Sonntag, 24.04.2011

Bloß nicht Prinzessin!

Klassen mit 35 und mehr Kindern waren zu meiner Schulzeit keine Seltenheit. Was heute Bildungsnotstand hieße, hatte damals ganz praktische Vorteile: Ob beim Vokabel-Abfragen, Übersetzen oder Vorrechnen an der Tafel – die Wahrscheinlichkeit, vom Lehrer rangenommen zu werden, war überschaubar und keine Hausarbeiten zu machen ein kalkulierbares Risiko. Ich war Bestandteil der sogenannten Schülerschwemme, und darin ließ sich gut mitschwimmen. Zunehmend problematisch wurde meine Zugehörigkeit zu einem geburtenstarken Jahrgang nach dem Abi - wegen des Numerus Clausus – und später auf dem Arbeitsmarkt, wegen der wenigen Jobs und vielen Bewerber.

Grzimek mit Äffchen; Rechte: picture-alliance/dpa + Sympathieträger Mit der Berufswahl tat ich mich etwas schwer. Meinen kindlichen Wunsch, Zoodirektor zu werden, hatte ich bereits in der Schulzeit aufgegeben. Mir war klargeworden, dass Zoodirektoren nicht wie WWW: Bernhard Grzimek ständig in Afrika rumreisen und im Fernsehen "possierliche Gesellen" wie Bonobos, Echsen oder Leopardenjunge streicheln. Stattdessen entdeckte ich den Spaß an Sprache und Literatur. Was war also logischer, als Germanistik zu studieren? Die Freude meines Vaters, gleichzeitig mein Finanzier, hielt sich in Grenzen, als ich ihm das sagte. Er murmelte etwas von "brotloser Kunst" und versuchte, mich von den Vorzügen eines Jurastudiums zu überzeugen – vergeblich.

Prinz Charles: Rechte: picture-alliance/dpa + Warte-König Was eine lohnende Ausbildung ist oder ein guter Beruf, darüber gehen die Meinungen von Eltern und Kindern oft auseinander. Die reibungslose Übernahme des väterlichen Berufs durch die Söhne und der mütterlichen Rolle durch die Töchter ist längst Geschichte, zum Glück. Sonst wäre mein Glossen-Kollege Doktor Gregor jetzt Lehrer, dessen Freundin Elke Putzfrau und ich würde im Wasserwerk arbeiten. Anders ist das bei den Royals. Bei den Briten etwa steht seit langem fest, dass Prinz Charles seiner Mutter auf den Thron nachfolgen wird. Seine Lehrzeit zieht sich dabei sehr in die Länge. Er ist seit dieser Woche offiziell der altgedienteste britische Thronanwärter – mit mehr als 59 Jahren Wartezeit, seit seinem dritten Lebensjahr. Die Queen will halt nicht abdanken, so oder so. Das verbindet sie mit Gaddafi. Der erklärte allerdings der staunenden Weltöffentlichkeit, als ARD: "Revolutionsführer" habe er gar keinen offiziellen Posten. Vielleicht ist er deshalb auch nicht zur königlichen Hochzeit am 29. April eingeladen.

Kate Middleton; Rechte: picture-alliance/dpa + Bald-Prinzessin Prinz William, der Thronfolger von Charles, vergibt dann den Platz an seiner Seite – an seine langjährige Freundin Kate Middleton. Die Hochzeit heißt bereits in allen Medien WWW: Traumhochzeit und wird von mehr als zwei Milliarden Menschen auf der ganzen Welt im Fernsehen verfolgt werden. Nicht wenige Mädchen und Frauen werden sich in die Prinzessinnen-Rolle von Kate hineinträumen. Und das nur, weil sie die Arbeitsplatzbeschreibung von Kates neuem Job nicht kennen: Strenger Dress-Code, wenig Entscheidungsspielraum, zahlreiche Termine auch außerhalb der üblichen Arbeitszeiten, ständige Rufbereitschaft – und regelmäßige Schwangerschaftstests.

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