Sonntag, 27.03.2011
Fluch der Langeweile
Nach der gestohlenen Stunde der vergangenen Nacht fühle ich mich zwar nicht so: Aber tatsächlich werden die Tage länger. In der hellen Jahreszeit schlafen die Menschen nachweislich weniger. Mehr helle Stunden, mit denen man mehr anfangen kann. Fragt sich nur, was?
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Gewonnene Zeit
Der Umgang mit der Zeit ist bekanntlich so eine Sache: Wir alle glauben, wir hätten zu wenig davon. Deshalb ist ein Großteil unserer Technik darauf ausgerichtet, Zeit zu sparen: Telefone etwa und Computer. Die eingesparte Zeit verwenden wir dann dafür, am Telefon zu hängen und vor dem Computer zu sitzen. Man mag darin einen Teufelskreis sehen. Aber vielleicht ist der in Wahrheit eine göttliche Vorsichtsmaßnahme - gegen eine Menschheit, die wirklich mehr Zeit hätte.
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Unheilvolle Kombination
Denn das Ergebnis hieße Langeweile - und die erkannte schon Søren Kierkegaard als Wurzel aller Übel. Weil Gott sich langweilte, schuf er den Menschen. Weil Adam sich langweilte, musste Eva hinzukommen, aber weil sie sich gemeinsam immer noch langweilten, mussten sie mitten im Paradies die Sache mit dem Apfel testen. Die Folgen sind bekannt.
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Angesichts-Schweiß-Verhinderungs-Maschine
Gott verfluchte daraufhin den Ackerboden und verfügte, der Mensch solle im Schweiße seines Angesichts schuften. Damit keine Langeweile aufkäme. Aber der Mensch erwies sich als clever, erfand Kunstdünger, Traktor und Mähdrescher. Jetzt können sich sogar Ackerbauern langweilen und im Fernsehen Frauen suchen. Der Fortschritt der Menschheit ist eine riesige Angesichtsschweißvermeidungs-Strategie und deren wohl großartigste Erfindung ist das Auto. Es spart Unmengen von Mühe und Zeit. Die verbringen wir dann - im Stau.
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Langeweile pur
135.000 Kilometer Stau registrierte der ADAC im vergangenen Jahr allein in NRW. Die rheinisch-westfälische Autoschlange reicht also mehr als drei Mal um den Äquator herum. Und angefüllt ist sie mit lauter Leuten, die sich langweilen. Mehrmals rund um den Globus sitzen sie da, trommeln Rhythmen ins Lenkrad, erneuern ihren Lidschatten, bohren in der Nase. Dass es auch kreativeren Zeitvertreib am Steuer gibt, bewies kürzlich ein
Fernfahrer auf der A1: Er betrieb am Steuer sein Hanteltraining. Die Polizei brummte ihm deshalb ein Bußgeld auf. Das muss wohl so sein. Tiefer betrachtet jedoch ist das Muskeltraining dieses Brummifahrers ein Protest gegen die Folgen des Fortschritts, ein Schrei der gelangweilten Kreatur. Dafür spricht auch, dass der Mann nach Polizeiangaben Schlangenlinien fuhr. Sie erinnern unweigerlich an das Verführertier im Paradies. Dieser gelangweilte Lenker sehnte sich wohl nach dem ursprünglichen Adam - inklusive Schweiß im Angesicht.
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