ist internationale Erfahrung schließlich das A und O. Aber fremd ist es mir doch.
+
Indien ist nicht Neunkirchen
Meine früheste Globalisierungserfahrung war die Gemeindereform. Sie machte aus Neunkirchen, dem Ort meiner Kindheit, Neunkirchen-Seelscheid. Alle in Neunkirchen waren dagegen - wegen Seelscheid. Ich vermute, dass alle in Seelscheid auch dagegen waren - wegen Neunkirchen. Nichts verband die beiden Orte, nicht einmal eine Buslinie. Außerdem waren die Seelscheider evangelisch.
Später habe ich einige Jahre in Meschede, Sauerland gelebt. (Westfalen, immerhin!) Dort hieß die ungeliebte Globalisierung: HSK. Der Hochsauerlandkreis fühlte sich für die Menschen in Warstein, Freienohl oder Eslohe kalt an, unförmig groß, anonym. Autofahrer hielten deshalb gern an ihren alten Rostlauben fest, nur um das gewohnte MES im Kennzeichen behalten zu können. Diese Sehnsucht nach dem Heimatgefühl am Pkw ist bis heute ungestillt - auch in den untergegangenen WAN, WAT und WIT, in BOH und BRI, in LÜD und LÜN. Und diese Sehnsucht ist so stark, dass jetzt sogar die
Landesverkehrsminister ihr nachgegeben haben und die alten Kennzeichen wieder freigeben wollen.
Warum man gegenüber drei Buchstaben im Autokennzeichen fremdeln oder mit ihnen kuscheln kann, ist meiner nach Indien strebenden Tochter völlig unverständlich. "Die spinnen, die Deutschen" sagt sie: "Das Auto aus Korea, aber die Heimatbuchstaben dran!" "Wart´s nur ab", entgegne ich: "Wenn Du tatsächlich mal länger in Indien lebst, werde ich dir vielleicht auch Päckchen mit rheinischem Schwarzbrot oder Spekulatius zu Weihnachten schicken müssen wie meiner italienischen Schwester." "Aber diese Lokalfetischisten sind doch gar nicht fern der Heimat", kontert meine Tochter.
+
Utopia im Sauerland
Während sie weiter ihr Auslandssemester plant, denke ich noch lange unserem Gespräch nach. Was Bahnhofsbaustellen, irischen Banken oder Atommeilern nur zeitweise zugemutet wird, erleiden die Menschen permanent: Das moderne Leben ist ein dauerhafter Stresstest. Unsere Mietwohnung wird an US-Heuschrecken verkauft, unser Abwasser ist schon von ihnen
crossboarder geleast und unser Arbeitgeber fusioniert gerade mit seinem taiwanesischen Konkurrenten. Würde es da nicht die westfälische Seele streicheln, wenn das abends mit Schinken genossene
Pumpernickel endlich Weltkulturerbe wäre, geadelt und geschützt vor der Flut von Pseudo-Ciabattas, Donuts und Muffins? Und während er sein seinen? Pumpernickel verzehrt, schaut der Teutoburger Wäldler seine Lokalzeit OWL, die - der WDR hat es früh erkannt - ein erfreulicheres Weltbild vermittelt als die Tagesthemen. Deshalb kommen die neuen
Helden aus Niederhelden, dem einzigen Ort des Landes, der Gold gewonnen hat bei "Unser Dorf hat Zukunft." Dabei ist Niederhelden gar kein Ort, sondern nur noch ein Ortsteil von Attendorn. Kein-Ort heißt altgriechisch Utopia. Die Idylle ist unsere wahre Utopie, so wie ein freies Neunkirchen ohne Seelscheid.

Seite empfehlen
über Social Bookmarks